Über die Einsamkeit des Einzelnen / Buch

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Ü B E R D I E E I N S A M K E I T D E S E I N Z E L N E N





I c h b e � e b e m i c h i n e i ­n e n R a u m , i n d e m m i c h k e i n A l l t a � a b l e n k t . I c h s c h a l t e R a d i o o d e r C o m p u t e r a u s . I c h s e t z e m i c h . I c h l e � e B l o c k u n d K u � e l s c h r e i b e r v o r m i c h a u f d e n T i s c h . I c h t r i n k e n i c h t , i c h e s s e n i c h t , i c h r a u c h e n i c h t . U n d d a n n s c h a u e i c h a u s d e m F e n s t e r .



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medizinisch

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Mediziner der Brigham Young University in Utah führte eine aufwändige Langzeitstudie zu folgendem Vergleich: Ein­sam­keit ist ähnlich schädlich wie Tabakkonsum oder Fettsucht. Knapp acht Jahre lang sammelten sie verschiedene Daten von über 300.000 Menschen aus vorrangig westlichen Ländern. Der Altersdurchschnitt lag bei 64 Jahren, es wurden Geschlecht, sozialer Status und Alter des Einzelnen berücksichtigt. Die Erkennt­nisse waren dras­tisch: Einsame Pro­banden hatten eindeutig eine kürzere Lebenserwartung als sozial in­tegrierte. Gründe dafür finden die Forscher im Umgang der Einsamen mit Stresssituationen. Das soziale Umfeld hat Auswirkungen auf den Umgang des Individuums mit der eige­nen Gesundheit, mit Depressionen oder Stress. Ein Mensch, der sich über seine Leiden austauscht, baut Druck ab und gelangt so auf lange Sicht zu einem stärkeren Immunsystem.

Doch damit nicht genug: Forscher der Universitäten Yale und Chicago untersuchten die Begünstigung für Krebserkrankungen durch Einsamkeit. Sie beobachteten die gesundheitliche Entwick­lung von Laborratten, da die Tiere dem Menschen in ihrem So­zi­al­ver­halten stark ähneln. Dazu isolierten sie einen Teil der Versuchstiere und un­tersuchten beide Gruppen regelmäßig, mit eindeutigen Ergebnissen: Die isolierten Ratten wiesen ein dreifach höheres Krebs­risiko auf, ihre Geschwüre waren aggressiver und die Sterberate lag höher als die ihrer sozial integrierten Artgenossen. Die Wissenschaftler führten dies auf die wesentlich erhöhten Werte des Stresshormons Corticosteron der einsamen Tiere zurück.

Wissenschaftler der UCLA untersuchten sogar die unterschiedlichen Genaktivitäten von einsamen und sozial integrierten menschlichen Probanden. Auch hier lässt sich ein enormer Unterschied verzeichnen: Über 200 Gene sozial isolierter werden entweder öfter oder sel­-

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tener abgelesen als die sozial Integrierter, genau gesagt sind bis zu 78 Gene verstärkt und 131 Gene unterdurchschnittlich aktiv. Dies be­einflusst immens das Immunsystem, denn solche Gene, die bei­spiels­weise Entzündungen auslösen können, werden häufiger abgelesen und solche, die Viren abwehren sollen, hingegen seltener. Ob nun aber die Einsamkeit die Genaktivität beeinflusst oder der Pro­zess andersherum abläuft, müssen die Genetiker noch nachweisen.

artikel Ei n s a m k e it i s t s c h ä d l ic h R a u

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Immer mehr soziale Netzwerke tummeln sich im Internet, doch viele Menschen sind dennoch sehr allein. Forscher fanden nun he­raus, dass sich soziale Isolation genauso negativ auf die Gesundheit aus­wirkt wie Rauchen oder Übergewicht. Ärzte und andere Ge­sund­heitsexperten sollten daher das soziale Umfeld ebenso ernst nehmen wie Tabakkonsum, Ernährung und Sport. Das schließen Forscher aus einer Analyse von 148 Studien zum Sterberisiko, die Daten von über 300.000 Menschen vor allem in westlichen Ländern erfassten. Dem­nach haben Menschen mit einem guten Freundes- und Bekanntenkreis eine höhere Lebensdauer als Menschen mit einem geringen sozialen Umfeld. Der Effekt sei in etwa so groß wie der vom Rauchen, und er übertreffe viele andere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel. Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University

im US-Staat Utah und Kollegen präsentieren ihre Daten im Journal P L O S Medicine. Die Wissenschaftler hatten die Menschen im

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Schnitt über 7,5 Jahre hinweg beobachtet. Der Effekt blieb bestehen, auch wenn man Alter, Geschlecht und sozialen Status berücksichtigte. Da der Zusammenhang von sozialem Umfeld und Sterblichkeit altersunabhängig sei, sollten Ärzte nicht nur einen Blick auf das Umfeld älterer Menschen werfen, meinen die Autoren. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 64 Jahre. Den größten Effekt aller gemessenen Faktoren hatte die allgemeine soziale Inte­gration, am wenigsten ausschlaggebend war, ob die Menschen allein oder mit anderen zusammen lebten. Das soziale Umfeld habe Aus­wirkungen auf den Umgang mit der eigenen Gesundheit und auf psychologische Prozesse wie Stress und Depressionen, erläutern die Forscher. Einige Studien hätten gezeigt, dass Kontakte das Immunsystem stärken. Jede Art, das soziale Umfeld zu verbessern, werde sowohl die Überlebensfähigkeit, als auch die Lebensqualität verbes­ sern, folgern die Autoren. Gesundheitsvorsorge sollte daher auch das soziale Befinden betrachten, Mediziner sollten Sozialkontakte und Kliniken soziale Netzwerke für Patienten fördern. »Mediziner, Gesundheitsexperten, Erzieher und die Medien nehmen Faktoren wie Rauchen, Ernährung und Sport sehr ernst: Die hier präsentier­ ten Daten bieten ein stichhaltiges Argument, die sozialen Faktoren zu dieser Liste hinzuzufügen«, betonen die Autoren.

K r e b s ri s ik o fakt o r Ei n s a m k e it Einsamkeit und die damit verbundene seelische Belastung erhöhen das Risiko, an Krebs zu erkranken. Und: Tumorpatienten, die sich allein fühlen, überleben seltener. Wie stark psychische Faktoren im Fall schwerer Krankheiten wirken, wurde bereits in zahlreichen Studien untersucht. Welche Rolle Ein­samkeit für eine Krebserkrankung spielt, haben US-amerika­nische Wissenschaftler unter die Lupe genommen und folgendes heraus-

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gefunden: Einsamkeit verschärft das tödliche Potenzial von Krebs. Die aktuelle Studie der Forscher von den Universitäten Yale und Chicago bezieht ihre Daten zwar nur aus Versuchen mit krebs­ kranken Laborratten. Da diese Tiere aber ähnlich soziale Wesen wie Menschen sind, sind die Studienleiterinnen Martha McClintock und Gretchen Hermes davon überzeugt, dass sich das Ergebnis auf Menschen übertragen lässt. Krebskranke Nager, die allein in einem Käfig leben mussten, starben deutlich schneller an einem vergleichbaren Tumor als Tiere, die mit Artgenossen zusammen waren. Ihre Geschwüre waren aggressiver. Das Risiko, an Krebs zu erkranken, verdreifachte sich durch die Isolation. In den Tieren, die ohne Kontakt zu anderen lebten, maßen die Wissenschaftler weit höhere Werte des Stresshormons Corticosteron. Stress durch Einsamkeit ist letzt­ lich die Ursache für die beschleunigte Krankheitsentwicklung. Die Forschergruppe will aus dem Studienergebnis Behandlungs­stra­tegien für Krebs- und Hochrisikopatienten entwickeln, die deren soziales Netz stärker berücksichtigen. »Umwelt, Gefühle und Krank­heit sind eng miteinander verflochten«, erklärt Gretchen Hermes. »Unsere Studie zeigt, dass das Sozialleben buchstäblich unter die Haut geht.«

Ei n s a m k e it e r h ö h t d a s K ra n k h e it s ri s ik o Einsamkeit spiegelt sich in den Genen wider: Bei sozial isolierten Menschen sind über 200 Gene teils stärker, teils schwächer aktiv als bei Menschen mit guten sozialen Kontakten. Das schließen US-Forscher aus einer Studie, die Genaktivitäten von einsamen und gesellschaftlich gut integrierten Menschen vergleicht. Demnach beeinflusst soziale Isolierung vor allem das Immunsystem: Bei Menschen mit wenigen sozialen Kontakten werden Gene, die Entzündungen auslösen können, häufiger abgelesen. Solche, die Viren abwehren sollen, seien dagegen weniger aktiv, berichten die Wissenschaftler um Steve Cole von der UCLA im Fachmagazin

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Genome Biology. Die 14 Versuchsteilnehmer wurden anhand

eines Fragebogens als besonders einsam oder als sozial gut integriert eingestuft. Die Forscher nahmen ihren Probanden Blut ab und un­ter­suchten das Erbgut der weißen Blutkörperchen. Bei den sozial isolierten Menschen wurden 78 Gene verstärkt abgelesen, während 131 nur noch unterdurchschnittlich aktiv waren. Einsame Menschen reagieren demnach weniger stark auf das entzündungssenkende Hormon Cortisol. Die Vermehrung der entzündungsfördernden weißen Blutkörperchen wird dagegen begünstigt. Gene, die über ein Molekül namens Interferon Viren abwehren sollen, waren in den einsamen Versuchsteilnehmern weniger aktiv. Die Ergebnisse bestätigen frühere Studien, nach denen sozial isolierte Menschen ein höheres Risiko haben, an Infektionskrankheiten oder Krebs zu erkranken. Allerdings sei noch unklar, ob Einsamkeit die Gesundheit eines Menschen negativ beeinflusse oder ob umgekehrt ein bestimmtes Muster an Genaktivitäten zu sozialer Isolierung führe, erklären die Forscher. Um genauere Aussagen treffen zu können, müssten die Ergebnisse noch an einer größeren Gruppe von Versuchsteilnehmern überprüft werden.

S o z ia l e s c h a d e t G e

I s o l ati o n K ö r p e r u n d i s t

»Ich muss gerade mal meinen Gefühlen freien Lauf lassen«, schreibt die Nutzerin lonely29 auf Psychic.de, einem Selbsthilfeforum im Internet. Sie sei gerade an einem Punkt angelangt, der tiefer nicht sein könne. »Ich weine jeden Tag so viel, dass ich manchmal denke, dass eigentlich keine Tränen mehr da sein dürften.« Der Mensch ist ein soziales Wesen, dem es schlecht ergeht, wenn er sich ausgegrenzt fühlt. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob man tatsäch­ lich alleine dasteht. Das Gefühl des Verlassenseins richtet sich weni­ger danach, wie viele zwischenmenschliche Beziehungen man hat.

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Auf ihre Qualität kommt es an. Laut dem Psychologen und Einsamkeitsforscher Reinhold Schwab von der Universität Hamburg leiden einsame Menschen subjektiv an ihren beeinträchtigten Beziehungen zu anderen Menschen. Sie empfänden eine Kluft zwischen den gewünschten und den tatsächlich wahrgenommenen Qualitäten ihrer sozialen Bindungen. Einsamkeit dürfe man daher nicht mit Alleinsein ver­wechseln. »Man kann sich bekanntlich auch mitten unter Menschen einsam fühlen«, sagt Schwab. Einsamkeit gilt gemäß der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, kurz ICD-10, nicht als eigenständige psychische Krankheit. Sie wird stattdessen als ein Begleitphänomen von anderen seelischen Störungen wie Angst oder Depression angesehen. Gleichzeitig birgt soziale Isolation wiederum ein Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen. Der Einsamkeitsforscher John Cacioppo und seine Kollegin Louise Hawkley von der Universität Chicago haben kürzlich im Fachblatt Trends in Cognitive Sciences eine beunruhigende Bilanz gezogen: Einsamkeit habe schwerwiegende Folgen für Köper und Geist. Fühlt man sich alleine, steigt die Wahrscheinlichkeit, ein schwächeres Immunsystem und einen höheren Blutdruck zu haben. In einer Langzeitstudie konnten die beiden Wissenschaftler zudem bei einsamen Seelen gestiegene Cortisolwerte im Blut feststellen. Die Konzentration des Stresshormons nimmt zu, wenn die psychischen Belastungen größer werden. Tatsächlich fühlten sich die Betroffenen im Alltag stärker unter Druck als sozial zufriedene Personen. »Einsame Menschen unterscheiden sich von nicht ein­ samen Individuen in ihrer Neigung, stressige Umstände eher als be­drohlich denn als herausfordernd wahrzunehmen«, erläutert Cacioppo. Sie gingen eher passiv mit Stress um, anstatt aktiv ihre Probleme anzugehen, und suchten auch nicht nach Unterstützung. Eine wichtige Möglichkeit, Stress zu verarbeiten, bleibt einsamen Menschen zudem verwehrt: Schlaf. Denn gerade die Qualität der Nachtruhe lässt bei ihnen zu wünschen übrig. Sie schlafen unruhi­

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ger und wachen häufiger mitten in der Nacht auf. Die fehlende Mög­lichkeit, sich nachts regenerieren zu können, könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum das Immunsystem von einsamen Seelen häufig beeinträchtigt ist. Ebenso tragen die geistigen Fähigkeiten Spuren der Isolation davon. Einsame Menschen haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, an Alzheimer zu erkranken, konnte der Neuropsychologe Robert Wilson nachweisen. »Wir brauchen gesunde Interaktionen mit anderen, um unsere Gesundheit zu erhalten«, so Wilson. Offen­ sichtlich seien Langzeiteinsame anfälliger für die schädlichen Wir­kungen von altersbedingten Erkrankungen des Zentralnervensys­ tems, sagt der Wissenschaftler. Auch bei Tieren gehe Isolation mit verminderter Verästelung von Nervenzellen in bestimmten Hirn­regionen einher, was letztlich das Erinnerungsvermögen schwäche. Zudem verändert das gefühlte Alleinsein die Weise, in der Menschen die Welt wahrnehmen. Einsame Individuen neigen stärker dazu, Mitmenschen als Bedrohung zu betrachten. Im gleichen Atemzug erleben sie Zwischenmenschliches als viel weniger erfüllend. Forscher um Cacioppo fanden mit Hilfe von bildgebenden Verfah­ ren auch einen möglichen Grund: Das Gehirn von gesellschaftlich isolierten Menschen tickt in sozialen Dingen offensichtlich ein wenig anders. Bei ihnen reagiert das ventrale Striatum – ein Teil des Belohnungszentrums im Gehirn – viel verhaltener, wenn sie Menschen in angenehmen sozialen Situationen beobachten. Noch un­ klar ist, ob die zurückhaltende Reaktion eine Folge langer Einsamkeit darstellt oder ob sich die Betroffenen gesellschaftlich zurückziehen, da ihr Gehirn den Austausch mit anderen Menschen nicht belohnt. »Obwohl Einsamkeit möglicherweise die Hirnaktivität beeinflusst, legt unsere Forschung auch nahe, dass vielleicht die Aktivität im ventralen Striatum Gefühle der Einsamkeit fördert«, so der Psychologe Jean Decety, ein Kollege von Cacioppo. Der Hamburger Psychologe Reinhold Schwab rät einsamen Seelen, darüber nachzudenken, ob sie sich nicht in einem typischen Teufels-

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kreis befinden: »Je negativer die eigenen Einstellungen und Erwartungen gegenüber anderen, desto eher reagieren diese mit Reserviert­ heit und Ablehnung einem selbst gegenüber – und man sieht seine Vorsicht und sein Misstrauen gegenüber den anderen erneut be­stä­ tigt.«

Ei n s a m k e it f ü h rt z u p s c h o s o m ati s c h e n K ra n k h it e n / Str e s s b e w ä l tigu g b e s ti m m t u n s e r L e b e

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Menschen mit wenigen sozialen Kontakten leiden häufiger an Schlaf­störungen und tragen daher ein höheres Risiko an verschiedenen Lei­den zu erkranken. Dies belegt Maria Nordin von der Umea Uni­versity in Schweden in ihrer Dissertation. Den Grund dafür sieht Nordin in der Schwierigkeit Stress ohne soziales Umfeld zu bewälti­gen. Psychotherapeuten und Psychologen aus Österreich und Deutschland bestätigen im Grunde diese Ergebnisse. Die Theorie erscheint jedoch einfacher als die Praxis tatsächlich ist. Wenige Freunde zu haben kann einen Menschen anfälliger für Stress machen, zu Schlafstörungen führen und letztendlich das Risiko einer kardiovaskulären oder psychosomatischen Erkrankung steigern. Depression, Angstzustände oder chronische Müdigkeit können die Folge sein. Begründet wird der Zusammenhang von Nordin durch den fehlenden sozialen und emotionalen Beistand, durch den ein Mensch Stress katalysieren kann. Hier soll es aber je nach Stressbewältigungsmodell Unterschiede geben. Wie Nordin erklärt, gibt es mehrere Arten mit Stress umzugehen. Bei der Hidden Strategy geht man beispielsweise Konflikten und Aus­einandersetzungen absichtlich aus dem Weg. In Verbindung mit einem geringen sozialen Netzwerk kann diese Stressbewältigungsstrat-

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egie, vor allem bei Frauen, negative Effekte verursachen. Bei der Open Stress Management Strategy hingegen greifen Menschen den Konflikt bewusst auf und bewältigen somit den Stress und kompensieren die sozialen Kontakte. Tilmann H. Müller, Psychotherapeut in Münster, bestätigt durch

seine klinischen Erfahrungen diesen Zusammenhang. »Wenn mehr Menschen da sind, mit denen man über Probleme reden kann, dann baut man automatisch Stress ab«, erklärt Müller auf Anfrage von pressetext. Durch diese Ventilfunktion würde das Risiko einer psychosomatischen Erkrankung verringert werden. Aber selbst im Fall eines Fehlens dieser sozialen Netzwerke würde eine Erkrankung nur sehr langsam voranschreiten. Josef Egger, Abteilungsleiter für Verhaltensmedizin, Gesund-

heitsmedizin und empirische Psychosomatik im LKH Graz, bestä­tigt ebenfalls die Ergebnisse von Nordin. »Die Nützlichkeit der sozialen Kontakte für die Umwelt- und Stressbewältigung hängt aber von der Qualität der Kontakte ab«, bemerkt Egger im Gespräch mit pressetext. Qualitativ gute oder positive Kontakte würden für den Einzelnen eine Anti-Stress-Wirkung darstellen, während negative Kontakte selbst zu Stressfaktoren werden. Darüber hinaus würde die Summe aller sozialen Kontakte, also der persönliche soziale Kontext, festlegen, was als generell positiv und was als negativ eingestuft wird. »Dies hat natürlich auch Auswirkungen, wie wir mit unserer Umwelt umgehen«, so Egger. Wie Müller bestätigt auch Egger, dass eine plötzliche und kurzfristige Isolation nicht sofort zu psychosomatischen Erkrankungen führen muss. »Bei einem Over-Crowding-Erlebnis beispielsweise zieht sich der Patient für einige Zeit bewusst zurück, um wieder zu sich zu kom­men und die Erlebnisse zu verarbeiten«, erklärt Egger im Gespräch. Für eine Erkrankung müsse auch ein Nährboden vor­handen und die persönliche Stressbewältigungsstrategie in dem Fall überfordert sein. »Darüber hinaus müssen die Ausgangssituation sowie die

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bisherigen Erfahrungen und Gewohnheiten berücksichtigt werden«, erläutert Egger. So sei es für einen Mönch, der von Kindes­alter an schon eher in sich gekehrt war, sogar befreiend, wenn er viel alleine und mit sich selbst beschäftigt ist. Ein Mensch der von Natur aus viel unter Menschen sein muss, um sich gut zu fühlen, wird mit einer derartigen Situation nur schwer zu Recht kommen.

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Im Sprachgebrauch werden die Begriffe Einsamkeit und Kälte gerne zueinander in Bezug gestellt. Durch eine Studie haben Psychologen der Universität Toronto belegt, das Einsamkeit tatsächlich ein reales Kälteempfinden auslösen kann. Die Versuchsteilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. In mehreren kleineren Versuchen wurden beide Gruppen miteinander verglichen. Beispielsweise sol­lte sich Gruppe A einer negativen Situation erinnern, am besten einer, in der sie ausgeschlossen wurden. Gruppe B sollte sich einer positiven Situation erinnern, die sie in Gemeinschaft erlebt haben. Anschließend wurden sie gebeten, die Raumtemperatur einzuschät­ zen. Die Teilnehmer der Gruppe A gaben deutlich niedrigere Werte an. Auch bei einem Computerspiel wurde Gruppe A negativ, Grup­ pe B hingegen positiv beeinflusst. Anschließend sollten sie sich etwas zu Essen und zu Trinken bestellen. Das Ergebnis: Mitglieder der Gruppe A bestellten hauptsächlich warme Speisen und Getränke, Mitglieder der Gruppe B hingegen kalte.

Der Psychologe John Cacioppo, Professor der Universität Chicago, ist der weltweit führende Einsamkeitsforscher. Er ist Ini­ti­ ator zahlreicher Langzeitstudien und aufschlussreicher Versuche. Eins seiner bemerkenswertesten Projekte ist ein Teil der Framing­ ham Heart Study. Die Studie startete 1949 unter der Leitung des damaligen National Heart Instituts. Ziel war es, die gesund­heit­liche Entwicklung der 5.000 zunächst gesunden 30- bis 62-Jähri­ gen aus der Kleinstadt Framingham, Massachusetts, unter Berück­ sichti­gung ihrer Lebensgewohnheiten und sozialen Bindungen ge­nau zu beobachten. Bis heute ist die Zahl der Teilnehmer auf 12.000 gestie­gen, da ihre Lebenspartner, Kinder und Kindeskinder in die Studie aufgenommen wurden. Alle zwei bis vier Jahre wurden die Probanden diversen Tests und Umfragen unterzogen. Cacioppo erkannte das Potenzial der ausführlichen Erhebung und nutzte sie, gemeinsam mit Kollegen der Universitäten Kalifor­-

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nien und Harvard, zu seinen Forschungszwecken. Mit skurrilem Ergebnis: Einsamkeit ist ansteckend. Die Forscher setzten die An­ zahl an und Beziehungen zu engen Freunden mit der Häufigkeit empfundener Einsamkeitsepisoden des Individuums ins Verhältnis. Zunächst belegten sie, was jeder vermutete: Wer sich einsam fühlt, verliert tatsächlich soziale Kontakte. Doch zu ihrem eigenen Erstaunen sahen sie, dass die individuelle Einsamkeit weit größere Ausmaße mit sich führte: Freunde von Einsamen neigten auch da­ zu, Sozialkontakte zu verlieren, selbst Freunde von diesen Freunden. Und nicht nur ähnlich schwach integrierte, sondern selbst Personen mit starken sozialen Bindungen waren von der Ansteckung betroffen. Demnach wirkt sich die Isolation Einzelner auch auf das gesam­te Umfeld aus, wobei eher Freunde als Familie und eher Frauen als Männer »infiziert« werden.

Eine Verhaltenstherapie ist bei chronischer Einsamkeit meist unerlässlich. Hat der Betroffene den Punkt erreicht, an dem er sich aus eigener Kraft nicht mehr aus der sozialen Isolation befreien kann, muss er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, weil er sonst Ge­fahr läuft, sich selbst etwas anzutun, da im Krankheitsverlauf oft auch Depressionen und Angstzustände entstehen können. In einer Therapie muss der Einsame zunächst akzeptieren, dass er unter Ein­samkeit leidet. Solange er sich das nicht ein- und im weiteren Therapieverlauf zugesteht, kann er sein Problem nicht lösen. In der Therapie soll er nun lernen, dass Einsamkeit nichts Schändliches ist und erkennen, woher seine Einsamkeitsgefühle kommen. Hat er beispielsweise zu hohe Ansprüche an sich und sein soziales Um­ feld? Oder – konträr dazu – hält er sich selbst nicht für wichtig genug? Je nach Ursache wird die Krankheit unterschiedlich thera­piert, im Kern steht jedoch immer der Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls. Dazu erlernt der Patient unterschiedliche Ver­ haltensstrategien zur Krisenbewältigung, Entspannung oder Kommunikation.

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artikel Ei n s a m k e it f ü h rt z u K ä l t e e m p fi n d e n / N e gativ e Erfa h ru n g e n w irk e n s ic h auc h k ö r p e r l ic h a u s Einsamkeit und ein Kältegefühl werden im alltäglichen Sprachgebrauch immer wieder in Zusammenhang gebracht. Psychologen der University of Toronto haben jetzt nachgewiesen, dass die soziale Isolation für diese Empfindung verantwortlich ist. Menschen, die sich ausgeschlossen fühlten, empfanden bei Tests einen Raum kälter als jene, die sich als Teil der Gruppe sahen. Die sich als nicht zugehörig fühlten, wählten aus einem Speisenangebot auch eher eine wärmende Suppe als einen Apfel oder ein kaltes Getränk aus. Details der Studie wurden in dem Fachmagazin Psychological Science veröffentlicht. Für das erste Experiment wurden 65 Studenten in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe sollte sich an eine persönliche Erfahrung erinnern, in der sie sich sozial ausgeschlossen, isoliert oder einsam gefühlt hatte. Dazu gehörte zum Beispiel die Nichtaufnahme in einen Club. Die zweite Gruppe sollte sich an die gegenteilige Er­fahrung, die Aufnahme in eine Gemeinschaft erinnern. Alle Teil­ nehmer wurden gebeten, die Raumtemperatur zu schätzen. Die Schätzungen gingen von zwölf Grad bis zu 40 Grad. Jene, die sich an schlechte Erfahrungen erinnerten, gaben deutlich niedrigere Werte an. In einem zweiten Experiment spielten die Studenten ein Ballspiel am Computer. Das Spiel war so programmiert, dass manche der

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Freiwilligen den Ball viel öfter zugespielt bekamen als andere. An­schließend wurden sie gebeten die Stärke ihres Wunsches nach ei­nem heißen Kaffee, Keksen, Limonaden, einem Apfel oder einer heißen Suppe zu bewerten. Die »unbeliebten« Teilnehmer entschieden sich viel eher für den Kaffee oder die Suppe. Diese Vorliebe führen die Forscher auf ein körperliches Kältegefühl zurück, das durch das Ausgeschlossensein hervorgerufen wurde. Der leitende Wissenschaftler Chen-Bo Zhong betonte laut BBC, dass die Er­fahrung des Ausgeschlossenseins einen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes frieren lassen kann. Aus diesem Grund würden auch immer wieder Temperatur-Metaphern verwendet, um ein Zugehörigkeitsgefühl oder aber das Ausgeschlossensein zu beschrei­ ben. Diese Erkenntnisse sollten auch direkt beim Umgang mit Traurigkeit oder Einsamkeit berücksichtigt werden, so die Forscher. Es sei ein interessanter Forschungsgegenstand herauszufinden, ob die Wärme eines Objekts negative Gefühle relativieren könne. Derartige Ansätze kommen als Metaphern immer wieder in Selbsthilfebüchern vor. Die aktuellen Forschungsergebnisse legten jedoch nahe, dass eine warme Suppe tatsächlich dazu verhelfen könnte sich besser zu fühlen. Wenn man sich nicht gut fühlt, könnte es daher auch helfen, einfach die Raumtemperatur zu erhöhen, so die Schlussfolgerung.

Ei n s a m k e it e n d

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Kann man sich mit Einsamkeit anstecken wie mit einer Erkältung? Ja, sagen US-amerikanische Forscher. Menschen, die sich einsam fühlen, können dieses Gefühl auf andere übertragen. So verlieren sie auch die wenigen Sozialkontakte, die sie noch haben.

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»Wir haben bei einsamen Menschen ein bemerkenswertes Ansteckungsmuster entdeckt. Sie ziehen sich an den Rand ihres sozialen Netzwerks zurück und verlieren nach und nach auch noch die we­nigen Freunde, die sie noch haben«, erklärt John Cacioppo aus Chicago. Zusammen mit Kollegen der Universitäten von kalifornien und Harvard hat der Psychologe für die vorliegende Studie Daten von mehr als 5.000 Teilnehmern der Framingham Heart Study ausgewertet. Die Forscher stellten eine Beziehung her zwischen der Anzahl enger Freunde, die ein Studienteilnehmer benannte, und der Häufigkeit von Einsamkeits-Episoden des betreffenden Teilnehmers. Dabei stellten sie fest, dass einsame Menschen ihre Bezugspersonen mit ihrer Einsamkeit »ansteckten«, sodass diese ebenso an den Rand ihres sozialen Netzes rückten. Das Gefühl der Einsamkeit verbreitete sich in der Studie eher unter Freunden als unter Verwandten. Frauen liefen dabei eher Gefahr als Männer, sich mit der Einsamkeit eines anderen »anzustecken«. »Einsame Menschen haben ein erhöhtes Risiko für diverse psychi­ sche und somatische Erkrankungen. Freunde und Bekannte sollten sich daher verstärkt um Betroffene kümmern, bevor diese sich immer mehr zurückziehen«, meint Cacioppo.

K o p f w e l t e n Ät z e n d e

/ Ei n s a m k e it

Vereinzelung macht zunächst nur denen das Leben schwer, die sich von Familie, Freunden und Gesellschaft nicht mehr getragen glau­ ben. Doch dabei bleibt es nicht. Vielmehr greift das Gefühl der Ver­lassenheit wie eine ansteckende Krankheit um sich. Schließlich sind ganze Gemeinschaften bedroht.

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Einsamkeit ist nicht Alleinsein. Sie ist keine Erlösung vom nerven­ den Trubel und hat darum nichts mit menschenleeren Räumen oder weiten, unverbauten Landschaften zu tun, in denen mancher überhaupt erst zur Ruhe kommen und Erholung finden kann. Wenn wir einsam sind, fehlen uns die Menschen im Kopf, nicht auf der Straße, im Bus oder am Tisch. Wenn wir einsam sind, mangelt es an Menschen, die zu uns gehören und zu denen wir gehören. Men­schen, mit denen uns Vertrauen verbindet, mit denen wir Freude und Schmerz gemeinsam erlebt haben und weiter erleben wollen. Menschen, die uns schätzen und kritisieren, lieben und fordern. Men­schen, für die wir nicht austauschbar sind. Solche Nähe erfah­ ren zu können, ist der Grundstoff für ein glückliches Leben. Wird er knapp, befällt die Seele entsetzlicher Hunger. Echte Einsamkeit hat keine positiven Seiten. Sie macht einfach nur krank. Ein Wissenschaftler, der sich in den vergangenen Jahren besonders eingehend mit diesem inneren Zustand und seinen Folgen befasst hat, ist der Psychologe John T. Cacioppo. Er machte sich Daten zunutze, die erstmals 1948 in der westlich von Boston gelegenen Kleinstadt Framingham erhoben wurden. Damals stimmten gut 5.000 Einwohner dieser Stadt im Alter von 30 bis 62 Jahren zu, sich regelmäßig untersuchen und auf ihre Lebensgewohnheiten hin be­ fra­gen zu lassen. So wollten Mediziner den Ursachen und möglichen Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die Spur kom­men. Die Studie wurde mehrmals verlängert und um Nachkommen und Lebenspartner der Freiwilligen erweitert, so dass es in Framingham inzwischen sechs verschiedene »Kohorten« mit insgesamt 12.000 Teil­nehmern gibt, die buchstäblich auf Herz und Nieren untersucht werden können. Doch nicht nur die über längere Zeit gewonnenen medizinischen Daten stehen den Forschern zur Analyse zur Verfügung. Auch die Lebensgewohnheiten und sozialen Bindungen der Teilnehmer können zum Teil über Generationen verfolgt werden. Al­le zwei bis vier Jahre jeweils wurden neue Daten ermittelt und mit

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den alten verglichen. Für die jetzt veröffentlichte Einsamkeitsstudie stand die zweite Framingham-Generation im Mittelpunkt des For­ scher­interesses. Eine erste Beobachtung entspricht wahrscheinlich dem, was auch Nichtfachleute aus ihrer Lebenserfahrung heraus erwartet hätten: Innerhalb eines sozialen Netzes wandern die zunehmend unter Ein­samkeit leidenden immer weiter an den Rand der betreffenden Gruppe. Eine Bindung nach der anderen geht verloren. Sie fühlen also nicht nur, dass sie kaum noch zum Leben der anderen dazugehören. Der Blick der Wissenschaftler von »außen« bestätigt den düs­teren persönlichen Eindruck. Sogar Beobachtungen in Affengruppen zeigen dasselbe Bild: Versuche, vereinsamte, ausgestoßene Tiere in das Leben einer Gruppe wieder einzubinden, scheitern fast immer. Ist das schon schlimm genug für den Einzelnen, lassen die weiteren Ergebnisse Cacioppos und seiner Kollegen erhebliche negative Fol­ gen für eine ganze Gesellschaft befürchten. Einsamkeit ist ansteckend, so könnte man die weiteren Resultate zu­sammenfassen. Demnach wirkt die Isolierung Einzelner auch auf das gesamte Umfeld. Auch diesen Menschen mangelt es nämlich an sozialen Bindungen, so zeigen die Daten. Nun könnte es natürlich sein – »Gleich und Gleich gesellt sich gern« –, dass sich Einsame, wenn überhaupt noch zu jemandem, besonders zu Leidensgenossen hingezogen fühlen. Vielleicht weil die aus eigener Erfahrung am bes­ten verstehen können, was einer durchmacht, der sozial in dünner Luft leben muss. In diesem Fall wäre es selbstverständlich, dass sich ganze »Cluster« von Einsamen bilden. Das wurde so auch beobach­ tet. Aber noch ein anderer Effekt kommt dazu: Auch diejenigen in der Umgebung, die über viele vitale Beziehungen verfügen, können in eine Art Einsamkeitsstrudel geraten. Zwar kappen die an den Rand gedrängten schließlich oft noch die letzten verbliebenen sozialen Bindungen. Vorher aber stecken sie andere mit ihrer Einsamkeit an.

