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Sylt sagt Bye Bye Plastik

Wenn man sich mit all den Baustellen verbindet, die der Mensch auf der Erde anrichtet, wird einem ganz „blümerant“ und man hat allen Anlass, der gesamten Spezies einen düsteren Ausgang vorherzusagen. „Davor bewahrt eigentlich nur, das große Ganze auszublenden und sich auf ein Thema zu fokussieren – so niedrigschwellig wie möglich. Denn kleine Bewegungen können große Wellen auslösen“, weiß Heike Werner, Chefin vom „Fastenhaus Werner“ und ist darum – schwuppdiwupp – seit fast zwei Jahren „Bye Bye Plastik“- Aktivistin.

Drei Stück Plastik beim Spazierengehen aufsammeln und drei Stück Verpackung weniger einkaufen

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heißt das einfache Mantra, das die Initiative jedem Verbraucher mitgibt. Das ist simpel, überfordert nicht und braucht nichts außer etwas Konsequenz. „Wir kommen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder der Ökokeule daher, sondern sensibilisieren die Wahrnehmung. Und ich sag Dir, es ist schön, wenn die Gelbe Tonne plötzlich immer leerer wird“, weiß Heike Werner aus eigener Anschauung.

„Bye Bye Plastik“ hat seinen Ursprung in Dänemark, arbeitet dort in etlichen Orten erfolgreich und inspirierte die vier Sylterinnen auf der Insel, genau diese Art von Easy-Umweltaktivismus auf den Weg zu bringen. Die Initiative motiviert Verbraucher zum Beispiel, auf köstliches Leitungswasser umzusteigen statt Plastikflaschen mit italienischem Acqua zu schleppen oder das Gemüse nicht nur bio, sondern auch noch lose zu kaufen. Grandios einfache Empfehlungen findet man auch auf der Webseite www. byebyeplastik.com

Die Initiative zeichnet darüber hinaus aber auch Unternehmen und Institutionen mit dem Bye-Bye- Smiley aus: Betriebe und Einrichtungen, die sich verpflichten, auf Kunststoff in den unterschiedlichsten Bereichen des Unternehmens zu verzichten. Simpel in der Umsetzung und gut fürs Image. 23 Sylter Unternehmungen – von der „Inselkind“-Boutique, über das Restaurant „Foodporn“ bis hin zum Tourismus-Service in Kampen – haben sich seit Juni 2019 schon zertifizieren lassen. Zwei Hotels kommen dieses Frühjahr noch hinzu.

von links nach rechts: Christine Andresen, Carin Winkler, Heike Werner und Claudia Casarotto

Foto © Andreas Grenacher

„Wir vier Frauen arbeiten genial zusammen. Jede von uns hat eine andere Stärke. Ob es der internationale Blick ist, der kreative Part oder zum Beispiel das Monitoring der Strände. Das hat eine wunderbare Dynamik“, freut sich Heike Werner, die als erfolgreiche Geschäftsfrau die Sehnsucht hatte, ehrenamtlich etwas zurückzugeben an ihre Heimatinsel. Außerdem lebte und arbeitete sie selbst lange in Süd-Ostasien und hat mit eigenen Augen gesehen, wie Plastikmüll diese Länder im wahrsten Sinne überschwemmt.

Es ist schön, wenn die gelbe Tonne plötzlich immer leerer wird.

In der kurzen Zeit ihrer Aktivität auf Sylt haben die vier Frauen eine unfassbare Akzeptanz erzielt, wunderbare Aktionen umgesetzt und sind an entscheidenden Stellen gefragt: Dass jetzt in Westerland und Rantum am Strand an etlichen Standorten Mülltrenn-Depots ausprobiert werden und schicke Cartoons an den Übergängen inselweit dazu anhalten, Strand und Meer vor Plastik zu schützen – ist auch eine Frucht dieses Engagements.

Einer der jüngsten Coups: Eine gemeinsame Initiative mit Sylt Marketing und dem Landschaftszweckverband. „Klare Kante Sylt“ heißt das und verheißt effektives, gemeinsames Vorgehen in Umweltthemen.

2021 gilt ein Schwerpunkt der Arbeit dem Vermeiden von Kippen in der Natur. Es muss doch wohl zu ändern sein, dass Raucher die hochgiftigen Reste ihres Lasters in die Sylter Natur werfen. Ein klarer Fall für eine neue Aktion. Kleine Maßnahmen, die große Wellen erzeugen – „Bye Bye Plastik“ bietet allerbestes Anschauungsmaterial wie’s geht.

