Nachfolge (ist nichts) für Feiglinge - 9783865066817

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Adrian Plass Warum ich Jesus folge Das Glaubensbekenntnis des frommen Chaoten Aus dem Englischen von Christian Rendel


4. Auflage 2006 © Copyright der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers Originaltitel: Why I follow Jesus © 2000 by Adrian Plass First published in Great Britain in 2000 by HarperCollinsReligious Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg


Zu meinem Job gehört es, dass ich viele Menschen treffe und ihnen zuhöre. Manchmal bin ich überwältigt davon, wie viele Leute es gibt, die unablässig mit tiefen Verletzungen und chronischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Als einmal diese dunkle Wolke des Schmerzes weniger Licht als je zuvor durchzulassen schien, schrieb ich das folgende Gedicht. Stammte es aus einer anderen Zeit und Weltgegend und wäre es besser geschrieben, so hätte man es vielleicht einen Psalm nennen können. Winteranbruch wie ein fahler Mond am Himmel, schert sich keinen Deut um das Geschick der Menschen, sieh, wie die Krähen, schwarzen Müllsackfetzen gleich hernieder schweben, um zu rauben, was sie finden, und es gibt nichts zu sprechen. Im Schlaf des Winters, da hörst du die traurigsten Schreie, die kreisenden, kreischenden Möwenseelen von Frau’n und Männern, die man vorzutreten lehrte bis an den Rand, doch als sie stürzten, merkten sie, dass sie nicht fliegen konnten. Es treibt dich in den Wahnsinn, sag ich dir, treibt dich hinaus zu langen Märschen am herzlosen Meer, du weinst und wütest und beschwörst den Einzigen, der es wahrhaftig weiß: Nun sag mir, sag mir, sag mir, sag warum so viele Herzen brechen.

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Dieses Buch ist jener besonderen Gruppe von Menschen gewidmet, die Gott, der Vater, so leidenschaftlich liebt – denen, die ein gebrochenes Herz haben.

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Warum ich Jesus folge Warum folge ich Jesus? Es mag töricht sein, diese Frage zu stellen, denn ich habe vor, sie auf diesen Seiten wahrheitsgemäß zu beantworten, und wenngleich es zweifellos stimmt, dass die Wahrheit uns frei machen kann, kann sie uns auch in ziemliche Schwierigkeiten bringen. Wohlgemerkt, wenn ich wollte, könnte ich diesen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, indem ich eine Antwort gebe, die völlig zufriedenstellend wäre für Leute, die jene Risse, durch die das Leben für viele von uns gewöhnlichen Gläubigen zu einem verschlungenen Irrgarten wird, lieber zubetonieren möchten. Hier ist sie: Christus ist für uns gestorben und auferstanden, und dieser Akt der Erlösung rettet uns vor der ewigen Trennung von Gott, wenn wir unsere Sünden aufrichtig bereuen, uns taufen lassen und an ihn glauben. So, das wär’s. Ende des Buches. Das ist rein technisch gesehen die Wahrheit des Evangeliums, eine Wahrheit, die ich vor mehr als dreißig Jahren akzeptiert und befolgt habe, und ich glaube daran – meistens. Was für eine bessere Motivation könnte es geben? Natürlich keine, und doch verkörpert diese kahle Aussage allein noch nicht das Herz meiner Motivation, Jesus zu folgen. Sollte man nicht meinen, dass ich nach all diesen Jahren die Quellen meines Glaubens erfolgreich identifiziert haben könnte? Schließlich ist es eine ziemlich lange Zeit. Ich habe mir mühsam mit dem Taschenrechner ausgerechnet, dass ich wahrscheinlich an ungefähr 1.620 Gottesdiensten zuzüglich einer ebenso großen Zahl Treffen während der Woche teilgenommen habe. Das bedeutet, dass ich bei 3.250 verschiedenen Gelegenheiten mit der Bibel, dem 7


Evangelium und meinen Mitchristen in Berührung gekommen bin – mindestens! Nicht gerechnet die Male, wo ich zufällig im Fernsehen darauf gestoßen bin. Beängstigend, nicht wahr? Da müsste mir doch mittlerweile alles klar sein? Ich fürchte nein. Es dauert sehr lange, zu lernen, dass man nichts weiß – oder zumindest sehr wenig. Warum folge ich immer noch Jesus? Ich habe in der Wirre meiner Gefühle und Gedanken nachgegraben, um einen ganzen Haufen Antworten für Sie zu Tage zu fördern, und die erste, auf die ich zu sprechen kommen werde, ist, für mich zumindest, eine der wichtigsten.

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1 Ich folge Jesus, weil ... ... ich für immer mit meinen Freunden zusammen sein möchte

Ist ja gut und schön, aber es beantwortet nicht die naheliegendste Frage, nicht wahr? Wer sind meine Freunde? Nun, wenn ich mir diese Frage stelle, denke ich natürlich sofort an meine Frau Bridget und an meine Familie sowie an jene engen Freunde, die mich lieben und die ich liebe. Natürlich möchte ich mit all den Leuten zusammen sein, die in meinem Leben so wichtig sind, aber darüber hinaus gibt es noch allerhand klarzulegen. Wie wichtig dieser ganze Bereich Jesus ist, können Sie sehen, wenn Sie die letzten Kapitel des Johannesevangeliums lesen. Jesus hört sich fast wie eine Mutter an, die ihrer Familie einzuhämmern versucht, dass irgendjemand die Verantwortung dafür übernehmen muss, den Kanarienvogel zu füttern, während sie weg ist, sonst wird er eingehen, denn normalerweise ist sie es, die sich regelmäßig darum kümmert. Immer wieder und wieder beschwört er die Jünger, einander zu lieben. Wir sind seine Freunde, wenn wir seine Gebote befolgen, und sein Gebot ist, dass wir einander lieben. Und diese Liebe sollen wir, wie er sagt, nicht nur denen entgegen bringen, die uns nahe stehen und zu unserem kleinen Winkel des Reiches Gottes gehören, sondern zu allen Christen in aller Welt. Sein Beispiel steht uns vor Augen – der allmächtige Gott, der bereitwillig Jesus sandte, damit er sich um unsere offe9


