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Lebensart

„ICH BIN AN UMWEGEN GEWACHSEN“

Die Ärztin und Afrika-Aktivistin Christine Wallner hat auf die harte Tour gelernt, wie auch aus schmerzhaften Erfahrungen Kraftquellen werden, die man anzapfen kann. Jetzt ist sie bei sich angekommen – und es ist nicht mehr so wichtig, ob es Wien oder Tansania ist.

Es muss immer weitergehen. Pause machen, entspannen, einfach einmal fünf gerade sein lassen – das sind Konzepte, die in Christine Wallners Vokabular nicht vorzukommen scheinen. Und in ihrer Biografie schon gar nicht. „Ich war immer schon eine, die in die Zukunft schaut“, sagt sie. „Ich war schon so ein Kind, das immer nur durch Leistung bestehen konnte. Das kriegst du nie ganz weg. Bis ich damit meinen Frieden mache – da muss ich schon sehr alt werden!“ Ich sitze mit der 76-jährigen Ärztin in ihrer Wohnung in Wien-Hernals und linse verstohlen auf den Zettel mit meinen Interviewfragen. „Ruhestand?“, stand da in der ersten Zeile. Und darunter: „Relaxen?“ Nun ja.

Wenn Gesichter umarmen könnten, dann hätte Christine Wallner so ein „Umarm-Gesicht“. Es strahlt Offenheit und Wärme aus – ganz abgesehen davon, dass man ihr eher 56 als 76 Jahre zuschreiben würde. Was es aber gewiss nicht ausstrahlt, ist „Ruhestand“. Damit brauche ich gar nicht erst anzufangen.

Gut, denke ich. Dann reden wir übers Leben. Über die Umwege, über das Hinfallen, Aufrappeln, Weiterwurschteln. Weil aufgeben? Sicher nicht. Aufgeben tut man bekanntlich nur Briefe. Ein letzter Kontrollblick auf den Zettel, dann packe ich ihn weg. Christine Wallner, steht da, Ex-Frau des ehemaligen Casino-Chefs Leo Wallner, zwei gemeinsame Kinder, Cornelia und Clemens. Doch das war vor 35 Jahren. Heute macht Wallner einen unabhängigen Eindruck. Eine Definition als „Frau von …“ wird ihr längst nicht mehr gerecht.

Als die Kinder groß genug waren, folgte sie dem Weg ihres Herzens: das langersehnte Medizinstudium, die Arbeit im Spital, eine eigene Praxis. Ihr erstes Studium, die Rechtswissenschaften, hatte sie noch als brave Tochter absolviert. „Eigentlich war es schrecklich“, sagt sie, „ich möchte nie mehr einen Fuß in einen Gerichtssaal setzen!“ Damals hätte sie schlicht unreflektierte Disziplinarbeit geleistet, ihrem Vater zuliebe, der bei jeder erfolgreichen Prüfung weinte. Heute würde sie ihr Studium am liebsten verkaufen, um in Afrika ein paar Kindern mehr eine Zukunft zu ermöglichen.

Geld war auch da nach der Scheidung. Es war ihr nicht wichtig („Ich brauch nicht viel“), aber es gab den Kindern die sichere Basis einer guten Ausbildung und ihr selbst noch etwas Zeit, um ihr Medizinstudium zu vertiefen und ihren Wissensdurst mit fünf Jahren Zusatzausbildungen zu stillen.

Helfen, heilen, vor allem: nicht bloß danebenstehen, wo etwas gebraucht wird. Ärmel hochkrempeln, anpacken. In Afri-

ka habe sie Hütten mit Lehm bestrichen, erzählt sie. Ihr künstlerisches Potenzial habe sie genutzt und kostengünstig eine Lodge im Massai-Stil gebaut. Überhaupt: Aus wenigem etwas zu machen, darin ist sie Meisterin.

Also reden wir über Afrika. In ihrem dritten Lebensabschnitt wird der schwarze Kontinent zu Christine Wallners Lebensmittelpunkt. Die mittlerweile 63-Jährige packt den Arztkoffer und zieht nach Tansania. Sie wird zur „Mama Alama“, der weißen Heilerin (so auch der Titel ihrer 2014 erschienenen Autobiografie). Sie verkauft ihr Haus in Wien – ein gutes Startkapital für das Spital, das hier, im Land der Meru und Massai, entstehen soll. Aus der provisorischen Decke unter einem riesigen Maulbeerbaum – dem Zeichen ihrer Organisation Africa Amini Alama –, auf der Wallner ihre ersten Patienten betreut, wächst über die Jahre ein stattliches (und mittlerweile staatliches) Spital mit 60 Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, das bereits an die Regierung übergeben wurde.

