Leseprobe von Tomas Märchen

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Wie Toma zum Zwerg wurde Toma war ganz aufgewühlt: »Soll meine Kindheit tatsächlich dann zuende sein, wenn ich keine Angst mehr davor habe, unter mein Bett zu schauen? Dann schmeiße ich lieber mein Bett aus dem Fenster!« Er versuchte es sogleich – er zog und zerrte daran. Aber er schaffte es nicht. Wütend warf er sich auf das Bett. Zornig. Mit offenen Augen lag er da. Eine ganze Weile später kam eine Armee winziger Traumzwerge mit bunten Mützen anmarschiert und riefen ihm zu: »Los, Toma, schließe deine Augen. Öffne für uns das Tor des Schlafens, so dass wir hinein können!«


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Toma aber hörte gar nicht hin und dachte nicht im Traum daran, seine Augen zu schließen. So lag er weiter da. Immer noch mit offenen Augen. Schließlich war Mitternacht. Da hörte er eine andere, bekannte Stimme: »Komm, Toma, vertrau mir. Ich bringe dich dahin, wo du die ewige Kindheit finden kannst.« Er horchte auf. Trotz seiner schlechten Laune blickte er ganz langsam und vorsichtig, aber immer noch schmollend, in Richtung der Stimme. Dort sah er sie auf dem Fensterbrett sitzen. Er schaute direkt in das Gesicht von Eule Taubohr, die ihn mit freundlich, weit aufgerissenen Eulenaugen auffordernd zulächelte. »Pah, ich glaube dir nicht!«, brummte Toma. »Du hast mich schon öfter betrogen. Weißt du noch damals, als du mir versprochen hast, mich zum Schokomeer zu bringen? Am Ende war es einfach nur ein Meer aus frischer Milch!« Eule Taubohr ignorierte Tomas Gebrummel und forderte ihn erneut auf: »Komm schnell mit mir, Toma! Die Zeit vergeht im Nu, und ehe du dich versiehst, bist du mir nichts, dir nichts erwachsen!«


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Das jagte Toma einen ordentlichen Schrecken ein. Sofort zog er seine Bettdecke über den Kopf. Dort war er sicher. Das schützte ihn vor der lästigen Schnakenarmee. Dort fand er auch Schutz vor dem fliegenden Fuchs-Mützendieb. Hier entdeckte ihn auch der Rauchsteuersammler nicht, der meist unerwartet aus dem Schornstein auftaucht. Nichts und Niemand konnte ihm unter der Decke etwas anhaben. Selbst die Zeit nicht. Aber Taubohr kannte sich mit der Decke aus. Die Stimme der Eule schaffte es, Toma zu erreichen. Dünn wie eine Nadel glitt sie wie an einem seidenen Faden durch die bunte Decke hindurch. »Steh auf Toma, steh auf! Ich kann die Zeit nicht aufhalten. Erinnerst du dich noch, als ich einmal die Mutter der Zeit gebeten habe, sie alle zum Schlafen zu bringen? Alle Bäume im Dorf sind daraufhin ausgetrocknet.


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Und nur mit Mühe und zusammen mit der Ziehmutter der Blumenprinzessin musste ich die ganze Nacht alle Bäume mit Zaubersprüchen beschwören und gießen. Aber dir ich kann helfen, Toma. Also komm, steh auf!« »Und du versprichst mir, dass ich nie so starke Arme bekommen werde wie mein Vater? Und nie so lange Beine wie mein Großvater? Ich werde nie so vielbeschäftigt sein wie meine Mutter und nie so viel Kummer haben wie meine Großmutter?« »Ich verspreche es dir, Toma! Du brauchst einfach nur aufzustehen. Aber sei vorsichtig! An deinem Bett stehen viele Traumzwerge. Tritt nicht auf sie.« Genauso schnell wie drei Tropfen bei starkem Regen an die Fensterscheibe klopfen konnten, saß Toma ruckzuck auf Taubohrs Rücken. So flogen sie gemeinsam zu dem Direktor der Schule namens Kind bleiben für immer und ewig. Der Schuldirektor, ein stattlicher Mann, bestand komplett aus Spielzeug. Er war zwar ein Wirrkopf, aber immer fröhlich gestimmt. Nicht alle kamen mit ihm klar. Doch er war für die Prüfungen zuständig. Entschlossen stand Toma dem Direktor gegenüber. »Ich will für immer Kind bleiben!«


