— Zwischen Furcht und Ehrfurcht: Die Wildnis S. 3 g reen peace MEMBER 20 14, Nr. 3
THEMENHEFT : Neue Wildnis S. 5 Wölfische Wildnis S. 16 Private Wildnis S. 19 Mutter Wildnis S. 29 Urbane Wildnis S. 34 Digitale Wildnis S. 40 Keine Wildnis S. 44 Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014 TV- Wildnis S. 58
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Editorial — Als wir dieses Magazin vor drei Jahren vollständig neu gestalteten, setzten wir auf weniger Ausgaben und mehr Inhalte. Wir versprachen Ihnen und uns jede Menge neuer Themen, die weit über die Kampagnen von Greenpeace hinausgehen, aber immer um unsere Grundwerte kreisen. Dieses Versprechen haben wir eingelöst und Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben uns immer wieder gezeigt, dass es Sie interessiert, was wir zu sagen haben und wie wir es sagen. Danke. Es gibt Themen, die sind so vielfältig und so wichtig, dass es viele Geschichten und Bilder braucht, um sich ihnen anzunähern. «Die Wildnis» ist ein solches Thema. Wir haben fast sechzig Seiten dieses Hefts dafür verwendet und viele Storys für sie geschrieben, von denen jede eine andere Wildnis zeigt; und wir haben sie mit prächtigen und manchmal verstörenden Bildern illustriert. Machen Sie sich auf, den gemeinsamen Kern aufzuspüren. Auf Seite 5 beginnt eine Geschichte, die eine «sub versive» Wildnis zeigt; eine, die in die Sphäre der Menschen vordringt. Mit unserem Magazin haben wir Ähnliches vor, indem seine Inhalte über eine App auch Leuten zugänglich werden, die sich nicht drei Mal jährlich, sondern mehrmals im Monat aufregende Geschichten, Bilder und Filme von und um Natur, Ökologie und Gesellschaft zu Gemüte führen wollen. Die App (mehr dazu auf der Rückseite) enthält auch einen Ratgeber, der auf dem «Greenpeace-Handbuch» basiert und der Ihnen in den meisten Lebenssituationen Antworten auf Fragen des Umweltschutzes gibt. Wir hoffen, damit Ihren Horizont zu erweitern. Genau wie mit diesem und vielen weiteren Magazinen.
C ove r: © ch ri stia n houge
Die Redaktion
Einstieg
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© M arc han d / M effr e
Was Ist Wildnis?
Neue Wildnis
5 Symbol der Wildnis
POSTINDUSTRIELLE NATUR
Portrait
Wo die Wirtschaft brachliegt, kommt die Wildnis zurück
Inhalt
Wilde Architektur
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PRIVAT-WILDNIS
Überraschende Fakten
Wildbienen bevorzugen heimische Pflanzen
Essay 40
Die Überwachung macht Schluss mit der Freiheit im Internet. Dafür blüht das Darknet
Die peruanischen Ashaninka haben kein Wort für Wildnis
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DER SCHRIFTSTELLER EMIL ZOPFI ÜBER SICH als Kind (in) der Natur
DAS UNTERNET
Die Wildnis existiert nicht
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ZUM BEISPIEL: WILDNIS – EIN ZIEMLICH
Reportage 24
Architekten lernen vom urbanen Wildwuchs
Foto-Reportage
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FR ANK DÄHLING SCHAFFT SICH SEINE
DEUTSCHES PHÄNOMEN
INTELLIGENTE SLUMS Digitale Wildnis
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DEN WÖLFEN AUF DER SPUR
Hommage
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OHNE PILZE GÄBE ES AUF DEM FESTLAND KEIN LEBEN
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Selbstversuch
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UNSER AUTOR ZAPPTE SICH ZWEI WOCHEN LANG DURCH NATURSENDUNGEN
Chefsache 2 Impressum 2 Die Karte 32 In Aktion 60 Interview 52 Kampagnen-News 66 Anthropologe Jeremy Narby über Öko-Rätsel 72 unsere animistische Zukunft
Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Lassen wir uns anstecken!
Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
globalere Wirkung zu erzielen. Aus dieser Vision schöpft Greenpeace die Kraft, um den gewaltigen Umbau unserer Organisation zu bewerkstelligen, damit wir sie am richtigen Ort entfalten können. Zurzeit stecken wir mitten drin. Unser Schweizer Büro ist bereits in einigen globalen Projekten engagiert. Wir leiten die europaweite Kampagne für die Rettung der Bienen, wir engagieren uns mit anderen Büros für die Einrichtung eines Schutzgebiets in der Arktis, und mit der Detox-Kampagne arbeiten wir mit unseren KollegInnen in Asien an einer Bewegung, die die Verschmutzung der Gewässer durch die Bekleidungsindustrie stoppen soll. Vieles läuft gut, wir spüren die Kraft durch die neue Zusammenarbeit und lernen voneinander. Es gibt aber auch Dinge, die noch nicht gut funktionieren. Unser internationales Büro in Amsterdam, das sich am stärksten verändern muss, wird eine Weile brauchen, bis es sich auf die neue Arbeitsweise eingestellt hat. Unser Verständnis und unsere Unterstützung können hier helfen. Die Fussball-WM-Euphorie ist längst abgeklungen, ebenso der Kater nach den Spielen. Zurück bleiben dauerhafte Spuren in der brasilianischen Umwelt und Gesellschaft. Aber auch die schöne Erfahrung, dass eine gut trainierte und eingespielte Mannschaft Menschen bewegen und Siege erringen kann.
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Herausgeberin/ Redaktionsadresse: Greenpeace Schweiz Badenerstrasse 171 Postfach 9320 8036 Zürich Telefon 044 447 41 41 Fax 044 447 41 99 redaktion@greenpeace.ch www.greenpeace.ch Adressänderungen unter: suse.ch@greenpeace.org Redaktionsteam: Tanja Keller (Leitung), Matthias Wyssmann, H ina Struever, Barbara Lukesch, Samuel Schlaefli Autoren: Roland Falk, Tanja Keller, Thomas Niederberger, Mathias Plüss, Samuel Schlaefli, Daniela Schwegler, Claudia Toll, Paul Westrich, Matthias Wyssmann, Emil Zopfi Fotografen: Rodrigo Abd, Keith Bedford, Biosphoto/Guillaume, Christoph Chammartin, Reinhard Dirscherl, Nicolas Fojtu, Sergey P. Gaschak, Michael Goldwater, Christian Houge, Chiyuki Ito, Martijn de Jonge, Oliver Lück, Marchand/Meffre, Ryu Seung-Il, Ruben Smit, Ruben Solaz, Urban-Think Tank Gestaltung: Hubertus Design Druck: Stämpfli Publikationen AG, Bern Papier Umschlag und Inhalt: 100% Recycling Druckauflage: d 109 000, f 22 500 Erscheinungsweise: viermal jährlich Das Magazin Greenpeace geht an alle Mitglieder ( Jahresbeitrag ab Fr. 72.–). Es kann Meinungen enthalten, die nicht mit offiziellen Greenpeace-Positionen übereinstimmen. Der Lesbarkeit zuliebe sehen wir davon ab, konsequent die männliche und die weibliche Form zu ver wenden. Die männliche Form bezieht daher die weibliche Form mit ein – und umgekehrt. Spenden: Postkonto 80-6222-8 Online-Spenden: www.greenpeace.ch/spenden
Co-Geschäftsleitung Verena Mühlberger und Markus Allemann
SMS-Spenden: Keyword GP und Betrag in Franken an 488 (Beispiel für Fr. 10.–: «GP 10» an 488)
© gre en peace
CHEFSACHE
Kennen Sie dieses Gefühl? Sie sitzen vor der Grossleinwand und das WMFussballfieber packt Sie. Die virtuosen Pässe der Athleten lösen so ein prickelndes Gefühl aus – und Sie fühlen sich nur noch happy, an einem globalen Ereignis live dabei zu sein. Gleichzeitig wissen Sie um die Schattenseiten des Spektakels: die korruptionsverdächtige FIFA, die soziale Ungerechtigkeit neben den Stadien, die unermesslichen Umweltschäden. Und dass der Kater nach den Spielen ganz sicher kommt. Oder dieses: Sie geben sich alle Mühe, bescheidener zu leben, verzichten aufs Auto oder verbringen Ihre Ferien grundsätzlich in Mitteleuropa. Gleichzeitig lesen Sie vom Energiehunger der aufstrebenden Länder, von den Millionen Menschen in Brasilien, China oder Indien, die auch Wohlstand wollen. Lohnen sich Ihre Anstrengungen überhaupt? Greenpeace ist heute stärker gefordert denn je. Die eine Welt, die wir zur Verfügung haben, antwortet mit einer Klimakatastrophe auf den CO2Ausstoss der letzten Jahrzehnte. Es braucht den Einsatz, den Mut und die Zuversicht von uns allen, um sie zu verhindern oder wenigstens ihre Gewalt zu vermindern. Greenpeace hat sich deshalb weltweit auf einen neuen Weg begeben: Vor einem Jahr haben die GeschäftsleiterInnen aller Greenpeace-Büros gemeinsam entschieden, die Ressourcen zugunsten der Büros in Afrika, Asien und Lateinamerika umzuverteilen. Unsere Kampagnen sollen vernetzter und dezentraler geführt und Aktionen vermehrt aus den unterschiedlichen Sichtweisen heraus geplant werden. Der Enthusiasmus unserer KollegInnen aus den Schwellenländern hat die Greenpeace-Büros der «alten Welt» von Beginn weg angesteckt. Wir sehen neue Chancen, mit unseren Kampa gnen gemeinsam eine stärkere und
Impressum Greenpeace Member 3/2014
Wildnis – Angst und Anziehung
Von Matthias Wyssmann — Die Wildnis ist ein rares Gut geworden. Ursprüngliche Teile der Natur, die sich dem Zugriff der Menschen entziehen, verschwinden. Die Zerstörung der Regenwälder geht weiter, die Arktis schmilzt dahin. Wo der Mensch es geschafft hat, ein Stückchen unberührte Natur zu erhalten, wuchert eher der Tourismus – so sanft er auch sei. Was selten ist, gewinnt an Wert, und in diesem Sinn hat die Wildnis wahrhaftig Karriere gemacht, seit unsere Urahnen nachts in Angst vor dem Säbelzahntiger um ein Feuer kauerten. Für sie hätte die Wildnis wahrscheinlich vor ihrer Höhle begonnen und sie hätten sie zum Teufel wünschen können, wenn dort nicht einfach eines gewesen wäre: die Welt, die Natur, von der sie ein Teil waren. Das ist lange her. Mittlerweile ist die Wildnis so wertvoll, dass sie auch für eine bessere Welt steht. «Wild» ist zu einem Gütesiegel geworden für Rockstars – born to be wild – und Liebhaberinnen, für Einrichtungsstile und Gartenbauphilosophien. So hat sich die Wildnis eine Reihe von Verkleidungen zugelegt. Sie entfaltet sich, wenn Regeln ausgeschaltet sind, was unheimlich sexy anmutet in einer Welt, wo bald jedes Ding seinen Sensor, Chip, Sender hat und mit einer Datenbank kommuniziert. Auf diese wilde Freiheit kann man in der Stadt treffen, im Internet, in der Kunst, im Musikclub, im eigenen Garten. Dieses Heft will diese Vielfalt dokumentieren. Das Wirken des Menschen hat aber nicht nur zu einem Schwinden der «eigentlichen» Wildnis geführt. Mit der Verwüstung entstanden auch neue Wüsten. Es gibt immer mehr Orte, an denen eine unkontrollierte Natur zurückkehrt, weil sie unbewohnbar geworden sind. Radioaktivität und chemische Verseuchung schaffen Reservate, für die der Mensch nicht mehr Eindringling ist, sondern Flüchtling. Sich dafür zu beglückwünschen, wäre freilich unsinnig und auch diese Orte bleiben nur so lange verschont, bis jemand auf eine neue «Goldader» stösst. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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«Furcht und Ehrfurcht» steht – etwas beschwörend – auf unserer Titelseite. Das könnten wir noch steigern zu «Angst und Anziehung», je nachdem, ob wir uns wie Rotkäppchen oder wie Charles Darwin fühlen. Dass die Wildnis auf Frauen und Männer von heute anziehend wirkt, haben wir bereits gezeigt. Aber wo ist die Angst? Angesichts der drohenden Klimaveränderungen würde es Greenpeace nicht schwer fallen, beängstigende Szenarien für die Zukunft heraufzubeschwören. Wir überlassen das Hollywood, das neuerdings ein Genre von Filmen pflegt, in denen die Helden im Überlebenskampf ein paar Reste von Menschlichkeit retten. Die heftigen Debatten rund um den Datenschutz im Internet spiegeln auch eine Sehnsucht nach Kontrolle über eine Welt, die im Chaos versinken könnte. Diese Wildnis weckt plötzlich neue Ängste. Als ökologisch fühlende und denkende Menschen stehen wir vor einem Dilemma. Wir wünschen uns eine Welt, in der eine geordnete, massvolle Zivilisation und weite, unberührte Gebiete koexistieren. Wir möchten eine Grenze ziehen zwischen Mensch und Wildnis. Die EcopopInitiative ist ein Ausdruck dieser – verständlichen – Sehnsucht nach der Idylle. Ob Grenzen der Erde bisher viel Gutes gebracht haben, möchten wir zumindest hinterfragen. Wenn wir die Wildnis verstehen wollen, stellt sich rasch auch die Frage nach der «Wildnis in uns». Dasselbe Leben steckt nämlich in jedem Wesen, ob Einzeller, Pilz, Pflanze, Tier oder Mensch. Statt die Welt einzuteilen in Menschliches und Nichtmenschliches, statt Grenzen zu ziehen, sollten wir uns auf dieses grosse Gemeinsame besinnen. Vielleicht verschwindet dann die Wildnis in unseren Köpfen und es bleibt – die Natur.
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neue Wildnis
Nevada National Security Site 2
Tschernobyl 1
Bikini-Atoll 3 Detroit 1 0 Buenos Aires 7 Oostvaardersplassen 8
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Kiribati 1 1 Lausitz 6 Ruhrgebiet 5
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Gunkanjima 9
Zwischen Nordund Südkorea Demilitarisierte Zone (DMZ) 4
Neue Wildnis
© S erg e y P. Gaschak
«Postindustrielle Natur» – unter diesem Begriff versteht man Gebiete, aus denen sich der Mensch freiwillig oder unter Zwang zurückgezogen hat. Der US-Sciencefiction-Autor und Cyberpunk Bruce Sterling nennt sie «unfreiwillige Parks». Unsere Beispiele z eigen, wie Pflanzen und Tiere solche Landstriche zurückerobern und wie dabei faszinierende Lebensräume entstehen. Von Thomas Niederberger
Aussergewöhnlich viele Seeadler besiedeln die Sperrzone rund um Tschernobyl. In der seit über 28 Jahren unberührten Landschaft hat sich ein einzigartiges Biotop entwickelt.
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gefährdete Arten. Der Plan, die Zone in ein Unesco-Reservat zu verwandeln, ist bisher am Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1 Widerstand von Nordkorea gescheitert. Solange 1986 mussten mehr als 350 000 Menschen um- die Spannungen zwischen den beiden Nach barn anhalten, braucht die Natur in der DMZ gesiedelt werden. Man errichtete eine Sperr zone, fast so gross wie der Kanton Tessin. Dieses aber keinen besonderen Schutz. Erst der Frieden Gebiet haben Wildtiere in Beschlag genommen. mit Begleiterscheinungen wie Strassenbau und wirtschaftlicher Entwicklung würde für Luchse, mehrere hundert Wölfe, Tausende Wildschweine, Hirsche und Elche sowie seltene diese neue Wildnis zum Problem. In Europa hat sich der ehemalige eiserne Vogelarten wie der Seeadler fühlen sich hier Vorhang aus dem kalten Krieg in ein grünes trotz der radioaktiven Strahlung wohl. Viele Arten waren vorher in der Region ausgestorben Band verwandelt. Es schlängelt sich über 12 500 Kilometer von der Barentsee über die baltische und sind nun wieder eingewandert. Zudem Küste, durch Deutschland und den Balkan wurden Wildpferde und Wisente angesiedelt, bis ans Schwarze Meer. Wo früher auf Flüchtlindie zum Schutz vor Waldbränden das Gras abweiden. Der «unfreiwillige Naturpark» zieht ge geschossen wurde, haben seltene Tierund Pflanzenarten einen Rückzugsort gefunden. inzwischen auch Abenteuertouristen an. Zu einem Refugium für die Tier- und Pflan- Seit dem Mauerfall sind mit Hilfe der euro päischen Greenbelt-Initiative in verschiedenen zenwelt ist auch die 3560 Quadratkilometer grosse Nevada National Security Site 2 gewor- Abschnitten Schutzgebiete errichtet worden. den. Hier testeten die Amerikaner bis 1992 Atombomben. Das Gebiet wird weiterhin von Ruhrgebiet und Lausitz den Behörden kontrolliert und kann nur auf geführten Touren besucht werden. Der Niedergang der Schwerindustrie hat im Den folgenreichsten Test führten die USA Ruhrgebiet 5 rund 10 000 Hektaren Brachland 1954 auf dem Bikini-Atoll im Pazifik durch: Die «Castle Bravo»-Wasserstoffbombe war tau- hinterlassen. Ein Teil wird für neue Zwecke verwendet, doch viele ehemalige Fabriken und sendfach stärker als die Hiroshima-Bombe. Kohleminen sind inzwischen von Pflanzen Vorsorglich waren die Bewohner des Atolls zuüberwuchert und bieten Raum für gefährdete vor auf andere Inseln umgesiedelt worden. Wegen der Strahlung konnten sie bis heute nicht Arten. Die neue Wildnis erklimmt Schlackenberge und rostende Industrieanlagen mitten in in ihre Heimat zurückkehren. 2010 wurde das Bikini-Atoll 3 in die Liste des Unesco-Welterbes einer der am dichtesten besiedelten Regionen aufgenommen. Unterdessen gilt es wegen Europas. Das Forstamt hat einige Flecken unter seiner unberührten Unterwasserwelt als Gedem Label «Industriewald Ruhrgebiet» für heimtipp für Taucher. Schulen und andere Interessierte erschlossen. Ähnliches spielt sich seit dem Fall der Mauer auch im Osten Deutschlands ab. Eine Entmilitarisierte Gebiete «Mondlandschaft» aus 32 stillgelegten Braunkohle-Tagebauminen auf fast 1000 Quadrat Die Demilitarisierte Zone (DMZ) 4 zwischen kilometern Fläche wurde renaturiert. Dazu Nord- und Südkorea ist etwa vier Kilometer breit kommen weitflächige Industrieanlagen und und zieht sich entlang des 38. Breitengrades Truppenübungsplätze, die nicht mehr benötigt über 250 Kilometer durch die gesamte Halbinwerden. In die Lausitz 6, ein Zentrum der Schwerindustrie der ehemaligen DDR, sind sel. Seit dem Waffenstillstandsabkommen, das Wölfe aus Polen eingewandert und dort hei1953 den Koreakrieg beendete, wird die Zone auf beiden Seiten militärisch bewacht. In diesem misch geworden. Es ist kein Zufall, dass etliche Niemandsland voller Minen und Blindgänger der aktuell 15 Kernsiedlungsgebiete für Wölfe können seltene Zugvögel wie der Mandschuren- in Deutschland Namen wie Tagebau Seese, kranich oder der Weissnackenkranich ungeWelzower Tagebau oder Truppenübungsplatz stört überwintern. Hier leben auch Amurleopar- Oberlausitz tragen. den, Kragenbären und zahlreiche weitere
Verstrahlte Landschaften
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© Ruben S o laz / 2 013 © B Y RYU SEUNG- IL / P ol aris / DUKAS
Apokalyptische Landschaften: Die Vegetation rund um Tschernobyl erobert sich ihren Platz zurück.
Weissnackenkraniche bei der Futtersuche in der demilitarisierten Zone auf südkoreanischem Boden. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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© Rein hard Dirsche rl / SeaP ics.c o m
Neue Wildnis
Bikini-Atoll: Eine einzigartige Unterwasserwelt hat sich auf dem zurückgelassenen Militärschrott entwickelt und lockt nicht nur Fische, sondern auch Taucher an. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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© Mart ij n de Jo n g e
Neue Wildnis
Oostvaardersplassen gilt als eine der unberührtesten Naturlandschaften Europas.
