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Interview
sensor 10/21
Herr Kaminer, wie ist es, in der Pandemie viel mit der Bahn zu reisen? Während der Pandemie gab es so gut wie keine Auftritte. Nur im August und September 2020 bin ich ein bisschen herumgereist, bis ich in Bad Oeynhausen als Kontaktperson zweiten Grades eingestuft wurde. Mit diesem Abenteuer beginnt mein neuestes Buch. Meine Kollegen schrieben mir damals, ich müsse sofort zurückkommen und mich beim Gesundheitsamt stellen, weil die Behörden im Notfall auch das Recht haben, von Schusswaffen Gebrauch zu machen. Solch ein Gesetzesausschnitt kursierte in den Sozialen Medien, stellte sich aber als Fake heraus. Der Traum verfolgte mich, dass ich auf dem Hinterhof eines deutschen Kulturhauses mit zwei Kugeln in der Brust liege. Befürchten Sie, dass für Politiker Shoppingmalls wichtiger sind als Theater und Konzertsäle? Das ist nichts Neues. Wir leben in einer Konsumgesellschaft ohne Visionen. Deswegen haben die Menschen solche Zukunftsängste und versuchen, bei jeder Gelegenheit Vorräte anzulegen. Die Politik spiegelt diese Sackgasse wider, in der wir uns alle befinden. Haben Sie die Deutschen während der Pandemie von einer neuen, unbekannten Seite kennengelernt? Unbekannt war mir diese Seite nicht, denn die Probleme waren schon vorher da. Ein großes Problem ist die Zukunft, weil wir keine Vision haben. Für mein Buch habe ich überall auf der Welt Verschwörungstheorien gesammelt. Die einen sagen, das Virus beschleunige die allgemeine Verblödung. Andere meinen, das Virus rüttele die Menschen auf und zeige, dass es so nicht weitergehe. Das Leben und die Werte müssten neu konzipiert werden. Wie gehen die Deutschen mit Krisen und Katastrophen um im Vergleich zu den Russen? In manchen Augenblicken können wir Russen viel selbstbewusster mit Katastrophen und Krisen umgehen. Das liegt daran, dass Russen niemandem glauben. Wenn sie irgendetwas in der Zeitung lesen, der Präsident ihnen etwas erzählt oder die Regierung eine Warnung ausgibt – das glaubt in Russland kein Mensch. Woran liegt das? An der kranken Geschichte des Landes. Es ist zu einer schizophrenen Grundlage des Lebens geworden, dass die Menschen das eine sagen, das andere denken und das dritte tun. Sie haben Corona und gleichzeitig haben sie es nicht. Und das stört niemanden. Die Russen entwickelten als erste einen guten Impfstoff, aber bis heute ließen sich nur zwölf Prozent impfen. Das zeigt das Misstrauen. Der Präsident, der angeblich von der absoluten Mehrheit des Volkes dermaßen geliebt wird, macht Werbung für Sputnik V. Im Juni hat Putin innerhalb der TV-Sendung „Der direkte Draht“ live Fragen von Bürgern beantwortet. Diese gestellte Sendung erinnert mich an Breschnews Pressekonferenzen, wo er sich erkundigte,
Wanderer zwischen den Welten Wladimir Kaminer hat seine gesammelten Beobachtungen aus dem Corona-Alltag veröffentlicht und spricht mit uns über Querdenker, Nawalny und unterschiedliche Lebenseinstellungen in Ost und West.
ob es noch Fragen gäbe. Als alle schwiegen, sagte er: „Das kann nicht sein, ich habe hier noch zwei Antworten vor mir liegen!“ Was wurde Putin gefragt? Die erste Frage war, ob er sich geimpft habe und mit welchem Stoff. „Ja, mit Sputnik V“, antwortete er. „Zweimal, und ich fühle mich großartig. Ich wünsche mir, dass alle das tun.“ Ich übrigens auch, aber fast nichts ist passiert. Wenn er sich überhaupt geimpft hat, dann mit einem Präsidentenstoff von einem anderen Stern, der keine Nebenwirkungen auslöst.
Ihre Mutter Shanna wird im Dezember 90 Jahre alt und ist Teil der Band. Steht Sie gelegentlich mit Ihnen auf der Bühne? Nur als Bild. Sie will schon zu Konzerten gehen, aber nicht zu solchen. Nicht dass sie die Band nicht mag, aber sie wird bald 90. Wenn dann Menschen durchdrehen und feiern, ist das für sie ein bisschen anstrengend. Außerdem hat meine Mutter plötzlich ein Interesse an Politik entwickelt. Wie kommt das? Ganz Deutschland ist ja mit Wahlplakaten be-