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Freunde sind eher betroffen als Familienmitglieder, wie die Studie zeigte, und Frauen eher als Männer. So oder so greift das Gefühl der Verlassenheit und auch des wachsenden gegenseitigen Misstrauens immer weiter um sich. Und das von jedem Einzelnen gleich über drei Kontaktebenen hinweg: Auch Freunde von Freunden von Freun­den können sich noch »anstecken« und zu einem neuen gefährlichen Keim werden. Am Ende kann eine komplette, einstmals lebendige Gemeinschaft von der emotionalen Zersetzung bedroht sein. Nur ein viel versprechendes Gegenmittel bietet sich auch nach et­lichen Computersimulationen von sozialen Netzwerken an, die Cacioppo und seine Kollegen durchspielten: Die bedrohten oder ganz fehlenden zwischenmenschlichen Bindungen derer am Rand einer Gesellschaft müssen entschlossen und von außen repariert und ergänzt werden. So gibt es noch Hoffnung für die Isolierten selbst. Darüber hinaus aber lässt sich im besten Fall wie bei einer Impfung eine Art Schutzwall errichten, der eine mit Einsamkeit infizierte Gemeinschaft vor der Auflösung bewahrt. Vielleicht können wir in Zeiten knapper Kassen und wachsender so­zialer Spannungen auch das aus der Studie lernen: Soziale und/oder emotionale Nöte, selbst wenn sie anfangs nur wenige und nicht die Masse treffen, lösen sich nicht einfach auf, wenn die »Problemfälle« an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. Denn dort werden aus wenigen viele.

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Viele Menschen fühlen sich einsam, ungeliebt, alleingelassen und vom Leben abgetrennt. Die Einsamkeit ist für sie fast schmerzhafter als eine körperliche Erkrankung. Warum gibt es in unserer Zeit, in der wir einen Brief innerhalb von wenigen Minuten per Fax oder

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Email abschicken, mit dem Handy jederzeit erreichbar sind und an­dere erreichen können, immer mehr einsame Menschen? Viele Menschen verwechseln Einsamkeit mit Single-sein. Sie glau­ ben, dass sie sich zwangsläufig einsam fühlen müssen, wenn sie Single sind. Doch dem ist nicht so. Sicher haben Sie auch schon ein­mal erlebt, dass Sie sich im Kreise vieler Menschen plötzlich ganz einsam gefühlt haben. Andererseits haben Sie sich sicher auch schon einmal danach gesehnt, allein mit sich zu sein und die Ruhe zu genießen. Ob wir uns einsam fühlen oder nicht, hängt also nicht so sehr davon ab, ob wir Single sind, sondern von unserer inneren Einstellung. Single-sein muss nicht Einsamkeit bedeuten. Alleinsein kann je nach innerer Einstellung sowohl als wohltuend oder als bestrafend erlebt werden. Von Einsamkeit sprechen wir dann, wenn wir das Alleinsein oder Zusammensein mit anderen als Ausgeschlossensein und Verlassensein erleben. Einsamkeitsgefühle können auftreten, obwohl wir verheiratet sind, obwohl wir einen Beruf haben, obwohl wir von anderen gemocht werden, obwohl wir jung sind, obwohl wir Kinder haben, obwohl wir uns in Gesellschaft befinden. Es lassen sich drei Phasen der Ein­ samkeit unterscheiden: D

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Die Einsamkeitsgefühle dauern nur kurze Zeit und sind eine Reaktion auf äußere Umstände wie beispielsweise einen Umzug, einen Krankenhausaufenthalt, Arbeitslosigkeit, den Auszug der Kinder. Ausgelöst durch diese Ereignisse können wir von dem Kontakt mit anderen uns vertrauten Menschen abgeschnitten sein. Diese Phase der Einsamkeit ist nicht schädlich, sondern kann hilfreich sein, uns den neuen Umständen anzupassen. Sie deutet eine Veränderung in

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unserem Leben an. D

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Die Einsamkeit beginnt, unser Dauerbegleiter zu sein. Unsere Fähig­keiten, Kontakt aufzunehmen und uns mit anderen Menschen zu un­terhalten, nehmen langsam ab. Wir verlernen zu lächeln und über Alltäglichkeiten zu reden. D

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Die Einsamkeitsgefühle dauern Monate oder gar Jahre. Wir verstei­nern. Alle unsere Fähigkeiten, Kontakt aufzunehmen und aufrecht zu erhalten, für andere attraktiv zu sein, Anerkennung anzunehmen und zu geben, sind verschwunden. Andere wissen nichts mehr mit uns anzufangen. Wir fühlen uns abgelehnt und unattraktiv und verlieren immer mehr das Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Wir zie­hen uns zurück oder werden anderen gegenüber immer »giftiger« und gereizter. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass ganz be­stimmte negative Einstellungen uns für Einsamkeitsgefühle empfäng­lich machen. Menschen, die sich einsam fühlen, glauben, nicht liebens­ wert zu sein. Sie glauben, unbedingt einen Partner zu brauchen, um glücklich zu sein. Außerdem leiden sie unter einer starken Angst vor Ablehnung. Sie warten auf die Initiative anderer, ihnen mit Lob und Zuspruch entgegenzukommen, weil sie das Risiko fürchten. Manchmal wirken sie nach außen arrogant und kein Mensch scheint ihnen gut genug zu sein. Umgekehrt zeichnen sich Menschen, die mit sich allein zufrieden sein können, aber auch im Kontakt zu anderen Menschen stehen, durch folgende Einstellungen aus: Sie können sich selbst annehmen und glauben, anderen Menschen etwas geben zu können. Sie kön­nen auch damit umgehen, dass andere sie ablehnen und ihre Schwächen

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erkennen. Und sie können andere Menschen mit deren Schwächen akzeptieren. Einsamkeitsgefühle sind ein Alarmsignal, dass sich in Ihrem Leben etwas geändert hat und/oder Sie Ihre Bedürfnisse nicht erfüllen. Sie sollten sie zum Anlass nehmen, zu lernen, mit sich selbst als Single zufrieden zu sein bzw. auf andere Menschen wieder zuzugehen. B

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Wenn Sie beispielsweise die Einstellung haben, dass es sich nicht lohnt, für Sie als Single etwas Schönes zu kochen oder den Tisch zu decken, dass der Spaziergang alleine ohnehin keine Freude machen kann und Sie deshalb lieber zuhause bleiben sollten, dann behandeln Sie sich abschätzig. Seien Sie es sich deshalb »wert«, für sich etwas Gutes zu tun. Ne z

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Erwarten Sie von sich dabei keine »hochgeistigen« Gespräche, denn sonst nehmen Sie erst gar keinen Kontakt zu anderen auf. Beginnen Sie, über Alltägliches zu reden: das Wetter, Fernsehprogramm, einen Zeitschriftenartikel, den Sie gelesen haben. Interessieren Sie sich für den anderen und erzählen Sie auch etwas von sich. Hierdurch blei­ ben Sie in Übung und haben den Eindruck, dazuzugehören. S

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Stellen Sie sich eine Aufgabe wie etwa eine ehrenamtliche Betäti­gung. Wenn Sie sich eine Aufgabe geben, werden Sie hierdurch Kontakt finden und sich auch wichtig fühlen. Ihr Leben wird eine Perspek­ tive haben. Wenn Sie sich einsam fühlen, dann sind Sie sowohl der Gefangene als auch der Gefängniswärter. Sie halten nämlich den Schlüssel in Ihrer Hand, Ihre Einsamkeit zu überwinden. Vorübergehende Einsamkeitsgefühle werden wir alle immer einmal wieder verspüren. Man kann sich nicht davor schützen. Wir können aber etwas dafür tun, damit wir nicht in die chronische Einsamkeit gelangen. Wir können unseren Freundeskreis pflegen, Problemlösestrategien aus- und aufbauen, Entspannungstechniken erlernen, ler­ nen, um Hilfe zu bitten, uns trauen, therapeutische Unterstützung zu holen, unser Selbstwertgefühl stärken, andere Menschen mit ihren Schwächen annehmen und keine allzu hohen Forderungen an diese stellen, Angst vor Neuem zulassen und es dennoch tun.

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Es ist nicht einfach, sich oder gar anderen einzugestehen, dass man einsam ist. Der Psychologe Eberhard Elbing von der Universi­ tät München beobachtete das Schamgefühl der Einsamen und er­kannte dahinter ihre Auffassung des Versagens. Seine Studien be­legen, dass diese Scham nicht von ungefähr kommt: Probanden, die ihre Einsamkeit offen eingestehen, werden von anderen tatsächlich gemieden. Einerseits sieht Elbing als Ursache die Angst der vermeint­­lich Nicht-Einsamen, selbst in die Einsamkeit zu rutschen, anderer­seits ist Einsamkeit auch einfach nicht gesellschaftsfähig. Der moder­ne Mensch möchte stark und unabhängig sein. Einsamkeit bedeutet jedoch für die meisten ein soziales Defizit – ein Tabu. Die Angst vor der Einsamkeit ist natürlich auch begründbar. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Im Normalfall ist er von der Geburt bis zum Tode in verschiedene soziale Gefüge eingebunden und sein Gehirn ist auf nichts so spezialisiert, wie auf die Auswertung sozial­er Signale. Unser Wohlbefinden hängt erwiesenermaßen maßgeblich von Zugehörigkeit, Beziehungen und Liebe ab. Nicht umsonst fallen dementsprechend die Antworten auf die Frage aus, was den Gefrag­ten glücklich mache: Auf Platz eins steht die Gesundheit, dicht ge­folgt von Familie, Partnern und Freunden. Der Mensch ist darauf geprägt, sein Leben zu teilen. Und wäre das Individuum nun für im­mer herausgenommen aus sämtlichen sozialen Strukturen – es hätte keinen Anlass mehr zu leben. Nicht umsonst ist in einigen Ländern die Isolationshaft oder gar die Verbannung die höchstmög­liche Strafe.

Einsamkeit ist nicht nur ein Phänomen, an dem sozial isolierte lei­den. Nach Reinhold Schwab, Psychologe der Universität Hamburg, kann jeder betroffen sein, auch solche, die in einem sozialen Netz eingebunden sind. Entscheidend ist der subjektive Zustand, das heißt, ob das Individuum an einer vermeintlichen Distanz zu seinen Mitmenschen leidet und sich nach mehr Verbundenheit und

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Nähe sehnt, oder nicht. Ob es eine belastende Kluft zwischen den tatsächlichen und den erwünschten Beziehungen sieht. Eine wichtige Rolle spielt hier die Fähigkeit, Bindungen einzugehen. Nach der Psychologin Kim Bartholomew lassen sich vier Bin­ dungs­stile unterscheiden: Der sichere Typ geht leicht feste Bindungen ein, nimmt Hilfe von an­deren an und bietet diese von sich aus an. Er hat keine Bedenken, verlassen oder nicht angenommen zu werden. Er trägt das geringste Einsamkeitsrisiko. Der anklammernde Typ braucht eine feste Beziehung und hat ein starkes Bedürfnis nach Nähe. Er glaubt, dass andere sein Bedürfnis nicht gleichermaßen teilen und befürchtet, nicht genug gemocht zu werden. Der ängstliche Typ wäre gerne fest gebunden, kann aber schwer ver­trauen und sich nicht vorstellen, abhängig zu sein. Er bleibt auf Distanz und ist am häufigsten von Einsamkeit bedroht. Der abweisende Typ ist autonom und möchte das auch bleiben. Er braucht weder Beziehung noch Nähe. Sein Einsamkeitsrisiko ist dennoch nur mittelgroß, da er sehr gut Zeit mit sich selbst verbringen kann.

Auch in Gesellschaft kann man einsam sein. Das geschieht meistens, wenn der Betroffene sich ausgeschlossen fühlt oder den Eindruck hat, völlig andere Interessen zu pflegen als der Rest der Gemeinschaft. In seiner Wahrnehmung gibt es das eigene »Ich« als Einzelnen und ihm gegenüber »die Anderen« als homogene Gruppe. Das Gefühl der Unverstandenheit erzeugt große Frustration und lässt den Be­ trof­fenen in sich selbst oder in provozierendem Verhalten Schutz

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suchen. Dasselbe kann man auch in der Partnerschaft beobachten, einer Allianz zwischen zwei Menschen, die eigentlich übereinge­kom­men sind, ihr Leben miteinander zu teilen. Natürlich kann das auch an realen Problemen in den genannten sozialen Bindungen liegen, man kann tatsächlich ausgegrenzt oder vom Partner missachtet werden. Nicht selten ist es jedoch der Fall, dass das Problem aus dem Inneren des Betroffenen entsteht, dass er beispielsweise gerade ein verstärktes Nähebedürfnis hat, welches von außen nicht wahrgenommen und darum auch nicht erfüllt wird. Man kann hier von sozialen Missverständnissen sprechen. Allerdings kann man auch hierunter chronisch leiden, wenn man einer der gefährdeteren Bindungstypen ist. Wer seinen Selbstwert an anderen misst und sich autonom nicht zurechtfindet, also ein anklammernder oder ängstlicher Typ ist, wird es nie leicht haben, ein, für ihn zufrieden stellendes, soziales Netz aufzubauen. Die An­ sprüche ans Zusammenleben sind überdurchschnittlich hoch und selten zu erfüllen. Sein Verhalten erschwert ihm das soziale Miteinander zusätzlich, da er sich meist entweder bissig, arrogant, sarkas­tisch und aggressiv gibt oder sich verstärkt in sich selbst zurückzieht und somit seine Kommunikationsfähigkeiten nachlassen.

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Viele Menschen klagen darüber, allein zu sein. Dabei ist die Einsam­keit der Moderne ein Mythos. Unser Unglück ist nicht größer als früher. Wir haben nur gelernt, darüber zu reden.

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Wir leben in einer Welt, in der die Einsamkeit um sich greift. Ist es nicht so? Haben wir nicht neulich erst mit einem gesprochen, der einsam ist? Ist es nicht auch, wahrscheinlich, die alte Frau in unserm Haus? Handeln nicht Filme, Romane, Songs in einem fort davon? Sagen es nicht alle Begriffe? Die Individualisierung? Die SingleGesellschaft? Es sind ja nicht wenige Argumente, die der Topos von der wachsenden Einsamkeit des modernen Menschen ins Feld zu führen weiß. Den Verlust der Großfamilie und den Verlust der Nachbarschaft. Den Bedeutungsverlust der Kirchen, die Anonymität der Großstadt und das Konkurrenzdenken im Kapitalismus. Den Niedergang der Volksparteien und des Vereins- und Verbändewesens. Die steigende Scheidungsrate, die steigende Zahl der Kinderlosen und die steigende Zahl der Einpersonenhaushalte. Nicht zu vergessen: die allgemeine Abenteuerlust und Genusssucht sowie die Nebenwirkungen von Medienkonsum und Massenmobilität. Natürlich existiert das Problem der Einsamkeit. Und es ist kein klei­nes: Wenn Hunger und Obdachlosigkeit die schlimmsten der mate­riellen Übel sind, so ist die Einsamkeit wohl das schlimmste der nicht- und postmateriellen – seelische Unterernährung, soziale Ob­dachlosigkeit. Ein großes Problem, ja. Doch wird es auch immer größer? D

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Es ist ja eine Erzählung. Die Geschichte unserer Vereinsamung. So wie der erste Mensch im Paradies allein war, so fürchten wir, am En­de des Zivilisationsprozesses wieder allein zu sein, individualisiert und isoliert im Wohlstandsparadies. Die Aufklärung, die uns von Gott entfremdete? Mehr Einsamkeit. Die industrielle Revolution, die uns in unwirtliche Steinwüsten führte? Mehr Einsamkeit. Und

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haben nicht alle Versuche einer nicht einsamen Moderne böse ge­endet? In totalitären Massenstaaten und Massenmord? Hat nicht Achtundsechzig den Familiensinn untergraben? Gingen nicht aus der Kommune 1 erst die ichsüchtigen Containerbewohner von heute hervor? Die Aufklärer, auch die Romantiker hatten die Einsamkeit noch gefeiert. Als seltenes, ersehntes Alleinsein, in dem der Mensch zu Gott und zu sich selbst findet, der Denker zum Gedanken, der Künstler zu seiner Kunst. Heute ist die Euphorie verflogen. Die Ein­samkeit hat sich demokratisiert und für die Mehrheit als Graus erwiesen. Nicht nur Geistliche und Genies, Erben und Privatiers kommen jetzt in ihren Genuss, sondern alle. Doch nur wenige wissen die Einsamkeit offensichtlich so zu genießen wie jene, die einst Hymnen auf sie verfassten, ein Rousseau oder ein Schopenhauer. Heute wird die Einsamkeit als Isolation verstanden. Sozial und emo­tional. Theologie und Philosophie – mit ihrem positiven Einsamkeitsbegriff – haben die Deutungshoheit an Soziologie und Psychologie abgegeben. Und nun fällt uns auch ein, dass Rousseau und Schopenhauer, die Einsamkeitshymniker, tief gekränkte Wesen waren, sozial und emotional isoliert. Wie so viele Sonder- und Durchschnittsmenschen, die »freiwillig« in die Einsamkeit gingen und gehen. Die Einsamkeit gilt als Gleichmacher. Arme wie Reiche, Hässliche wie Schöne, Isolierte wie Berühmte: Sie alle sollen gleich einsam sein, ja, die Reichen, Schönen und Berühmten sogar noch mehr. Vielleicht ist es das, was vermuten lässt, jeder Fortschritt bringe uns nur noch mehr Einsamkeit. Schaut man sich die Argumente jedoch näher an, wird man skeptisch. Zum Beispiel die verschwundene Großfamilie. Gemeint: die Mehrgenerationenfamilie. Ach, damals! Damals, so heißt es, hätten Kinder, Eltern und Großeltern noch unter einem Dach gelebt. Natürlich, das gab es (und gibt es auch heute). Doch im Bürgertum war es seit je die Norm, dass Erwachsene, die heirateten, ihren eigenen Hausstand

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gründeten. Und: Noch um 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren. Wer 20 wurde, hatte oft schon keine Eltern mehr. Von Großeltern ganz zu schweigen. Es fragt sich also, an wel­che Zeit eine Ministerin denkt, die »Mehrgenerationenhäuser« bau­en will, damit »die Generationen sich wieder helfen, wie in Großfamilien in der Vergangenheit«. Erst 1950 stieg die mittlere Lebens­ erwartung auf über 65 Jahre. Selbst zu diesem Zeitpunkt war ein längeres Erleben von Großeltern noch selten. Zusammengefasst kann man sagen: Die Mehrgenerationenfamilie auf Dauer gibt es erst heute. Nie hatten so viele Menschen noch Eltern, Großeltern und sogar Urgroßeltern. Und Lebenspartner. Denn auch sie starben früher: früher. Ein schweres Fieber reichte, eine schwere Geburt. Auch die »Anonymität der Großstadt« hält einer Überprüfung nicht stand. Forschungen zeigen, dass Menschen in der Stadt durchschnit­tlich bessere Netzwerke haben als Menschen auf dem Land. Die herkömmliche, erzwungene Nachbarschaft wird ersetzt durch eine »ent­räumlichte«, frei gewählte. Tatsächlich macht nicht die Großstadt einsam, sondern der Umzug in die Großstadt. Vorerst. Die meisten Texte, die von der Einsamkeit in der Großstadt erzählen, von den Erfahrungen der Anonymität, sind denn auch keine Großstadt-, sondern »Umzug in die Großstadt«-Texte. Und es sind Dokumente seelischer Krisen. Rilkes Malte Laurids Brigge war depressiv, bevor er allein nach Paris zog. Ebenso Esther Greenwood, in Sylvia Plaths »Die Glasglocke«, vor ihrem Umzug nach New York. Die bereits Verzweifelten sind es, die ihr Alleinsein im Ge­ dränge der Straßen und U-Bahnen als unendliche Einsamkeit erfah­ren. Die Einsamen sind es, die in der Großstadt ein Bild ihrer Ein­ samkeit finden, nicht die Großstadt ist es, die sie einsam macht. Abgesehen davon, kann man in der Großstadt finden, was man auf dem Dorf vermisst: Gleichgesinnte, auch Gleichgültigkeit, im besten Sinn. Für alles gibt es einen Club, eine Selbsthilfegruppe. Unzählige Initiativen, Läden und Seminare sind an die Seite der schrumpfenden Volksparteien, Vereine und Verbände getreten. Die mittlere

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Dauer der Mitgliedschaft ist zwar gesunken. Die Kommunikation aber hat zugenommen. Das Diskutieren und Mitentscheiden. Und die Singles? 1950 lebten im Westen gut drei Millionen Menschen allein. Heute sind es zwölf Millionen, in ganz Deutschland bald fünfzehn Millionen. In Großstädten sind die Hälfte aller Haushalte ein Einpersonenhaushalte. Das klingt enorm. Doch es gibt Ein­wände. Natürlich, Nummer eins: Ein Drittel bis die Hälfte aller Alleinwoh­ nenden sind nicht alleinstehend. Sie haben eine Partnerschaft, leben aber in getrennten Wohnungen. Und die »Intimität auf Distanz« ist meist auch nur vorübergehend. Wenn die Beziehung hält, zieht man zusammen. Der Wohlstand erlaubt die schrittweise Annäherung, auch die Korrektur. V

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Der zweite Einwand: Familien gründen zunehmend mehrere Haus­ halte in einem Haus. Wieder ein Wohlstandsphänomen. Man lebt unter einem Dach, aber es sind Wohnungstüren zwischen Eltern, großen Kindern und Großeltern. Andere leben Haus an Haus oder gleich um die Ecke. Auch eine »Intimität auf Distanz«, die sich ausbreitet und in den neunziger Jahren zu dem Irrtum geführt hat, der Generationen-Zusammenhang löse sich auf. Denn viele Forscher schauen nur auf die Haushalte. Im Übrigen wohnen Kinder und Kindeskinder noch zu mehr als zwei Dritteln im selben Haus oder Ort wie die Alten. Nur ganze fünf Prozent leben mehr als zwei Autostunden entfernt. Der Eindruck, die große Mehrheit aller Familien sei heute über das Land verstreut, ist also falsch. Dritter Einwand: Knapp 40 Prozent der Alleinwohnenden sind Men­schen über 65. Die »Single-Gesellschaft« beruht zu einem Großteil auf der höheren Lebenserwartung. Allerdings ist auch im Alter, selbst unter Verwitweten, die Gleichung »Alleinwohnen = isoliert« nicht richtig. Im Gegenteil zeigen Studien, dass immer weniger alte

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Menschen sich einsam fühlen. Bessere Gesundheit, mehr Geld und Bildung lassen die Leute aktiver sein. Und wer schon in der Lebensmitte Leidenschaften und Freundschaften gepflegt hat, behält beides auch im Alter. Das Ergebnis: Die Kontaktnetze älterer Menschen haben sich ausgeweitet. Auch der Familienzusammenhalt hat sich nicht abgeschwächt, sondern verstärkt. Das liegt nicht zuletzt an der besseren Kommunikation: Eine Gesell­schaft lernt sprechen. Wir streiten über die Vergangenheit, reden über Gefühle. Privat und öffentlich. Der Terror der Intimität ist nur das Hochwasser des Redeflusses, der ein verbreitetes Schweigen beendet hat. Nicht zuletzt das Schweigen zwischen den Generation­ en, den Achtundsechzigern sei Dank. Ausgerechnet für diese Zunahme an privater Kommunikation, in vielen Familien und (auch Männer-) Freundschaften, fehlen uns jedoch die Worte. Welcher so­ziologische Begriff brächte diese Kommunikationsgesellschaft auf den Punkt? So zeigt, dass immer mehr Leute über ihre Einsamkeit reden, sich bekennen in Kontaktanzeigen, Talkshows und Chatrooms, gerade nicht, dass es heute mehr Einsamkeit gibt. Vielmehr zeigt es die ge­stiegene Fähigkeit, über sich zu sprechen und zu anderen Kontakt aufzunehmen. Da sieht man auch: Nicht das Internet macht einsam, sondern es sind Einsame – auch Einsame –, die es nutzen. (Wie im Übrigen das Fernsehen nicht einsam macht, sondern Einsame zu exzessivem Fernsehen neigen. Wie der Roman nicht einsam macht, sondern Einsame – auch Einsame – zur Romanlektüre neigen.) Und die echten Singles? Sie bewohnen ja nur etwa 20 Prozent der Einpersonenhaushalte. Sind sie die modernen Einsamen? Sicher, wer allein lebt und keinen Partner hat, wird sich häufig einsam fühlen. Andererseits sind die Singles dieses Jahres nicht die Singles des nächsten. Es herrscht ein Kommen und Gehen, es ist ein Ver­ schiebebahnhof: Man lebt allein und ohne Partner, dann allein trotz Partner, dann mit dem Partner zusammen, dann, vielleicht,

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wieder allein und ohne Partner. Singles bilden die natürliche Bewe­ gungsmasse einer freien Gesellschaft, in der man sich trennen darf und trennen kann. Es ist keineswegs ihr Ideal, allein zu sein. Im Gegenteil: Der Wert der Partnerschaft steht bekanntlich so hoch im Kurs wie lange nicht. Singles sind auch nicht notwendigerweise genusssüchtig oder karrieregeil. Die meisten fallen nur nicht von einer Beziehung in die nächste, also sind sie zwischendurch allein. Eine Phase, die auch gebraucht wird zu Verarbeitung und Neuorientierung. Und die in der Regel kürzer ist als früher (und nicht selten noch heute) eine unglückliche Ehe. Nie wird ja die Einsamkeit als so schlimm empfunden wie zu zweit: Tisch und Bett zu teilen, obwohl die Liebe fehlt, keine Kommunika­ tion möglich ist. Die Trennung, die Scheidung erlaubt den Ausweg. So ist die steigende Scheidungsrate keinesfalls Beweis einer steigen­ den Einsamkeit. Ironischerweise stimmt sogar das Gegenteil. Sie ist auch die Folge überwundener Einsamkeit. Der Mensch, der isoliert ist in der Gesellschaft, kaum oder keine Kollegen hat, kaum Freunde, traut sich oft keine Trennung zu. Wer dagegen Freunde hat, einen Beruf, eine Welt außerhalb der Partnerschaft, traut sich eher. Abge­ sehen von der Unterstützung der Familie, die Trennungswillige früher, zumal Frauen, kaum erwarten durften. So wurde die EheEinsamkeit auch zur Familien-Einsamkeit. Der Mythos von der wachsenden Einsamkeit des modernen Men­ schen aber fußt auf einer Idealisierung des Bundes fürs Leben – wie auf der Idealisierung aller tradierter Gemeinschaft. Doch wie häufig war man einsam: in der Kirche, die man in Angst betrat. In Familien und Schulen, in denen Strenge herrschte, Schweigen, oft auch Gewalt. In allen autoritären Institutionen, in denen die Autoritäten keine »Ansprechpartner« waren, nie wahre Hilfe. Wie einsam konnte sein, wer abwich. Wie feindlich konnten (und können) Nachbarn sein. Das alles muss aus dem Gestern streichen, wer die Einsamkeit allein dem Heute anlasten will.

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Zu dem romantischen, antimodernen Impetus passt, dass oft in je­ner Schicht die geringste Einsamkeit vermutet wird, die als am wenigsten verdorben gilt durch die Moderne. Durch Geld und Ehrgeiz, Mobilität und karrieregeleitete Kinderlosigkeit. Die Unterschicht. Doch wieder weit gefehlt. Auch die kuschelige Unterschicht ist Fiktion. Je besser die soziale Lage – und damit: Bildung und Kommunikation, Selbstvertrauen und Weltzugang –, desto weniger Einsamkeit. Das zeigt sich nicht zuletzt im Fall von Arbeitslosigkeit, wo die Ge­ fahr der Selbstisolation in der Unterschicht besonders groß ist. So kann Individualisierung also auch gesehen werden: als ein Weg heraus aus vielen Einsamkeiten in die Gemeinschaft. Als Suche nach besserer Gemeinschaft, echter Freundschaft und gelingender Liebe. Dieser Weg aber führt meist – über nichts als die Einsamkeit. Vorerst. Im Entwicklungsroman jedes Einzelnen steht am Beginn die Wanderschaft, die Suche. In der Großstadt, im Ausland, abseits elterlicher Kreise. Mehr denn je haben wir unser Leben in der Hand. Wir müssen uns entscheiden. Für die Familie. Oder dagegen. Für ein Essen mit Freunden. Oder für die Arbeit bis Mitternacht. Da­ bei trägt jeder, natürlich, sein persönliches Einsamkeitsrisiko: Je nachdem, welche Erfahrungen er gemacht hat, vor allem als Kind, und je nachdem, ob er den schlechten, zum Beispiel durch Therapie, die Macht nehmen konnte. Heraus kommt eine Bindungsfähigkeit, die die Schläge des Lebens balancieren muss: Abstieg und Arbeits­ losigkeit, Trennung und Tod. Aber auch die Risiken der Chancen: von Wohnortwechseln und Karrieren. Immer wieder müssen wir uns entscheiden. Es sind nicht mehr Menschen einsam, aber mehr sind selbst schuld, wenn sie es werden. Nicht mit einer einsamen Moderne haben wir es zu tun, nur mit einer Modernisierung der Einsamkeit. Unterm Strich aber bleibt es sich ungefähr gleich. Seit über dreißig Jahren erhebt das Institut für Demoskopie in Allensbach die »gefühlte Einsamkeit«. Ergebnis: Im Jahr 1971 sagten fünf Prozent, sie fühlten sich »oft einsam«. 2001, bei der jüngsten Befragung, wa­-

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ren es wieder fünf. Dazwischen stieg der Wert mal auf sechs, mal auf sieben Prozent – und fiel dann wieder ab. Das ist umso bemer­kenswerter, als ja in dieser Zeit drei Gruppen mit erhöhtem Einsamkeitsrisiko ungeheuer zugelegt haben: die Mobilen, die Arbeitslosen und die Alten. Nicht einmal der Sturz aus dem real existierenden Sozialismus in den freien Markt zeitigte höhere Werte: Im Osten, wo 1995 erstmals nach Einsamkeitsgefühlen gefragt wurde, sagten sechs Prozent, sie fühlten sich oft einsam. 2001 waren es sieben. Fünf bis sieben Prozent der Deutschen sind es also, die man mit Recht als einsam bezeichnen kann. Mehr als zwei Drittel der Bevöl­kerung dagegen sagen (da gibt es kaum Schwankungen über die Zeit), dass sie sich selten oder nie einsam fühlten. Und ein Fünftel bis ein Viertel sagt: »manchmal«. Was man jedoch, unter den Bedingungen modernen Lebens, getrost als normal bezeichnen kann. Und auch als nötig – wenn man noch zu sich selbst finden will, zu Gedanken, Göttern und Künsten. Die brauchen wir ja, wie die Gesellschaft.

