Sonntagsblick_Februar_2018

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GETTY AUFERSTEHUNG

Nr. 5 l 2018

EINES KRIMINALFALLS

Seite 26

Magazin

Albrecht von Haller hat den Tierversuch erfunden, Lukas Bärfuss seziert ihn. Seiten 4–9


MAGAZIN 4. Feburar 2018

Nr. 5 — 2018

Inhalt

Weiche Herzen nach italienischem Rezept Wir glauben, sie zu kennen. Doch warten Sie, bis Sie dieses ­Artischockengericht kosten.

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Sie feierte und ging dafür in den Knast Kholoud Bariedah (32) war über ein Jahr in ­einem saudischen Gefängnis. ­Heute lebt sie in Berlin im Exil und kämpft gegen die Unterdrückung der Frau. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

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Der Milliardärssohn und das fehlende Ohr John Paul Getty III war der Sohn des reichsten Mannes der Welt und genoss das Leben. Bis ihn die Mafia entführte.

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Der Krebs und seine Opfer in der Schweiz Jedes Jahr sterben 16 000 Menschen an Krebs. Doch längst nicht alle K ­ rebsarten sind tödlich. Die Grafik.

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Cover: Getty Images, Philippe Rossier

Inhalt: Stefan Bohrer, Getty Images, Keystone

Sparen bei der Kassenprämie

Der blaue Sack oder wie ein Möbelhaus Hollywood eroberte

Es wird immer schwieriger, Verbilligungen zu erhalten, weil die ­Kantone knausern.

Ingvar Kamprad ist tot. Doch sein Lebenswerk, der Möbelriese Ikea, lebt weiter. Und hat mit seinen Möbeln längst die Populärkultur erobert.

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18 Kunst kopfüber

Kolumnen

Georg Baselitz stellt Dinger gerne auf den Kopf. Wir analysieren eines seiner Werke.

32 Meyer rät

15 SonntagsBlick «Magazin», ­Dufourstrasse 23, 8008 Zürich, magazin@sonntagsblick.ch

DIE GROSSE FRAGE

Welches ist der schönste Liebesfilm? Antworten Sie per E-Mail auf magazin@sonntagsblick.ch, Betreff «Die grosse Frage» oder auf www.blick.ch/sonntagsblick/grosse-frage

39 t  Feedback Ihre Meinung ist uns wichtig!


26  Kultur

Am Start: Lo & Leduc

COOLER ALS DER ALETSCHGLETSCHER In «Jung verdammt» besangen sie vor vier Jahren eine teuflisch hübsche Frau in einem roten Kleid. Seither ist das Duo Lo & Leduc mit seinem ­tanzbaren Mundart-Pop aus der Schweizer Hitparade und ­Konzertlandschaft nicht mehr wegzudenken. Dass Lorenz Häberli (30) und Luc Oggier (28), wie die beiden Berner heissen, auch anders können, bewiesen sie jüngst am ­Virus Bounce Cyper, wo sie gegen ­Rapper aus der ganzen Schweiz antraten und viele von ­ihnen mit nicht

Heute vor

ganz jugendfreien Textzeilen in den Schatten stellten. Jetzt haben Lo & Leduc ohne Vorankün­ digung das Gratisalbum ­«Update 4.0» ins Netz ­gestellt, das auch Hip-Hop-Fans gefallen dürfte. Und mit gran­ diosen Texten auftrumpft. «Ich han en cooler Flow als dr Aletschgletscher», rappt Lo über einen schleppenden TrapBeat auf «Lug wi mir ­flüge». Leduc sagt im hitverdächtigen Track «Tupac» über sich: «Sorry, er isch married. Für ihn ­muesch du früecher ufschtah wie für en Märit.» Mann, macht das Spass!

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Der grosse

Get

Der Enkel des reichsten Mannes der Welt sorgte 1973 mit einem spektakulären Entführungsfall für dicke Schlagzeilen. Nun erlebt die Story von John Paul Getty III ein riesiges Revival.

Jahren ...

«DER GUTE MENSCH VON SEZUAN» Drei Götter wol-

len in der chinesischen Provinz Sezuan beweisen, dass gute Menschen auf der Welt leben. Bald ­müssen sie erkennen: Gut zu sein und doch zu leben, ist unmöglich. «Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.» Die Uraufführung von Bertolt Brechts Drama fand am 4. Februar 1943 im Schauspielhaus Zürich statt.

