Solidarität 4/15

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Ausgabe November 4/2015

THEMA Arbeitsmigration AKTUELL Fl端chtlingskrise

Das Magazin von


2 EDITORIAL Liebe Leserin, lieber Leser, Der Flughafen von Beirut ist wie jeder andere einer grösseren Man sieht die syrischen Flüchtlinge nicht auf den ersten Blick Stadt: erfüllt von Geschäftigkeit und Kommerz. Nichts weist – und auch nicht auf den zweiten: Teilweise sind sie seit drei darauf hin, dass wir in einem Land angekommen sind, in dem oder vier Jahren auf der Flucht, zuerst innerhalb von Syrien, und jeder vierte Mensch ein Flüchtling ist. Libanon ist ein Land mit nun in den Nachbarländern. Sie haben gelernt, sich unsichtbar mittlerem Durchschnittseinkommen und auch auf dem Weg zu machen. Und sie sind zutiefst in ihrem Stolz verletzt, da in unser Einsatzgebiet im Süden sind wir sie ohne Unterstützung nicht überleben nicht mit unübersehbarer Armut kon­ könnten. In Syrien bleibt ihnen nichts als frontiert. Wo also sind die 1,2 Millionen ihre Erinnerungen. Und auf die Frage, Menschen, die ihre Heimat Syrien ver­ ob sie eines Tages zurückkehren wollen, lassen haben und nun als Flüchtlinge im gibt es unterschiedliche Reaktionen: Libanon leben? Jene, die Todesopfer zu beklagen haben, Flüchtlingslager für SyrerInnen sind of­ sagen nicht viel und schlucken Tränen fiziell verboten. Im Süden leben ganze hinunter. Hier wie dort ist ihre Situation Grossfamilien auf engstem Raum in Ga­ ohne jede Perspektive. Angehörige des ragen, Hütten, Hinterhöfen. Solidar finan­ Mittelstandes hingegen, die von der Hilfe ziert die Ausstattung von Rohbauten, um abhängig sind, weil sie im Libanon nicht sie für Flüchtlingsfamilien bewohnbar zu Esther Maurer arbeiten dürfen, möchten auf jeden Fall machen, im Gegenzug können diese ein Geschäftsleiterin Solidar Suisse zurück in ihr früheres Leben. Jahr lang mietfrei dort wohnen (siehe Seite 17). Die zusätzliche Unterstützung Rund 250 000 syrische Flüchtlinge sind aus dem World Food Programme ist in den letzten Monaten unterwegs nach Europa oder bereits hier angekommen. Vier massiv gekürzt worden: von 27 Dollar pro Person und Monat Millionen hingegen leben in den Nachbarländern Syriens. Ver­ auf 13 Dollar – für höchstens fünf Mitglieder pro Familie. gessen wir diese Relationen nicht, wenn wir in der Schweiz von Deutlich zu wenig, um Hunger zu vermeiden. einer «Flüchtlingskrise» sprechen! Esther Maurer

MEDIENSCHAU

6.9.2015 Vor Ort helfen Verschiedene Schweizer Hilfswerke sind in den Nachbarländern Syriens tätig, wo immer noch Millionen von Flüchtlingen aus dem Kriegsgebiet in unterversorgten Lagern ausharren. Engagiert sind hier unter anderem die Caritas, Solidar Suisse oder das evangelische Hilfswerk HEKS. (…) Die Glückskette sammelt ebenfalls für Flüchtlinge. Mit dem gesammelten Geld unterstützt sie Schweizer Hilfswer­ ke, die in den Nachbarländern Syriens und entlang der Fluchtrouten helfen. Spenden sind über die Homepages ver­ schiedener Hilfswerke möglich.

4.9.2015 Der Impact-Check der Werbewoche Die Redaktion hat fünf Filme ausgewählt, die in den letzten Wochen häufig am Bild­ schirm zu sehen waren. (…) Bei der Be­ fragung wurde getestet, wie gut die TVSpots erinnert werden (Awareness) und wie sie hinsichtlich der zentralen Eigen­ schaften «Gefällt mir» (Likeability), «Hebt sich von anderen TV-Werbungen ab» (Uniqueness) und «Passt zu meinem Bild von diesem Absender» (Brand Fit) auf einer sechsstufigen Skala abschneiden. (…) Der Spot für Solidar Suisse gefällt den Befragten mit 14,9 % verhältnismäs­ sig gut (Likeability). Awareness 51,0 %, Uniqueness 12,0 %, Brand Fit 9,2 %.

12.7.2015 Verfall des Rubels verteuert die WM für Russland Die Fifa knüpft die WM-Vergaben an Garantien. So musste Russland zusichern, dass das Arbeitsgesetz vor und während der WM flexibel gehandhabt würde. (…) Durch den Kurszerfall sind die Löhne der Wanderarbeiter so stark gesunken, dass viele nach Neujahr nicht mehr auf die Baustellen zurück­ kehrten. Nun könnten Strafgefangene die Lücken füllen. Solidar Suisse verlangt von der Fifa, auf die Garantien zu verzichten, «denn es ist eine Steilvorlage für die WM-Austragungslän­ der, die Rechte der Arbeiter zu verletzen», sagt Eva Geel von Solidar Suisse.


THEMA Arbeitsmigration

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Die Hoffnungen von ArbeitsmigrantInnen auf ein besseres Leben zerschlagen sich allzu oft 6 Gefährliche Arbeitsbedingungen machen ArbeiterInnen in China krank. Entschädigung erhalten sie kaum 8 Von Vermittlungsagenturen übers Ohr gehauen: Sri-lankische MigrantInnen im Nahen Osten 10 Der amerikanische Traum vieler Menschen aus El Salvador erfüllt sich nicht

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Sans-Papiers in der Schweiz arbeiten viel und leben unter prekären Bedingungen 15

THEMA

ArbeitsmigrantInnen sind häufig wenig willkommen, obwohl sie zum Wirtschaftswachstum beitragen. Ihre Arbeitsbedingungen sind prekär, mit dem geringen Lohn müssen sie die Familie zuhause ernähren.

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AKTUELL Die Schweiz muss mehr tun: Die syrischen Flüchtlinge brauchen unsere Unterstützung 17 EINBLICK Die Perspektiven von Jugendlichen in Bosnien und Herzegowina sind düster: Samir engagiert sich, anstatt wegzugehen 18 KOLUMNE 9 NOTIZEN

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PINGPONG

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AKTUELL

NETZWERK

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Auch nach vier Jahren zeichnet sich kein Ende des Kriegs in Syrien ab. Die Flüchtlinge sind auf unsere Unterstützung angewiesen.

IMPRESSUM Herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zürich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 80-188-1 Mitglied des europäischen Netzwerks Solidar Redaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Eva Geel, Lionel Frei, Cyrill Rogger

Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voices Übersetzungen: Ursula Gaillard, Jean-François Zurbriggen Korrektorat: Jeannine Horni, Milena Hrdina Druck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 Schaffhausen Erscheint vierteljährlich, Auflage: 37 000

Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 70.–, Organisationen mindestens Fr. 250.– pro Jahr). Gedruckt auf umweltfreund­ lichem Recycling-Papier. Titelbild: Ausländische Arbeiter in ihrer Unterkunft in Doha, Qatar. Foto: Stringer. Rückseite: Mit dem Kauf einer Solidar-Geschenkkarte unterstützen Sie unsere weltweiten Entwicklungsprogramme.


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ARBEITSMIGRATION

Ob aus El Salvador, Sri Lanka oder Nicaragua, ob in Qatar, China oder in der Schweiz: Seit jeher suchen Menschen in anderen Ländern ein besseres Leben. Und wer würde bei uns die Kinder betreuen und die Alten pflegen, wenn es keine ausländischen Arbeitskräfte gäbe? Wer produzierte in den Fabriken der Multis in China, wenn nicht die Wander­arbeiterInnen vom Land? Doch ArbeitsmigrantInnen arbeiten häufig unter prekären Bedingungen, sie leben in ständiger Angst vor Aus­schaffung, und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben zerschlägt sich allzu oft. Foto: Joshua Lott


THEMA

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Eine Puppe h채ngt am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA.


