Peter Zimmerling: Dietrich Bonhoeffers Leben

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Stationen auf dem Weg zur Freiheit:

Dietrich Bonhoeffers Leben Peter Zimmerling

Š Brunnen Verlag 2016


Stationen auf dem Wege zur ­Freiheit – Dietrich Bonhoeffers Leben1

A

m 9. April 1945 ist Dietrich Bonhoeffer – noch nicht vierzigjährig – im KZ Flossenbürg/Oberpfalz erhängt worden. Wohl kaum ein deutscher Theologe des 20. Jahrhunderts ist im In- und Ausland durch Leben und Werk so bekannt geworden wie er. Aus einer großbürgerlichen Professorenfamilie stam­ mend, die vom Geist des deutschen Liberalismus geprägt war, hat Bonhoeffer die für Deutschland schicksalhaften Jahre von 1933 bis 1945 als Christ und Theologe in verantwortlichen Positionen erlebt: Als junger Privatdozent in Berlin kämpfte er an der Universität gegen eine überholte, weil kraftlos gewordene liberale Theologie. Allerdings wollte er das Anliegen der liberalen Theologie, die Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit, weiterführen. Immer mehr wurde er dann in den Überlebenskampf der evangelischen Kirche gegen ihre nationalsozialistische, ­deutsch-christliche Unterwanderung hineingezogen. Schließlich nahm er mit Blick auf die Verantwortung für ein neues Deutschland nach dem Krieg teil an den Aktionen des deutschen Widerstandes. Die Strophen aus dem Gedicht: „Stationen auf dem Wege zur Freiheit“, geschrieben im Gefängnis im Sommer 1944, sollen im Folgenden ausgelegt werden als Stationen seines Lebensweges.2

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1. Zucht Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen. Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist. Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.3 Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Geschwistern in Breslau geboren. Sein Vater, Karl Bonhoeffer, war Professor für Psychiatrie und Neurologie und wurde noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Berlin auf den angesehensten Lehrstuhl dieses Faches in Deutschland berufen. Er stammte aus alter württembergischer Familie: Pfarrer und später hohe Staatsbeamte waren seine Vorfahren. Ihre Grabmäler sind noch heute in der Michaelskirche von Schwäbisch Hall zu finden. Dietrichs Mutter stammte aus einer preußischen Adelsfamilie, ihre Vorfahren waren teils Hofbeamte in Potsdam und Berlin, andere hatten Lehrstühle an preußischen Universitäten innegehabt. Paula Bonhoeffer, geb. von Hase, hatte als eine der ersten Frauen in Preußen ihr Lehrerinnen-­ Examen gemacht, sodass sie später ihre Kinder in den ersten Schuljahren selbst unterrichten konnte. Die Erziehung der Kinder im Hause Bonhoeffer war – wie wir heute empfinden würden – streng, aber liebevoll im Stile der damaligen Zeit. So durften die Kinder bei Tisch nur reden, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Das Arbeitszimmer des Vaters blieb tabu. Eine kleine Episode gibt Einblick in den großbürgerlichen Lebensrahmen die3


ser Familie: Als bei einer Eisenbahnfahrt einem der Kinder ein Spielzeug auf den Boden fiel, forderte die Mutter aus Reinlichkeitsgründen das Kindermädchen auf, das Fenster zu öffnen und das Spielzeug hinauszuwerfen. Die Erziehung war religiös, aber nicht kirchlich. Frau Bonhoeffer sorgte dafür, dass die Kinder Bibelverse und Kirchenlieder lernten, die sie schätzte. Auch ein Kindermädchen aus der Herrnhuter Brüdergemeine nahm Einfluss auf die religiöse Erziehung. Zur pädagogischen Konzeption gehörte auch, dass sich die musische Begabung der Kinder entfalten konnte: Bonhoeffer wurde sehr früh ein ausgezeichneter Klavierspieler. Dabei sind die Kinder von Anfang an in großer Naturverbundenheit aufgewachsen: Die Dienstvilla des Vaters lag im grünen Professorenviertel Berlin-Grunewald. Die Familie besaß zudem ein Ferienhaus im Harz, wo sie regelmäßig ihre Ferien verbrachte – damals eine Seltenheit. Die Kinder der Großstadtfamilie Bonhoeffer lernten Freiheit und Naturverbundenheit kennen und schätzen. Auffällig war bei Bonhoeffers der starke Familienzusammenhalt: Man sorgte füreinander, nahm aneinander regen Anteil und verbrachte auch die Freizeit zum großen Teil miteinander. Wahrscheinlich wählte Bonhoeffer zunächst deswegen das Theologiestudium, weil er in seinem großen Geschwisterkreis auf diesem besonderen Feld seine Eigenständigkeit zeigen wollte. Ebenso werden die Kriegserlebnisse – ein Bruder war gefallen – zu seinem Entschluss, Pfarrer und Theologe zu werden, beigetragen haben. Entscheidend aber war eine innere Berufung durch Gott.4 Dietrich Bonhoeffer begann sein Studium 1923/24 in Tübingen, wo er im Hause der Großmutter wohnte. Adolf 4