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Künstliches Land Vor der Küste von Buenos Aires 7 wurde ab 1978 nach holländischem Vorbild Bauschutt ins Meer gekippt, um Land zu gewinnen. Eigentlich hätte dieses Land überbaut werden sollen, doch die Pläne wurden aus Spargründen sistiert und die aufgeschüttete Fläche verwilderte. 1986 zum Naturschutzgebiet erklärt, ist die Costanera Sur heute ein Paradies für seltene Vogelarten und die wichtigste grüne Lunge der Millionenstadt. Nicht weit von Amsterdam entfernt liegt Oostvaardersplassen 8, mit 60 Quadratkilo metern Fläche eines der bedeutendsten geschützten Feuchtgebiete Europas. Bis in die sechziger Jahre lag der Landstrich unter dem Meeres spiegel. Erst der Bau eines grossen Deichs und die Trockenlegung des dahinter liegenden Bodens ermöglichten die schrittweise Ansiedlung von Wildtieren. Menschen ist der Zutritt strengstens verboten. In der Oostvaardersplassen leben heute 1200 wilde Konikpferde, Hirsche und eine Vielzahl von Zugvögeln.
Industriebrache Gunkanjima 9 Hashima ist eine von 505 unbewohnten Inseln der japanischen Präfektur Nagasaki. Fünf Kilometer trennen sie vom Festland. Der unwirt liche Felsen im ostchinesischen Meer blieb über Jahrtausende unberührt. Dann, um 1890, sicherte sich der Mitsubishi-Konzern die Rechte an der Insel, nachdem unter dem Meeresboden ein Kohlevorkommen entdeckt worden war. Zum Schutz vor Stürmen wurde eine massive Betonmauer um das Eiland gezogen, das nur 6,3 Hektaren misst, was der Fläche von neun Fussballfeldern entspricht. Arbeiter begannen bis zu 1100 Meter tiefe Schächte zu graben. So wurde aus Hashima kurz nach der Jahrhundertwende Gunkanjima, die Kriegsschiff-Insel, wie sie fortan wegen ihres Steinwalls genannt wurde. Zu Spitzenzeiten förderte Mitsubishi jährlich 410 000 Tonnen «Black Diamond», hochwertige Kohle. Die Kriege gegen China (1894) und Russland (1904) und später der Zweite Weltkrieg heizten die Nachfrage nach Kohle an. Mitsubishi baute die Mine fortlaufend aus, bis 1959 über 5000 Arbeiter mit ihren Familien auf der Insel lebten: Eine Stadt mit Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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© M archan d / M effr e
Neue Wildnis
Die Insel Gunkanjima.
Wo einst reges Leben die Insel zum wirtschaftlichen Zentrum machte, wuchert jetzt eine üppige Vegetation durch die Häuserschluchten.
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dreissig mehrstöckigen Beton-Zweckbauten überzog den gesamten bewohnbaren Teil. Gunkanjima hatte mit 1391 Menschen pro Hektare eine der höchsten Bevölkerungsdichten, die jemals gemessen wurden. Die Arbeitsbedingungen waren brutal: 1300 Arbeiter starben durch Unfälle in den Schächten, wegen Krankheiten, Überanstrengung oder Mangelernährung. Etliche ertranken beim Versuch, ans Festland zu schwimmen. Die Bewohner nannten die Stadt trotzdem Furusato (Heimatdorf ). Es gab eine Primarschule, ein Gymnasium, Poli zisten, eine Post, Spielplätze, ein Kino, Bars, Restaurants und ein Bordell. Das wahre Drama der Insel begann Ende der 60er Jahre. Nicht ein Zyklon, ein Erdbeben oder die 1945 über Nagasaki abgeworfene Atombombe «Fat Man» beendete das Leben auf der Insel, sondern eine ökonomische Umwälzung: Erdöl löste Kohle als Energieträger ab – und Gunkanjima hatte für Mitsubishi keine Bedeutung mehr. Eine ganze Stadtgemeinschaft, durch Enge und Abgeschiedenheit zusammengeschweisst, wurde mit einem Schlag ausein andergerissen und in Fabriken über ganz Japan verteilt. Am 20. April 1974 stiegen die letzten Bewohner auf die Fähre Richtung Nagasaki.
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Was von der Autostadt Detroit übrig geblieben ist: Industriebrachen und Ruinen.
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© DETROITURB EX.COM
Oostvaardersplassen: Das Sumpfgebiet ist die Heimat zahlreicher Wildtiere.
Neue Wildnis
Seither wird aus der Kriegsschiff-Insel langsam wieder Hashima. Das Meersalz zerfrisst Betonmauern und Metallträger, zurückgelassene Reiskocher, Modelleisenbahnen und Coiffeursessel. Stürme reissen an der Festungsmauer, Bambusbüsche überwuchern Dächer und zerfallende Treppen. Die Geisterstadt vermittelt eine Vorahnung dessen, wie unsere Welt einmal aussehen könnte, wenn die letzten Ölfelder leergepumpt, die letzten Gasadern gefrackt und die letzten Uranvorkommen gefördert und verstrahlt sind. Die Arbeiter von Gunkanjima wurden mit der Botschaft «Mit Black Diamond zu einem glücklichen Leben» angelockt. Die Arbeiter der Region Fukushima wurden mit dem Slogan «Nuklearenergie, die Quelle für eine glänzende Zukunft» empfangen. Die Kraft des Urans machte aus dem Fischerdorf Futaba eine pulsierende Küstenstadt. Seit dem Super-GAU liegt sie – wie Gunkanjima – verlassen, still und dunkel da. Sie ist zu einer neuen Wildnis geworden, unzugänglich für die Menschen und für Jahrzehnte verloren.
Detroit 10 In der weltweit führenden Industriestadt, lebten in den 50er Jahren noch fast zwei Millionen Menschen. Heute ist die Bevölkerung auf die Hälfte geschrumpft. Mehr als 90 000 Grundstücke sollen ungenutzt sein. Das ist eine Chance für die Natur, denn nun will ein österreichischer Landwirt mit Feldern und Parks eine Fläche in der Grösse Wiens begrünen. Wo heute urbanes Ödland ist, könnten in ein paar Jahren Obstbäume blühen und Gemüsefelder stehen.
Der pazifische Inselstaat Kiribati 11 mit seinen 100 000 Einwohnern auf 21 Inseln könnte schon bald unbewohnbar werden. Einige Inseln wurden bereits geräumt. Der höchste Punkt von Kiribati liegt nur drei Meter über dem Meeresspiegel. Das Land hat zu wenig Geld, um die heftiger werdenden Sturmfluten mit neuen Dämmen aufzuhalten. Und der futuristische Plan, schwimmende Inseln zu bauen, käme nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugute. Präsident Anote Tong verhandelt derzeit mit Fidschi, Neuseeland und Australien über mög liche Umsiedlungen.
Ein unterschätztes Phänomen Eine klare Definition, ab wann ein der Natur überlassenes Gebiet als «neue Wildnis» gilt, gibt es nicht. Auch finden sich kaum Daten über die Verbreitung und die ökologische Qualität solcher Landstriche. Umweltorganisationen kümmern sich mehr um den Schutz intakter Öko systeme als um verlassene Industriebrachen mit Naturpark-Potenzial. Die Bedeutung des Phänomens «Neue Wildnis» dürfte in den nächsten Jahren im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels aber zunehmen.
Klimaverwüstungen Wie sich der globale Klimawandel auswirken wird, lässt sich erst erahnen. Unbestritten steigt das Risiko von Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Felsstürzen und Erdrutschen. Mit baulichen Massnahmen lassen sich solche Gefahren zwar einigermassen in den Griff bekommen, doch kostet dies sehr viel Geld. Gewisse Risikoregionen zu sperren, ist oft günstiger, als an ihrer Nutzung festzuhalten. So plant etwa die holländische Regierung, grössere Überschwemmungsgebiete ganz der Natur zu überlassen. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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HOMO LUPO LUPUS – Der Mensch ist dem Wolf eine Bestie* Sie ist kaum noch aufzuhalten, die Rückkehr der Wölfe in unsere Welt. Ausgerottet wurden sie in der Schweiz, in Deutschland, Italien, Frankreich und in vielen anderen europäischen Ländern Ende des 19. Jahrhunderts. Doch wie steht es nun, nach einem Jahrhundert ohne sie, um unser Verhältnis zu diesen Wildtieren? Von Claudia Toll — Homo sapiens sapiens und Canis lupus verbindet eine uralte, für den Wolf oft unerfreuliche Geschichte. In der Mythologie, in Märchen, Fabeln, Gleichnissen und Sprichwörtern spielt der Wolf eine herausragende Rolle. Dabei reicht die Bandbreite seines Ansehens von Verehrung bis Verdammung. Die Gestalt(en), die er in diesen alten Überlieferungen angenommen hat, haben sich oft weit vom realen Tier entfernt. Der Wolf war für Viehzüchter und andere Tierhalter eine Bedrohung; es galt, ihn von den Herden fernzuhalten und zu töten. Zur Hatz riefen vor allem jene, für die er im Wald ein Konkurrent war: Burgherren, die nicht duldeten, dass ihnen jemand in die Quere kam, und seien es auch nur die Hofhunde der Bauern. Liest man in historischen Aufzeichnungen, wie bei den Gelagen des Adels geprasst wurde, wird klar, dass für das gemeine Volk nicht mehr viel übrig blieb. Unter Karl dem Grossen gab es Wolfsbeauftragte. Das waren privilegierte Hofbeamte, die nicht etwa für den Schutz der Wölfe zuständig waren, sondern für die Hatz. Um den Wolf zu verunglimpfen, wurden tatsächliche Begebenheiten aufgebauscht und Schauergeschichten kolportiert wie jene vom Rotkäppchen oder die vom bösen, die kleinen Geisslein verschlingenden Ungeheuer. Der Wolf wurde in Gruben gefangen und mit Tellereisen, Wolfsangeln, Gift und andern perfiden Methoden gnadenlos zur Strecke gebracht. Kontroverses Bild Der Hass auf ihn war so gross, dass er zum Urbild für Wildheit, Wildnis und Bedrohung Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
wurde – ein beutegreifender Schmarotzer und Zivilisationsschädling, Sinnbild des Hobbes’ schen Naturzustands, in dem – homo homini lupus * – der Mensch des Menschen Wolf ist, ein der Natur zugeschlagener Hilfsleibhaftiger, dem der Garaus gemacht werden musste, schliesslich symbolisch in Dienst genommen von Strömungen unterschiedlicher politischer Couleur: So liest sich sein kulturhistorischer Steckbrief. Lange Zeit hatte der Wolf keine Chance auf Rehabilitierung. Seit er wieder da ist, wird das Zerrbild zumindest teilweise korrigiert. Es dauerte, bis der Wolf, nunmehr im freien Feld und ohne Jagddruck lebend, zum Gegenstand echter Forschung wurde – mit der Folge, dass lange Zeit unbestrittene verhaltenswissenschaftliche «Erkenntnisse» bezüglich Rudelgrösse, Do minanz und Beutemacherei nachgebessert werden müssen. Auch wenn er sich nur zaghaft und unter strenger Kontrolle ausbreitet, polarisiert der Wolf fast überall. Nach wie vor gilt er vielen als Inkarnation des Bösen und als Kinderfresser; seine Wiederansiedlung wird mit Bedenken bis hin zur totalen Ablehnung begleitet – er gehöre einfach nicht in unsere dicht besiedelte Welt, heisst es. Andere begrüssen ihn mit Wohlwollen, ja Begeisterung. Für sie bereichert dieses «Tier der Superlative» die heimatliche Fauna. Die Behörden sorgen dafür, dass sich das Konfliktpotenzial zwischen Nutztierhaltern und Wölfen in Grenzen hält, indem sie für die Tiere zahlen, die der Wolf gerissen hat. Man errichtet Schutzzäune und fördert die Haltung von Herdenschutzhunden. Erbost und entsetzt sind Tierbesitzer gleichwohl, wenn der Wolf nächtens
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Š christ ia n ho uge
Kampf oder Spiel: WĂślfe leben in einem komplexen Familienverbund. Jedes Mitglied hat seine Aufgaben und steht in einer bestimmten Rangfolge.
Homo Lupo Lupus
kommt. Und wenn er erfolgreich jagt, ruft das nicht selten Empörung hervor – auch wenn Teile der Jägerschaft seine Ausbreitung inzwischen gelassener sehen. Worin gründet das neu erwachte Interesse am Wolf? Was bringt Menschen dazu, sich Tattoos von Wolfsköpfen und -pfoten in die Haut ritzen zu lassen und Shirts mit Wolfsbildern zu tragen? Gerät der Wolf erneut in eine Falle, indem man ihn zu einem überfrachteten Symbol für Freiheit und Abenteuer sowie Naturver bundenheit macht? Wird er einmal mehr, wenn auch mit guten Absichten, mythologisiert und vereinnahmt?
dern mit Einschränkungen der Fall – scheinen sich die Bestände nur unmerklich zu erholen. In der Schweiz leben weiterhin etwa 25 Tiere, in Deutschland gibt es etwa 24 Rudel oder Paare, ebenso in Polen. Auf der Iberischen Halbinsel geht man von einer Population von mehr als 2400 Wölfen aus. Aus südost- und osteuropäischen Ländern liegen kaum gesicherte Daten vor; in Slowenien sollen es 40, in Mazedonien 260, in Kroatien 200, in Serbien 800 Tiere sein.
Die Jagd auf den Wolf boomt Wie sieht die Zukunft des Wolfs aus? Eher düster. Die sowieso schon kleinen Rudel sind bedroht durch Inzucht, die genetische Vermischung mit dem allgegenwärtigen Haushund, Auf den Fährten des Wolfes tödliche Zusammenstösse mit Autos sowie Die Art und Weise, wie der Mensch neuerKrankheiten, von denen vor allem Welpen bedings auf den Wolf zugeht, kann interpretiert troffen sind. In wolfsreiche Gebiete lassen sich werden als Versuch zur Versöhnung von Natur und Zivilisation – oder als Abbitte des Menschen nicht nur Beobachtungs-, sondern auch Jagd reisen buchen. In Mazedonien kann ein Wolf gegenüber der jahrhundertelang verfolgten und gequälten Kreatur. In beiden Fällen geht es für 3000 Euro erlegt werden, wobei «Krankschiessen» – das Tier mit einem Schuss nur ver um ökologische und politische Korrektheit, um wunden – als Abschuss gilt. In manchen Gegendie Arbeit am Mythos, um die Wahrheit und den wird mehr oder weniger offen zur illegalen um die Vollendung der Aufklärung. Ist es paraJagd aufgerufen. doxe Ironie, dass erst unter den Bedingungen Die Tiere haben also immer noch gute der fortgeschrittenen Zivilisation die Menschen allmählich den Zugang zu diesen Tieren finden, Gründe, sich zu verstecken. Mag für viele Menschen das Aufspüren eines Wolfs ein grosses der ihnen früher stets verwehrt war? Erlebnis sein, so gilt für das Tier sinngemäss, Im Zuge dieses Hypes genügt es manchen nicht, bei «Heulexkursionen» oder «Vollmond- was Georg Christoph Lichtenberg über Amerikas Wolfsnächten» in Wildparks zu Wölfen geführt Ureinwohner anmerkte, als Kolumbus landete: zu werden, die man von klein auf an Menschen «Der Wolf, der die Spur des Menschen entdeckt, gewöhnt hat. Sie wollen in der echten Wildnis macht eine furchtbare Entdeckung.» ihren Fährten folgen und sie sozusagen im Urzustand erleben. Möglichkeiten dazu gibt es auf * Der Mensch ist dem Wolf eine Bestie . Eigentlich Homo homini lupus (siehe Seite 16) «Der organisierten Reisen, auf Wanderungen und Spurensuchen in Wolfsrevieren, etwa im Yellow Mensch ist dem Menschen ein Wolf» des römistone-Nationalpark, in den italienischen Abruz- schen Dichters Plautus. Der Spruch hat es dank des Philosophen Thomas Hobbes in unser polizen, in den tschechischen, slowakischen und polnischen Karpaten und sogar im wolfsarmen, tisches Vokabular geschafft. elchreichen Schweden. «Shadow within», das Wolf Fotoprojekt des Wie nah man ihm auch kommt: Zum KuKünstlers Christian Houge, zeigt die archaische scheltier wird der Wolf noch lange nicht. Es handelt sich bei ihm immer noch um ein Natur- Schönheit und wilde Unberührtheit dieser wunderbaren Tiere. Der Wolf erinnert uns an die wesen und nicht um einen zivilisierten Geselunverfälschte Natur, er berührt uns mit seiner len, auch wenn sich in Teilen Europas Anpassungsprozesse vollziehen, die dazu führen, dass urtümlichen Kraft, Potenz, Verletzlichkeit und seinem sozialen Verhalten – Eigenschaften, die der Wolf beginnt, sich urbane Gebiete zu erschliessen, beispielsweise in Rumänien. Aber auch in uns Menschen bis heute überlebt haben. selbst dort, wo der Wolf unter Schutz gestellt Mehr über den Künstler und seine Projekte wurde – das ist in fast allen europäischen Länauf: www.cargocollective.com/christianhouge Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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Die Insel des Rebellen
© Oliv er Lück
Frank Dähling (70) ist Besitzer und Bewohner der Raussmühle, eines mittelalterlich anmutenden Hofs in der Nähe des Kraichgaus in Deutschland. Dähling ist eine Art Robin Hood im Kampf gegen die profitorientierte industrialisierte Landwirtschaft. Er lebt in einer wilden Anderswelt, in einem Paradies an Artenvielfalt – einem Gesamtkunstwerk, das mit seinem Museum als europäisches Kulturdenkmal gilt.
Von Daniela Schwegler — «Treten Sie ein durch die Zeitschleuse!», lädt Frank Dähling ein und öffnet das schwere, schmiedeeiserne Tor unterm steinernen Eintrittsbogen in sein jahrhundertealtes Mühlegehöft. Mit einer Handbewegung bittet er herein in sein Reich. «Hier beginnt ein anderes Leben!» Die fast 700 Jahre alte Raussmühle liegt versteckt in einem dichten Weiden-, Eschenund Pappel-Urwald. Von der Strasse aus ist das Juwel kaum sichtbar. Doch kaum tritt man durchs Bogentor in den grossen, U-förmigen Hof der Anlage mit ihren Stallungen, dem Mühlengebäude, dem Wohnhaus und der grossen Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Scheune, wähnt man sich im Mittelalter. Kein Wunder, der Mühlebetrieb wurde 1334 erstmals urkundlich erwähnt. Über den Lehm- und Pflasterboden watscheln schnatternde Gänse, Bienen summen um die Bastkörbe unterm Dach, Ziegen strecken neugierig ihre Köpfe durch die Holzluken im Stalltor, der Hund kommt freudig herbeigewedelt und in der Baumkrone der Linde pfeifen Vögel ihr fröhliches Konzert. An die fünfzig Vogelarten haben sich in diesem Biotop an gesiedelt und eingenistet: von der Eule und dem Turmfalken über den Pirol, das Rotkehlchen, die Nachtigall, den Specht, den Baumläufer und den Zaunkönig bis hin zu Zilpzalp und Zeisig.
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Die Insel des Rebellen
«Wenn die Wälder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist.»
