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Finanzierung: Ringen um die Währungshoheit
Ringen um die Währungshoheit
Finanzierung – Im Kampf gegen Kryptowährungen treibt die SNB die Entwicklung von digitalem Zentralbankgeld massiv voran. Das könnte Immobilientransaktionen revolutionieren – birgt aber auch Risiken.
Von Richard Haimann – Fotos: Depositphotos.com; René Pianezzi; Christoph Dill; zVg
Einem Zahlungsmittel von morgen wird in der Schweiz der Weg bereitet. Unter dem Codename «Projekt Helvetia» hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) in diesem Frühjahr erstmals eine breite Palette an Finanztransaktionen mit digitalem Zentralbankgeld vorgenommen. Mit beteiligt waren die BIZ Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Börse SIX Swiss Stock Exchange und die Geschäftsbanken Citi, Credit Suisse, Goldman Sachs, die Hypothekarbank Lenzburg und die UBS. Das Experiment sei «erfolgreich verlaufen», berichtet Andréa Maechler, Mitglied des Direktoriums der SNB.
«Die SDXPlattform Eine Frage des Vertrauens Dabei wurden auch Aktien, aufgeteilt in unterstützt digitales kleinste elektronische Einheiten, die soZentralbankgeld genannten Token, unterteilt und per beim Handel mit BlockchainTechnologie gehandelt. «Die tokenisierten Vermögenswerten.» SNB konnte vertiefte Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sich die Sicherheit von Zentralbankgeld auf Märkte für toJos Dijsselhof, CEO SIX kenisierte Vermögenswerte ausweiten lässt», sagt Maechler. Das Projekt habe bewiesen, dass die SDXPlattform der Schweizer Börse digitales Zentralbankgeld beim Aktienhandel «mit tokenisierten Vermögenswerten unterstützt», sagt SIXCEO Jos Dijsselhof. «Wir haben gezeigt, dass Innovationen genutzt werden können, um die besten Elemente des gegenwärtigen Finanzsystems zu bewahren und gleichzeitig potenziell neue Vorteile zu erschliessen», sagt Benoît Cœuré, Leiter des Innovation Hubs der BIZ. Beim Projekt Helvetia geht es um nicht weniger als um die Hoheit über das Geld. Seit Kryptowährungen wie der 2008 geschaffene Bitcoin «zu immer breiter genutzten Wertaufbewahrungsinstrumenten wurden, arbeiten die Notenbanken rund um den Globus daran, die Kontrolle über ihre nationalen Währungen nicht zu verlieren», erklärt Andreas Loepfe, Initiant und ehemaliger Leiter des CUREM der Universität Zürich sowie Geschäftsführer des ImmobilieninvestmentManagers und Strategieberaters INREIM. Die 2019 erfolgte «Ankündigung von Facebook, eine eigene Digitalwährung lancieren zu wollen, hat das Interesse der Zentralbanken eher noch bestärkt», schreibt Thomas Moser, stellvertretendes Direktoriumsmitglied der SNB und operativer Leiter der Bereiche Geldmarkt, Devisenhandel und Informatik in einem Beitrag für das Profiportal «Der Bank Blog». Geld basiert allein auf Vertrauen. Ein Milliardär müsste verhungern, würde kein Geschäft seine Franken, Euro, Dollar oder Yen als Zahlungsmittel mehr anerkennen. Bislang haben Kryptowährungen in diesem massiven Punkt enttäuscht: Sie bieten keine Stabilität. «Sie sind Spekulationsobjekte ohne intrinsischen Wert, aber oft mit hoher Volatilität und Risiko», sagt Gertrud Traud, Chefsvolkswirtin der Landesbank HessenThüringen, der mit einem Kreditbestand von umgerechnet mehr als 37,7 Milliarden Franken zweitgrösste Gewerbeimmobilienfinanzierer in Deutschland. Der Wert des Bitcoin schwankte in den vergangenen drei Jahren zwischen 4.000 USDollar und 64.000 USDollar in einem ständigen Auf und Nieder. Ähnlich massiv sind die Ausschläge bei der zweiten grossen Kryptowährung Ethereum, deren Wert in diesem Zeitraum mal 136 USDollar und mal 4.645 USDollar betrug. Wobei Kursgewinne und verluste von jeweils rund 50 Prozent binnen zwei Monaten keine Seltenheit sind.