nen Schnürsenkel kümmert. Zufällig verstehen Bridget und ich einiges von offenen Schnürsenkeln. Die Gemeinde Jesu erinnert uns oft an die Wanderungen, die wir mit Heimkindern unternahmen, als wir noch als Sozialarbeiter in einem Heim lebten. Vorneweg ging bei diesen denkwürdigen Wanderungen unser Kollege Mike, ein Sportler mit mächtigen Schenkeln, ohne jede Phantasie und mit richtiger Wanderausrüstung, begleitet von seinem eifrigen Fanclub von Kindern, die alle aussahen wie ein Werbespot für ein gesundes Frühstücksmüsli. Dann, im Mittelfeld, kam ich mit den intelligenten, aber problembeladenen, leistungsverweigernden Brillenträgern unter meinen Fittichen. Wir spekulierten stets spöttisch über die poetische, philosophische und künstlerische Bedeutung des Wanderns. Und ganz hinten sah man Bridget, die den Dicken und Langsamen zur Seite stand, und denen, deren Schuhe niemals zu blieben, denen die Füße weh taten und die nicht daran glaubten, es je schaffen zu können, und denen, die nur mitgekommen waren, weil sie sich vor etwas anderem drücken wollten, und sich nun wünschten, sie hätten lieber das andere auf sich genommen, was immer es war, was sie hatten umgehen wollen. Wenn Sie so wollen, gingen die Triumphalisten voraus, die Liberalen kamen im Mittelfeld und die Diener machten den Schluss. Ich muss ehrlich sein und sagen, dass meine Sympathien in jedem Fall den Dienern gehören. Sie wissen ja, jede dieser Gruppen ärgert sich hin und wieder über die anderen. Die Triumphalisten an der Spitze ärgern sich über die Gruppe am Ende, weil sie alles aufhält, während sie doch in noch schnellerem Tempo in noch größere Höhen vordringen wollen; und sie ärgern sich über die Gruppe in 10


der Mitte, weil die so unkonzentriert, abstrakt und irrelevant ist. Die Diener am Schluss ärgern sich über die Triumphalisten, weil sie einfach nicht warten wollen und offenbar am liebsten ihre eigene kleine Gruppe bilden würden, und sie ärgern sich über die Gruppe in der Mitte, weil sie so vage und nutzlos zu sein scheint; und die Gruppe in der Mitte ärgert sich über jeden und alles, was sie in eine so vulgär engagierte Position wie vorne oder hinten zu versetzen droht. Könnten wir nur von Zeit zu Zeit die Position wechseln, so würden wir vielleicht erstaunliche Dinge entdecken – nicht zuletzt, dass die Nachhut am Ende der Reise mehr geleistet haben wird als alle anderen, falls sie es schafft, und das wird wahrhaftig ein gewaltiger Triumph sein! Genau wie diese Kinder sich immer untereinander kabbelten und stritten, müssten viele von uns Christen ehrlicherweise wohl zugeben, dass sich unsere Feinde oft aus dem Kreis unserer Freunde rekrutieren, aus der Gemeinde selbst. In bestimmten Teilen der Welt, die ich besucht habe, sind manche religiösen Gruppen näher daran, einander Feinde zu sein als Freunde. Wo das so ist, täten wir gut daran, uns zu erinnern, dass Jesus nicht nur darauf bestand, dass wir unsere Freunde lieben, sondern ebenso auch unsere Feinde. Ich folge Jesus, weil ich mit meinen Freunden zusammen sein möchte, und wenn ich im Himmel mit ihnen zusammen sein will, dann muss ich auch jetzt mit ihnen zusammen sein. Ich muss ihre Sünden und Fehler annehmen, denn selbst wenn ich sie nicht mag, sind sie doch Freunde eines gemeinsamen Freundes, und dieser Freund ist Jesus, und er ist der Freund, mit dem ich vor allen anderen zusammen sein möchte. Unsere Gemeinde hier ist sein Leib. Liebe ich ihn? Wie lange brauche ich noch, um endlich mein Kreuz auf mich zu nehmen und zum Ort des Todes zu tra11


gen, meine Rechte und meinen Groll und meine Hintergedanken in den Tod zu geben, um so, wenn es nötig ist, aus der Gruppe heraustreten zu können, die mich anzieht, oder aus der Stimmung, in der ich bin, oder aus dem Charakterzug, der mich gefangen halten will, und das sein kann, was ich an dem Ort sein muss, wo ich am meisten gebraucht werde? Doch es ist nicht nur die Liebe zum Leib Christi auf Erden, die mich motiviert, ihm zu folgen. Es ist Jesus selbst. Durch ein Wunder der Freundlichkeit Gottes selbst darf ich ihn meinen Freund nennen. Mit ihm möchte ich wirklich für immer zusammen sein.

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2 Ich folge Jesus, weil ... ... ich nicht weiß, wo ich sonst hin soll, und überhaupt würde es mir sehr schwer fallen, damit aufzuhören

Freunde von mir, die sich irrtümlich für Satiriker halten, äußern gern die Meinung, meine Hauptgründe, am Glauben festzuhalten, seien praktischer und kommerzieller Natur. Sie meinen, für jemanden, der davon lebt, dass er über den christlichen Glauben schreibt und spricht, wäre es finanzieller Selbstmord, wenn ich öffentlich meine Bekehrung zum Atheismus oder zur Anbetung zweizehiger Frösche bekannt geben würde. Wenn sie erst einmal richtig in Fahrt sind, deuten diese angeblichen Freunde des Weiteren an, jedwede Tugend, die ich an den Tag lege, basiere ausschließlich auf dem Wissen, dass es ähnlich katastrophale Auswirkungen auf meine Karriere hätte, wenn ich eine Affäre hätte oder irgendeine andere schwerwiegende, sichtbare Sünde begehen würde. (Diese letztere Theorie ist natürlich völliger Unsinn. Wir haben doch alles schon erlebt, wie man das macht. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie sind ein christlicher Autor, der eine Affäre hat. Okay, alles, was Sie tun müssen, ist, nach einer Anstandspause Buße zu tun und dann eine ganze Serie hilfreicher und lukrativer Bücher mit Titeln wie Gott sammelt Scherben auf, Neue Häuser aus alten Steinen und Gott wird dir vergeben zu schreiben. Gar keine schlechte Verdienstmöglichkeit im Grunde.) 13


Natürlich ist das alles totaler Quatsch, obwohl ich mich manchmal tatsächlich frage, ob Gott mich vielleicht in seiner großen Weisheit, da er mich so gut kennt, tatsächlich bewusst in eine Lage manövriert hat, in der mehrere tausend Leute alles, was ich anstelle, im Auge behalten können. Wer weiß? Nein, diese albernen negativen Gründe, bei Jesus zu bleiben, sind nichtig, verglichen mit zwei ganz anderen Arten von Motivation, die zwar immer noch scheinbar negativer Art, aber dennoch sehr wichtig sind. Die erste ist, dass ich nicht wüsste, wo ich sonst hin sollte. Simon Petrus, der Fischer am Haken Jesu, hat das im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums unübertroffen ausgedrückt. Alle hatten sich über die außergewöhnliche Behauptung Jesu aufgeregt, er sei Brot, das vom Himmel herabgekommen sei, und wer von ihm esse, werde ewig leben. Während viele seiner Jünger sich abwandten und mit Brummen und Mosern deutlich machten, dass sie ihm nicht länger nachfolgen wollten, wandte sich Jesus an seine ersten zwölf Anhänger und fragte sie (in ziemlich kläglichem Ton, wie ich mir immer vorstelle): „Ihr wollt doch nicht etwa auch weggehen, oder?“ „Herr“, sagte der gute alte Simon Petrus, „wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ Und so ist es, nicht wahr? Wir spüren, dass Jesus die einzigen verfügbaren Schlüssel zu einem wirklichen, tatsächlichen „Und sie lebten glücklich bis in alle Ewigkeit“ in der Hand hält. Wir verlassen uns darauf, dass er die Antworten auf jene Fragen kennt, die von dem Augenblick an, wo wir entdecken, dass der Tod unausweichlich ist, wie Monster in der Dunkelheit unseres Innern lauern. Wir spüren in den Knochen, dass er allein dafür sorgen kann, dass die Erzäh14


