KULTUR
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Spätmoderne Slowakei – Gebaute Ideologie?
„Námestie slobody“ (Freiheitsplatz), Bratislava - Foto: Olja Triaška Stefanovič
Die Ausstellung im Ringturm soll auch dazu beitragen, in der Gesellschaft das Bewusstsein für diese Bauten zu schärfen. Lange wurde darüber diskutiert, ob im Untertitel der Ausstellung hinter „Gebaute Ideologie“ ein Fragezeichen stehen sollte. Denn die gezeigten Werke sind eigentlich mehr als eine architektonische Ambition, die gebaut wurde, zu verstehen, und weniger als eine Stein gewordene Ideologie. Doch müssen auch die Bauten der Spätmoderne im politischen Kontext ihrer Entstehungszeit gesehen werden.
Das 20. Jahrhundert in der Slowakei war überwiegend durch nichtdemokratische Regime gekennzeichnet. Wie sich dies auf die Architektur auswirkte, zeigt eine Ausstellung im Wiener Ringturm, die das Land zwischen Moderne und Totalitarismus positioniert. Von Katrin Litschko
Auch wenn der Titel „Spätmoderne Slowakei“ sich auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bezieht, lassen sich darin ebenso Werke finden, die unter faschistischem Einfluss entstanden. Dazu gehört etwa die ehemalige tschechoslowakische Nationalbank aus der Feder des Architekten Emil Belluš, der einige Bauwerke schuf, die noch heute das Bild der slowakischen Hauptstadt prägen. Die Nationalbank in der Štúr-Straße entstand Ende der 1930er Jahre, in einer Zeit zwischen Demokratie und den ersten Vorboten des Zweiten Weltkrieges. Beeinflusst vom italienischen Rationalismus sollte dieses Gebäude vor allem Macht demonstrieren. Um einen monumentalen Eindruck hervorzurufen, wurde die Fassade beispielsweise mit grobem Travertin verkleidet, die Größe der Fenster verringert sich nach oben hin. Wie
sorgfältig bei der Entstehung dieses Hauses gearbeitet wurde, sieht man heute. Denn abgesehen von der natürlichen Patina des Steins hinterließ die Zeit keinerlei Zeichen an dem Bau. Dies ist nicht bei allen in der Ausstellung gezeigten Werken der Fall. Klement Gottwald und die Lindenblüte An einer Wand hängen Fotos einer Brücke, die den Titel Jahrhundertbauwerk trägt. Gegenüber wird eine umgedrehte, vierseitige Pyramide gezeigt, die den Slowakischen Rundfunk beherbergt. Daneben ein Brunnen, mit einer massiven Lindenblüte in der Mitte. Viele der Werke in der Ausstellung führen in die slowakische Hauptstadt, wie der Platz der Freiheit (Námestie slobody). Er wurde immer wieder zur politischen Instrumentalisierung genutzt. Militärparaden zur Feier der Entstehung des Slowakischen Staates fanden
Gebäude des Slowakischen Rundfunks, Bratislava - Foto: Olja Triaška Stefanovič
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NPZ ! Neue Pressburger Zeitung > März 2014 > www.npz-online.eu
Gebäude des Slowakischen Fernsehens, Bratislava - Jozef Struhár, Václav Čurilla, 1965–74 - Foto: Rajmund Müller
hier statt, Aufmärsche der Hlinka-Garde. Bis zum Systemwechsel hieß der Platz beim Regierungsamt Gottwald-Platz. Klement Gottwald war Vorsitzender der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und von 1948 bis 1953 Staatspräsident der Tschechoslowakei. Ein Denkmal mit seinem Antlitz in Übergröße stand einst am nördlichen Ende des Platzes. Nach der Samtenen Revolution wurde der Platz umbenannt und das Gottwald-Denkmal war eine der ersten Skulpturen, die exemplarisch zerstört wurden. Seit 1980 befindet sich auf dem Platz der größte Brunnen der Stadt. Der Springbrunnen Družba (Freundschaft) wurde in Form einer Lindenblüte mit einem Durchmesser von neun Metern gestaltet und dominiert durch seine zentrale Position und sein weit ausladendes Becken noch heute den Platz. Allerdings sprudelt seit 2007 kein Wasser mehr aus der Fontäne und die Wartung wurde eingestellt. Heute finden auf dem Platz der Freiheit immer noch öffentliche Versammlungen, Demonstrationen und Festivals statt, auch wenn nun eher technische Gründe dafür ausschlaggebend sind. Immer wieder gibt es Pläne, den Platz der Freiheit als Parkplatz zu nutzen. Im Jahre 2012 wurde das Brunnenbecken sogar temporär als Sandkasten zweckentfremdet,
als der polnische Künstler Pawel Althamer zwei Tage lang Kinder zum SandburgenBauen ins Brunnenbecken einlud. Auf der Fontäne befinden sich heute Graffitis, an den Parkbänken bröckelt seit Jahren die Farbe ab und die Steinplatten am Boden sind zu Stolperfallen geworden.
Ambition oder Ideologie? Wie vielen der spätmodernen Bauten in der Slowakei, droht dem Platz der Freiheit der Zerfall. Häufig sind Renovierungs- und Wartungsarbeiten zu teuer und viele der spätmodernen Bauwerke stehen nicht unter Denkmalschutz.
Die Ausstellung „Spätmoderne Slowakei – Gebaute Ideologie“ im Wiener Ringturm am Schottenring 30 läuft nur noch bis 14. März und kann von Montag bis Freitag täglich zwischen 9 Uhr und 18 Uhr besichtigt werden.
Duo Jenner/Mori bringt Weltmusik nach Bratislava Text: Katrin Litschko, Foto: Bohumil Chúťka
Ende Februar füllte ein aufstrebendes junges Weltmusikensemble das Österreichische Kulturforum mit farbenfrohen Klängen. Das Duo Jenner/Mori gewann 2010 den Austrian World Music Award – einen Wettbewerb für Nachwuchskünstler,
die traditionelle Klänge neu interpretieren und mit eigenen Komponenten verbinden. In der Begründung für die Auszeichnung des Duos Jenner/Mori hieß es: „Sie zaubern Klangteppiche von mitreißendem Rhythmus.“ Diese waren auch im Österreichischen Kulturforum im prall gefüllten Saal zu spüren und zu hören. Der österreichische Geiger Igmar Jenner spielt im Radio String Quartet Vienna, das unter anderem mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Jenner studierte an der Grazer Kunstuniversität, genauso wie sein Partner, der slowenische Akkordeonist Borut Mori. Er lebt in Maribor und
studierte bei so bedeutenden Persönlichkeiten wie James Crabb. Außerdem ist er Preisträger des Akkordeonwettbewerbs im italienischen Castelfidardo. In Bratislava präsentierte das Duo eine Mischung aus eigenen Kompositionen und Klängen aus verschiedenen Ländern, darunter auch Slowenien und Frankreich. Die Leiterin des Kulturforums, Brigitte Trinkl, fasste die musikalische Darbietung der Nachwuchskünstler wie folgt zusammen: „Sie erschaffen Klangmalereien, die, getragen von der spielerischen Virtuosität der beiden Musiker, schon nach kurzer Zeit wunderbare Bilder in den Köpfen der Hörerschaft entstehen lassen.“
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