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Das Mensch-Sylt! A bis Z

A

Amtsmodell

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Eines der beiden großen Themen, die die Insel im Sommer und Herbst wild bewegten, war die Frage, ob eine Verwaltungsreform für die vor elf Jahren teilfusionierte Insel die gewünschte Strukturverbesserung bringen könnte. Die Idee: das Amtsmodell, ein Vorschlag der Sylter CDU und durchaus bewährtes Instrument der kommunalen Verwaltung in ländlichen Räumen. Für Sylt würde das bedeuten: eine gemeinsame Inselverwaltung unter Eingliederung der Gemeinde Sylt. Bislang ist es so: Die Gemeinde Sylt (Rantum, Westerland, Tinnum, Morsum, Munkmarsch, Archsum, Keitum) besitzt eine Verwaltung, deren Chef der gewählte Bürgermeister ist. Die freien Gemeinden (List, Kampen, Wenningstedt-Braderup und Hörnum) werden durch das Amt Landschaft Sylt gemeinsam vertreten, haben aber jede für sich eine/n gewählte/n ehrenamtliche/n Bürgermeister*in und ein eigenes Parlament. Jetzt ist der Vorstoß Amtsmodell mit einem Amtsdirektor an der Spitze allerdings erstmal wieder ad acta – wegen zu viel Gegenwind. Nach einer knappen Entscheidung in der Gemeindevertretung Sylt gegen den Vorschlag möchte man jetzt mit Hilfe von entsprechenden Experten von Kreis Nordfriesland und Land Schleswig- Holstein eine Lösung finden, die maßgeschneidert für die Insel sein soll. Versuch war’s wert, und es ist ja noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Ä

Ähnliches

gilt für das Thema RoV, den Raumordnerischen Vertrag zwischen Sylt und dem Land, der die bedarfsgerechte Entwicklung von Dauerwohnraum ermöglichen soll. List, Kampen, Wenningstedt und Hörnum stimmten diesem Vertrag zu. Die Gemeinde Sylt nicht, weil die Mehrheit das Instrument RoV für nicht zielführend hält. Auch hier keine schnelle Lösung. Bei Interesse einfach mal googeln: Raumordnerischer Vertrag Sylt.

B

Bambus Klaus

Am 18. November ist er acht Jahre tot, der singende Wirt, Chef der knallbunten Bambus-Bar, in the middle of nowhere, kurz vor dem Lister Ellenbogen. Mit seiner ungeheuer schrägen und nicht minder liebenswerten Weltsicht, seinem Hang zum Exzess und diesem betörenden Lachen, das einen alles drumherum vergessen ließ. Nein, er war nicht der letzte Mensch auf dieser Insel, der hedonistischen Individualismus und Eigensinn verkörperte, wir haben noch ein paar andere Originale. Aber Klaus war ein markanter Vertreter dieser Spezies. Wie gut, dass seine Schwägerin Elli die kleine Bar hinter der Düne nicht minder bunt weiter betreibt und dass List weiß, dass es solche Plätze mit solchen Menschen dringend braucht, um dem Hang zur Uniformität (auch in der Gastronomie) etwas entgegenzusetzen. Bevor Elli jetzt für den Winter die Schotten der Bar dicht machte und in ihre Essener Heimat aufgebrochen ist, hat sie „Mensch, Sylt“! noch einen Karton Bambus- Bücher da gelassen. Wenn jemand uns also an seiner persönlichen Erinnerung an den wunderbaren Lebemann teilhaben lässt, schenken wir ihm dafür ein Klaus-Lesebuch. post@mensch-sylt.de >> Bitte Adresse in die Mail schreiben und so… PS: Wir finden übrigens, dass Bambus- Songs kein Schlagertrash sind, wie mancher behauptet, sondern eine Kategorie für sich. Die Songs haben eben einfach diesen Helge-Schneider-Faktor und sind auch nach Jahren noch absurdgut. „Sünhair“: Hier mal reinhören!

Café Curve

C

À propos Originale: Ob man es nun Kurve schreibt oder Curve – da legen sich David und Sarah nicht gerne fest. In der Braderuper Straßenbiegung gibt es jedenfalls den womöglich besten Kaffee der Insel. Und der Kuchen ist auch super. Und die Wirte – so nett. In Sachen Lecker-Kaffee hat Sylt einen Quantensprung gemacht. Denn ebenfalls hitverdächtig: die Sylter Rösterei von Crischan Appel in Rantum am Hafen, Billy Cooper am Crêpe- Stand neben dem Wenningstedter Minigolfplatz kann es auch, der Kaffee am Crêpestand von Tom und Petra an der Wilhelmine in Westerland und der von der Eismanufaktur in List genügt ebenfalls allen Ansprüchen von Siebträgermaschinen verwöhnten Gaumen und Freunden besonderer Orte. Und es gibt sicher noch den ein oder anderen Spot mehr. Sagt mal, wo Euch der Kaffee am besten schmeckt? post@ mensch-sylt.de