6 VOM REGEN IN DIE TRAUFE ArbeitsmigrantInnen nehmen gefahrvolle Wege auf sich, sind von Ausbeutung bedroht und häufig Diskriminierung ausgesetzt. Text: Eva Geel, Foto: BBC Worldservice

Das Ganze ist eine Blackbox: Niemand weiss, wie viele ausländische ArbeiterIn­ nen es weltweit gibt. Auch die UNO kann nur eine allgemeine Schätzung machen und beziffert die Anzahl aller MigrantIn­ nen auf rund 232 Millionen. Dazu gehö­ ren aber nicht nur legale und illegale Ar­ beitskräfte, sondern auch Asylsuchende, FamiliennachzügerInnen und Kinder auf der Flucht. Angst vor Ausschaffung Wie die Gesamtzahl der Arbeitsmig­ rantInnen, ist auch ihre Realität nicht ein­ fach zu fassen: Während sich hierzulande englischsprachige Expats auf Internet­

Ein Mann am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA, nachdem er ausgeschafft wurde.

auch fremdenfeindliche Gewaltausbrü­ che sorgen in Südafrika immer wieder für Schlagzeilen. Viele ArbeitsmigrantIn­ nen leben in solch unsicheren Verhältnis­ sen – auch in der Schweiz (siehe Seite 15). Die UNO-Kommission zum Schutz von Arbeits­migrantInnen hat festgestellt, dass diese besonders häufig Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminie­ rung ausgesetzt sind. Probleme haben Arbeitskräfte aber auch, wenn sie im ei­

foren Tipps zu Steuerfragen und Recycling geben, fürchten sich zimbabwische ArbeiterInnen in Südafrika vor Auswei­ sung und Gewalt. Bei­ spielsweise Benhilda Ma­ sarirambi. Sie ist Haus­«ArbeitsmigrantInnen angestellte in Kapstadt. sind ein Jungbrunnen für älter Die südafrikanischen Be­ werdende Gesellschaften.» hörden verweigerten ihr die Erneuerung der Ar­ beitserlaubnis, nachdem sie ihre alte bei genen Land wandern: In China beispiels­ einem Autounfall verloren hatte. Seit weise reisen die ArbeiterInnen schnell dem Nein der Behörden lebt sie in stän­ mal 2000 Kilometer in eine grosse Stadt diger Angst, dass sie ausgeschafft wird. in einer anderen Provinz, um Arbeit zu Und sie fürchtet sich mit gutem Grund: finden, da sie in ihrem kleinen Dorf nicht Die behördliche Willkür ist gross, und überleben können – und wenn sie auf­


THEMA 7 1.60

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0.64

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Anmerkung: Die Auswanderungsrate basiert auf den Daten von Abel und Sander (2014). Die Zahlen zu Working Poor und Sozialversicherten sind ILO-Schätzungen. Quelle: ILO

Industrieländer

Ostasien, Südostasien und Pazifik

Mittlerer Osten und Nordafrika

Zentral- und Südosteuropa und GUS-Staaten

Lateinamerika und Karibik

0 Südasien

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Anteil Working Poor Anteil Sozialversicherte Auswanderungsrate Auswanderungsrate (in Prozent)

100

SubsaharaAfrika

Anteil Working Poor und Sozialversicherte (in Prozent)

Globale Auswanderungsraten 2005–2010

Globaler Überblick über Rimessen Die 25 Länder mit dem höchsten Anteil am BIP 2013 (in Prozent). 50

Quelle: ILO, basierend auf Weltbank- und IWF-Daten

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grund von schädlichen Arbeitsbedingun­ gen krank werden, erhalten sie weder Behandlung noch Kompensation (siehe Seite 8). Hoffnung auf ein besseres Leben Ausländische Arbeitnehmende hoffen bei ihrer Ausreise vor allem auf eines: bessere Perspektiven als zu Hause, höhere Löhne und die Möglichkeit, die Familie zu ernähren. Sie schicken denn auch einen guten Teil des auswärts ver­ dienten Lohnes zu ihren Familien. Diese

Guatemala

Philippinen

Sri Lanka

Senegal

Osttimor

Bosnien und Herzegowina

Georgien

Jordanien

Bangladesch

Gambia

Jamaika

Honduras

Guyana

* wie in Resolution 1244 des UNO-Sicherheitsrats von 1999 definiert.

El Salvador

Kosovo*

Libanon

Liberia

Samoa

Haiti

Armenien

Lesotho

Republik Moldau

Nepal

Kirgistan

Tadschikistan

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sogenannten Rimessen machen heute bei klassischen Auswanderungsstaaten einen wesentlichen Teil der Volkswirtschaft aus, im Extremfall wie in Tadschikistan so­ gar 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (siehe Grafik). Die Entsendestaaten pro­ fitieren durch diese Devisen vom Zugang zu interna­ tionalen Kapitalmärkten und von besseren Bildungs- und Entwick­ lungsmöglichkeiten im Land. Doch vielfach wandern dabei auch gleich die besten Kräfte ins Ausland ab. Davon wiederum profitieren die Empfängerlän­

der: ArbeitsmigrantInnen sind ein Jung­ brunnen für älter werdende Gesellschaf­ ten, sie sichern die Renten, leisten einen Beitrag zum ökonomischen Wachstum, und sie heizen den Inlandkonsum an – die Einwanderung war lange der Haupt­ grund dafür, dass die Schweiz eine star­ ke wirtschaftliche Entwicklung verbuchen konnte. Den Preis zahlen die MigrantInnen Die Wanderbewegungen allerdings ver­ ändern sich. Europa schottet sich ab, und Schwellenländer werden dank ihrer wirt­ schaftlichen Entwicklung immer attrakti­ ver. Das schlägt sich auch in den Geld­ sendungen nieder: Heute wird immer mehr Geld aus dem Süden in den Süden überwiesen. Das war vor einigen Jahren noch anders, als die Geldsendungen vor allem aus dem Norden kamen. Doch es gibt auch einen Preis für die Migration. Den zahlen meist die Migran­ tInnen selbst – mit enttäuschten Hoff­ nungen, missbraucht werden und Schul­ den. Viele werden von Schlepperbanden in Elend und Tod getrieben, für einige endet die Arbeitssuche in Zwangsarbeit und Sklaverei. Besonders betroffen sind ausländische ArbeitnehmerInnen in den Golfstaaten (siehe Seite 10). Es besteht also grosser Handlungs­ bedarf. Dies sieht auch die UNO so. Sie hat in ihre neuen Sustainable Deve­ lopment Goals (SDG), die im September verabschiedet wurden und das welt­weite Entwicklungsprogramm der nächs­ ten Dekaden beschreiben (siehe Seite 16), einen neuen Punkt aufge­nommen: Schutz der Arbeitsrechte und Förderung von sicheren Arbeitsbedingungen. Dabei werden die ArbeitsmigrantInnen explizit erwähnt. Denn faire Arbeitsbedingun­gen und qualitativ gute Arbeitsmöglich­ keiten, so die UNO, sind eine zentrale Triebkraft für Entwicklung. Und deshalb unabdingbar.

Eva Geel ist Leiterin Kommunikation bei Solidar Suisse.


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Links: Eine Arbeiterin bemalt PokémonFiguren in einer chinesischen Keramikfabrik. Ein Foto von Li Yi Pau können wir hier aus Schutzgründen nicht abdrucken. Rechts: Unterkünfte von Wander­arbeiterInnen in Chengdu.

