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K. Pfurtscheller

Klaus Pfurtscheller

Kinder unter Höheneinfluss – eine Übersicht

Infants under influence of altitude – an overview

SUMMARY

Because of recurrent reports of incidents with children in higher alpine regions, the topic “Infants and High Altitude” is of immediate interest. It is often subject of discussion, although somewhat neglected by scientific research. Requests concerning the harmfulness of an ascent of infants and young children to higher altitudes are not only raised on certain internet platforms but are also often made to general practitioners and specialists. On the occasion of the 10 th Alpinmedical Symposium of the ARGE-Alpine Medicine (Graz) on the Dachstein/Styria some aspects concerning infants and high altitude were illuminated taking into consideration recent publications. After a short summary of the physiologic changes during exposition to acute or chronic hypoxia in high altitude the different forms of altitude related illness in children are explained. Furthermore some studies concerning altitude and sudden infant death syndrome (SIDS) and the value of pulse oximetry in infants in higher regions are discussed. Finally some altitude related aspects concerning flying with children are illustrated and recommendations for preventive measures are given. Keywords: Infants, hypoxia, high altitude, acute mountain illness

ZUSAMMENFASSUNG

Gerade wegen immer wiederkehrender Zwischenfälle mit Kindern in hohen Bergregionen ist das Thema „Kinder und Höhe“ aktuell und wird häufig auch emotionell diskutiert, bleibt aber leider von wissenschaftlicher Seite immer noch etwas vernachlässigt. Anfragen bezüglich schädlicher Auswirkungen auf Säuglinge und Kleinkinder nach dem Aufstieg in große Höhen erscheinen nicht nur auf „Laien“-Foren (zum Beispiel im Internet), sondern werden auch häufig an Praktische Ärzte und Spezialisten gestellt. Anlässlich des 10. Alpinmedizinischen Symposiums der ARGE-Alpinmedizin (Graz) am Dachstein/Steiermark wurden einige Aspekte betreffend Kinder und Höhe unter Berücksichtigung der aktuellen Studienlage beleuchtet. Nach einer kurzen Übersicht über die physiologischen Veränderungen in der

Höhe unter dem Einfluss von akuter oder chronischer Hypoxie werden unterschiedliche Manifestationsformen der Höhenkrankheit bei Kindern dargestellt. Weiters werden neben einem Überblick über die Studienlage bezüglich des Zusammenhangs der Höhe mit dem plötzlichen Säuglingstod auch die Problematik der Pulsoxymetrie und ihr Stellenwert bei Säuglingen und Kleinkindern in der Höhe beleuchtet. Abschließend wird noch auf die Auswirkungen von Flugreisen mit Kindern eingegangen und allgemeine Empfehlungen und Vorsichtsmaßnahmen werden besprochen. Schlüsselwörter: Kinder, Hypoxie, große Höhen, akute Höhenkrankheit

EINLEITUNG

Immer wieder hört und liest man in den Medien von erschreckenden Ereignissen, bei denen Kinder in den Bergen betroffen sind. Als jüngstes Beispiel dient jener Zwischenfall, als drei tschechische Bergsteiger mit einem 15-jährigen Jungen nach Durchstieg des Stüdlgrates am Großglockner bei Schlechtwettereinbruch in Bergnot gerieten und erst am nächsten Morgen durch den Hüttenwirt der Adlersruhe in sprichwörtlich letzter Minute gerettet werden konnten. Der Knabe litt an starker Unterkühlung und Erschöpfung und sein Zustand stellte sich nach der Rettung im Vergleich zu dem der drei Erwachsenen am kritischsten dar. Erst nach Versorgung durch einen Notarzt konnte sein Zustand stabilisiert werden. Auch im Hinblick auf das Thema Säuglinge in der Höhe werden an praktische Ärzte und Spezialisten immer wieder Anfragen herangetragen und ärztliche Empfehlungen eingeholt. Diverse Internetforen bieten ebenfalls reichlich Gelegenheit, Fragen zu diesem Thema anzusprechen und zu diskutieren, wobei die dabei unterbreiteten Ratschläge zum Großteil mit Vorsicht zu genießen sind. Schon anhand dieser Beispiele zeigt sich die Aktualität des Themas „Kinder unter Höheneinfluss“, weshalb in der folgenden Übersicht einige Aspekte dieses breiten Themenbereiches beleuchtet werden. Leider ist die wissenschaftliche Datenlage trotz einiger Studien aus Nordamerika und den Hochlandregionen der Erde recht begrenzt, sodass viele Empfehlungen auf Untersuchungen aus dem Bereich der Erwachsenenmedizin beziehungsweise auf Einzelbeobachtungen beruhen.

