Ein Jahr Arbeit für eine Woche Festival
Amy Macdonald und Mika reisen nebst vielen anderen Musikerinnen und Musikern nach Zermatt, um das Publikum des Unplugged-Festivals zu begeistern. Damit solche Auftritte zustande kommen, arbeitet ein Kernteam von zehn Leuten ganzjährig mit viel Herzblut – ein Besuch vor Ort.
Es ist jeweils ein besonderer Moment, wenn die Matterhorn-Gotthard-Bahn im Bahnhof Zermatt einrollt und die Festivalwoche losgeht. Auf diesen Moment hat Deborah Schmidlin fast ein ganzes Jahr hingearbeitet. «Wenn ich ankomme, ist es wie im Kino, wenn der Werbeblock zu Ende ist und der Film beginnt: eine Mischung aus Aufgeregtsein und Vorfreude.» Zusammen mit weiteren neun Personen bildet die 32-Jährige das Kernteam des Zermatt-Unplugged-Festivals. Sie sind in verschiedenen Pensen tätig und arbeiten 360 Tage lang auf die fünf Festivaltage hin. Ungefähr vier Monate bevor es losgeht, wächst das Organisationsteam auf knapp 20 Personen. Während des Festivals sind es dann bis zu 400 Personen – viele von ihnen Freiwillige, sogenannte Volunteers –, die in Zermatt im Einsatz sind.
Seit drei Jahren ist Schmidlin für den Content des Festivals zuständig. Eine Aufgabe, die von der studierten Filmwissenschaftlerin vielfältige Fähigkeiten abverlangt. Zu ihrem Arbeitsalltag gehört die Zusammenarbeit mit anderen Kreativen: Grafiker, Fotografen, Filmcrews und Motion Designer. «Ich stehe mit vielen Leuten im Austausch, die unsere Vision in ihre Medien übersetzen. Ich bin quasi die Schnittstelle zwischen dem Unplugged und den Kreativen und schaue, dass das Gesamtbild nach aussen richtig dargestellt wird», so Schmidlin. Wer auf einen Event hinarbeitet, der während fünf Tagen auflebt, kommt um eine gute Planung nicht drumherum. Jedes Team des Zermatt-UnpluggedFestivals hat definiert, was es in welchem Monat erledigen muss, damit am 8. April, wenn das Festival eröffnet wird, alles bereit ist. Von Routine keine Rede: «Die Festivalbranche verändert sich ständig, da kann die Marke niemals starr bleiben», so Schmidlin. Die Frage, wie sich das Festival weiterentwickeln will, ist omnipräsent.
Jedes Jahr aufs Neue gefordert wird auch Christoph Spicher. Der 39-Jährige ist für das Booking der Künstlerinnen und Künstler verantwortlich. Während des Jahres besteht ein Teil seiner Arbeit aus Musik hören. «Ich kann Konzerte und Festivals besuchen, oft auch solche, die ausverkauft sind, und mich von Musik berieseln lassen», schwärmt Spicher. Der andere Teil ist Büroarbeit: Vor dem Computer sitzen und viele E-Mails verschicken und mit Agenten in Berlin, London und der Schweiz telefonieren. Die persönliche Note dabei schätzt er sehr. «Die Netzwerkpflege ist etwas vom Wichtigsten. Auch an den Events geht es nicht nur darum, neue Acts kennenzulernen, sondern auch, um sich auszutauschen und à jour zu bleiben.»
130 Anfragen für Headliner verschickt
Im Zelt spielen während des Festivals insgesamt fünf Headliner, die Hauptattraktionen. Diese zu finden, ist eine ordentliche Menge Arbeit. Für das diesjährige Festival hat Spicher für die fünf Slots 130 Anfragen rausgelassen. «Jedes Angebot, das wir machen, ist recht voraussetzungsreich.» Was kostet die Künstlerin oder der Künstler, wie viel kann das Festival offerieren, wie viele Leute kommen wegen dieses Konzerts nach Zermatt? Ist die Musikerin oder der Musiker gerade aktuell und passt sie beziehungsweise er ins Gesamtkonzept? Am schnellsten ausverkauft war bisher Patent Ochsner: Sieben Minuten hat der Ticketverkauf gedauert. Eine weitere Herausforderung ist, dass alle unplugged spielen müssen, also praktisch ohne
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elektronische Unterstützung. Und dann ist da noch die Preisentwicklung: «Die Gagen der Headliner haben sich in den letzten Jahren teilweise verdoppelt.» Das heisst, dass manche Künstler ausser Reichweite des Festivals liegen. «Wir sind ein Boutique-Festival, bei uns erlebt man die Konzerte im intimen Rahmen zusammen mit rund 2000 Leuten und nicht 20 000. Dementsprechend können wir nicht die gleichen Gagen zahlen wie die grossen Sommerfestivals.»
Musikfestival mit eigenem Reisebüro
Sobald die Künstler engagiert sind, gilt es, für sie eine Unterkunft zu organisieren. Das wiederum ist der Aufgabenbereich von Yves Hohl (37). Der Leiter Hospitality betreibt sozusagen ein kleines Reisebüro innerhalb des Zermatt-Unplugged-Kosmos. Das Festival arbeitet mit über 70 Hotel-, Apartment- und Restaurantpartnern in Zermatt zusammen und bucht im Rahmen des Zermatt Unplugged über 5000 Logiernächte. Diese
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«Wir sind ein Boutique-Festival, bei uns erlebt man die Konzerte im intimen Rahmen.»