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Der Einsame kann seine Situation als angenehm oder belastend empfinden. Das hängt zum einen von seiner Prägung, seinen Ge­wohnheiten und Erfahrungen ab, zum anderen aber auch von sei­ ner Selbstreflexion. Beispielsweise fällt es einem Mensch, der in einem funktionierenden Sozialgefüge aufgewachsen ist, der sich dem Halt von Familie und Freundeskreis immer sicher sein konnte, leich­ter, Einsamkeit zu ertragen. Schließlich weiß er aufgrund seiner Prä­gung, dass er nicht vereinsamen wird, da er sich seiner selbst bewusst ist und Zufriedenheit mit sich gelernt hat. Hat nun aber jemand nicht die Erfahrung gemacht, dass er jederzeit gestützt und geliebt wird, kann er sehr unter Einsamkeit leiden, da er keine sichere Basis hat, von der er ausgehen kann. Typ 1 kann sich also in die Einsamkeit begeben, ohne ein großes Risi­ko einzugehen. Er kann die Einsamkeit als Quell der Entspan­ nung, Ruhe und Selbsterkenntnis nutzen, während Typ 2 intensive­ ren Kontakt zu anderen braucht und einsame Phasen möglichst schnell beendet. Das größte Problem des Typ 2 ist nämlich er selbst: Während Typ 1 sich zwar in Frage stellt, sich seinem Innersten, sei­ ner persönlichen Substanz aber bewusst ist, kann Typ 2 das richtige Maß nicht finden. Er leidet an übertriebener Selbstaufmerksamkeit. Das bedeutet, er vergleicht unablässig seinen persönlichen Ist-Wert mit seinem ideellen Soll-Wert, wobei er sich natürlich zunehmend frustriert. Einmal damit begonnen, überschattet dieses Verhalten auch seine Sozialkontakte, denn auch hier beobachtet sich Typ 2 ständig selbst und hinterfragt sein Verhalten, seine Wirkung und die Reaktionen der anderen. Allerdings kann auch ein sozial erfüllend geprägter Typ 1 in überstei-­ gerte Selbstaufmerksamkeit geraten. Hier kommen meist äußere Fak­toren wie ein Umzug, eine Trennung oder ein Todesfall ins Spiel. In einem solchen Fall kann der Betroffene Gefahr laufen, eine chroni­ sche Einsamkeit zu entwickeln, aus der er sich selbst nicht mehr befreien kann. Er ist antriebslos und niedergeschlagen, fühlt sich isoliert, ausgeschlossen, vergessen, verlassen, unverstanden, ungeliebt,

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nutzlos und wertlos, wird anfällig für Depressionen, Angstzustände und Neurosen. Nach außen hin wirkt er misstrauisch, verbittert und unflexibel. Er befindet sich in einem Zustand, der lyrisch als das »innere Gefängnis« beschrieben wird, das man nur von innen öffnen kann. Ist der Zustand aber wirklich krankhaft, braucht man dazu professionelle Hilfe.

Der chronisch Einsame kann therapiert werden. Wirklich kritisch ist es allerdings, wenn der Betroffene bereits seine Fähigkeit zur Kommunikation eingebüßt hat. Hat sich die Einsamkeit zur chronischen Einsamkeit, dann zur sozialen Isolation und schließlich zur Depression entwickelt, fällt es dem Betroffenen unheimlich schwer, sich überhaupt noch mitzuteilen. Geschweige denn, das Haus zu verlassen. Nicht selten versuchen Betroffene, ihre Einsamkeitsge­ fühle mit Alkohol oder Drogen zu bekämpfen. Dieser Versuch liegt besonders nahe, da Rauschmittel die Kommunikations- und Kon­ taktfreudigkeit anregen und Hemmschwellen senken. Wirklich etwas ändern kann aber nur die Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Betroffene muss wieder lernen, sich selbst zu respektieren und zu lieben, anstatt sich für sein Unvermögen zu bestrafen. Und er muss seine Erwartungen an sein Umfeld herunterschrauben und seinen Freunden genau wie sich selbst Schwächen zugestehen.

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Wer unter Einsamkeit leidet, fühlt sich verlassen und ausgeschlossen. Er hat das Gefühl, von einem bestimmten Menschen oder auch von allen Mitmenschen nicht mehr akzeptiert, anerkannt und gebraucht zu werden. Er kommt sich überflüssig und nutzlos vor. Viele Men­ schen verwechseln Alleinsein mit Einsamkeit. Man kann jedoch al­lein sein und sich dennoch nicht einsam fühlen, und man kann unter vielen Menschen sein und/oder Freunde und eine Familie haben und sich dennoch einsam fühlen. Viele Menschen fühlen sich ein­sam, obwohl da noch einer ist in ihrem Leben. Es gibt eine Ein­sam­ keit zu zweit. Wenn man sich in einer Beziehung nichts mehr zu sagen hat, wenn man nebeneinander herlebt, wie auf Eisenbahn­ schienen ohne Berührung, auch dann kann man sich einsam fühlen. Einsamkeit, obwohl da noch einer ist, ist weit verbreitet. Einsamkeit schlägt sich in unseren Gedanken, Gefühlen, körperlichen Reaktionen und dem Verhalten nieder: Die Gedanken kreisen darum, nicht attraktiv zu sein, nicht liebens­ wert zu sein, abgelehnt zu werden, unbedingt einen Partner oder Freunde zu benötigen, alleine nicht leben zu können, dass man an­deren Menschen nicht trauen kann, dass andere Menschen ganz be­ stimmte Eigenschaften und Verhaltensmuster haben müssen, dass das Leben nicht lebenswert ist. Gefühle: Angst vor Ablehnung, Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle, Scham, Verzweiflung, Trauer, Wut, Selbstmitleid, Erstarrung und Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, Depressionen Körperliche Reaktionen: Anspannung, Schlafstörungen, Depressio­nen, Psychosomatische Erkrankungen, Schwäche des Immunsystems, HerzKreislauf -Erkrankungen, Rücken- Kopf- oder andere Schmerzen, Suchtmittelabhängigkeit, Mimik erstarrt Verhalten: Meidung sozialer Situationen und Rückzug, manchmal Versuch, Einsamkeitsgefühle durch Alkohol, Drogen oder Psycho-

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pharmaka zu dämpfen, Suizidversuch, »arrogantes«, sarkastisches oder aggressives Verhalten gegenüber anderen, Nachlassen der Kom­munikationsfähigkeiten Einsamkeitsgefühle entstehen, wenn Betroffene denken, dass sie hilf­los, ausgeschlossen, ungeliebt, unfähig oder minderwertig sind. Ihre Gefühle der Einsamkeit sind die Folge ihrer Einstellungen, die sie zu sich selbst, zu ihrer Lebenssituation und der Zukunft haben. Die­se Gefühle entstehen, wenn sie glauben, die Liebe und Anerkennung anderer unbedingt zu brauchen. Sie entstehen, wenn sie auf die Ini­tiative anderen warten, ihnen mit Komplimenten, Zuspruch und Lob entgegenzukommen, und sich selbst zurückhalten, weil sie das Risiko fürchten. Momentane vorübergehende Einsamkeitsgefühle kennen fast alle Menschen. Sie entstehen durch die Veränderung äußerer und inne­r­er Bedingungen. Beispielsweise können eine Entlassung, ein Umzug, eine Operation, eine chronische Erkrankung, eine Trennung oder der Tod des Partners zu vorübergehenden Einsamkeitsgefühlen füh­ren. Die Einsamkeit zeigt in dieser Situation den Verlust an und soll dazu motivieren, einen Ausgleich zu finden. Wie Betroffene mit Krisensituationen umgehen, ob und wie lange sie sich einsam fühlen, ist abhängig von … der Einstellung zu sich selbst: Wer sich für liebenswert hält, hat auch den Mut, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Er kann mit Ablehnung besser umgehen, sich Fehler leichter verzeihen. Er kommt auch mit sich alleine klar und hat die Fähigkeit, sich selbst zu unterstützen. … den Erwartungen an andere: Wer andere auch mit Schwächen akzeptiert, wird leichter Menschen finden, die er sympathisch findet.

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Bereits in der Kindheit lernt man, ob man sich selbst mag, ob und wie man Kontakte knüpft, welche Erwartungen man an andere hat, wie wichtig andere Menschen für einem sind, wie man mit Ablehnung umgeht, ob man sich mit sich selbst beschäftigen kann, ob und wie man Ziele formuliert. W

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In der Verhaltenstherapie geht es zunächst darum, Einsamkeitsgefühle zu erkennen und die Ursachen zu verstehen. Bevor Einsamkeitsgefühle überwunden werden können, müssen Betroffene sie akzeptieren. Sie müssen erkennen, dass Einsamkeitsgefühle nicht bedeuten, dass man nicht liebenswert ist. Die Therapie besteht, je nach Ursache der Einsamkeit, aus vielen unterschiedlichen Kom­ ponenten: Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls, Krisenbewältigungsstrategien nach Trennung, einer schweren Erkrankung, einem Todesfall, Mobbing, Kündigung … , Formulierung von Lebenszielen, Erlernen von Entspannungsverfahren, Erlernen von Kommunikationsstrategien wie etwa Small Talk Selb g

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1. Versuchen Sie herauszufinden, wie Ihre Einsamkeitsgefühle ent­ stehen. a) Können Sie nicht selbst mit sich alleine sein? Sagen Sie sich bei­ spielsweise, dass es sich nicht lohnt, für sich alleine etwas Schönes zu kochen oder den Tisch zu decken, dass der Spaziergang alleine ohnehin keine Freude machen kann und Sie deshalb lieber zuhause bleiben sollten? Dann sollten Sie lernen, sich selbst wichtig zu neh­men. Das Alleinsein bietet Ihnen auch Vorteile, dass Sie Ihr Leben nämlich so einteilen können, wie Sie es möchten. Versuchen Sie Ihren Aktivitäten etwas Positives abzugewinnen, anstatt sich die Freude mit Gedanken zu dämpfen: »Ich armer Mensch bin so alleine. Alle anderen sind glücklich«.

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b) Erwarten Sie von sich, nur »hochgeistige« Gespräche zu führen, und nehmen dann erst gar keinen Kontakt zu anderen Menschen auf? Glauben Sie, nichts zu Gesprächen beitragen zu können? Dann sollten Sie beginnen, auch über Alltägliches zu reden. Small Talk ist die Zauberformel hierfür. Der Großteil unserer Kommunikation dreht sich um ganz banale Dinge wie das Wetter, das Tagesgeschehen und das Fernsehprogramm. Interessieren Sie sich auch für den ande­ren. Die meisten Menschen fühlen sich geschmeichelt, wenn man sich für sie interessiert. Machen Sie Komplimente – natürlich nur solche, von denen Sie überzeugt sind. Vergessen Sie auch nicht, von sich etwas zu erzählen. c) Stellen Sie zu hohe Erwartungen an andere, sodass niemand Ih­nen gut genug ist? Dann sollten Sie lernen, Ihre Umwelt milder zu beurteilen. Mit einem Menschen können Sie vielleicht über Ihre Kinder reden, mit dem anderen gut ausgehen. Ein einzelner Men­ sch braucht und wird nicht all Ihre Bedürfnisse erfüllen. d) Wenn Sie sich einer Partnerschaft einsam fühlen, weil zwischen Ihrem Partner und Ihnen keine Berührungspunkte mehr da sind, weil Sie sich nichts mehr zu sagen haben, weil Ihr Partner abweisend geworden ist, dann ist es vielleicht an der Zeit, eine Bestandsaufnah­me Ihrer Partnerschaft zu machen. Sollten Sie lieber gehen oder bleiben? 2. Geben Sie sich einen Sinn im Leben und suchen Sie sich eine Auf­gabe. Wollen Sie sich in einer Partei oder für den Umweltschutz en­gagieren? Auch ehrenamtliches Helfen kann Ihnen sehr gut tun. Gibt es ein Hobby, das Sie begeistert und ausfüllt? Wenn Sie sich eine Aufgabe stellen, werden Sie hierdurch Kontakt finden und sich auch wichtig fühlen. Ihr Leben wird eine Perspektive haben. 3. Wenn Sie unter chronischer Einsamkeit leiden, dann sollten Sie sich überwinden und sich an eine Beratungsstelle oder einen Psycho­therapeuten wenden. Er wird Sie so annehmen, wie Sie sind und

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mit Ihnen gemeinsam Wege aus der Einsamkeitsfalle suchen. 4. Wenn Sie sich in einer Partnerschaft einsam fĂźhlen, dann kĂśnnen Ihnen vielleicht die Hilfestellungen zum Thema Liebe und Partnerschaft weiterhelfen.

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Keine Wissenschaft ist älter als die Philosophie. Und nirgends wird der Einsamkeit mehr Bedeutung beigemessen. Schließlich ist der Philosoph ein Denker, und wahrhaft denken lässt es sich doch nur in der Einsamkeit. Schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) sah jedoch den Menschen als Zoon politikon, also als soziales Lebewesen der (Polis-) Gemeinschaft. Der Telos des Menschen, also sein Daseinszweck und dessen Erfüllung sei es, gut und glücklich zu leben. Dazu benötige er den Staat, der deswegen schon natürlich im Menschen festgelegt sei. Es liege also in der Natur des Menschen, die Gemeinschaft zu suchen. Es fällt nicht schwer, Aristoteles zuzustimmen, kann man doch ein­fach nachvollziehen, dass der Mensch in seiner ursprünglichen Situ­ation nicht dafür geschaffen ist, in der Welt allein, ohne Unterstüt­ zung und Rollenverteilung in der Gemeinschaft zu überleben. Man denke an unsere Vorfahren der Urzeit, an Jäger und Sammler, Fami­lien und den Schutz der Nachkommen. Es ist also auch in der Philosophie durchaus zu beachten, dass der Mensch nicht zur puren Einsamkeit veranlagt ist.

Ganz anderer Ansicht war hingegen Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778): Für den Schweizer Theoretiker war der Mensch in sei­nem wilden, tiernahen Zustand von Grund auf gut, was ihn verder­ be sei allein die Gesellschaft. Der von ihm geprägte Begriff des Na­tur­z ustands beschreibt den Menschen als autonomes Wesen mit den beiden grundliegenden Eigenschaften Selbstliebe und Mitleid. Alle anderen Wesenszüge des Menschen wie Vernunft, Einbildungs­kraft und Gewissen seien, so Rousseau, nicht natürlich und ergäben sich schlicht aus dem Zusammenleben der Menschen in Gesellschaf­ten. Denn hier beginne der Mensch, sich mit anderen zu vergleichen und dabei besser abschneiden zu wollen. So entstünden Einbildungs­kraft und eine naturwidrige Eigenliebe, die den Menschen dazu ver­anlasse, sich böse und eitel zu verhalten. Die Gesellschaft sei also

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Grundlage jegliches Interessenskonflikts. Und da das Leben in der Gesellschaft eben nicht bewirkt habe, dass Glück und Friede herr­ schten, dies aber wiederum das »naturgehorchende« Begehren des Menschen sei, sei der Mensch logischerweise nicht für die Gesellschaft geschaffen. Rousseau hatte zudem einen großen eigenen Erfahrungsschatz zum Thema Einsamkeit. Seine Mutter starb bereits im Kindbett, sein Va­ ter musste ihn als Junge zurücklassen, um ins Exil flüchten zu können. Schon in jungen Jahren ging er auf Wanderschaft und wurde später gar wegen allzu ketzerischen Schriften politisch verfolgt.

Der Deutsche Johann Georg Zimmermann (1728–1795), königlicher Leibarzt unter Georg III. und Friedrich II. , Schriftsteller und Hobby-Philosoph, verfasste 1784/85 ein vierbändiges Werk mit dem Titel »Über die Einsamkeit«. Dies fand viele Jahrzehnte lang große Anerkennung und ist in der Geschichte dieser Thematik ein wichtiges Werk – auch wenn es heute eher kritisch betrachtet wird. Der Autor greift hauptsächlich auf bereits vorhandene Zitate diver­ ser Gelehrter zurück und widerspricht sich gelegentlich selbst. Die wichtigsten Punkte seien jedoch festgehalten: Zimmermanns Anliegen war es, darzulegen, dass der wahre Wert des Menschen nur in sich selbst läge. Um diesen aufzuspüren, diene der Gang in die Einsamkeit, da der Mensch hier seine wahren Bedürf­nisse erkennen könne. In der Gesellschaft hingegen fände er nur oberflächliche Zerstreuung und Unwahrheit. Zimmermann be­schreibt die Einsamkeit sogar als die wahre Geselligkeit, nämlich die mit sich selbst. Man fände »den besten Freund im eigenen Busen«, mache Bekanntschaft mit dem eigenen Herzen und pflege den Umgang mit sich selbst. Und: »Ruhe, das höchste Glück auf Erden, kommt sehr oft nur durch Einsamkeit in das Herz.«

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Andererseits sieht er auch die Notwendigkeit einer Balance zwischen Einsamkeit und Gesellschaft, da »Einsamkeit alles gibt, was man im Umgang nicht findet« und einem der »Umgang, so schlecht er auch sein mag, immer neuen Stoff zum Nach­denken {in der Einsamkeit }, neue Ideen, neue Bilder«

beschere. »Sind wir in der Einsamkeit müde, so erholen wir uns im Umgang. Sind wir der Welt müde, so macht uns nichts mehr glücklich als die Einsamkeit.«

Er schränkt also seine eigene Aussage, das wahre Glück des Menschen liege in der Einsamkeit, ein, indem er einräumt, man dürfe der Welt nicht gänzlich entfliehen. Denn dann laufe man auch Gefahr, dass die Phantasie überhand nähme und sich die Sinne verwirrten. Das muss laut Zimmermann jedoch nur der befürchten, der durch seine »Schwäche der Vernunft« besonders lebhafte Imaginationen entwi­ ckelt. »Der Verstandesmensch, der sich dadurch auszeichnet, dass er das Taugliche vom Untauglichen unterscheiden kann«, gedeihe an der Einsamkeit. Außerdem setzte sich Zimmermann mit der Beziehung zwischen der Einsamkeit und dem Schreiben auseinander. Er befand Einsam­ keit als Vorraussetzung für das Schreiben, benannte jedoch auch ei­nen Impuls des Einsamen, der ihn zum Schreiben veranlasse: »Wir schreiben zwar nicht immer darum, weil wir einsam sind, aber wir müssen doch immer einsam sein, wenn wir schreiben wollen.« Er erklärte diesen Impuls damit, dass eben doch der Wunsch nach Ge­sellschaft entstehe, der damit befriedigt würde, dass man sich die imaginäre Gesellschaft eines Lesers schaffe. Er vergleicht das mit einer vertraulichen Unterredung zwischen engen Freunden, die doch sehr erhellend sein könne. In diesem Zusammenhang engagiert er sich auch stark für die Freiheit des Stils, »denn nur durch die freie und allein in der Einsamkeit zur Reife kommende Art zu schreiben, die vor den innersten und persönlichsten Zuständen der Seele nicht halt macht, kann es gelingen, die Gleichförmigkeit des gesellschaftlich-öffentlichen Stils zu durchbrechen.«

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Übrigens kann man die mangelnde Stringenz Zimmermanns Abhandlung auch auf die Umstände seines Schreibens zurückführen: Er schrieb sie in absoluter Einsamkeit. Er weist im Buch selbst ausdrücklich darauf hin, dass er seit sieben Jahren in seiner Dachstube sitze und nichts sähe »als ein paar elende unförmige Dächer und die Spitze eines traurigen Kirchturms«.

Ein flammender Vertreter der Einsamkeit als Quell von Weisheit und Selbsterkenntnis findet sich in Arthur Schopenhauer (1788–1860). Im folgenden seien seine Gedanken kurz erläutert: Zunächst stellt er fest, dass der Mensch an sich nun mal ein Indivi­ duum sei, und infolge dessen die Einsamkeit sein natürlichster Zu­stand überhaupt. Was man teilen könne sei demgegenüber, was man nie zu teilen vermöge, ein höchst geringer Teil, weswegen man am Ende doch allein bliebe. »Überhaupt kann Jeder im vollkom­ mensten Einklange nur mit sich selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten: denn die Un­terschiede der Individuali­tät und Stimmung führen al­lemal eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkom­ mene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit, höchs­ te irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurückgezo­genheit.«

Das sei also nicht als Kreuz, sondern als Glück zu sehen, denn: »Ganz er selbst seyn darf Jeder nur so lange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit, denn nur wenn man alleine ist, ist man frei: Zwang ist der unzertrennliche Gefährte je­der Gesellschaft. Was nun andererseits die Menschen gesellig macht ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. DemgemäSS wird Jeder

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in genauer Proportion zum Werthe seines eigenen Selbst die Einsamkeit fliehen, ertragen oder lieben.«

Nur in der Einsamkeit könne man also frei sein. Hier könne man denken, was man möchte, ohne sich äußeren Zwängen wie Etikette oder Korrektheit zu unterwerfen. Mancher wahre Gedanke sei nun mal unbequem und erfordere die Freiheit des Geists, um gedacht zu werden. Des weiteren spricht Schopenhauer die Notwendigkeit des Selbstbewusstseins an, um Einsamkeit als Genuss erleben zu können. Wer seiner selbst nicht sicher sei, würde die Einsamkeit meiden und sei­nen inneren Reichtum niemals mehren können. Wer jedoch »reich an Geist« sei, betrachte die Einsamkeit als erstrebenswert und zie­ he sie der Gesellschaft vor. »Ein geistreicher Mensch hat in gänzlicher Einsamkeit an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffli­ che Unterhaltung.« Schopenhauer sieht also die Fähigkeit zur und die Freude an der Einsamkeit in direkter Abhängigkeit sowohl zum Selbstwert als auch zum Intellekt des Individuums.

Der Gelehrte Henry David Thoreau (1817 – 1862) machte ein für seine Zeit wahrlich empörendes Experiment: Im Alter von 28 Jahren beschloss er, aus der Gesellschaft auszusteigen. So zog er sich für über zwei Jahre an den See Walden bei Concord, Massachusetts, in eine selbst errichtete Holzhütte ohne jeglichen Komfort zurück. Weit ab von der Zivilisation wollte er dem Leben an sich und den dem Menschen zugrundeliegenden Bedürfnissen näher kommen: »Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Ü­berlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Le­ben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen kon­nte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es

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zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht ge­lebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Ent­ sagung üben, auSSer es wurde unumgänglich notwen­ dig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussau­ gen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht leben war, in die Flucht geschlagen wurde.«

Anhand seiner Tagebucheinträge aus dieser Zeit verfasste er danach sein Hauptwerk unter dem Titel: »Walden / Life in the Woods«, angeblich, um die nicht enden wollende Neugier der Gesellschaft zu befriedigen. In 18 Kapiteln beschreibt er nicht nur seine Erfahrungen und Rückschlüsse in der Einsiedelei, sondern auch seine auf Logik begründeten Gedanken zur wahren Lebensführung. In einem eigenen Kapitel nimmt er sich der Einsamkeit an – die Einsamkeit, an der er sich ergötze und die doch eigentlich dieselbe und gleichwohl so kontär zu der sei, die der zivilisierte Mensch fürchte. Vorraussetzung zu diesem Genuss sei laut Thoreau die Fähigkeit zur Reduktion der äußeren Einflüsse und Verpflichtung­en. In seinem Bestreben nach immer mehr Geschäften sei der Mensch ein Sklave der Gesellschaft. Stattdessen solle er sich aufs Wesentliche beschränken. Auch für Thoreau spielt dabei die Natur eine große Rolle: »Ich ha­be erfahren, dass die süSSeste und ruhigste, die unschuldigste und anregendste Gesellschaft in jedem natürli­ chen Objekt gefunden werden kann. Ich glaubte, kein Ort könne mir mehr fremd sein.« Hier findet sich eine Verwandt­schaft zur All-Einigkeit des Pantheismus der Zeit der Auf­k lärung.

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ü b e r » A p h o ri s m e n L e b e n s w e i s h e it «

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Schopenhauer setzt in den Aphorismen zwei Schwerpunkte: In

den ersten Kapiteln beschäftigt er sich mit der Wert- und Güterlehre: Man kann ein Leben danach beurteilen, was einer ist, was einer hat und was einer vorstellt, d.h. welche Rolle er in den Augen der Welt spielt. In den darauf folgenden »Paränesen und Maximen« wiederum konzentriert er sich auf konkrete Lebensanleitungen. Beschlossen wird die Schrift durch ein Kapitel über das Verhältnis von Lebensweisheit und Lebensalter. Bereits das Motto, das Schopenhauer den Aphorismen voranstellt, Chamforts »Le bonheur n’est pas chose aisée: il est très difficile de le trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs.« {dt.: Das Glück ist keine einfache Sache: es ist sehr schwierig, es in uns und unmöglich es außerhalb zu finden}, gibt bereits einen Hinweis da­rauf, in welche Richtung seine moralistischen Reflexionen gehen. Zwar ist für Schopenhauer, wie für alle Moralisten, die Wahrung der eigenen Autonomie die entscheidende Voraussetzung für ein glückliches Leben. Gegenüber der klassischen spanischen und fran­zösischen Moralistik des 17. Jahrhunderts verwirklicht sich ein sol­ches Leben aber nicht mehr im strategisch geschickten Umgang mit dem gesellschaftlichen Rollenspiel, sondern im weitgehenden Rückzug aus der Gesellschaft. Für die Moralisten des 17. Jahrhunderts waren Sein und Schein nicht dichotomisch getrennt. Ohne Beherr­ schung der zugefallenen sozialen Rolle war die Welt nicht zu meis­tern. Das Verhaltensideal war in der spanischen Moralistik der discreto, in der französischen Moralistik der honnête homme, der erfahrene, unterscheidungsfähige und kluge Weltmann, der die Spielregeln einer eitlen Welt beherrscht und es versteht, sie zu sei­ nen eigenen Gunsten zu manipulieren. »C’est une grande folie de vouloir être sage tout seul« {dt.: Es ist eine große Dummheit ganz allein weise sein zu wollen.} schreibt La Rochefoucauld, um zu verdeutlichen, dass eine kluge Lebensführung sich notwendiger­-

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weise im Einklang mit der Gesellschaft und nicht gegen sie verwirk­ licht. Auch Schopenhauer kennt dieses Ideal des »klugen Weltmanns« und weiß um die Bedeutung gesellschaftlicher Umgangsformen, wie seine Bemerkungen zur Höflichkeit zeigen: »Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dummheit. Sich mittels ihrer unnötiger- und mutwil­ ligerweise Feinde machen ist Raserei, wie wenn man sein Haus in Brand steckt. Denn Höflichkeit ist, wie die Rech­ enpfennige, eine offenkundig falsche Münze: mit einer solchen sparsam sein, beweist Unverstand.«

Dennoch vollzieht er wie Chamfort eine Abkehr von der Gesellschaft und damit vom Konzept der Urbanität, wie es am sichtbarsten in La Bruyères »Caractères« entwickelt worden war. Der wahre Weltkluge sucht die Einsamkeit. Es fällt ihm schwer, es in trivialer Gesellschaft auszuhalten und die Höflichkeit mit seinem Stolz zu vereinbaren. Deshalb singt Schopenhauer das Hohe Lied des auto­ nomen Privatiers, der sich die Gesellschaft vom Hals hält: »Kein verkehrterer Weg zum Glück als das Leben in der gross­en Welt, in Saus und Braus. Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man al­ lein ist, ist man frei.«

So ist es konsequent, dass für Schopenhauer das, was einer ist, sehr viel wichtiger ist als das, was er in der Gesellschaft vorstellt. Im Mit­telpunkt der Aphorismen steht die Entwicklung und Selbstbehauptung der Persönlichkeit, das also, was einer an sich selber hat. Mit der Persönlichkeit steht und fällt eine kluge Lebensführung: »Für unser Lebensglück ist demnach das, was wir sind, die Persönlichkeit, durchaus das Erste und Wesentlichste.«

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Vor allem in der Kultivierung der Persönlichkeit liegen diejenigen Elemente einer Eudämonologie, die über eine Unglücksvermeidungs­lehre hinausgehen. Quelle eines positiv glücklichen Lebens ist vor allem der »Innere Reichtum, der Reichtum des Geistes«. Das Bedürfnis, in der Welt des Geistes und das Bedürfnis in Einsam­keit zu leben, sind für Schopenhauer zwei Seiten derselben Medaille. Der geistvolle Mensch kann nie ein Massenmensch sein. Er ist »ei­nem Virtuosen zu vergleichen, der sein Konzert alleine aufführt.« In einem solchen »Konzert« geschieht mehr als nur das

Fernhalten von Schmerz. Auch der schmerzfreie, aber leere Zu­stand der Langeweile wird hier überwunden und zu einem positiven »Ge­ nuss« geführt: »Ein solcher innerlich Reicher bedarf von auSSen nichts weiter, als eines negativen Geschenks, näm­l ich freier MuSSe, um seine geistigen Fähigkeiten ausbilden und entwickeln und seinen inneren Reich­ tum genieSSen zu können.« Je ärmer hingegen jemand an Geist,

um so mehr versucht er die Langeweile durch Zerstreuung zu überde­ cken, eine Beobachtung, die man in der klassischen Moralistik schon bei Pascal und La Bruyère findet. Kunst und Kultur, und ins­beson­dere ästhetische Erfahrungen und der Umgang mit der Welt der Phi­losophie sind für Schopenhauer positive Glücksquellen, die aller­ dings nur denen offen stehen, die dafür sensibilisiert sind. Die wichtigsten Güter, die der sich in Einsamkeit und geistiger Betä­tigung selbst genießende Weltkluge erlangen kann, sind Heiterkeit, Gesundheit und Gemütsruhe, wobei alle drei in einem engen Zu­sammenhang miteinander stehen. Gesundheit ist die physiologische Basis einer heiteren und gelassenen Einstellung gegenüber dem Le­ben. Die »Heiterkeit des Sinns« ist für Schopenhauer eine Eigen­schaft, die »sich unmittelbar selbst belohnt«, also mit jenem Zustand des Glücks identifiziert wird, über den es hinaus es nichts mehr zu wünschen gibt. Schopenhauer orientiert sich in der Beschreibung der Heiterkeit und Gemütsruhe erkennbar an der selbstbezüglichen Kontemplation, die in sowohl in der platonischen als auch in der aristotelischen Tradition begegnet, aber auch an dem

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von der Stoa formulierten Ziel des Einstimmigen Lebens und der Apathia, der von Affekten freien Seelenruhe. Sie ist nun aber nur noch dem sich in der Welt des Geistes einrichtenden Solitärs zugäng­lich: »Überhaupt kann jeder im vollkommensten Ein­ klange nur mit sich selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten: Denn die Unter­ schiede der Individualität und Stimmung führen alle­mal eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkom­ mene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit, höchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurückge­ zogenheit.«

Was einer ist und was einer vorstellt, überhaupt der gesamte Bereich sozialer Beziehungen wird bei Schopenhauer dagegen zu einer von der geistigen Selbstgenügsamkeit abhängigen Größe. Schopenhauer, der sein eigenes ererbtes Vermögen klug im Dienste geistiger Unab­ hängigkeit anlegte, lehnt Reichtum keineswegs ab, sondern sieht die materielle Absicherung als Schutzmauer gegen die Unbillen der Welt. Auf Frau und Kind hingegen kann man verzichten: »Zu dem, was einer hat, habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da er von diesen vielmehr gehabt wird.«

Das, was jemand in der Welt vorstellt, kristallisiert sich in den Begriffen Ehre, Rang und Ruhm und ist als die Meinung der Anderen zumeist Gegenstand einer kritischen bis ablehnenden Auseinandersetzung. Der konventionelle Ehrbegriff, der sich in der klassischen moralistischen Tradition im Begriff der honnêteté durchaus noch partiell erhalten hatte, wird bei Schopenhauer lediglich in der Form der bürgerlichen Ehre gerechtfertigt, die der Wahrung unserer moralischen Reputation dient und deshalb zu beachten ist. Kritisch ist auch seine Haltung gegenüber dem Ruhm: »In eudämonolo­ gischer Hinsicht ist also Ruhm nichts weiter, als der seltenste und köstlichste Bissen für unseren Stolz

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und unsere Eitelkeit.«

Und doch lässt der zu Lebzeiten von der Öffentlichkeit meist ver­ schmähte Philosoph durchblicken, dass er dem Nachruhm, der den großen Geistern zuteil wird, durchaus eine Sonderstellung einzu­ räumen bereit ist, weil er auf einer echten Leistung beruht: »Der Wert des Nachruhms liegt also im Verdienen desselben, und dieses ist sein eigener Lohn.«

Schopenhauers Weltklugheitslehre in den Aphorismen führt den Menschen nicht in die Welt hinein, sondern an die Ränder, wo er sich, beobachtend und absichernd, aus den Händeln der Zeit heraus­hält und sich der geistigen und kulturellen Möblierung seiner Exis­ tenz widmet: »Gegen die täglichen Hudeleien, kleinlichen Reibungen im menschlichen Verkehr, unbedeutende An­stöSSe, Ungebührlichkeiten Anderer, Klatschereien und dergleichen mehr. muss man ein gehörnter Siegfried sein, das heiSSt sie gar nicht empfinden, viel weniger sich zu Herzen nehmen und darüber brüten; sondern von dem Allen nicht an sich kommen lassen, es von sich stoSSen, wie Steinchen, die im Weg liegen, und keines­ wegs es aufnehmen in das Innere seiner Überlegung und Rumination.«

Aber der Schopenhauerschen Weisheit stehen dennoch positive Glückserfahrungen offen: Sie liegen jedoch nicht im sozialen, son­ dern im geistigen und kulturellen Bereich. Gerade die Abkehr von einem bestimmten sozialen Verhaltensideal macht Schopenhauers Aphorismen aber offen für eine individualisierte und zugleich globa­lisierte Welt. Sie können als Versuch gelesen werden, die autonome Verfügung des Individuums über seine Lebensgestaltung auch an der Schwelle der Moderne zu retten, wo sich mit der Auflösung der Standesschranken auch die Unübersichtlichkeit sozialer Lebensbezü­ge abzuzeichnen begann.

