Maehrle, Blaue Wunder

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Blaue Wunder Marlis Maehrle

Techniken und Projekte mit Cyanotypie



Marlis Maehrle

Blaue Wunder Techniken und Projekte mit Cyanotypie

Haupt Verlag



Inhalt Blaue Wunder … . . . . . 7 Eine kurze Geschichte der Cyanotypie . . . . . 8 KAPITEL 1 Anleitung für die klassische Cyanotypie . . . . . 15 KAPITEL 2 Experimentierphase . . . . . 29 KAPITEL 3 Fotogramme aus Licht und Schatten . . . . . 45 KAPITEL 4 Fotogramme mit einer Glasplatte belichten . . . . . 69 KAPITEL 5 Digitale Negative – und Positive . . . . . 87 KAPITEL 6 Cyanotypie auf anderen Materialien . . . . . 99 KAPITEL 7 Weiterverarbeitung fertiger Cyanotypien . . . . . 113 Letzte Tipps … . . . . . 124 GALERIE . . . . . 127 Bezugsquellen . . . . . 158 Literatur und Inspiration . . . . . 159



Blaue Wunder – oder Cyanotypie, eine historische Technik, die noch heute fasziniert

Vor mehr als 20 Jahren hörte ich im Vorbei-

Dieses Buch ist somit einer »zauberhaften«

gehen eine Frau zu ihrer Begleiterin sagen:

Technik gewidmet, mit bewusster Beschrän-

»Oh, if it’s blue, it must be beautiful.«

kung auf das Einfache daran, denn häufig

(Wenn es blau ist, muss es schön sein.) Ja, genau!

darf die Cyanotypie aufgrund dieses leichten Zugangs nicht

Und in demselben Jahr, auf derselben Reise bekam ich eine

für sich alleine gelten, sondern wird zusätzlich noch mit

kleine Schachtel geschenkt, die zwei Päckchen Eisensalze

den angeseheneren, komplizierteren (und auch chemielas-

und eine Anleitung für Cyanotypie enthielt. Seitdem habe

tigeren) historischen Verfahren kombiniert. Hier aber darf

ich mit zunehmender Begeisterung »Lichtbilder« angefer-

das blaue Wunder die Bühne ganz für sich allein haben.

tigt, die ich gerne als blaue Wunder betrachte. Denn beginnend mit ganz einfachen Fotogrammen bis zur

Und auf einmal liegt die Cyanotypie in der Luft!

Verwendung von Negativen oder Schichtungen erlebt man

Als ich am Exposé für dieses Buch schrieb, war ich noch be-

beim Belichten und Entwickeln der Cyanotypien immer

sorgt, dass die notwendigen Komponenten, die es früher

wieder stimmungsvolle Überraschungen – oder auch ver-

in jeder Apotheke gab, immer schwieriger zu bekommen

blüffende Effekte. Allein das »Kippen« ins Negativ beim

sind. Inzwischen gibt es jedoch neue Bezugsquellen – und

Entwickeln des Bildes hat einen Zauber, den ich sonst nur

die Cyanotypie genießt plötzlich auch weltweit mehr Auf-

vom Papierschöpfen kenne: das Wunder der Blattbildung

merksamkeit. Seit 2015 gibt es den »World Cyanotype

auf dem Sieb.

Day« am letzten Samstag im September, und 2018 wurde

Mit der Cyanotypie entstehen Bilder, die aus einer anderen

die Cyanotypie in die UNESCO-Liste der Immateriellen

Welt zu kommen scheinen und manchmal an die Tiefsee

Kulturgüter aufgenommen. Inzwischen sind sogar zwei

oder das Weltall erinnern. Je nach Papiersorte, Auftrag der

Kinderbücher erschienen, in denen die Cyanotypie vor-

lichtempfindlichen Lösung oder Belichtungszeit entsteht

kommt (siehe die Literaturtipps auf Seite 159).

von Himmelblau über beinahe Türkis bis zu leuchtendem

Ich wünsche viel Entdecker- und Experimentierfreude mit

Ultramarin- oder tiefem Nachtblau die ganze Palette der

den Anregungen aus diesem Buch und hoffe, dass darin die

»Farbe der Ferne, Sehnsucht und Freiheit«.

besondere Faszination der »Sun Prints« spürbar wird.