PHYSIOLOGISCHE GRUNDLAGEN

Zunehmende Höhe führt zu einer Abnahme des Luftdruckes (P atm) und dieser ist dabei von der geografischen Breite und der Jahreszeit abhängig. Die Abnahme des Luftdruckes führt bei gleich bleibender Luft-Sauerstoffkonzentration

von 21% über einen Rückgang des inspiratorischen Sauerstoffdruckes (PiO2) auch zu einer Abnahme des arteriellen Sauerstoffdruckes (PaO2) und der arteriellen Sauerstoffsättigung (SaO2), (Tab.1). Diese „Nettoverminderung“ des Sauerstoffangebotes ist im weitesten Sinne einer Hypoxie gleichzusetzen, die entweder akut oder chronisch auf den Körper einwirken kann. Neben weiteren höhenbedingten Einflussfaktoren wie verminderter Luftfeuchtigkeit, niedrigeren Temperaturen und vermehrter Sonneneinstrahlung ist die akute Hypoxie sicher der entscheidende Auslöser physiologischer Reaktionen. Die Reaktionen der unterschiedlichen Organsysteme auf akute Hypoxie sind in Tabelle 2 zusammengefasst (Tab.2). Ein hypoxisches Zustandsbild kann bei Säuglingen und Kleinkindern in einer Vielzahl von Situationen auftreten. Besonders anfällig sind Kinder bei akuten Atemwegsobstruktionen, bei Atemwegsinfektionen aufgrund der vermehrten Reaktivität der Luftwege, bei Höhenaufenthalt und bei Flugreisen (1), selbst in speziellen Kindersitzen (2) und Tragetüchern (3). Chronische Hypoxieexposition hingegen bewirkt neben einer intrauterinen Wachstumsverzögerung und einem geringeren Geburtsgewicht eine erhöhte perinatale Morbidität und Mortalität. Nach der Geburt persistieren fetale Kreislaufverhältnisse länger (längere Persistenz eines nahe-systemischen Pulmonalarteriendrucks oder Ductus Arteriosus). Kinder und Jugendliche zeigen unter chronischer Hypoxie ein größeres Lungenwachstum bei genereller Wachstumsverzögerung sowie eine verminderte Leistungsfähigkeit, unabhängig von Ernährungsfaktoren oder von sozialen Aspekten (4, 5). Eine kognitive Beeinträchtigung ist bei Kindern unter chronischer oder intermittierender Hypoxie wie bei Erwachsenen nicht auszuschließen und Vorsicht ist auf jeden Fall angebracht (6).

FORMEN DER HÖHENERKRANKUNG BEI KINDERN:

Das Spektrum der Höhenerkrankungen umfasst bei Kindern ähnlich wie bei Erwachsenen die akute Höhenkrankheit, das bei Kindern sehr seltene Höhenhirnödem, das Höhenlungenödem und die nur bei Säuglingen vorkommende subakute infantile Höhenerkrankung (SIMS). Bei der Entstehung von Höhenunverträglichkeitsreaktionen spielen neben dem Alter des Kindes die absolut erreichte Höhe, die Aufstiegsgeschwindigkeit, aktuelle Erkrankungen, Trainingszustand, Flüssigkeitshaushalt und nicht zuletzt auch die genetische Veranlagung eine Rolle (7, 8).