DANIEL ARNET

D

ie stümperhaft abgeschnittene Ohrmuschel ist schon leicht verwest, die Blutreste sind verkrustet. Wegen eines Pöstlerstreiks in Italien landet der Brief mit dem makabren Inhalt erst am 10. November 1973, mit vier Wochen Verspätung, auf der ­ Redak­ tion der römischen Tages­ zeitung «Il Messaggero». «Abbiamo ricevuto l’orecchio di Paul Getty» – «Wir haben Paul Gettys Ohr erhalten», titelt das Massenblatt Tage später.

Die Entführung des Enkels des damals reichsten Menschen der Welt – des US-Milliardärs und Öl-Tycoons J. Paul Getty (1892–1976) – macht 1973 weltweit Schlag­ zeilen: Am 10. Juli wird der Teenager auf offener Strasse mitten in Roms Altstadt gekidnappt. Erst am 15. Dezember kommt er frei – verstümmelt und abgemagert greift ihn die Polizei an einer ­Autobahnraststätte zwischen Rom und Neapel auf. Der knausrige Grossvater hat das Lösegeld in Millionenhöhe erst gezahlt, nachdem die Mafia gedroht hatte, John


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Fotos: Claudio Abate

ty Paul Getty III «in kleinen Stücken» der Familie zurückzusenden. Was damals Papparazzi auf Trab hielt, versetzt heute Buchautorinnen, Filmregisseure und TV-Produzenten in Bewegung: Am 5. Februar veröffentlicht der WeissbooksVerlag das Buch «Kidnapping Paul» von Gisela Getty (68), die deutsche Autorin ist die damalige Freundin und spätere Ehefrau des Verschleppten; am 15. Februar bringt der britische Meisterregisseur ­Ridley Scott (80, «Blade Runner») mit «All the Money in the World»

seine Sicht des Kriminalfalls in die Kinos; und ab 25. März beginnt der US-Sender FX Network mit der Ausstrahlung des Zehnteilers «Trust». Regie führt der englische Oscar-Preisträger Danny Boyle (61, «Slumdog Millionaire»).

Horror, High Society, Sex and Crime Getty auf allen Kanälen. 45 Jahre nach der Tat hat der Fall nichts vom Sensationsgehalt verloren. Da sind die bildhübschen deutschen Zwillingsfrauen, die mit Getty junior

p Leben im Untergrund: John Paul Getty III im Studio seiner Römer Kellerwohnung im Jahr 1972.

durch Roms Untergrund tingeln, und da ist die ruchlose kalabrische Mafia ’Ndrangheta, die den reichen Sprössling entführt. Doch es ist weit mehr als Sex and Crime drin, was allein schon eine schmissige Boulevardstory hergäbe. Hinzu kommen Einblicke in die High Society mit dem schwerreichen Patron, dessen Vermögen sich bereits 1966 auf 1,6 Milliarden Dollar beläuft und der in Los Angeles eine gigantische, antike Villa nachbauen lässt. Abgeschmeckt wird der Plot mit einer Familien- 


28  Kultur Das Entführungsopfer mit seiner Frau im Jahr 1974: John Paul und Gisela Getty glücklich ­wiedervereint nach dem ­Kidnapping.

Getty auf allen Kanälen

von Ridley Scott mit Mark Wahlberg und Christopher Plummer, ab 15. Februar im Kino

Zehnteilige Fernseh-Serie «Trust» von Danny Boyle mit Hilary Swank und Donald Sutherland, ab 25. März auf FX Network

Erzählendes Sachbuch «Kidnapping Paul» von Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Weissbooks-Verlag, ab 5. Februar im Handel q

 fehde. Die Mutter des Entführungsopfers hat sich zuvor vom Kindsvater getrennt und streitet sich jetzt mit dem Getty-Clan um das Sorgerecht. Und zum Schluss gibt es einen Schuss Horror mit dem abgeschnittenen rechten Ohr. Fertig ist das reichhaltige Menü. Über allem schwebt ein geheimnisvoller Duft. Selbst Gisela Getty, die knapp 20 Jahre mit John Paul Getty III (1956–2011) verheiratet war und mit ihm den Sohn Bal­ thazar (43) grosszog, schreibt in ihrem Erinnerungsbuch «Kidnapping Paul»: «Auch heute weiss ich nicht, was in jenen Monaten der Entführung geschehen ist. Paul schwieg darüber. Er hatte es ihnen versprochen und hielt sich daran.» Das ­eröffnet der Fantasie Tür und Tor. So hat jeder aus dem Mix das genommen, was zu seiner Ge­ schichte passt. Gisela Getty schreibt mit ­ihrer letztes Jahr verstorbenen

Zwillingsschwester Jutta Winkelmann persönliche Memoiren und bietet mit Originaldokumenten eine nahe Aussensicht auf die Ereignisse. Ganz anders Ridley Scott: Er fokussiert mitten auf die Kriminalgeschichte, blendet alles Un­ nötige aus und liefert einen rasanten Actionfilm mit einigen dazugedichteten Volten. Und Danny Boyle bietet mit seinem TV-Zehnteiler ein episches Sittengemälde über den legendären Getty-Clan und ­lotet beide Bedeutungen des Serien-­ Titels «Trust» aus: das Kartell und das Vertrauen (in die Familie).

