62 Na, heute schon mehr als 5000 Schritte gemacht? Jeder vierte Deutsche trägt ein Fitnessarmband oder zeichnet mit einer App auf, wie viel er schläft, läuft und wie viele Kalorien er verbrennt. Manche leiten die Daten an ihre Krankenkassen weiter. Die wiederum zahlen Boni, wenn jemand regelmäßig sein Schrittziel erreicht. Oder sie rufen zu Wettbewerben auf, gern auch in Unternehmen: Wer nimmt in dieser Woche die meisten Treppenstufen? Aber was, wenn aus dem Gesundheitsbonus irgendwann ein Gesundheitsmalus wird? »Blutdrucksenker bei 3000 Schritten pro Tag? – Strengen Sie sich erst mal an!« Locken uns die Fitnessarmbänder gerade spielerisch in eine Art Gesundheitsdiktatur? Um einen Blick in die Zukunft zu werfen, haben wir uns ein kleines Sozialexperiment überlegt. Fünf Kollegen werden acht Wochen lang Fitnessarmbänder tragen. Über eine App beobachten wir uns gegenseitig. Totale Kontrolle, totaler Wettbewerb. Wir wollen eine Gesundheitsdiktatur light simulieren. Wie wird uns das verändern? ERSTE WOCHE Johannes Gernert Johannes Gernert war Rad fahren. Johannes Gernert hat 0:21 h aufgezeichnet. 206 kcal Die Bänder, die uns in den kommenden zwei Monaten vermessen sollen, liegen vor uns auf dem Konferenztisch, die meisten sind schwarz, eines ist lila. Die Kollegin, der ich das lila Armband gebe, guckt ein wenig skeptisch. Ich habe fast den Eindruck: Alle gucken ein wenig skeptisch, während ich die Regeln für unser Experiment erkläre. Wir werden alle Fitnessarmbänder tragen. Jede Woche wird ein neuer Wettbewerb um die meisten Schritte, verbrannten Kalorien, zurückgelegten Kilometer oder Höhenmeter die Konkurrenz schüren. Wenn einer sich verweigert, darf die Gruppe Sanktionen beschließen. Die Teilnehmer: der Kollege Dachsel, dessen Schreibtisch zwölf Schritte von meinem entfernt steht. Der Kollege Allmaier, der 24 Schritte den Gang runter rechts sitzt. Die Kollegin Ceballos Betancur, 15 Schritte und links. Und die Kollegin Thomé, unsere Hospitantin, deren Schrittdistanz mit ihren Büros wechselt. Ich kann das so genau beziffern, weil ich meine Uhr schon seit einer Woche trage. Ich bin in unserer Gruppe der early adopter, die gesellschaftliche Vorhut, und auch: der Studienleiter. Wenn ich mein Handgelenk drehe, erscheinen auf dem schwarzen Display meines Fitnessbandes die Uhrzeit, das Datum. Mein Puls. Und die Zahl der Schritte, die ich an diesem Tag schon gegangen bin. Rufe ich die App namens Dacadoo auf, an die all diese Daten weitergeleitet werden, zeigt sie mir eine Zahl zwischen 1 und 1000. Meinen Gesundheitsindex. Das belebt den Wettbewerb zusätzlich. Über die App sehen wir: Wer ist gerade der Gesündeste? Wer hat den höchsten Wert im Index? Und wessen Gesundheitsaktie fällt? Als wir im Konferenzsaal unsere Bänder festzurren, liegt mein Index bei 591. Grüner Bereich. Gut. Aber natürlich auch: 429 Punkte vom absoluten Spitzenwert entfernt. Wenig später schreitet der Kollege Allmaier (Gesundheitsindex: 706) im Stechschritt an meiner gläsernen Bürotür vorbei. Mehrmals hintereinander. Das tut er sonst nie. Luisa Thomé Luisa Thomé war Rad fahren. Luisa Thomé hat 4,26 km in 0:17 h aufgezeichnet. 