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„Wie geht eigentlich Synchronsabbeln?“

WEIN TRIFFT MÜLLER, MÜLLER TRIFFT WEIN

Sitzen und sabbeln wird völlig unterbewertet…. also, ich kann das gut sabbelsabbel…. ich üb noch... sabbelsabbelsabbel Sabbelsabbelsabbel..... aber wir haben ja auch noch Zeit, das zu perfektionieren….. Unser Freund Klausi hat keine Zeit mehr das zu üben. Aber hier gesessen hat er auch gerne en Surfern zugeschaut…vermutlich war sein Interesse bloß ein anderes..sabbelsabbelsabbel… Ich mag die Surfer auch so sehr – sie surfen immer hin und her… Sabbelsabbelsabbel

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Die Idee von einer Müller-Wein-Kolumne in einer eleganten Frauenzeitschrift liegt seit Jahren im Schatzkästchen der Lieblings-Projekte von SyltMAG Textchefin Imke Wein. Weil sich aus den komplett konträren Lebensentwürfen zweier Frauen ein Füllhorn an besabbelungsfähigen Themen stricken ließe. Beispiele? Bidde, gerne:

»Bei der einen liegen im Kühlschrank zehn verschiedene Sorten Bio-Gemüse, bei der anderen Kokoswasser und Bier.

»Die eine hat morgens um sieben schon Yoga gemacht, die andere erreicht dann gepflegt ihre Tiefschlafphase.

»Die eine kriegt Pipi in den Augen angesichts von sabbernden Kleinkindern, bei der anderen entsteht diese Gefühlslage bei der Betrachtung ebenso sabbernder Baby-Bulldoggen.

Für die eine ist die Sache mit dem Älterwerden Ehrensache, für die andere Zumutung.

Die eine mag Sicherheit und Alleinsein. Die andere kann beides nicht.

Diese Gegensatzliste ließe sich jederzeit beliebig erweitern. An Gesprächsstoff mangelt es allein darum nie. Es fehlt eher an der Zeit, all das bunte Leben auch angemessen und von allen Seiten durchzusprechen. Daher haben Ina und Imke für ihre kostbaren Begegnungen die Kunst des „Synchronsabbelns“ entwickelt und zur Perfektion gebracht. Das bedeutet: Die ersten 30 Minuten wird gleichzeitig gesprochen und zugehört. Effekt: Man haut thematisch das Doppelte weg und baut dabei den ersten Wortdruck ab. Das tut verdammt gut. Die Endentspannung beim Yoga ist ein Witz dagegen. Erfordert Übung, funktioniert aber einwandfrei.

Das Vorhaben „Kolumne in eleganter Frauenzeitschrift“ wird im Schätzkästchen verbleiben, denn jede Verbindlichkeit, die nicht entsteht, ist vor allem Ina prinzipiell die Liebste. Also, keine Kolumne, aber eine kleine losgelöste Retro-Geschichte für das neue Imke-Projekt? Das geht. Aus Freundschaft. Denn die gibt’s, seit langem und in bezaubernder Form. Die Frage, wie es bei dieser konträren Konstellation überhaupt dazu kommen konnte, ist indes eine Betrachtung wert.

