Rudolf Steiner - Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie (Berlin, 4. April 1904)

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trauen gegen die geisteswissenschaftliche Bewegung hervorrufen musste.

Rudolf Steiner

Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie Berlin, 4. April 1904 Vortrag vor Mitgliedern der Theos. Gesell.

Wenn

die Geisteswissenschaft1 behaupten wollte, dass sie etwas ganz Neues, erst in den letzten Jahrzehnten in die Welt Gekommenes zeigt, dann könnte man ihr wohl sehr leicht und wirkungsvoll entgegentreten. Denn es wird dem Menschen zwar leicht, zu glauben, dass einzelne, besondere Wahrheiten, neue Errungenschaften auf irgendeinem Erkenntnisgebiet das menschliche Anschauungs- und Gedankenleben in der fortschreitenden Zeit bereichern könnten, nicht aber, dass dasjenige, was des Menschen tief innersten Kern betrifft, den Urquell menschlicher Weisheit, dass dieses als etwas völlig Neues in irgendeiner Zeit auftreten sollte. Das ist ohne Weiteres nicht zu glauben. Und es ist daher wohl nur natürlich, dass ein solcher Glaube, [als ob] die Geisteswissenschaft könnte oder wollte etwas völlig Neues bringen, das Miss-

Aber Geisteswissenschaft hat sich von jeher, seit sie versucht, auf die moderne Kulturbewegung einen Einfluss zu gewinnen, als eine uralte Weisheit bezeichnet, als etwas, was die Menschen gesucht haben, was sie zu allen Zeiten in den verschiedensten Formen zu erringen hofften. Und es ist die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Bewegung gewesen, in den verschiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen nach den verschiedenen Formen zu suchen, in welchen das Volk durch die verschiedenen Zeitalter hindurch zur Quelle der Wahrheit vorzudringen bemüht war. Die Geisteswissenschaft hat an den Tag gebracht, dass die Weisheit, durch welche der Mensch sein Ziel zu erkennen versucht, zu den verschiedensten Zeiten, auch in den urältesten Zeiten, etwas tief Verwandtes hat. Und so ist es in der Tat. Die Geisteswissenschaft macht uns in Bezug auf die Errungenschaften unserer eigenen Zeit bescheiden. Der durchaus unbescheidene bekannte Spruch, dass wir es so herrlich weit gebracht haben in diesem 19. Jahrhundert, dieser Spruch erfährt in seinem tiefsten Sinne eine besondere Einschränkung durch die Betrachtung des Geisteslebens durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende hindurch. Aber nicht in diese alten Zeiten möchte ich Sie zurückführen.

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Das Wort «Theosophie» ist in diesem Text durch «Geisteswissenschaft» ersetzt. Steiner selbst verwendete beide Worte als Synonyme.

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