TÖDLICHE ARBEITSBEDINGUNGEN Mangelnder Arbeitsschutz führt in China oft zu unheilbaren Krankheiten. Doch die Betroffenen erhalten keine Entschädigung. Solidar hilft ihnen, zu ihrem Recht zu kommen. Text: Zoltan Doka, Fotos: Darley Shen, Zoltan Doka China ist ein kommunistisches Einpar­ teien-Regime mit einer ungemein freien Marktwirtschaft, in der sich Unterneh­ men jeglicher Couleur und Herkunft pu­ delwohl fühlen. Mit den richtigen Bezie­ hungen löst man im Reich der Mitte viele Probleme – oder schafft sie sich vom Hals. Gleichzeitig hat China als einziges Land der Welt Millionen von Menschen aus eigener Kraft von tiefer Armut be­ freit. Heute gibt es einen Mittelstand, der dem europäischen in nichts nachsteht. Doch der Preis für diese Leistung ist hoch – für die Menschen wie die Umwelt. Die Marge muss stimmen … Solidar Suisse arbeitet in China mit klei­ nen NGOs zusammen, die sich für die Rechte der chinesischen ArbeiterInnen

einsetzen. Für den Besuch der Solidar- ken gespart wurde. Menschen mit Lö­ Projekte fliegen wir nach Chengdu, der sungsmittelvergiftung, weil wir im Westen Hauptstadt der Provinz Sichuan: mo­ günstige Elektronik und Spielzeuge kau­ numentale Bauten, neuste westliche Au­ fen wollen. tos, Betriebsamkeit bis in die hinterste Ecke. Im «Nie hatte mir jemand Gespräch mit den Klien­ erklärt, dass die Lösungsmittel tInnen unserer Partner­ organisation*, die eine gefährlich sind.» Beratungs­ stelle für Ar­ beiterInnen betreibt, zeigt sich die Kehrseite der wirtschaftlichen Entwick­ … da hat Arbeitsschutz keinen Platz lung: Menschen, deren Gesundheit zer­ Eine von diesen erkrankten Menschen stört wurde. Menschen, die aufgrund ist Li Yi Pau. Wie die meisten ArbeiterIn­ von Schad­ stoffen am Arbeitsplatz an nen in den grossen Fabriken, ist sie vom Leukämie erkrankt sind. Menschen, die Land in die Stadt migriert, um Arbeit zu an einer Staublunge oder Lungenfibrose finden, und zwar in das 1800 Kilometer leiden, weil an den Kosten für Absaug­ entfernte Guangzhou. In ihrem Heimat­ vorrichtungen, Handschuhe und Mas­­- dorf konnten sie und ihr Mann die zwei


KOLUMNE

THEMA 9

für meine Rechte zu kämpfen. Erst hier habe ich erfahren, dass ich ein Anrecht auf Entschädigung habe.» Ende August wurde die Beratungsstelle* jedoch von der Staatssicherheit geschlossen, weil sie «zu auffällig» agiere.

Kinder nicht ernähren. «Ich fand eine Arbeit für 2200 Yuan (ca. 340 Franken) im Monat. Dort musste ich PokémonFiguren mit Lösungsmittel reinigen», er­ zählt sie. Nach knapp drei Jahren bekam Li Yi Pau gesundheitliche Probleme. Als sie dies ihrem Vorgesetzten mitteilte, verwies er sie auf die positiven Resul­tate der jähr­lichen Gesundheitskontrolle. «Doch dann rief mich jemand vom Spital in Guang-zhou an, um mir mitzuteilen, dass ich eine Lösungsmittelvergiftung habe. Nie hatte mir jemand erklärt, dass die verwendeten Lösungsmittel ge­ fährlich sind.» Die ÄrztInnen empfahlen Li Yi Pau, sich an die Beratungsstelle der Solidar-Partnerorganisation in Guangzhou zu wenden. Denn bei den Ämtern erhalten die Kranken keine Unterstüt­ zung: «Ich ging von einer Behörde zur nächsten, aber überall wurde ich ver­ tröstet oder woanders hingeschickt. Die Beratungsstelle unterstützt mich dabei,

Ihre Spende wirkt Mit Ihrem Beitrag von 50 Franken er­ hält eine Arbeiterin eine umfassende Beratung zu arbeitsgesundheitlichen Problemen. Mit 70 Franken wird ei­ nem Arbeiter oder einer Studentin ein Weiterbildungskurs über Arbeits­ rechte ermöglicht. Mit 100 Franken kann eine Arbeiterin professionell vor einem chinesischen Arbeitsgericht Klage erheben.

Recht wird nicht durchgesetzt Eigentlich schreibt das chinesische Recht Arbeitsschutz vor, doch es hapert an der Durchsetzung, unter anderem wegen der allgegenwärtigen Korruption. Und obwohl viele Waren wie Spielzeuge oder Elektronikteile mit Lösungsmit­teln behandelt werden, erhalten die Ar­ beitenden nicht einmal Handschuhe oder Schutzbrillen. Staatlich vorgesehene Kontrollmechanismen wie Arbeitsinspek­ tionen scheitern ebenfalls an der man­ gelhaften Umsetzung: «Die Inspektionen werden vorher angekündigt. Dann wird rasch alles hergerichtet, damit es gut aussieht. Tags darauf ist alles wieder wie vorher», berichten die ArbeiterInnen. Das Provinzspital in Chengdu hat eine eigene Abteilung für Arbeitserkrankun­ gen. Da sich die meisten Arbeitgebenden darum foutieren, was mit ihren kranken ArbeiterInnen geschieht, müssen diese die teuren Therapien und Medikamente selbst bezahlen, die auch nach dem Spitalaufenthalt anfallen. Da das Spital­ personal um die aussichtslose Lage sei­ ner PatientInnen weiss, schickt es sie zu den Beratungsstellen. Dort werden sie über ihre Rechte aufgeklärt und zum Gericht begleitet, um Kompensations­ zahlungen einzufordern. «Hier nimmt man mich zum ersten Mal ernst», erzählt Li Yi Pau. «Ich habe neue FreundInnen gefunden, die dasselbe Problem haben. Das gibt mir Kraft. Auch wenn es dauert, mit der Hilfe der Be­ratungsstelle kann ich etwas erreichen. Ich werde nicht auf­ geben.» Zoltan Doka ist Programmleiter China bei Solidar Suisse. * Zum Schutz unserer PartnerInnen können wir leider den Namen der Organisation nicht nennen.

Hans-Jürg Fehr Präsident Solidar Suisse

Unerträglich scheinheilig Die Scheinheiligkeit der nationalisti­ schen Kreise ist kaum mehr auszuhal­ ten. Sie hetzen gegen Flüchtlinge und Asylsuchende und preisen als besse­ res Konzept den Kampf gegen die Ar­ mut in den Herkunftsländern an. Dies geschieht auf der grell beleuchteten Bühne der medialen Öffentlichkeit. Auf der diskreteren Bühne des Bun­ deshauses streben sie zur gleichen Zeit mit allen Mitteln die Reduktion der Ausgaben für Entwicklungshilfe an. Der Widerspruch ist offenkundig, aber er stört sie nicht. Mich schon. Und zwar gewaltig! Ich erinnere mich, wie die fortschrittlichen Kräfte im Parla­ ment vor vier Jahren gegen den erbit­ terten Widerstand der Nationalkonser­ vativen durchsetzten, dass die Schweiz ihre Ausgaben für Entwicklungszu­ sammenarbeit auf 0,5 Prozent des BIP erhöht. Das ist immer noch weit ent­ fernt von den 0,7 Prozent, zu denen sich unser Land und die internationale Staatengemeinschaft in der UNO einst verpflichtet haben mit dem Ziel, das weitweite Massenelend zu halbieren. Deshalb muss an diesem Ziel festge­ halten und den Demontageplänen von rechts entschieden entgegengetreten werden. Wir wollen nicht die Flüchtlin­ ge bekämpfen, sondern die Ursachen ihrer Flucht. Wir wollen nicht auf die Armen losgehen, sondern auf die Gründe ihrer Armut. Das aber erfordert nicht weniger finanzielle Mittel, son­ dern mehr. Das erfordert nicht eine isolationistische Aussenpolitik, sondern eine solidarische. Das ruft nach Wirt­ schaftsbeziehungen, die Entwicklung im Süden bewirken statt Kapital- und Menschenflucht aus ihm heraus.


