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Interview Bruno Kernen
«WIR SIND NICHT GSTAAD»
Ex-Skirennfahrer und Hotelier Bruno Kernen über Schönried und Saanenmöser
«Bruno Kernen der Erste» nennt man ihn im Skisport, um ihn von seinem elf Jahre jüngeren Namensvetter zu unterscheiden. Ab 1979 fuhr Bruno Kernen im Weltcup, sein grösster Triumph war 1983 der Gewinn der Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel. Doch sein Vater, ein Hotelier, hatte ihm vorher schon ans Herz gelegt, eine Kochlehre zu machen. Nach der Skikarriere lag es für Bruno Kernen also auf der Hand, das Hotel Bahnhof in Schönried zu übernehmen, das seine Urgrosseltern gebaut hatten. Er taufte es um in «Hotel Kernen», und seither taucht es immer wieder in Bestenlisten für preiswerte Wintersporthotels auf. 2011 entstand in einem Neubau in Saanenmöser als Kernens zweites Standbein das Hotel Des Alpes. Bruno Kernen hatte die Idee, mit den alten Postkarten von Elsi Frautschi ein Buch zu machen. Buchautor Hans Amrein sprach mit dem Ex-Skirennfahrer über die Hintergründe der Sammlung und das heutige Saanenland.
Bruno Kernen, Sie kennen Elsi Frautschi schon seit vielen Jahren. Sie haben ihr den Tipp gegeben, aus ihrer umfassenden Postkartensammlung ein Buch zu machen …
Über Gstaad und Saanen gibt es diverse Bücher, die die Geschichte dokumentieren. Von Schönried und Saanenmöser gibt es fast nichts, weder Bücher noch andere Publikationen. Die Verlegerin Annette Weber hat mich vor geraumer Zeit darauf angesprochen. Von unserer Familie gibt es viele Fotos, aber von meiner Nachbarin und
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langjährigen Freundin, Elsi Frautschi, wusste ich, dass sie seit vielen Jahren alte Postkarten und Fotos sammelt. Ich habe sie darauf angesprochen. Neben den Postkarten sollten im Buch ältere Menschen aus Schönried und Saanenmöser zu Wort kommen. Es sind Zeitzeugen, die sich an die «guten alten Zeiten» erinnern können.
Die Postkartensammlung ist ein Zeitdokument und dokumentiert, wie die Bäuerten Schönried oder Saanenmöser vor 50 oder mehr Jahren ausgesehen haben. Wie haben Sie, Bruno Kernen, die Entwicklung und Veränderung der «Dörfer» erlebt?
Ich kann mich aus meiner Kindheit noch gut erinnern, dass es damals fast gleich viele Häuser wie heute hatte. Damals waren aber viele kleinere Scheunen und Ställe überall auf den Wiesen verteilt. Viele wurden durch grosse Scheunen ersetzt – und die «Heu-Schürli» wurden teilweise abgebrochen. Als der Tourismus in den 60er-Jahren für den ersten grossen Aufschwung in der Region sorgte, war ich dabei. Ich erinnere mich gut an den Bau der Rellerlibahn oder an den Neubau der Horneggli-Sesselbahn Mitte der 80er-Jahre.
Haben Sie machmal etwas nostalgische Gefühle, wenn Sie die alten Postkarten anschauen? Motto: «Früher war die Welt noch in Ordnung» …
Ja, natürlich werden da viele Erinnerung geweckt. Unsere Vorfahren haben in den letzten 60 Jahren vieles erreicht: Wohlstand, Arbeitsplätze im Berggebiet und eine gute Infrastruktur. Auch Schönried, Saanenmöser und ich haben davon profitiert.
Warum machen Sie und Elsi Frautschi die Postkartensammlung nicht öffentlich zugänglich, zum Beispiel im Hotel Kernen, wo man ein kleines Dorfmuseum errichten könnte?
Darüber werden Elsi und ich sicher noch sprechen. Mir gefällt Ihre Frage. Sie bringt meine Fantasie schon wieder in Wallung …
Wir haben für das vorliegende Buch Gespräche mit zehn Zeitzeugen geführt. Es sind ältere Menschen, die heute über 80 oder 90 sind und sich an die «guten alten Zeiten» im Saanenland erinnern. Was haben Sie von diesen Zeitzeugen gelernt?