Die erste Wahrnehmung voneinander haben die beiden Frauen – die eine mit dunklen Locken, die anderen mit blondem Pixie-Schnitt – als das Meerkabarett im Sommer 1994 in Wenningstedt auf der Wiese sein Zelttheater aufschlägt. Ina, aus der niedersächsischen Provinz, arbeitet seit Jahren in Westerland in der „Inselapotheke“ und hat gerade mit Edda Schnittgard den Henner-Krogh-Förderpreis gewonnen. „Das mit der Musik kam mehr auf mich zu als ich auf die Musik. Ohne Anstrengung. Es hat sich so gefügt. Ebenso hätte aber auch passieren können, dass ich noch heute in der Friedrichstraße arbeite, die Altstimme in der Westerländer Kantorei singe, mit Haushälfte in Tinnum, Kerl futsch und meine Tochter bekommt ihren Unterricht an der Musikschule aus einem Fördertopf für Alleinerziehende. Die anderen Kinder sind schon aus dem Haus“, beschreibt Ina Müller die Willkür ihres möglichen Schicksals. Doch in Wirklichkeit kommt es anders: Die Meerkabarett-Macher Matthias Kraemer und Sebastiano Toma sind entzückt von dem Sylter Duo und nicht nur die. „Queen Bee“ singen nachts auf der Chapiteau-Bühne im „Pinguin-Club“. Imke ist derweil Volontärin bei der „Sylter Rundschau“ und verliebt sich in Meerkabarett-Gründer Matthias Kraemer. Geredet haben die beiden Frauen trotz benachbarter Biotope kein einziges Wort miteinander, was auf einer kleinen Insel wirklich sehr ungewöhnlich ist. Sie nehmen allerdings aufmerksam Kenntnis voneinander, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

„Ich fand sie nie ausgesprochen blöd, ich habe immer wohlwollend rübergelinst“, sagen beide, getrennt voneinander befragt. Die simple Erklärung, erst zickig dann BFF, funktioniert also nicht. Imke bekommt ein Jahr nach diesem Sommer ein Kind. Ina beginnt mit Edda ihre respektable Musikkabarett-Karriere in der ganzen Republik. Interviews mit „Queen Bee“ hat Imke in den Folgejahren immer lieber mit Edda geführt. „Ina war mich nicht so geheuer.“ Ina lebt kultivierte Bohème, jahrelang auch in München und mit durchaus stabilen Beziehungen. „Ihre zweite Tochter hat Imke mit dem Ex-Freund meiner Ex-Apotheken-Kollegin Doris. Das fand ich drollig, weil das passte irgendwie gar nicht, das war so wie ein mittelglaubhafter Ausflug ins Bürgerliche“, schmunzelt Ina, die im Sommer immer mal auf Sylt gastierte. Imke lebt Bullerbü und arbeitet freiberuflich als Autorin auf Sylt. Inas Karriere nimmt immer mehr Fahrt auf. Das 3. Album mit „Queen Bee“, eigene plattdeutsche Projekte, das erste NDR-Format „Inas Norden“ im TV. Imke trennt sich 2003 vom Mann und der Hausscheibe neben den Schwiegereltern. Beide sind dann kurzfristig mal in den gleichen Kerl verliebt, was sie viel später aufdecken und worüber sie heute noch gerne die ein oder andere Wortkaskade verlieren. Ina: „Aber dann irgendwann, kurz danach müssen wir doch angefangen haben, miteinander zu reden. Ich glaube, das ist dann letztlich auf unseren gemeinsamen Freund Klaus Bambus zurückzuführen – der hatte ein gewisses Kuppler-Talent, wusste schon vor den Menschen, wer gut füreinander ist.“

So richtig erinnert sich aber keine an „das erste Mal". „Es muss jedenfalls toll gewesen sein, vertraut, selbstverständlich, unkompliziert – so wie heute noch immer“, vermutet Imke. Schwer vorstellbar für beide, die verbleibende Lebenszeit (beide hoffen auf viel!) ohne Synchronsprech-Sessions zu verbringen. Was Freundschaften angeht, mögen sie Kontinuität und Rituale. Gerne mit Kippen und Champagner, um dem Klischee Rechnung zu tragen. Der Ort ist völlig egal. Küchentische sind okay. Inzwischen ist es 14 Jahre her, dass Ina ihr erstes Solo-Album veröffentlicht hat und diese bemerkenswerte Gnade des „späten Ruhms“ erlebte. Im November folgte das nächste. „Inas Nacht“ ist als TV-Format ungebrochen ein Glanzlicht des NDR Entertainments. Kinder hat Ina natürlich immer noch keine, lebt mit Leidenschaft allein mitten in Hamburg St. Georg und hat schon ganz schön lange einen Freund, den Imke übrigens 28 Jahre länger kennt als Ina. Aber das ist eine andere Geschichte, die zu einem anderen Zeitpunkt erzählt werden will.