Der Tausendsassa Mittendrin wirkt und werkt der Hausherr, der hier zusammen mit seiner Lebenspartnerin sein Glück gefunden hat. In Jeans, grünem Hemd und schwarzer Lederweste sieht er aus wie eine Mischung aus Althippie, Che Guevara und Don Quichotte. Sein sanftes, kantiges Gesicht mit den hellblauen Augen ist umrahmt von langen, weissen Haaren und einem Zaube rerbart. Engagiert erzählt er aus seinem auf rührerischen Leben mit Wurzeln in der 68er Bewegung und Studien in Philosophie, Ethnologie und Paläontologie in Mainz, an der Pariser Sorbonne und in Heidelberg. Schon als Student habe er gegärtnert und Radieschen nach dem Vorbild des maoistischen Plakats angepflanzt, auf dem Hunderte chinesischer Zwerglein ein grosses Radieschen aus dem Erdboden zerrten: die Frucht der gemeinsamen Revolution von unten. Denn der Umsturz war auch sein politisches Programm. «Siri!», weist er die weisse Katze zurecht, als sie die Pfote durchs Gatter streckt und ein Hühnchen fangen will. Siri gehorcht und macht einen Rückzieher. So wie Dähling damals, als er merkte, dass die herbeigesehnte Revolution nun doch nicht stattfand. Er nahm Lenins Konterfei von der Wand und beschloss, ein Stück Land zu finden, um mit ein paar Tieren ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Nach Wanderjahren durch die Provence, die Abruzzen, die Pyrenäen und das Baskenland stiess er 1974 auf die Raussmühle im Kraichgau. Die einsturzgefährdete Ruine war von einem Nato-Stacheldrahtzaun umgeben. Im Innenhof stapelten sich mehrstöckig Schrottautos und versperrten die Sicht aufs Dahinter. Doch es war Liebe auf den ersten Blick. Der Weltenbumm ler sah das verfallene Gemäuer vor seinem geistigen Auge schon in neuem Glanz erstrahlen. Er pachtete den Schrottplatz und kaufte ihn zwei Jahre später. Von da an steckte er sein ganzes Herzblut mitsamt aller Ersparnisse und sämtlicher Einkünfte in die sanfte Renovation des Gutsbetriebs, den er mit Fleiss und zahlreichen Gesellengehilfen in eine ökologische Insel inmitten des Kapitalismus verwandelte. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Inzwischen hat das Kleinod solch eine Ausstrahlung, dass es zum europäischen Kulturdenkmal geadelt wurde. Die Menschheit ist wahnsinnig geworden Über 600 Bäume hat der Gutsherr mit dem grünen Daumen bisher gepflanzt, darunter seltene Arten wie den Speierling oder die Elsbeere. In seinem Garten Eden wachsen Heilkräuter wie das Herzgespann oder der Beinwell sowie seltene Pflanzen wie das Herkuleskraut, die wollige Klette, das falsche Salomonsiegel, Wildrosen und mancherlei Lilien. Daneben wuchern der kommune Efeu und ein struppiger Brennnesselwald. «Alles in der Natur hat seinen Sinn. Selbst ein ungeniessbarer Holzapfel ist gut für den Boden», verteidigt Dähling seine Schützlinge. Bei ihm darf alles wachsen und wuchern, ohne in Schach gehalten zu werden von Pestiziden, Fungiziden oder Insektiziden. Der profit orientierten, ausbeuterischen Agrarindustrie ausserhalb seines Inselreichs kann er nichts ab gewinnen. Selbst Räuber wie der Fuchs, der Dachs oder der Marder haben freien Zugang zu seinem Gehöft. «Ich bin bereit, im Interesse einer intakten Wildnis einen Teil meiner Tiere zu opfern», schmunzelt er. Dähling führt seine Besucher zur Mühle, wo sich am Elsenz-Bach ein wildes Biotop mit einer wunderbaren Auenlandschaft gebildet hat. Auf der Weide dahinter galoppieren vierzig Schafe freudig herbei, als sie den Lockruf hören: «Hooobelei, hooobelei!» Gierig schnappen sie nach dem trockenen Biobrot, das ihnen der Meister über den Zaun zuwirft. «Sie sind eben Feinschmecker», witzelt er, «nur das Beste ist ihnen gut genug.» Das Brot entreisst er jeden Abend den Supermärkten in Eppingen – zusammen mit Kisten voller Obst und Gemüse, das er so vor der Mülltonne rettet. Als er auf die übersättigte Gesellschaft zu sprechen kommt, welche die Hälfte ihrer Nahrungsmittel einfach wegwirft, schiesst dem Gutsherrn die Zornesröte ins Gesicht. Seine Stimme schwillt an, der Zeigefinger streckt sich steil in die Luft und er wettert los über die
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«wahnsinnig gewordene Menschheit», welche die Böden verseuche, die Luft verpeste, die Wälder rode und die Meere mit Plastik zumülle. «Wenn die Wälder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist», frotzelt er ironisch. So weit habe sich der zivilisierte Mensch inzwischen von seinen natürlichen Wurzeln entfernt. Nach uns die Sintflut Ein besonderes Reizthema ist für ihn das hausgemachte Bienensterben, eine Folge der Honigmaximierungsindustrie. Oder die Gentechnologie, die sich gebärde wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister rief und sie nicht mehr loswurde. Oder die Atomenergie, die den künftigen Generationen mit dem unentsorgbaren hochradioaktiven Material eine furchtbare Bürde auflade – nach uns die Sintflut! «Diese Ignoranz!», poltert Dähling, der sein Haus mit Brennholz aus dem eigenen Wald heizt: «Die Atomkraft wird sich als teuerste Energiequelle aller Zeiten herausstellen!» Sein ernüchtertes Fazit: «Der Mensch ist nicht in der Lage, das Paradies zu erhalten, in das er hineingeboren wurde.» Eines Tages werde der Homo sapiens Bedingungen geschaffen haben, unter denen menschliches Leben nicht mehr möglich sei. «Er hat sich die Erde unterworfen und ist ein aus der Balance geratener Raubsauger», sagt Dähling nüchtern. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Nach diesem Ausbruch senkt er die Stimme, dreht sich um und geht zurück zur Mühle, um sich Erfreulicherem zuzuwenden, hin zur Stelle an der Elsenz, wo sich bis Mitte des letzten Jahrhunderts das Mühlrad drehte und Korn zu Mehl mahlte oder Hanf zu Öl. Dieses Mühlrad wieder in Schwung zu bringen, darauf arbeitet Dähling in seinem kleinen Paradies hin. Das wäre die Krönung seiner Gutsherrschaft und vielleicht sogar seines Lebens. Einen Förderverein, der sein Werk vielleicht dereinst übernehmen wird, hat er bereits gegründet. Der Boden ist bereitet. Die Natur ist die Basis des Menschen Bis sich das Mühlrad wieder dreht, führt der Hausherr weiterhin Besucher durch sein Reich. Er zeigt ihnen das Museum unterm grossen Scheunendach, wo er Abertausende von Exponaten aufbewahrt, insbesondere mittelalterliche Gegenstände – etwa von Wagnern, Schuhmachern, Drechslern oder Hausmetzgern. Dähling fühlt sich der damaligen bäuerlichen Kultur leidenschaftlich verbunden: «Die Welt der Bauern, das ist unsere Basis, da kommen wir her.» Nach einem fünfstündigen flammenden Plädoyer entlässt der Gutsherr seine Besucher durchs hintere Tor in die ausbeuterische, kapi talistische Welt, der er sich als Rebell auf seiner ökologischen Insel kraftvoll entgegenstemmt. Für ihn ist die Raussmühle das Ausrufezeichen hinter der Botschaft: «Gebt Acht auf die Natur. Sie ist eure Basis!» Mehr Infos auf: raussmuehle.de
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Überraschende Fakten
Wildnis – naturüberlassene Gebiete wilder als unsere Alpen
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nicht nur eine gute Nachricht
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fette Fische
Natur-Defizit-
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älter als 120 Jahre
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Die Wildnis scheint eine ziemlich deutsche Idee zu sein – in zahlreichen Sprachen gibt es kein entsprechendes Wort dafür. Will man es übersetzen, muss man etwa im Französischen, Italie nischen oder Russischen zu Umschreibungen wie «wilde Gegend» oder «Ödland» greifen.
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Wildnis im Sinne von grösseren, komplett unberührten Flächen gibt es in der Schweiz praktisch keine mehr. Immerhin machen die sogenannt «naturüberlassenen Gebiete» etwa ein Viertel des Landes aus. Genauer gesagt bestehen 21 Prozent der Schweizer Landesfläche aus alpinen Brachen (Gletscher, Hochgebirge), 3 Prozent aus unbewirtschafteten Wäldern und etwa ein halbes Prozent aus Auen.
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Es gibt in der Schweiz 18 Orte mit dem Flurnamen «Wildi»: zehn im Wallis, fünf im Kanton Bern, einen in Graubünden, einen im Kanton Glarus – und überraschenderweise auch einen im zür cherischen Schlieren.
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Selbst in den slowakischen Karpaten, die viel wilder sind als unsere Alpen, gibt es nur noch ein einziges Tal ohne Strasse. Das sechzig Quadratkilometer grosse Gebiet im Tatra-Nationalpark ist seit mehr als vierzig Jahren praktisch un berührt – jedoch sind gerade dieses Jahr wieder Diskussionen über einen möglichen Strassenbau aufgeflackert.
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Er wächst und wächst: In den letzten 150 Jahren hat die Waldfläche in der Schweiz um etwa ein Drittel zugenommen. Besonders stark wächst der Wald in den Südalpen – dort dauert es an günstigen Lagen weniger als fünfzehn Jahre, bis aus einer Weide ein dichter Wald geworden ist. Als einziger Kanton ist heute das Tessin zu mehr als der Hälfte von Wald bedeckt.
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Dies ist nicht nur eine gute Nachricht, ist doch der Wald, verglichen mit offenen Flächen, eher artenarm. Besonders unschön ist es, wenn aufgegebene Weideflächen grossflächig von einer Grünerlen-Monokultur überzogen werden, wie es derzeit beispielsweise im Urserental bei Andermatt geschieht.
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– eine deutsche Idee
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Wildi
Er wächst und wächst
Eiszeit
-Syndrom 11
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Phänomen Schakale
Wildnis macht kreativ
Während der letzten Eiszeit war die mitteleuro- 10 Nicht nur Käfer, Pilze und Säugetiere profitieren vom Wald. Wie eine neue Studie aus Kanada päische Tierwelt noch viel wilder als heute. zeigt, sind auch Süsswasserfische auf intakte Da gab es bei uns Mammuts, Saiga-Antilopen Wälder angewiesen – sie beziehen bis zu und Wollnashörner, aber auch grosse Raub tiere wie Hyänen, Vielfrasse, Leoparden, Säbelzwei Drittel ihrer Nahrung aus Blättern und zahntiger und Löwen. Holzresten, die ins Wasser gelangen. Je mehr Wald einen See umgibt, desto fetter sind die 8 Nicht nur Biber, Wolf und Bär kommen zurück: Fische darin. Auch der Elch breitet sich von Nordosten her wieder aus und hat bereits Bayern erreicht. 11 Wildnis macht kreativ – dies hat ein Experiment der amerikanischen Universität Kansas ergeAusserdem wandern aus Südosten Schakale ben. Nach einer viertägigen Wanderung in der in unsere Richtung. Vor zwei Jahren wurde Natur ohne Handy und Laptop schnitten Menein erstes Exemplar in der Schweiz gesichtet. schen in einem Kreativitätstest im Schnitt Es handelt sich um ein neues Phänomen – um die Hälfte besser ab als vor der Wanderung. Schakale haben nie zur hiesigen Fauna gehört.
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Bei einer Umfrage in Deutschland wussten nur sechs Prozent der Schüler, dass man das Jungtier eines Hirschs «Kalb» nennt. Zu den häufigsten Antworten gehörten «Kitz», «Reh» oder sogar «Bambi». In den USA spricht man an gesichts der zunehmenden Entfremdung der Kinder von der Wildnis bereits von einer neuen Störung: «Nature Deficit Disorder» – auf Deutsch «Natur-Defizit-Störung». Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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12 In der Schweiz sind fast ein Viertel aller Bäume älter als 120 Jahre – das ist Europarekord. Natürlicherweise können Bäume allerdings bis zu 400 Jahre alt werden.
Zusammengestellt von Mathias Plüss
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Wildbienen – die anderen Bienen Auf einer Erkundungstour durch den Garten des Wildbienenspezialisten Felix Amiet erfahren wir, welche Pflanzen und Nistplätze Wildbienen bevorzugen, um sich erfolgreich zu vermehren. Von Tanja Keller — Mir ist, als wären wir in einem Dschungel. Verschlungene Pfade führen zwischen hohen Sträuchern hindurch, ein dichtes Obstspalier säumt den Weg, links und rechts unzählige wildblühende Pflanzen, Klettergewächse und Rosen. Der Solothurner Wildbienen spezialist Felix Amiet hat mich zu einem Rundgang durch seinen Garten eingeladen, um uns herum summt und brummt es unentwegt. Der pensionierte Bezirksschullehrer nennt die Wildbienen «meine geflügelten Viecher». Er weiss von allen, welche Pflanzen sie gerne besuchen und welche Nischen sie brauchen, um ihre Eier zu legen. Ein Naturgarten sei «etwas sehr Persönliches», sagt er, man müsse viel Arbeit und Zeit in die Pflege investieren, sonst ersticke man im Nu zwischen schnell wachsenMagazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
den Brombeerstauden und anderen Wucherpflanzen. «Aber was ist denn überhaupt ein Naturgarten?», sinniert er unterwegs – und gibt die Antwort gleich selber: «Das konnte mir bis heute niemand wirklich sagen.» Die Vielfalt ist wichtig Amiet nimmt mich mit auf eine faszinierende Erkundungstour. Zwei Stunden lang lässt er mich teilhaben an seinem umfangreichen Wissen. Er zeigt mir mit glänzenden Augen eine Planzen- und Bienenrarität um die andere; es bleibt kaum Zeit, um Fragen zu stellen. Weltweit werden 16 000 Wildbienenarten beschrieben, in seinem Garten fand er 120 Arten. Die meisten haben ein kurzes Leben. «Zwanzig schöne Flugtage, in denen sie ein Nest bauen, die Larven
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«24 Jahre habe ich auf jene Wildbiene gewartet, die sich ausschliesslich von der Zaunrübe ernährt.»
versorgen und sterben, so sieht das Leben einer durchschnittlichen Wildbiene aus», sagt Amiet, der über seine «Viecher» unglaublich viel zu erzählen weiss. Manche Hummelarten zum Beispiel besitzen einen zu kurzen Rüssel, um an den Nektar der Akelei heranzukommen. Sie beissen deshalb die Blüten oben auf, um ans Zuckerwasser zu gelangen. «Wirklich clever», lobt Amiet und bleibt nach drei Schritten vor einer salbeiähn lichen Pflanze stehen: «Diesen Wollziest habe ich speziell für meine Wollbienen gepflanzt.» Die Wollbienen nagen die Haare ab und bilden in einem Hohlraum mit «Wattebäuschchen» die Zellen für ihre Nachkommen. Im Innern des Knäuels deponieren sie fürsorglich Blütenstaub und Nektar als Nahrungsvorrat für den Nachwuchs, legen ein Ei dazu und verschliessen die Zelle. Amiet betont, dass Wildbienen auf verschiedenste, möglichst einheimische Pflanzenarten angewiesen sind, um zu gedeihen. Die einen ernähren ihre Larven nur mit Pollen von Kreuzblütlern, beispielsweise Nachtviolen, andere bevorzugen Korbblütler wie den gelben Löwenzahn, dritte halten sich am liebsten an die Wiesen-Flockenblume. In Amiets Garten findet man eine ganze Reihe von seltenen Pflanzen. Zum Beispiel den Diptam, in dem der schön gezeichnete Schwalbenschwanz-Schmetterling seine Eier ablegt. Oder die sibirische Schwertlilie, für die sich hauptsächlich die Hummeln interessieren. Die Pimpernuss habe er nicht speziell für die Wildbienen angepflanzt, sagt Amiet, sie gefalle ihm einfach und sei eine wunderschöne Rarität. Weiter findet man Wildgladiolen, Ziesten (Lippenblütler) oder die für diese Gegend rare Zaunrübe. «24 Jahre habe ich auf jene Wild biene gewartet, die sich ausschliesslich von der Zaunrübe ernährt», erzählt Amiet. «Vor drei Jahren habe ich sie erstmals beobachten können und von da an jedes Jahr. Heuer hat sie sich leider noch nicht blicken lassen.» Unser Rundgang führt an einem kleinen Weiher vorbei. Bis vor wenigen Jahren hätten hier Frösche gelebt, erinnert sich Amiet. Leider seien sie verschwunden, wahrscheinlich aus Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
gerottet. Über die Gründe für das Froschsterben sei er sich nicht im Klaren: «Vielleicht liegt es an einer Pilzkrankheit der Frösche, die sich weltweit ausgebreitet hat, oder an den vielen Katzen.» Nun gebe es leider nur noch Molche in seinem Teich und natürlich Libellen. Überzüchtete Blumen und spezielle Niststätten Im hinteren Teil des Gartens entdecke ich prächtig blühenden Mohn. «Der ist viel schöner als die gefüllten Blüten der Pfingstrosen oder der Tagetes», hält Amiet fest. Was das heisse, frage ich. «Viele Gärtnereien überzüchten die Blumen, damit sie imposanter ausschauen», erklärt er. «Das hat man auch mit dem Mohn gemacht.» Freilich nütze die Pracht dieser künstlichen «Schiessbudenblumen» den Wildbienen nichts, denn an Stelle der Staubbeutel sind mehr Blütenblätter entstanden. Für seine Wildbienen hege er deshalb den einfachen Mohn. In Amiets Dschungel finden sich jede Menge geeignete Nistplätze. Viele Wildbienen sind sogenannte Bodennister. Sie bauen Höhlen mit Eingängen, die oft unter einem Blatt liegen, gut getarnt und deshalb schwierig zu entdecken. Weil Wildbienen bei der Nahrungssuche viel weniger weit fliegen als Honigbienen, sind möglichst kurze Distanzen zwischen dem Nistplatz und den Nahrungsquellen wichtig. Auch deshalb fühlen sie sich hier so wohl. Amiet erklärt mir einige Besonderheiten. Holzbienen zum Beispiel mögen weiches Holz, wie etwa dasjenige der Pappeln, oder morsches Holz anderer Laubbäume. Mit ihren scharfen Zangen nagen sie Löcher und Gänge für die Larvenkammern. Die jungen Holzbienen schlüpfen im Gegensatz zu den meisten anderen Bienen arten erst im August. Im Gegensatz zu anderen Arten beginnen sie aber nicht sofort mit dem Nestbau. Im Herbst suchen sie sich ein Loch zum Überwintern. Zur Paarung kommt es erst im folgenden Frühling und erst dann beginnen sie mit dem Nestbau. Das Weibchen erlebt dann oft auch noch das Schlüpfen der Nachkommen. Dass in ein und demselben Jahr zwei Generationen zusammenleben, ist bei Wildbienen selten.
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Wildbienen – die anderen Bienen
«Von den rund 600 Wildbienenarten in der Schweiz sind mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht. Viele sind nicht mehr zu retten.»
Bei der Wahl ihrer Nistplätze sind sie besonders einfallsreich: Neulich hat Amiet Larven in einem verschlossenen Schneckenhaus entdeckt: «Sehr speziell.» Aussergewöhnliches lässt sich auch von der Schenkelbiene sagen. Sie ernährt sich vom Nektar verschiedener Pflanzen. Für die Larven sammelt sie aber Öl und Pollen des Gilbweiderichs, einer Primel, die an Stelle von Nektar Pflanzenöl produziert. Die Schenkelbiene ist bei uns die einzige Biene, die dieses Öl für die Aufzucht ihrer Larven sammelt. Neben dem Weiher entdecke ich einen kleinen Hügel, der mit Pflanzen überwuchert ist. Er habe ihn speziell für die Sandbienen angelegt, erklärt Amiet – in der Hoffnung, dass diese ihre Larven in Höhlen ablegen würden. Unglücklicherweise habe er aber einen Sand mit einem zu hohen Tonanteil verwendet; die Sandbienen verschmähten das Angebot. Tragisch sei das nicht: «Man muss immer wieder Sachen ausprobieren, nur so weiss man mit der Zeit, was funktioniert und was nicht.» Obwohl das erste Buch über Wildbienen in der Schweiz schon vor hundert Jahren herausgegeben wurde, hat die Wildbienen-Forschung an den Universitäten noch keine lange Tradition. Erst seit dem Bienensterben der letzten Jahre interessiert sich die Wissenschaft vermehrt für diese Bienenarten. Mittlerweile weiss man, dass Wildbienen die fleissigeren Blütenbe stäuber sind als Honigbienen (siehe rechts). Sie kommen beileibe nicht nur in Gärten vor, doch viele Arten finden in unserer Kulturlandschaft noch die letzten Lebensräume. Amiet hat schon welche auf dem Gornergrat bei Zermatt in 3000 Metern Höhe entdeckt. Das könne man sich in dieser kargen Landschaft fast nicht vorstellen. Aber auch dort gebe es Blüten. Die Bergblumen werden aber nicht nur von Bienen bestäubt, auch Fliegen oder Schmetterlinge würden diese Aufgabe übernehmen. Auf meine Frage, ob er eine LieblingsWildbiene habe, überlegt er lange. «Besonders spannend finde ich die seltene Blattschneiderbiene, auf Lateinisch Megachile ligniseca», sagt er schliesslich. Es sei eindrücklich, sie bei der Pollenernte am klebrigen Salbei zu beobachten. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Das Weibchen drehe sich nach der Landung auf der Blüte blitzschnell herum, um mit dem Kopf die Staubbeutel aus dem oberen Teil der Blüte nach unten zu drücken. Nun kann sie mit einer Bauchdrüse den Pollen aus den Staub beuteln herausholen. Um an den Nektar zu kommen, schlitzt sie kurzerhand die lange Kronröhre auf. Das sei aber nur ein faszinierendes Beispiel unter vielen: «Es git gäng Überraschige und spannends Züüg», schmunzelt Amiet in seinem breiten Solothurner Dialekt. Unterstützung für die Wildbienen Gegen Ende unseres Rundgangs wird Amiet ein bisschen nachdenklich. Die Magerwiesen mit ihrer Blumenvielfalt seien bei uns rar geworden, klagt er. Das liege an der intensiven Landwirtschaft, der verbreiteten Düngekultur, aber auch an der ausufernden Bautätigkeit. Insgesamt nehme der Druck auf die Natur ständig zu. «Diesen Entwicklungen sind die Wildbienen schutzlos ausgeliefert», bedauert Amiet: «Von den rund 600 Wildbienenarten in der Schweiz sind mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht, viele sind nicht mehr zu retten.» Was tun? Der Solothurner Wildbienenspezialist empfiehlt, die Natur genau zu beobachten, denn nur so könne man zu ihr eine Beziehung auf bauen. Erst dann realisiere man, was alles miteinander zusammenhänge und wie filigran das Gleichgewicht sei. Beim Abschied sagt er zu mir: «Wer etwas für die Bienen und überhaupt für die Biodiversität machen will, kann einen wildbienenfreundlichen Garten anlegen, einen mit vielen Nischen und Nistmöglichkeiten – damit ist schon viel getan.» Auf dem Heimweg durch das Quartier sticht mir ein sattgrüner Zierrasen ins Auge. Die aufgeräumten, geometrisch angelegten Blumen beete wirken künstlich, Tulpen in allen mög lichen Farben stehen in Reih und Glied wie Soldaten in nackter, torfhaltiger Erde. Weit und breit ist kein Unkraut auszumachen, eintönige Thujahecken runden das Bild ab. Der Anblick dieses Gartens lässt mich für einen Moment erschaudern. Und als ich stehenbleibe, höre ich weder Summen noch Brummen.