Zuckerbergs «Metaversum»
Zwar hat Facebook nach massivem Widerstand der USNotenbank seine Pläne für eine eigene Digitalwährung vorerst auf Eis gelegt. Die Tech
In der Frage, ob Kryptowährungen oder auch dem digitalen Zentralbankgeld die Zukunft gehört, gehen die Meinungen derzeit noch sehr stark auseinander.
nologie wurde für 182 Millionen US-Dollar an die kalifornische Bank Silvergate verkauft. Diese will nun versuchen, ein an die US-Währung gebundenes Digitalgeld zu schaffen. Facebook selbst hegt derweil noch weit gigantischere Pläne, während zeitgleich die EU-Kommission dem Konzern mit Strafzahlungen von bis zu fünf Milliarden Franken droht, sollten Hassnachrichten künftig nicht schneller gelöscht werden. Gründer und CEO Mark Zuckerberg hat den Sozialen-NetzwerkGiganten in Meta Plattforms umbenennen lassen. Ziel sei es, das «Metaversum» zu kreieren, eine digitale, virtuelle Welt im Internet, die Menschen in ihren Bann ziehen soll. «Zuckerberg schafft nun das Metaversum, währenddessen sein Konzern noch immer Monate braucht, um offiziell beanstandete Inhalte vom Netz zu nehmen», spottet Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz.
Digitales Zentralbankgeld und Blockchain
Für die Immobilienwirtschaft bieten Kryptowährungen auf den ersten Blick indes Vorteile. Ein digitales Geld wie der von Zuckerberg angedachte Libra könnte Liegenschaftskäufe im Ausland verbilligen. «Würden der Preis der Immobilie und die Mieten in Libra gezahlt, wäre der Erwerber nicht mehr mit Hedgingkosten konfrontiert, um sein Investment in einem anderen Währungsraum abzusichern», erklärt Bernhard Köhler, Chief Executive Officer der auf Immobilieninvestments spezialisierten Beratungsgesellschaft Swisslake Capital mit Sitz in Pfäffikon. «Die Wechselkursrisiken würden scheinbar wegfallen.» Dafür würde jedoch ein anderes Risiko entstehen, gibt der SwisslakeChef zu bedenken: «Geht der private Emittent eines Digitalgeldes insolvent, könnte diese Kryptowährung von einem Tag zum anderen wertlos werden.» Bei digitalem Zentralbankgeld wäre dies anders. SNB, Fed, EZB, die Bank of England und die Bank of Japan garantieren für den kontinuierlichen Fortbestand der von ihnen begebenen Währungen. «Di- «Die Notenbanken gitales Zentralbankgeld ist zunächst wollen die Kontrolle nichts anderes als die elektronischen über ihre nationalen Franken, Euro oder Dollar, die im Interbankenmarkt gehandelt werden», sagt Andreas Loepfe. «Es wird keine neue Währungen nicht verlieren.» Währung geschaffen.» Andreas Loepfe, GeschäftsFür die Immobilienbranche käme bei di- führer INREIM gitalem Zentralbankgeld noch ein weiterer Vorzug hinzu: die dem Zahlungsmittel zugrunde liegende Blockchain-Technologie. Sie basiert aus einer kontinuierlich erweiterbaren Kette aus einzelnen Datenblöcken, in der jede Transaktion festgehalten wird. «In dieser Kette könnten im Fall eines Immobilienkaufs sämtliche
relevanten Daten der Liegenschaft festgehalten werden – von der Baugenehmigung über frühere und laufende Mietverträge bis hin zur Abfolge der Instandhaltungsmassnahmen», sagt Loepfe. Allerdings sei es deutlich einfacher, Aktien zu tokenisieren, als sämtliche Daten einer Immobilie kontinuierlich in eine Blockchain einzufügen: «Bis die Technik so weit ist, dürfte noch viel Wasser den Rhein hinunterfliessen.» Ist die Digitalisierung jedoch genügend weit fortgeschritten, könnte sie Immobilientransaktionen durchaus revolutionieren. «Der Erwerber und die ihn finan«Die Ankündi- zierende Bank wissen durch die in der gung von Facebook, Blockchain hinterlegten Daten scheinbar eine eigene Digital- alles über die Immobilie», erklärt Thowährung lancieren zu wollen, hat das mas Veraguth, Head CIO Swiss & Global Real Estate Strategy der UBS. «Theoretisch wären damit selbst Transaktionen