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Aber so einfach ging das nicht. »Was? Du glaubst doch wohl nicht, dass alle Erwachsenen sich zusammen tun werden, um dir täglich eine Tafel Schokolade zu geben?« »Doch, natürlich glaube ich das. Ich will doch für immer Kind bleiben«, antwortete Toma energisch. Er hielt sich genau an Taubohrs Anweisung, willensstark aufzutreten. »Bist du bereit, Unterricht im richtigen Lügen zu nehmen, um niemals die böse Wahrheit zu sagen?«, hakte der Direktor mit prüfendem Blick nach. »Ja, selbstverständlich.« »Hast du dich etwa dazu entschlossen, auf deinen Knien immer wieder blaue Flecken zu holen, weil du es nicht schaffst, richtig Fahrradfahren zu lernen?« »Ja, klar!« »Weißt du, dass andere Kinder immer besseres Spielzeug haben werden als du?« »Kein Problem.« »Uuuuund« – hier räusperte sich der Direktor nachdrücklich –, »bist du wirklich bereit, jeden Morgen ekeligen Brei zu essen? HAFERBREI mit Butter? Und dann das Kneifen in die Wangen zu erdulden, diese angeblichen Streicheleinheiten der fürchterlichen lieben Erwachsenen? Eines der größten Verbrechen der Menschheit?«


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Diese Frage schien die allerkomplizierteste zu sein, aber Toma wollte so sehr für immer Kind bleiben, dass er zwar leiser, aber trotz allem fest entschlossen antwortete: »Ja, ich will!« Und so bestand Toma die erste Prüfung. Es standen noch einige weitere Prüfungen an, die auch nicht leicht waren. So musste er zum Beispiel viel Zeit mit seiner Mutter und den Zwergentrainern verbringen und Märchenbänder nähen. Aber wozu wäre sonst die beste Freundin Eule Taubohr da? So erfahren und allwissend. Selbstverständlich stand sie Toma stets zur Seite und half ihm bei den Prüfungen. Pünktlich zum Halbmondfest, genau dann, wenn die Hexen den Eimer voller Wasser an der taumelnden Mondsichel aufhängen und das Wasser trotzdem nicht überläuft, wurde Toma zum Zwerg getauft.

Wie die Großmutter Toma weckte Denkt ihr, Zwerge erkennt man sofort, wenn sie vor einem stehen? Stellt ihr sie euch in bunten Uniformen mit hochgekrempelten Ärmeln vor? Nein, meine Freunde, es sind gewöhnliche Kinder. Kinder in


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kurzen Röcken oder Hosen. Mit schön geflochtenen Zöpfen oder gekämmten Haaren. Morgens sind ihre Schulranzen schön ordentlich gepackt und abends herrscht in ihnen ein riesen Durcheinander. Mal bekommen sie gute Noten, mal eher nicht so gute. Stellt euch vor, hin und wieder schwänzen sie auch. Aber nur nicht dann, wenn die ganze Klasse einen Ausflug in den nahegelegenen aufregenden Tannenwald macht. Was sie gar nicht leiden können, ist, jeden Morgen Marmeladenbrote zu frühstücken und dazu süßen Tee trinken zu müssen. Das Einzige, was sie von den gewöhnlichen Kindern


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unterscheidet, ist, dass sie um Mitternacht von ihrer ganz persönlichen Eule besucht werden. Die Eulen kommen, um sie zum Zwergenreich zu bringen. Dort wird allerlei geübt. Zum Beispiel, wie man mit der eigenen Stimme das andere Ende der Welt erreichen kann, wie man sich am besten im Kohl versteckt und viele andere Künste der Zwergenmeister. Aber die wollen wir nicht alle verraten. Auch Zwerg Toma war auf dem ersten Blick wie alle anderen Kinder. Genau wie sie hasste er es, morgens früh aufzustehen. Besonders dann, wenn er die ganze Nacht schwer geübt hatte. »Man sollte alle, die einen am Morgen wecken, dazu zwingen, drei Teller Haferbrei zu essen«, dachte er zu sich und rief stattdessen der Großmutter zu: »Nur noch zwei Minuten, Großmutter! Zähle bis 120, dann stehe ich auf.« Großmutter kannte natürlich all diese Spiele. Sie sollte zählen und zählen. Sie könnte bis 1000 zählen. Und was dann? Es würde ja sowieso mit der Ausrede – Bauchschmerzen – enden. Aber wie Großmütter eben so sind, fing sie trotzdem laut an: »Eins, zwei, drei, vier …« »Mir tut ein Auge weh, Großmutter!« »Wieso nur eins?« »Es ist von den Träumen müde geworden.«


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