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Historie der rekonstruierten OTTO-Rippe (Bruder Michael Reuter) | Seite

Zu den schriftlichen Notizen von Emanuel Kretschmer

Von Bruder Michael Reuter11

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Zur Entwicklung einer Glockenrippe wird traditionell eine Probeglocke gegossen. Diese wird zunächst klanglich verbessert hin zur Oktavrippe. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, die in der Campanologie von Dr. André Lehr wissenschaftlich erfasst und beschrieben sind. Wenn die neue Rippe musikalisch stabil entwickelt ist, kann man die Probeglocke gemäß den Notizen von Musikdirektor Kretschmer hoch und runter gerechnet werden. Insofern sind Kretschmers Notizen „Glocken, deren Maß, Gewicht und Ton nebst Schwingungszahl“ grundsätzlich allgemeingültig. Allerdings ist zu beachten, dass Glocken aus Lehm geformt werden. Dieser wird über den Gießvorgang gebrannt. Dadurch ändert sich das Volumen der hohlen Gussform. Die Veränderungen sind bei einer großen Glocke stärker, bei einer kleinen Glocke weniger stark. Deshalb braucht man für die Berechnung einen Korrekturfaktor. Ein solcher ist in den Notizen von Musikdirektor Kretschmer nicht beschrieben. Er muss empirisch ermittelt werden.

Aber nicht nur von der Glockengröße, sondern auch von der verwendeten Rippe hängt das Ausmaß der „Brennveränderung” der Gussform ab. Bei einigen Rippen verändert sich diese stark, bei anderen überhaupt nicht. Mein Eindruck ist, es hängt mit der Schräge der Flanke der Glocke zusammen. OTTO-Glocken sind geprägt von einer geraden Flanke und einem sehr großen Radius der Unterflanke.

Die OTTO-Rippe ist eine der wenigen mir bekannten Rippen, die keinen Korrekturfaktor benötigen. Die Rippe ist dynamisch gleichförmig. Das Oktavverhältnis des Durchmessers ist also 1:2 und das Gewicht 1:8. Das ist eine Seltenheit. Insofern ist die von Kretschmer verwendete Rechenvorlage für OTTO-Glocken verwendbar aber nicht für andere Rippen.

Hierzu ein mathematisches Beispiel: Angenommen, es würde eine Probeglocke mit Nominal = 435 Hz und D= 920 mm gegossen. Dann hätte die Schablone einen Durchmesser von 920 mm x 1,01= 929,2 mm. Das berücksichtigt die Schrumpfung der Bronze beim Erkalten. Wenn man jetzt weiß, mit welcher Teilung der Durchmesser der Schablone zerlegt wird, hat man das Stichmaß, den Schlag. Würde es sich um eine OTTO-Glocke handeln, wäre der Durchmesser durch 14,25 zu teilen. Das gäbe folgendes Stichmaß:

929,2 mm / 14,25 = 65,21 mm

Dieses Stichmaß multipliziert man mit der Frequenz der Glocke:

65,21mm x 435.0 Hz = 28365 Hz x mm

Die Rechenformel stellt sich dann bei einer um eine Oktav kleineren Glocke so dar:

Das entspricht einem Durchmesser der Schablone von 32,604 x 14,25 = 472,76 mm

Bei anderen Gießern käme der Korrekturfaktor ins Spiel. Das sähe dann als Beispiel so aus:

entspricht 30,80 x 14,25 = 438,95 mm

Das Gewicht ist dann über die Formel: D3 x Gewichtsfaktor zu errechnen. Der Gewichtsfaktor unserer Probeglocke mit angenommenen 480 kg wäre:

D3 x X = 480 kg X= 0,6

Daraus folgt: 472,763 x 0,6= 63 kg.

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Fazit:

Die Angaben von Musikdirektor Kretschmer sind aus angewandter Mathematik hergeleitet. Die Gussergebnisse Ottos haben das bestätigt und er konnte die mathematischen Verhältnisse anhand der Gussergebnisse nachvollziehen. Bei den meisten anderen deutschen Gießern sieht das anders aus.

Insofern sind Kretschmers Notizen Ottospezifisch, wenn auch mit einem Touch Allgemeingültigkeit.

Die Historie der rekonstruierten OTTO-Rippe

Von Bruder Michael Reuter

Die erste Versuchsglocke zeigte, wie das Original, einen Hang zur vertieften Unteroktave. Deshalb habe ich die Rippe an entsprechender Stelle verbessert. In dieser Rippe habe ich im Jahr 2007 die große c‘-Glocke für St. Anna in Freigericht Somborn (Gewicht 3200 kg) gegossen. Wenn man diese Rippenzeichnung betrachtet, kann man erahnen, was Pfarrer Otto unter Einfachheit und Klarheit bei der Glocke verstanden hat. Soweit mir bekannt, gibt es nur wenige Rippen, die so einfach und klar in ihrer Konstruktion sind.12 Dass Pfarrer Otto das auch für die Glockenzier gelten lassen wollte, kann man nur unterstreichen.13 Die schwere OTTO-Rippe aus Brilon14 zeigt einen völlig anderen Aufbau; da wird Bernard Edelbrock kräftig mitgemischt haben.

Die Briloner Rippen (alle drei) wurden in praxi von der Gießerei Granier in Hérépian15 verwendet. Die Graniers gossen ihre Glocken meist in leichter Rippe. Der Straßburger Domherr Jean Ringue wusste aber von einer schweren Rippe zu berichten, die ein sehr gutes Klangergebnis gebracht haben soll. Eines der wenigen größeren Geläute in dieser Rippe hängt in der Abtei En Calcat in Südfrankreich. Darüber hinaus besitzen alle französischen Gießer die Briloner Rippen, weil Albert Junker diese Rippen (wohl aus finanziellen Gründen) europäischen Glockengießern zum Kauf angeboten hat.

Insgesamt kann gesagt werden, dass Pfarrer Otto für seine Rippe folgende Vorstellung verfolgte: In der Einfachheit liegt die Schönheit des Glockenklanges.

In der Otto-Rippe Junkers oder der bei Petit & Geb. Edelbrock gelegentlich noch verwendeten Junker'schen Otto-Rippe findet man das nicht.

11 Hervorhebungen und Fußnoten bei den Texten von M. Reuter wurden durch den Herausgeber eingefügt. 12 Auch Chr. Schmitt, Brockscheid, hebt die Einfachheit der OTTO-Rippe hervor. 13 G. Reinhold, 2019, S. 158–161: Die Gestaltung der Inschriften und Glockenzier auf OTTO-Glocken. 14 G. Reinhold, 2019, S. 164–169: Die Glockengießerschule Brilon und die OTTO-Rippe.

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