Schlatter war seitdem für ihn der neben Luther am meisten geschätzte Exeget. Bevor Bonhoeffer 1924 nach Berlin zurückkehrte, wurde bei einem längeren Romaufenthalt das Thema der Kirche für ihn brennend. Ausgerechnet im katholischen Rom erlebte er durch den Besuch von Gottesdiensten in der Karwoche (u. a. im Petersdom) eine Hinwendung zur empirischen Kirche. Seine erste größere theologische Arbeit, die Dissertation „Sanctorum Communio“, war dem Kirchenverständnis gewidmet. Intellektuell hochbegabt, erwarb er mit dieser Arbeit bereits mit 21 Jahren den theologischen Doktorgrad. Davor jedoch hatte er, inzwischen nach Berlin zurückgekehrt, die theologische Entdeckung seines Lebens gemacht: Er lernte auf literarischem Weg Karl Barth und die von diesem ins Leben gerufene „Dialektische Theologie“ kennen. Von diesem Ansatz her fand er später zu eigenständigem theologischem Denken. Dass er sich der neuen theologischen Bewegung anschloss, lässt sein Drängen nach konsequentem Denken erkennen. Gleichzeitig blieb Adolf von Harnack, der Senior der deutschen liberalen Theologie, sein verehrter Lehrer. In den letzten Semestern seines Studiums machte er erste gemeindepraktische Erfahrungen: Er hielt Kindergottesdienste in der Grunewaldkirche, was ihm große Freude bereitete. Der dänische Bonhoefferforscher Jorgen Glenthoj fand heraus, dass sich Motive, die in den Ansprachen anklingen, durch sein ganzes weiteres theologisches Werk ziehen.6 In der Familie hatte Bonhoeffer gelernt, dass Zucht nicht einen grundsätzlichen Verzicht auf Lust bedeutet. Zucht stellt vielmehr die Ausrichtung des Lebens auf ein größeres Ziel dar, als es die schnelle Lustbefriedigung geben kann: 5


„Das Wesentliche an der Keuschheit ist nicht ein Verzicht auf Lust, sondern eine Gesamtausrichtung des Lebens auf ein Ziel. Wo eine solche fehlt, verfällt die Keuschheit zwangsläufig der Lächerlichkeit. Keuschheit ist Voraussetzung für klare und überlegene Gedanken.“7

2. Tat Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens. Nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.8 Obwohl Bonhoeffer mit der Promotion der Weg zu einem akademischen Lehramt offenstand, entschied er sich doch für eine kirchliche Ausbildung. Dazu absolvierte er ein Vikariat an der deutschen Auslandsgemeinde in Barcelona vom Februar 1928 an. Erstmals war er hier für fremde Menschen und für sein eigenes Tun und Reden vor ihnen verantwortlich. lm Frühjahr 1929, nach Berlin zurückgekehrt, schuf er sich durch seine Habilitation („Akt und Sein“) die Voraussetzung für eine Hochschullaufbahn. Doch schon damals schrieb er: „Ich merke, daß es mich nicht sehr lange bei der Wissenschaft halten wird. Aber ich halte freilich eine möglichst gründliche wissenschaftliche Vorbildung für überaus wichtig.“9 Da er nach Absolvierung seines zweiten 6