Und das Schönste daran: Nicht nur, dass man ganz einfach im Garten mit der Sonne belichten kann. Die Cyanotypie

Marlis Maehrle

ist auch die einzige historische fotografische Technik, für die man keine Kamera oder Dunkelkammer braucht und bei der nur mit Wasser entwickelt und fixiert wird.

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Eine kurze Geschichte der Cyanotypie

Die Cyanotypie (auch Eisenblaudruck, Sunprint, Shadowgraph, Blueprint) ist eines der ältesten fotografischen Verfahren, entstanden im Jahr 1842, als der britische Universalgelehrte (Astronom, Chemiker, Mathematiker, Botaniker und Erfinder) Sir John Herschel die Lichtempfindlichkeit von Eisensalzen entdeckte.

Sir John Herschel, 1867 fotografiert von der Fotopionierin Julia Margaret Cameron

Eine Cyanotypie entsteht nicht mit einer Kamera, sondern

Dagegen erlebte die Cyanotypie ab den 1870er-Jahren bis

als Kontaktkopie: entweder als Fotogramm, indem opake

etwa 1950 weltweit ihre größte Verbreitung als Vervielfälti-

oder durchscheinende Gegenstände auf das sensibilisierte

gungsmöglichkeit für Architekturpläne und technische

Papier gelegt und samt ihren Schatten als Negativ abgebil-

Konstruktionszeichnungen. Bei diesem Negativverfahren

det werden. Oder von einem aufgelegten, durchscheinenden

erscheinen die auf Transparentpapier gezeichneten schwar-

Negativ, das 1:1 als ein blau-weißes Positiv wiedergegeben

zen Linien in der »Kopie« in Weiß auf blauem Grund. Nach

wird. Diese Art »handgemachter« Fotografie hat eine ganz

der ursprünglichen Belichtung mit Sonnenlicht wurden

besondere Ausstrahlung – zumindest in unserer Zeit.

bereits um 1895 elektrische Belichtungsapparate eingeführt.

Damals wurde der intensive Blauton der Bilder jedoch für

Und heute noch steht der Begriff »Blaupause« für Bauplan,

die (üblicherweise bräunlich getönten) Fotografien von

Konstruktionszeichnung, Modellvorschlag – auch im

Porträts und Landschaften als wenig geeignet angesehen.

übertragenen Sinne.

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Blaupause des Konstruktionsplans eines Sportwagens von Bentley aus dem Jahr 1930

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Eine kurze Geschichte der Cyanotypie

Seiten aus Anna Atkins’ Buch mit Fotogrammen von Algen: »Photographs of British Algae – Cyanotype Impressions«

Dass die im 19. Jahrhundert als fotografische Kunstform so sehr unterschätzte (und ignorierte) Cyanotypie nicht in Vergessenheit geriet, verdanken wir Anna Atkins. 1799 als Anna Children geboren, führte sie – für eine Frau im 19. Jahrhundert – ein durchaus ungewöhnliches Leben. Da ihre Mutter Hester im Alter von 23 Jahren nur wenige Monate nach Annas Geburt starb, wuchs Anna als einziges Kind in enger Beziehung zu ihrem Vater John Children auf, einem angesehenen Chemiker und Biologen. Im Gegensatz zu der zur damaligen Zeit einem Mädchen zugedachten Erziehung förderte John Children Annas wissenschaftliche Ausbildung. Sie erforschten und studierten gemeinsam Pflanzen, Insekten, Algen, Physik, Latein … – und mit 20 Jahren war Anna eine ausgebildete Botanikerin. Sie sammelte und zeichnete Pflanzen aus aller Welt und legte Herbarien an. Aufgrund ihrer zeichnerischen Begabung wurde sie zur Mitarbeiterin an dem großen Buchprojekt »Lamarck’s Genera of Shells«, das der Vater aus dem Französischen übersetzte und für das die 24-jährige Anna mehr als 250 detaillierte Zeichnungen von Muscheln anfertigte, die als Vorlagen für die Gravur der Druckplatten dienten. 1825 heiratete Anna John Atkins, der ihre wissenschaftlichen Interessen unterstützte und – ebenso wie ihr Vater – mit dem Fotopionier William Henry Fox Talbot befreundet war. Talbot experimentierte ab 1835 mit Papier, das er mit verschiedenen lichtempfindlichen Chemikalien bestrich, »um Bilder festzuhalten«.

