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PILOT FÜR 20 MINUTEN
»MITTELPUNKT MEINER ERDE«
PILOT KAI NAUJOKAT SIEHT DIE WELT SEIT MEHR ALS 30 JAHREN VON OBEN
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Um die Potenziale der Tiefengeothermie zu untersuchen, ließ der Energieversorger Badenova unlängst einen Hubschrauber mit einem 30 Meter langen Pendel im Schlepptau vom Kaiserstuhl über Freiburg bis nach Müllheim fliegen. 120 Stundenkilometer schnell und 330 Meter über dem Boden. Ein Projekt für einen erfahrenen Piloten: Kai Naujokat ist Geschäftsführer der Helicopter Training + Charter (HTC) und kennt den Himmel genau.
„Jeder Flug ist anders“, berichtet Kai Naujokat im Tower des Flugplatzes Donaueschingen-Villingen. Eines hätten alle gemeinsam: „Egal, wie lang – jeder Flug erfordert absolute Konzentration. Ich scanne permanent. Um den Fokus aufrecht zu halten, schaue ich alle fünf Minuten auf meine Instrumente“, erklärt er. Knapp 17.000 Stunden hat Naujokat seit dem Abschluss seiner Pilotenausbildung im Jahr 1988 in der Luft verbracht. 1990 gründete er seine eigene Flugschule. „Heute weiß ich, dass die Familie das Wichtigste ist, aber 20 Jahre lang war das Fliegen der Mittelpunkt meiner Erde“, sagt er. Der Pilot schwelgt von Aufträgen in Tunesien und Marokko. „Ich liebe die Wüste, die Berge und das Meer. Sie strahlen für mich unendliche Weite aus.“ Seine längste Reise führte Naujokat von Stuttgart bis nach Indien. „Zweimal zweieinhalb Wochen haben wir gebraucht, um einen Hubschrauber zu überführen“, erinnert er sich. Ein anderes Mal sei er für einen Freund 50 Stunden quer durch die Vereinigten Staaten geflogen. „Damals habe ich sowas gemacht, ohne mit der Wimper zu zucken“, kommentiert er. Nicht immer waren die Bedingungen optimal: „Trotz Wetterfreigabe kam ich in einen starken Schneeschauer und war gezwungen, notzulanden.“ Bis auf 800 Meter Sicht dürfen Hubschrauber starten, eine Außenlandung ist nur im äußersten Notfall und mit Genehmigung gestattet. Zweimal seien die Hubschraubertriebwerke ausgefallen – der absolute Worst Case. „Dadurch, dass unsere Schüler Notlandungen lernen, wurde der Boden sicher erreicht.“ Es gehe beim Fliegen immer auch um Risikominimierung. „Wenn Menschen unnötig in Gefahr kommen, lehne ich Aufträge ab“, sagt er. Mehr als 500 Privat- und Berufshelikopterpiloten sowie Fluglehrer hat die HTC bislang hervorgebracht. 32.000 Euro kostet die Ausbildung zum Privat-, 120.000 Euro zum Berufspiloten, allein 50 Flugstunden dauert die Grundausbildung. Damit nicht genug: Die Absolventen müssen ihre Flugtauglichkeit in jährlichen Gesundheitschecks unter Beweis stellen – ab dem 40. Lebensjahr alle sechs Monate. „Da wird genau hingeguckt“, sagt Naujokat. Knapp 60 Liter Sprit schluckt ein Hubschrauber in der Stunde. Eine Minute in einer Privatmaschine kostet rund zehn Euro, ein Einsatz im Rettungshubschrauber etwa 90 Euro. Das macht Fliegen zu keiner preiswerten Beschäftigung. Naujokat bestätigt: „Die Aufgabe eines Hubschraubers ist es, Leben zu retten. Alles andere ist Luxus.“
Erfahrener Pilot: Kai Naujokat fliegt seit 1988.


PILOT FÜR 20 MINUTEN
CHILLISTEN HEBEN AB – IN EINEM HUBSCHRAUBER
Beim Besuch der HTC-Flugschule in Donaueschingen sind chilliRedakteur Philip Thomas und chilli-Volontärin Liliane Herzberg in ein Helikopter-Cockpit geklettert. Bei seinem ersten Rundflug über den Schwarzwald hat Thomas schließlich selbst das Steuer übernommen.