181 kcal Meine Großmutter sagt immer: Es zählt, wie du dich fühlst. Ich mache ab und an ein bisschen Sport, bin privat und beruflich ziemlich zufrieden, habe mein Stresslevel meist besser im Griff als meinen Nikotinkonsum. Ich fühle mich kerngesund. Mein subjektives Empfinden wird nun allerdings durch Säulen und Skalen untergraben. Wie gut es mir geht, sagt mir mein Fitnessband. Es sendet meine Schritte, Puls und Herzfrequenz auf den Bildschirm meines Smartphones. Und mein Puls ist komisch hoch (manchmal fast 100 im Sitzen). Dacadoo fragt nach meiner Neigung zu Depressionen, meiner Zufriedenheit im Arbeitsleben oder meinen Energiereserven auf einem Barometer zwischen »gar nicht« und »sehr«. Es fühlt sich an wie das Erstgespräch beim Psychologen. Irgendwie übergriffig. Lebensstil, Körper, Befinden. Aus diesen drei Bereichen errechnet sich dann mein Gesundheitsindex. Nachts werde ich, seit ich das lilafarbene Band trage, ständig vom unkontrollierten Blinken des grellen Bildschirms geweckt. Er schaltet sich immer ein, wenn ich den Arm drehe. Wirft jemand einen flüchtigen Blick auf die Uhr, fange ich sofort an, mich zu rechtfertigen: »Ist nur ein Experiment.« Karin Ceballos Betancur Karin Ceballos Betancur war zu Fuß unterwegs. Sie hat 2,3 km in 0:38 h aufgezeichnet. 97 kcal
ENTDECKEN Ich habe nichts gegen Selbstvermessung, im Gegenteil. Ich benutze seit Jahren eine Wasser-App, um mich daran zu erinnern, genug zu trinken, eine Schlaf-App, weil ich schlafen besonders gut kann und das morgens gern bestätigt sehe. Seit einiger Zeit zeichnet die App auch auf, wenn ich nachts schnarche. Wenn ich wollte, könnte ich mein Schnarchen als Datei an Freunde verschicken. Manchmal erscheinen auf dem Bildschirm meines Smartphones jetzt Ermahnungen: »Schlafen Sie heute etwas mehr. Letzte Nacht haben Sie nur 5:59 Stunden geschlafen.« Das ist der Dacadoo-Coach. Ich mag ihn nicht. Ich bin erwachsen und gehe ins Bett, wann’s mir passt. Luisa Thomé Ich fahre jetzt regelmäßig Fahrrad. Zum Beweis mache ich ein Selfie: mein Rad und ich. Ich schicke es an diverse Freunde. »Bist du krank?«, fragt meine beste Freundin. Sie weiß, ich hasse Radfahren. Und nun radele ich seit einer Woche jeden Morgen bei Wind und Hamburger Wetter 4,62 Kilometer zur Arbeit. Ich tue es, weil es zählt. An diesem Morgen wird mein Weg zur Redaktion nicht aufgezeichnet. Lag es daran, dass der winzige Sensor auf der Innenseite der Uhr keinen Kontakt zur Haut hatte? Aber den braucht er doch bloß für die Herzfrequenz. Während ich die Treppen in die fünfte Etage nehme (es gibt Treppenpunkte!), merke ich, wie mich der Datenverlust ärgert. Schließlich hätte mir die sportliche Anreise 17 aktive Minuten auf meinem Sportkonto gebracht. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mich von dem Experiment nicht stressen zu lassen, kontrolliere ich, ob auch jede Treppenstufe gezählt wurde, und trage das Radfahren anschließend manuell in der App nach. Ich scheine allerdings nicht die einzige zu sein, die versucht, ihre Schrittzahlen zu optimieren. Während Kollege Allmaier den Flur vermisst, rennt Kollege Dachsel in seinem Büro auf und ab. Als wir einmal zusammenstehen, vibrieren unsere Uhren gleichzeitig: »Bewegungserinnerung«. Kollege Dachsel läuft Runden um den nächsten Tisch, Gernert entscheidet sich, die am weitesten entfernte Toilette aufzusuchen. Karin Ceballos Betancur Ich habe verschlafen und bin spät dran. Während ich zur Bushaltestelle hetze, brummt mein Telefon. Dacadoo-Coach: Durstig? Haben Sie heute schon Wasser getrunken? Nein. Es ist zehn Uhr. Zehn! Ich bin noch nicht mal richtig