Da to-go-Becher einen

nicht unerheblichen Anteil des Verpackungsmülls (jährlich: drei Milliarden Becher deutschlandweit) ausmachen, ist das „RecupSystem“ (ausgezeichnet mit dem Blauen Engel) seit drei Jahren auch auf Sylt der Vorstoß, um zumindest den Wegwerfbechern den Kampf anzusagen. Nach der Initiative von „Bäckerei Raffelhüschen“ machen inzwischen auf Sylt über 50 Betriebe mit bei dem deutschlandweit erfolgreichen Pfandsystem. Da im Sommer 2020 aber auch diese Vielfach-Becher immer häufiger in den Dünen und im Müll landeten, entwickelte der Sylter Schlosser Frank Schaller eine Stele, in der die Recups gesammelt werden. Standorte: z.B. am Hauptstrand in Wenningstedt. Nach zwei Monaten Test zählte Maike Belbe, die bei „Sylt Marketing“ alle Nachhaltigkeitsprojekte koordiniert, 200 Becher in den Stelen. „Das ist ein schöner Erfolg. Die 200 Euro Pfand spenden wir jetzt Sylter Naturschutzprojekten, die sich darauf bewerben können.“ www.recup.de

Und da gerade in Coronatimes mehr als je zuvor mit to-go-portionen

aus der Gastro in der Natur und in den Haushalten gepicknickt wurde, wünscht man sich auch für Mahlzeiten ein wertiges System, das die vielen Verpackungen (selbst die aus Bambus!) ersetzen kann. Und das gibt’s schon in der Erprobungsphase: analog zu „Recup“ existiert „Rebowl“. Bisher auf Sylt mit „Rebowl“Schüsseln auf Pfandbasis am Start: „Sölkitchen“ im Hagenbaumarkt und die „Küchenkate“ in Keitum. www.rebowl.de

Maurice Morell und seine veganen Suppen in List (Parkplatz „Mylin“ und „Eismanufaktur“) sind ohnehin der Knaller. Natürlich ist der wunderbare „Suppendealer“ auch Bye Bye Plastik zertifiziert.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

Der kleine Müllknigge für jeden, weil das Prinzip „eigentlich müsste ich“ nicht reicht. Denn jeder kann, und der beste Müll ist der, der nicht gemacht wird.

*Wasser aus der Leitung trinken –

es gibt nichts Besseres als das Sylter Wasser. Gastgeber sollten entsprechende Flaschen in den Unterkünften bereit halten – „Appartements & Mehr“ macht das seit Jahren. Eine stylische Sylt-Refill-Flasche mit Kunst von Sonni Hönscheid darauf, wird in diesem Frühjahr auf den Markt kommen. Koordiniert wird das von der Sylter Projektleiterin für Nachhaltigkeit Catharina Bayerlein.

*Frische Lebensmittel unverpackt

und natürlich in Bioqualität kaufen.

*Eigene Behältnisse

mit in die Märkte nehmen und auch den Handel vermehrt darauf aufmerksam machen, dass es Zeit ist umzustellen.

*Auf Einweg-Verpackung verzichten

und auch in der Gastro freundlich, aber deutlich auf Alternativen hinweisen.

*Im Haushalt:

Bienenwachstücher statt Klarsichtfolie, kochbare Textilien statt Wegwerftücher…

*Müll konsequent trennen.

Als Gastgeber: das Sylter Trennungssystem anschaulich erklären.

*Wert legen auf nachhaltige, qualitativ hochwertige Kleidung,

beim Shoppen nachfragen und bewusst handeln. Nicht bestellen, sondern „in echt“ einkaufen, wenn’s geht. Plastiktüten zum Transport sind natürlich tabu.

*An kollektiven Müllsammelaktionen

auf der Insel teilnehmen.

*Bei jedem Strandgang

drei Teile Müll einsammeln und entsorgen und beim Einkauf auf drei Stück Plastik verzichten. Das sind bei sechs Millionen Übernachtungen pro Jahr VielLe Tonnen Plastik, die garantiert nicht im Meer landen.

Hier gibt es alle News zu den aktuellen Aktionen: www.byebyeplastik.com

Auf der Facebook-Seite von Byebyeplastik gibt es auch aktuelle Fotos zum Beachmonitoring.

Bundesweite Aktionen, um Verbraucher zu bewegen, Wasser nur noch aus der Flasche zu trinken. Die Wasserwende wird auch auf Sylt intensiv propagiert: www.atiptap.org

www.bracenet.de – Fischernetze verrotten erst nach Jahrhunderten und sind eine latente Gefahr für alle Wesen im Meer. Aus diesen Netzen Armbänder zu machen – ein Upcycling, das gleichzeitig auf das Problem hinweist und durch die Erlöse Initiativen finanziert. Auf Sylt gibt es die im „Inselkind“-Shop.

Fakten Fakten Fakten

1. Mit 227,5 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf lagen die Deutschen 2019 europaweit auf dem traurigen pLatz 1

2. Sylt produzierte 2019 35.000 Tonnen Abfall. 8.000 Tonnen bleiben als Grünabfall auf der Insel – der „Rest“ wurde per Autozug abtransportiert.

3. Da 47 Prozent davon Gewerbemüll sind, kommen 107 Kilo auf jeden einzelnen privaten Endverbraucher.

4. Obwohl konkrete Zahlen für das ganze Jahr noch nicht vorliegen, erlebte gerade auch auf Sylt die Kunststoffverpackung im Corona-Sommer eine unerwünschte Renaissance.

5. Trotz der Lockdowns stieg das Plastikmüllaufkommen 2020 nochmal um wenigstens 10 Prozent.

6. Machen wir so weiter, gibt es in den Meeren im Jahr 2050 weltweit mehr Plastik als Fisch.

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