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Magie der Metamorphose Recycling-Möbel: Wie sich PET- Flaschen, Marmor- staub und Müll in starke Designteile verwandeln.
MÖBEL & DESIGN
MAGIE DER METAMORPHOSE
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Lounger Tube by Piet Hein Eek
Magie der Metamorphose
Aufsteiger des Jahres: Recycling-Möbel. Wie sich PETFlaschen, Marmorstaub und Haushaltsmüll in starke Designteile verwandeln. Was gelungenes Recycling ausmacht. Und warum die besten Entwerfer dabei auch neue Technik-Wege beschreiten.
Wunderbare Wiedergeburt. PET-Flaschenpost aus dem Archipel Design: „Wir haben das Material in leichte und langlebige Fasern umgewandelt, die zu 3D Strickgewebe verarbeitet werden. Durch diese Technik lässt sich der Textilbezug gezielt formen, fügt sich perfekt in den Stuhlrahmen von Kata ein.“ Der von Altherr Désile Park für Arper gestaltete Loungesessel Kata ist ein gutes Beispiel für die neue Masche, die sich Kreative für Recycling-Möbel ausdenken. Das hat weniger mit FSC-zertifiziertem Eichen- oder Robiniengestell zu tun, auch nicht mit der internen Mikropolsterung in den Naturtönen Linen, Wheat oder Charcoal. Sondern mehr mit dem innovativen Geflecht, das Kata prägt. Eines, auf dem man sich gerne ein wenig ausruhen möchte. Denn schon wieder macht eine Design-Innovation Hoffnung auf eine grünere Zukunft: Um ein Kilo PET-Garn herzustellen, benötigt man bloß die annähernd gleiche Menge an Abfall — oder 48 Halbliter-PET-Flaschen.
Filz mit Format. PET ist überall, invasiv wie frei treibende Fischnetze, was nicht besonders gut klingt. Aber es ist zugleich ein Material, das von Designern ungemein vielfältig bearbeitet wird. Das verrät auch der Blick auf Möbel aus schallabsorbierendem PET-Filz. Das Amsterdamer Unternehmen Vepa holt einen Teil der leeren Flaschen sogar aus umliegenden Grachten und beschreibt die Prozesse der Verwandlung: Am Anfang steht das farbliche Sortieren, anschließend wird gereinigt und gehäckselt. Flakes nennt sich das Zwi-
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Bell Chair by Magis
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Venice, Design Claudio Bellini für Riva
schenprodukt, das dann zu Granulat oder Fasern verarbeitet wird. Aus dem Granulat werden PET-Schaumstoffplatten hergestellt, aus den Fasern PET-Filzmatten und Möbel mit angenehm weicher Haptik, etwa der Lounge Chair Nook von De Vorm. Hellgrauer PET-Filz zeichnet auch die leichte Bürostuhl-Kollektion se:mood der Sedus Stoll AG aus — sie kombiniert Freischwinger-Feeling 2.0 und Öko-Material. Charakteristisch für all diese Anwendungen: PET-Filz punktet mit textiler Haptik, bedient Emotion und fühlt sich vertraut an. Fast so, als ob es im früheren Leben ein flauschiges Schaf gewesen sei und keineswegs Cola-Gebinde im unteren Supermarkt-Regal. Kein Kreislaufproblem. 100 % Recycling — dazu finden sich heute viele spannende Ideen. Schließlich ist Recycling längst in der DNA der Möbelindustrie angekommen. Von wiederverwerteten LKW Planen oder neu zusammengestückelten Fahrradpneus ist dann freilich nicht die Rede. Sondern von einer kreativen Sicht auf Müllberge und schwimmende Kunststoffinseln, die als Rohstoffminen des dritten Jahrtausends gehandelt werden. Das britische Unternehmen Smile Plastic hat sich auf Joghurtbecher spezialisiert und verwandelt diese in praktische Kunststoffmöbel. Büromöbelhersteller Bene wirft in Kooperation mit den US-Designern Pearson Lloyd den 3DPrinter an und verwandelt Kunststoffabfälle in die bunte, ge-
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Fost PET Felt Acoustic Lamp by DeVorm
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druckte Home Office Container-Kollektion bFRIENDS by Bene. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Brand Emeco gehen dieselben Entwerfer noch einen Schritt weiter: Denn bei den aus PET-Flaschen gewonnenen Outdoorstühlen ON & ON bietet Emeco auch die Rücknahme alter Stühle zwecks Verwandlung in neue an. Mit gleichem Argument wirbt Fritz Hansen für sein Modell N02-10 — einem Recycle-Stuhl der später weiter recycelt werden kann. MUTABILIS CONTINUUS! würde der dafür passende Zauber bei Harry Potter lauten. Doch die wahre Formel ist weit nüchterner kalkuliert. Das innovativ bearbeitete Polypropylen erspart dank werksinterner Kreisläufe zusätzliche Wege und Energie.
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Autoreste, Bonbonpapier, Marmorstaub. On and on, immer weiter so. Das impliziert neben neuen Materialien auch Ideen-Rezyklierung. Die Einzelteile des aus Recycling-Kunststoff bestehenden Loungers Aston Club von Arper sind etwa unverklebt — und können so bei späterer Weiterverwertung leichter getrennt werden. Starcks Kartell-Stuhl A.I., der zur Gänze aus thermoplastischem Recyclingmaterial besteht, wurde zwecks Optimierung des Spritzgussverfahrens mithilfe von künstlicher Intelligenz entwickelt — ein spannender Ansatz im Öko-Design. Doch auch durchs herkömmliche Reden kommen die Dinge — und Industriezweige — neu zusammen. So basiert Konstantin Grcics Sessel Bell Chair für Magis auf Autoreste-Verschnitt. Tom Dixon kombiniert lieber Marmorstaub und eine neuartige Quirl-Technik und schafft so die latent halluzinogene Kollektion Swirl Tables. Ähnlich originell sind Upcycling-Moden bei Teppichböden: Die Kollektion Chaos von EMKO punktet mit Resteverwertung von hochwertigem Leinen, das normalerweise nicht rezyklierbar ist. Vegane Leder-Alternativen aus Bananenfaser — der Werkstoff Bananatex zeichnet die Softline-Liege Enso des Schweizer Herstellers Lehni aus — wachsen sich ebenfalls zurecht. Dagegen sieht der erste Stuhl aus 100 % Meeresmüll fast schon wieder alt aus. R.U.M. heißt er, so wie die Lieblingsnahrung echter Seebären. Eines gilt für diese Pioniertat von Møller Architects allemal: Der Kurs stimmt!