Eine blitzblank geputzte Wohnung in Saudi-Arabien.

Arbeitsmigranten auf einer Baustelle in Doha, Qatar.

ÜBERS OHR GEHAUEN UND AUSGEBEUTET Viele Menschen aus dem kriegsversehrten Norden Sri Lankas suchen im Nahen Osten Arbeit. Allzu oft werden sie Opfer von Ausbeutung und Missbrauch. Text: Subajini Rajendram, Fotos: Richard Messenger, Christopher Rose, Solidar Zum Beispiel Vikneswary Kukanathan. Die 27-Jährige war während des Krieges mehrmals vertrieben worden und hat mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann schliesslich Unterschlupf in einem Flücht­ lingslager gefunden. Der Erlös aus ihrem Gemüsegarten und das unregelmässige Tagelöhnergehalt ihres Mannes reichten jedoch nicht aus, um die Familie durchzu­ bringen. So zeigte sie sich interessiert, als ein Agent sie als Hausangestellte für eine Familie in Saudi-Arabien rekrutieren wollte. Er versprach ihr eine gute Arbeit und einen Vorschuss von 150 000 Rupi­ en (ca. 1000 Franken) vor ihrer Abreise. Damit begannen die Probleme: Die junge Frau, ungeübt in solchen Dingen, liess sich die Vereinbarung nicht schriftlich bestätigen. Und wurde prompt übers Ohr gehauen. Statt 150 000 Rupien erhielt sie nur 80 000 Rupien. Sie gab das Geld ihrem Mann, liess ihre Kinder bei der

Schwiegermutter und reiste im Dezember 2011 nach Saudi-Arabien – ohne Ahnung, was auf sie zukommen würde.

wurde Vikneswary Kukanathan gezwun­ gen, die Lohnabrechnungen zu unter­ schreiben, ohne dass sie den Lohn aus­ bezahlt bekommen hätte. Nach zwei Jahren gelang ihr die Flucht. Sie suchte Hilfe bei der Polizei. Doch die brachte sie zurück zur Arbeitgeberin. Als diese mein­ te, die Narben, die die Misshandlungen auf der Haut der Hausangestellten hin­ terlassen hatten, hätten nichts mit ihr zu tun, ging die Polizei wieder und liess Vik­

Misshandelt und betrogen Von Beginn weg wurde Vikneswary Kukanathan von ihrer Arbeitgeberin be­ schimpft und misshandelt. Sie musste 12 bis 14 Stunden pro Tag arbeiten, durfte nicht mit ihrer Familie in Sri Lanka Kontakt aufnehmen und das Haus nicht verlassen. Schläge waren an der Tagesordnung. «Ich fühl­ te mich so allein und hilflos», «Heute bin ich am gleichen erzählt sie. «Ich bin geblie­ Punkt wie vor einem Jahr, nur ben, weil ich das Geld mit viel weniger Hoffnung.» brauchte und nicht wusste, wo ich hingehen sollte. Mei­ ne Arbeitgeberin hatte mir den Pass neswary bei ihrer Peinigerin zurück. Nun weggenommen und gedroht, ihn zu zer­ wurden die Misshandlungen und Drohun­ stören, wenn ich jemandem erzähle, wie gen noch schlimmer. Zwei Wochen später sie mich behandelt.» Nach einer Weile gelang es der jungen Frau wieder zu ent­


THEMA 11 Kukanathan wieder mit ihrem Mann und den Kindern zusammen, doch ihre Situa­ tion bleibt schwierig.

Sinthujan Sivapalasundaram und Vikneswary Kukanathan (unten links) nach ihrer Rückkehr nach Sri Lanka.

kommen. Doch auch dieses Mal brachte die Polizei sie zurück. Zum Glück war nun der Arbeitgeber zuhause, der bereits früher manchmal versucht hatte, sie vor den Attacken seiner Frau zu schützen. Er gab die Misshandlungen zu und erklärte sich bereit, den Rückflug nach Sri Lanka zu bezahlen. Dort war immer noch alles beim Alten: Als Vikneswary Kukanathan im April 2014 zurückkehrte, war ihr Mann noch immer arbeitslos. Sie überreichte ihm die mage­ ren Ersparnisse ihrer zweijährigen Tortur. Sie waren nach wenigen Monaten auf­ gebraucht. Schliesslich fand sie heraus, dass ihr Mann inzwischen mit einer an­ deren Frau zusammen war und diese mit ihrem Geld unterstützte. Sie zog zu ihrer Mutter, während ihre Kinder bei der Mut­ ter ihres Mannes blieben. Solidar unter­ stützte sie mit Beratung, um das Erlebte aufzuarbeiten. Heute lebt Vikneswary

Schöne Versprechungen … Kaum besser erging es Sinthujan Sivapa­ lasundaram. Er war als 15-Jähriger von den Tamil Tigers angeworben worden und kam nach dem Krieg ebenfalls in ein Lager. 2011 kehrte er mit seiner Familie in sein Heimatdorf Mullaiyavalai zurück. «Wir wollten unsere Felder wieder be­ stellen, doch die Quellen waren zerstört», erzählt Sinthujan. Die Familie wusste kaum, wie überleben. 2014 liess sich der 25-Jährige von einer Vermittlungsagen­ tur rekrutieren, um in Qatar bei einem indischen Unternehmen als Klempner zu arbeiten. Er nahm an einer Weiterbildung des Auslandarbeitsamts teil, wo er über Regeln, Religion und Arbeitsbedingun­ gen in Qatar informiert wurde und ein paar Brocken Arabisch lernte. Für Ver­ mittlung, Visum und Flug musste er der Agentur 110   000 Rupien (etwa 750 Franken) bezahlen. Das ist die übliche Praxis. Während Frauen eine Vorauszah­ lung erhalten, müssen Männer für die Vermittlung bezahlen. Um diesen Betrag aufzubringen, musste sich die Familie verschulden und ihren Schmuck verpfän­ den. Er unterzeichnete einen Arbeitsver­ trag, der 1200 Rial (ca. 320 Franken) Monatslohn und 200 Rial Essensgeld zusicherte. … böses Erwachen Doch in Qatar erhielt Sinthujan Sivapala­ sundaram einen neuen Vertrag, in dem nur noch 1000 Rial Lohn vorgesehen waren. Er weigerte sich, diesen Vertrag zu unterzeichnen. Aber der Vertrag, den er in Sri Lanka unterschrieben hatte, war gar nicht gültig – es fehlte die zwingend not­ wendige Unterschrift des sri-lankischen Arbeitsamts. Die Agentur hatte ihn aus­ getrickst. Also unterzeichnete er den neuen Vertrag doch und begann mit der Arbeit als Klempner. Untergebracht war er in einem drei mal drei Meter grossen Raum, zusammen mit neun weiteren Arbeitern. Bald wurden ihm andere Arbei­

ten zugeteilt, für die er nicht ausgebildet war. Er musste schweres Baumaterial schleppen und ungesichert auf Bauge­ rüsten balancieren. Als er nach acht Mo­ naten for­derte, wieder Klempnerarbeiten machen zu können, wurde er zwangsbe­ urlaubt. Er erhielt keinen Lohn und brach­ te sich nur dank der Unterstützung seiner Arbeitskollegen durch. Eine andere Ar­ beitsstelle konnte er nicht suchen, da der Arbeit­ geber seinen Pass einbehalten hatte, wie es das Kafala-System in Qatar vorsieht. In seiner Verzweiflung ging Sin­ thujan Sivapalasundaram immer wieder zum Management, bis dieses schliesslich einwilligte, ihn frühzeitig aus seinem Zweijahresvertrag zu entlassen und vom ausstehenden Lohn die Rückreise nach Sri Lanka zu bezahlen. Im Juni 2015 war er wieder zuhause, aller Hoffnungen be­ raubt: «Was ich in Qatar verdient habe, reicht gerade, um die Schulden bei meinen Verwandten zurückzuzahlen. Die Agenturen versprechen dir das Blaue vom Himmel, aber sie senden dich in die Hölle. Heute bin ich am gleichen Punkt wie vor einem Jahr, nur mit viel weniger Hoffnung und mit dem Gefühl, dass ich meine Familie schwer enttäuscht habe.» Subajini Rajendram ist Leiterin des Solidar-Projekts für potenzielle MigrantInnen in der Provinz Mullaitivu.