Theologischen Examens noch zu jung war, um ordiniert zu werden, schob er einen Studienaufenthalt am Union Theological Seminary in New York ein. Neben bleibenden Freundschaften wurden dort drei Dinge für ihn entscheidend: Viele der am Seminar lehrenden Professoren waren Gründungsmitglieder der großen ökumenischen Organisationen (Life and Work; Faith and Order). Bonhoeffers bleibendes ökumenisches Engagement hat in diesen Begegnungen seine Wurzeln. Gleichzeitig begann er, sich mit dem stark ethisch ausgerichteten Ansatz amerikanischer Theologie auseinanderzusetzen („social gospel“). Hier hat seine starke Vorliebe für ethische Fragestellungen (die später zur Arbeit an einer eigenen Ethik führte) ihren Quellgrund. In diesem Zusammenhang wurde er auch mit dem damals sogenannten „Negerproblem“ und dem Phänomen des amerikanischen kirchlichen Pazifismus konfrontiert. Allerdings äußerte er sich nach seinem Amerikaaufenthalt kritisch über die amerikanische Theologie. Er erkannte die Fragestellungen an, suchte aber nach einer tieferen theologischen Durchdringung der Lösungsentwürfe. Schließlich erlebte er in einer schwarzen Gemeinde Harlems durch Gottesdienst- und Gemeinschaftserfahrungen eine Hinwendung zu einem persönlichen Christusglauben. Im Rückblick auf diese Zeit schrieb Bonhoeffer 1936: Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher Weise. Ein ... Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer ... Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur 7


Bibel ... Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und gepredigt – und ich war noch kein Christ geworden ... Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst ... gemacht. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden ... Das war eine große Befreiung. Da wurde es mir klar, daß das Leben eines Dieners Jesu Christi der Kirche gehören muß, und Schritt für Schritt wurde es deutlicher, wie weit das so sein muß. Dann kam die Not von 1933. Das hat mich darin bestärkt ... Es lag mir nun alles an der Erneuerung der Kirche und des Pfarrerstandes ... Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher ... leidenschaftlich bekämpft hatte, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf. Und so ging es weiter. Schritt für Schritt. Ich sah und dachte gar nichts anderes mehr. 10 Fünfundzwanzigjährig wurde Bonhoeffer 1931 nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Berlin Privatdozent. Daneben stand die Arbeit als Pfarrer in seiner Heimatkirche Berlin-Brandenburg. Er übernahm ein Studentenpfarramt und war als Hilfsprediger in dieser Kirche tätig. Zudem bekleidete er verschiedene Ämter in der ökumenischen Bewegung. Außerdem fing er an, ein geregeltes geistliches Leben zu führen: Bonhoeffer ging von nun an regelmäßig zum Gottesdienst und meditierte täglich einen Abschnitt aus der Bibel ganz ohne exegetische Absichten. Sein Biograf Eberhard Bethge hat diese Entwicklung in seiner großen Bonhoeffer-Biografie unter die Überschrift „Die Wendung vom Theologen zum Christen“ gestellt.11 8


Die Hinwendung zur Bibel und zu Christus hatte auch Auswirkungen auf die Gestaltung seiner Vorlesungen an der theologischen Fakultät. So begann er seine Vorlesungen mit Gebet. Mit großem persönlichem Engagement vertrat er als Einziger in Berlin das theologische Anliegen Karl Barths. Er half dadurch mit, zukünftige Vikare auf die Auseinandersetzung mit der Theologie der Deutschen Christen vorzubereiten. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 veränderte sich die Situation Deutschlands und im Gefolge davon nahmen die sich in der Kirche abzeichnenden Kämpfe um die Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie schärfere Konturen an. Bonhoeffers Familie war sich in der Ablehnung Hitlers von vornherein einig. Bereits in einem Rundfunkvortrag über den Führerbegriff zwei Tage nach Hitlers Machtergreifung lässt Bonhoeffer keinen Zweifel an dem theologischen Kriterium für die Legitimität des Anspruchs eines „Führers“ aufkommen: Lässt der Führer „sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen –, dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers ... Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes“.12 Nach der Verabschiedung des sogenannten Arierparagrafen vom 7. April 1933 entwarf Bonhoeffer als einer der ersten Kirchenmänner einen Vortrag zum Thema „Die Kirche und die Judenfrage“. Darin verteidigte er nicht nur die Kirchenmitgliedschaft von Juden, sondern auch ihre bürgerlichen Rechte im deutschen Staat. In dieser Zeit überstürzten sich in der evangelischen Kirche die Ereignisse. Da die Deutschen Christen zunächst den Triumph davonzutragen schienen, entschloss 9


