SUMO #37

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Der Wandel medialer Unterhaltungsbedürfnisse Wandel. Medien. Unterhaltung. Um den Wandel der Unterhaltungsbedürfnisse zu beleuchten, hat SUMO Interviews mit den Kommunikationsund MedienwissenschaftlerInnen Peter Vorderer (Univ. Mannheim) und Katrin Döveling (h_da Hochschule Darmstadt) geführt. 6.50 Uhr morgens, der Wecker am neu gekauften Handy klingelt. Markus R., Rechtsanwalt an einer großen Firma in Wien, schaltet den Wecker ab, bleibt aber noch im Bett liegen. Er checkt die sozialen Netzwerke. Er hätte zehn Minuten später aufstehen können, dennoch bevorzugt R. den Tag mit der Durchsicht einer neuen „Instagram“Story zu beginnen. Ist es eine neue Art von Unterhaltung? Was bedeutet das für die Medienrezeption generell? Und ist der Wert der Medien in der Gesellschaft heute so groß?

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Rezeption und Unterhaltung Beginnen wir mit dem Begriff „Rezeption“. Katrin Döveling, habilitierte Professorin an der Hochschule, University of Applied Sciences Darmstadt definiert ihn so: „Das sind alle Prozesse, die wir in den Medien wahrnehmen und empfangen“.Die Wissenschaftlerin hebt hervor, dass die Medienrezeption heute extrem angestiegen sei. Wir befinden uns jetzt in einer digitalen Filterblase, so Döveling, die hervorhebt: Wir sollten auch das wahre Leben genießen. Der Prozess der Rezeption laufe bei jedem anders ab, besonders die neuen Medienangebote betreffend. Sie sei von verschiedenen Faktoren abhängig, die oft gleichzeitig zusammenwirken. Zu diesen könnten etwa das Alter, das Geschlecht, persönliche oder gemeinsame Erfahrungen, berufliche Tätigkeit oder Familienstand gezählt werden. Das alles beeinflusst auch den Unterhaltungsbedarf. Peter Vorderer, Professor an der Universität Mannheim und Medienwirkungsforscher, erläutert, was hinter dem Begriff „Unterhaltung“ steckt. „Die Unterhaltung ist ein Prozess, bei dem MediennutzerInnen für einen begrenzten Zeitraum in eine Situation kommen, in der sie sich gut fühlen, in der sie belustigt, aber auch beeindruckt werden, durch das, was sie in den Medien wahrnehmen.“ Er konstatiert, dass der Bedarf an Unterhaltung immer sehr ausgeprägt war, jedoch existieren in der modernen Welt viele verschiedene Lebensbereiche mit der Möglichkeit, sich zu unterhalten,

und das Angebot war nie so groß wie heute. Der Anspruch an Unterhaltung sei aber auch höher geworden, er sei immer und überall vorhanden. Auf den Punkt gebracht: „Das Bedürfnis an Unterhaltung war immer da, die Nutzung sowie Nutzungszeit sind gewachsen“. Trotzdem kann man behaupten, dass je wohlhabender eine Gesellschaft ist, desto mehr will sie konsumieren. Die Menschen kennen oft aber selbst nicht, was sie brauchen. In diesem Fall bietet die Unterhaltungsbranche die Angebote für jeden Geschmack. Bleiben wir beim Beispiel von Markus R. In seinem Haus sind ein TV-Gerät, vier Handys, zwei Laptops, eine PlayStation und ein Radiogerät zu finden. Wie kann das Leben von Herrn R. ohne Medien vorstellbar sein, wenn so viele verschiedene Geräte seine Familie im Alltag begleiten? Kaum, könnte man vermuten. Die moderne Mediennutzung kann sowohl Vorteile als auch Nachteile bringen. „Ich sehe zwei Seiten der Medaille“, so Döveling. Einerseits böten die Medien viele Freiheiten. Jede/r kann beginnen, online Fremdsprachen zu lernen oder auf eine virtuelle Reise gehen. Die Serien auf „Netflix“ lassen viele Menschen von den alltäglichen Problemen abschalten. Mit Hilfe der Podcasts kann man eine neue Welt der Kunst oder Literatur für sich öffnen. Man kann mit dem Handy ins Internet gehen und „Grenzen überwinden, Nationen überwinden, kulturelle Grenzen überwinden, Zeithorizonte überwinden“, meint die Medienwissenschaftlerin. Andererseits entstünde das Problem des „Overloads“. Katrin Döveling unterstützt hierbei die Idee von Digital Detox: Manchmal muss man das Handy zur Seite schieben und mal „abschalten“ (im wahrsten Sinne). SUMO hat Peter Vorderer gefragt, ob man also sagen kann: „Wir rezipieren Medien, Medien rezipieren uns“? Vorderer meint hierzu: „Die Medien können selbst gar nichts machen“. Von den Medien selbst könne es nicht verlangt werden, sondern von den Menschen,

Der Wandel medialer Unterhaltungsbedürfnisse

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