Beratung für potenzielle MigrantInnen Solidar Suisse berät in Sri Lanka Aus­ reisewillige, informiert sie über ihre Rechte, über die Situation im Zielland, über lega­le und illegale Vermittlungs­ praktiken der Rekrutierungsagenturen und über Anlaufstellen bei Problemen. Traumatisierte Zurückgekehrte erhal­ ten bei Bedarf psychologische oder juristische Begleitung. www.solidar.ch/srilanka_migration


12 NOTIZEN Neue Koordinatorin in Hongkong Seit Juni 2015 hat Solidar ein Koordina­ tionsbüro in Hongkong und eine Koordi­ natorin: Sylvia So. Die Anthropologin und Expertin für Entwicklungsfragen und hu­ manitäre Hilfe hat ihre Karriere als Jour­ nalistin begonnen. Sie wird die SolidarPartnerorganisationen in China begleiten und das Asienprogramm von Solidar wei­ terentwickeln. www.solidar.ch/china

Bolivien: Leben ohne Gewalt Solidar Suisse hat eine öffentliche Aus­ schreibung der DEZA gewonnen und wird von 2016 bis 2019 in Bolivien zu­ sammen mit lokalen Partnerorganisa­

tionen das Projekt Vida sin Violencia durchführen. Ziel ist es, Gewalt gegen Frauen mit konkreten Massnahmen zu begegnen und einen Kulturwandel zu unterstützen, der traditionelle Geschlech­ terrollen hinterfragt und Gewalt ächtet. Zum Beispiel mit öffentlichen Kampag­ nen, der Thematisierung in Schulen so­ wie Rechtsberatungsstellen auf Gemein­ deebene, die Gewaltopfer psychosozial und juristisch begleiten. Lokale Netzwer­ ke bringen öffentliche wie private Akteu­ rInnen zusammen und wirken tief in die Gesellschaft hinein. www.solidar.ch/bolivien

Schlussspurt für RASA Die Umsetzung der Masseneinwande­ rungsinitiative gefährdet nicht nur den bilateralen Weg mit der EU, sondern auch die Rechte von Flüchtlingen. Mit der Volksinitiative «RASA – Raus aus der Sackgasse!» soll die Verfassungs­ bestimmung, die am 9. Februar 2014 knapp angenommen wurde, wieder ge­ strichen werden. Für RASA wurden seit vergangenem Dezember 100 000 Unter­ schriften gesammelt. Nun braucht es einen starken Schlussspurt, um die feh­ lenden Unterschriften zu sammeln: www.initiative-rasa.ch

Förderung globaler Themen in den Medien Alliance Sud und die Schweizer Jour­ nalistInnenschule MAZ haben «real21 – die Welt verstehen» lanciert. Mit einem Medienfonds und Medienpreisen werden Quantität und Qualität der Berichter­ stattung über globale Themen in den hie­ sigen Medien gefördert. Medienschaf­ fende können journalistische Projekte eingeben, die von einer unabhängigen Fachjury geprüft werden. Für heraus­ ragende Beiträge werden jährlich zwei Medienpreise vergeben.

Zur Unübersichtlichkeit der Welt Im Hinblick auf die kommende Debatte zur Internationalen Zusammenarbeit 2017–2020 hat Alliance Sud, die Ar­ beitsgemeinschaft der Schweizer Ent­ wicklungsorganisationen, das Buch «Zur Unübersichtlichkeit der Welt» publiziert. Es analysiert die aktuellen Blockaden der internationalen Zusammenarbeit in einer multipolaren Welt: Die Weltwirt­ schaft ist seit der Finanzkrise von 2008 aus dem Tritt geraten. In reichen und armen Ländern wächst die soziale Ungleichheit. Die Hälfte der Weltbevöl­ kerung begnügt sich mit acht Prozent des Weltwirtschaftsprodukts, während das reichste Prozent drei Fünftel ein­ heimst. Der Klimawandel droht ausser Kontrolle zu geraten und bedroht die Nahrungsgrundlage Asiens und Afrikas. Ganze Regionen sind durch bewaffnete Konflikte destabilisiert. Welche politischen und wirtschaftlichen Veränderungen braucht es, damit diese Probleme angepackt werden können? Dies zeigt das Buch auf und bringt Aufklärung in eine scheinbar unüber­ sichtliche Welt. www.alliancesud.ch


THEMA 13 Aracely Guardado hat es nicht in die USA geschafft und engagiert sich nun in El Salvador für bessere Perspektiven. ​

TÄGLICH GEHEN 300 MENSCHEN AUS EL SALVADOR WEG Viele scheitern beim Versuch, in die USA einzureisen. Doch auch wenn sie es schaffen, erfüllt sich ihr Traum oft nicht. Text und Foto: Barbara Mangold Aracely Guardado aus Chalatenango hat bereits zweimal versucht, in die USA ein­ zureisen. Beide Male illegal, beide Male erfolglos. Die heute 25-Jährige fand nach dem Schulabschluss in ihrem Dorf eine Anstellung als Kindergärtnerin und begann Public Affairs zu studieren. Drei Jahre lang arbeitete sie tagsüber und studierte abends. Doch dann wurde ihre Stelle gestrichen und Aracely Guardado musste das Studium abbrechen. Damit war sie nicht allein: Von 14 Studierenden ihrer Klasse erreichten aus finanziellen Gründen nur fünf das letzte Jahr. Sie hei­ ratete, weil sie nicht nach Hause zurück wollte. Das Paar hielt sich mit Gelegen­ heitsjobs über Wasser, bis auch ihr Mann die Arbeit verlor und sie doch zu Aracelys Eltern ziehen mussten. 7000 Dollar für drei Versuche Da fassten die beiden den Entschluss, in die USA zu gehen. Sie beschafften je 7000 Dollar für den Schlepper, der sie

quer durch Guatemala an die mexikani­ sche Grenze brachte. Im Bus ging es weiter bis zum Rio Bravo, der Mexiko von Texas trennt. Doch bevor sie den Strom erreichten, gingen sie der mexikanischen Polizei ins Netz. Nach zwei Wochen Haft wurden sie zusammen mit 100 Lands­ leuten deportiert. Beim zweiten Anlauf – im Preis sind drei Versuche inbegriffen – schafften sie es bis zum Fluss. Dort aber gab der lokale Schlepper vor, das Geld nicht erhalten zu haben. Aracely erinnert sich unter Tränen: «Sie drohten, uns der Mafia auszuhändigen, wenn sie das Geld nicht innert zwei Wochen erhalten. ‹Dann seid ihr tot›, sagten sie.» Zuhause legten alle zusammen und überwiesen 2000 Dollar, sodass die beiden nach zwei ban­ gen Wochen in einem stickigen Lager­ haus heimreisen konnten. Auch in den USA keine Perspektive Mehr Erfolg hatten die drei Töchter von Maria Escobar. Die Älteste liess vor über

acht Jahren ihren 13 Monate alten Sohn bei der Grossmutter zurück, und mithilfe eines Schleppers gelang ihr die Einreise in die USA. Vier Jahre später folgten die beiden Schwestern, 17 und 18 Jahre alt. Inzwischen hat die Hoffnung jedoch Er­ nüchterung Platz gemacht. Zu dritt leben sie in einem Zimmer, und die Illegalität macht ihr Leben zum Versteckspiel: Sie verlassen ihr Zimmer nur, um zur Arbeit zu gehen. Doch diese ist so schlecht bezahlt, dass sie nur zu Weihnachten Geld nach Hause schicken können. Der zurückgelassene Enkel ist heute zehn Jahre alt. Inzwischen sparen die drei Schwestern für die Rückkehr nach El Salvador. «Hier verdienen sie zwar we­ nig, aber wenigstens sind sie nicht recht­ los», bilanziert Maria Escobar. Auch Aracely will nun in El Salvador blei­ ben und verzichtet auf den dritten Ver­ such. Sie möchte ihr Studium beenden und setzt sich in der lokalen Frauenorga­ nisation für die Interessen von Frauen und Jungen ein. «Weggehen hilft nicht, aber sich engagieren hilft», meint sie und wischt sich die Tränen ab. Barbara Mangold ist bei Solidar für Stiftungspartnerschaften zuständig.

