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Eine neue Schule für Inselkinder

VON DER VISION ZUR WIRKLICHKEIT

Mensch besucht die Schule und denkt: „Na ja, Lernen könnte auch ganz anders gehen! Freier, ganzheitlicher, lustvoller, lebenspraktischer.“ Dann besucht der Mensch die Uni und kommt zu dem Schluss: „Na ja, optimal geht anders!“ Der Mensch schaut sich um in der Welt und weiß: „Bildung und Erziehung sind der Schlüssel, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Soll etwas besser werden, müssen wir genau da etwas verändern. Sollten wir Schule nicht nochmal komplett neu denken?“

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So in etwa ging es – grob vereinfacht – der Westerländerin Johanna Erken. Nun hätte sie es bei dieser Erkenntnis belassen und sich für den eigenen Nachwuchs mit dem, was es gibt, arrangieren können oder sie könnte auch einfach das eigene Kriterium im vorhandenen System einbringen. Oder aber sie traut sich und entwickelt eine Vision von einer neuen Freien Schule für Sylt. Johanna entschied sich für Letzteres und fand in Maria Köhn ein Gegenüber, das von der Idee alternativer Bildung für die Insel genauso begeistert ist wie sie.

Die erste Begegnung der beiden Frauen ereignete sich zufällig beim Babyschwimmen und liegt gut 1,5 Jahre zurück. Inzwischen ist viel passiert. Die beiden Frauen brennen für die Idee eines neuen Bildungsangebots noch viel mehr als am Anfang.

Klein-Stina und auch alle anderen Kinder sind bei den Planungsgesprächen gerne dabei. Zur Inspiration…

Sie verstehen Schule als einen magischen Ort, an dem sich die natürliche Lernleidenschaft, die Abenteuerlust, die Phantasie und die Interessen der Kleinen angstfrei und mit allen Sinnen weiterentwickeln und entfalten kann.

Seit dem 16. Jahrhundert entwickeln Pädagogen, Philosophen und Visionäre Alternativen zum gängigen System. Die heute etabliertesten und bekanntesten reformpädagogischen Ansätze sind Schulen nach der Pädagogin Maria Montessori (über 40.000 Gründungen) und die ebenfalls international vertretenen Waldorfschulen (1.187 Schulen weltweit), die auf die Ideen und Konzepten von Rudolf Steiner zurückgehen. Steiner ist unter anderem der gedankliche Vater der biologisch-dynamischen Landwirtschaft (Stichwort „Demeter“) und der anthroposophischen Medizin (Stichwort „Globuli“). Mit den Konzepten von Maria Montessori und Rudolf Steiner beschäftigten sich die beiden Sylterinnen eingehend und lassen sie in ihre Vision von Schule mit einfließen. Besonders begeistert sind sie von der Idee „Freie Schule“. Ein mögliches Vorbild fanden sie in dem reformpädagogischen Modell „Infinita Schule“, die ein Schulkonzept umsetzten, das auch dem neuesten Stand der menschlichen Gehirnforschung entspricht. „Lernen sollte nicht primär akademisch sein und nur in Leistung gemessen werden, sondern vor allem Freude machen und den Koffer bestücken, der die späteren Erwachsenen dazu befähigt, ihr Leben erfolgreich und glücklich zu gestalten“, meint Maria, die in ihrer Ausbildung zur Lehrerin schon Erfahrung an den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen gesammelt hat.

Inzwischen gibt es mehr als zehn junge Sylter Familien, die auch eine freie Schule für ihre Kinder wollen. Zu diesem Kreis gehören auch etliche Eltern mit pädagogischer Ausbildung. Die Gründung des „Vereins für Freie Bildung Sylt e.V.“ ist bereits in trockenen Tüchern. Erste Gespräche mit den Verantwortlichen möglicher Schulstandorte werden geführt. „Natürlich hängt fast alles am Standort – wir sind ja auf Sylt, wo Platz Mangelware ist. Aber wir lassen uns da nicht beirren. Wo ein Wille ist, ist ein Weg“, weiß Johanna, die mit ihrer gelassenen Art die ideale Besetzung für die Umsetzung großer Ideen scheint. Auf Hindernisse, Ecken und Kanten sind die beiden Frauen eingestellt. Aber das Ziel ist klar und die Vision scheint absolut nicht unrealistisch. „Wir sind ja zum Glück nicht die ersten auf der Welt, die eine Schulgründung planen und das dann auch hinbekommen. Wir holen uns Inspiration und Unterstützung von anderen“, versichert Maria. Beide Frauen wollen später in der neuen Schule selbst aktiv sein. Die eine als Geschäftsführerin, die andere als Lernbegleiterin, wie Lehrer*innen an Freien Schulen sinnigerweise heißen.