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Wissenswertes über Wildbienen Zusammengestellt von Paul Westrich
Nutzbienen und Wildbienen Wie man «Nutzpflanzen» und «Wildpflanzen» unterscheidet, so werden alle wildlebenden Bienenarten als «Wildbienen» bezeichnet, um sie von den zur Honigproduktion oder für die Nutzpflanzenbestäubung eingesetzten «Nutzbienen» wie der Honigbiene zu unterscheiden. Zoologisch betrachtet gehören alle zur Hautflüglerfamilie der Bienen (Apidae). Grosse Vielfalt an Arten Wussten Sie, dass es allein in der Schweiz rund 600 Wildbienenarten gibt? In Deutschland sind 560 Arten, in Österreich 650 Arten bekannt. Der Mittelmeerraum ist besonders artenreich. In ganz Europa kommen etwa 1800 Arten vor. Weltweit kennt man mehr als 16 000 Arten.
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Vielfalt der Formen und Lebensweisen Wildbienen sind sehr vielgestaltige Insekten mit den unterschiedlichsten Zeichnungen und Färbungen. Deutsche Namen wie Pelzbienen, Maskenbienen oder Langhornbienen sind aufgrund des Aussehens entstanden. Hinzu kommt eine fast unüberschaubare Vielfalt an Lebensweisen. Die meisten Wildbienen leben solitär: Jedes Weibchen baut sein Nest und versorgt seine Brut für sich allein, also ohne Mithilfe von Artgenossen. Zu den sozialen Bienen gehören die bestens bekannte Honigbiene und unter den Wildbienen ausser einigen Schmalund Furchenbienen auch die Hummeln, die in einjährigen Staaten leben. Die parasitischen Bienen versorgen keine eigenen Nester, sondern legen ihre Eier in die Brutzellen nestbauender Arten und heissen daher auch «Kuckucksbienen».
Hochspezialisiert In der Wahl des Nistplatzes und des Materials für den Bau der Brutzellen sind die meisten Bienenarten spezialisiert. Bienennester findet man – von Art zu Art verschieden – unter anderem ab gestorbenem Holz, in dürren Pflanzenstängeln, in leeren Schneckenhäusern oder an Felsen. Fast drei Viertel aller Arten nisten in der Erde in selbstgegrabenen Hohlräumen. Als Baumaterialien dienen entweder eigene Drüsensekrete oder Fremdmaterialien wie Blütenblätter (Mauerbienen), Laubblätter (Blattschneiderbienen), Pflanzenhaare (Wollbienen) oder Baumharz (Harzbienen). Hinzu kommt die Bindung zahlreicher Arten an bestimmte Pflanzen als Pollenquellen. So versorgt die Glockenblumen-Scherenbiene ihre Brut ausschliesslich mit Pollen von Glockenblumen, die Blauschillernde Sandbiene benötigt Pollen von Kreuzblütlern wie dem Ackersenf und die Buckel-Seidenbiene den von Korbblütlern wie Rainfarn oder Färberkamille.
Nektar, diese Blütenprodukte werden von den nestbauenden Arten auch zur Versorgung ihrer Brut ausgiebig gesammelt. Deshalb sind viel mehr Blütenbesuche nötig als bloss zur Eigenversorgung. Gerade das macht Wildbienen im Vergleich zu anderen blütenbesuchenden Insekten zu besonders effizienten Bestäubern nicht nur von Wildkräutern, sondern auch von Obstbäumen, Beerensträuchern und Feldfrüchten. Dass Wildbienen für die Ernährungsvorsorge unverzichtbar sind, hat jüngst eine internationale Studie erneut nachgewiesen. Der Schutz von Wildbienen ist daher auch Menschenschutz.
Gravierende Verarmung In den letzten fünfzig Jahren ist in der Wildbienenfauna eine gravierende Verarmung unübersehbar geworden. In Deutschland sind nach der aktuellen Roten Liste über die Hälfte der Arten in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Ähnliches gilt auch für die Schweiz, für die eine Rote Liste in Bearbeitung ist. Da Wildbienen für einen funkBio-Indikatoren Wildbienen reagieren deshalb tionierenden Naturhaushalt unbesonders empfindlich auf Beein- verzichtbar sind, muss diese Situation alarmieren und Besorgnis trächtigungen ihres Lebensraumes. Daher sind sie hervorragende auslösen. Eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit sowie Hilfs- und Anzeiger (Bioindikatoren) für intakte oder gestörte Verhältnisse Schutzmassnahmen für die bestandsbedrohten Arten sind hier in natürlichen oder zivilisationsdringend nötig. bedingten Ökosystemen. Für die Erarbeitung der wissenschaftliWie Wildbienen schützen? chen Grundlagen des NaturschutGrundlage jedes Wildbienenzes und der Landschaftspflege, schutzes ist zunächst die Erhalfür Flächen- und Eingriffsbewertung der Lebensräume, also die tungen sowie für Biotopvernetzungskonzepte sind sie besonders gleichzeitige Erhaltung der artspezifischen Nahrungsquellen und geeignete Organismen. der Nistplätze im räumlichen Verbund. Lebensräume wie Felsfluren Unverzichtbare Bestäuber Alle Wildbienen sind intensive und alte Steinbrüche, MagerwieBlütenbesucher: Sie ernähren sich sen, Sand-, Kies- und Lehmgruben oder Schilfröhrichte lassen sich nicht nur selber von Pollen und Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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nur mit dem Instrument des strengen Flächenschutzes in Form von Naturschutzgebieten erhalten. Dies ist eine Aufgabe der staatlichen Behörden. Aber auch wir selbst können viel für Wildbienen tun und sie gezielt fördern, indem wir ihre Nistmöglichkeiten verbessern und das Nahrungsangebot bereichern. Mit verschiedenen Nisthilfen lassen sich diverse Wildbienenarten im Garten ansiedeln, vorausgesetzt die Nisthilfen berücksichtigen die Ansprüche ihrer Besiedler. Nisthilfen bieten vor allem eine sehr gute Möglichkeit, Wildbienen bei ihrer Brutfürsorge aus nächster Nähe zu beobachten. Friedfertig Sie brauchen keine Angst vor Stichen zu haben, Wildbienen sind vollkommenen friedfertig. Wichtig für die Wildbienen ist ein reiches und buntes Nahrungsangebot. Dies reicht von der Bepflanzung von Balkonkästen mit heimischen Steingartengewächsen (z.B. Ranken-Glockenblume oder Felsen-Fetthenne) über die Anlage einer Blumenwiese bis hin zu Beeten mit heimischen Wildstauden.
Informationen zur Förderung der Wildbienen im eigenen Garten finden sich im reich illustrierten Buch «Wildbienen – die anderen Bienen» von Paul Westrich.
Ersatzmutter Natur Essay von Emil Zopfi — Die Wildnis begann gleich hinter der Fabrik. Der Bach, der die Turbinen der Spinnerei antrieb, kam aus einer Schlucht – sie gehörte zur paradiesischen Welt meiner Kindheit. Oft streiften wir dem Bach entlang in die Schlucht, steile, bewaldete Hänge beidseits, Wurzelwerk, Nagelfluhklippen, Farn und Türkenbund. Wir sprangen von Stein zu Stein, fingen Forellen von Hand in den klaren Wasserbecken. Wo die Schlucht enger wurde, rauschte ein Wasserfall über die Felsbank, unter der sich eine Höhle gebildet hatte, die aussah wie ein riesiger Rachen. Tropfstein, Lehm und Schutt, fingerdicke Schichten von Kohle durchzogen bröckligen Mergel. Unheimlich düster war es unter dem Felsdach, es roch nach Moder und dem Kot der Dachse, die in Gängen im dunklen Grund der Höhle hausten. Es brauchte Mut, dorthin vorzudringen. Wir fanden Quarzsplitter, die wir für die Pfeilspitzen von Höhlen bewohnern hielten, Knochen, verkohltes Holz. Feuer machen, Tee kochen in einer Konservenbüchse mit Brennnesseln oder Spitzwegrich. Es gab Feinde in dieser Welt, streunende Hunde oder Burschen aus dem Nachbardorf, also mussten wir uns bewaffnen. Pfeilbogen aus Hasel- oder noch besser Eibenholz, Speere, Steinschleudern. Weiter oben am Bach gab es eine noch viel grössere Höhle, schmale Felsenwege führten hinauf, dann ging es über steile Hänge weiter empor, Klettern über Wurzelwerk, abrutschen, mit zerrissenen Hosen und zerkratzten Händen heimkehren. Sehnsucht nach Abenteuern Die Welt meiner Kindheit war eigentlich kein Paradies. Unsere Eltern arbeiteten Schicht in der Fabrik, meist waren wir uns selbst überlassen und unserer Fantasie, angeregt von den Büchern der Schul bibliothek: Robinson, Lederstrumpf, Ernie Heartings Wildwestbücher oder die Polarforscher. Nach der Lektüre des SJW-Hefts «Waldläufer und Trapperleben» gründeten wir einen Geheimbund, den Waldläufer-Club, bauten Baumhütten, liessen Rauchsignale steigen, rösteten Kartoffeln am Feuer. Wir wussten, wie man in der Wildnis lebt und überlebt. Ameisen statt Salz zum Würzen der Speisen, ein Hüftloch graben zum Schlafen auf dem nackten Boden, Spurenlesen und sich Büffelherden nur gegen den Wind nähern. Einmal fassten wir den Plan, abzuhauen, in die weiten Wälder des Tössstockgebiets, in die wahre, wirkliche Wildnis. Das Dorf war klein, unsere Sehnsucht nach Abenteuern gross. Mit einem Freund stieg ich im tiefsten Winter auf einen Hügel beim Dorf, wir waren noch Erstklässler, hatten aber ein Ziel im Kopf. Eine geheimnisvolle Hütte, hoch oben über dem Wald. Wir wateten durch hüfttiefen Schnee, zwei Stunden vielleicht. Dann standen wir vor einem Wochenendhaus, Türen und Fenster waren verriegelt, kein Mensch Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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Ersatzmutter Natur
zeigte sich. Wir begannen zu frieren und wussten plötzlich nicht mehr, was uns eigentlich da hinaufgetrieben hatte. Beim Abstieg begegneten wir sieben Rehen, die hintereinander im tiefen Schnee einen Hang überquerten. Ein Bild, das in meiner Erinnerung so klar erscheint wie kaum ein anderes aus meiner Kindheit. Die tiefe Stille und Ruhe der Natur, das Staunen über die Tiere, die keine Spur von Angst zeigten, uns offenbar als Wesen ihrer eigenen Welt betrachteten. Mit meinem Freund habe ich später wilde Berg- und Klettertouren in den Alpen unternommen. Es war eigentlich die Fortsetzung unseres kleinen Abenteuers als Erstklässler. Wir hatten gelernt, unsere eigenen Wege zu gehen, allen Widerständen und aller Angst zum Trotz. Geschützt und geborgen im Wald Ich war acht Jahre alt, als ich meine Mutter durch einen Verkehrsunfall verlor. Sie verunglückte mit dem Velo auf dem Weg zum Gottesdienst, der Vater war im Ausland. Meine Mutter, eine Bauerntochter aus dem Glarnerland, hatte einen engen Bezug zur Natur und zur Bergwelt gehabt. Zu den starken Kindheitserinnerungen gehören unsere Ausflüge in die Berge zum Sammeln von Heidelbeeren, unvergessen auch der Geruch und Geschmack des Löwenzahnhonigs, den sie kochte, oder das Gelee aus roten Holunderdolden, die ich gefunden und nach Hause gebracht hatte. Nach ihrem Tod streifte ich oft allein durch die Wälder um unser Dorf. Die Metapher «Mutter Natur» wurde für mich zur prägenden Kindheitserfahrung. In der Natur fand ich Trost für den Verlust der Mutter, im Wald fühlte ich mich geschützt und geborgen. Einmal baute ich während Wochen eine geheime Zwergenstadt aus Rinde, Ästen, Steinen und Moos – in einer plötzlichen Gefühlsregung zerstörte ich sie wieder. Mit zunehmendem Alter unternahm ich allein und mit Freunden weite Wanderungen durchs Tössstockgebiet, dabei übernachteten wir auch in Höhlen oder in Ställen. Für eine Prüfung bei den Pfadfindern war ich während einer Vollmondnacht allein in den Wäldern unterwegs und erschrak anfangs vor jedem Knacken im Geäst, vor dem Ruf eines Käuzchens oder den Schatten von Bäumen, die sich im Wind bewegten. Doch mit der Zeit verlor ich die Angst, schritt mutig voran. Ich glaube, dass ich in jener Nacht viel von meiner Lebensangst verloren und Selbstbewusstsein gewonnen habe. Dem «wirklichen Leben» näher «Ich habe nie eine Gesellschaft gefunden, die so gesellig war wie die Einsamkeit», schrieb der amerikanische Lehrer, Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau (1817 – 1862), der sich 1845 in der Nähe von Boston für zwei Jahre in eine Blockhütte zurückzog und versuchte, von seiner Hände Arbeit, vom Fischfang und vom Anbau von Bohnen zu leben. Seine Erfahrungen und Gedanken, die er in der Einfachheit des einsamen Lebens entwickelt hatte, wurden durch sein Buch «Walden oder Leben in den Wäldern» weltweit bekannt. Es hat gesellschaftliche Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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Bewegungen inspiriert, die nach alternativen, an der Natur orientierten Lebensformen suchten, bis hin zur 68er Generation. «Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit der Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte.» Thoreau war auch ein überzeugter Pazifist, der seine Stimme gegen Krieg und Gewalt erhob und mit seinem Essay «Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat» unter anderen Mahatma Gandhi und Martin Luther King beeinflusste. Vor ein paar Jahren wanderte ich um den Walden Pond, den kleinen Waldsee, an dem Thoreaus Blockhütte stand – heute ist sie rekonstruiert, eine Gedenkstätte, das Gebiet steht unter Naturschutz. Eine idyllische Gegend, nicht zu vergleichen mit den Schluchten meiner Kindheit. Thoreau überzeugte jedoch nicht durch gefährliche Expeditionen in die Wildnis, sondern durch seine literarische Ausdruckskraft, mit der er den Versuch, mit der Natur im Einklang zu leben, dargestellt hat. Es ist im Grunde ein biblisches Motiv; wie die Propheten, so findet der Mensch in der Einsamkeit einer wilden Natur, in der Wüste, auf dem Meer oder einem Berg zu einem höheren Bewusstsein. Das Fenster in die Ferne Ich war im Sekundarschulalter, als das Fernsehen in unserem Dorf Einzug hielt. Noch konnte sich nicht jede Familie ein Gerät leisten, deshalb liess der Fabrikbesitzer in einem Raum einen Fernseher öffentlich zugänglich aufstellen. Fortan waren Schluchten, Bäche, Wälder und Höhlen nicht mehr attraktiv für die Dorfjugend, interessant waren nun die Fussballspiele oder was immer gesendet wurde. Ich habe das damals schon als Bruch mit einer Erlebniskultur empfunden. Vor die reale Welt schob sich eine Medienwelt, ein Fenster in die Ferne, von der wir stets geträumt hatten. Die Wildnis, Afrika, die grossen Städte, Weltraumraketen, Winnetou und die Schatzinsel: Alles war nun da und liess uns teilhaben an viel grösseren Abenteuern als dem Fischen von Hand – das ja ohnehin verboten war. Unsere Eltern waren wohl sogar erleichtert, sie wussten nun, wo wir steckten, und unsere Hosen blieben ganz.
Emil Zopfi, geboren 1943, stu dierte Elektrotechnik und arbeitete als Entwicklungsingenieur und Computerfachmann in der Industrie. 1977 erschien der Roman «Jede Minute kostet 33 Franken». Seither hat er mehrere Romane, Hörspiele und Kinderbücher Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
verfasst sowie Presseartikel, Reportagen, Kurzgeschichten und Kolumnen. Er lebt als freischaffender Schriftsteller in Zürich und ist passionierter Bergsteiger und Sportkletterer. Für seine Werke wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem von
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Stadt und Kanton Zürich, der Kulturstiftung Landis & Gyr, der Schweizer Schillerstiftung, mit dem Kulturpreis des Schweizer Alpenclubs 1993, dem Kulturpreis des Kantons Glarus 2001 und dem King Albert Mountain Award 2010.
Noch sind rund 30 Prozent der Landfläche weltweit von Wäldern bedeckt. Am stärksten gerodet wird in tropischen Gebieten wie Südamerika, Zentralwestafrika, Südund Südostasien. Hier gehen jedes Jahr etwa 13 Millionen Hektaren Wald verloren. Doch nicht nur der Verlust des Waldes als Lebensraums ist gravierend – die Wälder sind auch unentbehrlich für das weltweite Funktionieren des Ökosystems. Sie regulieren unter anderem das Klima auf lokaler, regionaler und globaler Ebene. Das Roden von Wäldern setzt bekanntlich Kohlendioxid frei, das zur globalen Klimaveränderung beiträgt. Weniger bekannt sind die zu erwartenden Wetterextreme und ihre möglichen Auswirkungen auf die Landwirtschaft.
Ein Sturm
Folgen des weltwe für Wetter und L
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1 Europa Die Entwaldung in Asien kann zu Veränderungen der Intensität von Stürmen und ihrer geografischen Bahnen in Europa führen, während die Entwaldung im Amazonas gebiet die Jahresregenmenge in Nordeuropa erhöhen kann. Dies wirkt sich wiederum auf die Ernteerträge aus. 2 Türkei Durch die Entwaldung in Südostasien können die Niederschläge in der Westtürkei um 20 – 25 Prozent zurückgehen, was sich ebenfalls auf die Ernten auswirkt. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
3 Sibirien Die Entwaldung in Asien kann zu einem Rückgang der Temperatur um mehr als ein Grad Celsius führen. 4 Asien Nach der Entwaldung in Asien wurde zunächst vermutet, dass sich die Monsun-Dynamik über Ostchina und dem Südchinesischen Meer abschwächen könnte. Sie ist über dem südostasiatischen Festland jedoch stärker geworden.
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5 USA Der Rückgang der Niederschläge um 5–35 Prozent im Mittleren Westen wird mit der Entwaldung in Afrika in Verbindung gebracht und dürfte die Ernten beeinflussen. Nach der Entwaldung im Amazonasgebiet könnte die Regenmenge in Texas um 25 Prozent sinken.
