WIRTSCHAFT
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Milliardenprojekt mit grünem Herz Er ist derzeit das bedeutendste Infrastrukturprojekt der österreichischen Hauptstadt. Nur 2,5 Kilometer Luftlinie vom Stephansplatz entfernt, entsteht nicht nur der neue Hauptbahnhof, sondern ein ganzes Stadtviertel. Text: Katrin Litschko, Fotos: ÖBB/Stadt Wien
Von keinem anderen Punkt der Stadt aus lässt sich künftig besser reisen. Durch den Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel sowie die Anbindung an den Flughafen wird der neue Hauptbahnhof zu einem Verkehrsknotenpunkt. Ein „Schlüsselprojekt für Wien“ nennt Bürgermeister Michael Häupl die Großinvestition. Sie symbolisiere die „Drehscheibenfunktion der Stadt in der Mitte Europas“. Rund vier Milliarden Euro sind für das Projekt veranschlagt. Davon zahlt die Stadt Wien eine halbe Milliarde, private Investoren kommen für 2,5 auf und die Österreichischen Bundesbahnen treiben etwa eine Milliarde auf. Die österreichische Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie Doris Bures meinte: „Ein Infrastrukturprojekt von dieser Bedeutung und Dimension stellt eine Belebung der Wirtschaft dar. Es schafft Tausende Arbeitsplätze während der Bauphase und nach der Fertigstellung.“ Ohne Umsteigen von Bratislava nach Paris Im Dezember nächsten Jahres soll der Bahnhof bereits in Vollbetrieb laufen
Über 5000 Wohnungen werden rund um den neuen Helmut Zilk-Park in Favoriten gebaut.
und unkompliziert Ost und West miteinander verbinden. Bis Ende 2009 war der Südbahnhof Endstation von Süd- und Ostbahn. Wer gen Westen weiter wollte, musste mehrmaliges Umsteigen in Kauf nehmen oder lange Fahrtzeiten mit U- oder S-Bahn. Der neue Bahnhof wird nun als Durchgangsbahnhof errichtet und so werden erstmals Züge aus allen Richtungen miteinander verbunden. Durch
Der neue Hauptbahnhof wird Verkehrsknotenpunkt für 1000 Züge am Tag
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Wohnen für alle Lebenslagen Im Sonnwendviertel werden Wohnungen für Menschen verschiedener Altersklassen gebaut. Neben GenerationenWohnungen entstehen im Sonnwendviertel auch die ersten Smart-Wohnungen Wiens. Durch ihre optimale Flächennutzung und die erschwinglichen Mietpreise sind sie speziell für Paare, Alleinerziehende sowie Singles geeignet. Insgesamt werden 300 davon gebaut.
die Entstehung einer Nord-Süd- und OstWest-Verbindung bildet er einen zentralen Knotenpunkt im transeuropäischen Schienennetz. So kann man dann beispielsweise ohne Umsteigen von Bratislava nach Paris fahren. Christian Kern, der Sprecher des Vorstands der ÖBB-Holding AG ist überzeugt: „Der Bahnhof wird eine zentrale Stelle im europäischen Bahnnetz sein, auf die wir stolz sein können.“ Schnellere Zugverbindungen, einfacheres Umsteigen und bessere Anbindungen bringt der neue Bahnhof für die Fahrgäste mit sich. „Hunderte Planer, Baumanager und Bauarbeiter sind im Einsatz, damit das Projekt ab Dezember 2015 seine volle Funktion als internationale Verkehrsdrehscheibe erfüllen kann“, erklärte Franz Bauer, der Vorstandsdirektor der ÖBB Infrastruktur AG. Für die kommenden Generationen werde eine Bahnanlage geschaffen, die sich nicht nur durch Funktionalität, sondern auch durch Attraktivität und Nachhaltigkeit auszeichne. Für Reisende und Pendler wird das Umsteigen um einiges leichter. Der neue Hauptbahnhof