• AMS:

Die Inzidenz von AMS bei Kindern wurde in einigen recht heterogenen Studien untersucht. Je nach Region und Expositionsbedingungen schwankte die Inzi-

denz zwischen 19% und 100%, wobei sich im Mittel ähnlich wie auch bei Erwachsenen bei rund 25% der untersuchten Säuglinge und Kinder AMS-Symptome zeigten (Tab. 3). Yaron et al. beschrieben nach einem Aufstieg von 1.600m auf 3.109 m in Colorado bei Säuglingen und Kleinkindern nach 24 h Exposition eine AMS-Rate von 19% (9), in einer Höhe von 3.488 m nach 4 Stunden von 22% (10). Bei einer großen Gruppe von über 500 Jugendlichen waren in einer Höhe von 2.835 m bei 28% der Kinder AMS-Symptome nachweisbar (11). Moraga et al. beschrieben nach einem schnellen Aufstieg vom Meeresniveau auf 3.500 m bei 16 Säuglingen nach 24 h eine AMS-Inzidenz von 100% (12). In Tibet wird in einer Höhe von 4.550 m bei 0 bis 15 Jährigen eine AMS-Häufigkeit von 34% angegeben (13), (Tab.3). Die Symptome von AMS sind bei Kindern sehr unspezifisch und ähnlich, wie sie auch bei banalen Infekten, Diätfehlern, Intoxikationen oder bei reisebedingten Belastungen selbst vorkommen können. Symptome können schon 4 bis 12 Stunden nach Erreichen großer Höhen auftreten. Bei Kindern über 8 Jahren manifestiert sich AMS wie bei Erwachsenen mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Schwäche und Schlafstörungen, wobei diese Beschwerden auch gut artikuliert und zum Ausdruck gebracht werden können. Bei jüngeren Kindern bzw. bei Kindern mit einer Behinderung kann das Erkennen von AMS-Symptomen im Einzelfall auch sehr schwierig sein. Für Kinder unter 3 Jahren wurde abgewandelt vom Scoring System für Erwachsene der Children Lake Louis Scale (CLLS) entworfen, der aus einem Unruhe-Score (fusiness score-FS) entsprechend dem Symptom Höhenkopfschmerz und einem Pädiatrischen-Symptom-Score (pediatric symptom score-PSS), der Appetit, Spielintensität und Schlaf bewertet, besteht (10), (Abb.1). Im Unruhe-Score wird die Dauer und Intensität von Unruhe oder Reizbarkeit ohne andere klar erkennbare Ursachen wie zum Beispiel Hunger, Durst oder Zahnung mit Symptomen wie Schreien, Weinen, Rastlosigkeit oder Muskelverspannungen während der letzten 2 bis 24 Stunden bewertet. Im Pädiatrischen-SymptomScore wird jeweils das Ess-, Spiel- und Schlafverhalten von normal bis sehr gestört beurteilt (Abb. 1). AMS kann bei einem Gesamtscore größer gleich 7 (FS + PSS ≥ 7) und einem Unruhe-Score größer gleich 4 (FS ≥ 4) oder einem PSS größer gleich 3 (PSS ≥ 3) angenommen werden (Abb.1). Zur AMS-Prävention wird ein langsamer passiver Aufstieg mit maximal 300 Höhenmetern (Hm) pro Tag bei Höhen über 2.500 m bzw. ein Rasttag alle 1.000 Hm empfohlen. Die Schlafhöhe sollte bei Kindern unter 2 Jahren unter 2.000 m und bei Kindern zwischen 2 und 10 Jahren unter 3.000 m liegen. Sollten doch AMS-Symptome auftreten, ist so früh und schonend wie möglich der Abstieg anzutreten, wobei auch Kleinkinder soweit möglich zu tragen sind. Über eine medikamentöse Therapie liegen bei Kindern bisher keine Studien vor, wobei

die bei Erwachsenen etablierten Maßnahmen wahrscheinlich auch sinnvoll sind. Sauerstoff kann angeboten werden, eine symptomatisch-analgetische Therapie zur Behandlung höhenbedingter Schmerzzustände (z.B. Kopfschmerzen) kann mit nichtsteroidalen Analgetika wie Paracetamol oder Ibuprofen in entsprechender Dosierung erfolgen. Bei schweren Fällen kann eine Therapie mit Dexamethason in Kinderdosierung notwendig werden (7).