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6 Südamerika Der temperaturanstieg hängt vermutlich mit der Entwaldung in asien zusammen und kann sich auf nutzpflanzen wie Weizen, Mais, Sojabohnen und Kaffee auswirken. 7 afrika Die erhöhten Oberflächentemperaturen stehen vermutlich mit der Entwaldung in asien im Zusammenhang. anzeichen deuten darauf hin, dass der Monsun in Westafrika weniger Feuchtigkeit nach norden transportiert, was sich auf die Ernteerträge auswirken und den Wassermangel akzentuieren kann. Magazin Greenpeace nr. 3 — 2014
8 arabische halbinsel Vorhersagen gehen davon aus, dass die niederschlagsmenge aufgrund der Entwaldung in afrika um 15–30 Prozent oder aufgrund der Entwaldung im amazonasgebiet um 45 Prozent zunehmen dürfte. Dies wirkt sich auf die Ernteerträge aus.
Regenmenge beeinflusst Ernteerträge temperaturveränderung beeinflusst Ernteerträge temperaturveränderung Sturmbahn Monsun
auszug aus dem Greenpeace Report «an impending Storm» Published in October 2013 by Greenpeace International/amsterdam Download: www.greenpeace.org
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Die Chancen des urbanen Wildwuchses
Nicht die wilden Strukturen der Slums ausradieren. Eine neue Generation von Architekten will keine sozialen Retortensiedlungen mehr bauen. Sie nutzen die Intelligenz unkontrolliert gewachsener Armenviertel.
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ren Behausungen, den Shacks, trinken die Menschen, lachen und tanzen. Nelson Mandela, der einst in Alexandra lebte, schrieb: «Die Atmosphäre war lebendig, der Geist abenteuerlich und die Leute geübt darin, Probleme zu lösen. Trotz den höllischen Aspekten war die Township auf eine Art auch himmlisch.»
Von Samuel Schlaefli — Wenn in der Johannesburger Township Alexandra die Strassenhändler abends ihre improvisierten Verkaufsstände zusammenräumen und die hupenden Taxis und Minibusse ihre letzten Runden drehen, strömen die Menschen auf die Strassen. Sie versammeln sich zum «Braai», zum Grillieren von dicken Würsten und tellergrossen Schweinsstücken auf halbierten Erdölfässern, mit Zaungittern als Rost. Die Shebeens füllen sich, die kleinen Bierkneipen aus Holz und Wellblech. Massige Lautsprecher werden auf die Strasse gestellt. Roher, aggressiver House dröhnt mir auf den staubigen Durchgangswegen in den Ohren. Zwischen ihMagazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Blade Runner im globalen Süden In Slums, Favelas oder Townships wie Alexandra, leben heute 1,1 Milliarden Menschen. Für sie plant das Architektur-Duo Brillembourg & Klumpner. Für Städte, in denen 95 Prozent der Häuser, Hütten und Verschläge von den Bewohnern selbst gebaut worden sind. Für Städte, die derzeit 90 Prozent des Bevölkerungswachstums absorbieren. Oder wie Alfredo Brillembourg sagt: «Für Städte, die sich wie Blade Runner in den Tropen anfühlen.» Ich treffe Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner in Zürich. In einer ausgedienten Industriehalle halten sie die Schlussbesprechung zum Semesterprojekt ihrer Studierenden ab. Klumpner ist Österreicher, trägt Jeans, ein marineblaues Jackett und eine prägnante Hornbrille. Brillembourg entstammt einer venezolanischen Familie und ist in New York aufgewachsen. Er ist gross, hat dichte schwarze Locken, eine furchteinflössende Donnerstimme und nimmt kein Blatt vor den Mund: «Fuck the context!», brüllt er bei einer Wortmeldung, die ihm nicht passt, in den Raum. Die beiden mögen es informell, kumpelhaft und impulsiv. 1993 hatte Brillembourg in Caracas das Büro Urban-Think Tank (U-TT) gegründet. Ein Jahr später lernte er als Student an der Columbia University in New York Klumpner kennen; später lehrten beide dort als Professoren. Klumpner folgte seinem Compagnon 1998 nach Caracas, wo ihnen politische Unruhen die Arbeit alsbald erschwerten. 2010 wurden sie als Professoren für Urban Design an die ETH Zürich berufen und zügelten ihr U-TT-Team gleich mit. Von hier aus forscht, denkt, plant, publiziert und baut das Architektenduo für die Städte des «globalen Südens»; für Städte, deren «höllische Aspekte» wir nur schwerlich nachvollziehen können. Für Städte also wie Alexandra, wo 500 000 Menschen auf einer Fläche von 7,6 Quadrat kilometern leben. Das ist, als würden die Bewohner der Stadt Zürich auf einem Zwölftel ihres aktuellen Gebiets zusammengepfercht. Hinzu
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kommen mindestens so viele Ratten, die nachts die Abfallhaufen nach Fressbarem durchstöbern. Familien mit sieben Kindern wohnen in Shacks von acht Quadratmetern, nur geschützt von etwas Wellblech und Plastikfolien. Kein fliessendes Wasser, nur eine Toilette für Dutzende Familien. Nachts ist es dunkel wie in einer Grotte. Die Frauen leben in ständiger Angst vor Vergewaltigungen. Es sind Städte, die ihre Menschen verschlingen: Am Fluss Jukskei, wo die Ärmsten der Armen leben, werden die Bewohner bei Hochwasser mitsamt ihren Hütten weggespült. Architektur als Kulturanthropologie Brillembourg und Klumpner werden von ihren Zürcher Arbeitskollegen «die Cowboys» genannt. Nicht weil sie Stiefel tragen und rauchen, sondern weil auf dem Gebiet ihrer Forschung und ihrer Projekte die Regeln des Wilden Westens gelten und Knarren omnipräsent sind. In Caracas wurden sie von Gangs entführt, in Kapstadt mit Pistolen bedroht und in Mexico City aus der Botschaft geworfen. Während ihrer Feldforschungen in Südafrika und Südamerika treten sie mit laufender Kamera unangemeldet in Shacks, um die verwunderten Familien zu ihren Lebensbedingungen zu befragen. In ihrem Team arbeiten neben Architekten auch Ethnologen und Filmemacher. Die Cowboys wollen verstehen, worum es in den Siedlungen geht. «Unsere Arbeit fordert Opfer und ist zu einem eigenen Lebensstil geworden», sagt Klumpner. Beide haben je eine Scheidung hinter sich und sind dauernd auf Reisen. Das En gagement zahlt sich aus: 2012 machte das Duo an der Architekturbiennale in Venedig international von sich reden. Ihr Projekt «Torre David/ Gran Horizonte» wurde mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet – eine urbanistische und fotografische Studie zum «Torre David», einem vertikalen Slum in einem nie fertig gestellten Wolkenkratzer mitten im Geschäftszentrum von Caracas. «Wir müssen endlich von der Idee slumfreier Städte wegkommen. Was wir brauchen sind slumfreundliche Städte», ist Klumpner überzeugt. Denn aus städteplanerischer Sicht hätten Slums viele Qualitäten: «Sie sind dicht bebaut, haben kurze Verbindungswege, verbrauchen wenig Energie, produzieren fast keinen Abfall und fördern die soziale Interaktion.» Immer mehr Architekten merken, dass die heutigen Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Planungskonzepte für den vielerorts wild wuchernden Stadtdschungel nicht taugen. Planstädte wie Le Corbusiers Chandigarh in Nord indien oder Oscar Niemeyers Brasilia waren Überhöhungen westlicher, modernistischer Ideale; in Beton und Stahl gegossener Formalismus und Fortschrittsglaube. Mit den Realitäten im globalen Süden haben sie nichts mehr zu tun. Heute trifft man Architekten an Orten, für die sich früher lediglich NGOs interessierten. Der Basler Architekt Manuel Herz widmete den urbanen Qualitäten eines Flüchtlingscamps in der Westsahara letztes Jahr ein ganzes Buch. Der amerikanische Städteplaner Teddy Cruz hielt bei TEDGlobal einen Vortrag über seine Forschung in Slums an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Und erst vor wenigen Wochen erschien «Radical Cities», das Buch des «Guardian»-Designkritikers Justin McGuirk über informelle und soziale Architektur. Zufall, Herdentrieb oder Anzeichen eines sich anbahnenden Paradigmenwechsels? Neue Konzepte für grassierende Wohnungsnot Ich treffe Daniel Schwartz in der Zürcher Galerie Eva Presenhuber. Ein schmächtiger Typ Mitte zwanzig, mit Woody-Allen-Brille, der aus einer American-Apparel-Werbung gefallen sein könnte. Daniel studierte Kulturanthropologie in Philadelphia und ist heute für Film und Fotografie bei Urban-Think Tank zuständig. Er führt mich durch die Ausstellung zum neusten U-TT-Projekt. «Empower Shack» ist die Geschichte eines würdigen Lebens in einer südafrikanischen Township. Sie wird in der Ausstellung in Form von Texten, Bildern, Filmen, Info grafiken, Slum-Trouvaillen, Modellen sowie Holz- und Stahlkonstruktionen erzählt. Südafrika steht dabei stellvertretend für die Herkulesaufgabe, der sich die Städteplaner des 21. Jahrhunderts stellen müssen: Klassische Sozialbauprogramme stossen an ihre Grenzen. Das ist beim Reconstruction and Development Program (RDP), das der African National Congress (ANC) nach dem Ende der Apartheid lancierte, nicht anders. Der Abbruch von Shacks zugunsten von Beton-Neubausiedlungen wird der sozialen Dynamik nicht gerecht. Die Regierung rennt der wachsenden Armut und Wohnungsnot verzweifelt hinterher. Zwar wurden seit 1994 in 2700 Siedlungen mehr als zwei Millionen
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Auf einem Grundstück in Khayelitsha, der drittgrössten Township Südafrikas, wurde dieser Prototyp eines Low-Cost-Hauses entwickelt. Das Ziel war, für die Bewohner ein bescheidenes, aber würdiges und auf ihre Ansprüche ausgerichtetes Heim zu bauen, das sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht überzeugt.
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Soziale Strukturen und die Frage der Sicherheit wurden bei der Umsetzung der neuen Blechhäuser berücksichtigt. neue Sozialwohnungen gebaut. Es fehlen aber immer noch mehr als zweieinhalb Millionen. Die Idee zu «Empower Shack» geht zurück auf einen Spaziergang durch Khayelitsha im März 2012. Die Township vor den Toren Kapstadts war 1985 vom Apartheidregime angelegt worden. Man schätzt, dass entlang der sandigen Bucht bis zu einer Million Menschen leben, fast ausschliesslich Schwarze. Schwartz und Brillembourg entdeckten im Meer von einstöckigen Wellblechhütten zu ihrer Verwunderung und Begeisterung einen zweistöckigen Shack. Sie interviewten den Bewohner, der ohne Ausbildung und Vorkenntnisse mit einigen Holzlatten und etwas Wellblech einen zweiten Stock auf sein Haus gesetzt hatte. Er hatte mehr Raum gewollt, doch in der Horizontalen war eine Erweiterung wegen der Nachbar-Shacks nicht möglich gewesen. Der Haken an der Sache: Seine sechsköpfige Familie fühlte sich darin unsicher. Der Mann wollte den Aufbau wieder abreissen. Slum-Ikea für flexiblen Wohnraum Nun kamen die Architekten ins Spiel: Während einer Summer School in einer Fabrikhalle in Glarus entwickelten sie mit Studierenden und einem Bewohner aus der Township einen Nukleus für mehr Raum und Lebensqualität in Khayelitsha. Entstanden ist eine einfache, aber robuste Holzrahmenkonstruktion auf Stelzen (als Schutz vor den regelmässigen Regenfluten), die mit Wellblech verkleidet ist. Die verbauten Materialien sind lokal erhältlich und günstig – Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
und die Konstruktion ist so einfach, dass sie von der Gemeinschaft vor Ort selbst aufgebaut werden kann. «Was wir wollen, ist eine Art SlumIkea», erklärt Schwartz. «Jedermann soll sich aus einer Palette an vorfabrizierten, günstigen Materialien, die in lokalen Shops verkauft werden, diejenigen Teile auswählen können, die seinen Bedürfnissen und seinem Budget entsprechen.» Das Ziel sind flexible Häuser, die mit ihren Bewohnern je nach Budget und Famili engrösse wachsen oder schrumpfen. Die Komponenten behalten ihren Wert und sind Anlagen, die bei Geldknappheit verkauft werden können. Schwartz sagt: «Wir sind weniger an einem ikonischen Entwurf interessiert als an einem praktikablen System.» Vier Tage waren nötig für den Aufbau des ersten Prototyps in Khayelitsha. Die Materialkosten beliefen sich auf 3500 Franken – zwar noch zu teuer für arbeitslose Slumbewohner, aber ein Vielfaches unter den Produktionskosten der Sozialwohnungen, welche die Regierung an der Peripherie baut. Rios informelle Explosion Bis aus dem ersten Doppelstock-Shack eine Blaupause für den Sozialwohnungsbau im glo balen Süden wird, werden die Zürcher Cowboys wohl noch manches Duell mit Regierungsvertretern austragen. Denn egal ob in Afrika, Asien oder Südamerika: Regierungen repetieren Konzepte, deren Scheitern längst dokumentiert ist. Sie stellen standardisierte, unflexible und massenhaft produzierbare Häuser in Reih und
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Die Chancen des urbanen Wildwuchses
«Wir wollen die Kreativität der Bewohner mit einer sinnvollen Stadtplanung zusammenbringen.»
Glied an die Stadtperipherie und schaffen monotone Bauwüsten aus klimaschädlichem Beton und teurem Stahl – ohne Anschluss an den Arbeitsmarkt und an öffentliche Dienste wie Spitäler, Schulen und sanitäre Anlagen. Cidade de Deus in Rio de Janeiro ist ein Beispiel für ein solches Baudesaster. Das Sozialwohnungsviertel wurde in den sechziger Jahren gebaut und verkam darauf zu einer Favela, in der Drogengangs und das organisierte Verbrechen Unterschlupf fanden. 2009 schien sich die Geschichte zu wiederholen: Die Regierung Lula erarbeitete ein neues Programm mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren 3,4 Millionen Sozialwohnungen aus dem Boden zu stampfen. Die Pläne dafür glichen erschreckend jenen aus den sechziger Jahren. «Aus Sicht eines Stadtplaners hat die Regierung Brasiliens im neuen Programm praktisch alles falsch gemacht», kritisiert Rainer Hehl, Leiter des Master of Advanced Studies in Urban Design an der ETH Zürich. Ich treffe ihn in seinem Büro in Neu-Oerlikon, wo die Stadtforscher der ETH Zürich seit 2010 zuhause sind. Der gebürtige Deutsche, der fliessend Portugiesisch spricht, kennt die Entwicklungen in Rio de Janeiro wie kein anderer: Seit sieben Jahren forscht er zu informeller Stadtentwicklung in Brasilien und hat mehrere Bücher zum Thema publiziert. «Obwohl Favela-Räumungen in Brasilien mittlerweile gesetzlich verboten sind, wurden im Zuge der Umbauarbeiten für die Olympischen Spiele viele Bewohner vertrieben.» Für Hehl ist das verheerend, denn mit der Zerstörung der Favelas gehen nicht nur informelle Infrastrukturen in die Brüche, sondern auch soziale Beziehungen, Solidarität und öffentlicher, geteilter Raum: «Favelas sind meist or ganisch über viele Jahre gewachsen. Sie entsprechen in ihrer urbanen Qualität oft europäischen Städten.» Vielleicht braucht es für ein Umdenken auf Regierungsebene erst eine Explosion. So wie am 20. Juni 2013 in Rio de Janeiro, als Millionen Menschen auf die Strasse strömten und gegen Korruption, die schamlose Unterwerfung der Stadt unter private Interessen sowie für ein besMagazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
seres Bildungs- und Gesundheitssystem demonstrierten. Zur gleichen Zeit eröffnete Hehl im Studio-X, einer kleinen Architekturgalerie im Zentrum Rios, eine Ausstellung, die er zusammen mit Masterstudierenden der ETH Zürich erarbeitet hatte. Die Gruppe hatte das aktuelle Regierungsprogramm «Minha Casa, Minha Vida» (Mein Haus, mein Leben) untersucht und forderte aufgrund historischer Erfahrungen und der in Rio betriebenen Feldforschung ein Überdenken der herkömmlichen Strategie und eine Stärkung von informellen Prozessen. Programmatisch trug die Ausstellung den Titel «Minha Casa – Nossa Cidade» (Mein Haus, unsere Stadt). Die Ausstellung schaffte es zusammen mit dem Aufstand in die nationalen Medien. Der zuständige Minister schaute sich das Projekt an, lud Hehl für eine Anhörung ein und beauftragte ihn mit einem Projekt: Er soll für eine der am schnellsten wachsenden Städte Brasiliens am Rande des Amazonas 500 Einheiten nach den Erkenntnissen aus seiner lang jährigen Forschung entwerfen. Was wird er tun? Hehl sagt: «Wir wollen die Kreativität der Bewohner mit einer sinnvollen Stadtplanung zusammenbringen.» «Und was ist mit den Städten des globalen Nordens?», will ich beim Abschied von ihm wissen. «Können sie von den Erkenntnissen im Süden profitieren?» – «Absolut», ist der Städteplaner überzeugt: «Unsere Städte werden aktuell vom Markt aufgefressen. Es fehlt Raum, in dem sich Menschen ihre Stadt aneignen können, Raum zum Leben, für das Informelle eben.» Beim Rückweg zum Bahnhof durchquere ich Neu-Oerlikon: entlang der Bürokuben von ABB, Bombardier, Mobiliar und PWC, auf sauberen, grosszügigen Trottoirs ohne Menschen, vorbei an Kinderspielplätzen ohne Kinder, an gestylten Holzbänken ohne Ruhende und durch ein kleines Kunstwäldchen ohne Baumhütten und Schnitzeljagden, in dem Eschen und Birken fein säuberlich in einem Raster von 4 × 4 Meter gepflanzt wurden. Ein unbewegtes, gebändigtes Viertel. Für Wildnis und Urbanität ist hier kein Platz. Ich denke zurück an meinen Abend in Alexandra: Etwas mehr Township würde Neu-Oerlikon gut tun.
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Das Netz: Die letzte grosse Wildnis Überwachung, Kontrolle, Zerfall: Dem Internet geht es zurzeit nicht gut. Was als Utopie der letzten grossen Wildnis begann, ist zum perfekten Überwachungsapparat geworden. Nun liegt es an den Nutzern, das Netz zurückzuerobern.
Von Samuel Schlaefli — Die «re:publica» ist ein guter Ort, um dem Internet den Puls zu fühlen. Während drei Tagen im Mai versammeln sich im alten Postbahnhof von Berlin Kreuzberg mehr als 5000 Blogger, Netzaktivisten, Social-Media-Strategen und Journalisten. Über 300 Redner widmen sich dem Thema Internet und es werden Dutzende von Paneldiskussionen durchgeführt. Nirgends zeigt sich besser, was die digitale Gesellschaft bewegt. Sascha Lobo, der bekannteste Internet-Erklärer Deutschlands, brachte die Sache gleich am ersten Tag in seiner «Rede zur Lage der Nation» auf den Punkt: «Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.» Die Anwesenden waren sich einig: 2014 war die politischste «re:publica» aller Zeiten. Praktisch kein Vortrag, in dem nicht politisches Asyl für Edward Snowden gefordert wurde. Sarah Morris von Wikileaks berichtete von ihrer Zusammenarbeit mit dem Whistleblower und weshalb sie seit der Eskortierung von Snowden von Hongkong nach Russland nicht mehr in ihre Heimat England einreisen kann. Eric King von Transparency International gab Einblicke in die Machenschaften des NSA-Geheimdienstverbundes Five Eyes. Der Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger referierte zu den ethischen Grenzen von Big Data und der IT-Sicherheitsexperte Mikko Hyppönen präsentierte sein Manifest für digitale Freiheit. Das Motto der «re:publica» 2014 hiess «Into the Wild». Doch damit meinten die Veranstalter nicht die Wildnis, grenzenlose Freiheit und Spielfreude, für die das Internet einst an Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
getreten war. Damit meinten sie vielmehr den Wildwuchs von Überwachung, Kontrolle, Datensammlung und -auswertung, der unsere Freiheit im Internet zunehmend erstickt. Unendliche Überwachung Etwas Fundamentales ist geschehen. Etwas, das die digitale Gesellschaft, in die wir erst gerade hineingewachsen sind, in ihren Grundfesten erschüttert. Digital Natives sprechen bereits von einer Zeitenwende: den Jahren vor und denje nigen nach Snowden. Bis vor kurzem noch stellten wir uns das Internet als Raum vor, in dem wir uns frei und anonym bewegen können. Als Raum, in dem wir in Rollen schlüpfen, die wir sonst nirgends ausleben; in dem wir Bilder anschauen, von denen wir nicht wollen, dass unsere Freunde und Geschäftspartner wissen, dass wir sie anschauen; in dem wir Dinge sagen, die wir sonst nie auszusprechen wagten. Das war einmal. Heute wissen wir: Dieser Raum ist voller Überwachungskameras, Abhörtechnik und Spione. Snowdens engster Vertrauter, Glenn Greenwald, der die geleakten NSA-Dokumente für den britischen «Guardian» auswertete, beschreibt den Paradigmenwechsel im Umgang mit persönlichen Daten wie folgt: «Die NSA braucht keinen bestimmten Anlass, damit sie Daten auswertet. Sie denkt sich vielmehr: Wir hören eure Telefonate ab, schauen in eure E-Mails und Internetaktivitäten, speichern sie und werten sie aus – aus dem einfachen Grund, weil es sie gibt.» Das klingt ein wenig wie George Orwells «1984», nur ist die Überwachung leiser, diskreter und perfider.