Ich habe sehr viel Respekt für sie. Einer der Zeitzeugen, Edmund Schwenter, ist in der Zwischenzeit leider verstorben. Viele der Aussagen haben mich tief beeindruckt. Mir ist aufgefallen, dass alle Interviewten mit innerem Stolz über die Sonnenterrassen Schönried und Saanenmöser gesprochen haben. Diese Leute haben harte Zeiten durchgemacht, sie lebten zum Teil unter widrigen Lebens- und Wohnbedingungen. Und trotzdem sind sie zufrieden mit ihrem Leben. Sie sind dankbar und strahlen eine gewisse Demut aus. Ihre Augen glänzen, wenn sie ihre Geschichten erzählen. Sie sind dankbar, dass sie ihr Leben hier in dieser wunderbaren Gegend verbringen dürfen.
Das Saanenland ist Ihre Heimat. Wenn Sie Schönried oder Saanenmöser einem «fremden» Touristen kurz erklären müssten, wie würde dieses Kurzporträt lauten?
Schönried und Saanenmöser sind Orte – nicht Dörfer wie Saanen oder Gstaad. Beide Orte liegen auf einer Sonnenterrasse mit guter Sicht auf unsere schöne Bergwelt. Es herrscht hier mehr Ruhe als in Gstaad. Schönried und Saanenmöser sind der ideale Ausgangspunkt zum grössten Skigebiet in unserer Region.
Zwischen Saanen und Gstaad einerseits und Schönried und Saanenmöser andererseits gab es in den letzten 100 Jahren immer wieder Reibereien oder gar Konflikte. Warum waren sich die beiden Parteien oft nicht einig?
In alten Zeiten gab es in der Tat kleinere und auch grössere Grabenkämpfe zwischen den erwähnten Orten. Hartnäckigkeit, Durchhaltewillen und Konkurrenz haben die Leute hier bis heute geprägt. Noch
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heute gibt es hier heftige und kontroverse Diskussionen. Wir sind es unseren Vorfahren und unseren Nachkommen schuldig, dass wir uns für die Interessen der Einheimischen aus Schönried und Saanenmöser engagieren. Es ist ja legitim, dass man sich für seinen Ort einsetzt, auch wenn das vielleicht nicht jedem in Saanen oder Gstaad passt. Wir arbeiten alle grundsätzlich sehr gut zusammen.
Leiden die Bäuerten Schönried und Saanenmöser heute noch ein wenig unter den oft dominierenden Orten Saanen und Gstaad?
Schönried und Saanenmöser sind nicht Gstaad – und doch sind wir ein Teil des Ganzen. Der Name Gstaad ist weltbekannt. Das ganze Saanenland profitiert von der Marke Gstaad. Das gute Image von Gstaad ist aber auf unsere weitsichtigen Vorfahren aus den 50er-Jahren zurückzuführen, die damals eine kluge und nachhaltige Dorf- und Regionalentwicklung förderten. Man entschied zum Beispiel, dass hier nur Chalets gebaut werden dürfen. Bausünden konnten so vermieden werden. Schauen Sie sich andere Tourismusorte in der Schweiz an! Alles verbaut, Betonhäuser, Flachdächer, wenig Charme und Stil. Das ist hier zum Glück anders, das ist unser Alleinstellungsmerkmal!
Schlussfrage: Was erhoffen Sie sich mit der Publikation der Postkartensammlung in Buchform?
Elsi Frautschi und ich hoffen, den Einheimischen und Gästen mit dem Buch eine Freude zu machen. Ich fände es toll, wenn das Buch in den Chalets und Wohnungen unserer Gäste einen Platz finden würde.
Interview: Hans Amrein Schönried–Horneggli (Gstaad), 1800 m ü. M. Längster Constamlift Europas, 2120 Meter lang, 14 Minuten Fahrzeit Foto: W. Germann, Schönried Eröffnung: Weihnachten 1944
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