Das Kurzkonzept der neuen Schule für Sylt steht. Ein Logo gibt es auch schon. „Wir möchten das Vorhandene gar nicht in Frage stellen, sondern einfach eine Alternative bieten zum klassischen staatlichen Schulsystem*“, beschreiben die beiden Frauen.

Alters- und fächerübergreifend soll in der neuen Sylter Schule gearbeitet werden, stark in Projekten, lebenspraktisch, ganz nah dran an den individuellen Bedürfnissen jedes Kindes. Lernen in der Natur und mit Partnern aus Landwirtschaft, Handwerk und Handel genießt eine hohe Priorität im Konzept.

Eine Schule, die staatlich anerkannt ist und sich langsam entwickeln kann. Die zunächst mit kleinen Kinder beginnt und dann wachsen darf. Eine auf die Sylter Verhältnisse zugeschnittene Schule, die zu großen Teilen aus der öffentlichen Hand getragen wird, aber auch ein solidarisches Schulgeldsystem zur Finanzierung brauchen wird. Zunächst werden die Kinder ihren Abschluss an den staatlichen Schulen machen. Andere reformpädagogische Schulen beweisen, dass ihre Absolventen ganz locker im alten Leistungssystem mithalten können, zudem aber Fertigkeiten besitzen, die für einen glücklichen Lebensentwurf vielleicht noch wichtiger sind.

Und wie geht es jetzt weiter mit der Vision? Die Suche nach einem geeigneten Schulstandort wird in nächster Zeit Priorität haben. Das Konzept soll noch weiter wachsen und seinen Feinschliff bekommen. Die Vertreter*innen des Kernteams werden Hospitationen in alternativen Schulen absolvieren – zur Inspiration und um den eigenen pädagogischen Horizont zu erweitern. Bis zum ersten Schultag in der neuen Bildungseinrichtung werden sicher noch gut zwei Jahre vergehen. Maria und Johanna und die anderen engagierten Eltern setzen sich da nicht unter Druck. „Aber natürlich möchten wir, dass unsere Kinder an der neuen Schule lernen“, formuliert Maria das Ziel.

Ob als Eltern oder als Förderer:

Wer die Idee tatkräftig unterstützen möchte, kann jederzeit Johanna Erken kontaktieren:

info@freieschulesylt. de

www.freieschulesylt.de

Zur Person:

JOHANNA ERKEN

machte auf Sylt ihr Abitur, studierte in Bielefeld Soziologie, absolvierte erst den Bachelor- und dann den Masterabschluss. Ihr Schwerpunkt: Migrationsforschung. Ihre Sehnsucht nach Sylt zurückzukehren, war immer da. Sie wollte eigentlich in Bremen promovieren. Doch das Leben hatte einen anderen Plan. Johanna lernte Mike kennen, der damals im „SyltnessCenter“ als Masseur arbeitete. Die beiden machten gemeinsame Pläne, gründeten eine Familie, bauten das Hausteil von Johannas Oma in Westerland für sich um und leben mit Johannas Mutter unter einem Dach. 2016 wurde Lilith geboren, Janosch 2018 und die kleine Stina 2020.

MARIA KÖHN

war Lehramtsstudentin und jobbte im Sommer immer in der Gastro auf Sylt. Irgendwann lief ihr Rasmus über den Weg. Die beiden mochten sich auf Anhieb sehr, steckten aber noch in anderen Liebes- und Lebenszusammenhängen. Irgendwann, Jahre später, verabredeten sie sich zu einem „Rendezvous“ im „Manne Pahl“ und es war endgültig um sie geschehen. Sie zogen kurz danach in Hamburg zusammen. 2019 wurde ihre Tochter Alma geboren. Im Mai 2021 wird das zweite Kind des Paares auf die Welt kommen.

GEDANKLICHE IMPULSE FÜR INTERESSIERTE ZUM THEMA FREIES LERNEN:

www.infinita-schule.de www.gerald-huether.de www.waldorfschule.de www.montessori-deutschland.de www.freie-alternativschulen.de

Auf Sylt gibt es aktuell neun Kindergärten, vier Grundschulen, eine davon mit einer Montessori-Klasse, ein Förderzentrum für Menschen mit Behinderung, das Schulzentrum mit der Möglichkeit zu allen Abschlüssen. Darüber hinaus trägt die Dänische Minderheit in Schleswig-Holstein auf Sylt eine dänische Bildungsalternative mit Kindergarten und einer Schule vom 1.-8. Jahrgang. Die weiterführende Schule für die Jugendlichen des dänischen Schulsystems ist ein Internat in Flensburg.

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