Der «goldene Hippie» und die «Gemelle del Momento» Das Vertrauen ins Familienkartell wird arg strapaziert, wie ein in «Kidnapping Paul» abgedruckter Brief zeigt, den der Entführte seinen Eltern geschrieben hat: «Liebe Mutter, lieber Vater, ich wünsche mir zu le-

ben und habe grosse Angst zu sterben. Ihr habt mich auf diese Welt gebracht, von euch habe ich ­diesen Namen, und der Grund, warum ich jetzt in dieser Situation bin, ist, weil ich diesen Namen trage. Ich glaube, es ist eure Pflicht, mich aus dieser Situation zu befreien.» Am 4.  November 1956 in Los Angeles zur Welt gekommen, lebt John Paul Getty nach der Scheidung der Eltern mit seinen drei jüngeren Geschwistern bei Mutter Gail Harris in Rom. Bereits mit 16 zieht der sommersprossige Rotschopf mit den blauen Augen von zu Hause aus und bezieht in Roms Szeneviertel Trastevere eine Kellerwohnung. Die Unterwelt – die Malavita – geht bei ihm rund um die Uhr ein und aus. Der «goldene Hippie», wie ihn die Boulevardpresse nennt, feiert als Künstler wilde Drogen­ exzesse und heisse Partys. Dabei lichtet ihn die Presse immer wieder zusammen mit den deutschen ­ Zwillingsschwestern Gisela und Jutta ab, die «Gemelle del Momento» – It-Girls würde man heute wohl sagen. Die drei machen zu dieser Zeit in der Ewigen Stadt dem TreviBrunnen als meistfotografiertem Sujet ernsthafte Konkurrenz. «Paul teilt seine Zuneigung zwischen mir und Jutta», schreibt ­Gisela Getty in ihrem Buch. «Ich weiss, dass meiner Schwester an Paul nicht besonders viel liegt, während ich rasend verliebt bin.» Die beiden werden ein Paar und schmieden immer mal wieder Plä-

Fotos: Jutta Winkelmann, Action Press, The Mega Agency

Kino-Spielfilm «All the Money in the World»


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Mutter und Grossvater des Entführungsopfers: Hilary Swank bei Aufnahmen zu «Trust» (oben) und Christopher Plummer in «All the Money in the World».

ne, den Öl-Tycoon anzuzapfen, um mit dem Geld ein unbeschwertes Leben führen zu können. «Wir überzeugen uns gegenseitig von Sinn und Zweck einer vorgetäuschten Entführung.»

Kevin Spacey kurzerhand aus dem Film rausgeschnitten Am 10. Juli 1973, nachts um drei Uhr, schlägt dann die Mafia auf der

Piazza Farnese zu und zerrt John Paul Getty III nach einem Disco­ besuch in ein Auto. Seine Hilfeschreie bleiben ungehört. Die Schwestern wissen, dass das nicht so geplant war, und sind ausser sich. Anders das Getty-Oberhaupt. Der Grossvater verdächtigt den Nachwuchs, an seinen Geldsäckel zu wollen, und sagt: «Ich habe 14  ­ Enkelkinder. Wenn ich jetzt

auch nur einen Penny zahle, werde ich bald 14 entführte Enkel haben.» In «All the Money in the World» spielt der Kanadier Christopher Plummer (88, «A Beautiful Mind») die Rolle des geizigen Griesgrams – eine Hauruckübung von nicht einmal zwei Wochen. Denn Ridley Scott hat im letzten November ­beschlossen, die Filmauftritte des Patrons mit Plummer an den Origi-

nalschauplätzen nachzudrehen – nachdem gegen den ursprünglichen Darsteller Kevin Spacey (58) Vorwürfe wegen sexueller Belästigung publik wurden. Spacey hat man kurzerhand aus dem Film geschnitten. Ironie des Schicksals: Christopher Plummer ist mit seinem Feuerwehreinsatz nun für einen Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. l

© Inter IKEA Systems B.V. 2018 W

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