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s c h o p e n h au e r Üb e r d e n d e r t

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In der That beruht auf dem selben Grunde der allen Genies eigene Hang zur Einsamkeit, als zu welcher sowohl ihre Verschiedenheit von den Uebrigen sie treibt, wie ihr innerer Reichthum sie ausstattet: denn von Menschen, wie von Diamanten, taugen nur die ungemein großen zu Solitärs: die gewöhnlichen müssen beisammen seyn und in der Masse wirken. Ein aus vollkommener Gesundheit und glücklicher Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer, leb­hafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen, dies sind Vorzüge, die kein Rang oder Reichtum ersetzen kann. Denn was einer für sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet und was keiner ihm geben, oder nehmen kann, ist offenbar für ihn wesentlicher, als alles, was er besitzen, oder auch, was er in den Augen anderer sein mag. Was einer dem andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch jeder allein ...

s c h o p e n h au e r / A p h o ri s m e n d e r w e i s h e

au s » L e b e n s it «

Ganz er Selbst seyn darf Jeder nur so lange er allein ist: wer also

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nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man alleine ist, ist man frei: Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft. Demgemäß wird Jeder in genauer Proportion zum Werthe seines eigenen Selbst die Einsamkeit fliehen, ertragen oder lieben. Daher ist die wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemüthsruhe allein in der Einsamkeit zu finden. Ist dann das eige­ ne Selbst groß und reich; so genießt man den glücklichsten Zustand, der auf dieser armen Erde gefunden werden mag. Was nun andererseits die Menschen gesellig macht ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. Diesem Allem zufolge steht die Geselligkeit eines Jeden ungefähr im umgekehrten Verhältnisse seins intellektuellen Werthes; und »er ist sehr ungesellig« besagt beinahe schon »er ist ein Mann von großen Eigenschaften«. Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zweifachen Vortheil: erstlich den, mit sich selber zu seyn, und zweitens den, nicht mit Anderen zu seyn. Dennoch sind aber die Menschen tausend Mal mehr bemüht, sich Reichthum, als Geistesbildung zu erwerben; während doch ganz gewiß was man ist, viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als was man hat.

s c h o p e n h au e r / au s Par e r ga u n d Para l i p o m e n a Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wär­-

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me, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander ent­fernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so dass sie zwischen bei­ den Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einan­der; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglich­ en Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! {Wahren Sie den Abstand!} Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

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Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht leben war, in die Flucht geschlagen wurde.

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Was für die meisten Menschen ein Alptraum an Langeweile wäre, ist für andere ein Traum: Zurückgezogenes Leben in selbstgewählter Einsamkeit, Kontakt zu anderen Menschen zwar möglich, aber selten, und nur dann, wenn man es wirklich will. Diesen Traum hat sich H. D. Thoreau erfüllt, das Buch handelt von seinem zweijährigen selbstgewählten Exil in einem Blockhaus in einem Waldstück nahe der Stadt Concord. Der Lehrer und Philosoph beschreibt einerseits eindrucksvoll sein einfaches, alltägliches Leben, andererseits aber auch teilt der uns viel von seiner individuellen Gedankenwelt mit, und zum Nachdenken hat er durch seinen bescheidenen Lebensstil viel Zeit. Seine Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben sind geprägt durch Aufrichtigkeit, freundschaftliches Miteinander, aber auch Individualität und Selbstbestimmtheit. Vieles davon ist heute lesenswerter denn je und kann vielen von uns wertvolle An­ stöße im täglichen Leben geben.

Im Juli 1845 baut sich der Schriftsteller Henry David Thoreau in der Nähe seiner Heimatstadt Concord im US-Bundesstaat Massachusetts eine Blockhütte an einem einsamen Waldsee. Dorthin zieht er sich für die nächsten zwei Jahre zurück. Sein Ziel: Zu sich selbst und zu­ rück zur Natur zu finden. In Walden – so der Name eines Teiches, der dem Buch den Titel gibt – skizziert Thoreau den Verlauf dieses Experiments. Besonderen Stellenwert räumt er ökonomischen As­pekten ein. Der Dichter schildert, wie er sich mit Fischfang, Getreideund Gemüseanbau selbst versorgt, und erteilt Ratschläge, wie es ge­lingt, die Bedürfnisse auf ein Minimum zu reduzieren. So erhält der Leser tatsächlich recht handfeste Tipps zur Bewältigung des kargen Alltags. Das generationenübergreifende Kultbuch vieler Wandervö­gel und Strickpulloverträger hat aber auch eine gewichtige philosophischreligiöse Seite: Thoreau beschreibt, wie er in der Waldeinsamkeit zu einem erweiterten Verständnis seiner selbst und der ihn umgebenden

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Natur gelangt. So fällt es ihm mit der Zeit immer leichter, auf den gewohnten Luxus zu verzichten und sich den bescheidenen Verhältnissen anzupassen. Auch wenn man es ihm nicht gleichtun möchte und man auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens nur un­ gern verzichtet: Walden ist nichts weniger als ein Ratgeber für ein besseres Leben.

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Thoreau erzählt in seiner Essaysammlung Walden von seinem Aus­steigerleben am Ufer des Waldensees in Massachusetts. Als persönlicher Protest gegen das »rastlose, nervöse, geschäftige, tri­viale neunzehnte Jahrhundert« lebte er von 1845 bis 1847 zurückgezogen in einer selbst gebauten Holzhütte von seiner eigenen Hände Arbeit. Geschrieben hat er die aus Tagebuchnotizen entstandenen Essays für Zeitgenossen, die nicht glauben konnten, dass ihn in der Wildnis weder Angst noch Einsamkeit quälten. Im Gegenteil spricht aus seinem kontemplativen Leben das pure Glück. Man will ihm nur manchmal zurufen: Wenn du erst 2010 erlebt hättest …! Aber vermutlich hätte er ähnliche Konsequenzen gezogen. »Im ersten Sommer las ich nicht, ich hackte meine Boh­ nen. Aber nein, oft hatte ich auch Besseres zu tun. Es gab Zeiten, wo ich die Blüte des gegenwärtigen Augen­ blicks keiner körperlichen oder geistigen Tätigkeit zu opfern vermochte. Ich liebe es, meinem Leben einen wei­ten Spielraum zu lassen. Im Sommer saSS ich nach dem täglichen Bad manchmal von Sonnenaufgang bis Mit­tag in Träumereien versponnen zwischen Tannen, Wal­ nuss- und Sumachbäumen vor meiner Tür in der Sonne. Einsamkeit und Stille waren vollkommen. Vögel sangen in der Runde oder glitten lautlos durchs Haus. Erst wenn die Sonne durch das Westfenster hereinfiel oder

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ein Reisewagen auf der fernen LandstraSSe vorüberrol­ lte, erinnerte ich mich daran, wie die Stunden verfol­ gen. Die Zeiten waren nutzbringender als jede Arbeit, ich wuchs dann wie das Korn bei Nacht«

A u s d e m K a p it e l

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»Gesellschaft ist gewöhnlich zu billig zu haben. Wir treffen uns nach zu kurzen Zeiträumen, als dass wir Zeit genug gehabt hätten, neuen Wert füreinander zu erlangen.« {…} »Es wäre besser, es gäbe auf der Welt immer nur einen Einwohner per Quadratmeile, wie dort, wo ich lebe! Der Wert eines Menschen steckt nicht in seiner Haut, so dass wir ihn anrühren müssten.« {…} »I experienced sometimes that the most sweet and ten­ der, the most innocent and encouraging society may be found in any natural object, I was suddenly sensible of such sweet and beneficent society in Nature, in the very pattering of the drops, and in every sound and sight around my house, an infinite and unaccountable friendliness all at once like an atmosphere sustaining me, as made the fancied advantages of human neighbor­ hood insignificant, and I have never thought of them since I thought no place could ever he strange to me again.«

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H ü tt e n l e b e n

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Wa l d e

Als ich das Folgende – jedenfalls den größeren Teil davon – nieder­ schrieb, lebte ich allein im Walde, mehr als ein Kilometer vom nächs­ten Nachbarn entfernt, in einem selbstgezimmerten Haus am Ufer des Waldensees bei Concord, Massachusetts, und verdiente mir mei­nen Lebensunterhalt ausschließlich mit meiner Hände Arbeit. Zwei Jahre und zwei Monate habe ich dort zugebracht; gegenwärtig halte ich mich wieder in der Kulturwelt auf. Ich würde den Leser nicht mit meinen Angelegenheiten behelligen, hätte man mir nicht so genaue Fragen über meine Lebensweise gestellt, Fragen, die manchen vielleicht ungehörig, mir aber in Anbetracht der Umstände durchaus natürlich und zur Sache gehörig vorkommen. Man hat mich gefragt, was ich zu essen gehabt habe, ob ich mich nicht einsam fühlte, mich nicht fürchtete und dergleichen. {…} Die­jenigen, denen an mir persönlich nicht viel gelegen ist, möchte ich deshalb um Verzeihung bitten, wenn ich es unternehme, einige die­ ser Fragen in einem Buch zu beantworten. {…} Ich würde nicht so viel von mir selber hermachen, wenn es einen anderen Menschen gäbe, über den ich ebenso gut Bescheid wüsste. So muss ich mich eben auf das beschränken, was mir bekannt ist. Ich meinerseits verlange übrigens von jedem Schriftsteller, als erstes oder letztes, einen einfachen und wahrhaften Bericht über sein eigenes Leben, und nicht bloß, was er vom Leben anderer gehört hat – einen Bericht, wie er ihn vielleicht aus fernen Landen seinen Angehörigen erstatten würde. Wenn er nämlich wahrhaft gelebt hat, kann das nur in fernen Landen gewesen sein. Die Errungenschaften von Jahrhunderten haben nämlich nur wenig an den Grundgesetzen des Menschendaseins geändert, wie sich wohl auch unser Skelett von dem unserer Urahnen nur wenig unterschei­ det. Unter dem »Lebensbedarf« verstehe ich, was immer von den Dingen, die der Mensch sich selbst beschaffen muss, von Anbeginn

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an oder aus alter Gewohnheit als so wichtig gilt, dass nur die wenigs­ten, falls überhaupt welche, je versuchen, ohne diese Dinge auszukommen, sei es aus Kulturlosigkeit, Armut oder Überzeugung. Für viele Lebewesen gibt es in diesem Sinn nur eines, das unbedingt nötig ist – Nahrung. Dem Büffel der Prärie genügt etwas genießbares Gras und Trinkwasser, außer wenn er als Obdach den Wald oder die Schattenseite eines Berges aufsucht. Etwas anderes als Nahrung und Obdach braucht kein Tier. Den Lebensbedarf des Menschen in unse­ren Breitengraden kann man einteilen in Nahrung, Obdach, Beklei­ dung und Brennstoff; erst wenn wir uns das gesichert haben, sind wir in der Lage, ungehindert und mit Aussicht auf Erfolg an die ei­gentlichen Lebensfragen heranzutreten. Die meisten der sogenannten Annehmlichkeiten des Daseins sind nicht nur entbehrlich, sie sind geradezu ein Hemmnis für die Höher­entwicklung der Menschheit. Was diese Annehmlichkeiten betrifft, haben die Weisen stets einfacher und anspruchsloser gelebt als die Armen. Die Philosophen des Altertums – Chinesen, Inder, Perser und Griechen – waren an äußerem Besitz so arm, wie einer nur sein kann, dafür aber innerlich um so reicher. Viel wissen wir ja nicht von ihnen. Es ist bemerkenswert, dass wir überhaupt etwas von ihnen wissen. Dasselbe gilt für die Wohltäter der Menschheit späterer Jahr­hunderte. Nur vom Standpunkt der freiwilligen Armut aus kommt einer heutzutage zu uneigennütziger Menschenkenntnis. Der Ertrag des üppigen Lebens ist immer nur Üppigkeit, sei es auf dem Gebiet der Landwirtschaft, des Handels, der Literatur oder der Kunst. Wir haben heute Philosophieprofessoren, aber keine Philosophen mehr. Dabei gelten die Professoren nur deshalb so viel, weil die Phi­losophen einst lebten, was sie lehrten. Um Philosoph zu sein, genügt es nicht, ausgeklügelte Gedanken zu haben oder eine Schule zu grün­den; man muss die Weisheit so sehr lieben, dass man ihren Geboten nachlebt. Einfachheit, Unabhängigkeit, Großmut und Zuversicht heißen diese Gebote. Es gilt einige der Lebensfragen nicht nur theo-

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retisch, sondern auch praktisch zu lösen. {…} Man kann sich vorstellen, wie in den Anfängen des Menschengeschlechts einst einer darauf verfiel, in einer Felsenhöhle Unterschlupf zu suchen. Jedes Kind fängt gewissermaßen die Welt wieder von vor­ne an und hält sich am liebsten im Freien auf, auch an nassen und kalten Tagen. Unwillkürlich spielt es »Haus« und »Pferd«. Wer ent­sinnt sich nicht, welchen Reiz ein überhängender Fels und alles, was einer Höhle ähnlich sah, einst für ihn hatten, als er klein war? Was sich da regte, war das Stück Urmensch, das in jedem von uns steckt. Von der Höhle ist der Mensch dann weitergekommen zum Dach aus Palmblättern, aus Rinde und Geäst, aus gespannter Lein­ wand, aus Gras und Stroh, Brettern und Schindeln, Steinplatten und Ziegeln. Nachgerade wissen wir überhaupt nicht mehr, was es heißt, unter freiem Himmel zu wohnen und unser Leben ist in mehr als einem Betracht verhäuslicht. Vielleicht wäre es gut, wenn wir unsere Tage und Nächte häufiger ohne Abschirmung zwischen uns und den Himmelskörpern verbrächten, wenn der Dichter nicht so oft unter einem Dach hervor spräche oder der Heilige sich so lange dort aufhielte. In den Höhlen singen keine Vögel, auch hegen Tau­ ben ihre Unschuld nicht im Taubenschlag. Gegen Ende März 1845 borgte ich mir eine Axt aus und begab mich in den Wald, wo ich mir am Ufer des Waldensees mein Haus zu bau­en gedachte; in der Nähe begann ich dort ein paar hohe, noch junge Weißtannen, schlank und rank, als Bauholz zu fällen. {…} Es war ein anmutiger, mit Tannen bestandener Hang, wo ich arbeite­te und auf den See hinausschaute und auf ein kleines, offenes Stück Land, wo Tannen- und Nussbaumschösslinge sprossen. Das Eis auf dem See war noch nicht geschmolzen; es wies nur da und dort offe­ ne Stellen auf und war allgemein dunkel und voller Schmelzwasser. Es gab Tage, an denen manchmal ein leichtes Schneegestöber einset­z­te; meistens lag jedoch der Bahndamm, auf dem ich nach Hause ging, weithin sichtbar da, die Schienen leuchteten in der Frühlings­ sonne, und ich hörte Lerchen, Königswürger und andere Vögel, die

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bereits da waren, um wiederum ein Jahr bei uns einzusingen. An sol­chen Frühlingstagen beginnt der Winter unseres Missvergnügens sowohl im Gemüt wie auf der Erde aufzutauen, und das Leben, das erstarrt gelegen hat, regt sich allmählich wieder. {…} So war ich einige Tage damit beschäftigt, Bäume zu fällen und zu behauen, Stützpfeiler und Dachsparren herzustellen, alles mit mei­ ner schmalen Axt und ohne dass mir dabei viel Mitteilenswertes oder wissenschaftlich Brauchbares durch den Kopf gegangen wäre. Ich sang lediglich vor mich hin: »Der Mensch behauptet, viel vom Leben Zu wissen; aber ihm entschweben Wissenschaft und Kunst In einen blauen Dunst: Der Wind, der weht, Ist alles, was einer versteht.« Ich beeilte mich nicht mit der Arbeit, im Gegenteil, ich kostete sie aus, und so wurde es Mitte April, bis ich das Bauholz beisammen hatte und es ans Aufrichten gehen konnte. {…} Anfangs Mai stellte ich dann mit Hilfe einiger Bekannter das Gerippe zu meinem Haus auf. (Mitglieder des Transzendalen Klubs wie Emerson, Alcott, Ellery Channings, Edmund Hosmer u.a.) {…} Von körperlicher Arbeit in Anspruch genommen, las ich damals nur wenig, aber was an Papierfetzen herumlag, als Einwickelpapier oder als Tischtuch, bot mir ebensoviel Unterhaltung und versah denselben Dienst wie die ganze »Ilias«. Es würde sich lohnen, mit noch mehr Überlegung zu bauen, als ich es tat, wenn man bedenkt, wie eine Tür, ein Fenster, ein Keller, eine Dachstube im Wesen des Men­schen vorgebildet sind; vielleicht sollte man einen Überbau erst er­richten, wenn man einen triftigeren Grund dafür gefunden hat als bloß weltliche Bedürfnisse. Dass einer sich sein Haus selber baut, scheint sinnvoll; der Vogel baut sich sein Nest ja auch selber. Wer

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weiß, wenn sich der Mensch seine Behausung eigenhändig zimmer­ te und mitsamt seiner Familie einfach und ehrlich ernährte, würde sich vielleicht der Lyriker in ihm ganz allgemein entfalten, wie ja auch die Vögel bei ihrem Tun und Treiben überall singen. Leider hal­ten wir es wie der Kuckuck, der seine Eier in Nester legt, die andere gebaut haben, und selber nur Misstöne hervorbringt, die niemandes Herz erfreuen. Wollen wir denn das Vergnügen des Bauens ewig an den Zimmermann abtreten? Was verstehen die meisten aus eigener Erfahrung von Architektur? {…} Wir gehen in der Gemeinschaft auf. Nicht von den Schneidern allein gehen neun auf ein Lot, auch der Geistliche, der Kaufmann und der Bauer ist kein ganzer Mensch mehr. Wo soll diese Arbeitsteilung enden? Und wozu dient sie letz­ten Endes? Es ist durchaus möglich, dass ein anderer für mich denkt, aber ist es deswegen auch wünschenswert? Eines Nachmittags, gegen Ende des ersten Sommers, als ich mich ins Dorf begab, um beim Schuster einen Schuh abzuholen, wurde ich verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, weil ich mich, wie ich anderswo erzählt habe, geweigert hatte, die Kopfsteuer zu bezahlen und die Verfügungsgewalt eines Staates anzuerkennen, der Männer, Frauen und Kinder wie Vieh kauft und verkauft. Was mich bewogen hatte, in den Wald zu gehen, war etwas ganz anderes. Aber wohin einer auch geht, man wird ihn aufspüren und ihm mit der schmutzigen Hand des Gesetzes auf den Leib rücken, um ihn womöglich zu zwin­gen, sich der verzweifelten Verbrüderung der Allgemeinheit anzu­ schließen. Gewiss, ich hätte mich der Gewalt mehr oder weniger er­folgreich widersetzen können, ich hätte gegen die Gesellschaft Amok laufen können, zog es indessen vor, die Gesellschaft gegen mich Amok laufen zu lassen, da die Verzweiflung ja auf ihrer Seite ist. Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl, es sei mir eine Frage gestellt worden, die ich im Schlaf vergeblich zu beant­worten versucht hatte. Doch da schaute die frühmorgendliche Natur, in der alle Geschöpfe leben, gelassen bei mir zum Fenster herein und machte keineswegs ein fragendes Gesicht. Ich fand beim Erwa­

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chen eine bereits beantwortete Frage vor – Natur und Tageslicht. Der tiefe Schnee unter meinem Tännchen, ja der ganze Hang, an dem mein Haus steht, schienen eine Aufforderung zum Weitermachen. Die Natur stellt keine Fragen und beantwortet auch keine, die wir an sie richten. Sie ist schon vor langer Zeit mit sich ins Reine gekommen. Aus meinem Wagnis habe ich zumindest das Eine gelernt: Wer sich getrost von seinen Träumen leiten lässt und das Leben zu leben sucht, das ihm vorschwebt, dem ist ein Erfolg beschieden, wie er ihn gemeinhin nicht gewärtigt. Man lässt allerlei hinter sich, man über­schreitet eine unsichtbare Grenze, und neue, allgemeine und freiheit­lichere Gesetze kommen in einem und um einen herum zur Geltung; oder dann werden die früheren Gesetze in einem erweiterten Sinn ausgelegt, und man lebt in einem Zustand höherer Freiheit. Je mehr man sein Leben vereinfacht, um so übersichtlicher werden auch die Gesetze des Weltalls, und Einsamkeit ist dann nicht mehr Einsam­ keit, Armut nicht mehr Armut, und Schwäche nicht mehr Schwäche. Luftschlösser zu bauen, ist kein vergebliches Beginnen; man muss ihnen nur nachträglich ein Fundament verschaffen.

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b e l l H e r z e n s

»Ökonomisch«, so sagte er später selbst, »war diese Zeit ein ab­soluter Misserfolg«. Aber ideell war es der Erfolg seines Lebens. Er hat dort das wahre Leben gelernt und sich des wahren Reichtums erfreut, und er erfuhr es jeden Tag, »dass die wahre Ernte die­ ses Lebens etwas so Unfassliches und Unbeschreibliches ist, wie das Morgen- und Abendlicht«, und er bekannte: »Ich habe das Schönste, was einem Menschen gegeben werden kann, ein wenig Sternenstaub und ein Stückchen vom Regenbogen erhascht.«Trotz all dieser Aussagen und Bekennt­

nisse legte Thoreau größten Wert darauf, dass dieses Leben »aus den

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Wurzeln«, das er – mit größter Akribie, jeden Aspekt beobachtend

und betonend – in »Walden« niederschrieb, nicht als »naive Na­ turschwärmerei« angesehen würde.

Was gibt, was sagt uns Menschen des 20. Jahrhunderts denn nun solch eine Erfahrung? Eines beweist sie uns auf jeden Fall: Dass das Leben im Überfluss und Wohlstand immer weniger auch ein »wohler Stand« ist, weil wir uns dabei vor lauter Konsumieren gar nicht mehr wohl fühlen können. Mit einer für manche Menschen erschreckenden Radikalität begann Thoreau mit seiner praktischen Lebensphilosophie. Was aber wollte er wirklich beweisen? Er wollte vor allem nicht nur einfach gut sein, er wollte zu etwas gut sein. Und das hieß für ihn auch, zu beweisen, »dass jede Tätigkeit, auch die scheinbar am Rande liegen­ de, scheinbar unwichtige, auf den Sinn des Lebens zielt«. Thoreau wollte weder aus Städtern Wäldler machen, noch plädierte er für eine Rückkehr ins Mittelalter. »Einfachheit, Einfachheit, Einfachheit«, war sein Aufruf, »Beschränke deine Geschäf­te auf ein oder zwei und nicht hundert oder tausend. An­statt einer Million zähle ein halbes Dutzend, und dann genügt es auch, Buch auf deinem Daumennagel zu füh­ ren.«

Er wollte durch diese, von ihm gelebte Einfachheit beweisen, wie überflüssig so mancher Überfluss ist und wie sehr er dem Menschen den Blick für das Eigentliche verdeckt und ihn am Leben hindert. Er hat es bewiesen, wie wenig es tatsächlich bedarf, um das zu erwer­ben, »was der Seele nottut«, er wagte auch das »Lob der Ar­mut«, und sagte darüber: »Das meiste, was man unter Luxus versteht und viele der sogenannten Annehmlichkeiten des Lebens sind nicht nur entbehrlich, sondern gerad­ ezu ein Hindernis für den Aufstieg der Menschheit.«

Auch wenn Wilhelm Busch einmal dichtete: »Enthaltsamkeit ist das

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Vergnügen an Dingen, welche wir nicht kriegen«, wollte Thoreau doch beweisen, »dass Entbehrung und Einsamkeit nichts ist, dem der Mensch entfliehen oder ausweichen müsste, sondern genau das Gegenteil. Es ist etwas, das man su­chen soll, damit man den wahren Reichtum erfahren kann«. Thoreau wusste aus Erfahrung, dass sich die meisten Men­-

schen durch die Monotonie der sich immer wiederholenden Arbeits­tage und Arbeitsjahre quälen und vom Lichtblick auf den Feierabend, das Wochenende und den Urlaub leben. Diesen Zustand ver­suchte er zu bekämpfen, und er wollte verhindern, »dass der Mensch die Zeit, die so göttergleich daherschreitet, einfach verhökert«.

Natürlich können und sollen wir jetzt nicht alle in Blockhütten hau­s­en, um dort das Experiment des Lebens in den Wäldern zu machen. Aber es gibt ja noch einen Mittelweg – einen, den wir alle gehen kön­nen, einen, durch den wir uns die Erkenntnis aneignen, dass wir nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Thoreau schrieb in seinem Buch »Walden«: »Die stille Verzweiflung kann den packen, der täglich in seinem Büro sitzt oder an einem FlieSSband steht und zum Produkt seiner Arbeit keine Beziehung mehr hat und der innerlich weiSS, dass der Lohn am Ende des Monats keine Entschädigung für die zwangsläufige Seinsvergessenheit ist«. Thoreau

wies immer wieder darauf hin, dass sein Experiment nicht nur er­kannt, sondern auch praktiziert werden muss, weil nur dann erkenn­bar ist, »dass jede Tätigkeit, auch die scheinbar am Rande liegende, auf den Sinn des Lebens zielt und der Mensch so erkennt, dass er für etwas gut ist.«

Bei Thoreau stimmten die geschriebenen Worte mit den gelebten Ta­ten überein. Er predigte den Menschen keine graue Theorie, sondern versuchte, jenes bunte und reiche Leben auch denen zu vermit­teln, die nicht daran glaubten, dass es auch für sie bestimmt sei. Thoreau glaubte daran, dass es im Grunde nichts Profanes gibt, wenn man den

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Wert vom Unwert unterschieden hat. Er versuchte, den Menschen diese wirkliche Muse zu lehren, den wahren Wert zu vermitteln, und das nicht durch eine weltabgewandte Träumerei, in die sich so viele Menschen flüchten, sondern er deutete auf das wirkliche Leben in Besinnung hin, auf die Werte, »die auch dann, wenn sie nicht einheitlich sind, sich doch nicht grundsätzlich vonei­ nander unterscheiden.«

Auch die allgemeine Vorherrschaft und Überbetonung des Wissens, das seiner Meinung nach nicht immer das Wissen ist, das wir zum Leben brauchen, setzte Thoreau gegen die Erfahrung seines Lebens, indem er bekannte: »Auf die Beschaffenheit des Tages zu wirken, das ist die wahre Kunst, das ist das wahre Wis­sen.« {…} »Ich wollte tief leben«, bekannte er. »Alles Mark des Lebens aussaugen und so spartanisch wie nur möglich leben und alles, was nicht Leben ist, davonjagen.« Thoreau

vertrat die Meinung, »dass wir erst dann damit beginnen, etwas zu wissen, wenn wir unser angelerntes und ange­ lesenes Wissen vergessen«. Sein Anliegen war das vom Leben

getrennte, dogmatisierte Wissen wieder dem Leben zuzuführen und ihm so wieder seine Zugehörigkeit zum Allgemein­wissen geben. Auf die Frage, ob er sein Experiment des Lebens in den Wäldern als geglückt ansah, gab er keine Antwort, denn er wollte verhindern, dass sich die Menschen mit seiner Erfahrung begnügen und sich nicht mehr darum bemühen würden, eine eigene zu machen.

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In der Aufklärung (18. Jahrhundert) wird Einsamkeit oft positiv als Rückzug des Menschen aus dem hektischen Alltag zum Zwecke geis­tiger Aktivität und Selbstbesinnung gewertet. Die Epoche der Empfindsamkeit (etwa 1720 – 1789) und die Romantik (etwa 1795 – 1848) sehen im Einsamen mehr den schwermütig-melancholischen, in sei­ne eigene Innerlichkeit sich zurückziehenden Menschen, der sich den derben Zumutungen einer verständnislosen und oberflächlichen Außenwelt zu entziehen sucht. Gerade durch diesen Rückzug eröffnet sich aber zugleich die Möglichkeit des aufmerksamen, differenzierten In-sich-Hineinhörens im Dienste der Selbstvergewisserung über das eigene Ich.

Zur Zeit der Aufklärung rückte nicht nur der bürgerliche anstelle des antiken Helden ins Zentrum von Dramen und neuerdings auch Romanen. Auch die Vernunft galt erstmals als universelle Urteils­ instanz – und wie könnte man sich seiner eigenen Vernunft besser nähern als in Einsamkeit? Berühmtester Beitrag hierzu ist Immanu­ el Kants (1784 – 1804) »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung«: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus sei­ner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unver­mögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedie­nen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie­ ßung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstan­des zu bedienen!«, ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Doch es sei für jeden einzelnen Menschen schwer, sich alleine aus der Unmün­dig­keit zu befreien. Zum einen, weil er sie »liebgewonnen« habe, weil sie bequem sei, und zum anderen, weil er inzwischen größtenteils wirklich unfähig sei, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn nie den Versuch dazu habe machen lassen und ihn zu­sätzlich davon abgeschreckt habe.

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Nach Auffassung der Empfindsamkeit ist das überschwängliche Ge­fühl kein Makel für den, der es hat, sondern zeichnet ihn als sittlichen Menschen aus. Der Betonung der Öffentlichkeit im Absolutis­ mus setzte die Empfindsamkeit eine Betonung des Privatlebens ent­gegen. Um die Jahrhundertmitte entdeckte Jean-Jacques Rousseau in seinem Briefroman »Julie ou la nouvelle Héloïse« (1761) ei­ne unberührte Natur als Gegenbild zur (höfischen) Zivilisation. Auch dessen Vorläufer, der sentimentale Briefroman »Pamela oder die belohnte Tugend« (1740) von Samuel Richardson hatte mit sei­nen sozialkritischen Tendenzen großen literarischen Einfluss. Dieser Einfluss der Empfindsamkeit zeigt sich noch in Goethes Jugendwerk »Die Leiden des jungen Werthers« (1774), dem Haupt­w erk des Sturm und Drang. Der Roman ist der literarische Höhepunkt des Zeitalter der Empfindlichkeit und der Beginn ihres Rückganges als Kunstepoche.

Durch die Industrialisierung fanden viele große gesellschaftliche Um­brüche statt, die neue Maschinenwelt führte zu Verstädterung und Landflucht. Doch typisch für die Romantiker war eher eine Abwen­dung vom gegenwärtigen Geschehen, welche sich in einer Weltflucht, Flucht ins Private und Hinwendung zur Vergangenheit äußerte. Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individuali­tät und individuelles Erleben sowie Seele, vor allem die gequälte See­le. Die Romantik entstand als Reaktion auf das Monopol der vernunftgerichteten Philosophie der Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus. Im Vordergrund ste­hen Empfindungen wie Sehnsucht, Mysterium und Geheimnis. Dem in die Zukunft gerichteten Rationalismus und Optimismus der Auf­klärung wird ein Rückgriff auf das Individuelle und Numinose gegen­über gestellt. Zentrales Symbol für diese Sehnsucht und deren Ziel ist die Blaue Blume, die wie kein anderes Motiv die romantische Su­-

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che nach innerer Einheit, Heilung und Unendlichkeit verkörpert. »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« (Ricarda Huch) Die Möglichkeit von Einsamkeit hat somit den Prozess der Indivi­ dualisierung zur Voraussetzung, den in seiner radikalen Form allein die westlichen Industriegesellschaften durchlaufen haben (sofern man Indien und andere Länder mitzählt, in denen die asketische Form der Einsamkeit heute noch vorkommt).

In der Musik sind es neben Wolfgang Amadeus Mozart vor allem Franz Schubert (»Winterreise«, nach Wilhelm Müller), Robert Schumann und Jean Sibelius, die sich dem Themenkomplex Einsamkeit-Melancholie zuwenden. In der Malerei thematisieren Caspar David Friedrich und Vincent van Gogh Formen der Einsamkeitserfahrung, letzterer unter anderem durch seine späten Landschaftsbilder aus Auvers. Dazu schrieb er: »Es sind endlos weite Kornfelder unter trüben Himmeln, und ich habe den Versuch nicht gescheut, Traurigkeit und äuSSerste Einsamkeit auszudrücken {…}« Auch das Werk Edward Hoppers nimmt einen herausragenden Rang in Bezug auf die Dar­-

stellung von Einsamkeit ein. Beherrschendes Motiv sind stets einsa­ me, entrückte, erschöpfte Menschen, menschenleere Architektur, oft in drückend-heißer, lähmender Sommeratmosphäre, und nahezu leblose Nachtszenen. Die Darstellungen Hoppers sind durch die voll­ständige Abwesenheit eines kritischen oder gar anklagenden Gestus gekennzeichnet; man kann sie als sachliche, lakonische Schilderung betrachten, die darstellt, wie Menschen den Bezug zueinander verlo­ren haben.