lung des Lebens einen Anfang, eine Mitte und ein befriedigendes Ende hat. Er ist die Erklärung und Lösung des Rätsels, warum Männer und Frauen, wenn sie Dramen, Romane und Geschichten genießen, eine Dimension tiefer Sehnsucht nach der klaren und rationalen Vollständigkeit erleben, die diese uralten menschlichen Beschäftigungen kennzeichnet. All diese Wahrheiten, wenn wir sie vielleicht auch manchmal nur undeutlich wahrnehmen, leuchten dem verlorenen Kind in uns wie Leuchttürme und machen es sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, etwas anderes zu tun als dabei zu bleiben und abzuwarten, wohin er uns als nächstes führen wird. Alle Wege außer diesem, wie gefährlich lang und wie verlockend sie auch sein mögen, sind letztlich Sackgassen. Der zweite negative Grund, warum ich Jesus folge, ist, dass ich keineswegs sicher bin, dass ich damit aufhören könnte, selbst wenn ich wollte. Es gibt eine ganze Menge Hinweise in der Bibel (schauen Sie sich einmal den Beginn des zwölften Kapitels des Römerbriefes an), dass der Glaube ein Geschenk ist, das von Gott sozusagen in mich hineingelegt wird. Er wird zu einem Teil von dem, was ich bin, und ist nur sehr selten als eigener Gegenstand sichtbar, so wie auch meine Nasenspitze etwas ist, das ich nur ganz gelegentlich zu sehen bekomme. Sicherlich sagt die Bibel auch, dass manche Leute ihren Glauben ablegen werden, aber wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem Sie vielleicht auch Ihre Nase loswerden wollten, wenn Sie Ihr ganzes Leben damit verbracht hätten, darauf zu schielen, anstatt sie natürlich und unbewusst in Verbindung mit Ihren anderen Sinnesorganen zu benutzen. Selbst in Momenten, wo ich wirklich denke, dass ich hart am Rand des Unglaubens oder der Desillusionierung stehe, passiert irgendetwas, das alles wieder auf den Kopf 15


stellt. Kennen Sie das, wenn Sie gerade einmal wieder ein besonders schäbiges Verhalten in den Reihen der christlichen Gemeinde beobachten und schon drauf und dran sind, sich angewidert von der ganzen Sache abzuwenden, und plötzlich merken Sie, dass Jesus über Ihre Schulter hinweg dasselbe Verhalten sieht und ebenso verzweifelt den Kopf schüttelt wie Sie? Es ist gar nicht so einfach, einem ganzen Glaubenssystem den Rücken zu kehren und trübsinnig davonzutrotten, wenn sein Begründer ebenso trübsinnig neben Ihnen her trottet. Irgendwo hörte ich, dass einmal in einem der Todeslager des zweiten Weltkrieges die leidenden jüdischen Insassen Gott vor Gericht stellten, weil er sie so furchtbar im Stich gelassen hatte. Schließlich waren sie schon fast zu dem Urteil gelangt, dass er sie nicht nur im Stich gelassen hatte, sondern überhaupt nicht existierte. An diesem Punkt musste das Procedere jedoch abrupt abgebrochen werden, weil es Zeit für die Synagoge war. So ungefähr ist es auch, wenn man beschließen will, Jesus nicht mehr nachzufolgen. Ich kann vielleicht beschließen, dass ich keinen nasalen Apparat besitze, aber diese meine Entscheidung wird keinerlei Auswirkung auf die Existenz meiner Nase haben. Vielleicht sind Glaube und Unglaube wie zwei Seiten derselben Münze. Sie können die Münze umdrehen, aber Sie können die Seite, die Sie gerade nicht anschauen, nicht zum Verschwinden bringen. Es gab schon Zeiten in meinem Leben, in denen ich für diese Tatsache äußerst dankbar war. Wo sollte ich hin? Wie sollte ich aufhören? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen.

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3 Ich folge Jesus, weil ... ... er so gut im Judo ist

„Was?“ Das war die erste Reaktion eines Freundes, als ich ihm den Titel dieses Abschnitts nannte. „Ich bin vielleicht nicht der größte Bibelgelehrte der Welt“, fuhr er in ironietriefendem Tonfall fort, „aber ich bin einigermaßen sicher, dass in den Evangelien nichts davon erwähnt wird, Jesus habe seine Feinde über die Schulter geworfen, selbst als die Soldaten ihn aus dem Garten abholen kamen. Oder bin ich einer krassen Fehlinterpretation irgendeiner entscheidenden kleinen Passage aufgesessen, die im griechischen Urtext ein Wort enthält, das starke Konnotationen mit Kung-Fu aufweist?“ Nun, so meine ich das natürlich nicht. Mein Wörterbuch sagt mir, dass die wörtliche Übersetzung des japanischen Wortes Jujutsu „sanfte Kunst“ lautet. Ein Aspekt dieser sanften Kunst ist die Art und Weise, wie ein geschickter Anwender Gewicht, Tempo und Aggressivität eines Gegners benutzen kann, um ihn abzuwehren. Und genau das ist es, worin Jesus so gut war. Seine sanfte Kunst befähigte ihn, das Gewicht der Vorurteile, des Zorns, der Bedürftigkeit, der Einstellung oder des Verlangens andere Menschen zu benutzen, um sie, oft zu ihrer Überraschung und Verwirrung, an Orte zu versetzen, wo er sie haben wollte, obwohl sie selbst nie damit gerechnet hätten, sich dort wiederzufinden. Einige naheliegende Beispiele kommen mir in den Sinn. 17


