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DEMO IN BLANKENESE

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MEIN ARBEITSPLATZ

MEIN ARBEITSPLATZ

FOTO: JANNIS GROSSE

Zwischen Realität und Wahrnehmung

Die Schnösel aus den Elbvororten?

Selten wurde der Wohlstand der Elbvororte so laut attackiert wie während einer Demonstration im August. Knapp 1.000 Demonstranten forderten mit markigen Slogans Solidarität in der Krise: Make the Rich Pay! Aber stimmen die Vorwürfe?

Stand eine Neuauflage des „Hafengeburtstags“ G20 bevor? Plündernde Horden, die am Ende nur noch durch

Spezialkräfte mit automatischen Waffen unter Kontrolle gebracht werden können?

Heute mag es etwas übertrieben erscheinen, aber als die Details der Demo bekannt wurden, die am 21. August in Blankenese stattfand, kippten Sorgen hier und da in pure Angst. Am Ende kamen statt den 3.000 Demonstranten nur knapp 700, die Schaufenster blieben heil und der Porsche stand nicht in Flammen. Die Polizei hatte mit ihrer Einschätzung recht und den„An Schnöselanekdoten noch: In den Elbvororten ist die Demo noch immer Gesprächsstoff und der lautaus dem Beritt starke Vorwurf: Euch geht’s mangelt es zu gut! nicht ...“ Man könnte es sich jetzt einfach machen und derartige Demonstranten als „linkes Pack“ diffamieren (so die Aussage in einem Blankeneser Geschäft), als weltfremde Gammler, Träumer oder was einem sonst noch so an Nettigkeiten einfällt. Elbvorortler könnten sich aber auch die Mühe machen und nachfragen, was dran ist. Was ist Realität, was Demagogie? An Schnöselanekdoten aus dem Beritt mangelt es selbstverständlich nicht. Die Neueste geht so: In Nienstedten wurde kürzlich eine öffentliche Toilette installiert. Wenig später klingelte das Telefon in der Redaktion und eine Nienstedtenerin stellt das Klo als eine Art staatlichen Vandalismus dar. Ein Taubenschiss der Stadt auf das schöne Elbdorf. Wörtlich: „Das brauchen wir nicht. Wir haben alle eine Villa mit zwei oder drei Klos!“ Die Stadt hat also Spaziergänger, Touristen und Menschen mit plötzlicher MagenDarm-Erkrankung um eine Sitzung in der nächsten Villa gebracht. Wie bedauerlich. FOTO: PETER ATKINS_ADOBESTOCK Während solche Vorkommnisse aber allenfalls in Sichtweite des Kirchturms Heiterkeit erzeugen, gehen andere viral. Als der diesen Mai verstorbene Unternehmer Bernd Kortüm von einem „Schnäppchen“ sprach, war der Zeitpunkt denkbar schlecht

Die Zahl der Millionäre in Deutschland und der Welt ist laut World Wealth Report trotz Corona weiter gestiegen. In Deutschland gibt es jetzt 1.535 Millionen Millionäre, nach 1.466 im Vorjahr. Die Reallöhne bleiben weit hinter diesen Steigerungen zurück.

FOTO: AXEL HINDEMITH

gewählt. 2016, die HSH Nordbank (deren Beirat Kortüm bis 2015 angehörte) hatte dem Unternehmer gerade 547 Millionen Euro an Kredittilgung und Zins erlassen, um die drohende Pleite seiner Norddeutschen Reederei H. Schuldt abzuwenden. Kurz darauf kaufte sich Kortüm die Segelyacht „Alithia“, angeblich für rund neun Millionen Euro. Und dann fiel der verhängnisvolle Satz: „Ein absolutes Schnäppchen.“

Wie immer in Wirtschaftsfragen gibt es mehrere Lesarten der Episode und wie immer lässt sich mit viel gutem Willen selbst dieser Fall als folgerichtiges Handeln eines kompetenten Menschen darstellen. Völlig im Einklang mit Gesetz und Moral. Man muss sich aber fragen, was realistischerweise in der Öffentlichkeit hängenbleibt und welche Schäden dabei entstehen.