D

Dethlefs, Inge

Sie ist eines der größten weiblichen Vorbilder weit und breit. Hutmacherin, Ökolandwirtin und Geschäftsfrau a.D., studierte Kunsttherapeutin, Chanson-Texterin, Sängerin, um nur ein paar der Qualifikationen der Braderuperin mit schwäbischen Wurzeln zu nennen. Der jüngste Coup der Mit-Achtzigerin: In ihrer Open-air-Galerie neben dem Braderuper Kindergarten ist ihre Ausstellung „Stuhlgang“ zu bewundern - Impressionen, die nichts mit menschlichen Exkrementen, sondern mit echten Stühlen und deren Umwidmung in Kunst zu tun haben. Zudem hier: Inges Installation zum Thema Tourismus im Sommer 2020 - ebenfalls schön böse. Übrigens: eine Ausstellung, die auch zu Corona-Zeiten jederzeit besucht werden kann.

F

Friesischfreundlich

Wer war im Sommer 2020 nun eigentlich genervter? Gäste oder Gastgeber? Jedenfalls zwischen Mitte Mai und November gefühlt die halbe Republik zuzüglich eines Viertels aller Schweizer auf Sylt zu Gast. Da konnte man Turbulenzen in zwischenmenschlichen Begegnungen wohl nicht verhindern. Es war rappelvoll - fast überall. Natürlich: ein Ausnahmejahr und ebenfalls natürlich: durften sich die Sylter glücklich schätzen, dass es so viel zu tun gab und am natürlichsten: es ist angesichts der Umstände eigentlich ganz gut gelaufen, nur entspricht es halt der menschlichen Natur, sein Haupt gern Richtung Defizit zu neigen und nicht auf die Habenseite. Und darum: in Sachen Nettigkeit, Empathie und Rücksichtnahme war da echt viel Luft nach oben. Da kann sich wahrhaft nicht jeder mit Ruhm bekleckern, der im Sommer 2020 auf Sylt war. Weder auf der Gast- noch auf der Gastgeberseite. Und da gibt es auch gar keine Ausrede. Man kann sich ja jeden Tag neu entscheiden, ob man dem Leben und den Mitmenschen entgegenlacht oder rummuffelt. Dabei ist Menschlichkeit gerade in Krisen Balsam für die Seele.

G

Gastro- Lieblingsläden, als Empfehlung für hoffentlich bald, noch einmal aus dem sonnigen Süden:

Café-Lund in Hörnum wegen heldenhaft und ökologisch wertvoll, wir werden nicht müde, das zu betonen.

Strænd Hörnum, weil das ist genau das, was man so nah am Wasser erwartet.

Hörnums No. 1: Möllers Anker, ambitioniert-köstlich, auch außer Haus.

Söl’ring Hof, weil: mehr geht nicht.

Strandmuschel, draußen, weil die Location einfach schwer zu toppen ist.

Na ja „Sansibar“ und Samoa „Seepferdchen“ natürlich auch – is ja so.

Hafen Rantum, eh eine Perle. Hier: nochmal die Kaffeerösterei auch wegen Kuchen und der Hafenkiosk 24 wegen geräuchertem Fisch und unprätentiös.

Gutmensch

Warum dieser Terminus so negativ belegt ist, versteht kein Mensch. Gutmensch hat aber immer diesen Beigeschmack von übertrieben naiv und weltverbesserisch. Schade eigentlich um das schöne Wort. Er ist dann also kein Gutmensch, aber ein wirklich guter Mensch. Fritz, Wahl-Sylter aus Namibia, und der beste Hausmeister der Welt, das können alle Familien im gemeindlichen Wohnprojekt „Osterwiese“ in Wenningstedt bezeugen.

Greif nicht in ein Wespennest, doch wenn Du greifst, dann greife fest.

H

Hick-Hack

(statt: Insularer Geist) Der gemeinsame insulare Geist wird seit Jahrzehnten heraufbeschworen – bleibt aber die allermeiste Zeit hartnäckig in seiner Buddel (siehe A). Vielerlei Interessen stehen dem großen Wurf für ein zukunftsweisendes Vorgehen in den großen Themen Verkehr, Dauerwohnraum, touristische Strategie entgegen. Dabei wäre es fies zu behaupten, es gäbe auf Sylt nicht ungeheuer engagierte Laien-Parlamentarier, die sich oft seit Jahrzehnten ehrlich und mit Hingabe in den Ortsparlamenten um den richtigen Weg bemühen. Eigentlich wollen alle nur das Beste. Warum klappt es dann nicht? Die Meinungen darüber, was nun das Beste ist, liegen auf Sylt sehr weit auseinander. Doch es wird dran gearbeitet. Jetzt vielleicht mehr denn je.