Perspektiven für Jugendliche in El Salvador Die Jugendarbeitslosigkeit in El Sal­ vador ist hoch, auch gut ausgebildete Jugendliche haben kaum Perspekti­ ven – einer der Hauptgründe für die massive Auswanderung. 2014 sand­ ten die MigrantInnen mehr als vier Mil­ liarden Dollar nach Hause, das sind 17 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Solidar Suisse engagiert sich dafür, dass Jugendliche in El Salvador Perspektiven entwickeln können. www.solidar.ch/elsalvador


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Schicken Sie das Lösungswort an Solidar Suisse – mit einer Post­ karte oder per E-Mail an: kontakt@solidar.ch, Betreff «Rätsel».

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Spielregeln Füllen Sie die leeren Felder mit den Zahlen von 1 bis 9. Dabei darf jede Zahl in jeder Zeile, jeder Spalte und in jedem der neun 3x3Blöcke nur einmal vorkommen. Das Lösungswort ergibt sich aus den schraffierten Feldern waagrecht fortlaufend, nach folgendem Schlüssel: 1= B, 2 = R, 3 = A, 4 = N, 5 = W, 6 = E, 7 = D, 8 = T, 9 = I

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1. Preis Eine Tonschale 2. Preis Ein Tonkrüglein 3. Preis Eine Packung Fairtrade-Kaffee Die Preise stammen aus einer Genossenschaft von KaffeebäuerInnen im nicaraguanischen Jinotega, die von Solidar unterstützt wird. Einsendeschluss ist der 14. Dezember 2015. Die Namen der Ge­ winnerInnen werden in der Solidarität 1/2016 veröffentlicht. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist aus­ geschlossen. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Mitarbeitende von Solidar Suisse. Das Lösungswort des Rätsels in Solidarität 3/2015 lautete «Trinkwasser». François Schmitt aus Biel, Beat Seiler aus Bern und Lucie Kradolfer aus Solothurn haben je ein Drahttier aus Moçambique gewonnen. Wir danken den Mitspielenden für die Teilnahme.

Lösungswort

NETZWERK Integration hat viele Gesichter Das Thema Integration ist in aller Munde. Täglich erreichen uns Neuigkeiten und Bilder von Menschen, die ihr Heimatland in einer Notsituation verlassen haben und hoffen, in Europa ein neues Leben aufbauen zu können. Damit Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene sich in der Schweiz erfolgreich integrieren können, brauchen sie Unterstützung, Aus- und Weiterbildung, Austausch- und Vernet­ zungsmöglichkeiten. Integriert zu sein heisst auch, in den Ar­ beitsprozess eingebunden zu sein – eine zentrale Voraussetzung, damit Menschen sich als Individuum anerkannt fühlen und im Rahmen ihrer Fähigkeiten und Mög­ lichkeiten Verantwortung für ihr Leben und das Zusammenleben tragen können.

Die neue Ausgabe der SAH-News des SAH Zentralschweiz widmet sich dem Thema Integration und zeigt, wie Men­ schen dabei unterstützt werden können – stets unter Berücksichtigung ihrer indi­ viduellen Ressourcen und Möglichkeiten. www.sah-zentralschweiz.ch

Französischkurse unter den Bäumen Hundert Leute sitzen in kleinen Gruppen auf dem Rasen: Das war das Bild der Französischkurse in einem Park in Genf diesen Sommer. Sie wurden im Juli und August vom SAH Genf im Auftrag des Integrationsbüros organisiert. Bis zu 130 Personen nahmen daran teil. Das einfa­ che Prinzip kam an: Gratiskurse ohne Anmeldung, um die Sprachkompetenzen zu verbessern, die Stadt und neue Men­ schen kennenzulernen, sich zu integrie­ ren. Nicht nur frisch Eingereiste, die Ziel­ gruppe des Projekts, nahmen daran teil, sondern auch AusländerInnen, die be­ reits seit mehreren Jahren in der Schweiz leben und ihre Sprachkenntnisse erwei­ tern wollten. Alle hoffen bereits auf eine Neuausgabe 2016.


THEMA 15 Moria Valverde muss stets eine Ausschaffung befürchten. Deshalb hält sie sich wenig im öffentlichen Raum auf und kann nicht erkennbar aufs Bild.

«MEINE TOCHTER SOLL NICHT BÜGELN» Sans-papiers sind in der Schweiz die ArbeitsmigrantInnen mit den prekärsten Lebensbedingungen. Moria Valverde ist eine von ihnen. Text und Foto: Katja Schurter «Ich putze in sechs privaten Haushalten und einem Coiffeursalon je drei bis vier Stunden, entweder wöchentlich oder alle 14 Tage», erzählt Moria Valverde*. Doch eine feste Anstellung hat sie nicht. Wenn ihre ArbeitgeberInnen abwesend sind, gibt es keine Arbeit – und keinen Lohn. Manchmal sind die Absagen sehr kurz­ fristig, ebenso die Anfragen für einmali­ ge Einsätze. So weiss sie nie, wie hoch ihr Einkommen am Ende des Monats sein wird. Moria Valverde verdient zwi­ schen 20 und 25 Franken die Stunde, bar auf die Hand, ohne Abzüge, aber auch ohne Sozialversicherungen. Moria Valverde ist eine von mindestens 100 000 Sans-Papiers in der Schweiz. Sie kam vor zwei Jahren mit einem Tou­ ristinnenvisum hierher, um drei Monate lang die zwei Kinder einer Familie zu be­ treuen und den Haushalt zu führen. Bei der Familie wohnte sie in einem kleinen Kämmerchen und arbeitete an sechs Ta­ gen die Woche jeweils von 6 bis 21 Uhr. Ihr Monatslohn: 1000 Franken plus Kost und Logis. Aus Mangel an Perspektiven liess die Nicaraguanerin ihre 14-jährige

Tochter bei der Grossmutter zurück und versuchte ihr Glück in der Schweiz. «Ich hoffte auf ein besseres Leben und dach­ te, ich könne irgendwann meine Tochter nachholen, damit sie hier studiert», meint die 34-Jährige, die nur die Sekundar­ schule abgeschlossen hat.

auch Unterkunft. Schlussendlich blieb sie trotzdem, wohnte abwechselnd bei Mit­ gliedern der Gruppe und hangelte sich von einem Arbeitseinsatz zum nächsten. «Es war eine sehr schwierige Situation. Ich wurde depressiv und schlief die meiste Zeit», erzählt die lebhafte junge Frau. «Das Haus verliess ich nur noch, um zur Kirche zu gehen. Dort traf ich eine Peruanerin, die mir eine Arbeit vermittelte. Die stabilsten Arbeitsstellen fand ich jedoch über das Colectivo Sin Papeles.» In diesem Zusammenschluss von Sans-Papiers fühlte sie sich unter­ stützt und begann sich zu engagieren. Legalisierung nur durch Heirat «Wegen meines illegalen Status hatte ich zu Beginn grosse Angst, auf die Strasse zu gehen», erinnert sich Moria. «Stets halte ich die wichtigsten Vorsichtsmass­ nahmen ein: nie ohne Ticket Tram fahren, nicht an die Langstrasse oder in die Disco gehen, nachts zuhause bleiben.» Doch die unsichere Situation nagt an der lebhaften jungen Frau: «Ich weiss nicht, wie lange ich so weitermachen kann. Die Sans-Papiers-Anlaufstelle hat mich darü­ ber informiert, dass eine Heirat die einzige Legalisierungsmöglichkeit ist. Doch ich möchte nicht nur fürs Papier heiraten.» Sie schickt monatlich zwischen 50 und 200

