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VII

Vorwort

„Eigentlich wollte ich nur eine symphonische Humoreske schreiben, und da ist mir das normale Maß einer Symphonie daraus geworden – während früher, als ich dachte, daß es eine Symphonie werden sollte, es mir zur dreifachen Dauer – in meiner Zweiten und Dritten – wurde.“ So kommentierte Mahler nach Mitteilung von Natalie Bauer-Lechner im August 1900 die eben im Partiturentwurf fertiggestellte Symphonie, die sich in Satzanzahl, Aufführungsdauer und Besetzung im Gegensatz zu den vorhergehenden deutlich auf ein klassisches Maß beschränkt. Was aber kann Mahler mit „symphonische Humoreske“ meinen? Der Bezug zu Schumanns Humoreske op. 20 für Klavier ist sicherlich kein rein formaler, wie an den ersten Plänen Mahlers zu seinem Werk zu zeigen sein wird. Vielmehr handelt es sich um ein Konzept, eine Geisteshaltung, wie auch bereits Schumann selbst den damals im deutschen Sprachgebrauch neu aufgekommenen Begriff des Humors mit Jean Paul und den romantischen Sprachtheoretikern wie Friedrich Schlegel eng verknüpft. Der Keim dieser symphonischen Humoreske reicht in Mahlers Hamburger Zeit zurück, als er im Frühjahr 1892 fünf Lieder nach Texten aus Des Knaben Wunderhorn schrieb, aus denen gleich darauf seine ersten Orchesterlieder werden sollten, die alle den Titel „Humoreske“ erhielten. „Das Himmlische Leben“, wie das Wunderhorngedicht „Der Himmel hängt voller Geigen“ in Mahlers Vertonung heißt, hatte er am 12. März 1892 in der Orchesterfassung beendet und noch im selben Jahr in Hamburg uraufgeführt. Mahler sah in diesem Text eine besondere Mischung aus „Schelmerei“ und „tiefstem Mystizismus“, die ihn immer wieder zu Betrachtungen über seinen Humorbegriff anregte. „Es ist alles auf den Kopf gestellt, die Kausalität hat ganz und gar keine Gültigkeit! Es ist, wie wenn du plötzlich auf jene uns abgewandte Seite des Mondes blicktest!“ Das Motiv der „Schellenkappe“, im Lied ein wiederkehrendes Zwischenspiel mit Staccati in gestopften Trompeten und col-legnoStreichern, wird in der Symphonie zusätzlich durch das Instrument einer Schelle verdeutlicht und findet bereits im ersten Satz thematisch Verwendung. Ein handschriftlicher undatierter Satzplan aus der Zeit von ca. 1895 enthält sechs(!) Einzeltitel für die damals so deklarierte „4. Symphonie / Eine Humoreske“, darunter auch die zweier anderer Vertonungen Mahlers aus Des Knaben Wunderhorn, nämlich „Das irdische Leben“ und „Morgenglocken“ (womit ziemlich sicher der Chorsatz „Es sungen drei Engel“ gemeint ist, der seinerseits motivische Bezüge zum Lied „Das Himmlische Leben“ aufweist). Als Schlusssatz war bereits „Das himmlische Leben“ vorgesehen, das unter dem Titel „Was mir das Kind erzählt“ zuvor zeitweise als Finale für die damals noch mit sieben Sätzen geplante Symphonie Nr. 3 aufscheint. Eine Verknappung der Form kann Mahler also ursprünglich auch bei der Symphonie Nr. 4 nicht im Sinn gehabt haben. Als der seit 1897 in Wien zunächst als Kapellmeister und dann Direktor an der Hofoper vielbeschäftigte, ja überlastete Künstler im Sommer 1899 endlich wieder zu diesem Kompositionsprojekt zurückkehren konnte, hatte sich seine Konzeption inzwischen auf das „(Wiener) Klassische“ Maß der Viersätzigkeit konzentriert. Er selbst äußerte sich nach Beendigung der ersten Niederschrift am 1. August 1900 erstaunt über die (von ihm selbst angenommene) Gesamtdauer von nur 45 Minuten (was so viel ist wie der Kopfsatz der Symphonie Nr. 3 allein). Besonderen Wert legte er auf die für ihn neuartige formale und motivische Verkettung aller vier Sätze: „Jeder der drei Sätze hängt aufs innigste und bedeutungsvollste mit dem letzten zusammen“, schrieb er 1911 an den Autor einer damals eben erschienenen Werkeinführung, der gerade dies offenbar nicht erkannt hatte. Diese Zusammenhänge waren während der Entstehung des Werks nicht immer nur linear auf die „ganz verjüngende Spitze von dem Bau“ des „himmlischen“ Finalsatzes ausgerichtet, denn der unheimliche Scherzosatz, von dem noch die Rede sein wird, war in den erhaltenen Skizzen als „2. Satz“ überschrieben, ist in der Partiturreinschrift jedoch zunächst als „3. Satz (Scherzo)“ bezeichnet und kam erst danach wieder an seinen ursprünglich vorgesehenen Platz. Die Uraufführung der Symphonie Nr. 4 fand am 25. November 1901 in München statt, und in den Jahren bis zu seinen letzten Konzerten am 17. und 20. Jänner 1911 in der New Yorker Carnegie Hall führte Mahler seine Vierte insgesamt noch acht Mal selbst auf. Mit


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