Ruhestand: Planung statt Blindflug
Viele Menschen lassen ihre Pensionierung unvorbereitet auf sich zukommen. Laut Tashi Gumbatshang, Vorsorgeexperte bei Raiffeisen Schweiz, kann eine sorgfältige Pensionsplanung aber viele Vorteile bringen – nicht nur im Alter, sondern auch lange davor.
Das Vorsorgebarometer 2024 von Raiffeisen zeigt: Lediglich etwas über ein Fünftel der Befragten besitzt einen Finanzplan im Hinblick auf das Rentenalter. Überrascht Sie dieser tiefe Wert?
Tashi Gumbatshang: Nein. Vielmehr erstaunt mich, dass auf der anderen Seite 80 Prozent der Befragten unvorbereitet auf die Pensionierung zusteuern. Beim Nachlass ist die Situation übrigens vergleichbar. Auch diesen haben nur 25 Prozent der Leute geregelt.
Wie erklären Sie sich das?
Die Pensionierung und erst recht die Nachlassplanung sind keine Angelegenheiten, mit denen man sich gerne auseinandersetzt, da sie die eigene Vergänglichkeit vor Augen führen. Als Reaktion darauf verschieben viele Menschen das Thema auf später oder lassen es ganz beiseite.
Was bedeutet das für die betroffenen Personen? Sie könnten eine unschöne Überraschung erleben. Denn die Realität nach der Pensionierung deckt sich oftmals nicht mit den Wunschvorstellungen der Leute. Eine ungenügende Pensionsplanung kann finanzielle Engpässe und unnötige Kosten – beispielsweise als Steuern – nach sich ziehen. Manchmal führt ein Mangel an Liquidität sogar dazu, dass das langjährige Eigenheim im Ruhestand veräussert werden muss. Sinnvollerweise wird im Zuge einer Pensionsplanung auch der Nachlass in Form eines Testaments, eines Eheoder Erbvertrags gewissenhaft geregelt. Dadurch lassen sich viele Familienstreitigkeiten vermeiden. Wann sollte man entsprechend mit der Pensionsplanung starten? Grundsätzlich empfehle ich, ab 45 mit den ersten Vorbereitungen zu beginnen. Je eher man das Heft in die Hand nimmt, desto mehr Gestaltungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung. Was viele nicht wissen: Bereits der erste Lohn kann die finanzielle Situation bei der Pensionierung beeinflussen. Doch auch kurz vor der Pensionierung lohnt sich der Schritt noch immer. Schliesslich gilt auch hier der Grundsatz: Es ist nie zu spät, um etwas zu tun!
Und doch bleibt die grosse Mehrheit untätig. Ja, und das ist besonders schade vor dem Hintergrund, dass immer mehr Menschen nicht bis zum Referenzalter in Vollzeit arbeiten möchten. Laut dem Vorsorgebarometer würden 56 Prozent der Erwerbstätigen lieber vorzeitig in Pension gehen – auch solche, die es sich eigentlich nicht leisten können.
Wie kommt das?
Die meisten Menschen verlassen sich weitgehend auf Schätzungen und falsche Erwartungen. Diese Haltung ist vergleichbar mit einem Piloten eines Flugzeuges, der bei Nebel im Blindflug landen möchte. Manchmal klappt dies tatsächlich. Doch die Landung wäre deutlich entspannter und sicherer, wenn er sich auf seinen Autopiloten verlassen könnte. Und in der Altersvorsorge ist die Pensionsplanung der Autopilot.
Welche Punkte sollte eine Pensionsplanung unbedingt einschliessen?
Das Herzstück einer Pensionsplanung ist das Budget. Dieses beantwortet die Frage nach den Einnahmen und Ausgaben im Ruhestand. Sind grössere Investitionen geplant? Reisen, Renovationen, Schenkungen an die Kinder und Enkel oder Ähnliches? In diesem Zusammenhang sollte man auch die Liquidität fest im Auge haben, sonst können sich unangenehme Situationen ergeben. Ich erlebe es immer wieder, dass auch vermögende Personen, die in einem teuren Eigenheim leben, in Liquiditätsengpässe geraten, weil dieser Posten in der Planung zu wenig berücksichtigt wurde. Nur ein Zimmer einer Villa zu verkaufen, ist nicht möglich. Und die Hypothek im Pensionsalter zu erhöhen, ist kein einfaches Unterfangen.
Wie unterscheidet sich die Situation für verheiratete und unverheiratete Personen? Im Rahmen der Pensionsplanung ergeben sich für Verheiratete durch ihre rechtliche Verbindung und deren Auswirkungen auf die Sozialwerke zusätzliche Optionen. Zum Beispiel bei einem gestaffelten Kapitalbezug bei der Pensionierung. Eine gewissenhafte Planung erlaubt es hier, die ganze Klaviatur der Möglichkeiten im Sinne der Eheleute zu spielen.
