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GUTE IDEE
Studierende gründen Unternehmen
Was haben Zitronenlimo ohne Kohlensäure, Leder aus Hanf,
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Sensortechnik für Rohre und Brand-vermeidende Steckdosen gemeinsam? Es sind kluge Ideen von Studierenden hessischer Hochschulen. Vier Porträts von Unternehmensgründer:innen für eine bessere Zukunft. ›› Text: Jürgen Mai
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Wollen Verluste von Trinkwasser vermeiden: Christopher Dörner, Valerie Fehst und Tri-Duc Nghiem (v.l.) von Pipe Predict.
MIT KÜNSTLICHER INTELLIGENZ GEGEN WASSERVERLUSTE
126 Milliarden Kubikmeter Trinkwasser gehen weltweit jedes Jahr durch Rohrbrüche oder Risse in Rohren verloren. An diesem Problem setzt Pipe Predict an. Die Vision des Unternehmens, das von drei Studierenden der TU Darmstadt gegründet wurde, lautet: eine Welt ohne unnötige Energie- und Wasserver© Michael Matlon on Unsplash luste. Um das zu erreichen, setzt das Start-up auf Sensoren. Sie detektieren Leckagen in Rohrnetzen frühzeitig, können sie präzise lokalisieren und sogar künftige Rohrbrüche vorhersagen. Dabei wird künstliche Intelligenz genutzt, um Fehlinformationen aus den Daten herauszufiltern. Die Idee für diese Lösung hatte Physik-Studentin Valerie Fehst. Sie holte sich schließlich mit Wirtschaftsingenieur Christopher Dörner und dem Machine-Learning-Experten Tri-Duc Nghiem Verstärkung. Das Trio gründete die Pipe Predict GmbH im März 2020. 2021 wurde das Start-up mit dem Hessischen Gründerpreis ausgezeichnet.
›› pipepredict.com
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WIE AUS HANF LEDER WIRD
Machen aus Hanfresten ein Lederimitat: Montgomery Wagner, Lucas Fuhrmann und Julian Mushövel (v.l.) von Revoltech.
Lucas Fuhrmann, Julian Mushövel und Montgomery Wagner sind seit ihrer Schulzeit befreundet und haben zusammen Abi gemacht. Danach verstreut es sie in alle Wind- und unterschiedliche Fachrichtungen. Fuhrmann (VWL und Philosophie) macht irgendwann ein Praktikum bei einem Modehersteller – und ist enttäuscht von den Konzepten, die dort als „nachhaltig“ propagiert werden. Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Er möchte Textilien aus Agrarrohstoffen entwickeln, am liebsten regional. Gemeinsam mit Mushövel, der beim Maschinenbaustudium in Darmstadt bereits einiges zu Faserverbundwerkstoffen gelernt hat, und Wagner, der sein Politikstudium schon abgeschlossen hat und kaufmännische Expertise einbringt, beginnt er zu tüfteln. Fuhrmann sagt: „Wir arbeiten sehr grundsätzlich daran, wie man Materialien auf komplett neue, nachhaltige Art und Weise herstellen kann. Das geht nur, wenn man ganz unterschiedliche Ideen und Einblicke frisch kombiniert. Unsere unterschiedlichen akademischen Hintergründe spielen hier eine bedeutende Rolle.“ Die Verwendung von Hanfabfällen aus der Region bringt schließlich den Durchbruch. Die drei, mittlerweile unterstützt durch ein EXIST-Stipendium an der TU Darmstadt, gründen die Revoltech GmbH und produzieren LOVR. Das steht für lederähnlich, ölfrei, vegan und reststoffbasiert, spielt aber auch auf das englische Wort „leftover“ und damit die Verwertung von Abfällen an. Das Produkt ist zu 100 Prozent biologisch abbaubar und spart gegenüber echtem Leder 99,7 Prozent CO2 ein. Ab Mitte dieses Jahres möchte das Trio LOVR als Meterware produzieren und damit nicht nur die Mode-, sondern auch die Möbel- und Automobilindustrie ansprechen.
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Gleich drei der vier Gründer bei Jake‘s Lemonade sind aktuell noch im Studium: Vincent Kästle (Wirtschaftswissenschaften) und Paul Wohlan (Rechtswissenschaften) büffeln aktuell an der Goethe-Universität. Philipp Aleweld hat dort bereits einen Bachelor abgeschlossen und macht nun seinen Master in Mailand. Das Herz der vier Gründer gehört Limonade, und zwar im US-amerikanischen Stil, das heißt: ohne Kohlensäure. Durch Auslandssemester auf den Geschmack gekommen, stellten sie fest, dass das in Deutschland eine Marktlücke ist. Also machten sie sich selbst an die Entwicklung. Paul Wohlan sagt: „Im Rahmen unserer Firmengründung können wir das Gelernte direkt in der Praxis umsetzen und unsere Kenntnisse vertiefen. Zwar kann keiner von uns behaupten, dass wir durch unser Studium wussten, was alles auf uns zukommen wird, jedoch bietet es das Werkzeug, um so ziemlich alle Aufgaben zu lösen. Die Mischung und die unterschiedlichen Fachkenntnisse aus Recht und Wirtschaft sind es, was uns als Team so stark macht.“ Abgefüllt wird Jake‘s Lemonade in besonders leichte Glasflaschen, die zudem mit einem eigenen Mehrwegsystem wiederverwendet werden. Wohlan sagt auch: „Das Produkt selbst soll unser Studium nicht widerspiegeln oder gar verkörpern. Im Gegenteil: es soll für Leichtigkeit, Freiheit, Weltoffenheit und die schönen, entspannten Seiten des Lebens stehen.“ Kostproben gibt’s bei Tegut, in einzelnen Tankstellen, Edeka- und Rewe-Filialen.
›› jakeslemonade.de
© Daniel Tausis on Unsplash
Das Team von Jake‘s Lemonade
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EINE STECKDOSE, DIE BRÄNDE VERHINDERT
Mit einem Brand im Partykeller fing es an. 2015 brannte es im Haus des besten Freundes von Fabian Goedert. Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass eine defekte Mehrfachsteckdose der Auslöser war. Seitdem gärt die Idee, ein Produkt zum Thema Brandschutz zu entwickeln. Zumal Goedert wie auch Privat und beruflich ein Paar: Sophia Reiter und Fabian Goedert seine Freundin Sophia Reiter schon seit vielen Jahren in der freiwilligen Feuerwehr aktiv sind. Im Durchschnitt (Mitte), hier bei der Verleihung des Hessischen Gründerpreises brennt es in Deutschland jährlich 205.000 Mal. An rund 58 Prozent der Brände ist Elektrizität direkt oder indi-mit Dr. Ingo Wiedemeier (l., Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse) und Tarek Al-Wazir, hessischer Minister für Wirtschaft, rekt schuld. Durch das Studium an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen – Reiter studiert ElektroEnergie, Verkehr und Wohnen. technik für regenerative Energiesysteme, Goedert Bauingenieurwesen – nimmt das Thema weiter Fahrt auf. Die beiden entwickeln BEBBS. Die Abkürzung steht für Branderkennungs- und Brandbekämpfungssystem. Das System erkennt Brände und kann sie ohne menschliches Eingreifen verhindern. Reiter erklärt: „Unser BEBBS kann in fast jedes elektrische Klein- und Großgerät eingebaut werden, von der Mehrfachsteckdose über den Fahrzeugbau bis hin zu großen Industrieanlagen.“ Vor wenigen Monaten haben Goedert und Reiter, ebenfalls mit dem Hessischen Gründerpreis ausgezeichnet, die Firma FISEGO Brandschutz gegründet.