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So gab es zwar in diesen Epochen verschiedene Standpunkte hinsicht­lich der Einsamkeit, doch auch eine wesentliche Übereinstimmung: Die Einsamkeit ist essentiell. Ob nun zum rationalen, vernunftbasierten Nachdenken in Anbetracht der Bildung von Autonomie und Charakter durch kritischen Umgang mit jeglicher Lehre, ob zur Erkenntnis von Gott und Natur in der Welt und einem selbst zur wahren Erleuchtung, oder zur melancholischen Erfahrung der Ver­gänglichkeit durch Stadtflucht und Einsiedelei – die Möglichkeit dazu bietet sich nur in der Einsamkeit.

artikel A n d r e a s G r y p h iu s (1616 – 1664)

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I n d i e s e r E i n s a m k e i t , d e r me h r d e n n ö d en Wüs ten, Ge s t re c k t a u f w i l d e s K ra u t , a n d i e b e moos te See: B e s c h a u i c h j e ne s Ta l u n d d i e s e r Fe l s en Höh’, Au f we l c he m E u l e n n u r u n d s t i l l e Vö g e l nis ten. H i e r, fe r n vo n d e m Pa l a s t ; we i t vo n d e s Pö bels Lüs ten, B e t ra c h t’ i c h : w i e d e r M e n s c h i n E i te l k e it ver geh’, Wi e , a u f n i c h t fe s te m Gr u n d a l l u n s e r H of fen s teh’, Wi e d i e vo r Ab e n d s c h m ä h n , d i e vo r d e m Ta g uns gr üßten. D i e H ö l l ’, d e r ra u he Wa l d , d e r To te n k o p f , der Stein, D e n a u c h d i e Z e i t a u f f r i s s t , d i e a b g e z e h r ten Bein’ E n twe r fen i n d e m M u t u n z ä h l i g e Ge danken. D e r M a u e r n a l te r Gra u s , d i e s u n b e b a u te Land I s t s c hö n u n d f r u c h t b a r m i r, d e r e i g e n t l i c h erk annt, das s a l l e s , o h n’ e i n’ G e i s t , d e n Go t t s e l b s t h ä l t, muss wanken.

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A b e n d

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D e r s c h ne l l e Ta g i s t h i n ; d i e Na c h t s c h w i ngt ihre Fahn Un d f ü h r t d i e Ste r ne n a u f . D e r M e n s c he n m ü d e S c h a re n Ve rl a s s e n Fe ld und Werk , wo Ti e r u n d Vö g e l wa re n , Tra u r t i t z t d i e E i n s a m k e i t . Wi e i s t d i e Z e i t ve r t a n ! D e r Po r t n a h t me h r u n d me h r s i c h z u d e r G lieder K ahn. Gl e i c h w i e d i e s L i c h t ve r f i e l , s o w i rd i n we n i g J a h re n I c h , d u , u n d wa s m a n h a t , u n d wa s m an sieht, h i n f a h re n . D i e s L e b en kö m m t m i r vo r a l s e i ne Re nnebahn. L a ß , hö c h s te r G o t t , m i c h d o c h n i c h t a u f d e m L a u f p l a t z gleiten! L a ß m i c h n i c h t Ac h , n i c h t P ra c h t , n i c h t Lu s t , n i c h t An g s t ve rl e i te n ! D e i n ew i g he l l e r G l a n z s e i vo r u n d ne ben mir! L a ß , we n n d e r m ü d e L e i b e n t s c h läf t, d i e Se e l e wa c he n , Un d we n n d e r l e t z te Ta g w i rd m i t m i r Ab end mac hen, S o re i ß m i c h a u s d e m Ta l d e r Fi n s ter nis z u d i r.

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G OE T HE (1749 – 1832) »S e l i g , we r s i c h vo r d e r We l t o h ne H a ß ve r sc hließt.« {…} Ein Beispiel ist Goethes empfindsamer Roman »Die Leiden des jungen Werthers«, der gerade durch seinen Egozentrismus

und den Abstand zu bürgerlichen Konventionen und Moralvorstel­ lung­en sein gestalterisch-schöpferisches, autonomes Ich entfaltet, der aber letztendlich darunter leidet, sich mit keinem anderen Menschen (außer mit Kindern) identifizieren zu können. Er begeht also auch deshalb Selbstmord, weil die Gesellschaft ihn sich einsam fühlen lässt, und nicht nur aufgrund einer nicht erwiderten Liebe. Goethes Einsamkeit hat, wie Osterkamp in einem zweiten Teil sei­nes Essays nachweist, nachdrücklich auf sein schriftstellerisches Spät­werk gewirkt. Die Poesie der Einsamkeit wurde nunmehr für die be­han­delten Stoffe zentral. Es sind die großen Einsamen, die fortan ins Zentrum seiner Werke rücken, in »Pandora«, in »Die Wahlver­wandtschaften«, im »Faust II«, in der »Marienbader Elegie«, in »Wilhelm Meisters Wanderjahre«. Melancholische Selbst­zerrüttung, die Reduktion auf das leidende Ich, der Bruch mit der nicht mehr zu synthetisierenden Welt oder Moderne, die Unversöhn­lichkeit mit dem Gegenwärtigen – all dies wird jetzt zum Thema. Denn: »Das Schöne kehrt nie mehr in die Welt zurück {…}, der Re­ präsentant des sentimentalisch-selbstreflexiven Menschen der Mo­ derne bleibt auf immer einsam in der von Gewalt- und Nützlichkeit geprägten Wirklichkeit zurück«. An die Stelle eines ästhetischen Er­ziehungsprojektes, mit dessen Hilfe die gesellschaftliche Wirklichkeit neu zu formieren sei, tritt das unvollendete Drama »Pandora« als Zeichen der poetischen Erfahrung der Einsamkeit. Die nunmehr selbst gewählte Einsamkeit Goethes beeinflusste aber auch den Charakter des Spätwerks, da der Dichter nunmehr unver­ hohlen Distanz gegenüber seinem Publikum nahm. Die künstleri­

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sche Freiheit, die sich aus der Einsamkeit heraus entwickelte, wurde so zu einer Befreiung vom angedienten Stil und Pathos des Zeitgeistes und der literarischen Form, wie diesem zu entsprechen und genügen zu sei. »Wer dem Publikum dient, ist ein armes Tier; Er quält sich ab, niemand bedankt sich dafür«, so formuliert es der alte Goethe. Wie Osterkamp betont, ist es diese sich dem Konzept der Einsamkeit verdankende »formale Radikalität«, die das Spätwerk auszeichnet und maßgeblich bestimmt. »Überall in seinem Alterswerk polt Goethe das Gefühl der geistigen Isolation und der Verlassenheit vom Zeitgeist in eine produktive Distanz zum zeitgenössischen Pub­likum um, die ihm seine provozierende Altersradikalität in allen künstlerischen Formfragen erlaubt«. So nimmt es auch nicht wun­ der, dass Goethes späten Werken der Erfolg beim Publikum versagt blieb, das Konzept der Einsamkeit ließ ihn auch in den Augen sei­ nes Publikums einsam werden. Poesie der Einsamkeit allenthalben.

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J o s e p h

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v o n Eic h e n d o rff (1788 – 1857)

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H e r b s t

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D e r Wa l d w i rd f a l b , d i e B l ä t te r f a l len, Wi e ö d u n d s t i l l d e r R a u m ! D i e B ä c h l e i n n u r g e h n d u rc h d i e B u c henhallen L i n d ra u s c he n d w i e i m Tra u m , Un d Ab e n dg l o c k e n s c h a l l e n Fe r n vo n d e s Wa l d e s Sa u m . Wa s wo l l t i h r m i c h s o w i l d ve rl o c ken In dieser Einsamkeit? Wi e i n d e r H e i m a t k l i n g e n d i e s e G l oc ken Au s s t i l l e r K i n d e r z e i t I c h we n d e m i c h e r s c h r o c k e n , Ac h , wa s m i c h l i e b t , i s t we i t ! So b re c h t he r vo r n u r, a l te L i e d e r, Un d b re c h t d a s H e r z m i r a b ! No c h e i n m a l g r ü ß i c h a u s d e r Fe r ne wieder, Wa s i c h n u r L i e b e s h a b , Mich aber zieht es nieder Vo r We h m u t w i e i n s Gra b .

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Z a u b e r b l i c k

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D i e B u r g , d i e l i e g t ve r f a l l e n I n s c hö ne r E i n s a m k e i t D o r t s a ß i c h vo r d e n H a l l e n Bei stiller Mittagszeit. E s r u h te n i n d e r Kü h l e D i e R e he a u f d e m Wa l l Un d t i e f i n b l a u e r Sc h w ü l e D i e s o n n’ g e n Tä l e r a l l . Ti e f u n te n hö r t i c h G l o c k e n I n we i te r Fe r ne g e h n , Ich aber mußt erschrocken Z u m a l te n E rk e r s e h n . D e n n i n d e m Fe n s te r b o g e n E i n’ s c hö ne Fra u e s t a n d , Al s h ü te te s i e d r o b e n D i e Wä l d e r u n d d a s L a n d . I hr H a a r, w i e ‘ n g o l d ne r M a n tel, Wa r t i e f he ra b g e r o l l t ; Au f e i n m a l s i e s i c h wa n d te , Al s o b s i e s p re c he n wo l l t . Un d a l s i c h s c h a u e r n d l a u s c h te – D a wa r i c h a u f g ewa c h t , Un d u n te r m i r s c ho n ra u s c h te S o w u n d e r b a r d i e Na c h t . Trä u m t i c h i m M o n d e s s c h i m me r? I c h we i ß n i c h t , wa s m i r g ra u t , D o c h d a s ve r g e ß i c h n i m me r, Wi e s i e m i c h a n g e s c h a u t !

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I n d i s e r E i n s a m k e i t , d e r me h r d e n n ö d e n Wüs ten Ge s t re c k t a u f f w i l d e s K ra u t , a n d i e b e moßte See: B e s c h a u i c h j e ne s T h a l u n d d i s e r Fe l s en Höh’ Au f f we l c he m E u l e n n u r u n d s t i l l e Vö g el nis ten. H i r, fe r n vo n d e m Pa l l a s t ; we i t vo n d e s Pövels Lüs ten B e t ra c h t i c h : w i e d e r M e n s c h i n E i te l k e it ver geh’ Wi e a u f f n i c h t fe s te m G r u n d ’ a l l u n s e r H of fen s teh’ Wi e d i e vo r Ab e n d s c h m ä h n d i e vo r d e i n Ta g u n s g r ü ß te n’. D i e H ö l ’, d e r ra u he Wa l d , d e r To d te n k o p f f, der Stein D e n a u c h d i e Z e i t a u f f f r i s t , d i e a b g e z e h r ten Bein E n twe r f fe n i n d e m M u t t u n z e h l i c he G e danc ken. D e r M a u re n a l te r Gra u ß , d i ß u n g e b a u te Land I s t s c hö n u n d f r u c h t b a r n u r, d e r e i g e n t l ic h erk ant D a ß a l l e s , o h n e i n Ge i s t , d e n G o t t s e l bs t hält, m u ß wa n c k e n .

J o h a n n

Lu d w ig Wi l h e l m M ü l l e r (1794 – 1872)

Wilhelm Müllers »Winterreise» setzt sich von anderen Wander­-

lie­dern und Wanderzyklen der Romantik ab. Müllers Wanderer wird in den Winter entlassen und irrt ziellos durch eine abweisende

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Land­schaft. Die 24 Lieder der »Winterreise», die von Schubert eindrucks­voll vertont wurden, zeugen von Einsamkeit, Resignation und wachsender Entfremdung und Isolation des lyrischen Ichs. Müllers Wanderer begibt sich auf Spurensuche. In einer Landschaft, die sich dem Betrachter starr und unzugänglich präsentiert, bleibt es dem Wanderer überlassen, Zeichen zu hinterlassen. Die scharf gezeichnete Winterlandschaft ist dabei letztendlich eine symbolische, die äußere Natur ein Spiegel des Inneren.

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(aus der Winterreise)

Wi e e i ne t r ü b e Wo l k e D u rc h he i t’re Lü f te g e h t , We n n i n d e r Ta n ne Wi p fe l E i n m a t te s Lü f t c he n we h t: So z i e h i c h me i ne St ra ß e D a h i n m i t t rä g e m Fu ß , D u rc h he l l e s , f r o he s L e b e n , E i n s a m u n d o h ne G r u ß . Ac h , d a s s d i e Lu f t s o r u h i g ! Ac h , d a s s d i e We l t s o l i c h t ! Al s no c h d i e St ü r me to b te n , Wa r i c h s o e l e n d n i c h t .

E i n s a m k e i t

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Lui s e Eg l o ff (1802 – 1835)

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E i n s a m k e i t

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B e s c he i d e n w i n k t d a a u s d e m E rd e n g ewühle M i t h i m m l i s c he r M i l d e d e m z a r te n Gefühle; D u t rö s te n d e Freu n d i n , we n n n i c h t s u n s er freut, So l eu c h te t D e i n F l ä m m c he n , o E i n s amkeit! B a l d s c h w i n d e t d e r Ku m me r, we n n i n d e ine Hallen Vo l l S e h n s u c h t u n d L i e b e d i e L e i d e n d e n wallen; D e n n d a wo M i ne r va s e l b s t g e r ne ve r weilt, Wi rd j e d e Wu n d e d e r Se e l e g e he i lt. D i e Tu g e n d h ü l l t f reu d i g s i c h i n d e i ne n Sc hleier, D u re i c h s t i h r j a s e g ne n d d i e g o l d e ne Leier, Un d h i m m l i s c he Tö ne , me l o d i s c h u n d rein, E n t s te i g e n d e m s t i l l e n e i n s a me n Hain. B l ü h t n i c h t a u c h d a s Ve i l c he n i n d e i ne n Gefilden? We r kö n n te d i e R o s e wo h l l i e b l i c he r bilden? Si e p ra n g t z wa r i n i h re m e rh a b e ne n G lanz, D o c h ü b e r t r i f f t s i e d a s Ve i l c he n g anz. E s b l ü h t i n d e r E i n s a m k e i t s t i l l u n d b e sc heiden, Se i n An b l i c k ve r m a g j e d e s Au g e z u weiden, Un d l ä c he l n d e r f ü l l t e s we i t u m s i c h die Luf t M i t s e i ne m re i ne n b a l s a m i s c he n Duf t. O l a s s t u n s i n a l l e m d a s Ve i l c he n e r reic hen, Un d i h m a n B e s c he i d e n he i t vo l l k o m me n gleic hen! D a n n s p re c he n w i r f r o h a u c h i n s t ü r m i s c her Zeit: » D a s Gl ü c k wo h n t i m St i l l e n d e r E i n s amkeit.«

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Nik o l au s L e n au (1802 – 1850)

2

E i n s a m k e i t

1

№1

H a s t d u s c ho n j e d o c h g a n z a l l e i n g e funden, L i e b l o s u n d o h ne G o t t a u f e i ne r H eide, D i e Wu n d e n s c h nö d e n M i ß g e s c h i c k s verbunden M i t s to l z e r St i l l e , z o r n i g d u mp fe m Leide? Wa r j e d e f r o he H o f f n u n g d i r e n t s c h wunden, Wi e e i ne m J ä g e r a n d e r B e r g e s s c heide St i r b t d a s Ge b e l l vo n d e n ve rl o r ne n Hunden, Wi e’s Vö g l e i n z i e h t , d a ß e s d e n Wi n te r meide? Wa r s t d u a u f e i ne r H e i d e s o a l l e in, So we i ß t d u a u c h , w i e ’ s e i ne n d a n n b ezwingt, D a ß e r u m a r me n d s t ü r z t a n e i ne n Stein; D a ß e r, vo n s e i ne r E i n s a m k e i t e r s c hrec kt, E n t s e t zt e mp o r vo m s t a r re n Fe l s e n spr ingt Un d b a n g d e m Wi n d e n a c h d i e A r me s trec kt.

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№2

D e r Wi n d i s t f re m d , du kannst ihn nicht umfassen, D e r Ste i n i s t to t , d u w i r s t b e i m k a l te n , d e r b e n Um s o n s t u m e i ne Tr o s te s k u n d e we rben, So f ü h l s t d u a u c h b e i R o s e n d i c h ve rlassen; Bald siehst du sie, d e i n u n g ewa h r, erblassen, Beschäftigt n u r m i t i h re m e i g ne n Ste r b e n . G e h we i te r : ü b e ra l l g r ü ß t d i c h Ve rd e r b e n I n d e r G e s c hö p fe l a n g e n d u n k l e n Gassen; L i e b l o s u n d o h ne G o t t ! d e r We g i s t s c h a u r i g , Der Zugwind in den Gassen kalt; und du? – D i e g a n z e We l t i s t z u m Ve r z we i fe l n t raur ig.

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2

E i n s a m k e i t

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Wi l d ve r wa c h s’ ne d u n k l e Fi c h te n, L e i s e k l a g t d i e Q u e l l e fo r t ; H e r z , d a s i s t d e r re c h te O r t Fü r d e i n s c h me r z l i c he s Ve r z i c h ten. G ra u e r Vo g e l i n d e n Z we i g e n E i n s a m d e i ne K l a g e s i n g t , Un d a u f d e i ne Fra g e b r i n g t An two r t n i c h t d e s Wa l d e s S c h we i gen. We n n’s a u c h i m me r s c h we i g e n b l iebe, K l a g e , k l a g e fo r t ; e s we h t , D e r d i c h hö re t u n d ve r s te h t , St i l l e h i e r d e r G e i s t d e r L i e b e . Ni c h t ve rl o re n h i e r i m M o o s e – H e r z , d e i n he i m l i c h we i ne n g e ht, D e i ne L i e b e G o t t ve r s te h t , D e i ne t i e fe , ho f f n u n g s l o s e .

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2

S c h l a f l o s e

N a c h t

1

S c h l a f l o s e Na c h t , d u b i s t a l l e i n d i e Zeit D e r u n g e s tö r te n E i n s a m k e i t ! D e n n s e i ne H e rd e t re i b t d e r l a u te Tag I n u n s e r n g r ü ne n d e n Ge d a n k e n h ag, D i e s c hö n s te n B l ü te n we rd e n a b g e f ressen, Z e r t re te n o f t i m K e i me u n d ve r g e s sen. Trä g t a b e r u n s d e r S c h l a f m i t we i c he r Hand I n s Z a u b e r b o o t , d a s he i m l i c h s to ß t vo m Strand, Un d l e n k t d a s B o o t i m we i te n Oz ean D e r Tra u m he r u m , e i n t r u n k ne r Steu er mann, S o s i n d w i r n i c h t a l l e i n , d e n n b a l d g esellen D i e L a u ne n u n s d e r u n b e he r r s c h te n Wellen M i t M e n s c he n m a n c he rl e i , v i e l l e i c h t m i t solc hen, D i e fe i n d l i c h u n s e r In n re s t i e f ve rl etzt, B e i d e re n An b l i c k s i c h d a s H e r z e n t setzt, G e t r o f fe n vo n d e s H a s s e s k a l te n D o lc hen; A n d e ne n g e r ne w i r vo r ü b e rd e n k en, Um t i e fe r n i c h t d e n D o l c h i n s He r z z u senken. D a n n w i e d e r b r i n g e n u n s d i e We l l e n f l uc hten, Wo h i n w i r wa c he n d n i m me r me h r g e l angen, I n d e r Ve r g a n g e n he i t g e he i m s te B u c hten, Wo u n s d e r J u g e n d H o f f n u n g e n e mp f angen. Wa s a b e r h i l f t s ? w i r wa c he n a u f – e n t s c hwunden I s t a l l d a s G l ü c k , e s s c h me r z e n a l te Wunden. Sc h l a f l o s e Na c h t , d u b i s t a l l e i n d i e Zeit D e r u n g e s tö r te n E i n s a m k e i t !

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E d uar d

2

v o n B au e r n f e l d (1802 – 1890)

E i n s a m k e i t

1

So l l e i n g r o ß e s We rk g e l i n g e n , M u ß u n s E i n s a m k e i t u m f ä c he l n, D e n n n u r n a c h d e m s t i l l e n Ri n gen K a n n u n s d i e Vo l l e n d u n g l ä c he ln. Un d z u m a l l e r g rö ß te n We rk e : S e l b s t z u s e i n i m D e n k e n , H a n d eln, Fe h l te d i r d e r M u t h , d i e St ä rk e? L a ß d i e H u n d e r t t a u s e n d wa n d e ln!

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H e r m a n n

2

Lu d w ig (1821 – 1902)

A l l m e r s

W a l d e i n s a m k e i t

1

O z a u b e r g r ü ne Wa l d e s e i n s a m k e it, Wo a l te , d u n k l e Fi c h te n s te h n u n d t räumen, Wo k l a re B ä c h l e i n ü b e r K i e s e l s c h ä umen I n t i e f g e he i me r Ab g e s c h i e d e n he it. Nu r H e rd e n g l o c k e n l a u t vo n Z e i t z u Zeit, Un d l e i s e s Sä u s e l n o b e n i n d e n B ä u men, D a n n w i e d e r Sc h we i g e n w i e i n Te mp e l räumen, O z a u b e r g r ü ne Wa l d e s e i n s a m k e i t ! – Hi e r s i n k t d e s E rd e n d a s e i n s e n g e Sc hranke, E s f ü h l t d a s He r z s i c h gö t t l i c he r u n d reiner, Al s kö n n t e s t i e fe r s c h a u e n u n d ve r s tehen. D a l ö s t s i c h m a n c h u n s te r b l i c he r G e danke; Wo he r d a s k o m m t , d a s a h ne t s e l te n einer, E s i s t d e s We l te n g e i s te s n a he s We hen.

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Wi l h e l m B u s c h (1832 – 1908)

2

D e r

E i n s a m e

1

We r e i n s a m i s t , d e r h a t e s g u t , We i l k e i ne r d a , d e r i h m wa s t u t. I h n s tö r t i n s e i ne m Lu s t rev i e r K e i n Ti e r, k e i n M e n s c h u n d k e i n K lavier, Un d n i e m a n d g i b t i h m we i s e L e h ren, D i e g u t g e me i n t u n d b ö s z u hö ren. D e r We l t e n t r o n ne n , g e h t e r s t ill I n Fi l z p a n to f fe l n , wa n n e r w i l l. S o g a r i m S c h l a f r o c k wa n d e l t e r B e qu e m d e n g a n z e n Ta g u m he r. E r k e n n t k e i n we i b l i c he s Ve r b o t, D r u m ra u c h t u n d d a mp f t e r w i e e i n Sc hlot. Ge s c h ü t z t vo r f re m d e n S p ä he r b l i c ken, K a n n e r s i c h s e l b s t d i e H o s e f l i c ken. L i e b t e r M u s i k , s o d a r f e r f l ö te n, Um a n g e ne h m d i e Z e i t z u tö te n, Un d l a u t u n d k rä f t i g d a r f e r p r u s ten, Un d o h ne Rü c k s i c h t d a r f e r h u s ten, Un d a l lg e m a c h ve r g i s s t m a n s e i ner. Nu r a l l e rhö c h s te n s f ra g t m a l e i ner : Wa s , l e b t e r no c h ? E i , S c h we re not, I c h d a c h te l ä n g s t , e r wä re to t . Ku r z , a b g e s e h n vo m Steu e r z a h l en, L ä s s t s i c h d a s G l ü c k n i c h t s c hö ne r malen. Wo ra u f d e n n a u c h d e r Sa t z b e r u ht: We r e i n s a m i s t , d e r h a t e s g u t .

E i n s a m k e i t

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K ar l Ma y e r (1786 – 1870)

2

E i n s a m k e i t

m i t

U n t e r s c h i e d

St i l l e , e i n s a me Na t u r L i e b ’ i c h i n d e r w i l d e n F l u r, We n n me i n H e r z d a s S c h we i g e n b r ic ht, Lebhaft mit sich selber spricht. Ha t d a s He r z s i c h n i c h t s z u s a g e n, Fü h l t s i c h’s l e i h - u n d f reu d e n l e er, D a n n , i n s o l c he n t r ü b e n Ta g e n , Fä l l t d a s E i n s a m s ey n i h m s c h we r.

K ar l

2

A n

Er n s t (1856 – 1917)

d i e

K n o d t

E i n s a m k e i t

D u E i n s a m k e i t , d u l e h r te s t m i c h I n s E w i g e he i m z u k e h re n . D u E w i g k e i t , d u l e h r te s t m i c h , D e r We l t i n m i r z u we h re n . D u E i n s a m k e i t wa rd s t m i r d i e T hür Z u a l l e n Une n d l i c h k e i te n . D i e Se e l e we i s s n u n f ü r u n d f ü r D e n We g d e r S e l i g k e i te n .

E i n s a m k e i t

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D a s

G e s i c h t

d e r

E i n s a m k e i t

Au c h d i e E i n s a m k e i t h a t i h r G e s i c ht: We r s no c h n i c h t e r s c h a u t , d e r a h n t e s nic ht. St re n g s i n d i h re Z ü g e , e r n s t w i e e i ne r Toten. I h re B l i c k e s i n d b e re d te B o te n D e r ve r s c h w i e g e ne n E w i g k e i t , D e r ve r t ra u te n Sc h we s te r a l l e r E i n s amkeit. Wo s i c h E rd u n d H i m me l z a r t b e r ü hren, Si n d d e r E w i g k e i t ve r b o r g e ne T h üren. Gr ü ne r Wa l d u n d b ra u ne H a i d e: L i e b s te Freu n d e s i n d i h r b e i d e, Un d i n s s t i l l e K ä m me rl e i n Tr i t t s i e f l i n k e n Fu ß e s e i n . We n n d i e E i n s a m k e i t d i e F l ü g e l b reitet Un d i n Se h n s u c h t i h re Se e l e we i tet, Tr i t t d i e G o t t he i t d u rc h d i e o f f ne Pfor te Un d ve rk ü n d e t ew i g e n L e b e n s Wor te. Wi e ve rk l ä r t s t ra h l t d a s G e s i c h t d e r E i nsamkeit: Z u d e s H i m me l s Vo rho f f ü h l t s i e s i c h geweiht.

H e r m a n n H e s s e (1877 – 1962) » E i n s a m k e i t i s t d e r We g , a u f d e m d a s S c hic k sal den M e n s c he n z u s i c h s e l b e r f ü h re n w ill.«

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»I n d e m i c h a l l e i n d a h i n m a r s c h i e r te , f i e l mir ein, daß i c h i m Gr u n d e a l l e me i ne We g e s o e i n s a m gemac ht h a b e , u n d n i c h t n u r d i e S p a z i e r g ä n g e , s o nder n alle Sc h r i t te me i ne s L e b e n s . «

Hermann Hesse war einer von denen, die das Alleinsein ganz bewusst einer festen Bindung vorzogen – weil ihm die »Wonnen des All­einseins«, die er als unerlässlich für eine kreative Tätigkeit erachte­ te, stets wichtiger waren. Hesses frühe Werke standen noch in der Tradition des 19. Jahrhun­

derts: Seine Lyrik ist ganz der Romantik verpflichtet, ebenso Sprache und Stil des »Peter Camenzind«, eines Buches, das vom Autor als Bildungsroman in der Nachfolge des Kellerschen »Der grüne Heinrich« verstanden wurde. Inhaltlich wandte sich Hesse gegen die wachsende Industrialisierung und Verstädterung, womit er eine Tendenz der Lebensreform und der Jugendbewegung aufgriff. Insbesondere wurde ihm der Monte Verità um Gusto Gräser zum Inbegriff einer alternativen Lebensform. In den meisten seiner Bücher schildert Hesse, wie ein Mensch sich innerlich-geistig entwickelt und zu einem reifen Menschen wird. Da­zu gehören die Romane »Demian«, »Siddharta«, »Der Steppenwolf« und »NarziSS und Goldmund«. Jeder Mensch ist nach Hesse letzten Endes einsam. »Allein aus sich selber heraus, aus seiner eigenen Seele, muss er alles Wissen um das Gu­te und alle Kraft dazu schöpfen.« Das können jedoch nur

Einzelne. Die Menschheit im Ganzen bleibt deshalb an das Schlech­te gebunden. In vielen seiner Briefe erkennt man den Individualismus und den Eigensinn, den Hesse sein ganzes Leben lang vertrat. Zum Individu­ alismus gehört auch eine Portion Einsamkeit. Jenes Alleinsein, wel­ches positiv für die Psyche ist, ist hier gemeint. Einsamkeit ist für

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viele kreative Menschen nicht belastend, sondern notwendig. Der Maler etwa zieht sich in sein Atelier zurück und der Autor an seinen Schreibtisch. Auf Hesse traf beides zu. Hesse war ein Naturfreund und Gartenliebhaber. Selbst im Unkraut­jäten, welches für viele nur lästig ist, fand er Ruhe und Ausgleich. Seiner Liebe zur Natur verlieh er in vielen Gedichten und Prosa Aus­druck. Über Bäume schrieb er ebenso wie über Schmetterlinge oder Blumen und viele seiner Gedanken um die Na­tur flossen auch in seine Antworten auf Briefe seiner Leser ein. Bäume verehrte er und bezeichnete sie als »Einsame«, die »wie groSSe, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche« wirken würden. Ein Baum würde nichts begehren, als das was er ist. »Das ist Hei­ mat. Das ist Glück.« Und so fand der Dichter in Bäumen ein tie­fes inneres Verwurzeltsein seiner selbst, das ihm half, unter der Last der vielen Fragen der Menschen, die ihn um Rat baten nicht zusam­menzubrechen. In einem Brief an Erika Mann schrieb er 1950: »Ich bin kein Mann des Gesprächs, ich habe zeitlebens unendlich viel Einsamkeit gebraucht, aber ich bin ein guter Zuhörer {…}«

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I m

N e b e l

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S el t s a m , i m Ne b e l z u wa n d e r n ! E i n s a m i s t j e d e r B u s c h u n d Ste i n, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein. Vo l l vo n Freu n d e n wa r m i r d i e Welt, Als no c h me i n L e b e n l i c h t wa r ; Nu n , d a d e r Ne b e l f ä l l t , I s t k e i ne r me h r s i c h t b a r. Wa h rl i c h , k e i ne r i s t we i s e , Der nicht das Dunkel kennt, D a s u ne n t r i n n b a r u n d l e i s e Vo n a l l e n i h n t re n n t . S e l t s a m , i m Ne b e l z u wa n d e r n ! Leben ist Einsamsein. K ei n M e n s c h k e n n t d e n a n d e r n, Jeder ist allein.

2

K e n n s t

d u

d a s

a u c h ?

1

K e n n s t d u d a s a u c h , d a ß m a n c he s mal I n m i t te n e i ne r l a u te n Lu s t , B e i e i ne m Fe s t , i n e i ne m f r o he n Saal, D u p l ö t z l i c h s c h we i g e n u n d h i nwe g g e h n mußt? D a n n l e g s t d u d i c h a u fs L a g e r o h ne Sc hlaf Wi e E i ne r, d e n e i n p l ö t z l i c h H e r z we h traf; Lu s t u n d Ge l ä c h te r i s t ve r s t i e b t w i e R auc h, D u we i n s t , we i n s t o h ne H a l t – K e n n s t d u das auc h?

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D u n k e l s t e

S t u n d e n

1

D a s s i n d d i e St u n d e n , d i e w i r n i c h t b egreifen! S i e b eu g e n u n s i n To d e s t i e fe n n i eder Un d l ö s c he n a u s , wa s w i r vo n Tr o s t gewußt, S i e re i ß e n u n s g e he i m g e h a l te ne L ieder M i t b l u te n d w u n d e n Wu r z e l n a u s d e r Br us t. Un d d o c h s i n d d a s d i e St u n d e n , d e ren Las t Un s St i l l e l e h r t u n d i n ne rl i c h s te R as t Un d d i e z u We i s e n u n s u n d D i c h te r n reifen.

2

R a t

1

Ne i n , J u n g e , s u c he d u a l l e i n D e n We g u n d l a ß m i c h we i te r g e hen! M e i n We g i s t we i t u n d m ü hevo ll Un d f ü hr t d u rc h D o r ne n , Na c h t u n d Wehen. Ge h l i e b e r m i t d e n a n d e r n d o r t! D e r We g i s t g l a t t u n d v i e l b e t re ten, I c h w i l l i n me i ne r E i n s a m k e i t Au c h f ü rd e r e i n s a m s e i n u n d b e ten. Un d s i e h s t d u m i c h a u f B e r g e n s tehen, B e ne i d m i c h n i c h t u m me i ne F l ü gel! D u wä h n s t m i c h ho c h u n d h i m me l nah – I c h s e h , d e r B e r g wa r n u r e i n H ü gel.

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R u d o l f

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G . B i n d i n g (1867 – 1938)

E i n s a m k e i t

1

M i t d i r z u wa n d e r n , ew i g e r Wa n d re r, Wind, d i c h a n z u l a c he n , H i m me l , d u l a c he n d Kind, m i t d i r he i ß s p i e l e n , So n ne , d u Sp i e ler in, a n d i r m i c h k ü h l e n , Wo l k e , d u Kü h ler in, m i t d i r z u ne c k e n , B a c h d u i m Ta lg ewand, eu c h z u u m f a s s e n , Fe l s e n a m s c h r o f fe n Stieg, d i c h n i c h t z u l a s s e n , E rd e , d i e l a n g m i r sc hwieg, k a m i c h . – We r s a g t d a s s i c h e i n s a m bin? H a l te t , E i c h w i p fe l , h a l te t d i e Wa c ht. D e n n i c h w i l l m i t d e r s c hö n s te n Sc h l äfer in z u r Ru he g e he n : d e r B e r g e s n a c h t.