Als man die Frau, die beim Ehebruch erwischt worden war, zu ihm brachte, weigerte sich Jesus, seine Zeit damit zu vergeuden, mit den Pharisäern und Anwälten zu streiten, die versuchten, ihn mit ihrer Frage nach der gesetzmäßigen Bestrafung der Frau aufs Glatteis zu führen. Stattdessen lautete seine Antwort, als sie schließlich kam, etwa so: „Ja! Ja, natürlich muss sie gesteinigt werden, so will es das Gesetz. Fangt gleich an. Los, steinigt sie. Einer von euch, der noch nie gesündigt hat, trete jetzt gleich vor und werfe den ersten Stein.“ Und schon hatte er, bildlich gesprochen, die ganze Schar über die Schulter geworfen. Nicht ein Stein wurde geworfen, und die Frau ging fort, um ihr Leben in Ordnung zu bringen. Diese Geschichte wird im Johannesevangelium berichtet, aber es gibt noch viele andere Beispiele göttlichen Jujutsus quer durch alle vier Evangelien. Lesen Sie einmal im zwanzigsten Kapitel des Lukasevangeliums nach, wie Jesus den Hohepriestern und Ältesten antwortete, als sie seine Autorität in Frage stellten, und ergötzen Sie sich an der Art, wie er im zweiundzwanzigsten Kapitel des Matthäusevangeliums der Frage nach den Steuern für den Kaiser begegnet. Dieselbe sanfte Kunst wandte er auch in vielen seiner Gleichnisse an. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter in Lukas 10 zum Beispiel nutzte unmittelbar die natürlichen Sympathien seiner Zuhörer und ihre schiere Freude an Geschichten, um sie zu locken, sich ihre Frage „Wer ist mein Nächster?“ selbst zu beantworten. Wie wir wissen, fiel diese Antwort ganz anders aus, als sie es sich vorgestellt hatten. Später im Neuen Testament können wir lesen, wie Paulus sich ein Beispiel an seinem Meister nimmt. Als die neugierigen Athener ihn im siebzehnten Kapitel der Apostelgeschichte über den christlichen Glauben befragen und er vor 18


einem heidnischen Altar steht, der „dem unbekannten Gott“ gewidmet ist, kreischt er nicht „New Age! New Age!“, wie es manche unserer modernen Geschwister wohl tun würden. Stattdessen nutzt er die Worte auf diesem Altar als Plattform oder Ausgangspunkt für seine Botschaft über den einzigen wahren Gott. Auch Paulus war ziemlich gut im Judo. Was mich traurig macht, ist, dass es in unserer Zeit nur noch so wenige Leute gibt, die sich in dieser Kunst üben. Traurig macht mich das deshalb, weil es den Menschen viel leichter fällt, zu Gott umzukehren, wenn ihnen erlaubt wird, die Reise wenigstens auf einer vertrauten Straße zu beginnen. Nur sehr wenige Leute reagieren geistlich positiv darauf, wenn man sie einfach nur ausschimpft, und doch ist es genau das, was wir oft tun, obwohl wir das Beispiel Jesu vor Augen haben. Viele Christen hegen tatsächlich die Befürchtung, ein kreatives Eingehen auf Nichtchristen sei eine Art Mogelei. Doch so kommen sie bestenfalls zu jener blutleeren Art des Evangelisierens, die niemanden anzieht, aber vielleicht viele abstößt. Neulich zum Beispiel rief mich ein Bekannter namens Robert an, um mich um einen Rat zu bitten. Er war gebeten worden, sechs Beiträge geistlichen Inhalts zu schreiben, die eine Woche lang täglich von seinem lokalen Radiosender ausgestrahlt werden sollten. In der Anweisung seines Produzenten hieß es, diese Gedanken für den Tag sollten kurz, heiter und unterhaltsam sein; sie sollten mindestens einen guten Gedanken klar zum Ausdruck bringen, und sie sollten jeden religiösen Jargon, der für kirchenferne Zuhörer unverständlich sein könnte, meiden. „Die Sache ist die“, sagte Robert, „ich habe die Texte geschrieben, und ich glaube, sie sind ganz in Ordnung so, aber ich wollte fragen, ob ich vielleicht vorbeikommen und sie 19


dir vorlesen könnte, um zu hören, was du darüber denkst. Du hast so etwas doch schon öfter gemacht, nicht wahr?“ Ich stimmte zu, wenn auch nicht ohne Zittern. Sicher, im Laufe der Jahre hatte ich etliche ähnliche Beiträge verfasst, aber ich hatte auch schon oft die Erfahrung gemacht, dass Leute mich drängten, mich absolut offen zu den Dingen zu äußern, die sie geschrieben hatten, und dann ziemlich verkniffen, in Tränen aufgelöst oder ganz einfach sauer waren, wenn ich sie beim Wort nahm. „Und du bist wirklich sicher“, sagte ich kurz vor dem Auflegen, „dass ich absolut ehrlich sein soll?“ „Lieber Himmel, natürlich!“, lachte Robert, als hätte ich einen albernen Witz gemacht. „Deshalb komme ich doch zu dir! Was hätte das sonst für einen Sinn?“ Als ich schließlich auflegte, beschwichtigte ich meine Befürchtungen mit dem Gedanken daran, dass Robert ein intelligenter, sensibler Mensch war, der schon viel Schmerz erlebt hatte. Das musste sich doch sicherlich in seinen Texten widerspiegeln? Wie sich herausstellte, war das bei einigen davon auch der Fall, doch einem der Texte schien es mir etwas an JudoGeschick zu mangeln. „Könnten wir uns den letzten Text über das Lottospielen noch einmal vornehmen?“, fragte ich. „Okay!“, nickte Robert. „Also, in diesem Text sagst du, dies sei eine sehr materialistische Zeit, und statt daran zu denken, wie sie eine Menge Geld gewinnen können, sollten Leute über ihr geistliches Leben nachdenken und erkennen, wie viel Jesus für sie getan hat. Im Grunde machst du ihnen sozusagen Vorwürfe, weil sie Lotto spielen, oder?“ „Na ja, ich bin damit nicht einverstanden.“ „Aber meinst du nicht, du könntest eine etwas positivere Route einschlagen, als einfach zu sagen, dass es schlecht ist 20


– als die Träume der Leute so total und unbarmherzig abzukanzeln?“ „Nun .. .“ „Warum spielen Leute Lotto?“ „Um reich zu werden.“ „Nun, so kann man es sehen. Man könnte aber auch sagen, dass sie sich danach sehnen, dass in ihrem Leben etwas ganz Wunderbares passiert.“ „Ja, aber Geld ist nicht –“ „Langsam, langsam! So weit sind wir noch nicht. Sie wollen, dass in ihrem Leben etwas Wunderbares geschieht, etwas, wodurch sich alles verändert. Wenn Jesus in ihr Leben käme, dann wäre das etwas Wunderbares, wodurch sich alles verändern würde, stimmt’s?“ „Richtig, und deshalb –“ „Also haben sie eigentlich das richtige Verlangen, nur vielleicht nach den falschen Dingen – einverstanden?“ „Ja, vielleicht, aber es ist doch das Verlangen nach Geld, das falsch ist. Das muss ich ausdrücken.“ „Robert, hast du schon einmal über die Tatsache nachgedacht, dass Jesus mehr als einmal Reichtum als Lohn für die Nachfolge angeboten hat?“ Robert rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum und schüttelte den Kopf. „Hat er nicht. Er hat gesagt, es sei ziemlich unmöglich für einen reichen Mann, in den Himmel zu kommen.“ „Und was, sagte er, sollen wir im Himmel sammeln?“ „Na ja, Schätze, aber damit meinte er kein Geld, er sprach von –“ „Langsam, langsam! So weit sind wir noch nicht. Er appellierte an den menschlichen Zug, der reich sein möchte, oder? Er sagt uns, dass es okay ist, reich zu sein, solange wir begreifen, was die wichtigste Währung von allen ist. Rich21