• HACE

Das Höhenhirnödem scheint bei Kindern sehr selten, und es gibt bisher noch keine Fallbeschreibungen in der Literatur. Pathophysiologisch scheint das AMS eine Vorstufe zum HACE zu sein, wobei der Schlüssel zur Ausbildung der Beschwerdesymptomatik in einer gestörten Atemantwort (hypoxic ventilatory response – HVR) auf den Hypoxiereiz liegt. Eine verminderte HVR bewirkt einen erhöhten relativen CO2-Partialdruck, wodurch es über einen vermehrten cerebralen Blutfluss begleitet durch Flüssigkeitsretention und vermehrte Kapillarpermeabilität zur Ausbildung eines Hirnödems und somit zu klinischer Symptomatik kommen kann (5). Therapeutisch kommen Abstieg/Abtransport, Sauerstoff, Dexamethason in Kinderdosierung und/oder der Einsatz einer hyperbaren Kammer in Frage (7).

• HAPE

Die Prävalenz des Höhenlungenödems bei Kindern beträgt in 4.550 m Höhe in den Hochlagen Tibets 1,5% (13). Kinder sind jedoch vor allem für ein re-entry Lungenödem anfällig, wobei ein erhöhter Pulmonalarteriendruck beobachtet wurde (14). Vorausgegangene Virusinfekte der Luftwege wirken prädisponierend, kongenitale Herzerkrankungen und ein präexistenter pulmonaler Hypertonus sind entscheidende Risikofaktoren (15). Pathophysiologisch liegt eine vermehrte Kapillarpermeabilität in der Lungenstrombahn zugrunde, die durch die Hypoxie selbst oder durch bei Kindern häufig auftretende respiratorische Infekte bewirkt werden kann und durch den erhöhten pulmonalarteriellen Druck erschwert wird. Auch hier gibt es keine kontrollierten Studien über die Therapieoptionen bei Kindern, weshalb die Empfehlungen neben Sauerstoff und Abstieg wie bei Erwachsenen die Verwendung von Kalziumantagonisten, z.B. Nifedipin in Kinderdosierung beinhalten (7).

• SIMS (Subacute Infantile Mountain Sickness)

Diese Erkrankung betrifft nur Säuglinge während der ersten Lebensmonate nach längerem Aufenthalt in großen Höhen und wird mit einer Häufigkeit von 0,96% zwischen 3.050 und 5.188 m beobachtet. Die Symptomatik entspricht mit Dyspnoe, Zyanose, Husten, Schwitzen, Trinkschwäche, Ödemen, Oligurie und

Hepatomegalie einem durch pulmonalen Hypertonus verursachten Rechtsherzversagen und erklärt die bei hospitalisierten Kindern mit 15 % angegebene hohe Mortalität (13, 16).

PLÖTZLICHER SÄUGLINGSTOD (SUDDEN INFANT DEATH SYNDROME – SIDS)

Über den Zusammenhang zwischen Höhenexposition und SIDS gibt es derzeit nur drei Studien, die jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Einer Untersuchung aus Colorado (USA) aus dem Jahr 1981 von Barkin et al. zufolge zeigten 268 Todesfälle keine Häufung von SIDS-Fällen über einer Seehöhe von 2.200 m (17). Getts et al. beschrieben jedoch 1982 bei 176 Todesfällen bis 1.500 m in Nebraska (USA) eine Zunahme von SIDS mit zunehmender Höhe (18). Kohlendorfer et al. beschrieben bei 145 Todesfällen in Tirol (Österreich) ein Ansteigen des SIDS-Risikos mit zunehmender Höhe, wobei die Schlafposition ein relevanter Kofaktor war (19). Evident sind unter Hypoxieexposition häufigere und längere periodische Apnoephasen, tiefere und längere Sauerstoffentsättigungen (20) und unruhigerer Schlaf (21). Bei einer abnormalen HVR als zugrunde liegendem Pathomechanismus ist deshalb eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung notwendig.