wach, Coach! Dacadoo-Coach: Dann legen Sie mal los! Wenn Sie Mühe haben, ans Wassertrinken zu denken, kann auch ein Notizzettel an Computer, Fernseher, Telefon oder Kühlschrank helfen. Ich werde Sie aber auch weiterhin regelmäßig daran erinnern. Yay. In der Redaktion hole ich mir jetzt jede Stunde einen Kaffee in der Kantine, um die geforderten 250 Schritte pro Stunde vollzukriegen. Problem: Ich trinke auf diese Weise sehr viel Kaffee. Das gebe ich aber nicht an. Ich unterschlage auch Nikotin und Alkohol. Wenn ich mir eine Zigarette anmache, steigt mein Herzschlag auf Fettverbrennungsmodus. Das zeigt das Armband. Vielleicht kann ich durch intensives Rauchen punkten. ZWEITE WOCHE Johannes Gernert Das Band vibriert. Mir fehlen noch exakt drei Schritte, aber ich sitze in einer Konferenz und kann mich nicht bewegen. Es ist eine kleine, kurze Konferenz. Mir fällt kein Grund ein, spontan den Raum zu verlassen. Die Luftqualität ist in Ordnung. Es würde seltsam wirken, wenn ich aufstehen und das Fenster öffnen würde. 247 Schritte von 250. Noch fünf Minuten bis zur vollen Stunde. Fünf Minuten für drei Schritte. Aber ich sitze fest. Erst wenige Tage sind seit Beginn unseres Experiments vergangen, und der Algorithmus streckt schon seine Hand nach mir aus. Ich entziehe mich seinem Griff nicht. Auch wenn ich abends vor dem Einschlafen manchmal eine unangenehme Enge in der Brust spüre und das starke Bedürfnis, das Band einfach abzureißen. Der Kollege Dachsel behauptet, man könne das Armband zum Schrittzählen bringen, indem man die Arme abwechselnd hochreiße. Auch diese Option scheidet in dem Konferenzraum aus. Möglichst unauffällig rutsche ich mit dem Stuhl nach vorne. Dann wieder zurück. Nach einer Weile wieder nach vorne. Das Band vibriert, auf dem Display steht: »War doch ganz einfach!« Michael Allmaier Michael Allmaier war laufen. Michael Allmaier hat 10,6 km in 1:04 h aufgezeichnet Kollege Gernert steht an seinem höhenverstellbaren Schreibtisch und lobt mich. Toll, meint er, dass ich das Tagesziel von 10 000 Schritten neulich in einer Stunde abgejoggt habe. »Aber dein Puls war ganz schön hoch.« Ich verstehe, was er wirklich
KARIN CEBALLOS BETANCUR schwimmt jede Woche zwei Kilometer, mag aber grundsätzlich keinen Sport Gewicht: 67 kg Größe: 1,77 m Alter: 45 Gesundheitsindex*: 614 beim Start, 520 am Ende
FELIX DACHSEL
LUISA THOMÉ
hat kein Fahrrad und versucht, möglichst wenig zu Fuß zu gehen
ist Mitglied im Fitnessstudio und nimmt immer den Aufzug
Gewicht: 109 kg Größe: 2,04 m Alter: 30 Gesundheitsindex: 561 beim Start, 596 bei Abbruch
Gewicht: 53,5 kg Größe: 1,68 m Alter: 25 Gesundheitsindex: 578 beim Start, 496 am Ende
Na, all
* Der Gesundheitsindex ist ein von der App Dacadoo berechneter Wert zwischen 1 (sehr schlecht) und 1000 (sehr gut), der sich abhängig von Körperwerten, emotionalem Wohlbefinden und Lebensstil (Bewegung, Sport, Ernährung, Stress, Schlaf ) verändert
In Deutschland werden so viele Fitnessarmbänder verkauft wie nie. Kra Wir haben es ausprobiert und eine Gesundheitsdikt