tig? Und wenn wir in den Himmel kommen und durch die göttliche Shopping-Zone bummeln, welche Währung wird das sein? Was wird auf dem Bündel himmlischer Banknoten stehen, die uns die Bankschalter-Engel aus dem Konto ausgezahlt haben, das wir während unseres Erdenlebens angespart haben?“ „Liebe?“ „Genau! Die Währung des Himmels ist Liebe, und wenn Jesus in unser Leben kommt, werden wir plötzlich zu Erben eines Vermögens, das wir in der Ewigkeit ausgeben werden. Vielleicht sollten wir zu den Lottospielern lieber sagen: ,Prima! Ihr habt genau die richtigen geistlichen Instinkte. Ihr wollt eine echte, bedeutende Veränderung in eurem Leben, und ihr wollt reich sein. Was ihr noch nicht verstanden habt, ist, dass ihr beides bekommen könnt, ohne eine müde Mark einzusetzen, und das bei erheblich besseren Gewinnchancen.‘ Wie findest du das, Robert? Denkst du, dass man so an die Sache herangehen könnte?“ Ich sah ihn hoffnungsvoll an. Er erwiderte meinen Blick wie eine Landratte, die auf einem fadenscheinigen Floß durch einen schweren Sturm treibt. „Also, ich, äh, ich glaube, ich lasse es lieber so, wie es ist.“ Das warf mich um, aber darum geht’s ja schließlich beim Judo, nicht wahr?

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4 Ich folge Jesus, weil ... ... er freundlich zu Leuten ist, die tief verletzt worden sind

Lassen Sie mich Ihnen nun von einem der wichtigsten Dinge erzählen, die mir je passiert sind. Ich hoffe, dass es Ihnen etwas Besonderes sagen wird und dass Sie dadurch vielleicht etwas mehr von der Barmherzigkeit Gottes begreifen und, was viel weniger wichtig ist, vielleicht auch mich etwas besser verstehen werden. Dieses Erlebnis hatte ich in den frühen Morgenstunden auf dem British-Airways-Flug BA 2028, als unsere Maschine auf dem Weg von der aserbeidschanischen Hauptstadt Baku zum Flughafen Gatwick in England durch den dunklen Himmel über Europa dröhnte. Ich war sowieso schon innerlich sehr bewegt. In Baku unterrichtete mein ältester Sohn Matthew englische Konversation an einer privaten Sprachschule. Als ich dort im Flugzeug saß, erinnerte ich mich an jenen unglaublichen Moment, als ich den kleinen Matthew zum ersten Mal gesehen und mir selbst zugeflüstert hatte, dass mir damit vielleicht zum ersten Mal ein Spielzeug geschenkt wurde, das eine echte Chance hatte, nicht kaputt gemacht zu werden. Und jetzt, kurz vor seinem vierundzwanzigsten Geburtstag, hatte ich ihn eine Woche lang besucht und eine Stadt voller faszinierender Extreme erkundet. Aserbeidschan, noch bis vor kurzem Teil der Sowjetunion, ist ein islamisches Land, dessen Umrisse – sehr passen23


derweise, wenn man seine Lage im Osten der Türkei bedenkt – an einen Adler erinnert, der von Westen nach Osten fliegt. Um die Jahrhundertwende war es eines der großen ölproduzierenden Länder, und vielleicht wird es das wieder sein, wenn das schwarze Gold wieder zu fließen beginnt. Einstweilen jedoch scheinen die Sowjets das Land ausgesaugt zu haben und dann wieder verschwunden zu sein, und zurück blieb ein Volk, das vielleicht den Willen, die Möglichkeiten und die Mittel verloren hat, sich einen erträglichen Lebensstandard zu sichern. An jeder Straße und in jeder Gasse sah ich Stände, an denen entweder billige Plastikartikel, Ersatzteile für die unter den miserablen Straßen leidenden Autos oder Schuhreparaturen feilgeboten wurden, unverzichtbar wegen der ebenso unebenen und verwahrlosten Bürgersteige. Mehrmals begegnete ich älteren Leuten, die resigniert neben alten, verstaubten Personenwaagen saßen, offenbar in der Hoffnung, dass der eine oder andere Passant vielleicht plötzlich den unwiderstehlichen Drang verspüren würde, gegen Bezahlung sein Gewicht zu erfahren. Manche Straßenstände, die oft, aber keineswegs immer von Kindern beaufsichtigt wurden, waren nicht mehr als Kartons, auf denen zwei oder drei Flaschen eines mit Kohlensäure versetzten Orangengetränks mit ungewissem Alter standen. Die Straßen waren voll von Taxis, hauptsächlich in Russland produzierten Ladas. Es waren so viele, dass schwer ersichtlich war, wer denn die potenziellen Fahrgäste sein sollten, wenn nicht andere Taxifahrer-Kollegen, deren Fahrzeuge auf der Strecke geblieben waren. Es war alles ziemlich deprimierend gewesen. Andererseits konnten manche Aspekte der aserbeidschanischen Kultur schon Neid erwecken. Ich bin Kindern begegnet, die zusammen im Dunkeln nach Hause gingen, ohne sich vor irgendwelchen Angriffen zu fürchten, und die 24


