Schwerpunkt: Das Syrien-Drama
Fotos: Henning Schacht/berlinpressphoto.de (l.); Susan Walsh/Reuters (r.); dpa ( John Kerry, fotografiert am 22.04.1971)
8 POLITIK
12. S e p t e m b e r 2013
D I E Z E I T No 3 8
John Kerry bei einer Pressekonferenz in Berlin (li.), im Kreis arabischer Diplomaten
»Wir dürfen nicht zusehen« US-Außenminister John Kerry hat im Syrien-Konflikt die Diplomatie wieder ins Spiel gebracht. Dabei ist er Präsident Assads schärfster Gegner Von Martin Klingst
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Washington, D. C. ar es eine diplomatische Meisterleistung oder ein sagenhaftes Missgeschick? Ja, es gebe noch eine Alternative zu einem Militärschlag, antwortete Amerikas Außenminister John Kerry am Montag in London fast beiläufig auf die Frage einer Journalistin. Syriens Regierung könne ihre sämtlichen chemischen Waffen innerhalb der nächsten Woche der internationalen Gemeinschaft aushändigen, ohne Verzögerung. Ob sich Kerry die Idee nun selbst ausgedacht oder ob Barack Obama sie am Rande des G-20Gipfels in St. Petersburg bei einem Treffen mit Wladimir Putin entwickelt hatte, ob sie ursprünglich eine ernsthafte politische Initiative war oder mehr eine rhetorische Geste – der US-Außenminister hat als Erster den Gedanken einer internationalen Kontrolle syrischer Chemiewaffen in die Welt gesetzt. Russland machte sich den Vorschlag sofort zu Eigen, Syrien signalisierte sein Einverständnis, die Idee beherrscht inzwischen die Weltpolitik.
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In den Vereinigten Staaten hoffen die einen, dass Kerry seinem kriegsmüden Land einen schweren innenpolitischen Konflikt über eine ungeliebte Intervention erspart hat. Die anderen befürchten, dass Amerika in eine russisch-syrische Falle getappt sein könnte – und sagen wie im Fall Iran ein endloses Tauziehen um die Bedingungen der Waffenkontrolle voraus.
Den Parlamentariern legte Kerry Bilder von Giftgasopfern vor Die Ironie dieser Friedensinitiative ist, dass John Kerry bis vor Kurzem in der amerikanischen Regierung noch der wichtigste Anwalt eines Militärschlags gegen Baschar al-Assad war. »Wir wissen mit hoher Bestimmtheit, dass die syrische Regierung hinter dem Giftgasanschlag steht«, erklärte er der Weltöffentlichkeit. Zweifelnden Parlamentariern legte er in einer geschlossenen Sitzung ärztliche Protokolle und Bilder von Giftgasopfern vor. Kerry warnte vor einer Beschwichtigungspolitik, wie sie die Westmächte 1938 auf der Münchner Konferenz gegenüber Nazideutschland betrie-
ben hatten: »Das ist jetzt unser München«, so der Katholik Kerry, dessen jüdischer Großonkel und Großtante in einem Konzentrationslager ermordet wurden. »Wir dürfen dem Schlachten nicht schweigend zusehen.« Eine Mitarbeiterin sagt, es habe Kerry, der in den fünfziger Jahren als Sohn eines US-Diplomaten durch das geteilte Berlin radelte, besonders geärgert, dass ausgerechnet die Bundeskanzlerin mit ihrer Unterschrift unter eine harsche Syrien-Resolution zögerte. Bereits wenige Tage nach dem Giftgasangriff am 21. August hat die Obama-Regierung Kerry als obersten Syrien-Ankläger ausersehen. Als ehemaliger Staatsanwalt versteht er sich aufs Plädieren. Im letzten Wahlkampf präparierte er Obama für die Fernsehdebatten mit dem Republikaner Mitt Romney. Zudem verfügt Kerry als ehemaliger Senator über beste Kontakte zu Abgeordneten beider Parteien. Und weil der hochdekorierte, ehemalige Vietnamsoldat seine Tapferkeitsmedaillen aus Protest gegen den Krieg wegwarf, halten ihn selbst Linke und Liberale für glaubwürdig. Auch wenn Kerry 2003 für den verhassten Irakkrieg votierte, was er bald bereute, nehmen ihm die
Seine Geduld und sein diplomatisches GeInterventionsgegner ab, dass er nicht leichtfertig für einen Militärschlag eintritt. Noch heute wird schick waren auch nach der Tötung des Al- er für seine bittere Vietnam-Anklage gerühmt. Kaida-Chefs Osama bin Laden nützlich. Pakis»Wie bittet ihr einen Mann, der Letzte zu sein, tans Militär und Geheimdienst fühlten sich der für einen Fehler sterben muss?«, donnerte der nach dem Kommandoeinsatz auf ihrem Boden 1,94 Meter große Patrouillenbootkommandant von Amerika hintergangen, die Beziehungen nach seiner Rückkehr aus dem Krieg in einer waren aufs Äußerste gespannt. Es war Kerry, der während eines Besuchs in Islamabad die Kongress-Anhörung. Für Kerry sind diese Wochen die beste Gele- schlimmsten Verstimmungen ausräumte. genheit, endlich aus dem Schatten seiner Amtsvorgängerin Hillary Clinton herauszutreten; er Präsident Assad selbst fuhr den kann den Ruf loswerden, im Vergleich mit ihr zu Außenminister durch Damaskus weich zu sein. Seit Monaten schon plädiert er für eine schärfere Gangart gegenüber dem syrischen Kerry kennt viele internationale Staatsmänner Präsidenten Assad. »Sollen wir uns abwenden, persönlich. Seine Sprachbegabung ist be nur weil die Vereinten Nationen Werkzeug einer eindruckend. Kerrys zweite Frau, die in MoIdeologie oder einzelner Nationen geworden sambik geborene, steinreiche Ketchup-Erbin sind?