Diagnose: Vernachlässigte Datenströme

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ETHIK

Altersheim im Lockdown: Dass die Menschen dort keine Besuche mehr bekommen durften und teilweise allein gestorben sind, ist gemäss Medizinethikerin Tanja Krones eine krasse Verletzung der Menschenwürde. Foto: Francesco Cocco/contrasto

Menschenwürde immer zuerst? Sie kann unumstössliche Richtlinien dafür festlegen, was Menschen nicht angetan werden darf. Doch Menschenwürde wird auch gern zum persönlichen Zweck angerufen. Oder problematisch angewendet. Eine Auslegeordnung. Text Samuel Schlaefli

Tanja Krones stand während der vergangenen zwei Pandemiejahre oft im Fokus der Medien. Die Geschäftsführerin des Klinischen Ethikkomitees des Universitätsspitals Zürich gab Einblick in die Überlastung des Pflegepersonals, machte auf die unterschiedliche Betroffenheit durch die Pandemie in Abhängigkeit des sozialen Hintergrunds aufmerksam und kritisierte die sogenannte stille Triage, bei der Betagte mit einer Coronaerkrankung von Altersheimen nicht mehr in die Intensivpflege überwiesen werden. Fragen zu einem menschenwürdigen Leben und Sterben gehören zu ihrem Berufsalltag. Die Medizinethikerin ist in philosophischer Hinsicht eine Pragmatikerin. Für sie muss sich die Bedeutung des Begriffs der Menschenwürde in konkreten Fällen in der Pflege immer wieder neu bewähren. 42 Horizonte 133

Sie gibt ein Beispiel: Während der ersten Coronawelle durften Angehörige ihre Eltern und Grosseltern in vielen Alterspflegeheimen während Monaten nicht besuchen. Manche wurden regelrecht in ihre Zimmer gesperrt und isoliert – zu ihrem eigenen Schutz, wie es hiess. «Dabei sind Menschen allein gestorben, was eine krasse Verletzung der Menschenwürde bedeutet», sagt Krones. «Fundamentale Bedürfnisse von vulnerablen Personen wurden missachtet.» Allein zu sterben sei schwer aufwiegbar mit einer maximalen Risikominimierung. Für Krones kommt es einer nicht zu rechtfertigenden paternalistischen Haltung gleich, wenn Leben gegen den Menschen selbst geschützt wird, der diesen Schutz gar nicht will. Damit würde ihm ein Minimum an menschlichen Bedürfnissen in existenziellen Si-


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