meisten Frauen, mit denen ich sprach, fühlten sich auf den meisten Straßen zu jeder Tages- und Nachtzeit ebenso sicher. Arbeitslosengeld gibt es in Aserbeidschan nicht, und die Alterspension beträgt nur rund acht Euro im Monat, aber dafür werden die Alten dort nicht vernachlässigt, im Stich gelassen oder in die Fremdbetreuung abgeschoben. Sie haben bis zum Tod einen Platz in ihren Familien. Ich fand die Leute in Aserbeidschan sehr gastfreundlich und gern bereit, das Wenige, das sie hatten, zu teilen. Matthews Apartment, das er mit zwei anderen Lehrern teilte, befand sich im zweiten Stock eines Hauses, das einmal eine geradezu palastartige Privatresidenz gewesen sein muss. Baku war voll von solchen Überbleibseln einer vergangenen Zeit, herrlich verzierten Gebäuden, die man so sehr hat verfallen und verrotten lassen, dass die dreckigen Treppenhäuser und Hinterhöfe den Kulissen für Oliver Twist glichen oder jenen alten Fotos aus den Armenvierteln des viktorianischen London. Wie ich hörte, waren Ratten ein ziemliches Problem in Baku. Ich blieb etwas unter einer Woche bei Matthew, genoss wie immer in vollen Zügen seine Gesellschaft und freute mich besonders darüber zu sehen, wie er in einer so fremdartigen Umgebung so gut seinen Mann stand. Manches an der Kindheit meines ältesten Sohnes, besonders die Zeit meiner Krankheit vor mehr als einem Jahrzehnt, war alles andere als einfach für ihn, und deshalb tat es gut, zu sehen, wie die Gegenwart die Vergangenheit auszulöschen begann. Als mein Aufenthalt zu Ende ging, fiel es mir schwer, Matthew zurückzulassen, nicht jedoch den Flughafen von Baku, sicherlich einen der deprimierendsten Orte der Erde, der mich stark an eine besonders billig gemachte Kulisse aus der alten Fernsehserie Mit Schirm, Charme und Melone erinnerte. 25


Als ich im Flugzeug saß und mich innerlich auf die mehr als fünfstündige Reise einstellte, dachte ich an die Menschen von Aserbeidschan und an Matthew, an den Rest meiner Familie, mit dem ich bald wieder vereint sein würde, und an die verschiedenen Herausforderungen, die mich zu Hause erwarteten. Ich spürte, wie ich ganz langsam in meine allzu vertraute Stimmung aus Selbstzweifeln und Verzagen glitt. Es gibt Zeiten, und dazu gehörte auch dieser Moment des Übergangs, in denen Glaube und Hoffnung leere Worte sind und all meine Bezugspunkte und Maßstäbe schwammig werden und aus meiner Reichweite davonschweben. Mancher von Ihnen weiß, was ich meine, wenn ich sage, dass ich beinahe erschauerte vor der Komplexität und Undurchschaubarkeit des schieren Lebendigseins, und aus einer tiefen Furcht vor irgendetwas tief in meinem Innern, das ich nicht benennen konnte (oder wollte), aus Angst davor, seine Existenz anzuerkennen. Seltsamerweise waren diese beunruhigenden Momente oft das Vorspiel zu einer wichtigen Lektion über Gott; vielleicht deshalb, weil es leichter ist, ein leeres Gefäß zu füllen als ein volles – ich weiß es nicht. Bei dieser Gelegenheit jedoch gab es keine unmittelbaren Anzeichen einer solchen Lektion, denn es ging mir schon bald wieder besser. Es ist doch erstaunlich und ein wenig deprimierend, nicht wahr, wie leicht das Servieren einer Mahlzeit und einer kleinen Flasche Wein solche düsteren Grübeleien vorübergehend zerstreuen können. Darüber hinaus erfuhr ich zu meiner großen Freude, dass zur Unterhaltung der Fluggäste Good Will Hunting gezeigt werden sollte, ein Film, der in jenem Jahr mit einem reichen Oscar-Segen bedacht worden war. Ich hatte diesen Film schon lange sehen wollen. Jetzt hatte ich endlich die Gelegenheit. Als die Vorführung begann, bedeckte ich mit beiden Händen die Kopfhörer über 26


meinen Ohren, um Nebengeräusche abzuschirmen, und setzte mich bequem zurecht, um mich für eine oder zwei Stunden gut unterhalten zu lassen. Good Will Hunting handelt von Will, einem jungen Mann, der zwar auf dem Gebiet der Mathematik bis zur Genialität begabt ist, auf Grund traumatischer Erlebnisse in seiner Kindheit jedoch in seinen praktischen persönlichen und sozialen Beziehungen unter einem schweren Handikap leidet. Der erste Hoffnungsschimmer kommt durch seine Begegnung mit einem unkonventionellen Therapeuten, gespielt von Robin Williams, der seinem Patienten nach einer Reihe von Sitzungen, durch die er immer mehr Zugang zu ihm gefunden hat, einen Ordner mit den Einzelheiten über seine problematische Vergangenheit hinhält und einfach sagt: „Es ist nicht deine Schuld.“ Der junge Mann weicht zurück, unfähig, eine solche Aussage zu verarbeiten, doch der Therapeut bleibt beharrlich, bis Will nach der vierten oder fünften Wiederholung dieses Satzes zum ersten Mal zusammenbricht und sich an der Schulter des Therapeuten ausweint. Ich weinte auch. Eimerweise. Eigentlich ziemlich peinlich. Um wen ich weinte? Nun, zum einen weinte ich um die Heimkinder, mit denen ich früher arbeitete. Mit vielen von ihnen hatte ich denselben Prozess durchlaufen und ihnen so deutlich wie möglich zu verstehen gegeben: „Manche Dinge sind zweifellos deine Schuld, und dafür musst du die Verantwortung übernehmen, doch diese Dinge hier, die Dinge, auf die du keinen Einfluss hattest, die Dinge, die in dir einen Wirbelwind aus Furcht und Zorn und Schuldgefühlen erzeugen, wann immer sie an die Oberfläche deines Bewusstseins steigen – die sind nicht deine Schuld, und das waren sie auch nie. Es 27


ist Zeit, das zu akzeptieren und nach vorn zu schauen.“ Manchmal hatte ich sogar vor dem Schlafengehen mit ihnen in ihren Akten geblättert, besonders dann, wenn sie kurz davor waren, zu Pflegeeltern zu kommen oder adoptiert zu werden. Für viele von ihnen war das eine Offenbarung. In solchen Momenten durfte ich Zeuge großer Tapferkeit und vieler Tränen werden. Ich weinte um Matthew, den ich stets sehr geliebt und geschätzt hatte, der aber dennoch seine eigenen handfesten Dämonen auszutreiben hatte, Dämonen, deren Gegenwart ganz sicher nicht seine Schuld ist; und ich wünschte mir, ich könnte zurückfliegen, um ihm dabei zu helfen, auch wenn er inzwischen sehr gut allein zurecht zu kommen scheint. Ein bisschen weinte ich um die Leute von Aserbeidschan, die offenbar immer von diesem oder jenem benutzt oder missbraucht werden, und besonders um die Kinder, die sich mit verwirrenden Veränderungen im historischen und politischen Ethos ihres Landes auseinandersetzen müssen, dem man die dritthöchste Korruptionsrate unter allen Ländern der Welt nachsagt. Sie haben zur Zeit so wenig, und dieser Mangel und die Verwirrung, die viele empfinden müssen, ist nicht ihre Schuld. Ich weinte sogar ein bisschen um mich selbst und um den Rest meiner Familie, deren Leben manchmal durch den undefinierbaren Schatten, der mich seit meiner Kindheit bedrückt, unverdientermaßen verdunkelt wird. Schließlich, und das ist mir wichtig, weil ich glaube, dass Gott möchte, dass ich das weitergebe, wohin immer ich gehe, weinte ich um die vielen Glieder der christlichen Gemeinde, die man nur über den Zorn und die Vergeltung und die Unbeugsamkeit Gottes belehrt hatte. Ich weinte um all die Männer, Frauen und Kinder, die nie richtig verstanden haben, dass Jesus, der Herr der Schöpfung, der zu Recht 28