Isolation und Abhängigkeit Doch in der Schweiz wartete Isolation auf sie – bis sie eine spanischsprachige Frau in der Schule eines der betreuten Kinder ansprach, ebenfalls eine Nicara­ guanerin, wie sich herausstellte. 1000 Franken für An ihrem freien Tag gingen die 15 Stunden Arbeit an beiden nun zusammen in die Kirche, wo Moria einer Frauen­ 6 Tagen die Woche. betgruppe beitrat. «Weniger we­ gen des Glaubens als wegen des zusätzlichen freien Abends, den mir Franken nach Hause, um ihre Tochter zu meine Chefin dafür gewährte», schmun­ unterstützen: «Sie soll später nicht nur bü­ zelt sie. Der Kontakt zu den Frauen der geln wie ihre Mutter und Grossmutter!» Gruppe, die fast alle aus Lateinamerika stammen, wurde enger, und nach Ablauf Katja Schurter ist verantwortliche der drei Monate empfahlen diese ihr, Redaktorin der Solidarität. in der Schweiz zu bleiben. Doch Moria Valverde fehlten sowohl Arbeitsstelle als * Name geändert.


16 NOTIZEN UNO verabschiedet SDG Am 25. September 2015 haben über 150 Staats- und RegierungschefInnen an der 70. Generalversammlung der UNO die Sustainable Development Goals (SDG) verabschiedet. Diese lösen die im Jahr 2000 von der UNO festgelegten Millenniumsziele ab, mit denen die welt­ weite Armut und Ungleichheit bekämpft werden sollten. Dabei wurden erhebliche Fortschritte erzielt, auch wenn einige der acht Ziele nicht in allen Entwicklungs­ ländern erreicht wurden. Anders als bei den Millenniumszielen, waren bei der Ausarbeitung der SDG auch NGOs einbezogen. Die SDG be­ stehen aus 17 sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zielen, die nicht isoliert voneinander entwickelt wurden, sondern als sich gegenseitig beeinflussendes System verstanden werden. Auch richten

Das jurassische Parlament unterstützt Solidar

sie sich nicht nur an Entwicklungsländer, sondern ebenso an die Industrieländer. Das heisst, die Schweiz muss auch in­ nenpolitisch aktiv werden: Zum Beispiel, indem sie endlich den Anteil der Ent­ wicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Na­ tionaleinkommens erhöht, statt das Ent­ wicklungsbudget zu kürzen. Oder indem sie ihre Sozialpolitik verändert. Denn mit den SDG verpflichtet sich die Schweiz, dass die unteren Einkommen schneller wachsen als die höheren. Dies bedingt eine Umverteilungspolitik. www.solidar.ch/news

Sei Solidar Mit einem witzigen Videospot möchten wir Solidar bekannter machen und zeigen, was uns wichtig ist. Ab Ende Dezember im Kino und per sofort unter: www.solidar.ch/videos

ENGAGIEREN SIE SICH – ÜBER IHR LEBEN HINAUS!

Wenn Sie einen Teil Ihres Nachlasses den Projekten von Solidar Suisse für faire Arbeit widmen, verhelfen Sie vielen benachteiligten Menschen zu einer Existenz in Würde und Gesundheit. Vielen Dank, dass Sie an uns denken! Solidar Suisse, Quellenstr. 31, 8031 Zürich, PC 80-188-1

Gute Neuigkeiten aus dem Kanton Jura: Das jurassische Parlament unterstützt die Petition von Solidar Suisse und for­ dert von der Fifa einen Nachhaltigkeits­ kodex. Am 17. Juni hat eine Mehrheit der Mitglieder des Parlaments die Interpella­ tion «Soziale Verantwortung für die Fuss­ ball-Weltmeisterschaften» unterzeichnet, die von Jean-Pierre Petignat eingebracht worden war. Die Solidar-Petition verlangt von der Fifa die Schaffung eines Nach­ haltigkeitskodexes, der die Einhaltung der Menschenrechte vor und während den Fussball-Weltmeisterschaften garantiert. Sie kann weiterhin unterschrieben wer­ den: www.solidar.ch/fifa


AKTUELL 17

Viele syrische Flüchtlinge im Libanon leben in behelfsmässigen Unterkünften, die dem bevorstehenden Winter nicht standhalten.

DIE FLÜCHTLINGE BRAUCHEN HILFE Nach vier Jahren zeichnet sich kein Ende des Syrien-Konflikts ab. Die ehemalige Solidar-Landeskoordinatorin im Libanon berichtet. Text: Catherine Wybrow, Fotos: Liv Tørres und ECHO Acht Millionen SyrierInnen wurden intern vertrieben, vier Millionen sind ausser Landes geflohen. Einige nach Europa, oft auf gefährlichen Wegen. Die meisten jedoch haben in einem Nachbarland Zuflucht gesucht, über 1,2 Millionen im Libanon. Solidar Suisse unterstützt die Flüchtlinge im Libanon seit Oktober 2012 und eröff­ nete ein Jahr später im südlibanesischen Nabatieh ein Büro. Von hier aus haben wir bisher mehr als 10 000 Familien mit Heizungen, Matratzen und Decken, mit witterungsfesten Unterkünften und mit den nötigsten Alltagsgütern versorgt. Grosse Hilfsbereitschaft Dabei sind mir zwei libanesische Brüder in besonderer Erinnerung geblieben. Die beiden waren dabei, ein neues Haus zu bauen, als sie von syrischen Flüchtlingen hörten, die in der Nähe in Zelten hausten. Kurzerhand überliessen sie ihnen den Rohbau. 11 Erwachsene und 8 Kinder profitieren von der grossherzigen Geste. Das ist nur eine der Geschichten, die

mich im Libanon beeindruckt haben. Ich kann mir kaum ein anderes Land vorstel­ len, das so grosszügig auf die Not der vielen Flüchtlinge reagiert hätte. Mittler­ weile machen die Vertriebenen mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus. Dringend benötigte Unterkünfte Doch eine einseitige Unterstützung syri­ scher Flüchtlinge hätte soziale Spannun­ gen im Land gefördert. Denn viele liba­ nesische Familien sind arm, der Service public ist durch die Bevölkerungszunah­ me überstrapaziert. Deshalb profitiert auch die libanesische Bevölkerung von unserem Programm. Ein Beispiel: Weil die Regierung keine Flüchtlingslager zulässt, hausen die meisten Flüchtlinge in behelfsmässigen Unterkünften. In Zu­ sammenarbeit mit den lokalen Behörden baut Solidar die Häuser fertig. Im Ge­ genzug dürfen die Flüchtlinge ein Jahr gratis wohnen. Davon profitieren alle: Die Flüchtlinge haben eine sichere Unter­ kunft, wir schaffen Arbeitsplätze und die

VermieterInnen profitieren von den bauli­ chen Massnahmen. Solidar Suisse hat auch den Rohbau der erwähnten libanesischen Brüder vollen­ det. Als ich sie besuchte, sorgte sich der libanesische Besitzer um einen Flücht­ lingsjungen, der sich eine Atemwegser­ krankung zugezogen hatte. Zu seiner Er­ leichterung konnten wir die benötigten Artikel liefern, um die Unterkunft der Familie für den bevorstehenden Winter zu isolieren und den Jungen zu schützen. Und ich weiss: Nicht nur im Libanon, auch in der Schweiz lassen sich Men­ schen vom Schicksal der Flüchtlinge be­ wegen. Viele haben unsere Arbeit mit einer Spende unterstützt. Ihnen allen herzlichen Dank dafür. www.solidar.ch/syrien

Die Schweiz muss mehr tun Die Schweiz muss ihr humanitäres En­ gagement massiv ausbauen und ihre Asylpraxis der akuten Flüchtlingskrise anpassen. Deshalb fordert Solidar den Bundesrat auf, die finanziellen Beiträ­ ge für die Syrien-Flüchtlingshilfe vor Ort zu verdoppeln; das Kontingent be­ sonders verletzlicher syrischer Kriegs­ opfer, die in der Schweiz aufgenom­ men werden, auf mindestens 10 000 zu erhöhen; sich in der europäischen Gemeinschaft dafür einzusetzen, dass das tausendfache Sterben im Mittel­ meer aufhört, und das Botschaftsasyl Felix wieder Gnehm einzuführen. ist Leiter Internationale Programme bei Solidar Suisse.