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Anna Atkins

Anna Atkins im Alter von 21 Jahren. Vermutlich handelt es sich bei dieser Zeichnung um ein Selbstporträt.

Kurz nach der Daguerrotypie entstand auf diese Weise ein neues fotografisches Verfahren, mit Negativ und Positiv. Der Kreis gegenseitiger Inspiration schloss sich durch die Freundschaft Talbots mit John Herschel. Denn dieser entwickelte die Fixierung, die den Abschluss des fotografischen Prozesses ermöglichte und das Verblassen der Bilder verhinderte. Anna Atkins wurde 1839 in die Royal Botanic Society in London aufgenommen. 1841 bestellte ihr Vater eine Kamera für sie, nachdem Talbot in der »Royal Society of London (for improving Natural Knowledge)« über seine fotografischen Experimente berichtet hatte. Anna und ihr inzwischen pensionierter Vater beschäftigten sich voller Begeisterung mit der Fotografie – Anna Atkins und Constance Talbot gingen als die ersten Fotografinnen in die Geschichte ein. Der Austausch unter den viktorianischen Wissenschaftlern

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Eine kurze Geschichte der Cyanotypie

Mit der Cyanotypie konnten gepresste Pflanzen nun sehr einfach mithilfe einer Glasplatte als Kontaktkopie reproduziert werden. Feinste Einzelheiten waren in Originalgröße sichtbar und auch durchscheinende Pflanzenteile wurden verblüffend natürlich abgebildet. 1843 war Annas erstes handgemachtes Buch »Photographs of British Algae – Cyanotype Impressions« mit etwa 400 ganzseitigen Abbildungen fertig. Und es folgten weitere, um in mehreren Bänden die komplette Sammlung abzubilden. Über zehn Jahre lang belichtete Anna Atkins mehr als 2000 Fotogramme (und das nur an englischen Sonnentagen!). Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1852 arbeitete sie mit ihrer Freundin Anne Dixon zusammen an neuen Cyanotypien: 1853 erschien »Cyanotypes of British and Foreign Ferns«, 1854 »Cyanotypes of British and Foreign Flowering Plants and Ferns«. Vor allem die Farne und Mohnblumen aus diesen Büchern sind weltberühmt geworden. Hätten die Cyanotypien von Anna Atkins nur rein wissenschaftlichen Wert, wären sie vermutlich heute nicht mehr so bekannt und geschätzt. Aber die ganz bewusst gestalteten Papaver Orientale – aus »British and Foreign Flowering Plants«

Seiten ergeben in ihrer Vielfalt ein wunderbar poetisches

von 1854, Anne Dixon gewidmet

Bild der Pflanzenwelt – eine Magie, zu der die Farbe Blau nicht wenig beiträgt.

war intensiv – und so erfuhren Anna und ihr Vater im Jahr 1842 auch sehr schnell von der Cyanotypie, die ihr experimentierfreudiger Freund John Herschel soeben erfunden

Schon ab 1870 bis etwa 1930 gab es fertig sensibilisiertes

hatte. Das Besondere an diesem Verfahren war, dass die

Papier für Fotoamateure zu kaufen, besonders beliebt wa-

Cyanotypie nur mit Wasser entwickelt und fixiert wurde,

ren Postkarten zum Selbstbelichten.