Buße von allen verlangt, die zum Vater heimkehren möchten, mit tiefer Barmherzigkeit auf alle diejenigen sieht, die in ihrem Leben mit uralten Wunden zu kämpfen haben. Ihnen legt er sanft die Hand auf die Schulter und sagt: „Ich weiß, was sie dir angetan haben, ich weiß, wie sie dir weh getan und dir das Gefühl gegeben haben, schuldig und wertlos zu sein. Ich weiß, wie dir immer wieder die Vergangenheit in der Kehle hochsteigt, um dir den Lebensatem zu rauben, und ich weiß auch, dass das nicht deine Schuld ist. Bitte, lass mich dir das noch einmal sagen – es ist nicht deine Schuld.“

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5 Ich folge Jesus, weil ... ... man das darf, auch wenn man in praktischen Dingen, mit Technik im Allgemeinen und Computern im Besonderen völlig hilflos ist

Ich bin voller Bewunderung und größter Anerkennung für alle, die praktisch und technisch begabt sind. Alle Achtung, sage ich. Alle Macht ihren Ellbogen oder Fingerspitzen oder was auch immer. Die Sache ist nur die, dass die technische Revolution an mir völlig vorbeigegangen ist, und ich bin nur froh, dass Gebete nach wie vor nicht über das Internet laufen. Sicher, inzwischen komme ich mit meinem Computer soweit zurecht, dass ich darauf schreiben kann (was ich in diesem Moment auf ziemlich umständliche Weise tue), aber er ist trotzdem immer noch viel cleverer als ich. Hassen Sie das auch so wie ich, wenn Sie etwas geschrieben haben und dann ein Kästchen auf dem Bildschirm erscheint, in dem Sie gefragt werden: „WOLLEN SIE DAS WIRKLICH SPEICHERN?“ Ähnlich furchteinflößend finde ich den Geldautomaten an einer der Banken in unserem Städtchen Hailsham. Nachdem er einen aufgefordert hat, die Geheimnummer und den Betrag, den man abheben möchte, einzugeben, lautet die letzte Frage: „MIT ODER OHNE ERINNERUNG?“ In diesem Zusammenhang bedeutet das Wort „Bestätigung“ ver30


mutlich so viel wie „Beleg“ oder „Quittung“, aber ich entscheide mich immer für „OHNE ERINNERUNG“, denn ich fürchte, sonst könnte die Maschine einen Zettel ausdrucken, auf dem etwa stünde: Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie Ihr Geld in einem ziemlich beunruhigenden Tempo verbrauchen? Sie haben fünfzig Pfund angefordert, aber an Ihrer Stelle würde ich lieber dreißig nehmen. Sie wissen ja, wenn Sie es in der Tasche haben, geben Sie es auch aus, und nächsten Monat stehen einige Ausgaben an. Denken Sie doch dieses eine Mal nach! Geld wächst nicht auf Bäumen, wissen Sie ... Von den meisten praktischen Aufgaben (erst seit kurzem weiß ich, dass man mit einem Bohrhammer keine Nägel einschlagen kann), jeglichen Maschinen und allen Aspekten der Technik fühle ich mich völlig überfordert. Vor einiger Zeit zum Beispiel legte ich mir eines jener Geräte zu, die angeblich Telefon, Fax und Anrufbeantworter in einem sein sollen. Meine naive Hoffnung war, dass diese unglaubliche Erfindung mir das Leben viel leichter machen würde. Und theoretisch hätte das doch auch so sein müssen, oder? Schließlich benötige ich diese drei Funktionen regelmäßig. Der Text auf der Schachtel schien zu verheißen, dass mein neues Spielzeug so ziemlich alles für mich erledigen würde – außer mir morgens vor der Arbeit meine Rühreier mit Speck zu braten. Ermutigend fand ich auch, dass eines jener benutzerfreundlichen Handbücher beilag, die angeblich auch den begriffsstutzigsten Laien befähigen, seine Neuanschaffung erfolgreich für die tägliche Anwendung zu programmieren. 31


Nun ja, aber was die Verfasser dieser idiotensicheren Veröffentlichung mit Abschnittsüberschriften in fetter schwarzer Schrift und kleinen Cartoonmännchen, die lächelnd auf die wichtigsten Punkte deuteten, einfach nicht berücksichtigt haben, ist die Tatsache, dass ich das gewöhnliche, altmodische Idiotentum auf neue, schwindelerregende Höhen geführt habe. Wie die Verfasser so ziemlich jeder anderen leicht verständlichen Anleitung, die ich je gelesen habe, hatten diese wohlmeinenden Zeitgenossen die Neigung, plötzliche, wilde Sprünge zwischen einem Stein im Bach und einem anderen, unvorstellbar fernen anderen zu vollführen und mich hilflos in der Mitte dazwischen ertrinken zu lassen. Eines Tages werde ich ein spezielles Anleitungsbuch für alle Hohlköpfe wie mich schreiben – das heißt, vorausgesetzt, mein Computer ist so nett, mir das zu gestatten. Ich kann Ihnen versprechen, dass es nicht nur benutzerfreundlich, sondern geradezu benutzerliebevoll sein wird. Es wird Kapitel enthalten über Themen wie: Wie kocht man ein Ei, wie wechselt man eine Sicherung aus und wie stellt man ein Regal auf, das tatsächlich in der Lage ist, Gegenstände aufzunehmen. Diese Anweisungen werden ihre Leser sanft an den zitternden, unkundigen Händen nehmen und sie wie kleine Kinder in neue Welten des Selbstvertrauens und des Erfolgs führen. Der Abschnitt über das Auswechseln eines Reifens an Ihrem Auto zum Beispiel wird folgendermaßen beginnen: 1. Trinken Sie eine Tasse Tee (siehe Erstes Kapitel: Tee zubereiten). 2. Lesen Sie dieses Kapitel. 3. Trinken Sie noch eine Tasse Tee. 4. Geben Sie den Gedanken auf, den Reifen zu wechseln. 32


