Magazin Museum.de Nr. 42

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Komplizenschaft Die Sammeltätigkeit von „Kunst“ und Stadt Emden während der NS-Zeit im Fokus der Provenienzforschung Autor: Mag. Georg Kö, Provenienzforscher am Ostfriesischen Landesmuseum Emden

Manche Ausstellungen mussten bereits in den ersten Gedanken an ihre Verwirklichung mehr als nur Vermittlungsarbeit leisten. Die kommende Sonderausstellung des Ostfriesischen Landesmuseums Emden über den Raub von Kulturgut in der NS-Zeit gehört dazu. Einerseits gilt es die lokalen Besonderheiten des Themas darzustellen: eine ausgeprägte Komplizenschaft – so auch der Haupttitel der Ausstellung – zwischen der Stadt Emden, der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer (damals kurz die „Kunst“) und Institutionen des NS-Regimes in Ostfriesland sowie den besetzten Niederlanden in der Planung, Durchführung und Bereicherung an einem der komplexesten Raubzüge der Geschichte. Andererseits bedarf es dazu auch eines Überblicks über die Hintergründe dieser kriminellen Handlungen und deren Kontext in einem perfiden Unrechtssystem, das der Nationalsozialismus errichtete. Beide Perspektiven, die Regionale und die Welthistorische müssen sich hier treffen, gruppiert um eine dritte Komponente, nämlich einer Auswahl konkreter Objekte, die Überreste jenes NS-Raubgutes sind und sich noch in den Sammlungen des Ostfriesischen Landesmuseums Emden befinden.

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Verbindendes Element ist hier die Provenienzforschung. Diese gilt mittlerweile wohl als etabliertes Fach der Kulturwissenschaften, das jedoch alleine ob seines Namens immer wieder Fragezeichen produziert. Der Niederländische Begriff dafür, „Herkomstonderzoek“, also „Herkunftsforschung“ ist hier wohl deutlicher und beschreibt auch, worum es dabei geht. Nicht nur für verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, wie der ebenso sperrige Fachbegriff für geraubte Kulturgüter seit den späten 1990er Jahren ist, hat die Erforschung der Herkunft und der Geschichte von musealen Sammlungen besondere Bedeutung. Erst, wenn wir wissen, wer, wann, wie und unter welchen Umständen eine Sammlung in den Besitz eines Objektes gekommen ist, hat jenes auch einen konkreten Wert, als museales Stück oder auch als geraubtes Kulturgut. Die Provenienz, also die Herkunft, bestimmt, wie wir damit umgehen, ob wir sie überhaupt erwerben, wie wir sie ausstellen, welche Kontexte wir dazu präsentieren und letztlich, ob wir sie gegebenenfalls auch ihren wirklichen Eigentümerinnen und Eigentümern bzw. deren Erbinnen und Erben wieder zurückgeben wollen.

All das versucht die Sonderausstellung „Komplizenschaft. Die Sammeltätigkeit von „Kunst“ und Stadt Emden während der NS-Zeit im Fokus der Provenienzforschung“ in einem didaktischen Experiment zusammenzuführen und dabei den Besucherinnen und Besuchern ihre Perspektive selbst einnehmen zu lassen. Die Schwerpunkte werden nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger vorgegeben. Transparenz, Parallaxe – also die notwendige Perspektivität der Moderne – und Urteilskraft sind die Gestaltungsprinzipien. So sollen auf Augenhöhe jene Wahrheiten vermittelbar werden, die dem Menschen schlicht zumutbar sind, um hier auch an die bedeutenden Worte Ingeborg Bachmanns zu erinnern. Inhaltlich wird deutlich werden, was vor über achtzig Jahren in Deutschland geschah und in der vernichtenden Konsequenz eines Terror-Regimes als das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte seinen Lauf nehmen sollte. Vorerst in Form physischer Gewalt auf den Straßen und bald auch mit diskriminierenden Rechtsvorschriften, die aus aufgeklärter Perspektive nur als Unrecht gelesen werden können, beginnt die unfassbare Tat.


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