K

Kontorhaus

Tee, stillvolles Design, ein kleines Boutique- Hotel, ambitionierte Jazz-Konzerte. All das ist das Kontorhaus in Keitum. Jetzt im Herbst wechselten die Besitzer: die Erfinder und Erbauer dieses Kleinods, das Ehepaar Zaeske, übergab wegen Nachfolgermangel an das Industriellen-Ehepaar Mankel, die auf Sylt schon für eine Renaissance des „Munkmarscher Fährhaus“ sorgten und das Hotel Aarnhoog in Keitum betreiben. www.kontorhauskeitum.de

L

Lokal-Derby

Wenn aus einer Begegnung zwischen den beiden insularen Fußball-Herren-Mannschaften ein Weltereignis wird! Hohen Respekt dafür, wie das Team des Sport-Club- Norddörfer mit seinen Fans Ende September ihren 4:2-Sieg gegen „Team Sylt“ zelebrierte. Das hatte Klasse. Man sollte halt die Feste feiern, wie sie fallen. War ja wieder nicht zu ahnen, dass es mit der Fußballfreude kurze Zeit später ersteinmal wieder vorbei sein würde. Der kleine Sylter Sportverein arbeitet aber unerschüttert weiter an einer glorreichen Zukunft: Die Aktiven im Verein engagieren sich gerade für die Anschaffung einer dringend notwendigen Flutlichtanlage und für den Bau einer kleinen Tribüne. Erfolgreiche Teams brauchen halt den entsprechenden Rahmen.

M

Matthiesen, Susanne

Sylterin mit Wahlwohnsitz in Berlin, toughe Journalistin, die gesellschaftliche Entwicklungen aufgreift und in Programmideen für die Medien umsetzt. Das Inselkind hat mitten in Coronatimes ihren ersten Roman publiziert, in dem sie so wunderbar ihre Sylter Jugend verarbeitet. „Ozelot und Friesennerz“ mit seiner feinen Art, Einblicke hinter die Sylter Kulissen zu gewähren, traf offenbar den Nerv und wurde allerorts verschlungen. Das Ganze gibt es auch schon als Hörbuch. Die Live-Version: Eine Lesung zusammen mit Edda Schnittgard am Klavier muss auf bessere Zeiten warten. www.susannnematthiessen.de

Merret reicht’s

Alles begann mit einem Leserbrief, den die ohnehin seit Jahrzehnten politisch engagierte Keitumer Goldschmiedin Birte Wieda irgendwann im frühen Sommer schrieb, nachdem der Ministerpräsident auf der Insel zu Gast war und während seines Kurz-Besuchs seine Agenda abarbeitete, die den Kern der großen Sylter Themen (Dauerwohnraum, Verkehr, Großprojekte…) kaum streifte. Birte Wieda nahm den Ärger darüber zum Anlass, ihre Gedanken auf den Punkt zu bringen und öffentlich zu machen. Sie formulierte, was in ihren Augen auf Sylt im Hier und Jetzt im Argen liegt und fragte sich, in welche Richtung man den in so vielen Themen festgefahrenen Inselkahn in Zukunft eigentlich lenken möchte. Die Sylterin traf den Nerv vieler, die mit der insularen Entwicklung, den Grabenkämpfen der Gemeinden, dem strukturellen Wandel der Orte, dem Wegzug der Einheimischen mit großer Sorge begegnete. Sie bekam daraufhin Dutzende von Zuschriften und Besuche von Syltern und Sylt-Liebhabern, die ihre Meinung teilen. Mit dem Tenor: Lasst uns gemeinsam alles daran setzen, Sylt nicht dem weiteren Ausverkauf Preis zu geben, lasst uns die Insel, vornehmlich als Lebensraum mit begrenztem Raum und Kapazität sehen, dessen Gleichgewicht dringend wiederhergestellt werden muss. Diese Stimmen formierten sich zu einer Bürgerbewegung, die sich als Korrektiv versteht, aber auch als Unterstützer und Impulsgeber für die ehrenamtliche Kommunalpolitik auf Sylt, um die großen Themen jetzt auf den Weg zu bringen. Denn nur gemeinsam kann es gehen. „Merret“, eine fiktive Friesin mit weitem Horizont und einer dezidierter Haltung wurde zur Symbolfigur. Die Sympathisanten von „Merret reicht’s“ entwickelten nicht nur ein Logo, waren fortan bei allen öffentlichen politischen Sitzungen präsent und sorgten mit für Einwohnerversammlungen zu wichtigen Themen, sie formulierten auch ihr Leitbild und wollen zukünftig mit außerparlamentarischen Mitteln alles daran setzen, dass Sylt ein lebenswertes, vitales Zuhause für Inselmenschen ist, dass man behutsam mit Gästen teilt.