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«Das Datencenter ist eine Blackbox mit industriellen Dimensionen; kapitalintensiv, komplex und undurchsichtig.»
Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur und Netzwerktheorien an der Zürcher Hochschule der Künste, spricht in diesem Zusammenhang von der «zweiten digitalen Phase». Während sich in der ersten Phase noch alles um ungehinderte und erweiterte Kommunikation gedreht habe, stehe die zweite Phase im Zeichen des uneingeschränkten Sammelns und Aus wertens von Daten. Symbol dieser zweiten Phase sei das Datencenter – «eine Blackbox mit industriellen Dimensionen, kapitalintensiv, komplex und undurchsichtig». An solche Datencenter werden heute Teile von politischen Entscheidungen ausgelagert. Indem sie Daten von verdächtigen Handysignalen auswerten, entscheiden die Rechner mit, ob eine afghanische oder jemenitische Hochzeitsgesellschaft mittels einer Drohne beschossen wird oder nicht. Und sie ermächtigen Geheimdienste, Bürger ohne jeden Verdacht auszuhorchen. Die Datencenter sind zu einer Gefahr für die Demokratie geworden.
unter anderem von der Internet Engineering Task Force (IETF). Über 70 Prozent der Anträge, die zwischen 1986 und 2012 bei der IETF eingingen, wurden von amerikanischen Ingenieuren verfasst. Sie führen oft zu neuen technischen Spezifikationen und Standards. Allein das USUnternehmen Cisco, dessen Router und Switches zu den wichtigsten Bestandteilen der Netzin frastruktur gehören, hat mehr Anträge produziert als ganz China. Auch die höchste hierarchische Instanz des Internet-Namenssystems liegt in den Händen der USA: die Internet Cooperation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Sie kann zusammen mit der Oberaufsicht der amerikanischen Telekommunikations- und Informationsbehörde (NTIA) praktisch im Alleingang über die Vergabe von neuen DomainNamen, also zum Beispiel .org oder .ch, entscheiden. «All das hat uns lange Zeit nicht gestört, denn es funktionierte ja alles prima», sagt Urbach. «Doch im Zuge der NSA-Enthüllungen fühlen wir uns plötzlich zum ersten Mal so richtig machtlos.» Das führt nicht nur bei Internetnutzern zu Die Netz-Übermacht USA Frustration und Unsicherheit, sondern auch Die Lust am Datensammeln ist nicht neu. bei Regierungen. Seit Jahren beklagen China und «Überwachung war für Regierungen schon imRussland die Netzübermacht der USA. Angela mer ein Mittel, um soziale Bewegungen zu Merkel hat nach dem Skandal um die Abhörung identifizieren und zu diskreditieren», sagt der ihres Handys angekündigt, dass Deutschland Berliner Internetaktivist Stephan Urbach. Egal ob Martin Luther King, die indigene Bevöl- gemeinsam mit Frankreich die Entwicklung eines EU-Internets in Betracht ziehe. Die Deutkerung Chiles oder die Umweltbewegung in Deutschland, sie alle wurden ausgehorcht. «Nur sche Telekom arbeitet bereits an Plänen für ein deutsches «Internetz», das auf die EU ausdie Allgegenwart und Perfektion der Überwachung ist neu.» Urbach sass zweieinhalb Jahre für geweitet werden könnte. Ähnlich wie Merkel reagierte auch die brasidie Piraten als Referent für Internetfreiheit im Bundestag. Für ihn war ein unkontrolliertes, lianische Präsidentin Dilma Rousseff. Ihre Regierung wollte Unternehmen wie Google und egalitäres und demokratisches Internet stets eine Illusion: «Die USA waren im Internet schon Facebook dazu verpflichten, ihre Datencenter für die Kommunikation in Brasilien vor Ort zu immer eine Hegemonialmacht.» platzieren – zusammen mit einem Vertreter des Das hat gleich mehrere Gründe: Das Internet wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts Unternehmens. Die entsprechenden Passagen wurden im April 2014 zwar aus dem «Marco Civil des US-Verteidigungsministeriums entwickelt. da Internet» gekippt, eine Stärkung der nationaDer Grossteil der physischen Infrastruktur len Datenhoheit beinhaltet er aber nach wie vor. steht bis heute in den Vereinigten Staaten. Die wichtigsten Entscheidungsgremien, die über Auch in der Forschung ist die Dezentra Regulierungen und Protokolle im Internet belisierung des Internets ein Thema: Computerwisstimmen, sind von Amerikanern dominiert; senschaftler der Zürcher ETH und der Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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Aufruf zum digitalen Ungehorsam
Das Darknet ist die digitale Wildnis 2.0, der virtuelle Raum ohne Regeln.
amerikanischen Carnegie Mellon University tüfteln an einem weltumspannenden Netz von regionalen Subnetzen. Letztere würden nationalen Aufsichten unterstehen. Damit lägen die Regulierung und die Domainvergabe unter Staatshoheit. Für Internetgiganten ist die angedachte Nationalisierung des Internets ein Horrorszenario: Vergangenen Dezember schalteten Facebook, Google, Apple, Twitter, LinkedIn, Yahoo, AOL und Microsoft ganzseitige Inserate in den grössten amerikanischen Tageszeitungen. In einem gemeinsamen offenen Brief an die Regierungen dieser Welt forderten sie die «Respektierung des internationalen Datenverkehrs». Die Forderung ist wenig überraschend: Eine Fragmentierung des Netzes würde ihr Geschäftsmodell aushöhlen. Doch nicht nur die Industrie ist besorgt. Auch Internetaktivisten und Wissenschaftler wehren sich gegen die Zerstückelung des Netzes. Sie fürchten eine «Balkanisierung des Internets», ein Patchwork von nationalen Netzen mit unterschiedlichen und zum Teil nicht kompa tiblen Regulierungen. Paul Fehlinger vom Internet and Jurisdiction Project, einer Organisation mit Sitz in Paris, die für die Rettung des heutigen globalen Systems kämpft, warf kürzlich in einem Artikel die provokante Frage auf: «Werden wir in Zukunft Online-Visa benötigen, um überhaupt noch im Cybernet reisen zu dürfen?» Das Darknet – die letzte Wildnis im Cyberspace Für den Netzwerkexperten Felix Stalder sind solche Befürchtungen verfrüht. «Die gesellschaftlichen und ökonomischen Kosten für eine Nationalisierung des Internets wären zu hoch.» Seine Prognose geht in eine andere Richtung: Unterschiedliche Akteure würden künftig versuchen, die Kontrolle über die bestehende Netzinfrastruktur zurückzuerobern. Solches ist bereits geschehen. Web-Nerds haben in den vergangenen Jahren ihr eigenes, vor Überwachung und Kontrolle geschütztes Netz erschaffen. Das Darknet ist die letzte wilde Ecke im Cyberspace: ein Subnetz mit lauter Seiten, die Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
von keinem gewöhnlichen Browser gefunden werden. Es vereint Netzwerktechnologien für die Datenanonymisierung und -verschlüsselung und ist von aussen weder beobachtbar noch kontrollierbar. Zwar werden Daten über dieselben Kupfer- und Glasfaserkabel geschickt wie im offiziellen Netz. Doch für die Übermittlung werden andere Protokolle benutzt. Wer im Darknet surft, taucht mit seiner Kommunikation weder auf einem Geheimdienstbildschirm auf noch landet diese in der Google-Ads-Maschinerie. Das Darknet ist die digitale Wildnis 2.0, der virtuelle Raum ohne Regeln. Surfer berichten von Kopfgeldjäger-Börsen, von florierendem Waffenhandel und dem Vertrieb von Pornografie. Vergangenen Oktober machte das Darknet international Schlagzeilen. Das FBI kam dem Gründer der Verkaufsplattform Silk Road auf die Spur, die oft mit Amazon verglichen wird – nur dass auf Silk Road nicht Bücher, sondern illegale Drogen gehandelt werden. 340 verschiedene Drogenarten waren über die Plattform zeitweise erhältlich, von Haschisch über Ecstasy bis zu Heroin. Käufer bestellten sich die Ware nach Hause und bezahlten mit der Internetwährung Bitcoin. Als das FBI den Betreiber Ross William Ulbricht in San Francisco verhaftete, wurden 25 Millionen Dollar in Form von Bitcoins eingefroren. Mittlerweile ist Silk Road in veränderter Form wieder online. Stephan Urbach wehrt sich gegen rein negative Assoziationen: «Das Darknet wird in der Öffentlichkeit bewusst diffamiert, weil die Politik Angst davor hat, die Kontrolle übers Internet zu verlieren.» Silk Road, Kinderpornografie und andere illegale Aktivitäten machten nur einen kleinen Teil aus. Der weit grössere Teil diene lauteren Absichten. So nutzen Urbach und die Hackergruppe Telecomix das Tor-Netzwerk, den wahrscheinlich grössten Teil des Darknet, um syrische Widerstandskämpfer zu unterstützen. Obschon das Regime von Bashar al-Assad sämtliche Internetaktivitäten im Land überwacht, gelingt es Urbach, sichere, vom offiziellen Internet losgelöste Chats zu organisieren, in denen sich syrische Aktivisten austauschen können. Zugleich finden Journalisten und Aktivisten im
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Tor-Netzwerk Werkzeuge, um sich vor Verfolgung zu schützen: zum Beispiel Programme, die Gesichter in Filmaufnahmen automatisch ver wischen, sämtliche Metadaten der Aufnahme (Ort, Zeit und Aufnahmegerät) löschen und das Video schliesslich auf Youtube hochladen. So kommen über das Tor-Netzwerk Aufnahmen von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen anonymisiert an die Öffentlichkeit, ohne dass ihre Urheber um ihr Leben fürchten müssen. Heute surfen täglich rund zwei Millionen Nutzer aus 110 Ländern im Tor-Netzwerk. Das sind doppelt so viele wie vor dem NSA-Skandal. Anonymität und Verschlüsselung wird in der Post-Snowden-Ära zum dringlichen Bedürfnis. Für Aktivisten, Vertreter der Zivilgesellschaft und NGOs werden sie zunehmend zur Pflicht. Das globale Netzwerk AVAAZ zum Beispiel rief vor wenigen Wochen zu Spenden für eine verbesserte Sicherheitsinfrastruktur auf, nachdem Computer von Mitgliedern gehackt und Aktivisten in Ägypten von furchteinflössend gut informierten Polizisten verhört worden waren. «Ich erhalte heute vermehrt Anfragen von NGOs und Journalisten, die nach Möglichkeiten suchen, ihren Internetverkehr gegen fremde Zugriffe zu sichern», erzählt Urbach. Kürzlich habe er für Médecins sans Frontières in Frankreich und Schweden Workshops zu einfachen und kos tenlosen Verschlüsselungs-Tools abgehalten. «Unentgeltlich, alles andere wäre unethisch. Schliesslich bin ich ein Aktivist!»
Verschlüsseln, verschlüsseln, verschlüsseln! Für Internet-Professor Felix Stalder liegt in der Kryptografie ein wichtiger Schlüssel, um die Freiheit im Internet zurückzugewinnen: «Heute, wo wir im Internet praktisch alles von uns preisgeben, kostet die Überwachung fast nichts. Deshalb wird alles überwacht. Doch je besser wir unsere Kommunikation schützen, desto teurer wird die Überwachung und desto weniger findet sie statt.» Die Mittel dazu existieren, zum Beispiel über das kostenlose OpenPGP-Protokoll zur Verschlüsselung von E-Mails und Textfiles. PGP steht für Pretty Good Privacy. Das Problem: Die Anonymisierung bedeutet Mehraufwand für den Nutzer. Leider sind die meisten User etwas bequem geworden und haben vergessen, dass die immer einfachere Bedienbarkeit des Web 2.0 Hand in Hand mit abnehmenden Persönlichkeitsrechten gegangen ist. All die praktischen und vermeintlich kostenlosen Internetangebote – Social Media, E-Mail, News, Film, Shopping und Apps – bezahlen wir teuer: mit immer mehr persönlichen Daten. Vielleicht weckt uns Snowden aus dem Dornröschenschlaf und es folgt die dritte Phase des Internets: diejenige des digitalen Ungehorsams. Das wird zwar etwas mühsam und aufwändig, doch am Ende ist es vielleicht der einzige Weg, wie wir unsere Freiheit im Internet zurückerobern können. ESC
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Die Wildnis existiert nicht Die Ashanica-Indianer am peruanischen Amazonas haben keinen Begriff für «Wildnis». Für sie gibt es nur eine Welt, die sie mit allen anderen Lebewesen gleichwertig teilen, wie der Anthropologe Jeremy Narby (Interview Seite 52) berichtet. Der Fotograf Michael Goldwater hat es geschafft, die Harmonie dieses Volkes mit der Natur einzufangen. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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Die Wildnis existiert nicht
Die Ashaninka gehören zu den grössten indigenen Gruppen Südamerikas. Seit der Kolonialzeit haben sie nur unter grossen Schwierigkeiten überlebt – sie wurden versklavt, ihr Land wurde ihnen weggenommen oder zerstört und im späten 20. Jahrhundert wurden sie in die blutigen Konflikte in Peru verwickelt.
Heute ist ein grosses Reservat der Ashaninka durch den geplanten Bau des PakitzapangoDamms bedroht. Dieser würde rund 10 000 Einheimische zur Umsiedlung zwingen. Der Damm ist Teil eines weitläufigen Systems von Staudämmen, die von der brasilianischen und der peruanischen Regierung gemeinsam, aber ohne Mitsprache der Ashaninka geplant und gebaut werden sollen.
Die Farben für die Körperbemalung werden aus den Samen der Urucum-Pflanze gewonnen. Oft symbolisieren die Masken Tiere und geben dadurch ihrer Stimmung Ausdruck. S. 45 Der Einbaum dient zur Jagd wie auch als Transportmittel für den sozialen Kontakt mit anderen Familien. S. 46 / 47 Den Kindern werden schon früh zahlreiche Jagdtechniken beigebracht. Die Versorgung wie Jagen und Fischen ist Aufgabe der Männer. Unten Die Ashaninka glauben, dass Kinder manchmal die Eigenschaften von Tieren annehmen, die ihre Mutter während der Schwangerschaft gegessen hat. Schwangere Frauen essen darum kein Schildkrötenfleisch. S. 48 / 49 Ashaninka-Mädchen mit einem verwaisten Wildschwein, das sie aufziehen wollen. Eine Gruppe von Jägern fand einen Wurf Frischlinge, nachdem sie zwei Wildschweine erlegt hatten. S. 50 Ashaninka-Frauen auf dem Heimweg vom lokalen Markt. S. 51 Wie die Zukunft der Ashaninka aussieht, weiss niemand. S. 44
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© C hr i s t o ph C hamma rtin
«Für die Natur waren die 300 Jahre Aufklärung ein Höllentrip» Was macht die Wildnis aus uns Menschen? Der AmazonasForscher Jeremy Narby stellt eine Gegenfrage: «Was ist Wildnis überhaupt?» Eigentlich gebe es sie nicht – ausser man betrachte die Welt aus einer rein menschlichen Perspektive und degradiere die anderen Lebewesen zu Objekten. Das könnte sich ändern, sagt der Anthropologe. Von Matthias Wyssmann — Wer die Wildnis wirklich verstehen will, muss hinter die undurchdringlichen Kulissen der Regenwälder Südamerikas blicken und hinter ihre gigantische, uralte Artenvielfalt. Den Pfadfinder dorthin fanden wir im jurassischen Porrentruy. Jeremy Narby, schweizerisch-kanadischer Anthropologe, hatte vor etwa fünfzehn Jahren einiges Aufsehen erregt: Im Buch «Die kosmische Schlange» verglich er Schamanismus mit moderner Molekularbiologie. Seine These: Indem sie die legendäre Urwald-Droge Ayahuasca trinken, können die Schamanen die DNS der Lebewesen sehen und verstehen und damit ihr wundersames Zusammenspiel. Fünf Jahre später publizierte der Jurassier zur «Intelligenz in der Natur», um aufzuräumen mit dem Dogma, in der Natur bestimme der Zufall die Entwicklung. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Derzeit schreibt er an einem Buch zum scheinbar banalen Thema «Was ist eine Pflanze?» und wird auch darin eine Brücke zwischen westlicher Wissenschaft und dem verblüffend gescheiten Animismus der Amazonas-Wälder schlagen. Irgendwie hatten wir Narbys Wohnung – ein geräumiges Haus voller Bücher und Musikinstrumente – in einem weitläufigen, verwilderten Garten in Erinnerung. Aber Jeremy Narby muss seit meinem letzten Besuch vor vier Jahren die Wiese um sein Haus gezähmt und das Buschwerk diszipliniert haben. Von Wildnis keine Spur. Dennoch gelang es dem Anthropologen, auch in diesem Gespräch den Amazonas-Regenwald in meiner Vorstellung aufleben zu lassen.
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Zuerst aber hatten wir etwas zu klären:
«Pflanzen und Tiere sind Personen. Sie sind wie wir, sie sind Ashaninka wie wir, Leute wie wir.»
Greenpeace: Jeremy Narby, es gibt kein französisches Wort für das englische «wilderness» oder den deutschen Begriff «Wildnis». Jeremy Narby: Vielleicht müssen wir das Wort zuerst «auspacken», um es zu verstehen: Das englische «wilderness» bezeichnet den Ort, wo es «wild deer» hat, also wilde Tiere. Wild-deer-ness? Genau. Und das deutsche Adjektiv «wild» hat meiner Meinung nach dieselbe Wurzel wie «Wald». Auch das französische «sauvage» für «wild» leitet sich vom lateinischen selva, Wald, ab. Und der Wald beginnt dort, wo die Kultur – also die Sphäre des Menschen – aufhört. Der westliche Mensch hat sich seit jeher gegen die Natur abgegrenzt. Schauen Sie im Wörterbuch nach: Die beiden Begriffe schliessen sich aus. «Natur» ist, was nicht von Menschen gemacht ist. Für die Ashaninka-Indianer, bei und mit denen Sie seit 25 Jahren arbeiten, sieht das ganz anders aus, nehme ich an? Sie ziehen diese Grenze zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen nicht. Diese Grenze besteht nur im so genannt zivilisierten Denken. Was haben die Ashaninka für einen Begriff von «Wildnis»? Davon, was nicht menschlich ist? Danach gefragt, würden sie antworten: «No tenemos», das haben wir nicht. Ich habe sie gefragt, ob es Orte im Wald gebe, wo Menschen nie hingehen; da haben sie lange geschwiegen. Was sagen sie denn? Sie sagen: «Pflanzen und Tiere sind Personen. Sie sind wie wir, sie sind Ashaninka wie wir, Leute wie wir.» Für die Amazonas-Indianer gibt es diese zwei getrennten Sphären Mensch und Natur also nicht? Sie sind Animisten. Und Animismus beruht auf zwei Überzeugungen: Man anerkennt die Artenverwandtheit aller Lebewesen. Und man begreift auch nichtmenschliche Wesen als Personen. Deshalb gibt es im Amazonas keinen Begriff für Wildnis. Pflanzen und Tiere als Personen: Wie muss man das verstehen? Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Eine Person ist, wer kommunizieren kann, lernt und einen eigenen Blickwinkel hat. Eine Schneeflocke hat keinen eigenen Blickwinkel. Aber der Jaguar hat einen eigenen Blickwinkel oder der Catalpa-Baum da draussen vor dem Fenster: Er will wachsen und gedeihen. Sogar ein Grashalm muss, wenn er so vor sich hin grashalmt, Dinge wahrnehmen, wissen, wie sich seine Nachbarn verhalten, wo er Wasser findet, welches Licht für ihn das Beste ist. Diese Informationen muss er in Entscheidungen umsetzen. So handeln Personen. Die Wildnis steckt also voller Personen unterschiedlichster Natur? Ja. Und das bedeutet, dass die Wildnis voller Kultur ist. Pflanzen und Tiere sind Leute. Sie haben alle ihre eigenen Kulturen. Ein solches Verständnis von Regenwald, Wildnis und Natur wäre natürlich ein gewaltiges Hindernis, wo immer es darum geht, natürliche Ressourcen systematisch auszubeuten. Indem wir aber alles Leben, das nicht menschlich ist, entpersonifizieren, fällt es uns leichter, es auszunutzen und zu missbrauchen? Genau. Und die indigenen Bewohner des Waldes enteignet man, indem man sie zu «Wilden» erklärt. Hat nicht Bruce Chatwin geschrieben, dass man jemanden erst entmenschlichen muss, bevor man ihn umbringen kann? Das Konzept «Wildnis» kommt also jenen gelegen, die sie plündern wollen? Auf jeden Fall passt «Wildnis» zu einer sogenannt «humanistischen» Gesellschaft, die das Menschliche ins Zentrum stellt und alles andere zu Objekten degradiert. Kann man sagen, Kultur sei dort, wo der Mensch seine eigenen Regeln macht? So könnte man menschliche Kultur wohl definieren. Dann wäre die Wildnis ein Ort, wo diese Regeln nicht gelten. Was für gewisse «zivilisierte» Leute natürlich attraktiv ist. Sie lassen die Gesetze hinter sich und werden unter Umständen zu Bestien.