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R ai n e r

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Maria (1875 – 1926)

R i l k e

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D i e E i n s a m k e i t i s t w i e e i n Re g e n. S i e s te i g t vo m M e e r d e n Ab e n d e n e ntgegen; vo n E b e ne n , d i e fe r n s i n d u n d e n t legen, g e h t s i e z u m H i m me l , d e r s i e i m mer hat. Un d e r s t vo m H i m me l f ä l l t s i e a u f d ie St adt. Re g ne t he r n i e d e r i n d e n Z w i t te r s t unden, we n n s i c h n a c h M o r g e n we n d e n a l l e G assen u n d we n n d i e L e i b e r, we l c he n i c h t s g efunden, e n t t ä u s c h t u n d t ra u r i g vo n e i n a n d e r lassen; u n d we n n d i e M e n s c he n , d i e e i n a n d e r hassen, i n e i ne m B e t t z u s a m me n s c h l a fe n müssen: d a n n g e h t d i e E i n s a m k e i t m i t d e n F l üssen...

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In jeder religiösen Glaubensrichtung geht es um das Individuum, welches nach Erleuchtung oder untadeligem Verhalten strebt. Ob es dies nun in Gemeinschaft oder Einsamkeit zu erlangen versucht ist unerheblich, da es doch um die persönliche Entwicklung des Ein­zel­nen geht. Das Mönchtum an sich ist auf Einsamkeit begründetdenn »Mönch« kommt vom Griechischen »monos«, »allein«. Es gibt Mönche, die in vollkommener Einsamkeit fern der Zivilisation lebten und leben und solche in zurückgezogenen Klosterverbänden. So gibt es im Bud­dhismus zwar große Verbände die gemeinsam meditieren, in der Me­ditation an sich ist jedoch wieder jeder einsam. Die Wortherkunft beschreibt am besten, worum es dabei geht: Das lateinische Verb »me­ditari« bedeutet »nachdenken, nachsinnen, überlegen« und ist zudem verwandt mit lateinisch »mederi«, heilen, sowie »medicina«, die Heil­kunst. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. Dabei geht es immer um eine Erfahrung des Göttlichen. Jede Medi­ tationsform, auch moderne Entspannungstechniken wie Yoga oder therapeutische Meditation, hat ihre Wurzeln in der Religion. Im Hin­duismus, Buddhismus und Taoismus bedeutet sie gleichsam das, was für den Christen das Gebet darstellt – die Einheit oder zumindest der Dialog mit der Gottheit. Doch auch das Christentum kennt die Meditation. So dienten bei­spielsweise die mittelalterlichen Chorgesänge der Mönche dazu, sich in eine meditative Stimmung zu versetzen, und auch »ora et labora« hat etwas damit zu tun: Es vereint die passive (kontemplative) Medi­tation, die im Ruhezustand praktiziert wird, mit der aktiven Medita­tion, bei der körperliche Bewegung, achtsames Handeln oder lautes Rezitieren zur Praxis gehören. Alle Meditationsentwicklungen bein­halten diese beiden Kontrapunkte, und das aus dem einfachen Grund, dass es bei ausschließlich kontemplativer Meditation zu Wahnvorstellungen und Muskelschwund kommen kann.

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Regelmäßige Meditation kann beruhigend wirken und wird des Öf­teren in bestimmten Formen auch in der westlichen Medizin als Entspannungstechnik empfohlen. Die Wirkung, der meditative Zu­stand, ist neurologisch in der messbaren Veränderung der Hirnwel­ len zu erkennen. Der Herzschlag wird verlangsamt, die Atmung ver­tieft, Muskelspannungen reduziert. Richard Davidson belegt bei ti­betischen Mönchen eine größere Aktivität im linken Stirnhirnlappen und verstärkte Gammawellen im EEG. Die Psychologin Sara Lazar konstatierte bei erfahrenem Meditieren deutliche Verdickung­en in Bereichen der Großhirnrinde, die »für kognitive und emotionale Prozesse und Wohlbefinden wichtig sind«.

Wandermönche gibt es in mehreren Religionen. Sie grenzen sich von Wanderpredigern oder Missionaren in so fern ab, als dass sie nicht umherziehen, um ihren Glauben zu verbreiten. Sie haben schlicht­ weg die Einsamkeit gelobt und dürfen nicht sesshaft werden, um keine sozialen Bindungen knüpfen zu können. Dies ist ihr Weg der Huldigung durch Askese. Geschichtlich ist das nicht unerheblich – viele der europäischen Länder wurden durch irische Wandermönche christianisiert. Die Askese bestand darin, dass man sich der Vorsehung Gottes anvertraute und auf die Sicherheit sozialer Bindungen verzichtete. Nach dem Vorbild Christi und seiner zwölf Apostel be­gab man sich auf Wanderschaft. Heute gibt es noch hauptsächlich im Hinduismus Wandermönche, die Sadhus.

Eine extreme Form der Einsamkeitshuldigung findet sich in der Ein­siedelei. Das spätmittelhochdeutsche »einsiedelære« bedeutet »allein, einsam siedeln«. Damals gebrauchte man allerdings eher den Begriff »eremitae«, welches »Wüste, leer, unbewohnt« bedeutet. Die ersten

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Einsiedler waren christliche Mönche, die Ende des dritten Jahrhunderts ein zurückgezogenes geistiges Leben in der ägyptischen Wüste wählten. Diese so genannten Wüstenväter und -mütter orientierten sich dabei am Vorbild Jesu, der seinerzeit 40 Tage fastend, betend und philosophierend in der Wüste lebte, um zu sich selbst und zu Gott zu finden. Das Eremitenleben wurde asketisch, in Armut und Bescheidenheit, geführt. Ablenkungen und Reize wurden radikal ferngehalten, um nur in Dialog mit Gott zu sein. Die zentralen Aktionen waren das Beten, Meditieren und Büßen. Heute schließt der Ausdruck Einsiedler alle jene mit ein, die sich geographisch, mental oder gesellschaftlich von der Norm distanzieren.

Ein Anachoret (von griechisch »anachoreo«, »sich zurückziehen«) war prinzipiell ein christlicher Eremit, der sich aus persönlichen Gründen aus der Gemeinschaft zurückzog. Als Gründer der christ­ lichen Anachorese gilt Antonius der Große (der Einsiedler), um 300 nach Christus. In ihnen findet man die extremsten Einsamkeitsaske­ten: Gab es in einer Abtei einen Anachoreten, durfte dieser weder mit anderen Mönchen noch mit sonst irgendeiner Menschenseele in Kontakt kommen. Also ließ er sich beispielsweise in die Wand einmauern. In England finden sich im Mittelalter an Kirchen ange­baute Zellen, deren Eingangstür zugemauert war, und von denen aus der jeweilige Anachoret durch ein kleines zur Kirche hin geöffnetes Fenster die Messe hören und Heilige Kommunion empfangen konnte. Durch ein anderes, auf die Straße zu öffnendes Fenster kon­n­te er mit Lebensnotwendigem versorgt werden. Ab dem 5. Jahrhun­dert gab es dann die so genannten Säulenheiligen, eine große Zahl von Anachoreten, die sich dazu entschlossen, ihr gesamtes Leben auf einer hohen Säule sitzend zu verbringen.

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Das Wort Mönch kommt vom griechischen monos, »allein«. Der Mönch bzw. sein weibliches Pendant, die Nonne, ist ein asketisch le­bendes Mitglied einer Religion, das sich zeitweise oder auf Lebens­ zeit in den Dienst seines Glaubens stellt. U

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Bereits in vielen alten Kulturen gab es Verhaltensweisen und Anfor­ derungen an ausgewählte Personen, die die Methoden und Wege des Mönchtums vorwegnahmen. Dazu gehören z. B. die strengen kul­ tischen Reinheitsvorschriften der Hochkulturen des Altertums oder Forderungen nach Enthaltsamkeit als Voraussetzung für bestimmte rituelle und religiöse Praktiken für deren Priester. Schon im Schama­nismus der eurasischen Urvölker werden wesentliche Elemente, wie wir sie später im Mönchtum aller Religionen wiederfinden, sichtbar. Der Ausdruck »Schamane« ist die Bezeichnung für ein Stammesmit­glied, das die Fähigkeit besitzt, mit übernatürlichen Mächten in Ver­bindung zu treten. So wird Schamanen die Fähigkeit zugesprochen, magische Handlungen wie Himmelsreisen oder Heilungen in Form von Dämonenaustreibungen vollbringen zu können. Eine Hauptfunktion des Schamanen ist, seinen Stamm oder einzelne Stammes­ mitglieder vor feindlichen übernatürlichen Einflüssen zu schützen. Er verhandelt mit den guten und bösen Geistern, bringt Opfer und verschafft sich Visionen durch Trance, bzw. Ekstase durch Drogen, durch Fasten, Einsamkeit, Schmerz, aber auch durch Tanz und Mu­ sik. Auch der Yogi nimmt mit seinen Übungen der Enthaltsamkeit und Konzentration Methoden vorweg, die vom Mönchtum übernommen werden. Der Begriff »Yoga« bezeichnet eine mystische Lehre des Hinduismus, bei der durch bestimmte geistige und körperliche

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Übungen, vor allem durch Meditation und Askese, der Menschen vom Gebundensein an die Last des Körperlichen befreit und die Ver­einigung des Individuums mit dem unendlichen Universum er­mög­licht werden soll. Es gibt viele verschiedene Formen von Yoga, alle mit ihrer eigenen Philosophie und Praxis. Einige meditative Formen von Yoga legen ihren Schwerpunkt auf die geistige Konzentration und vollkommene Versenkung, andere konzentrieren sich eher auf körperliche Übungen oder beschränken sich eher auf die Askese, wie z. B. der Yama (Zucht und Enthaltsamkeit). Alle

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Ein Mönch kann allein als Einsiedler (Eremit), als Anachoret leben, entweder abgeschlossen für sich in der Nähe der menschlichen Sied­lungen oder weit weg in der Wildnis der Wälder oder in der Einsam­keit der Wüste. Die irischen und gallischen Mönche des 5. und 6. Jahrhunderts sind sogar auf entlegene Inseln geflüchtet oder überlie­ßen sich auf kleinen Booten den Gefahren des Meeres. Strengster Anachorese unterwerfen sich auch heute noch buddhistische Mönche in Tibet, die sich allein in dunkle Höhlen einmauern lassen, nur mit einer Durchreiche für Essen mit der Außenwelt verbunden. An­dere Mönche, die sogenannten »Koinobiten«, führen ein mehr oder weniger zurückgezogenes »gemeinsames Leben« in Klöstern. Von Anfang an wurde im Mönchtum die Standortfrage diskutiert. Es gab Mönche, die ihre Askese in der Heimatlosigkeit suchten und rastlos umherzogen, während andere das freie Umherziehen als un­würdig ablehnten und die Sesshaftigkeit (stabilitas loci) bevorzugten. Im Hinduismus sind die umherziehenden Mönche, die sich nirgend­wo länger aufhalten dürfen, um keine sozialen Kontakte knüpfen zu können, vorherrschend, während im Christentum das freie Umherschweifen der Wandermönche als der Unmoral Vorschub leistend be­trachtet wurde und schon bald nicht mehr praktiziert wurde. H

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Die Mönche des Hinduismus sind die »Sadhus« (Sadhu = der Gute), die mit Swami angeredet werden oder mit Baba, Vater. Sadhus, die heiligen Männer Indiens, leben häufig als umherziehende, heimatlose Bettelmönche in ständiger Askese und Heimatlosigkeit. Andere dagegen bilden Gemeinschaften in einem Ashram oder in einem Tempelkomplex. Sie treten in verschiedenen religiösen Ausprägung­ en auf. Unter den verschiedenen hinduistischen Orden gibt es z. B. Vaishnava, die Anhänger Vishnus, nach außen hin dadurch erkenn­bar, dass sie ihr Haar bis auf ein Büschel am Hinterkopf rasieren, oder Shaivas, die Anhänger Shivas, die ihr Haar wild wachsen lassen. Nach seinem Entschluss zur Entsagung schließt sich der künfti­ ge Sadhu einem Guru an, der ihn in die spirituelle Lehre, sowie in Techniken der Askese und Meditation (Yoga) einführt und dem er als Schüler dient. Diese Asketen werden auch »Muni« genannt, ein Wort, das mit dem deutschen Mönch verwandt ist. Ein Sadhu legt ein persönliches Gelübde ab, welches je nach den Vor­schriften seines Gurus verschiedene Anforderungen auferlegt. Das kann Heimatlosigkeit sein, Armut, sexuelle Enthaltsamkeit, Fasten sowie völlige Bedürfnislosigkeit. Einige Sadhus dürfen keine sozia­ len Kontakte zu den Mitmenschen pflegen, halten sich nie lange an einem Ort auf und leben von dem, was sie von ihren Mitmenschen erhalten. Manche von ihnen fallen durch bizarres Verhalten auf, durch extreme Formen der Askese und Selbstquälung, andere sind für ihren Rauschgiftkonsum bekannt. Viele Sadhus sehen die Welt als Trugbild, der man sich entsagt, um Erleuchtung in der transzen­denten Wirklichkeit zu erlangen. Sie suchen Erlösung aus dem ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Seit dem achten Jahrhundert gibt es im Hinduismus auch Klöster, die meist mit Tempeln verbunden sind. Die ersten wurden unter Shankara, einem großen Hindu-Philosophen, gegründet, der mit seinen Mönchen den Hinduismus gegen den wachsenden Buddhis­ mus stärken wollte. Die dort lebenden Samnyasin, die Entsagenden, folgen noch heute dem alten Ideal der Askese, suchen spirituelles

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Wachstum, studieren und lehren die Heiligen Schriften. Hindumön­che, die sich neben spirituellen Aktivitäten auch mit philanthropi­ schen und humanistischen Aufgaben beschäftigen sind besonders jene der Ramakrishna-Mission sowie die der SwaminarayanMission, beide in Indien sehr populär. Dem Ramakrishna-Orden gehören auch Nonnen an. B

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Im Buddhismus gab es die Mönchsgemeinde (Sangha) von Beginn an, also etwa seit 500 v. Chr. Zunächst nur für Mönche und später auch für Nonnen, wurden beide Orden von Buddha (um 560 – 480 v. Chr.) persönlich gegründet. In den ersten Jahren wurden Anwär­ter nur vom Buddha selbst ordiniert. Später – mit schnell wachsen­der Gemeinde – übertrug er das Recht, Mönche aufzunehmen, seinen Jüngern. Das buddhistische Mönchs- und Nonnenleben ist asketi­ scher als das in christlichen Orden. Zunächst gab es nur hauslose Wandermönche, erst später wurden Aufenthaltsstätten und Unterkünfte gestiftet. Bis dahin wurden nur zur Regenzeit Hütten gebaut, die am Ende wieder abgerissen wurden. J n

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Zentrales Element der Praxis des Zen ist die Sitzmeditation Zazen, die im Lotus-Sitz in strenger äußerer Disziplin vor allem in Klöstern ausgeübt wird. Indem der Übende alle seine Gedanken zur Ruhe bringt, ermöglicht er die mystische Erfahrung der Erleuchtung (Satori), ein oft plötzlich eintretendes Erleben universeller Einheit und Leere, das der gesamtbuddhistischen Erleuchtung (sanskr.: bodhi) entspricht. In diesem Zusammenhang ist oft vom Buddha-Werden, oder der Verwirklichung der eigenen Buddhanatur die Rede. J

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Der bekannteste Asket im Neuen Testament ist Johannes der Täufer, der den Verzicht auf Eigentum und festen Wohnsitz predigte und praktizierte. Er lebte, wie später die ersten christlichen Mönche,

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in der Wüste und ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Jesus fastete zeitweilig selbst, z. B. während seines vierzigtägigen Wüs­-

tenaufenthaltes, erließ aber kein allgemeines Gebot zu asketischen Praktiken (z.B. Fasten, Kasteiungen, Büßergewand), sondern äußer­te im Gegenteil deutliche Kritik an asketischen Praktiken, sofern sie missbraucht wurden, um bei anderen Eindruck zu machen und re­ligiöse Herrschaftsansprüche durchzusetzen wie es die Pharisäer ta­ten. Diese bezeichneten Jesus als »Fresser und Weinsäufer«, um sei­ nen religiösen Anspruch zu untergraben {Mt 11,19}. Athanasius (um 300–373), der Bischof von Alexandria, beschrieb

in der von ihm verfassten »Vita Antonii« das Leben des Heiligen Antoni­us (um 250–356), des ersten christlichen Mönchs. Antonius

ging als junger Mann in die Einsamkeit der ägyptischen Wüste, um als Anachoret ein strenges asketisches Leben zu führen. Die Wüste wurde als Aufenthaltsort von Dämonen angesehen und stand damit neben den erschwerten Lebensbedingungen auch für ein hartes geist­liches Ringen.

V ita c o n t e m p l ativa Mit »Vita contemplativa«, zu deutsch »in Betrachtung versunkenes (beschauliches) Leben«, versteht man in der Tradition Benedikts von Nursia das mönchische Ideal eines zurückgezogenen Lebens, wie es die Eremiten der ersten nachchristlichen Jahrhunderte führ­ ten. Manche zogen in die Wüste, sprachen sogar nicht mit anderen Menschen, ernährten sich von Beeren und Kräutern, hielten lange Nachtwachen, fasteten und beteten. Die Vita contemplativa verlangt die Abkehr von den weltlichen Dingen (z. B. Reichtum, Ehre, Macht, Triebe) und die radikale Hinwendung zu Gott.

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Das Gegenstück zur Vita contemplativa ist die Vita activa, die dem Gläubigen ein tätiges, teilnehmendes und auf seine Umwelt einwir­ kendes Leben vorschreibt. In den verschiedenen christlichen Orden finden sich beide Lebensideale jeweils mehr oder weniger stark aus­geprägt. Begründet wurde der Begriff in der antiken Philosophie von Aristoteles, der wie später Epikur die Vita contemplativa in Abgrenzung von einem Leben politischer Einflussnahme sah.

MED I T A T I ON Meditation (von lateinisch »meditatio«, abgeleitet von dem Verb »me­ditari«, »nachdenken, nachsinnen, überlegen«, verwandt mit latei­nisch »mederi«, »heilen«, »medicina«, »Heilkunst« sowie griechisch »denken, sinnen«; entgegen landläufiger Meinung liegt kein etymolo­gischer Bezug zum Stamm des lateinischen Adjektivs »medius, -a, -um«, »der mittlere«, vor) ist eine in vielen Religionen und Kulturen ausgeübte spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentra­ tionsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. In östlichen Kulturen gilt sie als eine grundlegende und zentrale bewusstseinserweiternde Übung. Die angestrebten Bewusstseinszustände werden, je nach Tradition, unterschiedlich, aber meist mit Begriffen wie Stille, Leere, Panorama-Bewusstsein, Eins-Sein, im Hier und Jetzt sein oder frei von Gedanken sein beschrieben. Dadurch soll die Subjekt-Objekt-Spaltung (Begriff von Karl Jaspers) überwunden wer­den. Rel

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Im Buddhismus, Hinduismus und Jainismus ist das höchste Ziel die Erleuchtung oder das Erreichen des Nirwana. In christlichen, islami­schen und jüdischen Traditionen ist das höchste Ziel der medi­tati­ven Praxis das unmittelbare Erfahren des Göttlichen. Meditation als spi­rituelle Praxis ist immer auch in unterschiedliche religiöse, psycholo­gische und ethische Lehrgebäude eingebunden. In westlichen Ländern

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wird die Meditation auch unabhängig von religiösen Aspekten oder spirituellen Zielen zur Unterstützung des allgemeinen Wohlbefindens und im Rahmen der Psychotherapie praktiziert. Im älteren deut­schen Sprachgebrauch bezeichnet »Meditation« einfach ein Nachdenken über ein Thema oder die Resultate dieses Denkprozesses. Meditative Praktiken sind ein wesentlicher Bestandteil vieler Religionen. F

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Besonders im Hinduismus, Buddhismus und Taoismus besitzt die Meditation eine ähnliche Bedeutung wie das Gebet im Christentum (vgl. Kontemplation). Als organisierte Praxis lässt sich die Meditation am weitesten zu den Upanishaden und in der buddhistischen Tradition in Indien zurückverfolgen. Als Jhana (Sanskrit: Dhyana) werden verschiedene Zustände der Versenkung beschrieben, worauf sich heute unter anderem das chinesische Chan und das japanische Zen zurückführen lassen. Eine vielfältige und traditionsreiche Form der Meditation entwickelte sich daneben im indischen Yoga (Vorstu­fe ist die Konzentration). Insbesondere die Sutras im Raja Yoga prä­gen bis heute viele Techniken wie den Umgang mit dem Atem im Pranayama und die systematische Einteilung der mit der Meditation in Zusammenhang gebrachten Bewusstseinszustände. Innerhalb die­ser Traditionen werden mit der Meditation ausnahmslos spirituelle Ziele verfolgt. C

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Im mittelalterlichen Christentum wurden die »geistlichen Übungen« meditatio (gegenstandfreie Anschauung) und contemplatio (gegenständliche Betrachtung, Kontemplation) zur Sammlung des Geistes überliefert. Besonders in den mystischen Traditionen sollte damit der Verstand und das Denken zur Ruhe kommen, um den »einen Urgrund« freizulegen. Im Mittelalter wurden auch Anweisungen ververöffentlicht, wie »Die Wolke des Nichtwissens« oder die Schriften Theresa von Avilas. Im 15. und 16. Jhd. wurden diese Schriften

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von der Inquisition verboten und Mystiker verfolgt und gefangen gesetzt und die Mystik geriet im Christentum in Verruf der Häresie. Doch finden sich standardisierte Elemente einer meditativen Praxis bis heute in den Exerzitien von Ignatius von Loyola oder eini­ gen be­nediktischen und franziskanischen Traditionen sowie in der Ostkir­che im Hesychasmus. Meditationstechniken werden als Hilfsmittel verstanden, einen vom Alltagsbewusstsein unterschiedenen Bewusstseinszustand zu üben, in dem das gegenwärtige Erleben im Vordergrund steht, frei von ge­wohntem Denken, vor allem von Bewertungen und der subjektiven Bedeutung der Vergangenheit (Erinnerungen) und der Zukunft (Plä­ne, Ängste usw.). Viele Meditationstechniken sollen helfen, einen Be­wusstseinszustand zu erreichen, in dem äußerst klares hellwaches Ge­wahrsein und tiefste Entspannung gleichzeitig möglich sind. Man kann die Meditationstechniken grob in zwei Gruppen einteilen: In die passive (kontemplative) Meditation, die im stillen Sitzen prak­tiziert wird und die aktive Meditation, bei der körperliche Bewegung, achtsames Handeln oder lautes Rezitieren zur Meditationspraxis gehören. Die Einteilung bezieht sich nur auf die äußere Form. Beide Meditationsformen können geistig sowohl aktive Aufmerksamkeits­ lenkung als auch passives Loslassen und Geschehenlassen beinhalten. Ak i

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Neben dem Kinhin (Gehmeditation), welches zwischen passiven Zazen-Zeiten praktiziert wird, wird im Zen auch in ganz unterschiedlichen Tätigkeiten eine achtsame meditative Haltung geübt, wie z. B. Sadō (oder Chadō) – der Weg der Teezeremonie (Teeweg), Shodo – der Weg der Schreibkunst, Kado – der Weg des Blumen­ arrangements, Suizen – das kunstvolle Spiel der ShakuhachiBambusflöte, Zengarten – die Kunst der Gartengestaltung, Kyudo – die Kunst des Bogenschießens oder Budo – der Weg des Krieges. Während eines Sesshin, dem gemeinsamen Meditieren in einem

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Zen-Kloster oder Trainings-Zentrum über längere Perioden, werden auch die alltäglichen Verrichtungen Samu (Abwasch, Reinigung, Garten etc.) in großer Geistesgegenwart, bestimmter Form und Achtsamkeit verrichtet. Y

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In der Tradition des Yoga unterstützen verschiedene Körperhaltung­ en und -übungen, Atemtechniken, sowie Fasten und andere Arten der Askese die Meditation. 2007 analysierten Ospina (University of Alberta, Kanada) und Bond (Capital Health Evidence based Practice Cen­ ter, Edmonton, Kanada) 813 medizinische und psychologische wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Wirkung von Meditation auf Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen und Drogen- und Arzneimittelmissbrauch befasst hatten. Es gebe heute ein »enormes Interesse«, Meditation als Therapie einzusetzen. Bislang sei ein Groß­teil solcher Hinweise aber eher »anekdotisch« oder stamme aus un­zulänglichen Untersuchungen. Belege, dass »gewisse Arten« der Medi­tation Bluthochdruck und Stress bei Patienten reduzieren könnten, gebe es aber, und bei Gesunden habe sich gezeigt, dass Praktiken wie Yoga die verbale Ausdruckskraft erhöhen und Herzfrequenz, Blutdruck und Cholesterin-Spiegel senken könne. Die methodische Qua­lität der Untersuchungen sei jedoch eher mangelhaft. Eine überein­ stimmende theoretische Sichtweise scheine zu fehlen. Künftige Untersuchungen müssten strengere Maßstäbe an Durchführung, Analyse und Niederschrift anlegen. Anhand der Ergebnisse ihrer Arbeit dürfe allerdings nicht der Schluss gezogen werden, Meditation wirke nicht. Die Hinweise auf die the­rapeutischen Effekte seien, so Ospina, nur noch nicht hinreichend beweiskräftig; viel Unsicherheit gebe es zum Beispiel, was die Medi­tationspraxis selbst anbelange. Die Studie hatte Meditation in fünf Kategorien unterteilt: Mantra-Meditation, Achtsamkeits-Meditation, Yoga, Taijiquan und Qi Gong. Am häufigsten sei Transzendentale

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Meditation und die Relaxation Response-Technik untersucht worden, gefolgt von Yoga und Achtsamkeits-Meditation.

A S K ESE Ein Asket beabsichtigt, sich durch seine asketischen Übungen von den Bedingtheiten der Körperlichkeit und von den Unvollkommen­ heiten der Welt zu lösen; und in manchen Religionen sich schließ­lich ganz davon zu erlösen. Das vermutlich älteste von Askese geprägte System ist der Hinduis­ mus. Auch der Buddhismus versteht sich in seiner Vergangenheit und Gegenwart als Bewegung der Askese. Er fordert keine Askese im Sinne einer entsagenden oder bußfertigen Lebenshaltung, sondern eine pragmatische Haltung der Mitte, die alle Extreme, Selbstkastei­ ung ebenso wie Zügellosigkeit, meidet. In der Antike bezeichnete er eine Übungspraxis im Rahmen seelisch­er Selbstschulung aus religiöser oder philosophischer Motivation. An­gestrebt wurde damit die Erlangung von Tugenden. In der römischen Kaiserzeit und vor allem in der Spätantike wurde in stoischen, pla­tonischen und neupythagoreischen Philosophenkreisen das Ideal der Askese propagiert. Insbesondere die in der Spätantike dominierende Philosophie, der Neuplatonismus, war von Anfang an asketisch ori­entiert. Für die irischen Mönche war die Heimatlosigkeit (»peregrinatio«) ein wesentlicher Faktor ihrer Askese, der die gesamte Geschichte Euro­ pas beeinflusste; viele europäische Länder wurden von irischen Wan­dermönchen christianisiert. Max Weber hat den Begriff der Askese umgedeutet: Sie sei als »in­-

nerweltliche Askese« durch den Geist des Protestantismus in die Mo­-

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derne eingezogen, um die menschliche Kultur auf nachhaltige Weise äußerlich zu prägen und zu verändern wie kein Lebensentwurf zuvor. So wurde unternehmerischer Erfolg im reformiert-puritanischen Kapitalismus als Belohnung für Verzicht und Entsagung aufgefasst. Askese und Religion gingen und gehen miteinander einher, wo­bei sie sich offenkundig zunehmend verselbstständigen und auch voneinander lösen. Demgemäß kann eine Vielzahl heutiger auf Ver­zicht basierender Lebensentwürfe nur in bestimmter Hinsicht als as­ketisch verstanden werden, da sie (wie modisches Schlank- und Heil­fasten oder Vegetarismus) den religiösen bzw. weltabgewandten Ide­ alen der Askese teilweise oder vollständig zuwiderlaufen.

Wa n d e r m ö n c h e Wandermönche sind eine aus verschiedenen Religionen bekannte Form des Mönchtums. Sie sind sowohl aus dem frühen Christentum, als auch aus dem Buddhismus und dem Hinduismus bekannt. Vom Wandermönch zu unterscheiden sind Missionare oder Wanderprediger, deren Ortswechsel eher der Verbreitung der Ideen der eigenen Glaubensrichtung als der Askese dienen. Im

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Von Anfang an wurde im Mönchtum die Standortfrage diskutiert. Es gab Mönche, die die Askese in der Heimatlosigkeit suchten und rastlos umherzogen, während andere das freie Umherziehen als un­ würdig ablehnten und die Sesshaftigkeit (»stabilitas loci«) bevorzugten. Die Askese bestand darin, dass man sich der Vorsehung Gottes an­vertraute und auf die Sicherheit sozialer Bindungen verzichtete. Nach dem Vorbild Christi und seiner zwölf Apostel begab man sich auf Wanderschaft.

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Im Katholizismus hingegen wurde das freie Umherschweifen der Wandermönche als der »Unmoral Vorschub leistend« betrachtet und schon bald nicht mehr praktiziert. Später wurde den Mönchen das Verlassen ihrer Klöster untersagt, so etwa auf der Synode von Agde im Jahr 507. Die Benediktinerregel kritisiert wandernde Mön­ che ganz deutlich: Die vierte Art der Mönche sind die sogenannten »Gyrovagen«. Ihr Leben lang ziehen sie landauf landab und lassen sich für drei oder vier Tage in verschiedenen Klöstern beherbergen. Immer unterwegs, nie beständig, sind sie Sklaven der Launen ihres Eigenwillens und der Gelüste ihres Gaumens. Im

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Schon um 1200 vor unserer Zeitrechnung erwähnte die Rig Veda im Buch X den »keshi«, einen schweigenden Asketen, der ungekämmt und unbekleidet ist. Dieser Asket ist zu Hause von Meer zu Meer, von Osten bis Westen. Diese frühen Mönche waren also überall zu Hause und daher ohne festen Wohnsitz. Im Hinduismus sind die umherziehenden Mönche, die sich nirgend­wo länger aufhalten dürfen, um keine sozialen Kontakte knüpfen zu können, auch heute noch an der Tagesordnung. Diese Wandermön­che, die Sadhus, haben auch einige Christen zu einem solchen Wan­derleben inspiriert.