sich Bonhoeffer, ein zweijähriges Auslandspfarramt in London zu übernehmen. Von hier aus baute er für die Bekennende Kirche seine ökumenischen Kontakte weiter aus (z. B. zu Bischof Bell und vor allem auf der Ökumenischen Jugendkonferenz in Fanö). Bonhoeffer setzte sich dafür ein, dass nur Mitglieder der Bekennenden Kirche in die ökumenischen Gremien aufgenommen wurden, weil er die Bekennende Kirche als einzig legitime Kirche betrachtete. Darin ging er auch vielen Mitgliedern der Bekennenden Kirche zu weit. Aber an dieser Stelle spitzte sich für Dietrich Bonhoeffer der Kirchenkampf auf ökumenischer Ebene zu: Die Bekenntnisfrage war gestellt. Es gibt nicht zwei „wahre“ Kirchen nebeneinander. Als er sich mit dieser Sicht weder in Deutschland noch in der Ökumene durchsetzen konnte, legte er 1937 sämtliche ökumenischen Ämter nieder. Ein Hinweis darauf, wie radikal Bonhoeffer reagieren konnte, wenn er einmal einen bestimmten Weg als richtig erkannt hatte. 1935 kehrte Bonhoeffer nach Deutschland zurück. Für fünf Jahre leitete er nun ein Predigerseminar der Bekennenden Kirche. Es war dies für ihn eine Zeit großer theologischer und praktisch-theologischer Fruchtbarkeit. In Finkenwalde, dem ersten Sitz des Predigerseminars, bemühte er sich um eine völlige Neugestaltung der damals üblichen Vikarsausbildung. Meditation, Tagzeitengebete und Beichte sollten von den Vikaren kennengelernt und eingeübt werden. Bonhoeffer ging es um eine Neuorientierung der Theologenausbildung und um eine Erneuerung des Pfarrerstandes. Am Ende des ersten Kurses, im Herbst 1935, schloss sich Bonhoeffer mit einigen Kandidaten dieses Kurses zu einer evangelischen Kommunität zusammen. Dies war die Geburtsstunde des sogenannten Bruderhauses, das 10


sich durch Gebetsdisziplin und gemeinsame Finanzen auszeichnete. Das Bruderhaus in Finkenwalde sollte ein Beitrag zur Frage nach neuen Modellen christlichen Lebens in der Zeit höchster Bedrohung der Kirche im Dritten Reich sein. Hier wurde auch der Versuch unternommen, dem parochialen Einzelpfarramt eine Alternative gegenüberzustellen. Bonhoeffer glaubte – meines Erachtens zu Recht –, dass der Ortspfarrer in der Vereinzelung kaum mehr die Kraft hat, seiner Botschaft in den Strukturen einer zunehmend säkularisierten Welt kraftvoll Gehör zu verleihen. Sammlung und Sendung waren als geistliches Lebensgesetz neu erkannt. Das Experiment des Bruderhauses wurde jedoch bald gewaltsam beendet. Die Gestapo versiegelte 1937 das Haus in Finkenwalde. Bonhoeffer wich mit seinen Kandidaten in ein sogenanntes Sammelvikariat aus: Die Vikare wurden einzelnen Pfarrern zweier pommerscher Superintendenturen zugewiesen. Dort konnte man sich noch bis 1940 in zwei Sammelpunkten je eine halbe Woche zum Unterricht treffen. Im März 1940 wurde auch diese Arbeit durch die Gestapo unterbunden. Der Bruderrat der Bekennenden Kirche ernannte daraufhin Bonhoeffer zusammen mit seinem Freund Bethge zu Visitatoren. Im Rahmen dieser Tätigkeit erhielt Bonhoeffer bald Redeverbot und die Verpflichtung, sich regelmäßig im hinterpommerschen Schlawe, dem Ort seiner polizeilichen Anmeldung, zu melden. Um ihn vorsorglich vor weiteren Behinderungen zu schützen, stellte die Spionage-Abwehrorganisation unter Admiral Canaris und Generalmajor Oster durch Vermittlung seines Schwagers Hans von Dohnanyi Bonhoeffer eine Unabkömmlichkeitserklärung aus. Canaris und Oster arbeiteten aktiv im Widerstand gegen Hitler mit. Die 11


