Schauspielhaus Wien Magazin #1 2021/2022 Okt Nov Dez Jan Feb

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Im Namen der Liebe Dieser Text ist ein Auszug aus Tokumitsus Essay »Im Namen der Liebe«, erschienen am 01.12.2014 im Jacobin Magazine. Sie finden den kompletten englischen Originaltext online: https://www.jacobinmag.com/2014/01/in-the-name-oflove/. Die Rechte an der deutschen Übersetzung von Stephan Gebauer liegen beim Suhrkamp Verlag, weshalb das dort verwendete generische Maskulinum übernommen wurde. Aus: »Jacobin. Die Anthologie«, Hrsg.: Loren Balhorn und Bhaskar Sunkara, Berlin: 2018, S. 179-190

Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass »Do what you love« (DWYL) das inoffizielle Arbeitsmantra unserer Zeit ist. Das Problem ist, dass es nicht zur Erlösung, sondern zur Entwertung der tatsächlichen Arbeit führt, darunter auch jener Arbeit, die es auf eine höhere Stufe zu heben vorgibt – vor allem aber führt es zur Entmenschlichung der großen Mehrheit der arbeitenden Menschen. Bei oberflächlicher Betrachtung ist »Tu, was du liebst« ein aufmunternder Ratschlag, der uns dazu bewegen soll, darüber nachzudenken, was wir am liebsten tun, und diese Beschäftigung in eine Erwerbstätigkeit zu verwandeln. Aber warum sollten wir aus unserem Vergnügen Profit schlagen? Wer gehört zum Zielpublikum für diesen Grundsatz? Und wer nicht? Indem uns das Mantra DWYL dazu anhält, uns auf uns selbst und unser individuelles Glück zu konzentrieren, lenkt es uns von den Arbeitsbedingungen anderer ab, während es unsere eigenen Entscheidungen absegnet und uns der Verantwortung allen arbeitenden Menschen gegenüber enthebt, gleichgültig ob diese Menschen ihre Arbeit ebenfalls lieben oder nicht. Es drückt ein Weltverständnis aus, das seinen Elitismus als noble Selbstverbesserung verkleidet. Wenn es nach der Prämisse geht, dient die Arbeit nicht dem Broterwerb, sondern ist ein Akt der Eigenliebe. [Der wichtigste] Evangelist [von DWYL] in der jüngeren Vergangenheit war der 2011 verstorbene Apple-Chef Steve Jobs. [In seiner] Rede vor den Absolventen der Stanford University im Jahr 2005 schilderte Jobs die Schöpfung von Apple und streute folgenden Gedanken ein: »Sie müssen finden, was Sie lieben. Und das gilt für Ihre Arbeit genauso wie für die Liebe. Die Arbeit wird einen großen Teil Ihres Lebens ausfüllen, und der einzige Weg zum Glück besteht darin, Arbeit zu leisten, die Sie als wertvoll betrachten. Und Sie können nur wertvolle Arbeit leisten, wenn Sie lieben, was Sie tun.« In diesen vier Sätzen kommen die Worte »Sie« und »Ihr« achtmal vor. Diese Konzentration auf das Individuelle kann bei Jobs kaum überraschen, denn er pflegte ein ganz bestimmtes Image von sich selbst als arbeitendem Menschen: inspiriert, gelassen, leidenschaftlich – lauter Zustände, die zum Ideal der romantischen Liebe passen. Jobs vermittelte die Verschmelzung seines liebestrunkenen Arbeiter-Selbst mit seinem Unternehmen derart wirksam, dass der schwarze Rollkragenpulli und die Jeans zum Metonym für Apple und die Arbeit wurden, auf der dieses Unternehmen beruht. Aber indem er Apple als Arbeitsliebe seines individuellen Lebens darstellte, unterschlug Jobs die Arbeit Tausender Menschen in den Fabriken von Apple, die praktischerweise auf der anderen Seite des Planeten vor unseren Blicken verborgen waren – ebenjene Arbeitskräfte, die es Jobs erlaubten, sich seiner Liebe zu widmen. Die Brutalität dieser Auslöschung muss ans Tageslicht gebracht werden. »Tu, was du liebst« mag harmlos und edel klingen, aber in Wahrheit ist dieses Motto ichfixiert und grenzt an Narzissmus. Jobs‘ Aufforderung »Tu, was du liebst« ist die deprimierende Antithese zu Henry David Thoreaus utopischer Vision der Arbeit für alle. In »Leben ohne Grundsätze« schrieb Thoreau, es wäre: »eine Ersparnis für eine Stadt, wenn sie ihre Arbeiter so gut bezahlte, dass sie nicht das Gefühl hätten, für niedere Zwecke, zum Beispiel 29


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