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Einsiedler ist der Sammelbegriff für Menschen, die mit ihrem Gedan­kengut oder ihrer Lebensweise sich selbstgewählt einsam etablieren, sei es geographisch, gesellschaftlich oder mental. Das Wort Einsiedler ist eine Weiterbildung des althochdeutschen »sëdal« mit Bedeutung »Sitz« zu dem spätmittelhochdeutschen »ein­-

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sidelær«, welches sich als »allein, einsam siedeln« respektive »woh­nen« übersetzen lässt. Allerdings war zur damaligen Zeit der Ausdruck eremitae gebräuchlich, abgeleitet vom altgriechischen »erēmítēs«, was »Wüste« aber auch »leer« und »unbewohnt« bedeutet. Die ersten Eremiten waren die im 3. Jahrhundert lebenden Wüstenväter. Sie verstanden sich als radikale Nachfolger Christi und such­ten gleichsam aus Protest gegen die in ihren Augen allmähliche Ver­weltlichung der Staatskirche Zuflucht in der Einsamkeit der Wüsten Ägyptens, Palästinas und Syriens. Das Eremitenleben wurde aske­ tisch, in Armut und Bescheidenheit, geführt. Ablenkungen und Rei­ze wurden radikal ferngehalten, um nur in Dialog mit Gott zu sein. Die zentralen Aktionen waren das Beten, Meditieren und Bü­ßen. Das Eremitentum als ursprüngliche christliche Lebensform wurde bis ins 15. Jahrhundert praktiziert und war hoch angesehen. Im Spät­mittelalter verunmöglichten vor allem die Kriege eine eremitische Daseinsweise. Im 20. Jahrhundert erlebte die bis anhin als rückstän­ dig geltende Lebensform in Europa ein Revival dank Berichten über Eremiten in der Sahara. Mit Canon 603 wurde 1983 in der bis heute gültigen Fassung des kirchlichen Rechtsbuches, des Codex Iuris Canonici, die eremitische Lebensform als geweihtes Leben kirchen­rechtlich anerkannt. He

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Der Ausdruck Einsiedler schließt nicht nur den religiösen Eremiten ein, sondern ist auf alle Menschen übertragbar, die sich geographisch, mental oder gesellschaftlich von der Norm distanzieren. Die Norm festzulegen und somit eine klare Abgrenzung der Einsiedler zu defi­nieren ist indes schwierig. Sie ist eine wandelbare und dem Zeitgeist unterworfene Konvention. In jeder Gesellschaft gibt es ein historisch gewachsenes System offiziell festgesetzter sowie stillschweigend ak­zeptierter Regeln der Lebensgestaltung. Sie reichen von allgemeinen Verhaltensregeln über Rollenvorschriften bis zu mentalem Einver­ nehmen. Einsiedler leben trotz Kenntnis dieser Normen bewusst

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nach eigenen Werten und nehmen das dadurch bedingte Alleinsein an. Geographische Einsiedler sorgen für einen räumlichen Abstand zwischen sich und der Zivilisation. Es kann ein bewusst gewähltes Leben sein, um sich in der Einsamkeit der Umwelt mit ihren Ablenkungen zu entziehen und sich ganz seiner eigentlichen Aufgabe zu widmen, oder auch eine durch den Beruf implizierte Begebenheit, wie beim Hirten. Der gesellschaftliche Einsiedler zieht das Alleinsein der Gemeinschaft vor. Gründe dafür sind: … ihre individuellen Merkmale (wie Introversion, Langsamkeit), durch die sie nicht dem Zeitgeist und den Anforderungen ihrer Um­welt entsprechen; sie finden kein passendes Gegenüber für einen be­friedigenden zwischenmenschlichen Austausch; … ihre Kritik an den geltenden Normen, welche zu einem Bruch mit der Gesellschaft, zu einem äußeren Ausstieg führt. Um sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, gibt der »äußere Aussteiger« meist alles auf, was vorher sein Leben bestimmte, wie Beruf und Freunde. Der mentale Einsiedler weicht mit seinen Vorstellungen, Ansichten und Ideen von der Norm ab. Sein geistiges Reich unterscheidet sich zwar von der Realität, doch er sucht nicht den Bruch mit der Gesell­schaft und respektiert auferlegte Regeln. Das mentale Einsiedlertum ist ein innerer, geistiger Prozess. Es gibt zwei unterschiedliche Typen: Ein Mensch ist seiner Zeit oder seinem Umfeld einen Schritt voraus, oder er begeht allein einen gesellschaftlich nicht vorgebahnten Weg. Der Innere Aussteiger lebt in einem Wertesystem, mit dem er sich nicht identifizieren kann. Innerlich hat er mit der Außenwelt gebro­chen. Er offenbart seine eigenen Werte jedoch nicht und führt ober­ flächlich ein geregeltes Leben weiter.

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Wüstenväter ist eine Bezeichnung für christliche Mönche und Einsiedler, welche in der Zeit vom späten 3. bis 5. nachchristlichen Jahr­hundert, einzeln oder in Gruppen, ein zurückgezogenes geistiges Le­ben in der ägyptischen Wüste führten, ganz bestimmt durch Askese, Schriftbetrachtung und Gebet. Man spricht fachsprachlich zumeist von Ana­choreten. Die Rede von »Vätern« bezieht sich zunächst auf die historische Schülerschaft, welche die anachoretischen Meister mit Ehrbezeichnungen wie »abba« (»Vater«) bzw. »amma« (»Mutter«) be­nannte. U

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Der Rückzug in die Wüste begann Ende des 3. Jahrhunderts nach Christus im Osten des Römischen Reiches. Die Menschen verlie­ ßen wäh­rend der Christenverfolgung unter der Tetrarchie Diokletians und seiner Mitregenten und auch noch später die Dörfer und Städte Ägyptens. Sie ließen und sich vor allem in der Sketischen Wüs­te, der Wüste Nitria und der Kellia, aber auch in den Wüsten Paläs­tinas und Syriens nieder. Der erste dieser Anachoreten war vermut­lich Antonius der GroSSe (um 251 – 356), während das ge­mein­ schaftliche Mönchtum, das »Koinobitentum«, von Pachomios (292 – 346) in Oberägypten begründet wurde. h

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In der einsamen Askese verfolgten die Wüstenväter und bald darauf auch die wenigen Mütter der Wüste den Weg des ora et labora, des Betens und Arbeitens, sowie der hesychia, des inneren Friedens. Al­lerdings darf nicht vergessen werden, dass viele derer, die in die Wüs­te gingen, jämmerlich scheiterten und in Verzweiflung, Wahnsinn und körperlichem Zerfall zugrunde gingen. Die, die den Anforde­ rungen der Wüste gewachsen waren, hatten als Zeugen eines radika­-

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len christlichen Lebens zahlreiche Schüler, die durch ihre Aussprü­ che oder Apophthegmata Patrum, in denen sich biblische Weisheit mit menschlichem Scharfsinn verbanden, der christlichen Askese teilhaftig wurden. W

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Mit dem Leben der Wüstenväter beschäftigten sich Malerei (unter anderen Sassetta, Paolo Uccello, Hieronymus Bosch und Matthias Grünewald), Literatur (u. a. Gustave Flaubert und Anatole France) und Musik (u. a. Paul Hindemith und Otto­rino Respighi), wo bei allerdings bisweilen pittoreske und folkloris­tische Aspekte überwiegen, so in der Darstellung romantischer Wüs­tenlandschaften sowie von Versuchungen, Monstern und Dämonen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit fernöstlicher Spiritualität kam es in den letzten Jahren zu einer Wiederentdeckung der Wüstenväter als Lehrer christlicher Meditation und spiritueller Psychologie, geför­dert unter anderem durch die populären Werke von Anselm Grün. Daniel Hell, Direktor der Psychiatrischen Universitätskli­nik Zürich, stellt die Wüstenväter sogar als ausgezeichnete Therapeuten im Sinne moderner Psychotherapie dar.

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Ein Anachoret (aus altgr. »anachōreō«, »sich zurückziehen«) war im altgriechischen Sprachgebrauch ein Mensch, der sich aus persönlichen Gründen aus der Gemeinschaft, der Chora, zurückzog. Bereits im hellenistisch-römischen Ägypten wurden schon in vorchristlicher Zeit Anachoreten genannt, die, um sich z. B. der Besteuerung oder der Wehrpflicht zu entziehen, in die Wüste oder in unzugängliche Sumpfgebiete im Nildelta flüchteten. Später ging der Begriff auf die Vertreter einer der frühesten Formen des christlichen Mönchtums über. Die Zuordnung eines Mönchs zum Anachoretentum bedeutet

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also erst mal nichts weiter als einer, der sich der menschlichen Gesellschaft entzogen hat, und entweder als Koinobit in klösterlichen Gemeinschaften mit anderen Anachoreten lebt oder ganz allein als Eremit, völlig abgeschieden und zurückgezogen. Als Gründer der christlichen Anachorese gilt auch Antonius der GroSSe (»der Einsiedler«). In seinem Umfeld bildeten sich auch erste Anachoretengemeinschaften, lose Zusammenschlüsse von mehr oder weniger getrennt lebenden Eremiten als Übergang zum Koinobitentum. In England finden sich im Mittelalter an Kirchen angebaute Zellen, deren Eingangstür zugemauert war, und von denen aus der jeweilige Anachoret durch ein kleines zur Kirche hin geöffnetes Fenster die Messe hören und Heilige Kommunion empfangen konnte, und durch ein anderes, auf die Straße zu öffnendes Fenster mit Lebensnotwendigem versorgt werden konnte. Eine extreme Form der Anachoreten waren ab dem 5. Jahrhundert die Säulenheiligen, deren berühmtes­ter, der Heilige Symeon in Syrien eine große Zahl von Nachahmern dazu bewog, ihr Leben auf einer hohen Säule zuzubringen. Die räumliche Trennung bedeutete nicht, auf die Kommunikation mit den Mitmenschen zu verzichten. Den vollständigen Rückzug von der Umwelt praktizierten Anachoreten, die sich in Zellen einmauern ließen und nur durch eine kleine Öffnung Nahrung gereicht be­kamen. Ein solcher archäologisch belegter Ort ist Sayala in Nubien. Für die wenigen Fälle in Ägypten liegen zwar keine Grabungsbefun­ de, aber zeitgenössische Quellen vor.

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Es gibt eine Bewegung weg vom Stress, einen Trend, sich für wenige Tage Erholung zu schaffen, ein kurzes »Akku aufladen« unter Ab­schwörung aller alltäglichen Belastungen. Der normale Urlaub reicht nicht mehr aus, doch so genannte Wellness-Tempel versprechen Hei­lung. Die verschiedensten Meditationen und Anwendungen sollen den Menschen mit sich ins Reine bringen, Seele, Geist und Körper entschlacken. Das Individuum sucht Tiefenentspannung – ein Zu­ stand, der nur in Einsamkeit erreichbar ist.

Eine andere Form des »Auftankens«, des »Sich-Ordnens« und des »Mit-sich-ins-Reine-Kommens« ist der Urlaub im Kloster. Ob gläubig oder nicht spielt dabei keine Rolle, sondern vielmehr die Umgebung der Askese, des Rituals und des Schweigens der Ordensbrüder oder -schwestern. Fast jedes Kloster bietet unterschiedlich lange Urlaubs­aufenthalte an, vom Wochenende bis zum halben Jahr. Nicht selten wird der normale Aufenthalt durch Kneipp- und Kräuterkuren und andere Wellnessangebote ergänzt. Der Besuch der Messe ist freige­­stellt, die Unterkunft in einem anderen Gebäude als dem, in welchem sich die Zellen der Nonnen bzw. Möche befinden. Doch die Gäste lieben die Einsamkeit, in der sie sich selbst nahe kommen, die sie ausgleicht und erdet.

Ebenfalls glaubensunabhängig ist der Trend des Pilgerns. Zwar ging man die Pilgerwege schon immer in Gruppen, doch das heutige Mas­senpilgern gab es so noch nie. Außerdem gilt hier Ähnliches wie bei der Meditation: Man kann es zwar in Gruppen tun, doch es geht dabei immer um die innere Reise des Einzelnen. Jeder hat seinen persönlichen Grund für eine Pilgerreise, und jeder erlangt seine indi­viduellen Erkenntnisse.

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Drei Millionen Menschen in Deutschland legen regelmäßig eine Fastenperiode ein. »Wie neugeboren durch Fasten« lautete der Titel des Buchs, das im Jahr 1976 anlässlich einer Fastenwoche im Bayerischen Rundfunk erschien und sofort zum Bestseller avancierte. Das war der Anfang eines bis heute ungebrochenen Trends. Es geht also nicht nur darum, keine Nahrung aufzunehmen oder Gifte aus dem Körper zu schwemmen. Weit größer als der körper­ liche ist der mentale Effekt. Wie im religiösen Zusammenhang er­fährt man Läuterung durch Askese, folgt einem strengen Ritual. Am beliebtesten sind Fastenwochen, die man in einer Gruppe, unter Auf­sicht und in idyllischer Umgebung begeht. Kunden sind meist Leute, die aus ihrem Alltag heraus kommen und ihr Leben wieder klarer sehen wollen – und das ein- oder zweimal im Jahr.

Es gibt natürlich leider auch moderne Krankheitsbilder mit Einsam­keit als Symptom. Japanische Jugendliche sind enormem Stress aus­gesetzt. Die Anforderungen in der Schule sind extrem hoch, die Er­ziehung ist besonders streng. Diese und noch andere Faktoren haben in Japan zu einem krankhaften Trend geführt: Hikikomori. Das be­deutet »sich einschließen« und ist eine Störung, unter der erschreckend viele Japaner, hauptsächlich Jugendliche, leiden. Sie ziehen sich radikal aus jeglichem Sozialleben zurück und schließen sich in ihrem Zimmer ein. Und das nicht nur für ein paar Tage, sondern für den Rest ihres Lebens. Sie zu therapieren ist schwierig, da sie die Tür nicht öffnen und den Raum kaum freiwillig verlassen, geschweige denn mit anderen Menschen sprechen. Außerdem ist es für ihre An­gehörigen eine Schande, einen Hikikomori in der Familie zu haben, weswegen sie ihr Kind lieber verleugnen, als Hilfe zu holen. Glücklicherweise gibt es heutzutage spezielle Internetforen, über die die Hikikomori Kontakt zu Therapeuten herstellen und langsam wieder lernen können, mit anderen Menschen sozial zu interagieren.

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… und für eine Kultur des Verpassens: Hektik, meint S.P.O.N.-Kolumnist Sascha Lobo, ist keine schlechte Sache. Man muss nur wissen, wie man sie genießen kann. Und sich dem Overload richtig entzieht. Wenn man einen beliebigen Abteilungsleiter in der Flughafenlounge fragt, wird er mit dem Daumen am Blackberry zwischen zwei Telefon­konferenzen mit seinem Dienst-Dritthandy bestätigen, dass Hektik die Geißel der Menschheit sei. Nur durch das per MMS verschickte Foto eines Faxes unterbrochen, wird er betonen, dass deshalb Ent­ schleunigung sehr wichtig sei. Er selbst besuche jeden Samstag von 11 Uhr bis beinahe 11.30 Uhr einen Biomarkt bei ihm im Viertel und lasse die Seele baumeln. Während er die Kinder zur Schule fahre, ma­che er manchmal sogar das Handy aus oder jedenfalls leise, Quality Time! Entschleunigung ist gerade unter denen, die damit gar nichts zu tun haben, ähnlich konsensfähig wie Helmut Schmidt, den noch jeder Vizelandrat der CSU ohne Scham als Vorbild angibt. Aber Entschleunigung stinkt. Dahinter steht der reaktionäre Fetisch der Langsamkeit. Was lang­sam ist, verheißt Kontrollierbarkeit, Geschwindigkeit ist ein Zeichen von Kontrollverlust. Aus diesem Grund war der »Sturm auf die Bas­tille« kein »Spaziergang zur Bastille«, aus diesem Grund existiert das preußische Diktum »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«. Entschleunigung ist der Wunsch der Rückkehr zu einer behaglichen,

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handzahmen Langsamkeit und bezieht sich auf die digital vernetzte Lebensrealität der westlichen Welt, die sich in der Tat immer schneller zu verändern scheint. In seinem famosen Buch »Everything Bad Is Good For You« schreibt Steven Berlin Johnson geschwindigkeitsfroh: »Die Anpassung an eine sich stetig beschleuni­gende Abfolge von neuen Technologien trainiert den Geist, komplexe Systeme zu erforschen und zu beherr­ schen.« An diesem Training ist nichts falsch. Im Gegenteil, es han­

delt sich um die biologische Reaktion namens Stress, die Lebewesen seit jeher beim Überleben hilft. Stress ist etwas Gutes. Erst in der fal­schen Dosierung wirkt er schädlich, wie ungefähr alles andere auch. Das beste Mittel gegen Überforderung: Versäumen lernen. Der Stressfaktor Beschleunigung ist wie die Effizienzsteigerung unbe­dingter Teil des Fortschritts. Umzingelt von Wutbürgern im Bewahr­wahn kann man nicht oft genug schreiben, dass Fortschritt gut ist, wenn man absieht von irrlaufenden Quatschtechnologien wie Atom­kraft oder Käfighaltung am Futterfließband. Wer sich der Entschleu­nigung halber zurückwünscht in eine gemächliche ManufactumVergangenheit ohne Industrieproduktion, hat einfach zu viele Land­liebe-Werbespots gesehen: Die Welt braucht mehr und besseren Fort­schritt, nicht weniger. Die Überforderung aber, der sich weite Teile der Gesellschaft zu Recht ausgesetzt sehen, wird von den Entschleunigungsapologeten der zunehmenden Geschwindigkeit angelastet. Das ist Unsinn. Richtig ist, dass der falsche Umgang mit der Beschleunigung überfordernd wirkt – ein entscheidender Unterschied, denn aus der einen Perspek­tive unterstellt man der Welt den Fehler, aus der anderen ist die indi­viduelle Reaktion das Problem. Entschleuniger fordern ein kälteres Feuer, weil sie sich beim Kochen verbrennen. Soll man also mit der bürobetrieblichen Beschleunigungsdroge Kof­fein seinen Puls täglich zwölf Stunden lang auf einen Wert knapp

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unterhalb des Herztods treiben? Natürlich nicht. Ein großes Miss­ verständnis ist, dass Entschleunigungsgegner rund um die Uhr hek­tischen Aktionismus betreiben. Vielmehr kann die stressende, berei­chernde Teilnahme an der digitalen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft sowieso nur phasenweise erfolgen, unabhängig von der jeweiligen Beschleunigung. Noch in den langsamsten Winkeln der Gesellschaft haben die Leute manchmal das Bedürfnis, die Tür zuzuschlagen und ganz für sich zu sein mit der eigenen Umdrehungszahl zwischen null und Nina Hagen. Statt mit der Entschleunigung eine Zeitlupenrealität herbeizusehnen, muss eine Kultur des Verpassens entwickelt werden: die Fähigkeit, den schneller werdenden Passierstrom an sich vorbeirau­ schen zu lassen, wann immer es notwendig erscheint. Es ist gut und sinnvoll, auf dem rasenden Wellenkamm des Fortschritts zu reiten, sich die Gischt ins Gesicht peitschen lassen – und dann die Tür zu­zumachen und alles mit Absicht zu verpassen, ohne sich deshalb schlecht zu fühlen. Die Kultur des Verpassens steht der Teilnahme am turbulenten Tech­niktrubel gegenüber und ist wie Wachzustand und Schlaf überhaupt erst im Wechselspiel wirksam. Genau wie den Umgang mit der beschleunigenden Technologie muss man das Versäumen lernen, das beste Mittel gegen die Überforderung. Diese Kultur des Verpassens ist das Eingeständnis, dass die Welt zu schnell ist, egal wie schnell sie ist. Deshalb ist Entschleunigung keine Lösung, sie kann sogar ge­ fährlich sein, weil sie wie das lauwarme Nichtschwimmerbecken ist. Man hält es ewig darin aus, aber lernt niemals schwimmen.

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Der Begriff Wellness, erstmals 1654 in einer Monografie von Sir A.

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Johnson als »wealnesse« im Oxford English Dictionary mit »gute

Gesundheit« übersetzt, steht nach modernem Verständnis für ein ganzheitliches Gesundheitskonzept und ist seit den 50er Jahren in den USA Oberbegriff einer seinerzeit neuartigen Gesundheitsbewegung. 1959 hatte der amerikanische Sozialmediziner Halbert L. Dunn das Wort Wellness neu aufgegriffen. In den 1970er Jahren, als die Kosten im US-amerikanischen Gesundheitswesen explodierten, ent­w ickelten die Wellness-Pioniere Donald B. Ardell und John Travis im Auftrag der US-amerikanischen Regierung neue ganzheitliche Ge­sund­heitsmodelle, die auf Krankheitsprävention und Eigenverant­ wortung des Einzelnen für seine Gesundheit aufbauten. Nach dem Verständnis Ardells beschreibt Wellness einen Zustand von Wohlbe­finden und Zufriedenheit und besteht aus den Faktoren Selbstverant­wortung, Ernährungsbewusstsein, körperliche Fitness, Stressmanage­ment und Umweltsensibilität. Zentral für den Wohlfühl-Trend ist neben dem Aspekt des Genusses auch die Gesundheit. Diese begriff­liche Präzisierung im Begriff Wellness zeigt an, dass für den WellnessDiskurs die Maxime »gesund genussvoll leben« gelten kann. Diese Auffassung von Wellness wird mittlerweile auch als Medical Wellness bezeichnet, deren Grundlage vor allem eine gesundheitsbewusste Lebensweise im Alltag ist. Entsprechende Kurse für Menschen mit gesundheitlichen Problemen, vor allem den so genannten Zivilisationskrankheiten, werden mittlerweile von vielen Krankenkassen und in Kurorten angeboten. Umgangssprachlich werden un­ter Wellness vor allem passive Wohlfühlangebote verstanden, die für Entspannung stehen. Wellness ist ein beliebtes Werbewort und eine mittlerweile inflatio­ när gebrauchte Bezeichnung, da sie rechtlich nicht geschützt ist. Laut Zahlen des Wirtschaftsforschungsunternehmens Global Insight wird der jährliche Umsatz der Wellness-Branche in Deutschland auf rund 73 Milliarden Euro geschätzt. Hierbei handelt es sich um Schät­-

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zungen über sämtliche in Zusammenhang mit dem Begriff Wellness stehenden Umsätze, diese reichen von Lifestyle-Nahrungsmitteln wie kalorienreduzierte Lebensmittel, verdauensfördernde Joghurtprodukte usw. bis hin zu Fitnessstudios und Aufenthalten in Well­ nesshotels.

Gesundheitstourismus erzeugt seit Jahren eine enorme Wachstums­ dynamik. Aus den Wirtschaftsbereichen Gesundheit, Freizeit und Tourismus kommen Deutschlands größte Arbeitgeber. Diese Wachstumsbranchen haben sich zu mächtigen Zukunftsmärkten entwickelt. Der Wettbewerb um Marktpositionen in diesen Leitökonomien verläuft rasant und wird anhalten, denn auch der Wunsch der Men­ schen nach mehr Lebensqualität wird sich weiter steigern.

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Wellness ist die Antwort auf die Forderung nach einem bewussteren Lebensstil. Bei einigen ist Wellness zum Lebensstil geworden, bei an­deren eine Art Lebensphilosophie. Wellness kann demzufolge auch als ein bewusstes Sich-Engagieren für das persönliche Wohlfühlen bezeichnet werden. Wellness beruht auf einem klar definierten Ver­ antwortungsgefühl gegen sich selbst und seinem eigenen persönli­ chen Wohlbefinden. Wellness umfasst alle Aspekte des Seins, sowohl die seelischen und geistigen als auch die körperlichen. Wellness setzt eine gewisse Neugier voraus, Sinn und Werte des Le­bens immer wieder neu zu bewerten und für sich persönlich den bestmöglichen Weg zu suchen, sein Leben sinnvoll zu gestalten und zu genießen. Sicherlich, man könnte es mit Goethe halten: »Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein«. Wie das Wort Fitness schwappte auch das Wort Well­-

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ness über den Großen Teich zu uns herüber. Als einer der großen Wegbereiter der Wellness-Bewegung in den USA gilt Dr. Donald Ardell. Es ist auch nicht zu vermeiden, dass eine Vielzahl von du­biosen Produkten und Angeboten unter dem Begriff Wellness versucht, sich einen Markt zu erobern. Sie umgaukeln wie schillernde Seifenblasen mit vollmundigen Marketingbotschaften die staunenden Konsumenten auf ihrer Suche nach einem neuen, besseren Le­bensgefühl. Der aufgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts lässt sich jedoch durch sinnentfremdende Auswüchse nicht beirren. Die EUROPÄISCHE WELLNESS UNION (EWU) definiert den Begriff als eine ganzheit­ liche Lebensrezeptur mit Langzeitwirkung mit dem Ziel, das optima­le körperliche, geistig-seelische und kommunikative Wohlbefinden – auch und gerade unter den oft belastenden Alltagsbedingungen im privaten, gesellschaftlichen sowie natürlichen Umfeld zu fördern.

Wer sich im Urlaub vollkommen entspannen möchte, wer dem Alltag entfliehen und einmal richtig abschalten möchte, wer es liebt, sich und seinem Körper entspannende Anwendungen zu gönnen, für den ist ein Wellnessurlaub vorteilhaft. Die Tourismusbranche hat diesen Zweig längst erkannt und sich den Trend zu eigen gemacht. Spezielle Wellness-Hotels sind mittlerweile fast überall zu finden. Nicht nur an belebten Ferienorten, sondern bevorzugt auch in ländlicher, sonst wenig erschlossener Umgebung. Hier genießt der Gast zudem die Ru­he, die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit. Er kann in eine kom­plett andere Welt eintauchen und den hektischen Alltag einige Tage oder gar Wochen komplett ausblenden. Wellness-Reisen werden in vielen unterschiedlichen Ausführungen angeboten, so dass der interessierte Reisende aus dem reichhaltigen Angebot die passende Urlaubsform für sich auswählen kann. Sehr beliebt bei Paaren sind zum Beispiel Ausflüge inklusive Wellnessbe­

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handlung übers Wochenende. Diese finden meist in näher gelegenen speziellen Hotels statt und dienen der Entspannung zwischendurch. Sie sind auch für Einsteiger geeignet die noch nicht genau wissen, ob ihnen ein längerer Wellnessurlaub überhaupt zusagen würde.

Viele Klöster in Deutschland haben bereits seit Jahren oder Jahrzehn­ten ihre Tore geöffnet: Für all jene, die sich eine Zeitlang zurückziehen möchten, die das klösterliche Leben ausprobieren wollen, für Teilnehmer an Seminaren und Exerzitien oder für Menschen, die sich im Umbruch oder sogar in einer Lebenskrise befinden. Angebote zur Reduzierung von Stress, zur Unterstützung in der Trau­erbewältigung, für Heilfasten, systemische Aufstellungen, Zen-Medi­tation oder fernöstliche Heilmethoden wie Shiatsu und Ayurveda gehören unlängst zum Angebot verschiedener Klöster. Es ist speziell für Menschen gedacht, die in ihrem Alltag stark gefordert werden, unter besonderen Belastungen oder vor schwierigen Lebensentschei­dungen stehen, wie zum Beispiel einer Trennung vom Partner oder einer beruflichen Neuorientierung. K

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Ursprünglich zieht es religiöse Menschen in Klöster. Doch inzwischen suchen auch immer mehr kirchenferne Leute diese Orte auf. So bie­tet Kloster Arenberg bei Koblenz unterschiedliche Möglichkei­ ten, sich auszuruhen, zu sich zu kommen, Körper, Geist und Seele etwas Gutes zu tun. Durch Gespräche mit den Seelsorgern vor Ort sollen die »Knoten im Gehirn« aufgelöst und schwierigen Lebensfragen nachgegangen werden. Dabei genügt es vielen Gästen nach ei­gener Aussage schon, wenn jemand ihnen einfach wohlwollend zu­hört, wenn sie sich Belastendes von der Seele reden können oder wenn sie in der Klosterbibliothek ein Buch empfohlen bekommen, dass zu ihrer momentanen Lebenssituation passt.

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Sport, morgendliches Tautreten, Massagen, Kneipp-Anwendungen (das Haus ist eine ehemalige Kneipp-Kurklinik), Naturheilkunde und eine Einführung in Nordic Walking gehören ebenso zum Programm von Arenberg wie der hauseigene Fitnessraum, das Schwimmbad, die Sauna und ein bequemer Ohrensessel im Zimmer. Von der sprichwörtlichen klösterlichen Kargheit und Askese ist hier nur wenig zu spüren. Für religiöse Besucher ist die Liturgie der Dominikanerinnen zu den Gebetszeiten am Morgen, Mittag und Abend sowie der Besuch der Messe offen. Es gibt auch spirituelle Impulse, Einführungen in die Meditation, Kurse in Biblio-Drama oder Wander-Exerzitien in den umliegenden Wäldern. Das Kulturangebot umfasst regelmäßige Konzerte, wechselnde Bildund Fotoausstellungen, Lesungen, Filmseminare, Kurse in autobiografischem Schreiben oder japanisches Blumenstecken (»Ikebana«). Das Beste an einem Aufenthalt im Kloster ist jedoch, dass man vie­les tun kann, aber nichts tun muss. Der Aufenthalt in vielen Klöstern – und so auch in Kloster Arenberg – ist all-inclusive und umfasst Zimmerservice und Vollpension. Es ist schon sehr entlastend, sich einmal um nichts kümmern zu müssen. Hinzu kommen die ruhige Atmosphäre des Hauses und das klösterliche »Flair«. Keine Musikbe­rieselung, Fernseher nur auf Wunsch, eine allgemeine Entschleunigung des Lebens sowie der regelmäßige Tagesablauf werden als ange­nehm erlebt. Der Aufenthalt im Grünen, das Kräutersammeln, die vielen Bänke und Liegestühle, die zum Faulenzen und Lesen einla­den, machen es den Besuchern manchmal sogar schwer zu entschei­den, auf welche Weise man sich zuerst entspannen will. Die meisten Gäste erleben deshalb ihren Klosteraufenthalt als ein »Kräftetanken« und kehren gestärkt in ihren Alltag zurück. Auch das Gespräch mit Gleichgesinnten, mit »Leidensgenossen« und

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mit den Ordensfrauen (oder Ordensmännern in Männerklöstern) wirkt auf Besucher unterstützend und inspirierend für den kommen­den Alltag. Regelmäßige Psychotherapie wird normalerweise in Klös­tern nicht angeboten. Wer sich jedoch belastet fühlt, wer eine Auszeit braucht, Tapetenwechsel, eine Inspiration oder vielleicht den einen oder anderen Rat sucht, der ist womöglich in einem Kloster gut auf­gehoben.

Im Rahmen der Angebote in Kloster Arenberg werden den Gäs­ ten Hilfestellungen bei der persönlichen Suche nach Sinn und Orientierung gegeben. Das beginnt bei der Bewältigung des (Berufs-) Alltags durch eine bewusste und vernünftige Lebensführung (u.a. Zeitmanagement, Pausen, körperliche Anstrengungen und Sport, Kommunikation, Konfliktverarbeitung, soziale Kontakte), die psychologische Verarbeitung von Lebenskrisen wie Arbeitsplatzverlust, Krankheit, Scheidung und Tod und die Orientierung in der zweiten Lebenshälfte.

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Pilger stammt vom lateinischen Wort »peregrinus« (oder »peregrinari«, »in der Fremde sein«), was Fremdling bedeutet. Im Kirchenlatein als »pelegrinus« abgewandelt, bezeichnet es eine Person, die aus religiö­sen Gründen in die Fremde geht, zumeist eine Wallfahrt zu einem Pilgerort unternimmt, zu Fuß oder unter Verwendung eines Verkehrs­mittels. Der Anlass kann eine auferlegte Buße sein und das Bemühen, einen Sündenablass zu erhalten, die Erfüllung eines Gelübdes, die Hoffnung auf Gebetserhörung in einem bestimmten Anliegen oder auf Heilung von einer Krankheit, religiöse Vertiefung oder Abstattung von Dank. Ziel ist ein als heilig betrachteter Ort, etwa eine Wall­fahrtskirche, ein Tempel, ein Baumheiligtum usw.

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Pilgern hat Tradition, seit Jahrhunderten folgen Menschen Pilgerpfaden. Das Pilgern kennen wir aus allen Religionen und Kulturen in allen Teilen der Welt zu allen Zeiten. Im symbolischen Sinn ist Pilgern sowohl eine Initiation, als auch ein Akt der Ergebenheit. Eine Pilgerreise geht in erster Linie zurück auf den alten Glauben, dass übernatürliche Mächte ihre Kraft an bestimmten Orten beson­ders stark entfalten. Dies sind z.B. im Islam Mekka – der Geburts­ ort des Propheten, im Hinduismus Benares am Ganges, auch be­kannt als »Varanasi«, »Stadt der Ewigkeit«, im Buddhismus sind es Stationen des Siddharta Gautama Buddha und für die Chris­ ten sind es die Schlüsselstationen im Leben Jesu Christi, der Mut­ter Gottes Maria oder eines Heiligen. Wenn auch Pilgerweg und Wallfahrtsort seit Alters her Plätze mit re­ligiöser Bedeutung sind und es im Mittelalter fast ausschließlich reli­giöse Motive waren, die den Pilger auf den Weg brachte, so ist heute nur noch jeder zweite aus rein religiöser Überzeugung unterwegs. Es scheint eine uralte Sehnsucht der Menschen zu sein: Aufzubrechen aus dem Alltagstrott, Bekanntes hinter sich zu lassen, neue Wege zu suchen, um über Umwege doch ans Ziel zu gelangen. Von dieser Sehnsucht getrieben und getragen brechen viele Menschen auf und begeben sich auf eine Pilgerreise. Sie machen sich auf den Weg. Als Motivation dienen die Lust am Abenteuer und als Antrieb das »Sich-Sortieren«, das Schaffen von geistigem Raum. Pilgern, also spi­rituelles Wandern, macht den Kopf frei, man kann vom Alltag ab­schalten, das stärkt und gibt Kraft. Sich aus dem Alltag auszuklinken und in einer selbst gewählten »Auszeit« einen oder mehrere Tage zu pilgern, sich auf spirituelle Wanderwege zu begeben, ist eine Wohl­ tat für Körper, Seele und Geist. Durch die Bewegung des Gehens und eine sensible Wahrnehmung von Orten und Menschen unterwegs

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orientieren wir uns um: Die äußere Reise wird zu einem inneren Vor­gang. Eine Pilgerreise war und ist ein soziales Ereignis, sie führt zu Begeg­nungen und Austausch zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten. Unabhängig von Alter und Herkunft machen sich viele »auf den Weg«, allein oder in einer Gruppe. Jeder hat sei­nen persönlichen Grund für eine Pilgerreise oder Wallfahrt. Im Zei­chen der Zeit und des rapiden Wandels halten auch heute wieder vie­le Menschen gerne inne, eine Begegnung mit sich selbst bietet sich uns nicht nur beim Wandern in der Natur, sondern auch als Pilger auf historischen Pfaden. Wir wandern wieder, ob aus religiös-spiritu­ellen Motiven, aus kulturellem Interesse, sportlichem Ehrgeiz, Naturverbundenheit oder Abenteuerlust: wir wandern, »walken«, gehen – und auch der Pilger im 21.Jahrhundert ist gleichzeitig in sich gekehrt und aufgeschlossen. Pilgern ist hochaktuell. Es scheint, dass der Mensch des 21. Jahrhun­ derts mit dem Pilgern die Einsamkeit wieder entdeckt, um verändert in den Alltag zurückzukehren. Pilgern macht den Kopf frei, man kann vom Alltag abschalten, das stärkt und gibt Kraft. Gleichzeitig werden Freundschaften geschlossen, man lernt neue Leute kennen und erlebt eine lebendige Gemeinschaft. Pilgern heute verknüpft Brauchtum und Gegenwart, Besinnung und Wandern. Wer sich heute auf einen historischen Pilgerweg macht tut dies auch, um neue Perspek­ tiven und Gleichgesinnte zu finden. Kraftorte, Pilgerwege oder Wallfahrten vermitteln wie eh und je das, was wir alle brauchen: Innere Einkehr, Energie, Inspiration und Ru­he. Die mittelalterlichen »Zubringer« zum Camino Francés haben wieder einmal Hochkonjunktur. Im gesamten – vor allem deutsch­ sprachigen – Raum Europas finden sich plötzlich alte Jakobswege. Es sind aber nicht nur die Jakobswege, die in unserer Freizeitgesellschaft besonders nach Erscheinen des Tagebuchs vom Kerkeling Aufsehen erregen. Andere historische Pilgerwege wie die große histo­-

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rische und überregionale Strecke von Canterbury nach Rom über die Via Francigena oder regionale Routen regen das Interesse e­benso wie Ausflüge und »Auszeiten« in einem Kloster. Spiritualität und Esoterik, Naturverbundenheit, Abenteuerlust und Neugierde, die Suche nach Gott und sich selbst, der Wunsch nach Authentizität – all das hat in unserer »Freizeit- und Spaßgesellschaft« mit ihren erschreckend rapide ansteigenden psychosomatischen Er­krankungen einen großen, nicht zu übersehenen wunderbaren Platz belegt. Es scheint, dass der Mensch des 21.Jahrhunderts die Langsamkeit wie­der entdeckt, um verändert in den Alltag zurückzukehren, wenn auch eigenständig verlaufende Radfahrer-Wegvarianten derzeit ein­ gerichtet werden, die parallel zur Fußstrecke verlaufen und sich bei »eiligen Pilgern« ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen. Wer pilgert, durchläuft natürlich unentdeckte irdische und geistige, alte, vergessene oder verleugnete Räume, und so ganz nebenbei enga­giert sich ein jeder Pilger oder Wanderer auch noch in Sachen Völker­verständigung durch die Begründung internationaler Freundschaften. Die Grenzen zwischen Pilgern und Touristen verschwimmen, wie auch die Grenzen und Möglichkeiten des camino. Wir wandeln auf alten Spuren von Geistesgrößen, und wir wandern auf historischen und geschichtsträchtigen Spuren, um für uns selbst eine Chance bereitzustellen, Spiritualität und Größe mit uns selbst erleben zu können.