Unabkömmlichkeitserklärung verhinderte Bonhoeffers Einberufung zum Kriegsdienst. Dadurch war er frei von den Maßnahmen der Staatspolizeistelle Pommern. Er trat als ziviler Abwehrmann der Münchner Dienststelle bei. Welcher Weg führte Bonhoeffer in die aktive Teilnahme am politischen Widerstand? Bereits 1934 schrieb er in einem Brief an einen Freund: Es muß endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden, es ist ja doch alles nur Angst. ‚Tu den Mund auf für die Stummen‘ Spr 31,8 – wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solcher Zeit ist? Und dann die Wehr- und Kriegsfrage etc. etc. Bonhoeffer hat also sehr früh erkannt, dass sich das kirchliche Engagement nicht auf die eigenen Belange der Kirche beschränken darf. Sie hat den Auftrag, in der Welt für die einzutreten, die sich nicht selbst helfen können. Die Bekennende Kirche kam 1938 in eine sehr schwierige Lage, weil die Bekenntnissynode der Kirche der Altpreußischen Union in die Eidesleistung der Pfarrer auf Hitler eingewilligt hatte. Es stellte sich später zur Beschämung der Bekennenden Kirche heraus, dass Hitler darauf gar keinen Wert gelegt hatte. In persönlicher Hinsicht wurde das Jahr 1938 für Bonhoeffer bedeutsam, weil seine Zwillingsschwester Sabine Leibholz zusammen mit ihrem Mann, der jüdischer Herkunft war, nach England floh. Politisch wurde er aktiv, indem er im gleichen Jahr an den Plänen Hans von Dohnanyis zum Widerstand gegen Hitler Anteil nahm. 12


Bereits 1936 hatte der Kultusminister Dietrich Bonhoeffer die Lehrerlaubnis an der Berliner Universität entzogen, weil er sich nicht zur Aufgabe seiner Tätigkeit in Finkenwalde bereit erklärt hatte. Vor dem Hintergrund dieser Situation ermöglichten ihm Freunde im Sommer 1939 eine Vortragsreise in die USA. Die Reise brachte ihn in einen tiefen Konflikt. Er rang um die Frage, ob er in Amerika bleiben oder nach Deutschland zurückkehren solle. Es gibt ein bewegendes Tagebuch aus dieser Zeit.14 Als er sich entschieden hatte, nach Deutschland zurückzukehren, schrieb er an einen Freund: Ich muß diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben. Ich werde kein Recht haben, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich die Prüfungen dieser Zeit nicht mit meinem Volk teile ...15 Bonhoeffer kehrte also nicht nach Deutschland zurück, um das Martyrium zu erleiden, sondern mit der Perspektive eines Neuanfangs nach dem Kriege. Mit der Rückkehr begann seine aktive Teilnahme am Widerstand. Offiziell blieb Bonhoeffer im Dienst der Bekennenden Kirche. Neben seiner Tätigkeit für die Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris kam es auch immer wieder zu Phasen intensiven theologischen Arbeitens. Die Fragmente seiner Ethik entstanden angesichts der Herausforderungen der besonderen Arbeit außerhalb der Kirche. Er schrieb auch weiter, nachdem er 1941 Schreibverbot erhalten hatte, weil er nicht in der Reichsschrifttumskammer organisiert war. lm Auftrag der Abwehr unternahm Bonhoeffer 13