5. Kommen Sie zu dem Schluss, dass Sie es eigentlich gleich tun könnten, da Sie nichts Besseres zu tun haben. 6. Trinken Sie noch eine Tasse Tee. 7. Schlendern Sie gemächlich nach draußen und stellen Sie sich vor Ihren Wagen (in der Werde-gleich-überrollt-istmir-aber-egal-Position). Legen Sie ein lässiges Verhalten an den Tag. Falls das Auto nur den leisesten Verdacht schöpft, dass Sie etwas damit vorhaben, wird es einschnappen und schmollen. 8. Jetzt wird’s zum ersten Mal knifflig. Sehen Sie diese vier großen runden Dinger, eins an jeder Ecke Ihres Autos? Das sind die Räder. Eins davon funktioniert nicht richtig, weil das Gummiding namens Reifen, das außen herumläuft, nicht mit Luft gefüllt ist. Wir werden jetzt das ganze Rad abnehmen und stattdessen ein anderes anbringen. Glauben Sie in Ihrem tiefsten Herzen, dass etwas Derartiges möglich sein könnte? 9. Gehen Sie wieder hinein und trinken Sie noch eine Tasse Tee. Wiederholen Sie noch einmal, was Sie bisher gelernt haben, und dann werden wir wieder hinaus gehen, und ich werde Ihnen erklären, wie Sie herausfinden, welches Rad dasjenige ist, das ausgewechselt werden muss ... In normalen Anleitungsbüchern würden technisch gehandikapte Leute wie ich schon lange vor diesem Punkt die Anweisung erhalten haben, den „Seitenflansch im Verhältnis zum inneren Winkel des äußeren Randes zu invertieren“, oder irgendeine andere ähnlich sinnlose Aufforderung. Da wir keine Ahnung davon haben, was ein Flansch oder ein äußerer Rand ist und wo wir ihn finden, hätten wir schon längst aufgegeben und wären wieder hineingegangen, um eine Tasse Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen. Ich 33


glaube, mein Anleitungsbuch wird weggehen wie warme Semmeln, meinen Sie nicht? Wenn ich’s recht bedenke, sollte ich vielleicht auch ein Kapitel übers Semmelnbacken einfügen. Erstens, machen Sie die Küche ausfindig ... Wie auch immer, die Ergebnisse meines Versuchs, meine Telefon-Fax-Anrufbeantworter-Kombi richtig zum Laufen zu bringen, waren, gelinde gesagt, enttäuschend. Freunde, die auf einen kleinen Schwatz anriefen, wurden von einer furchteinflößenden Grabesstimme aufgefordert, auf eine Taste zu drücken, die sie nicht hatten, um eine Prozedur einzuleiten, von der sie noch nie gehört hatten; Leute, die versuchten, mir etwas zu faxen, wurden gebeten, nach einem „langen Ton“, der nie tatsächlich übermittelt wurde, eine Nachricht zu hinterlassen; und solche, die versuchten, eine Nachricht zu hinterlassen, wurden zur Zielscheibe einer Serie von Belehrungen, die sie unter anderem darüber unterrichteten, dass sie eine illegale Aktion begangen und sich einer Strafverfolgung ausgesetzt hätten. Ein Fachmann, den ich von der Telefonzelle am Ende unserer Straße aus anrief, untersuchte die ganze Situation und fand den schwerwiegenden Fehler in meinem System auf Anhieb. Mich. Es wurde von einem Idioten betrieben. Mit all diesen neuen Armbanduhren des Weltraumzeitalters bin ich auch nie zurechtgekommen. Mit steigendem Frust zu versuchen, mit einem stumpfen Bleistift winzige Knöpfe in der richtigen, unvorstellbar komplexen Reihenfolge zu betätigen, und das bei schlechtem Licht, wenn man gerade seine Brille verlegt hat, erscheint mir als ein überschätzter Zeitvertreib. Ich habe es einige Male versucht und bin daran gescheitert. Wenn Sie für eine Weile in dem Chaos meines Arbeitszimmers säßen, könnten Sie in unregelmäßigen Abständen abgelegte Digitaluhren aus den verschiedensten Verstecken überholte oder falsch eingestellte 34


Erinnerungssignale piepsen hören, wie kleine elektronische Frösche in einem Sumpf aus Heftern und Pappordnern und unbeantworteten Briefen. Ich bekomme sie nie zu Gesicht, und verstehen werde ich sie bestimmt niemals, aber ich muss zugeben, dass mir ihre Gegenwart ein stilles Vergnügen bereitet, besonders morgens. Der Dämmerungschor der verlorenen Digitaluhren ist zu einem Teil meines Lebens geworden. Meine Tochter kommt gut mit dem modernen Krimskrams zurecht, was ja auch gut ist, aber eines Tages, als sie etwa zehn war, kam sie mit einem gewöhnlichen Pappkarton an und fragte, ob wir daraus eine Kutsche für Honey, unseren Pflege-Hamster, machen könnten. Die Götter des Chaos haben ihre helle Freude, wenn ich mich mit Klebstoff, Schere und Pappe zu schaffen mache. Eine Gemeinsamkeit zwischen Katy und mir ist unser niederschmetternder Mangel an Talent auf diesem Gebiet, aber wir lieben es, zusammen ein völliges Chaos anzurichten, indem wir fieberhaft versuchen, etwas zu machen. Isambard Kingdom Brunel mag ja stolz gewesen sein, als er seine CliftonHängebrücke vollendet hatte (fahren Sie hin und schauen Sie sie sich an, wenn Sie noch nie in jenem Teil Bristols waren), aber wohl kaum stolzer als Katy und ich auf unsere klebrige, instabile, wackelige Ansammlung von Klorollenpappen und Teilen von Cornflakes-Packungen waren. Wir hatten sie gemeinsam gemacht. Honey brachte es fertig, uns durch Mimik und Gestik ihre Absicht kund zu tun, das Haus zu verlassen, falls wir sie zwingen sollten, in dieses Gefährt zu steigen, und ich kann es ihr nicht verdenken, aber es rollte immerhin ein wenig, und wir fanden es herrlich. Warum wohl hat Gott sich nicht diese Zeit der überlegenen Technik für den Besuch seines Sohnes ausgesucht? 35


Die meisten Leute sind nicht so wie ich, wenn es um diese Dinge geht. Die globalen Kommunikationssysteme des zwanzigsten Jahrhunderts wären doch bestimmt viel besser geeignet, als die Botschaft mühselig von einer Person zur nächsten weiterzugeben, oder? Offenbar nicht. Aber warum nicht? Vielleicht deshalb, weil es im Christentum schon immer gerade um diese Kommunikation von Person zu Person ging. Es ging dabei schon immer darum, dass Einzelne etwas Besonderes sind. Durch Kontakt von Mensch zu Mensch kommen mehr Leute zum christlichen Glauben als auf jede andere Weise. Es musste so anfangen. Und trotz aller gegenteiligen Anstrengungen von manchen, die sich Christen nennen, hat das Christentum überlebt. Wenn es auch instabil, wackelig, handgemacht und ständig reparaturbedürftig sein mag, rollt es doch immer noch auf seiner Straße entlang – und wir, als der Leib Jesu auf Erden, haben es gemeinsam gemacht.

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