Harald Schloten Katalog Galerie Casteel 2012

Page 1

HARALD SCHLOTEN

3


4


Leben ohne Tod – Betrachtungen zu den Skulpturen von Harald Schloten

Harald Schlotens Skulpturen und Stahlschnitte verwirren das Auge. Kennt man sein Thema nicht, so fällt es nicht ganz leicht, in den geschwungenen Formen einen Orientierungspunkt zu finden. Doch plötzlich ist er da und alles scheint ganz einfach: eine stilisierte Vagina. Dann eine Brust, ein Po, Beine, Arme, Kopf, Haare. Sein Thema: Der weibliche Körper. Die Geschichte kann aber auch anders erzählt werden. Eine Vagina, Sinnbild des Weiblichen, die Pforte für das Männliche, der Ausgang für die Geburt. Eine Brust, nicht einfach nur schön sondern auch Nahrung. Ein Po, Reiz, Begierde und Lust. Die Haare sind keine Haare, sie sind die Gedanken dieser Frauen, mal fließend, mal strebend, mal durcheinander. Harald Schlotens Thema: Das Leben. Er selbst benennt die einzelnen Motive seiner Arbeiten „Brust=Nahrung, Po=Reiz, Vagina=Frucht, Haare=Gedanken“.Eigentlich sehr banal: Ein Mann, der weibliche Körper darstellt und diese dann auch noch auf die Geschlechtsmerkmale Vagina, Brüste und Po reduziert. Diese Betrachtungsweise allein aber würde Schloten nicht gerecht werden. Woher resultiert also sein fortwährender Drang, sich dem weiblichen Körper zu widmen, der Fruchtbarkeit und der sexuellen Begierde? Gustave Courbet war es, der erstmals mit seinem Gemälde „L´Origine du monde“ (Der Ursprung der Welt) 1866 die Öffentlichkeit mit der Zurschaustellung des weiblichen Genitals schockierte. Er zeigte in Nahsicht die behaarte Vagina eines Frauenkörpers, von dem ansonsten nur die Oberschenkel, Bauch und ein Teil der rechten Brust zu sehen sind. Die laszive Haltung des Körpers und die dargebotene Vagina mit ausgeprägter Schambehaarung – Symbol sexueller Leidenschaft – waren damals zu intim, zu skandalös. Selbst der türkische Diplomat, welcher das Bild in Auftrag gegeben hatte, hielt das Werk im Verborgenen und auch der nächste Besitzer präsentierte es nur ausgewählten Gästen. Erst 1988 wurde es öffentlich gezeigt, seit 1995 hängt es im Musée d´Orsay in Paris. Courbets Meisterwerk wurde in der Kunst vielfach rezipiert, zu nennen sind hier u.a. der Schweizer Balthasar Burkhard, der Brite Marc Quinn oder Chloe Pienes Video „Self-Portrait“ von 1997.

5


„Mogelpackung“ Holz / Rosteffekt 80 X 40 2011

6


Harald Schloten präsentiert seine Frauenfiguren nicht offensiv provokant. Es geht weder um Vulgarität noch darum, das Weibliche in Gestalt einer Vagina zu porträtieren. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, der Künstler schaffe eine Hommage an die Frau, die er als Sinnbild des Lebens begreift. Folgerichtig setzt er sein Hauptmotiv, die stilisierte Vagina, in immer neue Bezüge zum Po, der Brust und den Gedanken. Schloten verzichtet auf die Darstellung von Händen und Füßen und rückt so das für ihn Wesentliche noch mehr in den Mittelpunkt. Auch sind es nicht immer Einzelfiguren, die er erschafft, die Frauenfiguren treten auch als gegengleiche Paare auf, manchmal handelt es sich sogar um die alleinige Darstellung der „Frucht“. Indem er das weibliche Genital als „Frucht“ und somit als Sinnbild von Fruchtbarkeit und Leben begreift, inszeniert Schloten Göttinen der Fruchtbarkeit und greift damit bewußt oder unbewußt auf die antiken Darstellungen von Baubo (griech. „Baußw“, für „Leibeshöhle, Vulva“) oder Sheela-na-gig zurück. Erstere beschreibt der Dichter Homer als alte Frau und Vertraute der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, die von ihr durch obszöne Gesten und Entblößung des Unterleibs aufgeheitert wird. Nachdem Hades deren Tochter Persephone in die Unterwelt entführt hatte, wollte Baubo vermutlich durch das Zeigen der Scham auf das Vorhandensein der Fruchtbarkeit Demeters und die Möglichkeit, weitere Kinder zu gebären, verweisen. In vielen Darstellungen besitzt Baubo keine Arme, kaum Beine und die Vulva ist gleichzeitig ihr Mund, mit dem sie dem Mythos zufolge schmutzige Witze erzählte. Sheela-na-gigs wiederum finden sich sogar an mittelalterlichen Kirchen, vor allem in England und Irland. Die wohl berühmteste ist die Reliefdarstellung an der Kilpeck Church, bei der man davon ausgeht, daß es sich um die keltische Göttin Mớrrỉgan handelt, die gleichzeitig Fruchtbarkeitsund Todesgöttin war. In Kilpeck ist sie mit übergroßem Kopf gezeigt, ihre Hände ziehen die Schamlippen weit auseinander als wollten sie den Betrachter verschlingen. Bei der Deutung der Figuren geht man davon aus, daß sie eine apotropäische Funktion hatten, denn von der Antike bis ins Mittelalter sollten mit dem Apotropaion (von apotrópaios, griech. „abwendend“) fremde Eroberer oder böse Kräfte abgewehrt werden. Im Falle der Baubo ist das Zeigen der nackten Scham ein Abwehrgestus gegen den Tod, namentlich Hades.1 Zwar findet man in der Darstellungsform bei Harald Schloten Referenzen an jene Baubos oder Sheela-na-gigs, doch verweigert er im Gegensatz zu derlei Darstellungen formal und somit inhaltlich jeden Anklang an den Tod oder das Verderben. Die Formen der Figuren sind weich und geschwungen, das Auge folgt den Linien, Licht scheint durch sie hindurch und eröffnet weitere Perspektiven auf die Negativform. Keine aufgerissen Augen stören den Blick, kein aggresiver Fingerzeig auf die Vagina ist ersichtlich.