Meeresgärtnerei

Da „Mensch, Sylt!“ Schräges, Individuelles und Einzigartiges liebt, in dem der wirtschaftliche Gedanke nicht die einzig treibende Kraft ist: im Alten Bahnhof zu Keitum am Kreisel (nicht zu verwechseln mit dem DB-Bahnhof) findet man seit einiger Zeit ein uriges Fachgeschäft für Salzwiesenkräuter, Küstengemüse, Heide-Wildobstsorten der Saison, Meeresalgen und wenn sie Saison haben, auch für Original Sylter Zitronen! Kurios? Ja, und genau darum wunderbar. www.meeresgaertnerei.de

S

Social Media

Die Sylter sind auf Facebook extrem aktiv. Dieser begrenzte, aber eben auch nicht klitze-kleine Raum mit Wasser drumherum scheint sich förmlich anzubieten für Warentausch, Hilfeleistungen und Infotransfer. Ein grandioser Erfolg wurde die Idee des Westerländers Jörn Radzuweit (auf Facebook heißt er „Gerhardt Sylt!), der einfach mal Lust hatte, die Plattform für den schnellen Austausch von Sylter Impressionen der letzten Jahrzehnte zu nutzen. Innerhalb kürzester Zeit motivierte „Mein altes Sylt“ über 5.000 Menschen, vorwiegend Insulaner oder Ex-Sylter, Mitglied zu werden. Angesichts des nostalgischen Fotomaterials und der schönen Erinnerungen sind viele Gruppenmitglieder jetzt begeisterte Facebooknutzer. Denn die analoge Ebene ist nicht zu verachten. Klassenkameraden fanden sich, die liebe Nachbarin, jetzt in Süddeutschland ansässig, tauchte wieder auf und sogar die erste Liebe meldete sich auf das Posting eines Bildes zurück. Schöööön, oder?

Shopping-Tipps – kleine Perlen des individuellen Einkaufens:

Blumen & schönes Zeugs für Haus und Garten bei der „Alten Wäscherei“ in Keitum

Westerland City hat sich in den letzten Jahren zum lohnenswerten Ziel für textiles Shoppen ohne Einheitsbrei gemausert. Das macht sogar Großstadt-Verwöhnten Spaß. Die City ist mit ihren ganzen Narben und Schönheitsfehlern eh viel cooler als ihr Ruf. Der Knüller: endlich gibt es auch eine Adresse für nachhaltige Mode. Ganz weit vorne: Das „Wunderwerk“ in der Friedrichstraße. Faszinierendes Konzept mit Vision.

Sympathisch: das Selfmade-Damentrio von Hafen 9 in Rantum - mit Secondhandmode, Batik-Shirts und Sylt- Wimpeln. Voll schön.

Auch hier am Hafen: türkisbunt und einen Besuch wert, nicht zuletzt wegen der Wohnaccessoires und Geschenkideen: die Bonscherei.

Shanties Not macht erfinderisch: Als die Sylter Shanty-Herren zwischendurch mal wieder üben durften, hatten sie einem Probenort, der wirklich viel Abstand ermöglichte: Sie ölten ihre Stimmen in der Reithalle des Erdbeerparadieses in Braderup. Echt findig.

Sebastian23

© Fabian Stürtz

war der letzte Künstler, der im kursaal³ vor dem Lockdown light (Light-Produkte waren noch nie wirklich der Knüller) auftrat und klar vor Augen führte, wie gut Livekultur tut, wie wichtig Kabarett ist und dass Dummheit gerade in Krisenzeiten einen guten Nährboden findet. www.sebastian23.org

W

Willi, die Robbe

im Hörnumer Hafenbecken, ist tot, nimmt man jedenfalls an. Sicher ist, dass sie wohl nicht an Unterernährung gestorben sein dürfte. Willi hat sogar einen Wikipedia- Eintrag. Und eine Nachfolgerin: Sylta, auch schon ganz schön mollig. Das nur, weil triviales Wissen so schön von den wirklich wichtigen Themen ablenkt.

Wünsch Dir was:

Wem ein Thema für das Mensch Sylt A-Z unter den Nägeln brennt, schreibe uns einfach: post@mensch-sylt.de

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