
Urheberrechtlich geschütztes Material
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Donnerstag, 26. September, nachmittags
Ich ordne die Szenen und Takes. Wie soll ich die Bilder zusammenschneiden? Natürlich so, dass sie einen reinziehen. Aber wie genau? Und war um ist mir das wichtig?
Weswegen mache ich das, was ich hier mache?
Vor einem halben Jahr war ich auch schon voll auf SoMe . Die neue Plattform, auf der alle waren, also alle in unserem Alter. Die Alten waren bei ihren alten Apps, und wir waren unter uns, zumindest halbwegs.
SoMe war meine Welt.
Okay, die Werbung nervte manchmal:
That’s SoMe – nirgendwo bist du so du!
Aber egal, damals drehte sich bei mir alles darum. Mit Lennard habe ich rumfantasiert, wie wir mit unseren Videos berühmt werden. Wie wir uns gegenseitig hochpushen, uns kommentieren, wie wir die ersten Anrufe von irgendwelchen Werbetypen kriegen und später bei Comedy-Shows auftreten, unsere eigene Sendung haben und so weiter
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Eigentlich war uns klar, dass das nichts wird. Ich meine, wie viele in unserm Alter wollen Profi-Fußballer werden – und wie viele werden es am Ende? Aber es hat Spaß gemacht. Das Filmen sowieso, aber auch das Rumspinnen. Und die meisten aus unserer Klasse haben sich die Clips angeguckt und gelikt. Wir waren zwar nicht die Stars der Schule, aber jeder wusste, dass es uns gab:
Finn & Lennard.
Lennard & Finn.
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Ein halbes Jahr vorher – Montag, 18. März, erste Hofpause
»Und, wie viele Klicks hast du?«
Lennard ist schon bei unserem Stammplatz am Rand des Schulhofs und checkt seinen Kanal. Handys sind bei uns verboten, sogar in den Pausen, aber die Ecke hier an der Mauer ist halb hinter Büschen verborgen, da sieht uns keiner ‒ zumindest vom Eingangsbereich aus, wo die Aufsicht meist herumlungert. Im Sommer sowieso nicht, aber auch jetzt bieten die k ahlen Zweige genug Schutz. Außerdem sind die Lehrer sowieso damit beschäftigt, sich um die Kleinen zu kümmern, dass die sich nicht prügeln und so. Jedenfalls können wir uns hier hinten um die wichtigen Dinge des Lebens kümmern. Also um die, die uns wichtig sind.
»Bei meinem neuen Clip?« Lennard grinst mich an. »235 Klicks. Und du hast …?«
»… 176.« Inzwischen habe ich mein Smartphone auch aus der Jacke r ausgefriemelt. »Ist ja keine Kunst, dass du mehr hast. Wenn deine Eltern dich pushen.«
»Meine Eltern sind nur zwei.«
»… mit jeder Menge Freunde und Bek annte und Arbeitskollegen und …«
»Schon gut, ich hab’s beg riffen.«
Er hebt abwehrend eine Hand und scrollt mit der anderen weiter durch seine neuesten Kommentare. Fröstelnd treten wir von einem Bein auf das andere, während wir mit unseren
Daumen über die Displays wischen. Es ist saukalt, aber immerhin regnet es nicht ‒ und drinnen können wir viel leichter erwischt werden.
»Wieso bringst du nicht deine Eltern an den Start?«, fragt Lennard, ohne hochzugucken.
»Weil das total nach hinten losgehen kann. Du kennst doch meinen Vater. Dein Handy hatte er auch mal für eine Woche konfisziert.«
Mein Vater ist Lehrer, und zwar ausgerechnet an der Schule, auf die ich gehe. Gibt in unserer Kleinstadt eben nur die eine. Immerhin habe ich keinen Unterricht bei ihm. Aber Lennard geht in die Parallelklasse und hat bei meinem Vater Geo, der hat in der Hinsicht seine eigenen Erfahrungen.