aber trotzdem lichtecht blieb. Herschel sah dieses einfache

Für künstlerische und spielerische Zwecke wurde die

Verfahren als hauptsächlich dafür geeignet an, seine Notizen

Cyanotypie dann wieder in neuerer Zeit eingesetzt: In der

zu vervielfältigen und als »Fotokopien« an befreundete

englischsprachigen Welt entstand in den 1980er-Jahren die

Forscher schicken zu können.

unter dem Begriff »Alternative Photography« zusammen-

Für Anna Atkins jedoch eröffneten sich mit Herschels

gefasste Bewegung, die nicht silberbasierte historische

Entdeckung ganz neue Möglichkeiten, um ihre Sammlungen

Verfahren wie Bromöldruck, Salzdruck, Platindruck etc.

und Forschungen anderen Wissenschaftlern zugänglich zu

mit neuer Technologie (heute zum Beispiel der digitalen

machen, denn bis zu diesem Zeitpunkt konnten Herbarien

Erstellung von Negativen) verknüpfte.

nicht vervielfältigt werden. Allein Anna Atkins’ Sammlung

Von allen diesen sogenannten fotografischen Edeldruck-

von Algen umfasste mehr als 1500 Spezies – sie alle detail-

verfahren ist die Cyanotypie am einfachsten anzuwenden

liert zu zeichnen wäre niemals zu schaffen gewesen.

und die verwendeten Chemikalien sind am harmlosesten.

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Kapitel

2

Experimentierphase

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2 .... Experimentierphase

Für den Einstieg in die Welt der Cyanotypie ist es hilfreich, sich eine Experimentierphase zu gönnen, in der man furchtlos auch abwegig erscheinende Möglichkeiten und Materialien auf einfache Weise testet, ohne schon in diesem Stadium ein durchgestaltetes Meisterwerk hervorbringen zu wollen. Diese Spielwiese erlaubt ein ungezwungenes Vorbereiten und Belichten, wobei eine abenteuerlustige Auswahl an Motiven dazu beiträgt, die eigenen Vorlieben zu erforschen und neue Themen zu entdecken. Beim Ausprobieren sollte man nicht sparsam sein, sondern viele kleinere Papier- und Kartonstücke zum Belichten vorbereiten. Mein Lieblingsmaß sind dabei Streifen von ca. 21 x 10 cm, von denen man sich drei Stück aus einem DIN-A4-Blatt zuschneiden kann, falls man keine Reststücke zur Verfügung hat.

Licht und Schatten Man braucht ein bisschen Erfahrung und Vorstellungskraft, um zu erahnen, wie die Dinge (und deren Schatten) auf einem Blatt Papier abgebildet werden, wenn das Licht darauffällt. Deshalb gibt es in diesem Kapitel nicht nur fertige Cyanotypien zu sehen, sondern vor allem Abbildungen, die das Vorher und Nachher zeigen – und manchmal auch das Stadium dazwischen, wie in der Abbildung rechts. Das ist die magische Phase nach der Belichtung und vor dem Wässern, bei dem das Bild dann ins Negativ »kippt«. Das Beispiel auf dieser Seite zeigt, dass das, was man sieht, wenn man senkrecht von oben auf das Papier mit den aufgelegten Objekten schaut, ein durch die (je nach Tageszeit mehr oder weniger) schräge Sonneneinstrahlung beeinflusstes Abbild hinterlässt. Denn das mit der lichtempfindlichen Lösung sensibilisierte Papier reagiert auf die Schatten der Gläser genauso stark wie auf die Auflageflächen der Gläser auf dem Papier. Deshalb sollte man das Arrangement auf seiner Unterlage so lange drehen, bis einem die Richtung des Schattenfalls passend erscheint.