Pilgern hat nur dann einen Sinn, wenn man es zu Fuß macht; es ist dies ein langsames Sich-Nähern, es bedeutet Zeit, nicht nur das Erreichen des Zieles. Pilgern hat mit Einsamkeit zu tun,

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es bedeutet sich verlieren, um sich wiederzufinden. E

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Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Nichts zu essen bedeutet zwar Verzicht, doch wer fastet, fühlt sich glücklicher, stärker und ausgeglichener. Dabei fallen durchaus ein paar Kilos. Vor allem aber verliert der Fastende psychischen Ballast – ob im Kloster, in der Kur oder zu Hause. Wenn nur der Geruch nicht wäre. Richtig feiner Bratengeruch, der aus der Klosterküche durch das Haus wabert. »Hach«, seufzt Micha­ el Vögele, »wie das duftet!« Genüsslich saugt er Luft in die Nase, schließt die Augen und faltet die Hände über dem Bauch. Seine Ge­danken kreisen häufig ums Essen, seit er vor fünf Tagen zum Semi­nar ins Kloster Plankstetten bei Regensburg kam. In seinem Gäste­ zimmer liest er die Geschichte eines Mönchs, der im 18. Jahrhundert durch Italien reiste und schlemmte. In seiner Seminargruppe tauscht er Kochrezepte aus. Oder malt sich im Geiste die geräucherte Wildsau aus, die auf einen Teilnehmer zu Hause wartet. Nur essen wird der 45-Jährige nicht. Michael Vögele fastet. Zum zweiten Mal findet der Steuerberater aus Nürnberg Zuflucht in den Gemäuern der Benediktinerabtei. »Nur hier kriege ich den Kopf wieder frei«, sagt er. Ohne feste Nahrung, ohne Fernsehen, ohne Anrufe. Die Sehnsucht nach einer Auszeit von den Strapazen des Alltags – sie führt viele zum Fasten. Der Wunsch auch, mit sich ins Reine zu kommen, mit schlechten Gewohnheiten zu brechen, Verzicht zu üben. Als Sieg über die Schwächen, als Befreiung aus dem Wahnsinn des allgegenwärtigen Konsums. Oder gar als Zäsur, um das Leben fortan komplett zu ändern. »Ich möchte ein

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ganz anderer Mensch werden«, verkündet ein Seminarteilnehmer im Kloster Plankstetten. K

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Drei Millionen Menschen in Deutschland legen regelmäßig eine Fas­tenperiode ein; fast ein Viertel der Bevölkerung über 16 Jahre hält Fasten für wichtig, um gesund zu bleiben, so das Ergebnis des MLP Ge­sundheitsreports 2006, einer repräsentativen Umfrage. Viele verwechseln den Nahrungsverzicht allerdings mit einer Diät, wollen jenseits der geistigen Erfahrung mithilfe der radikalen Kur rasch ein paar Kilo abspecken. »Das verlorene Gewicht nehmen die meisten jedoch gleich wieder zu – wenn sie, zurück im Alltag, ihre Ernährung nicht umstellen«, warnt Hans Hauner, Leiter des Else-KrönerFresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin in München. Etwa zwei Drittel der Fastenden sind Frauen, und die meisten von ihnen sammeln ihre ersten Erfahrungen mit etwa 45 Jahren, in einer Zeit des Umbruchs, wenn die Kinder groß sind und die Karriere ge­macht ist und es gilt, neue Schwerpunkte im Leben zu setzen. Aus einer Vielzahl von Angeboten wählen sie aus: Sie fasten beim Wan­dern oder beim Meditieren, lassen sich in einer kuscheligen Wellnessklinik verwöhnen oder darben tapfer daheim. Die Zeit des Verzichts, so die Überzeugung, ist Nahrung für die Seele. Das war nicht immer so. In den 50er Jahren etwa dachte niemand im Traum daran, sich freiwillig so zu kasteien: Nach dem Krieg schlemm­ten sich die Deutschen durch das Wirtschaftswunder, wollten endlich wieder Fleisch essen, Butter und Sahne. Die Fresswelle schwappte über das Land. Und die Bäuche bald über die Hosengürtel. Erst in den 70er Jahren kehrten Gedanken an Askese und Verzicht in die Köpfe der Deutschen zurück. Die erste Nulldiät kam auf, und der Wunsch nach neuen spirituellen Erfahrungen wuchs. »Wie neuge­ boren durch Fasten« lautete der Titel des Buchs, das im Jahr 1976 anlässlich einer Fastenwoche im Bayerischen Rundfunk erschien und sofort zum Bestseller avancierte. Es sollte der Anfang eines bis

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heute ungebrochenen Trends sein. V

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Meist folgen Fastenwillige strengen Regeln, was sie essen dürfen, wo­rauf sie unbedingt verzichten sollen, entscheiden sich nach Gefühl für eine bestimmte Kur. Manche richten sich etwa nach dem österreichischen Arzt Franz Xaver Mayr und beschränken sich vor al­lem auf trockene Brötchen und Milch. Andere fasten nach der um­strittenen »Schroth-Kur«, die einst von dem gleichnamigen Fuhr­mann erfunden wurde und periodische Wechsel von Trocken- und Trinktagen vorschreibt, dabei auch Wein als Getränk ausdrücklich erlaubt. Vor allem aber folgen sie den Weisungen Otto Buchingers, eines ehemaligen Sanitätsoffiziers der Kaiserlichen Marine. Ihn, so heißt es, soll sein Fasten für immer von schwerem Gelenk­ rheuma geheilt haben. Nach dem Abführen mittels Einlauf oder Glaubersalz schreibt die Buchinger-Methode morgens und abends frische Säfte vor, zwischendurch Tee oder Wasser und mittags eine Gemüsebrühe. Und notfalls ein wenig Honig. Der steht auch im Kloster Plankstetten bereit. Es ist zwölf Uhr und die Fastengruppe trifft sich im Gemeinschafts­ raum St. Nikolaus zum Mittagessen. Der helle Holztisch ist ge­deckt, an der weißen Wand hängt ein Kreuz, die Küchenhilfe bringt Gemü­sesuppe in einer Blechschüssel. Sobald die Suppe verteilt ist, verfal­ len die Kursteilnehmer in Schweigen und beginnen zu essen, sehr bedächtig, manche legen zwischendurch den Löffel zur Seite und setzen ein zweites oder drittes Mal an. »Das schmeckt unwahrschein­lich intensiv«, wird Vögele später sagen. Auch wenn die Suppe so fein püriert ist, dass darin kein einziges Stück Gemüse mehr schwimmt. Die ersten zwei Fastentage waren nicht leicht. Seitdem spürt Vö­gele aber keinen Hunger mehr. Nun nämlich sinkt beim Fastenden die Konzentration der Stresshormone Adrenalin und Cortisol im Körper, die des Botenstoffs Serotonin im Hirn dagegen steigt. Glück, Harmo­nie, Euphorie sollten die Abstinenzler daher spüren, manche berich­-

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ten gar von einer Bewusstseinserweiterung. Michael Vögele sagt: »Ich fühle mich einfach wohl.« Sc

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Jetzt kontert sein Körper die spärliche Nahrungsaufnahme, indem er aus eigenen Reserven zu schöpfen beginnt. Die Leber leert in den ersten 48 Stunden des Fastens ihre Kohlenhydratspeicher. Dann wird Eiweiß aus den Muskeln und vor allem Fett aus den Depots an Bauch und Hüfte verbrannt: Ohne Wasser kann ein Mensch wenige Tage überleben, ohne Essen dagegen reichen die Reserven bei normalem Körpergewicht rund 40 Tage. Zusätzlich drosselt der Organismus nämlich seinen Energieverbrauch. Oft muss sich der Blutkreislauf erst ans Fasten gewöhnen, Michael Vögele wurde es im vergangenen Jahr, als Fastenanfänger, zunächst furchtbar schwindelig. Andere frieren, weil ihre Körpertemperatur sinkt. Oder sie fühlen sich schlapp und müde. »Ein gesunder Mensch verkraftet das aber problemlos«, sagt Andreas Michalsen, Profes­sor für Naturheilkunde an der Charité in Berlin. Chronisch Kran­ke dagegen sollten unter medizinischer Aufsicht stehen, denn das Fasten kann den Blutdruck verändern, Medikamente können in ihr­er Wirkung verstärkt oder abgeschwächt werden. Und die Elektrolyte können aus dem Gleichgewicht geraten. Auch Kopfschmerzen kom­men vor – angeblich durch Giftstoffe ausgelöst, die beim Fasten aus­geschwemmt werden, wie viele Fastenkursleiter behaupten. Hartnäckig hält sich der Glaube, dass sich beim Fasten nicht nur die Brennstofflager leeren. Dass daneben auch »Schlacke« entsorgt wird. Dass der Körper gereinigt, schlechtes Essverhalten der vergangenen Monate in ein paar Tagen gesühnt werden kann. Wasser und Tee sol­len die »Schlacke« aus dem Darm spülen, wie Schmutz aus einem alten Ofenrohr. »Es existiert im Körper jedoch keine Schlacke«, er­klärt Susanne Klaus, Professorin für die Physiologie des Energie­ stoffwechsels am Deutschen Institut für Ernährungsfor­ schung in Potsdam. Die Darmschleimhaut zum Beispiel erneu­-

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ere sich ständig, da lagere sich nichts ab, was ausgeschieden werden müsse. »Ich sehe das Fasten als psychische Reinigung«, sagt die Bio­login. D i

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Steuerberater Vögele möchte durchaus Seelenballast abwerfen. Er leitet eine Kanzlei in Nürnberg, eine 60- bis 70-Stunden-Woche sei für ihn normal, samstags arbeite er fast immer, manchmal auch am Sonntag. An vier bis fünf Wochenenden im Jahr fährt er Autorennen, das letzte der Saison 2008 auf dem Hockenheimring. »Da geht es da­rum: Wer ist schneller, wer bremst als Letzter, wer kommt am besten um die Kurve. Da ist viel Adrenalin im Spiel«, sagt Vögele. Sein Por­sche Cayenne wartet auf ihn vor dem Klostertor. Die Freunde verstehen nicht, warum er nach Plankstetten geht. »Das passt nicht zum Vögele«, sagen sie. Und doch ist er wiedergekommen: »Erst hier gelingt mir, was ich im Alltag nicht kann: In mich hinein­ zuhorchen und zu sehen, was ich gerade brauche.« Wenn er am Mor­gen mit seiner Gruppe schweigend den schmalen Weg durch das ver­schneite Tal zum Main-Donau-Kanal hinabläuft, wenn er sich in ei­ne Kapelle des Klosters setzt, wenn er abends im Innenhof der Abtei den Sternenhimmel betrachtet. Die Stille in der Benediktinerabtei gibt Vögele Kraft, das bemerkte der Nürnberger schon bei seinem ersten Fastenseminar im Januar 2008. Zum Abnehmen war er damals ins Kloster gekommen. Doch spürte er bald, dass die Umgebung ihn veränderte, dass er endlich einmal zur Ruhe kam, fernab vom Alltag. Hier kann er tun, was im­mer er möchte. Hier muss er sich keinen Wecker stellen, diesmal hat er in den ersten zwei Nächten je zehn Stunden geschlafen, doppelt so viel wie sonst. In Plankstetten achtet er darauf, bewusst tief zu atmen, bewusst lang­sam zu gehen. Jedes Vogelgezwitscher nimmt er dann wahr, jeden

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Glockenschlag der Klosterkirche. Und manchmal überfallen Vögele dann plötzlich intensive Gefühle. Trauer, für die im vergangenen Jahr keine Zeit war. Ratlosigkeit, warum er es nicht schafft, morgens in Ruhe zu frühstücken und nicht sofort zur Arbeit zu rasen. Warum er nicht mehr Zeit mit seiner Familie verbringt, er am Wochenende nicht mit seiner Frau spazieren geht, die Felder lie­gen direkt vor der Tür. »Da kann schon einiges hochkommen«, sagt er. Was sich der Nürnberger selbst verordnet hat, schreiben auch die gro­ßen Weltreligionen vor, als ritualisierte Form des Verzichts in den Fastenzeiten. An den Fastentagen der Juden, im Ramadan der Musli­me, in der christlichen Fastenzeit. Im Jahr 2006 versagte sich an den 40 Tagen vor Ostern fast ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland vor allem Fleisch oder Alkohol, bei den über 60-Jährigen war es sogar ein Drittel, so ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Der Verzicht auf Konsum, die Loslösung von materi­ ellen Bedürfnissen bringen nach christlicher Überzeugung eine Nähe zu GoTT. Die Enthaltsamkeit gilt auch als Sieg des Geistes über den Körper. Ein Triumph, der Fastenden neuen Mut geben kann, neue Willens­kraft und neues Selbstbewusstsein, ihr Leben nachhaltig zu verändern. Inga Mirsberger aus Hamburg zum Beispiel trifft in jeder Fastenzeit eine Entscheidung, die sie dann in ihr Leben trägt. »Ich gehe mit meiner Seele in Urlaub und frage sie: Inga, wer willst du nach dem Fasten sein?«, erzählt die 27-Jährige. Z

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Sie stößt dann mental eine Tür auf, die sie nicht nach außen, sondern nach innen führt. Ihr kommen Fragen in den Kopf, die sie sich im Alltag gar nicht stellt. Was will ich noch erreichen? Wie stark bin ich eigentlich? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Bedürfnisse, die tief in ihr schlummern, melden sich ganz von selbst. »Ich habe ge­merkt, dass ich viel mehr Zeit für mich allein haben möchte«, sagt die Arzthelferin und Heilpraktikerin. Seit zehn Jahren fastet sie ein-

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bis zweimal im Jahr, isst dabei nichts, trinkt dagegen viel, folgt aber nicht strikt einer bestimmten Fastenmethode. Routiniert bindet sie die Phasen des Verzichts in ihren Alltag ein. Sie fastet zu Hause, sie arbeitet dabei weiter, und diesmal zieht sie sogar gerade mit ihrem Freund zusammen. Wenn sie an einem neuen Projekt arbeitet, ver­ zichtet sie besonders gern auf Nahrung. »Ich bin dann im Kopf sehr klar, bin sehr kreativ und kann lange konzentriert arbeiten«, sagt Mirsberger. Jedes Mal trifft sie Vereinbarungen mit sich selbst, schließt Verträge, die sie später auch wirklich einhält. Einmal beschloss die Arzthelfe­ rin, mit Yoga anzufangen, ein anderes Mal nahm sie sich vor, eine Ausbildung zur Heilpraktikerin zu beginnen. Durch das Fasten, so Mirsberger, habe sie sich selbst besser kennengelernt. »Was die Augen für die äußere Welt sind, ist das Fasten für die innere Welt«, sagte der Hindu Mahatma Gandhi, der auch durch seine Fastenaktionen die englischen Besatzer aus seiner Heimat vertrieb. U

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Nicht allen fällt die Reise nach innen so leicht. Franz Friczewski zum Beispiel griff früher oft zur Zigarette, telefonierte, aß Schokola­ de, um sich von unangenehmen Gefühlen abzulenken. Beruflich hat sich der Soziologe jahrelang mit dem Einfluss von Stress auf das Herz­infarktrisiko beschäftigt. »Bis ich mich eines Tages fragte, was Stress für mich eigentlich bedeutet«, erinnert sich der 69-Jährige. Unregel­mäßige Arbeitszeiten, Überstunden, kaum Ruhephasen machten ihm das Leben schwer. Vor allem aber belastete ihn, dass er dauerhaft ne­gativen Gedanken und Situationen auszuweichen versuchte. »Da wusste ich: Ich muss mich dem Leben stellen, so wie es ist.« Er begann zu meditieren und zu fasten, zwei- bis dreimal im Jahr ver­bringt er je zwei Wochen in buddhistischen Klöstern, etwa im MuTTo­daya-Kloster im Naturpark Frankenwald. Zwei Häuser, eine Holzscheune schmiegen sich an einen Berg, kleine Holzschilder wei­-

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sen den Weg durch den dichten Fichtenwald nach oben. Drei Mönche leben dort und nehmen Besucher auf, die wie Friczewski ein paar Tage oder Wochen nach dem Rhythmus der Geistlichen leben wollen. Ähnlich wie die Gastgeber meditiert er sechs Stunden am Tag und isst ab elf Uhr, eine Stunde vor dem Sonnenhöchststand, bis zur Morgendämmerung nichts mehr. Noch immer leidet er zu Beginn seiner Fastenphase, am dritten Tag ist es am schlimmsten. »Dann würde ich am liebsten aufspringen und schreiend hinauslaufen«, erzählt der 69-jährige Hannoveraner. Dann hält er die innere Unruhe kaum aus, den Hunger nach Unterhaltung und Ablenkung, dann fällt es ihm schwer, seine Gedanken loszulassen: »Zu sehr habe ich gelernt, immer etwas im Kopf zu haben, das ich noch erledigen muss.« H

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Friczewski ist kein Buddhist, doch leuchtet ihm die Lehre Buddhas über Ursache und Wirkung ein: »Jeder ist für sein eigenes Leben ver­antwortlich.« Er möchte mithilfe des Fastens und Meditierens gesund­heitlichen Problemen vorbeugen, sein Leben möglichst lange so stress­frei wie heute genießen. Große Hoffnungen setzen Fastende wie Friczewski auf den Nahrungs­verzicht. Und Fastenanbieter preisen mit Getöse die gesundheitsför­ dernden Effekte der Hungerkur. Die stehen allerdings – verglichen mit den psychischen Effekten – meist im Hintergrund. Manchmal jedoch kann das Fasten chronisch Kranken tatsächlich das Leben er­leichtern, etwa in den Kliniken Essen-Mitte. Seit zehn Jahren kön­nen Patienten mit Rheuma und Schmerzen dort eine Fastenwoche nach der Buchinger-Methode einlegen. Bei Rheuma etwa ergaben einzelne Studien, dass die Pein durch das Fasten gelindert und die Gelenke wieder beweglicher werden. »Die Entzündung ebbt ab«, sagt Gustav Dobos, Leiter der Abteilung für Naturheilkunde in Essen. Zwischen 400 und 500 Patienten kommen jedes Jahr zum Fasten und

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anderen naturheilkundlichen Behandlungen in die Klinik, bei vielen von ihnen schlagen die üblichen Therapien nicht mehr an. Oder ha­ben zu viele Nebenwirkungen, wie bei Ursel Pfeil. 16 Kilo hat die Rheumapatientin durch eine Cortison-Behandlung zugenommen, doch geholfen hat sie ihr ebenso wenig wie irgendein anderes Medikament. Meist geht Ursel Pfeil mit Schmerzen zu Bett und steht mit Schmerzen wieder auf, vor allem im linken Zeigefinger und beiden Handgelenken. Manchmal würde sie ihre Hände am liebsten gegen die Wand knallen. »Das ist, als ob einer mit dem Messer hineinsticht«, sagt die 67-Jährige. Sie kann kein Putztuch mehr auswringen, keine Kartoffel mehr schälen. In der Klinik wollte sie mal wieder das Gefühl erleben, schmerzfrei zu sein. An ihrem dritten Fastentag ist es so weit: Ursel Pfeil beugt stolz die Fingergelenke, die schon viel beweglicher sind. Natürlich weiß sie, dass die Ärzte keine Wunderheiler sind, die das Rheuma in­nerhalb einer Woche verschwinden lassen. Natürlich weiß sie auch, dass es ihr langfristig nur besser gehen wird, wenn sie nach dem Fas­ten ihre Ernährung umstellt, auf mediterrane oder vegetarische Kost. Chronisch Kranke erhoffen sich vom Fasten den Start in ein neues Leben. Die Rheumapatientin. Diabetiker, die beim Fasten spüren, welchen Einfluss die Ernährung auf ihre Gesundheit haben kann. Ihr Blutzucker sinkt, die tägliche Insulindosis auch, weil die Körperzellen wieder sensibler auf das Hormon reagieren. Und übergewichtige Menschen, die ihre alten Essgewohnheiten ablegen wollen. »

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In der Buchinger-Klinik in Überlingen am Bodensee fällt die Trennung von solchen Gewohnheiten vergleichsweise leicht. Wie die Schalen einer Zwiebel streift Marianne Esser nach jedem Aufent­ halt eine nach der anderen ab. Früher trank sie ständig Kaffee, inzwi­schen kocht sie sich lieber einen Kräutertee. Früher aß sie gern deftig,

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heute isst sie lieber Spinat, Kartoffelpüree oder Rote Beete. »Ich habe keine Lust auf Pommes oder Currywurst«, sagt die Kulturmanagerin aus Berlin. In den verschiedenen Villen der Privatklinik können die Gäste über ihre Vorsätze nachdenken, in einem De-luxe-Zimmer etwa oder in der Juniorsuite. Die Klinik umsorgt jedes Jahr 2000 Gäste vor allem beim Fasten, aber auch bei einer Diät oder vegetarischer Vollwertkost. Allein im Jahr 2008 kamen Kunden aus 29 verschiedenen Ländern. Sie lassen sich bei einer Atemtherapie und Aromamassage, bei Cra­niosakraltherapie und manueller Lymphdrainage, bei Tai-Chi und Pilates am Bodensee verwöhnen. Abends lädt ein Professor in den Konzertsaal der Klinik, um seinem Publikum die »Goldberg-Variati­ onen« von Bach zu erläutern. Ein schwarzer Flügel steht auf rotem Teppich, die schweren Gardinen der Fensterfront sind zugezogen. Seit 30 Jahren kommt Marianne Esser in die Buchinger-Klinik, sie freut sich schon im Voraus darauf. »Hier kann ich mich von all der schlechten Ernährung reinigen und bereit werden für die gute.« Dies­mal hat sie sogar eine Einzelstunde beim Koch des Hauses gebucht. Mit einer weißen Schürze um den Bauch steht sie am Herd der Lehr­küche, an dem der Klinikkoch in gelben Töpfen eine Pastinaken-Ko­ kos-Suppe zubereitet, ein Quarksoufflé sowie eine Vinaigrette aus Öl und Essig, Karotten und Avocado. Er schwenkt das Gemüse mit großen Gesten, püriert die Salatsoße, rührt das Ei für das Soufflé, als wäre er der Gastgeber einer Fernsehshow: »Sehen Sie, es geht ganz einfach und hat kaum Kalorien.« L

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Am Vortag hat Marianne Esser ihre Fastenwoche feierlich beendet und bekommt seither eine Aufbaukost. Zunächst einen Apfel zu Mit­tag, abends einen Teller frisch zubereitete Kartoffelsuppe. Ganz langsam soll sich der Körper wieder an die Nahrung gewöhnen. Um zu vermeiden, dass die Patienten gleich wieder an Gewicht zunehmen,

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dass sie womöglich nach dem Fasten sogar mehr wiegen als vorher. Marianne Esser möchte die Aufbauphase diesmal bis Ostern verläng­ern, mit Suppen, gedünstetem Gemüse, leichten Soßen zum Salat. »Ich möchte noch mehr aufpassen als sonst.« Bei einem Fitnessstudio hat sie sich angemeldet, dreimal pro Woche will sie dort künftig trainieren. »Ich bewege mich wahnsinnig gern, nur nehme ich mir keine Zeit dafür«, sagt Esser. In der Buchinger-Klinik war sie morgens bei der Gymnastik, im Zirkeltraining, beim Powerbalancing, um ei­nen Muskelabbau beim Fasten zu vermeiden. Die Tage in der Klinik seien wie eine Laborsituation, erklärt Esser. Zurück in Berlin, zurück in ihrem bunten Leben mit vielen Empfängen und Ausstellungser­ öffnungen, müssten sich ihre Pläne erst noch bewähren. Noch drei Tage, dann wird auch Michael Vögele wieder ins Leben ent­lassen. Schnell werde ihn der Alltagstrott einholen, sagt er. So sei es im vergangenen Jahr gewesen, so werde es auch in diesem Jahr wieder sein. »Aber das Fasten gibt mir viel Kraft.« Voller Begeisterung über­legt der Familienvater bereits, was er zu Hause kochen wird: Spinatnudeln oder Spaghetti Aglio e Olio. »Vielleicht gebe ich noch ein paar Krabben hinzu? Ja, das klingt gut«, sinniert Vögele und lächelt zufrieden.

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Als Hikikomori (jap. »sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug«) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Woh­nung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Ge­sellschaft auf ein Minimum reduzieren. Der Begriff bezieht sich sowohl auf das soziologische Phänomen als auch auf die Betroffenen selbst, bei denen die Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Obwohl akuter gesellschaftlicher Rückzug in Japan Jungen und Mäd­-

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chen gleichermaßen zu betreffen scheint, sind es überwiegend männ­liche Personen, die mit ihrem Verhalten Besorgnis oder Aufmerksam­keit erregen. In Familien mit mehreren Kindern ist es am häufigsten der älteste Sohn. D

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Das japanische Gesundheitsministerium definiert als Hikikomori eine Person, die sich weigert, das Haus ihrer Eltern zu verlassen und sich für mindestens sechs Monate aus der Familie und der Gesellschaft zurückzieht. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen Hikikomori für Jahre oder sogar Jahrzehnte in dieser selbst gewählten Isola­tion bleiben. Der Psychologe Tamaki Saitō, der den Begriff prägte, behauptete, es gäbe in Japan (ca. 127 Millionen Einwohner) mehr als eine Million Hikikomori. Das Gesundheitsministerium gibt in einer vorsichtigeren Schätzung nur 50.000 Hikikomori an, ein Drittel da­von älter als 30 Jahre. U

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Der durchschnittliche Hikikomori beginnt als Schulschwänzer. Junge japanische Erwachsene fühlen sich von den hohen Erwartungen, die die Gesellschaft an sie hat, häufig überfordert. Versagensangst und das Fehlen eines ausgeprägten Honne und Tatemae (grob übersetzt die Fähigkeit, zwischen »öffentlichem Gesicht« und »wahrem Ich« zu unterscheiden und mit den täglichen Paradoxien des Erwachsen­ enlebens umzugehen) drängen sie in die Isolation. Die Gemeinsamkeit der Hikikomori, am Übergang von Jugend und Kindheit in die Welt der Erwachsenen zu scheitern, wird von vielen Psychologen mit nen, kapitalistischen Japan begründet. E

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Die Entwicklung zum Hikikomori wird im Wesentlichen durch drei Faktoren beeinflusst: Finanzielle Situation: Die wohlhabende Mittelschicht in Japan hat

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die finanziellen Möglichkeiten, auch ein erwachsenes Kind noch an­gemessen zu versorgen. Bei finanziell schlechter gestellten Familien treten die Kinder dagegen früher in das Arbeitsleben ein. Familiäre Verhältnisse: Eltern erkennen oft die beginnende Isolation ihres Kindes nicht oder reagieren nicht angemessen darauf. Auch ein Verwöhnen des Kindes oder gar eine beiderseitige Abhängigkeit, wie sie vor allem in der Mutter-Sohn-Beziehung auftritt (in Japan als »Amae« bezeichnet), beeinträchtigt eine Selbstständigkeit der Jugend­lichen. Situation auf dem Arbeitsmarkt: Die langfristige wirtschaftliche Re­zession hat den japanischen Arbeitsmarkt grundlegend verändert. Konnten sich frühere Arbeiter- und Angestelltengenerationen noch auf eine lebenslange Anstellung in ihrer Firma verlassen, so sind heu­tige Berufseinsteiger bei ihrer Jobsuche oft erfolglos. Die Auflösung und Neuausrichtung des japanischen Arbeitsmarktes zwingt zu einer Umorientierung der traditionellen Lebensziele. D

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Das moderne japanische Schulsystem verlangt von seinen Schülern viel Arbeit und ist sehr stark auf Auswendiglernen ausgerichtet. Schon in den 1960er-Jahren begann man, in jeder Stufe des Schulsystems (sogar in der Vorschule) Aufnahmeprüfungen einzuführen. Für die Aufnahmeprüfung einer Universität nehmen sich manche Prüflinge zur Vorbereitung sogar ein ganzes Jahr Zeit. Erst 1996 wurden vom Bildungsministerium Gegenmaßnahmen eingeleitet, um den Schü­ lern mehr kreativen Freiraum zu geben und die Schulwoche von sechs auf fünf Tage und den Tagesplan um zwei Fächer zu kürzen. Die neuen Lehrpläne orientieren sich mehr an westlichen Schulsys­temen. Diese Änderungen kamen jedoch sehr spät: Ehrgeizige Eltern schicken ihre Kinder seither vermehrt auf Privatschulen, um dem »laxen« System der öffentlichen Schulen zu entkommen. Auch von Mitschülern wird Druck auf einzelne Schüler ausgeübt.

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Gründe für dieses Ijime (besondere Form des Mobbings in Japan) können Aussehen, schulische und sportliche Leistungen sowie Eth­nie, soziale Herkunft oder sogar längere Aufenthalte im Ausland sein. Symp

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Die Symptome des Hikikomori beginnen schleichend und führen bei Vollausprägung zum vollständigen Rückzug. Dabei sind die wichtig­sten Schritte Verlust der Lebensfreude, Verlust von Freunden, zunehmende Unsicherheit, Scheu und abnehmende Kommunika­ti­onsbe­reitschaft. Hikikomori ziehen sich meist in einen einzigen Raum zurück und kapseln sich von der Umwelt ab. Sie verbringen den Tag mit Schlafen und sind vermehrt nachtaktiv. Einige schaffen es, ihr Zimmer wenigstens nachtsüber zu verlassen, andere verbring­en auch die ganze Nacht vor dem Computer oder Fernseher. Ve

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Einen Hikikomori in der Familie zu haben ist in Japan mit einem starken Stigma behaftet, und die Angst vor einer öffentlichen Demü­tigung kann übersteigerte Ausmaße annehmen. Die meisten Eltern warten einfach ab, ob sich ihr Kind wieder von alleine der Gesellschaft annähert. Falls sie überhaupt aus eigenem Antrieb Schritte einleiten, können zuvor lange Zeitspannen vergehen. Auch die tradi­tionell enge Mutter-Kind-Beziehung trägt zu einer Verschleppung der Behandlung bei.

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