»Ja, das war total ungerecht«, beschwert er sich, »der hat …«
»Quatsch. Du hast dich nur bescheuert angestellt. Mitten im Unter richt …«
Ich schüttele den Kopf und tue so, als würde ich meine Kommentare lesen. Dabei schiele ich auf seinen Bildschirm. Mist, er hat nicht nur mehr, sondern auch bessere ‒ auf jeden Fall welche mit mehr Text und dreimal so viel Lach-Emojis.
»Und deine Mutter?«
»Wenn’s um mich und meinen ›Medienkonsum‹ geht, sind die eigentlich immer einer Meinung.«
Ich seufze und stecke mein Handy weg. Eltern müssen nicht unbedingt wissen, womit man seine Zeit verbringt. Meistens finden meine es zwar gut, wenn ich »kreativ« bin. Aber dass ich den halben Tag am Handy hänge, sehen sie weniger gern. Und
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deswegen … na ja, ich würde nicht sagen, dass ich ihnen meine Leidenschaft verheimliche. Aber erzählt habe ich es ihnen auch nicht.
»Die wissen nicht mal, dass ich einen eigenen Account habe«, sage ich. »Und selbst wenn sie mir das nicht verbieten würden ‒ die sind weder auf SoMe noch auf irgendeinem anderen Portal unterwegs. Die benutzen ihr Handy wirklich nur zum Telefonieren.«
Lennard lacht. »Voll Steinzeit!« Dann hält er mir sein Smartphone vor die Nase. »Kennst du den schon?«
Ich sehe einen Dackel, der mit seiner Pfote Hundebilder auf einem Handy r unterscrollt. Voll konzentriert. Schon witzig, obwohl ich den Clip nicht Hundeporno genannt hätte.
Dann fällt mein Blick auf die Klickzahlen.
»Nee …«, stöhne ich. »Und wir sind froh, wenn wir dreistellig werden.«
»Vielleicht solltest du mal was mit Fred machen?«, schlägt Lennard vor.
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Ich will Comedy-Star werden, kein Hundedompteur.«
»Kannst es ja mit beidem versuchen.«
Lennard hat sein Gerät wieder selbst vor der Nase und ist schon beim nächsten oder übernächsten Video, als hinter uns eine Stimme ertönt.
»Handys sind auf dem Schulgelände verboten!«
Vor Schreck glitscht ihm das Ding fast aus den Fingern. Schuldbewusst drehen wir uns um. Meins ist sicher in der
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Jackentasche verstaut, aber Lennard sieht sein Heiligtum schon für die nächsten Tage im Lehrerzimmer verschwinden ‒ zumindest so lange, bis seine Eltern Zeit finden, es dort abzuholen.
»Ich wollte nur …«, fängt er an.
Aber mehr als diesen Standard-Ausrede-Anfang muss er sich nicht aus den Hirnwindungen leiern. Vor uns steht Sam ‒ mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen, das ein paar von den älteren Jungs bestimmt umhauen würde.
»Wie wär’s mit einem Deal?«, fragt sie.
Sam heißt eigentlich Zamara, aber alle nennen sie Sam. Ihre Eltern kommen irgendwo aus Afrika. Angola, glaube ich. Vielleicht waren das aber auch die Großeltern, jedenfalls ist sie einen Jahrgang über uns und mit ihren Geschwistern das schwärzeste Mädchen, das unsere Schule zu bieten hat. Das finden einige aus ihrem Jahrgang cool – zumindest den Sprüchen nach, die ich beim Training höre. Okay, es gibt auf dem Schulhof auch andere Spr üche über sie, die nicht so cool sind, aber egal.
»Was für einen Deal?«, frage ich.
Lennard muss sich erst noch von seinem Schreck erholen. Statt einer Antwort zaubert Sam ihr Handy aus ihrer Daunenjacke hervor, tippt darauf herum und hält es mir vor die Nase.