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Papierqualität und Farbe

Ganz klassisch laden vor allem Pflanzen dazu ein, als Moti-

durchaus in der Lage, Licht abzuhalten, sodass die Samen

ve für Cyanotypien verwendet zu werden. Sie sollten dazu

am Grashalm verschiedene Blau- und Weißtöne erzielen,

möglichst flach (oder gepresst) und vor allem durchschei-

die Eichenblätter aber vollständig weiß (= negativ) abgebil-

nend sein. Denn wie man in der Abbildung oben sieht,

det werden. Das ergibt eine abstrakte Wirkung, die nicht

sind auch sehr dünn und brüchig wirkende Herbstblätter

immer erwünscht ist.

Papierqualität und Farbe Zur Erforschung des Belichtungsverhaltens der Dinge gehört auch das Testen des Materials, auf das belichtet wird. Dazu kann man möglichst viele Papiersorten ausprobieren, sie müssen jedoch dafür geeignet erscheinen, eine Wässerung von ca. 10 Minuten gut zu überstehen. Weiche und dünne Papiere scheiden damit meistens schon

Hochweißes Papier, das zu weich war und dadurch beim Wässern Risse bekam

aus. Aquarellkartons sollten dafür grundsätzlich geeignet sein. Es gibt aber auch weiche Qualitäten, die trotzdem beim Wässern leicht Risse bekommen oder die Lösung zu stark aufsaugen, was eine längere Belichtungszeit erfordert. Manche Zeichenkartons ab 150 g/m2 sind dagegen erstaunlich gut geeignet. Und jedes Papier muss individuell getestet werden, denn es gibt immer wieder erstaunliche Unterschiede, was die notwendige Belichtungszeit und den Kontrast der Abbildungen angeht. Die Färbung des Papiers spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Bei hochweißem Papier (siehe Abb. rechts) erscheint der Blauton einer Cyanotypie völlig anders als bei warmweißem oder naturfarbenem Papier. Das Blau der historischen Cyanotypien zeigt zum Beispiel den leichten Gelbstich der damals hergestellten Papiere.

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2 .... Experimentierphase

Auftrag und Lichtdurchlässigkeit Ein weiteres Experimentierfeld ist ein unterschiedlich starker Auftrag der lichtempfindlichen Lösung mit dem Pinsel – je nach persönlichen Vorlieben eher zart schwebend oder wild und wolkig, zu einem tiefdunklen Blau werdend. Wie die Schatten lässt sich auch die Lichtdurchlässigkeit verschiedener Materialien, die als Objekte für Fotogramme verwendet werden, nicht so einfach vorhersagen und es gibt vor allem bei Pflanzen immer wieder Überraschungen.

Die geheimnisvoll wolkige Anmutung des wilden Pinselauftrags lässt dieses Triptychon fast wie ein Gemälde wirken.

Bei den Blütenblättern von Mohn und Rittersporn lässt das

Die überwinterten Hortensienblütenblätter haben ein

dunkelrosa Mohnblatt kein Licht durch, sogar die hellblau-

lichtdurchlässiges Gitternetz aus Blattadern.

en Ritterspornblüten ergeben ein ziemlich weißes Abbild.

Obwohl die gepressten Blütenstängel des Schachtelhalms

Nur die fast völlig durchscheinenden Malvenblüten zeigen

durchscheinend wirken, kommt beim Belichten nicht ge-

eine schöne Struktur.

nügend Licht durch, sodass sie flächig weiß erscheinen.

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Lichtdurchlässigkeit

Versuch mit Vogelschablonen aus unterschiedlichen Papiermaterialien oben: Transparentpapier Mitte: schwarzes Tonpapier unten: Butterbrotpapier

Das Butterbrotpapier wirkte beim Auflegen deutlich weniger durchsichtig als das Transparentpapier, dennoch ist der auf dem rauen Aquarellkarton erzielte helle Blauton sehr ähnlich.

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2 .... Experimentierphase

Wandernde Schatten Bei diesem Arrangement aus Eichelhütchen und rostigen Eisenstücken kann man deutlich erkennen, wie stark die Schatten bei der Belichtung (siehe Foto links) zum Tragen kommen. Bei der fertigen Cyanotypie (unten) erscheinen die Auflageflächen der Dinge weiß, alles andere sind die blassblauen Abbildungen des Schattenwurfs.