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«Für die Natur waren die 300 Jahre Aufklärung ein Höllentrip»
Da muss ich Ihnen widersprechen. Sie werden keine Tiere finden, die sich verhalten wie die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert. In massivem Ausmass zu morden – das ist nichts, was Tiere tun. Tiere sind eben gerade keine «Bestien». Wie aber verändert der «Dschungel» den Europäer? Es geht wirklich eher darum, was der Europäer aus der Natur und seinen indigenen Bewohnern macht. Tiere und Pflanzen macht er zu seelenlosen Objekten und die Indianer des Regenwaldes entmenschlicht er, um ihnen ihre Lebensgrundlagen wegnehmen zu können. Er beraubt sie so ihrer moralischen Rechte und kann mit ihnen machen, was er will. Für die Moral hatten die Conquistadores die Missionare, in der einen Hand die Bibel, in der anderen das Schwert. Wobei, machen wir uns nichts vor: Wer den Regenwald ausbeutet und Indianer umbringt, weiss sehr genau, worum es ihm geht. Um Reichtum, Gold, Macht und Dominanz. Um nichts anderes. Wenn die Spanier gefragt wurden, ob es eine moralische Rechtfertigung für das Morden gebe, sagten sie: «Frag den Kerl mit der Bibel. Der wird’s dir erklären.» Und heute? Können sich jene, die den Regenwald abholzen, auf irgendeine Moral berufen? Auf die heute weltweit vorherrschende. Nehmen Sie zum Beispiel China. Dort hat die Kommunistische Partei vor ein paar Jahren ein neues Motto ausgerufen: «Es ist glorios, sich zu bereichern.» Individuen, die reich werden, seien gut für China, hiess es. Die Ironie dabei: Wenn reinste kapitalistische Lehre aus dem Mund der Kommunistischen Partei kommt, dann wissen wir, die Welt ist in Schwierigkeiten … Ich bin kein Spezialist in der Sache, aber ich habe das Gefühl, so lässt sich die Philosophie unserer Zeit zusammenfassen: Reich werden ist glorios. Dem hält kein Regenwald stand. «Für das grössere Wohl» heisst es bei Harry Potter. Dafür wollen schwarze Magier die ganze Welt unterwerfen. Ich halte nichts vom Konzept der Super bösen, welche die Strippen ziehen. Ob bei der Ankurbelung der chinesischen Wirtschaft oder der Zerstörung des Urwalds im Amazonas – beidenorts geht es nicht um das Böse, sondern um Gier und Dummheit. Ich glaube, die Menschen wissen über diese Mechanismen noch Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
nicht genug. Deshalb schreibe ich Bücher. Ich hoffe auf Einsicht. Darauf arbeite ich hin. Glauben Sie ernsthaft, dass der Animismus der heutigen rationalen Weltordnung etwas entgegenzustellen hat? Wenn wir davon ausgehen, dass die Natur bloss eine Ansammlung von Objekten ist, fehlt es uns auf grausame Weise an Lebenssinn. Wenn wir mit der Natur wieder in Verbindung treten wollen, bieten Schamanismus und Animismus gute Möglichkeiten. Immerhin fangen wir allmählich an zu verstehen, dass wir uns von der Natur abgekoppelt haben und dass das eines unserer grössten Probleme ist. Auch die west lichen Naturwissenschaften zeigen uns auf, wie eng das Schicksal aller Lebensformen – Menschen, Pflanzen, Tiere – miteinander verknüpft ist. Wir müssen uns der Natur wieder annähern. Aber ein Humanismus, der nur die menschliche Perspektive ins Zentrum der Welt stellt, wird das nicht hinkriegen. Warum nicht? Ich bin als Humanist im Sinne von Aufklärung und Vernunft erzogen und ausgebildet worden. Als mir die Ashaninka zum ersten Mal erzählten, dass für sie auch Pflanzen Personen sind, empfand ich Mitleid mit ihnen. Mittler weile denke ich anders: Wir verdanken dem Humanismus viele spektakuläre Errungenschaften, doch für die Natur waren die 300 Jahre Aufklärung und Vernunft ein Höllentrip. Wir werden Leute wohl bald nicht mehr auslachen, die Bäume umarmen. Schliesslich anerkennen sie die Bäume als Geschwister. Das ist gut möglich. Nur: Bäume zu um armen hat seine Grenzen. Es müsste darum gehen, dass wir die Bäume in unserem Bewusstsein umarmen und ein ganz neues Verständnis für die Natur entwickeln. Trotz immer grösserem Wissen hat es die moderne Gesellschaft bisher nicht geschafft, diese Denkweise zu integrieren. Das könnte sich aber bald ändern? Unsere Kultur ist heute so fortgeschritten, dass wir erkennen können, dass diese zer störerische Denkweise ihre Grenzen hat. Das konnte keine andere Kultur vor uns. Das ist eine Chance. Da eröffnet sich unerschlossenes Territorium. Früher war es fast undenkbar, dass wir auch nur ein Gespräch zu diesem Thema führen. Heute reden wir davon, dass es durchaus sinnvoll ist, Bäume zu umarmen. Und vielleicht sogar Grashalme!
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Die Wildlinge des Waldes
© B io sp hoto / Gui llaume
Eine Hommage an den Pilz.
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Pilze sind Wildnis in Reinkultur – sie lassen sich nicht züchten. Für das Ökosystem Wald, ja für das Leben auf dem Festland überhaupt sind sie aber unentbehrlich.
Von Mathias Plüss — Pilze sind ungewöhnliche Geschöpfe. In ihrer Sesshaftigkeit gleichen sie den Pflanzen, in ihrer Ernährungsweise den Tieren, in ihrer Allgegenwart den Bakterien. In Wahrheit gehören sie zu keiner dieser drei Gruppen, sondern bilden ein eigenes Reich. Pilze sind unberechenbare Wesen. Der Boden ist voll von ihnen – und auch die Luft: Mit jedem Atemzug atmen wir bis zu zehn Pilz sporen ein. Doch auf dem Waldboden herrscht manchmal, zum Leidwesen des Sammlers, monatelang Ebbe. Dann wieder erscheinen die Pilze plötzlich über Nacht und in Scharen. Wachstumsprognosen sind unmöglich. Wärme, Regen, Sonnenflecken, Mondphasen: Jeder Pilzler schwört auf seine eigene Vorhersagemethode – und fällt doch regelmässig auf die Nase. Darum kommen auch erfahrene Sammler manchmal mit leerem Korb zurück.
Menschheit». Tatsächlich hat es etwas Urzeitliches, wenn sich gewöhnliche Beamte oder Bankangestellte nach Feierabend in eine Art Jäger mit Körbchen verwandeln, sich ohne Rücksicht auf Verluste durch Tännchen und Gestrüpp schlagen, sich hurtig verstecken, wenn ein Konkurrent auftaucht, und in Jubelschreie aus brechen, wenn sie auf einen besonders stattlichen Steinpilz stossen. Vermutlich wird das Pilzesammeln seit Jahrtausenden, ja seit Jahrzehntausenden unverändert so betrieben. Wo sonst in unserer zivilisierten Welt können wir uns unseren Vorfahren noch so nahe fühlen?
Der eigentliche Pilz lebt unter der Erde Dass Pilze nur in der Wildnis spriessen, hängt mit ihrer besonderen Lebensweise zusammen. Etwa ein Drittel unserer Waldpilze, rund 2000 Arten, sind auf eine enge Symbiose mit Bäumen angewiesen. Dazu gehören viele «Pilzsucher sind die letzten Abenteurer der beliebtesten Speisepilze, etwa Steinpilz und Eierschwamm, aber auch giftige Arten wie der der Menschheit» Fliegenpilz und der Knollenblätterpilz. Für Pilze sind unzähmbare Gesellen. Während Pilze ist die Kooperation überlebenswichtig: der Mensch sonst längst alles, was auf Erden kreucht und fleucht, für seine Zwecke adaptiert Der Baum liefert ihnen den Zucker, den sie selber nicht herstellen können (darin ähneln sie hat, widersetzen sie sich hartnäckig jeglicher Domestizierung. Gewiss, es gibt die Zuchtcham- den Tieren). Darum nützt es nichts, bei sich im pignons, es gibt Austernpilze und Shiitake – aber Garten ein paar Pilzsporen zu verstreuen: Es bei den meisten anderen Arten sind Züchtungs- wird nichts wachsen. Wenn schon, müsste man versuche bisher kläglich gescheitert. Pilze lasgleich ein Stück Wald nach Hause tragen. sen sich nicht bändigen. Wer Pilze will, muss in Die Details der Zusammenarbeit zwischen den Wald. Pilz und Baum sind hochinteressant. Was wir Deswegen bezeichnet sie Peter Handke in gemeinhin als Pilz bezeichnen, ist nur der seinem «Versuch über den Pilznarren» auch Fruchtkörper, der dann und wann in die Höhe als «letzte Wildnis»: Im Reich der Pilze sei «noch spriesst – der eigentliche Pilz lebt unter der Erde ein Zipfel Wildnis zu entdecken», den es wo und bildet dort ein feines Fadengeflecht. Die anders längst nicht mehr gebe, «weder in Alaska Pilzfäden ummanteln oder durchdringen dabei die Wurzeln der Bäume – so kommen die beinoch sonst wo», und womöglich seien die Pilzden Lebewesen in Kontakt. sucher deshalb «die letzten Abenteurer der Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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«Auf einem einzigen Baumstamm hat man in Schweden 398 Pilzarten gefunden.»
Symbiose bedeutet Geben und Nehmen. Der Pilz bekommt vom Baum sein Futter – und gibt sehr viel zurück. Zum Beispiel Nährstoffe wie Stickstoff oder Phosphor, die er mit seinen Fäden noch in kleinsten Mengen aufstöbern und aufnehmen kann. Desgleichen Wasser, was es dem Baum ermöglicht, an Orten zu wachsen, die ihm sonst zu trocken wären. Überdies produzieren manche Pilze Frostschutzmittel und Antibiotika, von denen dann auch die Bäume profitieren. So haben etwa Forscher der ETH Zürich kürzlich in einem Wurzelpilz der Rottanne ein Gift entdeckt, das für Fadenwürmer tödlich ist. Der Pilz schützt damit nicht nur sich selber vor dem Parasiten, sondern auch den Baum. Die Leibwächterfunktion geht aber noch weiter: Der Pilz hält dem Baum auch giftige Schwermetalle wie Blei, Cadmium oder Quecksilber vom Leibe. Ihm selber machen diese nicht abbaubaren Stoffe erstaunlicherweise nichts aus – er reichert sie in seinen Fruchtkörpern an, was ungesunde Folgen für den Sammler haben kann. Ein besonderes Problem sind die Maronenröhrlinge, die nach Tschernobyl bevorzugt radioaktives Cäsium speicherten. Vor allem im Tessin liegen die Cäsiumgehalte dieser Pilze (und auch der pilzliebenden Wildschweine) teilweise heute noch über dem Grenzwert. Partnerschaft zwischen Baum und Pilz Eine zweite, ebenso grosse Gruppe von Pilzen lebt nicht symbiotisch mit Bäumen, sondern ernährt sich von organischem Material: Sie zersetzen Blätter, Nadeln und totes Holz und erhalten so den Nährstoffkreislauf. Zuchtpilze wie die Champignons gehören zu diesem Typus, aber noch sehr viele andere: Auf einem einzigen Baumstamm hat man in Schweden 398 Pilzarten gefunden! Gleichzeitig schaffen die Pilze durch den Abbauprozess Lebensraum für unzählige spezialisierte Insekten und Kleintiere. Damit diese Vielfalt erhalten bleibt, braucht es genügend Totholz – ein Problem im traditionell überaufgeräumten Schweizer Wald. Immerhin hat sich der Totholzanteil pro Quadratkilometer Wald in den letzten Jahren verdoppelt. Er liegt aber immer noch fünfmal tiefer als in einem Naturwald. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Pilze können ohne den Wald nicht leben. Könnte aber der Wald ohne Pilze existieren? Klar ist: Pilze erbringen ungemein wichtige Ökosystem-Dienstleistungen. Gleichwohl ist ein Wald ohne Totholzpilze denkbar. In den frühesten Wäldern der Erde gab es diese Pilzgattung noch nicht – mit der Folge, dass sich manche Baumstämme nicht zersetzten, sondern zu Kohle wurden. Viel wichtiger für das Ökosystem sind offenbar die Wurzelpilze. Die Spezialisten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bezeichnen sie als «lebensnotwendig» für die Waldbäume. Es spricht für sich, dass sage und schreibe 80 Prozent der Pflanzen der Welt (und ausnahmslos alle Bäume der Schweiz) in Symbiose mit einem Pilz leben: Ohne Not würden sie diese Partnerschaft bestimmt nicht eingehen. Fossilienfunde belegen, dass diese Form der Kooperation seit Urzeiten existiert. Womöglich machten die Pilze mit ihrer Fähigkeit, Nährstoffe anzuzapfen, die einst kargen Kontinente überhaupt erst bewohnbar. Dieser Meinung ist jedenfalls der grosse Biologe Edward O. Wilson. In seinem Buch «Der Wert der Vielfalt» schreibt er: «Ohne die Partnerschaft Pflanze-Pilz hätte die Besiedlung des Festlandes durch höhere Pflanzen und Tiere vor 450 bis 400 Millionen Jahren wahrscheinlich gar nicht stattgefunden.»
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Adrenalinschübe auf dem Kanapee Dschungel in HD: Unser Kolumnist auf Safari durch die TV-Kanäle.
Von Roland Falk — Drastik jeder Prägung drückte man mir aufs Auge, ein Sammelsurium des Abwegigsten, und in alles war die gleiche unterschwellige Botschaft verpackt: Pass auf, Mensch, die Welt ist tückisch, brutal und vernichtend in den paar Gegenden, die noch naturbelassen sind. Zwei Wochen lang sah ich mich auf Feldforschung vor der Glotze mit beisswütigen Schlangen, tückischen Haien und gigantischen Schwärmen von Killerbienen konfrontiert, einem Bestiarium des Schreckens, zu dem mir Kommentatoren jeden Negativ-Superlativ lieferten. Programmiert war unter anderem auch Semiwissenschaftliches über «FlussMonster», über Riesenwelse «mit mörderischem Ruf», in der eine Liste verdeutlichte, wie viele Leichenteile man durch die Jahrhunderte in den «oft als Menschenfresser dargestellten» Tieren gefunden haben will. Im Gruseldrama «They Nest» futterten Myriaden von afrikanischen Kakerlaken ganze Dorfbevölkerungen und im nur leicht seriöseren Dokfilm «Horror auf acht Beinen» erfuhr ich nicht viel mehr als dass die australische Sydney-Trichternetzspinne einem in 15 Minuten Garaus macht. Eltern, die ihre Kinder nur schon wegen Fuchsbandwürmern und Zecken nicht mehr ins Freie lassen, würden nach dieser geballten Ladung Tod und Verderbnis zusammenbrechen. Inszenierte Gefahren Der urbanisierte Mensch redet zwar von seinem «Stadtdschungel», aber wie die Natur wirklich sein kann, «davon hat er immer weniger Ahnung», sagt der deutsche Natursoziologe Rainer Brämer. Eine Mitschuld daran trägt für ihn durchaus das Fernsehen, welches «die Realität versimpelt und die Wahrnehmungsfähigkeit verkümmern lässt». Lange Zeit habe auf vielen Sendern das «Bambi-Syndrom» grassiert, das zu niedlichen bis kitschigen Betrachtungen von Pflanzen, Tieren und Landschaften führte, und heute setze man eben auf den schnellen Kick, auf brachiale Dramatik. «Eine differenzierte Wahrnehmung der Umwelt scheint es kaum mehr zu geben.» Nicht zuletzt deshalb, weil die Lust auf eigene Streifzüge abnimmt. «Im Convenience-Zeitalter muss alles bequem erfahrbar sein. Und mittlerweile lässt sich ja fast jedes Bedürfnis elektronisch abdecken.» Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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Die Frage ist bloss: Sind inszenierte Gefahren ein Bedürfnis? Ein Marginalsender wie DMax, der sich grossspurig «Factual Entertainment Channel for Men» nennt, scheint davon überzeugt zu sein. Die Macher lassen Bear Grylls, einst Mitglied einer britischen militärischen Spezialeinheit, wie irr und «Ausgesetzt in der Wildnis» in Alaska herumhecheln, wo er sich nach einer Lawine, mächtig Eisregen und einem Schneesturm mit Zitaten wie «Drei tödliche Gefahren habe ich schon überlebt» brüsten darf. Mitunter hält er sein blutig geschundenes Gesicht vor die Kamera und liefert den Merksatz: «In der Natur hat man nie alles unter Kon trolle.» Auf Pro7 zeigt man die Maschinen der «Ice Pilots» vorzugsweise in Blizzards und mit dem Hinweis: «Der schlimmste Alptraum wird fast zur Realität.» Und der Sender N24 versucht mit reisserischen Drehs wie «SOS! Todesangst auf hoher See» Wellen von archaischen Ängsten zu bewirken. Beim normalerweise dezenten Anbieter Arte schliesslich bringt ein Vulkan wie der Masaya in Nicaragua «immer Tod und Verwüstung», weil er «eine ungeheure Zerstörungskraft hat». Den Kindern die Natur näherbringen Überdrehte Action, als Naturkunde ausgegeben – das kennt man seit dem tolldreisten Australier Steve Irvin, der in der Dok-Reihe «The Crocodile Hunter» mit giftigen Ottern spielte, mit seinem Kind auf dem Arm absichtlich Krokodile in Rage brachte und schliesslich vom Stachel eines Mantas tödlich ins Herz getroffen wurde. Jedermann weiss seither, was einen umbringt in exotischer Natur, aber kaum ein Kind weiss umfassend, was in seiner Nähe kreucht und fleucht. Eine Organisation wie SchuB (Schule auf dem Bauernhof ) muss Knirpsen deshalb beibringen, dass Hühner kein Fell, sondern Federn haben, und der Natursoziologe Brämer stellt fest, dass Schüler die Frage nach einer typischen Entenfarbe erschreckend oft mit «Gelb» beantworten. Mitunter, weiss der Zürcher Ethologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim, haben selbst kluge Köpfe ein krudes Naturverständnis: «Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno etwa dachte, Volksstämme in der Wildnis müssten in ständiger Angst leben. Ich vermute aber, dass sein Bammel, in Frankfurt eine Strasse zu überqueren, viel grösser war.»
