Die Tempojahre Merkmale des deutschsprachigen New Journalism am Beispiel der Zeitschrift Tempo Bernhard Pörksen
1.
Selbstbeschreibung eines Grenzgängers
Es gibt Schlüsselgeschichten, positive und negative, und manche schillern zwischen den Extremen möglicher Bewertung. Zu dieser dritten Kategorie, von der man nicht weiß, ob sie eine mehr oder minder gut erfundene Anekdote oder eine leise skandalöse Selbstoffenbarung darstellt, gehört eine Episode, von der Christian Kracht berichtet. Ort der Handlung ist Neu-Delhi, Christian Kracht arbeitet zu dieser Zeit als IndienKorrespondent für den Spiegel. Als im Spätsommer 1997 Mutter Teresa stirbt, erhält Kracht die Meldung von einem Mitarbeiter. Was dann geschieht, kann man in einer Illustrierten nachlesen. Er habe, so heißt es hier, die Nachricht bekommen, „als er gerade auf seiner Terrasse in NeuDelhi eine Tasse Orange Pekoe genoss“ (Kobes 2001: 82), er habe sich gestört gefühlt und beschlossen, die Hauptredaktion nicht zu informieren. Dies blieb natürlich nicht unbemerkt, und man trennte sich von dem Indien-Korrespondenten mit seinem Desinteresse an den Konventionen der Themenselektion und den Spielregeln des Nachrichtenjournalismus. „Heute ärgere ich mich“, so wird Christian Kracht zitiert, „über diesen plumpen Versuch, das große Nachrichtenmagazin auszutricksen.“ (Zit. nach Kobes 2001: 82). Diese Episode ist, unabhängig von der Frage ihres faktischen Gehalts, in mehrfacher Hinsicht eine Schlüsselgeschichte: Sie ist gewollt originell, ihr Wahrheitsstatus erscheint unsicher und sie illustriert zentrale Merkmale des deutschsprachigen New Journalism: radikale Subjektivität, notfalls unter Verzicht auf thematische Relevanz, ein Aktualitätsbegriff,