STELLENWERT DER PULSOXYMETRIE BEI KINDERN IN DER HÖHE

Der schnell und verhältnismäßig einfach zugänglichen Pulsoxymetrie wird ein immer größerer Stellenwert bei der Beurteilung des Zustandsbildes von höhenexponierten Kindern eingeräumt. Auch die meisten alpinen Expeditionen bedienen sich eines der kleinen und praktischen Geräte zur pulsoxymetrischen Überwachung, wobei trotzdem nicht vergessen werden darf, wo die Schwächen und allfälligen Fehler in der Interpretation liegen können. Gerade in der Pädiatrie hat die Pulsoxymetrie ihren sicheren Stellenwert, besonders in der Beurteilung der respiratorischen Situation kranker Kinder. Einige Untersuchungen aus verschiedenen Höhenlagen liefern uns Normwerte für die arterielle Blutsauerstoffsättigung (SaO2) bei unterschiedlich alten Kindern. Es erscheint sinnvoll, zwischen Untersuchungen von einerseits in der Höhe ansässigen Kindern und andererseits von Kindern nach unterschiedlich langer Höhenexposition zu unterscheiden (Tab. 4, 5). Wie aus Tabelle 4 unter ortsansässigen Einwohnern ersichtlich ist, sind die Normwerte vom Alter, dem Verhaltens- und Gesundheitszustand und, wie Nier-

meyer et al. zeigen konnten, auch von der genetischen Adaptation abhängig. So waren in Lhasa (Tibet) die SaO2-Werte von Kindern tibetischer Mütter, die seit vielen Generationen in großer Höhe lebten, im Vergleich zu Kindern, deren Mütter erst jüngst aus China eingewandert sind (Han-Abkömmlinge) im Alter von 4 Monaten deutlich höher (22). Abhängig von der absoluten Höhe zeigten sich die niedrigsten SaO2-Werte bei Säuglingen am Ende der ersten Lebenswoche (22, 23). Im Schlaf waren die Werte im Vergleich zum Wachzustand niedriger (24, 25). Nicholas et al. beschrieben niedrigere Werte bei Kindern mit Infektionen der unteren Atemwege im Vergleich zu gesunden Kindern in 3.100 m Höhe (26).

Tabelle 5 zeigt Untersuchungen der SaO2-Werte bei Säuglingen und Kleinkindern nach Höhenexposition, wobei die Ausgangshöhe, die Geschwindigkeit des Aufstiegs und die Dauer der Exposition relevante Einflussfaktoren darstellen. Ausgehend von einer Höhe von 1.610 m betrug in 3.109 m Höhe der mittlere SaO2-Wert bei gesunden Kindern zwischen 3 und 36 Monaten nach 24-stündiger Exposition 91 % (28). Bei einer Untersuchung in Chile nach einem schnellen Aufstieg mit dem Auto und der Seilbahn von Meeresniveau auf eine Höhe bis über 4000 m zeigten sich nach 1-tägiger Exposition bei Säuglingen und Kleinkindern deutlich niedrigere SaO2-Werte als bei älteren Kindern (12). Veglio et al. zeigten bei Säuglingen in 2.950 m Höhe leicht angestiegene SaO2-Werte nach 24 Stunden Exposition (29). Unter Berücksichtigung von Einflussfaktoren auf die Signalgebung, wie kältebedingte geringere periphere Durchblutung oder Hautverschmutzungen im Bereich der Sensoren, kann die Pulsoxymetrie eine wichtige Hilfe in der Abschätzung des klinischen Zustandes eines Säuglings oder Kleinkindes auch in der Höhe darstellen. Physiologischerweise sind die SaO2-Werte am Ende der ersten Lebenswoche am niedrigsten und im Wachzustand höher als im Schlaf oder beim Trinken. Infektionen der unteren Atemwege scheinen in diesem Zusammenhang in der Höhe mehr noch als in niedrigen Regionen von besonderer Relevanz zu sein.