»Das bist du, oder?«
Ich sehe mich mit Brille, Gel in den Haaren und der Aktentasche meines Vater s, wie ich – Cut ‒ meinem völlig überfordertem Schüler-Ich – Cut ‒ die Welt erkläre. Oder zumindest das Einmaleins.
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»Schlau erkannt«, lobe ich sie.
»Und das bist du!«, sagt sie und hält Lennard das Telefon hin. Ich erkenne ihn im pinken Trainingsanzug seiner Mutter und mit Handtuch über dem Kopf, eine seiner Lieblingsfiguren.
Lennard nickt nur.
»Gar nicht so übel.« Sie macht ein anerkennendes Gesicht, meint es aber wohl halb ironisch . »Könnte ich direkt liken.«
»Und warum tust du es nicht?«, frage ich.
Sie tippt kurz auf ihrem Smartphone herum und hält es uns erneut hin.
»Darum«, sagt sie.
Diesmal sehe ich Sam. Sam in neongrünen Sportklamotten, wie sie tanzt. Das heißt, eigentlich ist es eine Mischung aus Musik, Rhythmus und K arate-Moves, wild, kämpferisch und trotzdem … na ja … »elegant« ist vielleicht nicht das richtige Wort. Auf jeden Fall ist es nicht das übliche Playback-Getue, Rumgewackel und Augengeplinker, von dem sonst das Netz voll ist. Ich gucke vielleicht etwas zu lange auf das Display, jedenfalls ist der Clip noch nicht vorbei, als sie ihr Handy wegsteckt.
»Gibt nichts geschenkt auf der Welt«, sagt sie und guckt uns her ausfordernd an. »Also, wie ist es mit einem Deal?«
Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Das ist im Netz genauso wie im Rest der Welt. Deshalb haben wir den Deal gemacht. Dabei geht’s nicht um diesen einzelnen Klick, sondern dar um, dass wir uns gegenseitig pushen. Also aktiv für den Urheberrechtlich
anderen Werbung machen, ihn verlinken … so in der Art:
»Hey, kennt ihr das schon?«
Und da Sam in einem anderen Jahrgang ist und sich auch auf SoMe in einer anderen Blase bewegt, haben wir bisher wenig Überschneidung.
Aber das lässt sich ja ändern.
Mit dem Deal.
2
Donnerstag, 21. März, ungefähr 19 Uhr
»Du machst doch nicht mit bei diesen Sachen, oder?«
»Was?«
Mein Kopf ist wieder mal woanders, jedenfalls nicht bei meinen Eltern am Abendbrottisch. Der bietet auch nichts Besonderes: Brot, Butter, Käse und einen Salat mit Tomaten und Gurke … und leider ohne Schafskäse, sonst wäre er wenigstens halbwegs annehmbar.
»Habe ich gerade erzählt.« Mein Vater verdreht die Augen.
»Kriegst du gar nichts mit?«
»Was denn?«
Statt einer Antwort zieht er sein Handy raus und öffnet eine Fotodatei.
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»Davon. Und davon. Und davon.«
Die Fotos sind Screenshots. Wenn ich das auf die Schnelle richtig erkenne, irgendwas mit Hakenkreuzen und anderem Nazikram: Hitlerbildchen mit Sprechblasen … Comics und Fotos mit Texten in dieser Schrift, die Leute benutzen, wenn sie einen auf hart machen wollen … Witze über Ausländer und Juden …
»Das ist aus dem Klassenchat der 10 b«, erklärt mir mein Vater. »Hat mir eine Schülerin weitergeleitet. Erst hat sie im Chat direkt darauf geantwortet ‒ also, dass sie das überhaupt nicht lustig findet, sondern menschenverachtend. Da hat sie ordentlich Gegenwind bekommen.«
Er scrollt weiter durch die Fotos.
»Ob sie keinen Spaß verstehe. Ob sie so eine ›links-grün-versiffte Ökotussi‹ sei ‒ und noch ein paar heftigere Sachen. Da hat sie die Klappe gehalten.«
Es geht weiter und weiter. Die Datei scheint ziemlich groß zu sein.
