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Olga Schwenter
Olga Schwenter Landwirtin, Schönried
Sie hätte gerne eine Lehre abgeschlossen, einen Beruf erlernt. Köchin oder Handarbeitslehrerin waren ihre Traumberufe. Doch das ging nicht. «Wir hatten kein Geld. Nach der Grundschule musste ich sofort auf dem elterlichen Hof arbeiten», erinnert sich Olga Schwenter, die am 4. Oktober 1933 in Schönried geboren wurde. Ihr Vater war Bauer, doch bereits mit 57 starb er an einem Tumor im Magen. «Meine Mutter stand da, ohne Mann und mit zwei Mädchen. Das war hart.»
Trotzdem schaffte es die heute 88-Jährige ins Welschland. Sie wollte Französisch lernen und weilte für knapp 18 Monate in einer Familie bei Neuenburg. «Ich war Haus- und Kindermädchen und betreute fünf Kinder. Der Monsieur und Vater der Kinder führte in Neuenburg eine Sprachschule, das bot mir die Möglichkeit, dort Sprachlektionen zu besuchen.»
Später arbeitete Olga Schwenter im Ferienheim der Stadt Solothurn in Saanenmöser. «Dort arbeitete ich in der Küche – für 120 Franken im Monat.» Als sie 22 war, wurde geheiratet. Sie lernte ihren Mann an einem Tanzfest in Gstaad kennen. Was heute über Online-Partner- und Dating-Plattformen geschieht, passierte früher an Tanz- und Volksfesten: Junge Frauen lernten junge Männer kennen – und umgekehrt. Das Hochzeitsfest fand übrigens im Hotel Bahnhof in Schönried statt. Und die Flitterwochen? «Was denken Sie! Wir hatten doch kein Geld für so etwas.» Das Geld aus der Landwirtschaft reichte nicht, um die alltäglichen Kosten zu decken, deshalb arbeitete Olgas Mann auf einer Baustelle auf dem Flugplatz von Saanen. «Dort wurde ein Stollen für die Armee gebaut. Mein Mann war Baggerführer.»
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Kurz nach der Heirat kamen vier Kinder. Sie sind heute alle über 60. Und allen geht es gut, freut sich Olga Schwenter. Ihr Mann starb vor vier Jahren – an Lungenkrebs. «Er war starker Raucher. Parisienne», so Olga. Gerne erinnert sie sich an frühere Busreisen nach Holland. «Wir wollten die Tulpen besichtigen. Bei der ersten Reise waren wir zu früh, die Tulpen waren noch zu, bei der zweiten Reise waren wir zu spät, die Tulpen waren bereits verwelkt.»
In Gstaad wurde vor vielen Jahren das Hallenbad eröffnet. Doch Olga und ihre Freundinnen aus dem Turnverein konnten nicht schwimmen. «Kurz entschlossen meldeten sich die Frauen bei einem Schwimmkurs im neuen Hallenbad an. Um das Gelernte umzusetzen, machte eine Kollegin den Vorschlag, nach Italien zu fahren, um im Meer zu schwimmen. Wir fuhren mit dem Bus in die Nähe von Genua. Wir waren fünf Tage in dem kleinen Badeort. Doch die Idee, hier im Meer zu schwimmen, war schon bei der Ankunft am Strand kein Thema mehr, denn das Meer zeigte sich als schmutzige, braune Pfütze.»
Ich will von Olga Schwenter wissen: Was hat sich in Schönried seit ihrer Jugend alles verändert? Hat sich der Ort – aus ihrer Sicht – stark gewandelt? «Oh ja, und wie», betont die fröhliche Frau. «Viele alte Bauernhäuser sind verschwunden. Dafür wurden viele neue Chalets und Ferienwohnungen errichtet.»
Wir sprechen über ihren Alltag. Sie sei mit ihrem bisherigen Leben «ganz zufrieden», sagt Olga. «Das grösste Geschenk, das man mir machen konnte: Ich habe vier gesunde Kinder. Was will ich mehr?» Und die Gesundheit? «Geht schon», so Olga, «früher litt ich unter starken Kopfschmerzen. Migräne. Doch das ist jetzt vorbei.» Freude bereitet ihr auch ihre Katze. Sie sei zugelaufen und jetzt etwa 15-jährig. «Ein wunderbares Büssi mit brandschwarzem Fell und weissen Pfoten. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich sie sehen und streicheln kann.» Ein «Luxus», den sie sich bewusst täglich leiste: «Ich habe den ‹Berner Oberländer› abonniert. Die Zeitung kostet immerhin fast 500 Franken im Jahr. Zuerst studiere ich die Todesanzeigen, dann die übrigen Nachrichten.» Natürlich lese sie auch das Lokalblatt, den «Anzeiger von Saanen». «Da erfährt man wirklich, was in der Region so alles passiert.»
Olga Schwenter ist eine bescheidene Frau. Grosse Pläne oder Träume hat sie nicht (mehr). «Ich will, wenn möglich, gesund und fröhlich bleiben. Und eines Tages, wenn das Leben dann zu Ende geht, möchte ich rasch und ohne Schmerzen sterben.»
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30er-Jahre Foto: W. Germann, Schönried
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Dorfstrasse Schönried Richtung Saanen
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Schönried – Pension Alpenrose Seit 1907 empfängt die Pension Alpenrose Gäste.
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Schönried – Pension Alpenrose
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Eröffnung des Sporthotels und Kurhauses im Jahr 1911 Foto: Rob. Marti, Saanen
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