Rudolf Steiner
Die Quelle des Bösen, der Übel und des Schmerzes München, 29. März 1914 Öffentlicher Vortrag
Zu
den Welträtseln, die sich dem Menschen nicht nur von rein wissenschaftlicher Seite aufdrängen, sondern [die] vom Leben immer wieder gestellt werden, gehört dasjenige vom Quell des Bösen und der Übel in der Welt. Es sei mir nun gestattet, hierzu heute Abend vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus – und zwar derjenigen Geisteswissenschaft, deren Grundlagen ich schon seit vielen Jahren vor dieser Zuhörerschaft auseinandergesetzt habe – über diese spezielle Rätselstellung des menschlichen Lebens zu sprechen. Vor dem eigentlichen Eingehen auf die betreffenden Fragen möchte ich kurz einleitend darauf hinweisen, wie durch alle Jahrhunderte hindurch die Frage des Bösen und die der Übel in der Welt den forschenden Menschen beschäftigt haben. Und an dieser unablässigen Beschäftigung dürfte sich schon zeigen, wie tief das Böse und die Übel von der menschlichen Seele empfunden werden. 1
Nur kurz sei darauf hingedeutet, dass die philosophischen Denker es versuchten, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, nach denen sie das Böse und die Übel in das Leben hineinragen sahen, deren Rätsel zu lösen, aber trotzdem nicht völlig damit zurechtkamen. Lassen Sie uns zurückgehen bis zu jener Philosophie des 3. Jahrhunderts vor Christi, die als Stoizismus bekannt ist und [es / die] versuchte, aus dem griechischen Gedankenleben heraus Richtlinien für die Prinzipien des Weltalls und des Verhaltens des Menschen zu gewinnen. Da trat bei den Stoikern die andere Frage auf: Wie kommt man mit dem Menschenleben zurecht, wenn man im Leben den Stachel des Bösen in sich fühlt und die sonst so weisheitsvolle Weltlenkung von den Übeln des Daseins durchsetzt sieht. Will man versuchen, die Art zu charakterisieren, wie der Stoizismus mit dem Bösen in der menschlichen Natur zurechtzukommen meinte, so muss man den Blick auf die aus den Grundlagen der Welt entspringenden Bewusstseinszustände hinlenken. Wenn der Stoiker die Kräfte seines Bewusstseins entfaltete, von denen er annahm, dass sie mit der Welt in Übereinstimmung seien, so meinte er, müsse sich nur Gutes entwickeln. Aber das Böse trat doch auch auf. Dann sagte er, es ist beim Hineingelangen des Bösen in die menschliche Seelennatur ein Dämmerzustand der Seele, eine Art geistiger Ohnmacht vorhanden. Und der Stoiker fragte sich dann: Wodurch kann das normale Bewusstsein unserer Seele heruntergedämmert, sozusagen ohnmächtig werden? Dadurch, dass der 2