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Philosophieren mit Blick auf ein Werte- und Weltbewusstsein Andrea Mittermair, Doris Daurer

Philosophieren mit Blick auf ein Werte- und Weltbewusstsein

Andrea Mittermair, Doris Daurer

„Sind Schnecken manchmal traurig?“ Mehrere: „Nein.“ Daniel: „Ja.“ Sara: „Ja.“ Daniel: „Nein, sie können nicht, weil sie haben keinen Mund und keine Ohren.“ Sara: „Ja, sie können schon.“ Pädagogische Fachkraft: „Du glaubst, dass sie traurig sind. Warum glaubst du, dass sie traurig sind?“ Sara: „Weil, weil, weil ..., weil nicht nur die Kinder tun sich weh, auch die Schnecken.“ Rebecca: „Weil die Schnecken nicht viele Freunde haben, deswegen sind sie traurig. Und ich habe eine echte Schnecke zu Hause gesehen und die war traurig, weil sie nicht mehr heimgefunden hat.“ Gaya: „Heute in der Früh habe ich eine Schnecke gesehen.“ Pädagogische Fachkraft: „Hast du vielleicht gesehen, ob diese Schnecke glücklich oder traurig war?“ Gaya: „A bissel traurig.“ Pädagogische Fachkraft: „Warum glaubst du, dass sie traurig war?“ Gaya: „Weil sie hat nicht gewusst, wo isch ihr Haus.“ Pädagogische Fachkraft: „Dann glaubt ihr, dass Schnecken traurig sind?“ Daniel: „Ja, ich weiß das, weil, wenn ein paar sie mit dem Messer töten wollen, sind sie traurig.“ Sara: „Ich habe ein Haus gefunden ohne Schnecke.“ Gaya: „Ober die Schnecke isch gegangen langsam.“ Sara: „Ich weiß, wieso sie heißen Schnecken, weil sie gehen laaangsam.“ Rebecca: „Ich habe das auch gewollt sagen.“ Sara: „Weil die Schnecken so langsam gehen, deswegen mein ich, sind sie traurig.“ Das aktive Philosophieren bietet den Kindern hervorragende Möglichkeiten auf verantwortungsvolle Weise in Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen ihr Werte- und Weltbewusstsein zu entwickeln und dieses in sich selbst und nicht in Autoritäten zu begründen.

In Begleitung einer kinderphilosophisch ausgebildeten Fachkraft erforschen die Kinder im vorangegangen Gesprächsauszug die Frage, ob Schnecken manchmal traurig sind. Sie begründen ihre Antworten entsprechend ihrem eigenen Erleben und Fühlen von Traurigem: Die Schnecke ist traurig, weil sie sich weh getan hat, nicht viele Freunde hat, nicht mehr heimfindet, weil sie Angst haben muss, mit dem Messer getötet zu werden, oder weil sie langsam geht (dieses Kind hat offensichtlich erlebt, dass traurige Kinder langsam gehen und nicht fröhlich herumspringen und -laufen). Daniel meint, dass Schnecken nicht traurig sein können, weil sie keinen Mund und keine Ohren haben (wie das Kind selbst) um das Traurig-Sein zu äußern oder hörbar zu machen.

Bei allen Argumenten der Kinder wird auf berührende Weise deutlich, wie sehr die Kinder ihr eigenes Fühlen und Erleben von Traurigkeit als Ausgangspunkt für ihr Mit-Fühlen mit der Schnecke verwenden, wie unverhandelbar und intensiv das Mitgefühl der Kinder im eigenen Fühlen begründet ist. Das lässt doppelt aufhorchen: Zum einen, weil Mitgefühl als Basis allen ethischen Handelns gilt, und die Kinder diese tiefe Weisheit augenscheinlich bereits im Kindergartenalter aus sich heraus entwickeln. Zum anderen, weil die Kinder auf natürliche, ungezwungene Weise durch dieses

gemeinsame Erforschen und Austauschen von Kriterien des Traurig-Seins wesentliche Ecksteine für ein sinnerfülltes, glückliches Leben ergründen, wie sie ähnlich auch die Weltgesundheitsorganisation WHO formuliert: Mund und Ohren haben (sich verständlich machen können und in Beziehung treten können), sich nicht weh tun (Gesundheit), Freunde haben (soziale Sicherheit), Heim(at) finden beziehungsweise ein Zuhause haben, nicht Angst haben müssen, getötet zu werden (Recht auf Friede), nicht antriebsschwach, depressiv oder langsam sein (emotionale Gesundheit). Diese fantastischen Gesprächsergebnisse werden durch die Achtsamkeit der pädagogischen Fachkraft möglich, die durch die offene, nicht eindeutig beantwortbare oder gar belehrende Fragestellung die Tür zum Philosophieren öffnet und offenhält. Das gelingt durch ihren respektvollen Umgang mit den Meinungen und Gefühlen der Kinder, die sie durch Zusatzfragen, wie „Warum?“ einzig in die Tiefe zu begleiten und in keinster Weise in eine Richtung zu lenken oder ziehen versucht, und auch nicht durch Belehrungen erstickt oder auf eine intellektuelle Wissensvermittlung reduziert. So kann die allen Kindern angeborene Sehnsucht, das Leben in seiner Fülle und Tiefe zu ergründen, in der harmonischen Atmosphäre des Miteinander-aktiven-Philosophierens Ausdruck finden und Wertbewusstsein erlebbar werden.

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