7


Bezüglich der Formsprache Schlotens kann man nicht umhin, Anklänge an Henri Matisses Papierschnitte zu sehen, vor allem sei an die „Blauen Akte“ von 1952 erinnert. In diesen Arbeiten verschmolzen Matisses zeichnerisches sowie sein plastisches Werk. „Die blauen und weißen Formen werden in diesem Prozeß [des Papierschnittes] in doppelter Weise lesbar. So kann beispielsweise die stabilisierende Achse am rechten Rand als Arm oder als Rücken angesehen werden. Die parallele weiße Fläche visualisiert das radikale Eingreifen des Umraumes oder des Grundes in das Innere der Figur – das Moment der Drehung annulliert jede Idee von Dualität oder Grenze.“2 Jenes Eingreifen des Umraumes hat sich Schloten zu eigen gemacht, ebenso die reduzierte Formsprache und das Moment der Zeichnung. Die Figuren sind – im Gegensatz zum Leben selbst – auf lange Dauer angelegt, denn der Künstler wählt häufig Stahl als Material. Am Anfang des Entstehungsprozesses steht immer die Zeichnung auf Holz, welche anschließend ausgesägt wird. Nur, wenn Schloten wirklich überzeugt von einer Figur aus Holz ist, läßt er sie in Stahl schneiden. Dabei dient das Holzmodell zwar als Vorlage für den Stahlschnitt, doch bleibt die Figur weiterhin eigenständige Skulptur. Nachdem die Stahlfigur aus der Produktion gekommen ist, ändert Schloten bewußt nichts mehr an ihrer Form. Kleine Unebenheiten bleiben und werden absichtlich nicht korrigiert, um der Skulptur natürliche Struktur zu verleihen. In einem nächsten Schritt wird der Rostprozess vorangetrieben, wobei der Fokus immer auf ein anderes Motiv gelegt wird. Mal rostet nur die Vagina, mal als einziges Motiv gerade nicht. Dann sind es die Außenflächen, die rosten sollen, dann wieder die gesamte Arbeit. Die so entstehenden Oberflächen entwickeln im Verlauf der Zeit eine ihnen eigene Lebendigkeit. Wenn Licht auf sie fällt treten hier und da leuchtende Flächen hervor und es entsteht der Eindruck von nahezu lebendem Material. Hier findet sich ein Widerspruch in Schlotens Werk, nämlich ein nahezu unzerstörbares Material durch Rost absichtlich dem Verfall anheimzugeben. So liegt der Hinweis auf den Tod nicht allein in der Rezeption des Betrachters, sondern mündet in einem das Leben verherrlichenden Memento Mori.

8

1

Vgl.: Stefanie Ippendorf: Der Kultstatus der Vagina. In: Kurzführer zu Diana+Actaeon.

Der verbotene Blick auf die Nacktheit, Düsseldorf 2009, S. 14ff

2

Pia Müller-Tamm: Henri Matisse. Figur, Farbe, Raum, im gleichnamigen Ausstellungskatalog,