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SAMIR BLEIBT

Die Berufsperspektiven von Jugendlichen in Bosnien und Herzegowina sind schlecht. Deshalb versuchen viele ihr Glück im Ausland. Samir Puric engagiert sich hingegen für Veränderungen im eigenen Land. Text: Cyrill Rogger, Fotos: Armin Šestic


EINBLICK 19 weitgehend selber, was auf den Tisch kommt. Zusammen mit den Gelegen­ heitsjobs des Vaters hat die Familie gera­ de das Nötigste zum Leben.

Samir Puric studiert Philosophie in Zenica und engagiert sich bei der NGO Zora dafür, dass Jugendliche eine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalten.

«Für mich stand fest, dass ich alles daran setzen werde, ein Stipendium für einen Studienplatz im Ausland zu bekommen», sagt der 20-jährige Samir Puric. So wie Samir denken viele Jugendliche in Bos­ nien und Herzegowina. Denn ihre be­ ruflichen Perspektiven sind alles andere als rosig. Die Jugendarbeitslosigkeit be­ trägt über 60 Prozent, und die begehrten Jobs, insbesondere bei der öffentlichen Verwaltung, sind oftmals nur mit entspre­ chenden Beziehungen zu bekommen. Samir stammt aus Mala Rijeka, einem kleinen Dorf nördlich der Stadt Zenica im Zentrum des Landes. Er ist mit einem Bruder und einer Schwester bei seinen Eltern und Grosseltern in einfachen Ver­ hältnissen aufgewachsen. Wie die meis­ ten NachbarInnen, produziert die Familie

der Flutkatastrophe im letzten Mai stand Samir unermüdlich für das Wiederauf­ bauprojekt von Solidar Suisse im Einsatz. Während dieser Zeit wohnte er mit hunderten anderen Evakuierten in einer Turnhalle, denn auch das Haus seiner Familie war wegen der Erdrutsche vorübergehend unbewohnbar. Vor eineinhalb Jahren erhielt Samir den positiven Entscheid für eines der be­

Arbeitsmarkttaugliche Ausbildung Bereits im Gymnasium von Zenica en­ gagierte sich Samir im Schulrat. Im lan­ desweiten Netzwerk der Schulräte traf er auf viele Gleichgesinnte, die sich für die SchülerInnen an Gymna­ sien und Berufsschulen im «Ich setzte alles daran, einen ganzen Land einsetzen. Das Anliegen des Netzwerks: Studienplatz im Ausland zu «Die Ausbildung muss bes­ bekommen.» ser auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts abgestimmt werden und die Schülerinnen und Schü­ gehrten Stipendien an einer türkischen ler an die Arbeitswelt heranführen», sagt Universität. Doch Samir lehnte dankend Samir Puric. ab: «Das Camp war ein Wendepunkt. Ich Das gleiche Ziel verfolgt das Projekt der habe erkannt, dass ich hier in Zenica Solidar-Partnerorganisation Zora in Zeni­ etwas bewirken kann, und weiss jetzt: ca. Sie informiert besonders motivierte Ich bleibe hier.» Gymnasiastinnen und Berufsschüler in einem Sommercamp über Karrierepla­ Cyrill Rogger ist Programmleiter nung und den Einstieg ins Berufsleben. Südosteuropa bei Solidar Suisse. Diese geben ihre Erkenntnisse in den rund 17 Berufsschulen und Gymnasien im Kanton Zenica Doboj an ihre Mit­ schülerInnen weiter. Als Samir 2013 vom Sommercamp hörte, meldete er sich Regionales Programm sofort. «Zur Misere, dass es in Bosnien und Herzegowina viel zu wenige Jobs für Zora ist eine von fünf Partnerorgani­ Jugendliche gibt, kommt hinzu, dass sationen von Solidar Suisse im regio­ uns kaum Informationen zu Ausbildun­ nalen Programm Jugend und Arbeit, gen und Karrieremöglichkeiten vermittelt das Berufsberatung und praktische werden. Das wollte ich verändern, und Berufsausbildung in Kosovo, Serbien das Programm des Camps klang vielver­ sowie in Bosnien und Herzegowina sprechend. Das Camp hat meine hohen fördert. Es trägt dazu bei, dass die Erwartungen dann sogar noch übertrof­ Jugend­ lichen besser Bescheid wis­ fen», erzählt er begeistert. sen über Aus­ bildungsmöglichkeiten, Berufsrealität und Chancen auf dem Zugang zu Informationen eröffnen Arbeitsmarkt. Berufsmessen verbes­ Vom Camp zurückgekehrt, schloss sich sern zudem den Informationsaus­ Samir unverzüglich dem Team von Zora tausch zwischen Schulen und Arbeit­ an, das sich aus rund 20 StudentInnen gebenden und fördern damit die und jungen Berufsleuten zusammen­ Praxisrelevanz der Ausbildung. Die setzt. Seither informiert er an Berufs­ Vernetzung verschiedener NGOs schulen und Gymnasien über die Mög­ macht es möglich, erfolgreiche Kon­ lichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und gibt zepte landesweit umzusetzen. den SchülerInnen Tipps für Bewerbun­ www.solidar.ch/berufsausbildung gen und Vorstellungsgespräche. Nach


«Letztes Jahr wurde ich beim Wasserholen von einem Krokodil verletzt. Das kann nicht mehr vorkommen. Denn nun steht im Dorf ein neuer Brunnen mit sauberem Wasser. So kann ich meine Zeit viel besser nutzen und bin weniger krank.» Inez Kenadi aus Catandica

SCHENKEN SIE SAUBERES WASSER Verschenken Sie diese Karte zu Weihnachten, damit eine Familie in Moçambique weniger Durchfall hat – und laden Sie Ihre FreundInnen und Verwandten zum Basteln ein.

SCHENKEN SIE... … ein erdbebenfestes Haus, damit eine Familie in Nepal wieder ein Dach über dem Kopf hat. … einen Marktstand, damit eine Familie in Nicaragua ihre Existenz sichern kann.

So einfach funktioniert es: • Bestellen Sie die neuen Solidar-Geschenkkarten im Wert von je 50 Franken mit dem beiliegenden Antworttalon oder online unter: www.solidar.ch/geschenk • Sie erhalten umgehend die bestellte Anzahl Karten und einen Einzahlungsschein. • Auf der Karte können Sie Ihren Namen und denjenigen der beschenkten Person eintragen.

Mit jeder Karte unterstützen Sie die weltweiten Entwicklungsprogramme von Solidar Suisse zu Gunsten benachteiligter Menschen.

Wir garantieren Ihnen die Lieferung vor Weihnachten für alle Bestellungen, die bis zum 22. Dezember 2015 bei uns eintreffen. Bei Fragen kontaktieren Sie uns bitte unter 044 444 19 19 oder kontakt@solidar.ch


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