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Unvorhergesehene Abbildungen

Die weißen Blütenblätter des Hartriegels erweisen sich als so wenig lichtdurchlässig wie das schwarze Tonpapier des zart verdrehten Papierstreifens oder die Zahnstocher.

Strandfundstücke (»Beach Glass«) und zwei industriell hergestellte Glaslinsen für Dekorationszwecke: Die beiden braunen Glasstücke links unten und rechts oben lassen deutlich weniger Licht durch und erscheinen deshalb weiß, die weißen, grünen und blauen Glasstücke werden dagegen in Blautönen abgebildet. Eine Überraschung bieten die transparenten Glaslinsen, die in der Mitte alles Licht durchlassen, aber durch die abgeschrägte Außenkante zusammen mit dem Schattenwurf eine fantastisch dreidimensionale, ringförmige Abbildung ergeben.

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2 .... Experimentierphase

Freigestellte Flächen Ein Versuch mit Kreppband und Washi-Tape, um deren Lichtdurchlässigkeit zu testen und damit Flächen für eine eventuell später stattfindende Beschriftung zu erhalten. Bei weicherem Papier lässt sich Klebeband allerdings nicht gut wieder ablösen und reißt eventuell Papierfasern auf. Deshalb sollte man sich die Stücke vor dem Einsatz mehrmals aufs T-Shirt oder auf einen anderen glatten Stoff kleben und wieder ablösen, bis nur noch eine geringe Klebekraft vorhanden ist.

Die Glaslinsen ergeben bei direktem Licht von oben eine ganz klare, ringförmige Abbildung. Die Mitte ist völlig lichtdurchlässig und erscheint in tiefem Blau.

Die feinen Linien, hervorgerufen durch die Seitenkanten der Glasplättchen, werden erstaunlich deutlich abgebildet. Arrangement aus Buchstabennudeln, einer gehäkelten

Man kann sehen, dass sogar dieses dünne Glas etwas Licht

Luftmaschenkette aus schwarzem Nähgarn und drei Glas-

abhält, denn das Blau der Cyanotypie ist darunter erkenn-

plättchen, um die Luftmaschenkette am Platz zu halten.

bar ein wenig heller.

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Magische Unterstrahlung

Pinsel, Schreibfeder und Sternchennudeln bekommen im Blau eine magische Wirkung durch die feine Unterstrahlung der Sonne, die zarte Schatten erzeugt, was die Objekte dreidimensional erscheinen lässt.

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2 .... Experimentierphase

Optische Umkehrung von Überlagerungen Schwarze Gummiringe, ein Ausstechförmchen, eine Glaslinse, zwei Musterbeutelklammern und eine Sicherheitsnadel schweben geheimnisvoll in drei Pinselstrichflächen.

In der fertigen Cyanotypie ist die Darstellung der Klammern und des Ausstechförmchens faszinierend plastisch. Besonders interessant sind die Gummiringe, denn oben und unten wirken vertauscht. Man muss von unten nach oben denken: Der große Ring liegt ganz unten, direkt auf dem Papier und wird deshalb ohne Überlagerung abgebildet. Dieses Prinzip wird wichtig, wenn man mit überlappenden Schablonen arbeitet.

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Lichteinfall

Winkel des Lichteinfalls Glaslinsen sowie Miniatur-Ausstechförmchen wurden mit einer UV-Lampe leicht von links (unten) belichtet, was bewirkt, dass die Ausstechförmchen mit zunehmender Entfernung von der Mitte immer stärker dreidimensional erscheinen, während die Glaslinsen unverändert bleiben. Ein Effekt, der auch bewusst eingesetzt werden kann.