»Sie hat gedacht, das ist vielleicht eine Phase und bald vorbei. Aber es ist immer mehr geworden. Und gestern ist sie damit zu mir gekommen.«
»Wieso zu dir?« Verwunder t schaue ich ihn an. »Du bist doch gar nicht ihr Klassenlehrer.«
»Na ja, sagen wir mal so …« Mein Vater seufzt und schließt die Datei. »Ich habe wohl einen gewissen Ruf an unserer Schule.«
Er steckt das Handy weg und star rt auf den Tisch. In dem
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dunkelblauen Pullover und mit seiner kantigen Brille, ohne die er fast blind ist, sieht er aus wie der langweiligste Standard-Lehrer aus irgendeiner Schulkomödie. Dass er nicht der Sportlichste ist und man ihm das sogar ansieht, kommt erschwerend hinzu. Aber dass er einen gewissen Ruf hat, kann ich bestätigen. Wobei es da weniger um sein Engagement geht ‒ sondern darum, dass er ziemlich streng sein kann, wenn man ihm zu sehr auf die Ner ven geht. Ansonsten (oder vielleicht auch deswegen) ist er relativ beliebt bei den Schülern.
Und diese Bilder scheinen ihn zu ner ven …
Was ich nur so halb nachvollziehen kann. Einerseits sind die in der Masse schon heftig, andererseits sehe ich ein paar davon nicht zum ersten Mal. Auch bei uns geht jede Menge Scheiß rum. Vieles so nach dem Motto »Boah, kennst du das schon?« und »voll krass« … Man zeigt sich das Zeug vor allem, weil es das gibt. Gar nicht, weil man es gut findet.
»Und?« Meine Mutter sieht mich fragend an.
»Was und?«
Ich habe komplett den Faden verloren.
»Na, Papa hat gefragt, ob du da auch …«
Sie lässt die Frage in der Luft hängen. Das macht sie ger ne. Überhaupt ist sie in vielem der totale Gegensatz zu meinem Vater. Klein und schlank und von den Klamotten her eher wie die Computer-Nerds aus irgendwelchen Serien. Vor allem ist sie immer noch am Abwägen, wo er eine klare Meinung hat. Wo er ein Ziel vor Augen hat, ist sie immer noch am Suchen.
Und wo er meine Zockzeit einfach beendet, kann ich mit ihr immer noch verhandeln.
Ich schüttele den Kopf. »Nee, ich doch nicht.«
»Und bei euch in der Klasse? Gibt’s da so …?«
Anscheinend weiß sie nicht, wie sie es nennen soll. Oder sie möchte das Wor t nicht in den Mund nehmen. Jedenfalls beendet sie den Satz wieder nicht.
»Nee, bei uns geht ’s eher um Hausaufg aben und so«, druckse ich herum. »Also nicht nur, aber … so was jedenfalls nicht.«
Mein Vater löst sich aus seiner Erstarrung und sieht mich an.
»Aber was Ähnliches?«
Sofort gehe ich in Angriffshaltung über. Das passiert mir in letzter Zeit öfter, wenn wir über die Schule reden. Und ich kenne diesen Blick. So sieht er mich an, wenn er mich aus der Reserve locken will. Weil er etwas ahnt oder sogar etwas weiß. Etwas, das ich vielleicht selbst gar nicht klar hab, aber das mir trotzdem ein schlechtes Gewissen macht. Und auf jeden Fall etwas, was ich ihm nicht sagen will. Und dabei habe ich nicht mal was, was ich vor ihm verbergen will. Also … jedenfalls nicht wirklich.
»Willst du jetzt meinen Klassenchat kontrollieren, oder was?«
Er hält den Blick noch eine Weile aufrecht, dann seufzt er und greift nach der Salatschüssel.
»War nur eine Frage.«