FLUGREISEN MIT KINDERN

Trotz hoher Passagierzahlen mit einem gewissen Anteil an Säuglingen und Kleinkindern gibt es über die Auswirkungen von Flugreisen bei Kindern nur wenige Untersuchungen (unter der Annahme eines Kindes auf 500 Passagiere hätte beispielsweise British Airways bei jährlich etwa 34 Millionen Passagieren mit rund 700.000 Kindern im Zeitraum von 10 Jahren zu rechnen). Entsprechend dem Kabinendruck wird der Sauerstoffgehalt zwischen 15% und 16%

während eines Fluges konstant gehalten. Die „Federal Aviation Regulations“ schreiben eine maximale Kabinenhöhe entsprechend einer geografischen Höhe von 2.438 m (= 8.000 ft) unabhängig von der Flughöhe vor (30). Bei einer Untersuchung von Cotrell et al. wurde bei 204 Linienflügen von 28 Fluglinien eine maximale Kabinenhöhe von 2.717 m (mittel: 1.894 m) gemessen, wobei neuere Flugzeuge auch unabhängig von der Flugdistanz und somit der absoluten Flughöhe tendenziell höhere Kabinenhöhen hatten (31). Eine Studie von Parkins et al., in welcher der Effekt auf Atemmuster und Sauerstoffsättigung bei 34 Säuglingen mit einem Durchschnittsalter von 3 Monaten nach 15 %-iger O2-Exposition untersucht wurde, sorgte in diesem Zusammenhang aus ethischen Gründen für Aufregung (32). Die Expositionszeit betrug dabei 6,3 Stunden. Neben einem signifikanten Abfall der Sauerstoffsättigung und Anstieg der Herzrate zeigten sich eine Abnahme regulärer und eine Zunahme periodischer Atemmuster. Aufgrund fehlender Aufwachreaktionen unter gefährlicher Hypoxämie während der Untersuchungen kam man zum Ergebnis, dass die Exposition gegenüber Hypoxie ähnlich wie beim Fliegen oder bei Höhenexposition für manche Kinder eine Bedrohung werden kann (20). Bezüglich SIDS im Zusammenhang mit Langstreckenflügen wird in der Arbeit von Parkins et al. von 2 Fällen jeweils mehrere Stunden nach einem Flug berichtet. Einer Untersuchung aus Großbritannien zufolge war bei 130 SIDS-Fällen keine Fluganamnese erhebbar (33). Gesundheitliche Auswirkungen beim Fliegen und unter Höhenexposition werden in diesem Zusammenhang in einem Übersichtsartikel von Samuels gut zusammengefasst (34). Die Aerospace Medical Association (AMA) empfiehlt bei Säuglingen die erste Lebenswoche abzuwarten um sicher zu gehen, dass das Kind gesund ist. Epidemiologische Evidenz lässt jedoch Flugreisen für gesunde Kinder im ersten Lebensjahr sicher erscheinen. Probleme des Druckausgleichs beim Start und vor allem während der Landung können bei Säuglingen mit Rhinitis oder Mittelohraffektionen durch abschwellende Nasentropfen bzw. durch Nahrungszufuhr mit Schluckbewegungen in den Griff bekommen werden. Vorsicht bei Flügen mit Säuglingen und Kleinkindern ist besonders bei nachstehenden Erkrankungen angebracht und das Vorgehen sollte individuell durch Spezialisten entschieden werden: •Atemwegsinfektionen bei Kindern unter 1 Jahr •Gaseinschlüsse in Körperhöhlen (z.B. Mittelohrentzündung, Pneumothorax) •Chronische Lungenerkrankungen (z.B.: ehem. Frühgeborene, Mukoviszidose, obstruktives Schlafapnoesyndrom) •(Angeborene) Herzerkrankungen (z.B.: Kardiomyopathie, Ventrikelseptumdefekt, Persistierender Ductus Arteriosus, pulmonaler Hochdruck,