Eine Feder und kleine, trockene Klatschmohnblütenstängel, die bei der ersten Belichtung nicht flach genug auflagen, sodass die Mohnstängel kaum sichtbar sind und die Feder durch die Unterstrahlung des schräg einfallenden Sonnenlichts halb verschwindet. Beim nächsten Versuch (rechts) lag das Papier so, dass die Sonne mehr von links kommt, und die Mohnstängel wurden außerhalb des Papiers auf der Unterlage mit Kreppband festgeklebt, sodass sie nicht mehr wegkippen konnten.

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Autorin

Im Jahr 2014 erschien mein erstes Buch im Haupt Verlag: PAPIER-ATELIER. 2016 folgte UNIKAT und 2018 dann ART IN A BOX. Und weil’s so schön war und der Haupt Verlag meine Buchideen immer mit so dankenswert verständnisvollem Interesse aufgenommen hat, ist auch das BLAUE WUNDER wieder in dieser vertrauensvollen Zusammenarbeit entstanden.

Marlis Maehrle

Denn ich mache am liebsten die Bücher, die ich selbst gern kaufen würde, aber nicht finde, und gebe so meine Entdeckungen zu meinen Lieblingsthemen weiter. Seit ich mir

www.papierzeichen.de

mit zehn Jahren von meinem kleinen Taschengeld eine spartanische Kompaktkamera mit Filmkassetten und den Einstellmöglichkeiten »Sonne« und »Wolken« kaufte, habe

Nach vielfältigen Berufserfahrungen aus der Vorcomputer-

ich nicht mehr aufgehört, die Welt durch den Sucher zu

zeit, wie Siebdruck, Repro, Reinzeichnung und Schrift-

betrachten und jeden Tag das Licht und den Fall der Schat-

schneiden, habe ich als freie Buchgestalterin (Typografie,

ten bewusst wahrzunehmen.

Layout und Herstellung) Hunderte von Büchern in den

Zusammen mit der Liebe zu Büchern haben mich somit das

Druck begleitet. Seit 1995 unterrichte ich auch Kurse

Papier und die Fotografie immer begleitet. Und die Freude,

zum Thema Buch & Papier in den USA, Deutschland und

damit zu arbeiten, wird keineswegs kleiner, im Gegenteil!

der Schweiz, und 2009 hatte ich die Ehre, drei Monate als

Ich freue mich schon auf die Cyanotypien, die ich machen

Artist-in-Residence im Papierdorf Mino in Japan zu leben.

werde, sobald dieses Buch fertig ist.

Danke an Halwart Schrader für die historische Blaupause des Bentley, Christian Wöhrl für den Tipp mit dem Discostrahler – und vor allem Susan Lowdermilk für mein allererstes »Cyanotype Kit«!

Bisher im Haupt Verlag erschienen:

Leseprobe: www.papierzeichen.de/ publikationen

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Die Cyanotypie ist eine historische fotografische Technik, deren künstlerische Möglichkeiten bis heute faszinieren. Die Bilder werden einfach von der Sonne belichtet und im Anschluss mit Wasser entwickelt und fixiert – man benötigt dazu weder Kamera noch Dunkelkammer. Dabei erlebt man immer wieder stimmungsvolle Überraschungen – je nach Papiersorte, Auftrag der Lösung oder Belichtungszeit entsteht von Himmelblau über Türkis bis zu Ultramarin oder tiefem Nachtblau die ganze Palette unserer »Farbe der Ferne, Sehnsucht und Freiheit«.

Neben den Grundlagen der klassischen Cyanotypie zeigt Marlis Maehrle viele Ideen zum Experimentieren mit Licht und Schatten und gibt Tipps zum umweltschonenden Arbeiten. Auch Cyanotypien auf Stoff, Holz und anderen Materialien oder Tonungen mit natürlichen Gerbstoffen aus Kaffee oder Tee werden vorgestellt. Die entstandenen Bilder sind Kunstwerke für sich, die auch für Projekte wie Karten, Buchumschläge oder Geschenkverpackungen verwendet werden können.

ISBN 978-3-258-60222-6


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