«, hält er den Kriegsskeptikern entgegen. Teresa Heinz, fand Mitte der neunziger Jahre Kerry ist allgegenwärtig, im Kongress, im Fern- auf einer Konferenz in Brasilien aber nicht nur sehen, auf der internationalen Bühne. Fünf deshalb Gefallen an dem Senator aus MassaTalkshows bestritt er an einem einzigen Vormit- chusetts, weil er so klug über Umweltschutz tag. Er ist das Gesicht und das Sprachrohr der reden konnte. Sondern weil er bei einer kathoSyrien-Kampagne. lischen Messe sehr schön Kirchenlieder auf »Endlich am Ziel«, wird er sich gesagt haben, Portugiesisch sang. als Obama ihn am 1. Februar zum Außen Beim Thema Syrien hat Kerry eine dra minister machte. Konnte er 2004 schon nicht matische Kehrtwende vollzogen. Viermal reiste Präsident werden, wollte er wenigstens den zweit- er zwischen 2009 und 2010 nach Damaskus. besten Job und zu AmeriWie der Geostratege und kas oberstem Diplomaten ehemalige Außenminister werden. Nur knapp unHenry Kissinger war auch terlag Kerry damals Kerry damals davon überGeorge W. Bush, sein zeugt, Syrien als strategispäter Widerstand gegen schen Partner für einen den Irakkrieg hätte ihn Frieden zwischen Israelis 1966 Nach dem Politikstudium fast zum Sieg getragen. und Palästinensern gewingeht Kerry zur Armee. Während Doch Kerry wirkte steif nen zu können. 2008 hatte seines vierjährigen Dienstes und überheblich, selbst er gemeinsam mit dem jetkämpft er auch in Vietnam. seine Anhänger konnten zigen Verteidigungsminister Danach tritt er als hochdekorierter sich für den unterkühlten, Chuck Hagel die Nicht Soldat und Kriegsgegner auf aristokratisch wirkenden beachtung Assads kritisiert: (siehe Bild unten). Neuengländer nie wirk»Unsere Politik hat uns lich erwärmen. Unter Demehr isoliert als die Syrer«, 1984 In Massachusetts wird er mokraten wird der distinschrieb er. in den US-Senat gewählt. Dort guierte Herr aus Boston, Kerry glaubte an die Restimmt er 1991 gegen den ersten der seit seiner Kindheit formfähigkeit Assads und Irakkrieg. Von 2009 an sitzt er auf einem bretonischen dessen Wunsch, sich aus dem Auswärtigen Ausschuss vor. Landgut ausgezeichnet der iranischen UmklammeAls er 2013 Außenminister wird, Fran zösisch spricht und rung zu lösen und dem scheidet er aus dem Senat aus. eine Vorliebe für feine Westen anzunähern. »SyKleidung und teures Esrien ist ein wesentlicher 2004 Als Präsidentschaftskandidat sen pflegt, spöttisch »der Spieler, um Frieden und der Demokraten kritisiert er den Brahmane« genannt. Stabilität in die Region zu Amtsinhaber George W. Bush Doch Kerry ließ sich bringen«, erklärte Kerry wegen des zweiten Irakkrieges. die Schmach der Nieder2010 nach einem dreistünDann verliert er aber die Wahl. lage nicht lange anmerken digen Gespräch mit Assad. und engagierte sich in seiBei einem der ersten Benem neuen Amt als Vorsuche in Damaskus setzte sitzender des Auswärtigen sich der syrische Präsident Ausschusses im Senat. Auselbst hinters Steuer und ßenpolitik war schon imfuhr mit Kerry durch die mer seine Leidenschaft. Stadt. Man besuchte eine Früh stellte er sich auf die Moschee; beim Abendessen Seite des Präsidentschaftssprach Assad von der leuchkandidaten Obama. Doch tenden Zukunft Syriens als der gab 2009 Hillary einem wirtschaftlich aufClinton den Vorzug als strebenden und religiös Außenministerin – und moderaten Land. auch jetzt, in der zweiten Amtszeit, war Kerry Sich selbst pries er als Vermittler. Doch es wieder nicht Obamas erste Wahl. Der Präsident kam anders. Assad rüstete nicht nur Israels und hätte lieber die Nationale Sicherheitsberaterin Amerikas Feinde weiter auf, sondern schlug Susan Rice an der Spitze des State Department auch in einem Krieg seine innenpolitischen gesehen. Der 69-jährige Kerry schien ihm zu kon- Gegner brutal nieder. ventionell. Doch Rice drohte am Veto der RepuInzwischen sieht John Kerry sich vom syriblikaner zu scheitern. schen Diktator schwer getäuscht, vielleicht ist er Kerry immerhin hatte sich mehrfach in heikler sogar persönlich gekränkt. Schließlich hat sich Mission bewährt. Als Afghanistans Präsident Ha- kein anderer amerikanischer Politiker persönlich mid Karsai im Herbst 2009 nicht akzeptieren woll- so viel Mühe mit Assad gegeben. te, dass nach massiven Wahlfälschungen eine WieNicht ausgeschlossen, dass der amerikanische derholung nötig war, brachte ihn Kerry zum Ein- Außenminister auch deshalb in der Syrien-Krise lenken. Mindestens zwanzig Stunden lang, so ist so hart auftritt. Jetzt aber soll die Diplomatie überliefert, redete er auf Karsai ein, spazierte mit noch einmal eine Chance bekommen. ihm durch den Palastgarten in Kabul und trank, www.zeit.de/audio wie Kerry selbst sagt, mindestens 300 Tassen Tee.
Kerrys Kriege