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Dreckfreie Energie Kletteraktivistinnen und -aktivisten von Greenpeace haben einen Kohlekran des Energiekonzerns ENEL bestiegen und fordern den ab Juli von Italien vertretenen EU-Ratspräsidenten in Brüssel auf, nicht weiter in unsichere Schmutzenergie, sondern in erneuerbare und saubere Energien zu investieren. Auf dem Banner steht: «Das Problem ist die Lösung: Wir haben die Wahl!» Ligurien, Italien, 25. Juni 2014
© F ran ces c o Al es i / G r een p eac e
Regenwaldfreundliche Produkte In Tigerkostüme gekleidet schliessen sich indonesische Greenpeace-Aktivisten und Freiwillige dem internatio nalen Aktionstag gegen die Abholzung des Regenwaldes an. Weltweit fordern Hunderte Aktivisten in 13 Ländern eine «Zero Deforestation»-Garantie von Procter & Gamble und dass sie ihre Produkte wie Head & Shoulders ohne Abholzung des Regenwaldes produzieren. Indionesien, Padang, 29. März 2014
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Gescheiterte Ölbohrungen Greenpeace-Aktivstinnen und Aktivisten besteigen die von Statoil betriebene, bislang nördlichste Bohrinsel der Welt. Sie demonstrieren gegen die Nähe zum Naturschutzgebiet der Bäreninsel. Zum Glück erwies sich die Quelle als nicht förderbar. Statoil plant aber in dieser Gegend zwei weitere Quellen anzubohren. Greenpeace hat beim norwegischen Umweltministerium eine Beschwerde gegen die Bohrungen eingereicht. Die Beschwerde wurde abgewiesen. Barentssee, Norwegen, 27. Mai 2014
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Japanisches Gericht stoppt AKW-Neustart
Kampagnen-News
Petition gegen Dreckstrom Die europäischen Strompreise sind so tief wie nie und gleichzeitig soll der Schweizer Strommarkt vollständig liberalisiert werden. Das kann nicht gut gehen: Billiger Dreckstrom aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken macht die Energiewende kaputt, weil nachhaltig produzierte Wasser-, Wind- und Sonnenenergie bei den aktuellen Dumpingpreisen nicht mithalten können. Die durch Dreckstrom verursachten Kosten für Umweltverschmutzung und Klimawandel trägt die Allgemeinheit. Greenpeace, Pro Solar und WWF haben deshalb eine Online-Petition gestartet. Die Forderung: Auf importierten und inländischen Dreckstrom soll eine Abgabe erhoben werden, um die ungedeckten Kosten auszugleichen. Als flankierende Massnahme zur Strommarktliberalisierung werden damit Unternehmen und Haushalte entlastet, die bereits heute sauberen Strom beziehen. Gleichzeitig wird damit die einheimische Produktion von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie gefördert. Petition online unterschreiben: dreckstrom.ch
Seit September 2013 stehen alle japanischen Atomreaktoren still. Offiziell, um technische Verbesserungen umzusetzen – die Energiekonzerne und die Regierung wollen die Reaktoren möglichst bald wieder hochfahren, auch gegen den Widerstand der Mehrheit der Bevölkerung. Ein Testfall in der Präfektur Fukui macht Hoffnung, dass sich Letztere durchsetzen könnte: Ein Gericht entschied zugunsten von 189 japanischen Bürgern, die gegen die Wiederinbetriebnahme von zwei Reaktoren des AKWs in Oi geklagt hatten. Begründung: Zu gefährlich!
Beluga-Tour beendet
Während zweier Monate hat das GreenpeaceSchiff Beluga II insgesamt fünfzehn Städte entlang des Rheins besucht. Das Motto der Tour war «Stop Risking Europe». Rund 7000 Personen besuchten das Schiff und die Ausstellung über die Gefahren der Atomkraft. Zum Schluss wurde eine Petition mit 10 000 Unterschriften an den französischen Präsidenten Hollande übergeben, der endlich ernst machen soll mit der Abschaltung der Uraltreaktoren Fessenheim und Cattenom (wo es kürzlich zu einem Brand kam). Die Forderung ging aber auch an Deutschland und an die EU, um Druck auf Frankreich zu erzeugen – schliesslich machen die Folgen eines Reaktorunfalls auch nicht Halt vor Landesgrenzen. Anfang Mai war die Beluga II auch für eine Woche in Basel stationiert – mit grossem Erfolg. Eine kleine Gruppe von Greenpeace-Freiwilligen war dem Mitte Juni haben isländische Walfänger den ersten Schiff während acht Tagen mit Kanus auf der Aare Finnwal der Saison getötet. Island erlaubt dieses entgegengefahren, entlang der fünf Schweizer Jahr, insgesamt 154 Finnwale zu erlegen. Das Wal- Atomreaktoren. fleisch wird fast komplett nach Japan exportiert. Die Waljagd wird von wenigen Fischerei-Grossbetrieben wie HB Grandi kontrolliert, die starken Einfluss auf die isländische Regierung nehmen, damit diese die Artenschutzkonventionen ignoriert. Gleichzeitig boomt in Island der Naturtourismus, wobei die Walbeobachtung einen wichtigen Bestandteil des Angebots bildet. Greenpeace macht auf diesen eklatanten Widerspruch aufmerksam und fordert die isländische Regierung auf, die Jagd auf Wale endlich abzublasen.
Start der Waljagdsaison in Island
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Die Arctic Sunrise ist frei © Ob er hä nsl i AG H eiz u ng en
Nach der Crew kommt nun auch das Schiff frei. Die Arctic Sunrise wurde seit September letztes Jahres von den russischen Behörden in Murmansk festgehalten, nachdem sie vom Geheimdienst bei einer Aktion in internationalen Gewässern gekapert worden war. Der Schritt kommt überraschend, da die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft zur Greenpeace-Aktion gegen die GazpromBohrinsel Prirazlomnaya weiterlaufen. Anfang Mai wurde zum ersten Mal Öl von dort zum Hafen von Rotterdam gebracht, wo der Tanker von achtzig Greenpeace-Aktivisten empfangen wurde. Über hundert Jugendliche und LehrerInnen aus sieben Oberstufenschulen beteiligten sich Anfang Juni an der zweiten Jugendsolarwoche im Toggenburg. Greenpeace arbeitete dabei mit der Organisation Energietal Toggenburg zusammen, um ein komplettes Energiewende-Paket zu bieten: Vom Bau einer Photovoltaikanlage und der Vermittlung von Energiewissen über die Erfassung des Solarpotenzials von fast tausend Dachflächen (solarmacher.ch) bis hin zum Essen aus dem Solarkocher. © Li m Tae Ho o n / G r een peac e
Jugendsolarwoche im Toggenburg
Erfolg: Adidas entgiftet Aufgrund der Detox-Kampagne hatte Adidas bereits vor drei Jahren versprochen, seine Kleider und Schuhe giftfrei zu produzieren. Doch dann passierte nichts mehr. Ein neuer GreenpeaceReport wies pünktlich zur Fussball-Weltmeisterschaft nach, dass die aktuellen Kollektionen von Adidas, Nike und Puma weiterhin einen gesundheitsgefährdendes Giftcocktail enthalten. Deshalb besuchten AktivistInnen Adidas-Shops in über dreissig Städten und forderten, endlich vorwärtszumachen mit der Entgiftung. Mit Erfolg: Als erster der drei grossen Sportartikelmarken hat Adidas nun einen detaillierten Aktionsplan vorgelegt, wie die gesamte Produktion bis 2020 giftfrei werden soll. Bereits Ende 2014 will Adidas die Abwasserdaten von 99 Prozent aller Lieferanten in China veröffentlichen. «Ein klares Signal: Globale Firmen wie Adidas haben die Macht und die Verantwortung, gefährliche Gifte aus der Produktion zu kicken», meint Toxics-Kampaignerin Mirjam Kopp dazu. «Jetzt ist es Zeit für Nike und Puma, nachzuziehen.»
Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
Mühleberg-Abstimmung verloren Die Berner Atomlobby mit der BKW im Zentrum hat sich im intensiven Abstimmungskampf um das AKW Mühleberg durchgesetzt. Am 18. Mai haben 63 Prozent der Berner StimmbürgerInnen die von einer Gruppe Privatpersonen eingereichte Initiative «Mühleberg vom Netz» abgelehnt. Nur in den Städten Bern und Biel und drei jurassischen Gemeinden gab es ein Ja. Die BKW hatte eine teure Werbekampagne gefahren und mitten im Abstimmungskampf angekündigt, Mühleberg bis 2019 freiwillig vom Netz zu nehmen. Bis dahin muss sie allerdings teure Nachrüstungen vornehmen und beweisen, dass der Reaktor «sicher» ist – was ihr schwerfallen dürfte. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.
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Inserat kommt am 4. August
Deine Zeit ist gekommen: Schau dich um nach einem ganz neuen Lebensgefühl. Sag «Ja, ich will» und lebe künftig mit sauberer Energie in deinen eigenen vier Wänden. Dieser Schritt ist mit Hilfe unserer neuen Stromvergleichsseite ganz einfach. Und Naturstrom gibt es bereits ab 5 Franken mehr pro Monat für einen 2-Personen-Haushalt. Darum: Trau dich hier und jetzt, wechsle auf Naturstrom: www.trau-dich.ch
Klebe mich auf deinen Briefkasten.
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Filmfestival
Filme für die Erde
Pipeline Wählen Sie aus acht Fotoprojekten Ihren Favoriten aus und geben Sie Ihre Stimme ab. Das Projekt mit den meisten Stimmen gewinnt den Publikumspreis von 8000 Euro. Entscheiden Sie mit, welches Fotoprojekt umgesetzt und von Greenpeace finanziert wird. Zusätzlich gibt es zwei Jurypreise von je 10 000 Euro. Die Jurypreise werden in GEO publiziert, der Publikumspreis erscheint im Greenpeace Magazin. Sie bestimmen, wer gewinnt! www.photo-award.org
Was so alles in ein Jahr passt! Der Sommer 2014 ist gerade auf dem höhepunkt und Greenpeace empfiehlt seinen – allerdings im Juni erschienenen – Jahresbericht 2013. Das wäre etwas freudlos, ginge es nur um Zahlen und Diagramme. aber unser Multimedia-Report bietet Gelegenheit, all das, was Ihre Umweltorganisation ausmacht, noch einmal hautnah zu erleben. Schon wahnsinnig, was so alles in ein Greenpeace-Jahr passt! 2013 war allerdings auch besonders denkwürdig. Wer möchte nicht noch einmal mitfiebern mit den arctic 30? Sie werden sehen: Das ist nur die Spitze des Eisbergs. 2013 hatte es an vielen Fronten in sich. www.greenpeace.ch/jahresbericht
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© Br i an cai SS i e / g r een peace
Kampagnen-news/In Kürze
Die internationale Jury (Fotostiftung Schweiz, Deichtorhallen hamburg, GEO und Greenpeace) nominiert acht FotografInnen für den Greenpeace Photo award 2014: Manuel Bauer ( Ch ) Marco Frauchiger ( Ch ) Miriam Künzli ( Ch ) yann Mingard ( Ch ) anne Gabriel-Jürgens (D) Dmitrij leltschuk (D) Kai löffelbein (D) Uwe h. Martin (D)
Am 19. September findet eine weitere Folge des Festivals «Filme für die Erde» statt. Der Hauptanlass steigt in Winterthur, mit zeitgleichen Vorführungen in 13 weiteren Städten der Deutschschweiz von Baden bis Zug. Das Programm verspricht einmal mehr eine Auswahl von eindrücklichen Umweltfilmen der letzten Zeit. Für Schulklassen gibt es spezielle Vorstellungen. Reservationen und weitere Informationen auf www.filmefürdieerde.org
Neue Ölpipeline durch den Great Bear Forest geplant Die kanadischen Behörden haben den Bau einer 1200 Kilometer langen Pipeline bewilligt, um das Öl aus dem Teersandabbau in der Provinz Alberta an die PazifikKüste zu transportieren. Über die Northern-Gateway-Pipeline sollen vom Hafen in Kitimat aus mehr als eine Halbe Million Barrel Öl vornehmlich nach Asien exportiert werden. Die geplante Pipeline läuft durch indigene Territorien und Naturschutzgebiete und gefährdet auch den Great Bear Forest, für dessen Schutz sich Greenpeace eingesetzt hat. Ein ähnliches Projekt, die Keystone XL-Pipeline, welche Öl von Kanada an den Golf von Mexiko leiten soll, ist aufgrund starker Proteste von Indigenen und UmweltschützerInnen blockiert.
LL A V I T S FE
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Ber i e b n e g i in Rub
ENERGIEVERSORGUNG
KLIMA SCHONT
Die Zukunft ist 100 % erneuerbar! Wir nehmen die Energiewende selber in die Hand! Mit Workshops, gemeinsamer Menschenbild-Aktion und Konzerten unter anderen von Pullup Orchestra mit Feats von Greis, Steffe la Cheffe und Knackeboul. Mehr Infos auf:
www.energiewendefestival.ch .2014 9 . 7 1 s i b 4.9. 13.9. SAMSTAG D! NBIL MENSCHE
Studie
Bauminventur im Amazonasbecken Das renommierte Wissenschaftsmagazin «Science» hat eine umfassende Studie über die Vielfalt der Baumarten im gesamten Amazonasgebiet veröffentlicht. Mehr als 100 ForscherInnen erfassten rund 16 000 verschiedene Arten. Während 230 davon sehr häufig vorkommen, gelten mehr als 10 000 Arten als selten, kaum bekannt oder gar vom Aussterben bedroht. Von vielen Arten gebe es weniger als 1000 Exemplare. Es sei deshalb zu befürchten, dass auch Arten ausgerottet werden, die noch nicht einmal erfasst wurden.
Buchtipp
Filmtipp
Raubzug auf den Regenwald
THULE – TUVALU
In Kürze
Unter der Herrschaft des Potentaten Taib Mahmud wurden 90 Prozent des Regenwaldes in Sarawak abgeholzt. Er und sein Clan haben damit Milliarden verdient und rund um den Globus investiert. Lukas Straumann nahm die Spur der malaysischen Holzmafia auf und deckt auf, wie Regierungen, Konzerne und Banken von Umweltaktivismus der illegalen Abholzung profitieren. Das Buch basiert auf zahlreichen Gesprächen mit Whistleblowern, AktivistInnen und Indigenen. Straumann führt damit die Arbeit In einer Studie von Global Witness von Bruno Manser weiter, der wird erstmals versucht, die Morde sich bis zu seinem ungeklärten an UmweltaktivistInnen zu erfas- Verschwinden für den Schutz diesen. In den 35 ausgewerteten Län- ses einmaligen Lebensraums dern waren es während der letzten eingesetzt hatte. Lukas Straumann, Salis Verlag, zehn Jahre 908 Morde. Wegen Zürich 2014, gebunden, 384 Seiten, der schlechten Datenlage bleibt die Dunkelziffer hoch. Führend im 15,5 × 22 cm, CHF 34.80 Mord-Ranking ist die Amazonasregion, meist im Zusammenhang mit illegaler Abholzung. Allein in Brasilien sind es 448 Fälle. Besonders erschreckend ist auch die Strafl osigkeit: Von allen gezählten Morden wurde nur in zehn Fällen ein Täter verurteilt.
Umweltaktivisten leben gefährlich
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Ein Film von Matthias von Gunten Der Klimawandel frisst das ewige Eis in Thule in Grönland und die palmbewachsenen Strände des Südseestaates Tuvalu. Ein persönlicher Film über den Alltag der Menschen, deren Lebensraum rapide schwindet – während die Welt Emissionsrechte verhandelt. «Ich möchte, dass die Kinder weggehen und ihr Leben retten können. Aber ich, ich möchte hier sterben.» Darüber sind sich viele Erwachsene in Thule und Tuvalu – in Grönland und in der Südsee – einig. Ihre Hundeschlitten brechen durch die schwindenden Eisdecken, weil die Pole schmelzen! Die Kinder in Tuvalu planschen zwischen schwimmenden Palmresten, da der Meeresspiegel bereits um zwei Meter gestiegen ist – weil die Pole schmelzen! Hier ist der Klimawandel kein Problem, über das man mit Emissionsrechten verhandeln kann, sondern eine Realität, die immer mehr Lebensraum verschlingt. Vielleicht sind es die letzten stillen Bilder, die wir vom Leben im scheinbar ewigen Eis und auf dem idyllischen Inselstaat des Pazifiks erleben können. Ab Ende Oktober im Kino
Zu gewinnen: 10 Rainbow Warrior Einkaufstaschen
Die Taschen sind aus 100% Biobaumwolle und eignen sich hervorragend zum Einkaufen oder als stylisches Accessoire. Senden Sie das Lösungswort bis am 30.9.2014 per E-Mail an redaktion@greenpeace.ch oder per Post an Greenpeace Schweiz, Redaktion Magazin, Stichwort Ökorätsel, Badenerstrasse 171, Postfach 9320, 8036 Zürich. Das Datum des Poststempels resp. des E-Mails ist massgebend. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Grüne In welcher Region möchte der norwe- Partei der gische Konzern Statoil Schweiz (Abk.) nach Öl bohren?
eh. Bezirk anderes Schlüssel im HinterWort für: Fest (englisch) land von Lausanne
Internetbereich, der in keiner Suchmaschine verzeichnet ist Philosoph Ort in Grau5 bünden
vorlaut sich einmischend, fragend
Pass im Kt. Graubünden Behälter für Obst röm. Papstresidenz
olivgrüner Papagei in Neuseeland
indigenes Volk im Osten von Peru
Nebenfluss der Donau Speisefisch aus d. Meer
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ungebraucht Vergrösserungsglas
Rätsel
Kantonsautokz. Teil des Visiers
gefährliche Filmszene (englisch)
biblischer Paradiesgarten
griech. Vorsilbe f.: gegen
1
Sache (lat.) körperl. Reizleitung
Insel der Inneren Hebriden
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Gartenblume
linker Donzufluss
eh. Fadenstärke (Abk.)
Nukleinsäure (engl.)
Westeuropäer
engl. Komponist †
uneben, holprig Klangfarbe der Stimme
Platz, Stelle
6 Fluss im Engadin
eine Gruppe von Wölfen
frz. Chansonnette † schneller Zug (Abk.)
Bezirk im Kanton Wallis Stadt im Welches Kt. Bern Flaggschiff ausser Bevon trieb (Abk.) Greenpeace ist wieder in Freiheit?
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7. griech. Buchstabe oriental. Kappe
Strom in Zentralasien
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ich (latein.)
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Greifvogel
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Einheit der Stoffmenge
röm. Zahlzeichen für 100
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Monat englisches Wort für: Tag
organi- Blume mit Stacheln sche am StickstoffStängel base
rund (Abk.)
9 Vortragender
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Ort westlich von Chur nicht schlecht
durch Zer- englisches setzung Längenmass entstand. eins Schlamm (englisch)
Teil des Gartens
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dt. Jugendschriftsteller,† 1912 (Karl) Kapitän in einem Roman von Jules Verne
an jener Stelle
Armenviertel in Südafrika
aufrollbares Sonnendach
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Gedichtform
Stadt am Genfersee
anderes Wort für: Lawine
Gattin des Ägir
Glied am Fuss
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© REUTER S / K ei th Bedf o rd
Die Tiger des Künstlers Cai Guo-Qiang verkörpern die Intensität des tierischen Lebens. Das Wilde, das von Ihnen ausgeht, enfesselt die zerstörerische Kraft des Menschen: Das Natürliche wird gejagt und getötet. Die Installation ist ein Symbol für das Leiden der Tierwelt auf unserer Erde. Guggenheim Museum: Installation «Inopportune: Phase Two», New York, 21 Februar 2008. Das Stück ist Teil der Ausstellung «I Want to Believe».
AZB 8031 Zürich
Neue App für «papierlose» und mobile Leser Unser Greenpeace-Magazin passt zwar in jede Handtasche, aber immer mehr Leserinnen und Leser wünschen sich unsere aufregenden Storys, Hintergründe, Essays und Interviews auf einem mobilen Lesegerät. Nun gibt es neu die Greenpeace-App für Tablet und Smartphone. Statt dreimal im Jahr auf Papier (oder zusätzlich dazu) erreichen Sie unsere Inhalte im Wochentakt – angereichert mit Fotos, Videos und Links. Dazu bauen wir kontinuierlich an einem Online-Ratgeber zu Umwelt fragen und liefern aktuelle Nachrichten aus der Greenpeace-Welt. Die Greenpeace-App ist gemacht für Leute, die gerne lesen und sich in verschiedene Themen rund um Natur und Ökologie vertiefen möchten.
Die App mit dem Namen Greenpeace Schweiz ist ab sofort für iOS im App Store gratis erhältlich. Magazin Greenpeace Nr. 3 — 2014
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