Ostfildern 2005, S.42


„ Gedanken im Wind „ Holz / Rosteffekt ( schräg) 80 X 30 2012

9


„ Einigung „ Holz / Rosteffekt 100 X 40 2012

10


11


„ Träumerin „ Stahl poliert mit Rost 80 X 40 2012

12


13


„ Rhythmus „ Holz / Rosteffekt 80 X 30 2012

14


15


„ Wächterin „ Stahl Poliert mit Rost 110 X 50 2012

16


17


„ Vernetzt „ Holz / Rosteffekt 80 X 25 2012

18


19


„ Trägerin „ Stahl Poliert mit Rost 110 X 50 2012

20


21


„ Gedanken im Wind „ Holz / Rosteffekt ( Sitzende ) 100 X 30 2012

22


23


„ Leder – Schleife „ Holz / Lack 80 X 100 2012

24


25


„ Wo ist die Frucht „ Holz / Rosteffekt 70 X 30

26


27


„ Weltfrüchte „ Holz / Rosteffekt 40 X 40 2009

28


29


„ Enthüllung „ Aluminium auf Stein 110 X 60 2011

30


31


„ Drei mit einer Frucht „ Holz / Rosteffekt 70 X 30 2012

32


33


„ Gedanken im Wind „ Holz / Rosteffekt ( Kniend) 100 X 30 2011

34


35


„ Träumerin „ Holz / Rosteffekt 110 X 50 2011

36


37


„ Enthüllung „ Stahl 2 Früchte Poliert 80 X 50 2011

38


39


„ Wächterin „ Holz / Rosteffekt 110 X 50 2011

40


41


AUSSTELLUNGEN •

1992 Inter-Art München

1993 Art- Galerie Mönchengladbach

2003 Fine Arts, Baden - Baden

Dr. Wieggrebe Mönchengladbach •

2004 Galerie Vogelvrij Roermond NL

Galleria d´art Teresa Boom/Antwerpen Belgien Karnichenhof Kunsthof Neuss Kaiserin Elisabeth im Park Starnberger See •

2005 Pavillon Josephine Strassbourg Frankreich

Europ Geneve ART Lausanne Schweiz 4.Palm ART Award, mit TY-Beitrag Leipzig Art Domain-Galerie Villa Rosenthal Leipzig Galerie Kleiner Prinz Baden-Baden Galerie Tijani Dortmund Galerie Böhner Kunstmesse ART Salzburg Österreich •

2006 Biennale ARTE Florenz Italien

Dr. Wieggrebe, Mönchengladbach Körper -Bilder Graf-Zeppelin-Haus, Friedrichshafen Euro-Kunstpreis Galerie Het Achterhuis, Roermond NL TRI-ARTE Schloss Bloemendal , NL Vaals •

2007 BBK Galerie Aachen „Verborgene-Körper“

Galerie Länge X Breite Sylt Honda Europe (North) Event Isle of Wight England Galerie Casteel Mönchengladbach Museum Ludwig-Forum Aachen Künstler helfen Kinder •

2008 Blue Galerie Mönchengladbach

Grundschule Hardt Stahl-Skulptur „ZEITBAUM“ Bild &Raum Mönchengladbach ART HONDA Isle of Main GB Galerie Kerkow Viersen Galerie Casteel Mönchengladbach •

2009 Lichthof-Galerie Volksbank-Dülken

„Art Karlsruhe“ Galerie Casteel Sozialgericht Düsseldorf „Veränderung Kunstbunker Mönchengladbach Bild &Raum Bild&Raum Mönchengladbach Blue-Galerie Mönchengladbach BBK im Quadrat BBK Aachen •

2010 BBK Jahresausstellung Aachen

„Art Karlsruhe“ Galerie Casteel Bild & Raum Düsseldorf Galerie Kerkow Viersen 22. Kunst Tage Rhein-Erft Abtei Brauweiler „Munich Contempo“ München Galerie Casteel ART.Fair 21 Köln Galerie Casteel •

2011 ART Karlsruhe Galerie Casteel

Villa Herzogenrath Kunsttage Munich Contempo Galerie Casteel ART FAIR Köln Galerie Casteel Landtag Düsseldorf FDP 42


Harald Schloten 1954 geboren in Mönchengladbach 1969 Kaufmännische Ausbildung 1988 Fernstudium Kunstgeschichte Enge Zusammenarbeit mit Prof. Heinz-Jürgen Sauermost (Kunsthistoriker) 2001 Bildende Kunst freischaffender Künstler 2006 Mitglied bei der BBK Aachen / Euregio e.V. (Bundesverband Bildender Künstler) 2006 Euro-Kunstpreis Friedrichshafen/Bodensee -----------2007 Talk Show WDR „Wir in NRW“ vom Kaufmann zum Künstler

43


Impressum Credits Herausgeber / editor

Galerie Casteel 2012

Urheberrecht / copyright

Galerie Casteel / Harald Schloten

ISBN - 978 - 3 - 89355 - 995 - 4

Text

Claudia Jansen

Foto Kathrin Kahlund Satz Ilona Wieczorek Herstellung Pomp,- Bottrop Auflage / edition

1000

Kontakt

Regentenstraße 90 & 92 D - 41061 Mönchengladbach

Telefon Telefax

© Galerie Casteel / Harald Schloten

44

Galerie Casteel

+49 2161 205020 +49 2161 206692 info@galerie-casteel.de www.galerie-casteel.de


45


46


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.