Das Muttersein habe sie verändert – von Grund auf. Bis heute sieht Wallner darin die größte, entscheidende Kraftquelle ihres Lebens. Kinder kriegen und aufziehen war für sie ein-

fach: Da ging es um reine Liebe, Empathie und das Fördern von jungen Wesen zu selbstverantwortlichen Menschen. „Das war mein Ding, und das ist mein Leben lang geblieben. Schulen, Waisenhaus, strahlende Kinder in den Africa-Amini-Alama-Projekten: Das war für mich die bessere Option als ein zweiter Mann und noch viele weitere eigene Kinder.“

Diese zweite Option blieb ihr auch aufgrund einer nahezu lebenslänglichen Autoimmunkrankheit versagt. „Das hat mich viel Kraft und Zeit gekostet, aber es hat mir geholfen, unendlich viel Tiefe und Gottvertrauen zu entwickeln. Natürlich habe ich gehadert, mich beschwert – zuletzt habe ich es aber als mein Schicksal angenommen und war bereit, trotzdem meinen Weg zu gehen, ohne allzu viele Abstriche zu machen. Lebe voller Freude – was auch immer dabei rauskommt – und lass alles offen.“ „Heimlich hatte ich einen Pakt mit dem lieben Gott geschlossen“, erzählt Wallner. „Ich mach, was du willst, aber du musst machen, dass ich versteh, was du willst. Das mit der Krankheit? Das bitte lass nicht so arg werden, dass ich mein Ziel nie mehr verfolgen kann.“

Und so war es auch. Es gab bessere Zeiten, es gab schlechtere Zeiten, aber immerhin: Es gab sie – und das doch schon recht lange. „Darüber freue ich mich und nehme es mit einem Humor, der die fehlende Leichtigkeit ins Leben bringt.“

Wie stark verwurzelt ihr Lebenswille war, das bemerkte Wallner vor allem, als sie tot war. Eine Unendlichkeit in acht Sekunden. „Da sah ich ihn, und ich sah die ungemein spannende Inszenierung dieses Films, den wir ‚Leben‘ nennen. Obwohl es gar nicht so schlimm war, tot zu sein, war mein Entschluss klar: Ich will weitermachen! Ich wurde wach in der Intensivstation und dachte mir: Da muss ich raus – schnell.“ Zwei Tage später stellte sie vor einem großen Publikum ihre Autobiografie vor. Was ihr dabei durch den Kopf ging? „Gut, dass ich da bin.“

Wallner: „Ich spürte das Glück, eine Tochter an meiner Seite zu haben und zu wissen, dass sie mein Lebenswerk fortführen würde. Schulen wuchsen, Gäste kamen, und ihre Worte und Blicke bestätigten meinen Entschluss: Ja, es war richtig, weiterzuleben und meinen Traum nicht allzu früh abgeben zu müssen.“

Es war eine schöne Erfahrung, Hand in Hand mit ihrer Tochter das gemeinsame Afrika-Projekt weiterzubringen, ihre Enkel aufwachsen zu sehen – und zu beobachten, wie selbstverständlich in ihnen afrikanische und europäische Kultur zusammenflossen.

Ein Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit begann sich einzustellen. Das war neu. Die kurze, aber glücklose Liebesbeziehung mit einem Afrikaner trug Christine Wallner mit Humor – hatte doch ihre Mutter einst gesagt: „Ein Jude oder Afrikaner kommt mir nicht ins Haus!“ Also war auch diese Rebellion abgehakt.

Unterdessen wuchsen die Projekte von Africa Amini Alama. „Menschen, die uns dort besuchten, konnten lachen, konnten die Natur genießen und konnten mitverändern – wenn sie wollten. Es war schön, so viele dabeizuhaben. Insgeheim spürte ich wohl schon, dass es wieder einmal Zeit würde, loszulassen. Es war eine Herausforderung, aber nur eine von vielen.“ 2020 übergab Christine Wallner ihrer Tochter die Arbeit in Afrika. Im Herzen bleibt sie dem Projekt weiter verbunden.

Was kommt als Nächstes? Vielleicht doch eine Art Ruhestand? „Ich bin dabei, eine ganz neue Dimension zu lernen: Verbundenheit genügt, es muss nicht immer das Tun sein, das zählt. Ich kann mir vorstellen, dass mein Leben jetzt all die ungelebten Dinge reinlassen kann, die ich noch brauche: viel Zeit für mich, ein bisschen Zeit für die anderen und Spontanität. Einer Sache bin ich mir jedenfalls sicher: Die Wehmut über ein nicht gelebtes Leben – die wird es nie geben!“ ■

Ja, es war richtig, weiterzuleben und meinen Traum nicht allzu früh abgeben zu müssen.

Mehr: www.africaaminialama.com

Auch Tochter Cornelia Wallner-Frisee ist mit Leib und Seele Ärztin und leitet jetzt das Entwicklungsprojekt „Africa Amini Alama“ (frei übersetzt: „Ich glaube an Afrika“) im ostafrikanischen Tansania.

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