ist an das U-Bahn-System der Stadt angebunden, die S-Bahnen werden miteinander verknüpft und Straßenbahnen sowie Busse decken den Nahbereich ab. Barrierefreies, lichtdurchflutetes Wohnund Arbeitszentrum Der neue Hauptbahnhof steht auf dem Gelände zwischen dem ehemaligen Südund Ostbahnhof und dem Südtiroler Platz, wo sich auch der Haupteingang befindet. Auf 20 000 m² Fläche entstehen rund 90 Geschäfte, Gastronomie- und Dienstleistungsbetriebe. Auch Pendler wurden bei der Konzeption bedacht. Unterhalb des Bahnareals werden Garagen für über 600 Autos und drei Fahrradgaragen mit mehr als 1000 Stellplätzen gebaut. Außerdem gibt es zwei City-Bike-Stationen und EBike-Tankstellen. Am südlichen Vorplatz des Bahnhofs wird bis Mitte des Jahres die ÖBB-Konzernzentrale errichtet. In dem gläsernen Büroturm werden rund 2000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz finden. Bereits heute ist das moderne, futuristisch anmutende Dach des Bahnhofes zu einem unverwechselbaren Merkmal des Baus geworden. Dem Plan des Architekten Albert Wimmer folgend, dominieren vierzehn rautenförmige Teile die Form des Daches. Geschaffen wurde es aus Glas- und Stahlelementen. So strahlt viel natürliches Licht auf die fünf Gleise darunter. Das Sonnwendviertel – ein neuer Stadtteil beim Hauptbahnhof Doch in Wien entsteht nicht nur ein neuer Bahnhof, ein ganzes neues Stadtviertel wächst in seiner unmittelbaren Nähe aus dem Boden. Rund 13 000 Menschen werden dort in 5 000 Wohnungen ein neues Zuhause finden. Bereits im Vorjahr zogen die ersten Mieter in ihre neuen vier Wände. Außerdem werden Büros für 20 000 Arbeitsplätze geschaffen. Eine zentrale Lage in dem neuen Wohngebiet nimmt der Helmut-Zilk-Park ein, der nach dem ehemaligen Wiener Bürgermeister benannt wurde und sich über fast acht Hektar erstreckt. Für die Bildung und Betreuung der Bewohner sorgt ein Bildungscampus. Bereits ab Herbst wird ein ganztägiges Betreuungsprogramm für Kinder
Der Hauptbahnhof Wien von Norden aus gesehen. Seit Sommer 2013 wohnen bereits die ersten Mieter im neuen Sonnwendviertel.
und Jugendliche angeboten. Ein Kindergarten, eine Ganztagesvolksschule sowie eine neue Mittelschule werden eröffnet. Grünflächen, Nachhaltigkeit und Umweltschutz Bereits bei der Planung wurde großer Wert auf einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt gelegt. Insgesamt wurden drei Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt. Ein Beispiel für die Schutzmaßnahmen sind die rund 14 000 Lärmschutzfenster und acht Kilometer Lärmschutzwände. Die ÖBB haben sich bei der Errichtung des Hauptbahnhofs zudem zu einer umweltfreundlichen Baustellenabwicklung verpflichtet. Das gesamte wiederverwertbare Material – insbesondere Betonabbruch und Gleisschotter – wurde auf dem Gelände aufbereitet und wieder eingesetzt. Erdaushub, der auf der Baustelle nicht mehr verwendet werden konnte, wurde mit der Bahn abtransportiert. Um den enormen Bedarf an Beton decken zu können, produzierte eine baustelleneigene Betonmischanlage bis zu 180 m3 Beton pro Stunde. Dafür wurde sogar ein eigenes Ladegleis angelegt. So wurden die Transportwege von und auf dem Gelände minimiert.
Zeitplan • 2006: Die Einreichplanung und die strategische Umweltprüfung wurden begonnen. • 2010: Der Bau des Bahn-Infrastrukturprojektes fing an. • 2014: Bildungscampus und ÖBB-Konzernzentrale sollen fertiggestellt werden. • Für Dezember ist die Eröffnung des Wiener Hauptbahnhofs geplant. • 2015: Im Dezember soll das gesamte Gleisprojekt abgeschlossen sein und der Bahnhof im Vollbetrieb laufen. • 2019/20: Das Sonnwendviertel soll weitgehend vollendet sein.
Der neue Hauptbahnhof in Zahlen • 7 Hektar Grünfläche werden geschaffen • 100 km neue Schienen werden verlegt • 30 000 Menschen wohnen und arbeiten hier künftig • 1.090.000 m² Fläche umfassen der Hauptbahnhof und das anschließende Stadtviertel
Rund 13 Prozent des Gesamtenergiebedarfs werden mithilfe von Geothermie- und Fotovoltaikanlagen direkt am Hauptbahnhof generiert. Der Strombedarf am Wiener Hauptbahnhof wird insgesamt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen abgedeckt.
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