Arrhythmien) •Thoraxprobleme (z.B.: Muskelerkrankungen, restriktive Lungenerkrankungen) •Sichelzellanämie

SCHLUSSFOLGERUNG

Unter Beachtung einiger Vorsichtsmaßnahmen und sorgfältiger Beobachtung des Kindes durch die Begleitpersonen steht einem gemeinsamen Ausflug ins Gebirge oder einer Flugreise mit gesunden Säuglingen oder Kleinkindern aus medizinischer Sicht nichts im Wege. Trotzdem sollten Eltern doch immer wieder den Nutzen einer Reise speziell für den Säugling oder das Kleinkind hinterfragen.

Meter P atm torr PiO2 mmHg PaO2 mmHg SaO2 % 0 760 149 94 97 1500 630 122 66 92 2500 564 108 60 89 3000 523 100 53 85 5000 405 75 40 ?

Tabelle 1: Das Verhalten des Luftdruckes (P atm in torr), des inspiratorischen Sauerstoffdruckes (PiO2 in mmHg), des arteriellen Sauerstoffdruckes (PaO2 in mm Hg) und der arteriellen Sauerstoffsättigung (SaO2 in %) in Relation zu steigender Höhe (bei Erwachsenen nach Hecht und West modif. aus dem Lehrskriptum d. ÖGAHM).

Atmung Kreislauf Zentrales Nervensystem ArteriellerpO2 und SaO2 Herzrate Cerebraler Blutfluß Minuten Ventilation Herzauswurf Intracranieller Druck pCO2 Pulmonalarteriendruck O2-Verbrauch/ CO2 Prod. Pulmonalgefäßwiderstand Lungenvolumina (VC,RV) “Capillary leak” FEV1 (Peak flow) Erythropoetin/ Erythrozyten Nächtliche „arousals“ Periodische Atmung

Tabelle 2: Physiologische Reaktionen der Organsysteme Atmung, Kreislauf und Zentrales Nervensystem auf akute Hypoxie (VC: Vitalkapazität, RV: Residualvolumen, FEV1: forciertes exspiratorisches Volumen in 1 s).

CLLS -FS

Dauerder unerklärlichen Unruhe

0 1 2 3 4 5 6 keine zeitweise konstant wenn munter

Intensitätder unerklärlichenUnruhe

0 1 2 3 4 5 6 keine mäßig stark wenn munter

FS = Dauer + Intensität

Essverhalten E -eating

Spielverhalten P -playfulness

Schlafverhalten S -sleep 0 1 2 3 0 1 2 3 0 1 2 3 CLLS -PSS

Normal Etwas geringer als üblich Deutlich geringer alsüblich Völlige Nahrungsverweigerung od.Erbrechen Normal Etwas geringer als üblich Deutlich geringer alsüblich Kind spielt überhauptnicht Normal Etwas geringer als üblich Deutlich geringer alsüblich Kind kannüberhaupt nicht schlafen

Abb. 1: Children Lake Louis Scale (CLLS) mit Bewertung der Dauer und Intensität der Unruhe entsprechend dem Fussiness Score (FS) von jeweils 0 bis 6 und mit dem Pädiatric Symptom Score (PSS), in den das Ess-, Spiel- und Schlafverhalten mit jeweils 0 bis 3 Punkten einfließt. AMS kann vermutet werden bei einem Gesamtscore größer gleich 7 (FS + PSS ≥ 7) beziehungsweise einem FS ≥ 4 oder einem PSS ≥ 3.

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