„Bei der Klimaanlage habe ich gespart, die hätte 60.000 Euro gekostet“, lacht Kai Naujokat in seinem Hangar in Donaueschingen. Der Fluglehrer steht vor einem Hubschrauber und hat eine Checkliste in der Hand: Benzin prüfen, Taumelscheibe inspizieren, Rotorblätter testen – satte 114 Punkte umfasst das Büchlein. Trotz Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke hat Naujokat auch den Himmel im Blick: „Das Wetter ist eine Schraube, die man nicht kontrollieren kann.“ Der Respekt vor den Elementen ist dem Piloten deutlich anzumerken. „Immerhin ist das Steinzeittechnik“, sagt er mit prüfendem Blick aufs Triebwerk. Der luftgekühlte Boxermotor ist eine Erfindung der 1950er-Jahre, schraubt einen Keilriemen aber auch im Jahr 2021 auf 2718 und die Rotorblätter der Robinson R44 auf 408 Umdrehungen pro Minute. Auf dem Rollfeld erklärt der Fluglehrer die Bordinstrumente und Kontrolllampen. Bald gibt auch der Tower grünes Licht. Zündung. Die jeweils fünf Meter langen Rotorblätter beginnen sich zu drehen. Zuerst nur langsam, dann immer schneller, bis die Maschine mit einem kleinen Ruck vom Boden abhebt und schließlich wenige Meter in der Luft steht. Drehen, neigen, hoch, runter. Aller Aufregung zum Trotz gelingt mir das Austesten von Steuerknüppel, Pedale und Gashebel. „Fixieren Sie einen Punkt und fliegen Sie darauf zu“, instruiert Naujokat über Headset. Der Fluglehrer hatte bereits angekündigt: Sobald die Türen des Hubschraubers schließen, ist die Zeit für Scherze vorbei. Höchste Konzentration.
Trotz ruhiger Hand gerät die zweite Kurve steiler als geplant. Der Rumpf dreht sich nach vorne ein, ein Korrekturversuch mit dem Knauf bringt die Robinson nur noch weiter in Schieflage. „Taking Control“ ertönt es über die Kopfhörer. Der Lehrer greift ein, übernimmt das Steuer und richtet das Fluggerät durch einen Schwenk mit dem Steuerknüppel an der Längsachse neu aus. „Das lief ja schon ganz gut“, sagt Naujokat, schaltet auf einen anderen Kanal und meldet dem Tower in wenigen Worten einen kleinen Rundflug. „Wie im echten Leben – Kommunikation ist alles“, sagt er zurück auf der eigenen Frequenz und zieht den Pitch – den Gashebel – zu sich. Nahezu neun Liter Hubraum schrauben die Maschine steil gen Zenit. Die Landebahn wird immer kleiner, Horizont und Augen öffnen sich noch weiter.
LANDUNG IST CHEFSACHE
Auch mein Adrenalinspiegel schießt in die Höhe. Vor lauter Aufregung vergesse ich, einen Punkt in der Ferne zu fixieren, sämtliche Instrumente im Cockpit und sogar meine Höhenangst. „Sehen Sie das Umspannhäuschen, dort?“, fragt Naujokat. Nicht auf den ersten Blick: Lange Straßen, kleine Bäume, weite Wiesen, winzige Autos – im wolkenfreien Himmel gibt es so viel zu bestaunen. „Wahnsinn“, entfährt es Kollegin Herzberg auf dem Rücksitz. Leichtes Drücken des Sticks genügt und die Rotorblätter über unseren Köpfen ändern ihren Winkel. Der Hubschrauber neigt die Nase, beschleunigt auf 90 Stundenkilometer und fliegt auf das kleine Häuschen weit hinter der Bundesstraße zu. Ein bisschen nach links, ein paar Grad weiter nach rechts. Mit den Pedalen bleibt die Maschine auf Kurs. Die Landung ist wieder Chefsache. Erst als wir wieder Boden unter den Füßen haben, fällt die Anspannung von mir ab und macht Platz für Glücksgefühle. Selten habe ich mich so stark konzentriert. Und erst jetzt merke ich, wie viel ich geschwitzt habe. Daran hätte auch eine Klimaanlage nichts geändert.
Philip Thomas & Liliane Herzberg