Wie gehen Sie bei der Budgetplanung vor? Als Grundlage dient uns das Budget aus dem Erwerbsleben. Dabei werden absehbare Einkommensbestandteile wie AHV und Pensionskassen
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rente den mutmasslichen Ausgaben gegenüberstellt. Ein realistisches Budget ist essenziell, weil es eine wichtige Planungsgrundlage darstellt. Aus der Beratung wissen wir, dass die Ausgaben häufig unterschätzt werden und die Steuerbelastung höher bleibt als erwartet – beispielsweise weil die Renten als Einkommen versteuert werden müssen und viele Abzüge wegfallen.
«Eine Pensionsplanung ist bestimmt eine der besten Investitionen, die man im Leben tätigen kann.»
Die Ausgaben nehmen also im Alter nicht ab? Nein, entgegen der weitverbreiteten Meinung ist das nicht der Fall. Der Trend geht sogar in die andere Richtung: Heute geben die Leute nach der Pensionierung mehr Geld aus als zuvor. Hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen den Erwartungen und der Realität besonders deutlich. Objektiv betrachtet, ist die Entwicklung dagegen gut nachvollziehbar: Die Menschen werden älter, sind nach wie vor bei guter Gesundheit und haben mehr Freizeit. Dann pflegen sie ihre Hobbys, erfüllen sich oftmals lang gehegte Wünsche, gehen auf Reisen. Warum sollten ihre Ausgaben genau zu diesem Zeitpunkt zurückgehen?
Der Bezug der Pensionskassengelder ist in verschiedenen Formen möglich. Wie entscheidet man sich für die richtige? Hierzu gibt es keine Faustregel. Ob Rente, Kapital oder eine Mischform – am Ende hängt es von der persönlichen Lebenssituation ab. Für die Abdeckung der laufenden Ausgaben würde ich eine Rente wählen. Wenn darüber hinaus noch Kapital vorhanden ist, kann man dieses für grössere Anschaffungen, Schenkungen, Renovationen oder eine vorzeitige Erbschaftzahlung einsetzen. Letztendlich hängt es jedoch auch von der eigenen Lebenserwartung, der familiären Situation und der Präferenzen ab.
Wann lohnt es sich, bei der Pensionsplanung eine externe Beratung in Anspruch zu nehmen?
Eine Pensionsplanung ist bestimmt eine der besten Investitionen, die man im Leben tätigen kann. Und sie lohnt sich gleich mehrfach. Denn die Beratung beschränkt sich nicht nur auf das Budget, sondern umfasst sämtliche Vermögenswerte und bietet zahlreiche wertvolle Entscheidungshilfen. Wir zeigen den Kundinnen und Kunden viele mögliche Parameter, Optionen und Kombinationen auf. Ein Beispiel: Bei der Pensionierung ergeben sich ganz unterschiedliche Auswirkungen, wenn man
sich mit 58, 62 oder regulär mit 65 Jahren aus dem Arbeitsleben zurückzieht. Je nachdem sind unterschiedliche Vorkehrungen nötig, um den Lebensstandard zu erhalten. Darüber hinaus ergeben sich durch eine gezielte Pensionsplanung auch zahlreiche Sparmöglichkeiten.
Fünf Tipps des Vorsorgeexperten
1. Planen Sie frühzeitig! Je früher Sie damit beginnen, desto besser können Sie Ihre Pensionierung planen. Gleichzeitig ergeben sich oftmals auch Einsparmöglichkeiten.
2. Nutzen Sie die Möglichkeiten der zweiten und dritten Säule! Damit blicken Sie entspannter auf die Zeit im Ruhestand und profitieren von steuerlichen Vorteilen.
3. Erstellen Sie ein Budget! Oftmals stimmen die eigenen Annahmen und Erwartungen nicht mit der Realität nach der Pensionierung überein.
4. Behalten Sie die Liquidität im Auge! Selbst vermögende Personen können in finanzielle Engpässe geraten. Dies kann sogar den Verkauf des Eigenheims zur Folge haben.
5. Lassen Sie sich beraten! Eine Pensionsplanung umfasst sämtliche Aspekte auf dem Weg in den Ruhestand und darüber hinaus. Wer dank professioneller Unterstützung gut darauf vorbereitet ist, erreicht finanzielle Sicherheit bis ans Lebensende.
Dieser Inhalt wurde von NZZ Content Creation im Auftrag von Raiffeisen erstellt.