„Tauschen möchte ich mit niemandem, auch nicht mit Dir.”

Imke hat ein drittes Kind bekommen, das sich sogar blendend mit Ina versteht, lebte 13 Jahre lang in Hamburgs Westen in einem echten Zirkus, mit einem echten Zirkusdirektor, ist jetzt Witwe und als Autorin wieder nach Sylt zurückgekehrt. Insgesamt: ganz schön pralle Frauenleben. Und sie sind ja mit Mitte 50 noch mittendrin, wenn auch schon aus einigem raus. Guter Stoff jedenfalls.

„Ja, wir haben wirklich eine fette Zeit in der Menschheitsgeschichte abgegriffen und das alles unter unfassbar coolen Umständen. Tauschen möchte man wirklich mit niemandem – auch nicht mit Dir“, sind sich beide einig. Was ist nun das Geheimnis einer Frauenfreundschaft auf zwei Umlaufbahnen? „Die seelische Verbindung ist’s, der tiefe Respekt vor dem Lebensweg der jeweils anderen – ohne jeden Neid“, sagt die eine. „Es ist die Leidenschaft für das wortreiche und abgründige Betrachten der großen Lebensthemen ,Frau sein, Männer, würdevolles Leben mit Mitte 50“, meint die andere und beide haben Recht. Und weil das Küchentischgespräch im Juni auf Sylt über eben diese Lebensthemen so ausgesprochen brillant war, das es gar nicht in einen Text zu fassen ist, gibt es in der nächsten MAG Ausgabe 2 immer noch keine Kolumne, aber vielleicht einen Müller-Wein-Podcast – ist ja auch viel zeitgemäßer.

Neues aus dem „Schelli“ Ob die Shanties wohl singen dürfen? Wie die Gäste so sitzen werden? Mit Distanz vielleicht? Wird etwa noch tiefer ins Glas geschaut als ohnehin schon? Fragen über Fragen. Ab dem 30. Juli gibt’s jedenfalls frischen Sabbelstoff in „Inas Nacht“ direkt vor der Glotze. ARD, Do. 30.7. um 23.30 Uhr erste Sendung u.a. mit Tim Mälzer oder nochmal am Sa. 1.8. um 23.40 Uhr für die, die’s verpasst haben. Und dann jede Woche eine neue Show… Respekt, Frau Müller, Sie sind fleißig in Corona-Times! Inas Nacht:

„Du warst mir früher nie ganz geheuer!”

Und hier die aktuellen Müllerschen Podcast-Tipps… man muss sagen: Frau Müller ist PodcastUserin der ersten Stunde und hört sich noch die Ohren wund.

Das kleine Fernsehballett Ein Podcast von Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier. Die beiden reden über Serien, und sind dabei fast nie einer Meinung. Sie geben sich gegenseitig Fernsehen-guck-Hausaufgaben auf, und sie lieben Trash-Formate. Und ich liebe die Beiden. Schon jeden für sich, aber zusammen noch mehr.

Acht Milliarden Ist ein Podcast von Juan Moreno. Er spricht mit verschiedenen Spiegel-Auslandskorrespondenten über Themen, die grad die Welt bewegen. Brexit, Corona, Rassismus. Sehr kurzweilig, interessant und schlau!

Deutschland 3000 Ist ein Interview-Podcast von und mit Eva Schulz. Ich mag ihre Art zu fragen und ihren Humor, und wie sie manchmal kurz aus den Interviews aussteigt, um dem Hörer zu sagen, was sie jetzt gerade über DIESE Antwort ihres Gastes denkt.

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