Christoph Spicher, Booker bei Zermatt Unplugged
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verteilen sich pro Tag auf 710 Zimmer oder 1420 Betten. Zwei Hotels werden zudem exklusiv gemietet. Diese Zimmer werden als Festival-Packages an Besucher weiterverkauft.
Alle Vorbereitungsarbeiten erledigt das Kernteam des Zermatt-UnpluggedFestivals in schmucken Büros in Zürich und Zermatt. Während des Festivals sind alle vor Ort in Zermatt. Wo sie allerdings nicht primär zum Vergnügen weilen, sondern weiterhin vollen Einsatz beweisen müssen. Zu den Aufgaben von Yves Hohl gehört auch das Organisieren von Kundenanlässen. Das Hospitality-Team kümmert sich in Zermatt um zwei VIPLounges für Partner, Sponsoren und Künstler. In diesen treffen sich jeden Abend rund 200 Gäste. «Wir haben auch viele Kunden- und Firmenanlässe, Gruppen die nicht nur ein Konzert besuchen, sondern ein Rahmenprogramm mit Abendessen, Apéro oder Skitag buchen.»
Hands on heisst es auch für Christoph Spicher während der Festivaltage. Vor Ort gilt es, gemeinsam mit einem 30-köpfigen Team den Transport der Künstler
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nach Zermatt zu koordinieren, die Logistik für die Bands und ihre Instrumente zwischen den 17 Bühnen reibungslos zu organisieren sowie die Künstlerinnen und Künstler so zu betreuen, dass sie am liebsten gar nicht mehr abreisen möchten. «Es ist wichtig, dass alle im Team wissen, was sie zu tun haben, und dabei auch Spass haben. Wir sind zwar kein Fünfsternehotel, aber wir versuchen, die Wünsche der Bands zu antizipieren und ihnen so ein unvergessliches Festivalerlebnis zu bieten», so Spicher. Er ist überzeugt, dass sich diese positive Stimmung unmittelbar auf die Qualität der Konzerte auswirkt. Manchmal sind Kreativität und Humor gefragt: Auf die nicht ganz ernst gemeinte Bitte, man solle eine Auswahl an süssen, sechs Wochen alten Welpen für eine Band und deren Crew bereitstellen, mit denen diese dann spielen können, hat das Team kurzerhand ein Plakat mit Welpen ausgedruckt und aufgehängt. Bilder sind vor Ort auch für Deborah Schmidlin ein grosses Thema. «Wir haben jeweils fünf Tage Zeit, um Content zu generieren, der anschliessend für die kommenden 360 Tage reichen muss.» Entsprechend lang ist die Liste, auf der steht, was für Bildmaterial und welche Filmclips gewünscht sind. Während des letztjährigen Festivals sind rund 100 000 Bilder entstanden. Die Herausforderung dabei ist oftmals das Wetter: «Wenn man das Matterhorn nicht sieht – und von dem leben wir nun mal –, gibt es statt Perfect-Picture- Moment mit Sonne, Schnee und Bühne triste Bilder.» Unvorhergesehenes gehört zum Festivalalltag dazu. «Schlechtes Wetter, technische Probleme, Änderungen der Gästeliste, alles Gegebenheiten, die man selbst mit der besten Planung nicht umgehen kann», sagt Hohl.
Aufpassen, Konzerte nicht zu verpassen
Jeweils ab November beginnt für das Team des Zermatt-Unplugged-Festivals die arbeitsintensivste Zeit. Dann starten die Kommunikationskampagne und der Ticketverkauf. Bis Ende April wird der Fuss nicht mehr vom Gaspedal genommen. Hohl beispielsweise ist während des letztjährigen Festivals von Dienstag bis Sonntag sage und schreibe 124 882 Schritte gelaufen. «Man muss aufpassen, dass man das Festival nicht verpasst, denn kaum begonnen, ist es auch schon wieder vorbei», sagt Rolf Furrer, Geschäftsführer des Zermatt Unplugged. Dass alle Teammitglieder für einen Moment die Arbeit ruhen lassen können, um die Konzerte zu erleben, ist auch wichtig, um anschliessend miteinander zu besprechen, was im nächsten Jahr allenfalls verbessert werden soll. Sobald die letzte der mehr als 10 000 reingedrehten Schrauben wieder herausgedreht und alles weggeräumt ist, beginnt für das Team die Zwischenphase. Die Frühlings- und Sommermonate werden für die Nachbearbeitung und den Jahresabschluss genutzt. Anschliessend ist Zeit, um Überstunden abzubauen und Ferien zu beziehen. Sobald der Herbst wieder naht, startet erneut die intensive Vorbereitungszeit für die nächste Ausgabe des Zermatt Unplugged. Denn nach dem Festival ist vor dem Festival.
Dieser Inhalt wurde von NZZ Content Creation im Auftrag von Zermatt Unplugged erstellt.