mehrere konspirative Reisen ins Ausland, um Friedensbedingungen der Alliierten zu erkunden. Dies war nötig, um dem deutschen Widerstand freien Rücken für den geplanten Putsch gegen Hitler zu schaffen. Bonhoeffers ökumenische Kontakte waren dabei von großer Bedeutung. Insbesondere ist die Freundschaft mit George Bell, Bischof von Chichester, hervorzuheben, der auch Mitglied des englischen Oberhauses war. Andere Kontakte liefen über die Genfer Zentrale des Ökumenischen Rates. Der Gestapo war es ein Dorn im Auge, die militärische Abwehr nicht kontrollieren zu können. Schon lange wollte sie diese ihrem Hauptquartier in der Prinz-­Albrecht-Straße in Berlin einverleiben. Durch eine Devisenunregelmäßigkeit bei der Fluchthilfe für Juden kam es schließlich am 5. April 1943 zur Verhaftung u. a. von Bonhoeffer, Dohnanyi und Oster.

3. Leiden Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden. Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit, dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.16 Bonhoeffer wurde in das Militärgefängnis Berlin/Tegel eingeliefert. Die ersten Tage in strenger Isolierhaft mit gefährlichen Verhören ließen Selbstmordgedanken aus Furcht, andere unter der Folter eventuell zu verraten, in ihm wach 14


werden. Doch alles ging gut: Die Verhafteten hatten vorgesorgt und konnten sich sogar nach der Verhaftung noch untereinander absprechen. Als bekannt wurde, dass Paul von Hase, der Stadtkommandant von Berlin, Bonhoeffers Verwandter war, wurde er zum „Starhäftling“ von Tegel. Seine Zelle verwandelte sich zeitweise in eine regelrechte Studierstube. Aus dem Gefängnis schrieb Bonhoeffer an seinen Freund Bethge Briefe mit theologischen Gedanken, die ihn nach dem Krieg in der ganzen Welt bekannt machten. Bethge hat diese Briefe in „Widerstand und Ergebung“ der Öffentlichkeit zum großen Teil zugänglich gemacht. In diesen Briefen fallen die Stichworte von der „nicht-religiöse[n] Interpretation biblischer Begriffe“17, von der „Mündigkeit“ des Menschen18 und von der „Ohnmacht Gottes in der Welt“19. „Wenn man von Gott nicht religiös sprechen will, dann muß man so von ihm sprechen, daß die Gottlosigkeit der Welt dadurch nicht irgendwie verdeckt, sondern vielmehr gerade aufgedeckt wird und gerade so ein überraschendes Licht auf die Welt fällt. Die mündige Welt ist gottloser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt.“20 Bonhoeffer schrieb im Gefängnis auch Gedichte, die ihn für die Nachwelt zum Dichter werden ließen. Mehrfach vertont wurde „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das er im Dezember 1944 seiner Mutter und seiner Verlobten widmete. In einem Brief an seine Verlobte interpretierte er es so: Du, die Eltern, ihr alle, die Freunde und meine Studenten an der Front, sie alle sind für mich stets gegenwärtig. Deine Gebete, gute Gedanken, Worte aus der 15


Bibel, längst vergangene Gespräche, Musikstücke und Bücher – das alles gewinnt Leben und Realität wie nie zuvor. Es ist eine große unsichtbare Welt, in der man lebt. An ihrer Realität gibt es keinen Zweifel. Wenn es in dem alten Kirchenlied von den Engeln heißt: zwei, um mich zu decken; zwei, um mich zu wecken – so ist diese Bewahrung durch gute unsichtbare Mächte am Morgen und in der Nacht etwas, das Erwachsene heute genau so brauchen wie die Kinder. Darum sollst Du nicht denken, ich wäre unglücklich. Was ist Glück und Unglück? Es hängt so wenig von den Umständen ab. Es hängt eigentlich nur von dem ab, was im Menschen vorgeht. Täglich bin ich dankbar, daß ich Dich habe: das macht mich glücklich.21 Daneben hat Bonhoeffer auch bekannt gewordene Gebete für seine Mitgefangenen verfasst. Es hatte so ausgesehen, als würde der Fall Bonhoeffer im Sande verlaufen. Dies änderte sich völlig, als die Gestapo nach dem missglückten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 Akten der Abwehr in Zossen bei Berlin fand. Aus ihnen ging hervor, dass auch Oster, Dohnanyi und Bonhoeffer bereits seit 1938 in die Verschwörung gegen Hitler verwickelt waren. Bonhoeffer wurde darum am 8. Oktober 1944 in das Kellergefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße überführt.22