Interesse der Zen- grosser Bürotürme möglich, ohne die tralbanken noch Liegenschaften je zu besichtigen, wenn bestärkt.» alle elektronischen Dokumente zuvor durch geeignete Instanzen authentifiThomas Moser, stell- ziert und beglaubigt wären.» vertretendes Direktoriums- Die Frage sei jedoch, ob der Einsatz diemitglied SNB ser Technologie sinnvoll sei – und ob sie in der Praxis überhaupt genutzt würde. «Blockchain-Anwendungen sind äusserst energieintensiv», gibt Thomas Veraguth zu bedenken. «Damit passen sie nicht in eine Zeit, in der sämtliche Regierungen massiv Strom zum Schutz des Klimas sparen wollen, während die heutige, dezentrale und zum Teil privatrechtliche Führung des Grundbuchs bereits äusserst effizient funktioniert.» Wissenschaftler der University of Cambridge in Grossbritannien messen mit ihrem Bitcoin Electricity Consumption Index fortlaufend den Energieverbrauch der Kryptowährung. Danach wurden bei der digitalen Schaffung neuer Bitcoins und bei Transaktionen in dieser Digitalwährung im vergangenen Jahr weltweit 126,8 Terrawattstunden (TWh) an elektrischer Energie verbraucht. Das überstieg den gesamten Strombedarf zahlreicher Staaten. So werden in der Schweiz pro Jahr nur 59,2 TWh konsumiert, in Österreich 69,9 TWh, in Belgien 82,2 TWh und in Norwegen, wo im Winter zumeist elektrisch geheizt wird, nur 124,3 TWh. Dabei werden nach einer Studie von Deutsche Bank Research mit 560 Millionen US-Dollar lediglich 0,00000000014 Prozent der pro Tag weltweit gezahlten Rechnungen in Bitcoin beglichen. In Euro und US-Dollar sind es hingegen zusammen vier Trillionen US-Dollar. Allein mit der Visa-
Geschäftsbanken fürchten um ihr Geschäft
Das «Projekt Helvetia» ist nicht das erste Experiment der Schweizer Nationalbank mit digitalem Zentralbankgeld. Bereits im Dezember vergangenen Jahres haben beim «Projekt Jura» die SNB und Bank für Internationalen Zahlungsausgleich die Transaktionen von Geldmarktpapieren im Wert von 200.000 Euro zwischen den Schweizer Banken Credit Suisse und UBS sowie der französischen Natixis in digitalem Zentralbankgeld geprobt. Trotz ihrer Beteiligungen an den Probeläufen sieht die private Bankwirtschaft die Bestrebungen der Zentralbanken distanziert. «Digitales Zentralbankgeld wirft aus volkswirtschaftlicher Perspektive eine Reihe von weiteren Fragen auf», sagt Gertrud Traud, Chefsvolkswirtin der Landesbank HessenThüringen. «Was wird gesetzliches Zahlungsmittel? Kommt es zur vollständigen Verdrängung von Bar- und Buchgeld? Welchen Einfluss hätte das neue Geld auf die Kreditvergabe und die Rolle der Banken und der Zentralbank?» «Bei der Ausgabe von Digitalgeld geht es wohl darum, dass sich Notenbanken einen Zugang zum Kreditgeschäft schaffen wollen», sagt UBS-Ökonom Thomas Veraguth. Da in die Blockchain sämtliche relevanten Daten eingebunden werden können, sei es für die Zentralbanken theoretisch möglich, eine auf Algorithmen basierende Software zu entwickeln, die ohne grossen Personaleinsatz automatisch Finanzierungen von Investitionen bis hin zu privaten Automobil- oder Immobilienkäufen prüft. «Das klassische Geschäft der Geschäftsbanken könnte dann konkurrenziert werden», sagt der Volkswirt. Die Politik müsse daher die Ambitionen der Nationalbanken bei digitalen Währungen «besser verstehen und gegebenenfalls legiferieren», sagt Veraguth. «Am Ende könnte es um die Frage gehen, ob wir weiterhin in einer dezentralen Volkswirtschaft mit weitgehender Vertragsfreiheit leben – oder in einer zentralistischen, von Zentralbanken oder anderen staatlichen Instanzen geprägten Ökonomie.»
Unter dem Codename «Projekt Helvetia» testete die SNB jüngst Finanztransaktionen mit digitalem Zentralbankgeld.
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© zVg/SNB Kreditkarte werden dabei pro Sekunde weltweit 24.000 Zahlungen getätigt. Fraglich sei zudem, ob Investoren tatsächlich vor dem Kauf einer Immobilie auf deren Besichtigung verzichten werden, sagt UBS-Ökonom Veraguth und weist darauf hin, dass die theoretisch in einer Blockchain tokenisiert integrierten Informationen zu einer Immobilie bei grösseren Transaktionen schon in digitalen Datenräumen vorab präsentiert werden. «Dennoch verzichtet kein Interessent darauf, vor Abschluss des Kaufvertrags die Liegenschaften persönlich ins Auge zu nehmen, um ein Gefühl für die Lage und den Zustand der Immobilie zu bekommen.» • «Geht der private Emittent eines Digitalgeldes insolvent, könnte diese Kryptowährung von einem Tag zum anderen wertlos werden.»
Bernhard Köhler, CEO, Swisslake Capital
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