meint: »Du machst sonst nicht so viel Sport, oder?« Nun ja, der Kollege ist jung. Der wird noch fette Krankenkassenbeiträge zahlen, wenn ich schon längst davon profitiere. Es sei denn natürlich, mein Gesundheitsindex klettert so weiter. Ich war meistens der Letzte auf der Bank, als damals im Schulsport die Mannschaften gewählt wurden. Dabei bewege ich mich gerne, aber seit dieser Erfahrung vorzugsweise allein. Was, wie ich jetzt merke, meine Technik nicht gerade perfektioniert hat. Bislang dachte ich, es soll so, dass man nach dem Joggen eine halbe Stunde hyperventilierend in der Badewanne liegt. Jetzt habe ich meinen Herzschlag im Auge und bremse, sobald er aus der Fettverbrennungszone springt. Nordic Walker preschen an mir vorbei, egal. Ich halte durch. Viel länger als früher. Zwei Stunden laufen, kein Problem. Der Coach ist stolz auf mich. Luisa Thomé Gesundheit messbar zu machen auf eine spielerische Art, verspricht unsere Gesund-
heits-App. Ich nehme allerdings vor allem Ermahnungen wahr. Schuld daran ist meist der Dacadoo-Coach. Statt dass er lobt, was ich tue, bemängelt er, was ich nicht tue. Der Coach ist schlimmer als jede Mutter zu Teenagerzeiten. Ständig habe ich das Gefühl, zu verlieren, obwohl ich mich um einen gesunden Alltag bemühe. Jeder Pädagoge würde mir außerdem recht geben, dass es demotivierend ist, alle an denselben Normen zu messen. Was ist mit Behinderungen, Verletzungen, chronischen Erkrankungen oder Allergien? Ich bin übrigens fruktoseintolerant, Coach! Aber danach hast du ja nie gefragt. Fruchtzucker ist Gift für mich. Als ich jedoch die Frage nach meiner täglichen Obststückmenge mit null beantworte, sinkt mein Index. In mir löst das Trotz aus. Dacadoo-Coach: Wie viele Portionen rotes Fleisch essen Sie pro Woche? 1 Dacadoo-Coach: Das liegt noch innerhalb der Grenzen, aber es sollte nicht mehr sein, Luisa! Rotes und verarbeitetes Fleisch kann
das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten erhöhen. Dacadoo-Coach: Genießen Sie es, zu essen? Sehr Dacadoo-Coach: Schön zu hören, dass Sie gerne essen. Übertreiben Sie jedoch nicht. Achten Sie darauf, ein gesundes Gewicht zu halten. Karin Ceballos Betancur Ich bin ganz zufrieden mit mir. Dass der Kollege Gernert unseren Dauerwettbewerb namens »Energy Burner – alles zählt« anführen würde, damit hatte ich gerechnet. Er federt beim Gehen manchmal ein bisschen nach wie Menschen, die gern Energie verbrauchen, weil sie genug davon haben. Aber immerhin schwimme ich jede Woche zwei Kilometer. Ich wohne im vierten Stock. Ich habe den zweiten Ranglistenplatz beim »Energy Burner« quasi sicher. Obwohl ich mich ein bisschen dafür verachte, weil mir das alles theoretisch widerstrebt, fange ich an, Gefallen an der Konkurrenz zu finden.
Felix Dachsel Felix Dachsel war trainieren. Felix Dachsel war für 1:55 h aktiv. »Felix Dachsel war trainieren.« Als ich den Satz zum ersten Mal lese, fühlt sich das verdammt gut an. Weil das Wort »trainieren« so nach Schwarzenegger klingt. Als hätte ich stundenlang Gewichte gestemmt und nicht mit ein paar Freunden in der Hamburger HafenCity Fußball gespielt. Zweitens aber, und das ist viel wichtiger: Weil mir bewusst wird, dass meine Kollegen diese Meldung lesen werden. Er war tatsächlich trainieren! Fast zwei Stunden! Der Dachsel! Ich bin im Kollegenkreis bisher nicht als besonders Fitness-orientiert aufgefallen. Bei einer Klausurtagung mit unserer Abteilung habe ich mal den Fehler gemacht, mich auf eine morgendliche Joggingrunde mit dem Kollegen Gernert einzulassen. Er schwebte um den See, ich traf eine Viertelstunde nach ihm ein, gebeugt und verschwitzt und wehklagend. Doch jetzt, mit dieser Wunderuhr am Handgelenk, bekommt alles eine neue,