Kortüm war neben seinen wirtschaftlichen Erfolgen und Pleiten auch als großzügiger Spender bekannt. Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass er jener skrupellose Turbokapitalist war, als den ihn einzelne Medien porträtierten. Aber auch er schien offenbar, ebenso wie die Dame mit den zwei Villenklos, die Gesellschaft außerhalb der eigenen Blase nicht mehr richtig wahrzunehmen. Dann wird aus neun Millionen schon mal ein absolutes Schnäppchen.

Man könnte hier nun fortfahren, mit Christian Olearius und der Cum-Ex-Affäre rund um die Warburg Bank ... oder aber sich der Gegenseite zuwenden.

Holen wir uns eben selber, was uns zusteht.

Make the rich pay.

Wer hat, der gibt!

Die Reichen müssen für die Krise zahlen.

Das sind nur einige der Slogans auf Spruchbändern und Tafeln. Sie versprechen Druck, Zwang, latente Gewalt. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, das schon, aber eben auch Gegenwehr und Verbissenheit. Wer sie liest, muss sich fragen, ob es den Demonstranten wirklich um die Sache geht oder vielleicht doch um das angenehme Prickeln, das Menschen vespüren, wenn sie die Moralkeule schwingen.

Denn sachlich haben sie Recht. Selbst konservative und marktliberale Forschungseinrichtungen bestätigen Jahr für Jahr: Die Schere öffnet sich auch in Deutschland. Die alte Theorie, nach der Wirtschaftswachstum einer Gesellschaft zugute kommt, ist löchrig und hat sich in einer Vielzahl von Fällen als Trugschluss er-

wiesen. In den USA haben die Reallöhne ihren Höhepunkt 1973 erreicht – seitdem sinken sie. 25 Fondmanager verdienen dort mehr als sämtliche 158.000 Kindergärtnerinnen des Landes zusammen. Deutschland ist von derartigen Exzessen noch entfernt, aber auch hier gibt es Einkommensunterschiede, die sich mit Qualifikation und Leistungsbereitschaft nicht mehr erklären lassen. Wer hierzulande ein Vermögen erwirbt, hat mit großer statistischer Wahrscheinlichkeit auch mit einem Vermögen begonnen. Hohe Einkommen haben sich darüber hinaus als erstaunlich krisenfest erwiesen und sind in der Lage, Institutionen für die eigenen Interessen in Stellung zu bringen. Ebenso richtig ist die Feststellung, dass der durchschnittliche Blankeneser eine vergleichsweise zivile Figur ist, die sich von radikaler Politik ebenso fernhält wie von Fremdenfeindlichkeit oder Snobismus. All das ist in der seriösen Debatte unstrittig. Umso befremdlicher, wenn Akteure auf beiden Seiten die Keule schwingen und den Schild hochnehmen, als gälte es, eine Art Schlacht zu gewinnen. Das sehen auch viele ElbBlankeneser wie der Schauspieler Christian Rudolf (l.) verstehen die vorortler. So sagte der Schauspieler und Anwohner Chrisgrundlegende Position der Demon- tian Rudolf der „taz“ kurz vor stranten der Demo: „Will man die Menschen erreichen, ist die Ansprache wichtig. Es bringt viel mehr, über Fakten zu reden, als zu sagen, wir ziehen uns die schwarzen Masken über das Angenehmes Prickeln beim Schwingen der moralischen Keule ... Gesicht und fahren zur Randale zum G20 in die Schanze. Das ist dümmlich und dient nur dem politischen Gegner.“ Internationale Bestseller wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (ein Wälzer mit 816 Seiten – so etwas liest kaum jemand ohne triftigen Grund) geben ein deutliches Signal, welche Bedeutung Menschen der Debatte um ungleiche Einkommen mittlerweile beimessen. Es dürfte im Interesse eines jeden sein, dass diese Debatte zu einer Lösung führt, mit dem ein ganzes Land leben kann. Blöde Sprüche werden da nicht helfen. Autor: tim.holzhaeuser@kloenschnack.de

Einkommensunterschiede lassen sich häufig nicht mehr mit Qualifikation oder Leistung erklären.

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