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4. Tod Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit, Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele, daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist. Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden. Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.23 In einer der letzten Besprechungen im Führerhauptquartier befahl Hitler am 5. April 1945, dass Oster, Canaris, Dohnanyi und Bonhoeffer nicht überleben sollten. Bonhoeffer war vorher aufgrund von Luftangriffen aus Berlin ins Konzentrationslager Buchenwald verlegt worden. Anfang April hatte man ihn nach Regensburg und Schönberg im Bayerischen Wald gebracht. Von dort wurde er am 8. April ins KZ Flossenbürg geholt, wo er im Morgengrauen des 9. April hingerichtet wurde. Die Tage vorher hatte er vor allem mit Wasiliew Kokorin, einem Neffen Molotows, des damaligen Außenministers der Sowjetunion, verbracht. Dieser war Atheist. Bonhoeffer vermittelte ihm die Grundlagen des Christentums und lernte von ihm Russisch. Bis zuletzt lebte er aus der biblischen Hoffnung. Unmittelbar vor seiner Hinrichtung trug er einem englischen Offizier, der mit ihm zusammen gefangen war, Grüße an Bischof Bell auf: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“24

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Anmerkungen

1 Die folgenden Überlegungen stellen eine leicht überarbeitete Version meines gleichnamigen Beitrags in: Rainer Mayer/Peter Zimmerling, Dietrich Bonhoeffer aktuell. Biografie, Theologie, Spiritualität, Gießen 22013. 2 Vgl. hier und im folgenden Eberhard Bethge, Bonhoeffer, Reinbek 1976; ders., Dietrich Bonhoeffer, Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie, Gütersloh 2004. 3 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Christian Gremmels u.a., DBW, Bd. 8, Gütersloh 1998, 570f. 4 S. im Einzelnen: Peter Zimmerling, Bonhoeffer als Praktischer Theologe, Göttingen 2006. 5 Im Einzelnen a.a.O. 6 Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Jugend und Studium (1918–1927), hrsg. von Hans Pfeifer, DBW, Bd. 9, München 1986. 7 DBW, Bd. 8, 551. 8 DBW, Bd. 8, 571. 9 Dietrich Bonhoeffer, Barcelona, Berlin, Amerika (1928–1931), hrsg. von Reinhart Staats/H.C. von Hase, DBW, Bd. 10, München 1991, 169. 10 A.a.O., 43f. 11 Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer, Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie, a.a.O. 12 A.a.O., 45. 13 Dietrich Bonhoeffer, London (1933–1935), hrsg. von Hans Goedeking u.a., DBW, Bd. 13, Gütersloh 1994, 204f. 14 Die wichtigsten Stellen sind veröffentlicht in: Dietrich Bonhoeffer Lesebuch, hrsg. von Otto Dudzus, München 21987, 130ff. Umfassender Abdruck in: Dietrich Bonhoeffer, Illegale Theologenausbildung: Sammelvikariate 1937-1940), hrsg. von Dirk Schulz, DBW, Bd. 15, Gütersloh 1998. 15 Eberhard Bethge, Bonhoeffer, a.a.O., 74. 16 DBW, Bd. 8, 571. 17 DBW, Bd. 8, 509. 18 DBW, Bd. 8, 511. 19 DBW, Bd. 8, 537. 20 DBW, Bd. 8, 537. 21 Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten, Gebete und Gedichte, interpretiert von Johann Christoph Hampe, München 41983, 77.

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22 Die Reste der Kellerräume kann man heute in der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ besichtigen, die sich am gleichen Ort befindet. 23 DBW, Bd. 8, 571-572. 24 Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer, Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie, a.a.O., 1037.

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