Adrian Witschi. Hoffentlich ist niemand verletzt

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ADRIAN WITSCHI

Hoffentlich ist niemand verletzt

NOVELLE

LESEPROBE


Ava spielt mit ihren Haaren. Zuerst kringelt sie einzelne Strähnen um ihren langen Zeigefinger, dann hört sie damit auf und flicht die Strähnen zu einem breiten Zopf. Den Zopf rollt sie auf, bis er wie ein Turm auf ihrem Hinterkopf hockt. In der einen Hand hält sie die Fernbedienung, die andere liegt auf meinem Oberschenkel. Eigentlich mag ich das nicht sonderlich, vor allem jetzt nicht, im Sommer und unter der Bettdecke. Wir haben uns Somewhere von Sofia Coppola ausgeliehen. Mir gefällt der Film, Ava findet ihn ein bisschen langweilig. »Macht dich das an?«, fragt sie. »Was?«, frage ich zurück. »Diese Frauen.« Ava zeigt auf den Bildschirm. Zwei blonde Zwillinge tanzen an zwei Poledance-Stangen. Sie haben beide kurze Tennisröckchen und grün-weiß gestreifte Bikinioberteile an. In ihren Händen halten sie Tennisschläger, und wenn sie sich drehen, sieht man die weißen Spitzenslips unter ihren Röckchen und die ausgebleichten Tätowierungen auf ihren braun gebrannten Rücken. Jetzt schlägt die eine der anderen mit dem Schläger auf den Hintern. Beide lächeln, und mir fällt erst jetzt auf, dass sie lange, spitze Nasen haben. »Nein, nicht wirklich«, sage ich. »Aber wenn du könntest, dann würdest du schon?« »Wenn ich jetzt Single wär’ und in dem Hotel dort und die würden für mich tanzen?« »Ja«, sagt Ava. »Und würde ich die bezahlen oder wären sie freiwillig da?« 7


»Du hättest sie bezahlt.« »Dann nicht.« Wenn wir bei Ava in der Asylstraße sind, schlafe ich meistens nicht gut. Die Straße verläuft zum Klusplatz hin ansteigend und daher müssen alle Autos und Trams, die an Avas Wohnung vorbeifahren, entweder beschleunigen oder bremsen und beides ist laut, vor allem, wenn es geregnet hat. Ich liege dann oft lange wach neben Ava und höre ihr beim Schnarchen zu. Der Film neigt sich dem Ende zu, ein schwarzer Ferrari fährt durch L.A., an grünen Straßenschildern vorbei, ohne je zu überholen, und irgendwann ist L.A. weg und das Auto bleibt in der Wüste stehen. Ava schnarcht nicht, aber sie atmet tief, tiefer als sonst, und als ich zu ihr rüberblicke, hat sie die Augen geschlossen und drückt den Hinterkopf in das Kissen. Die rechte Hand hält sich jetzt nicht mehr an der Fernbedienung fest, sondern ist zwischen ihren Beinen, und mit der linken sucht sie nach meinem Schwanz. Stephen Dorff steigt aus dem Ferrari und läuft davon. Den Schlüssel lässt er einfach stecken. Der Ferrari piepst ganz schrecklich, wahrscheinlich eine Alarmfunktion. »Ava, ich glaub’, ich mag jetzt nicht.« »Du musst auch nichts machen«, flüstert sie mir ins Ohr, dann lächelt sie und streicht mit der Hand über die Innenseite meines Oberschenkels. Ich lächle auch, mag aber trotzdem nicht. Ava rollt sich auf mich drauf, dann drückt sie ihren Venushügel gegen meinen Schwanz und hebt den Oberkörper leicht an, so weit, 8


bis nur noch ihre Nippel meinen Brustkasten berühren. Sie beginnt Kreise zu ziehen, mit ihren Brüsten und ihrem Becken, und ich spüre, wie sich mein Hodensack zusammenzieht, und schließe die Augen. »Viiisible Illuuusions«, singt jemand im Abspann, und nachher: »Oooh, where it starts it ends.« Mein Sperma ist jetzt nicht mehr dickflüssig, sondern wässrig, und bevor es auf das Laken tropft, wische ich es mit meinem T-Shirt von Avas Bauch. In ihrem Bauchnabel hat sich ein kleiner, milchiger See gebildet. Ich stülpe das untere Ende des T-Shirts über meinen kleinen Finger und tupfe den See trocken, Ava muss lachen. Ihr Kopf ist ganz rot, meiner auch, sagt sie. Ich lege meinen roten Kopf auf ihren dünnen Hals und blicke von unten auf das große Kinn. »Ich liebe dich, Vinzent.« »Ich dich auch.« Ava schläft, ich sitze am Küchentisch und rauche eine Zigarette. Es ist eine alte Zigarette, ich habe sie in der Schublade mit dem Gerümpel gefunden. Sie lag zwischen einer Rolle Klebeband und einem Set alter Pokerkarten. Wenn ich daran ziehe, knistert es. Ava muss morgen um 7.30 Uhr aufstehen. Ich muss um 7.45 Uhr aufstehen. Vielleicht stehe ich dann aber auch gleich mit ihr auf, um 7.30 Uhr. * Es ist nicht viel los in der Redaktion, ich scrolle durch die Polizeimeldungen. Zuoberst steht: Dietikon: Exhibi9


tionist wegen öffentlichen Onanierens festgenommen +++ Kantonspolizei sucht Geschädigte. Daneben das Bild eines Schattens. Ein Schatten, der einen langen Mantel trägt und auf einem Kiesweg in einem Park steht. Dann etwas weiter unten: Fällanden: Mit Heizöl beladenes Tankfahrzeug auf die Seite gekippt +++ Flüssigkeit ausgelaufen +++ Schofför bleibt unverletzt +++ Kantonspolizei sucht Zeugen. Die Kaffeemaschine steht hinter dem u-förmigen Tisch, an dem die Ressortleiter sitzen. Ganz rechts ist der Platz des Chefredakteurs, aber der ist nicht da, er ist drüben beim Layouter und macht die Schlagzeilen. Auf seinem Tisch liegt ein Laugenbrötchen mit Bissspuren, daneben steht eine zerdrückte Red-Bull-Dose. Ich drücke auf den Knopf mit der großen Tasse und schiebe eine echte Tasse unter den doppelläufigen Stutzen. Die Maschine macht Mahlgeräusche, aber ich glaube, das ist nur Sounddesign, denn ich kann nirgends Kaffeebohnen sehen. Ich habe mich extra für den größten aller Truffes-Cakes entschieden, den es im Sprüngli gab. Jetzt, neben der Kaffeemaschine und in diesem riesigen Raum, wirkt er trotzdem ziemlich mickrig. Es ist aber dennoch ein sehr schöner Kuchen. Die untere Hälfte ist rechteckig und ummantelt von einem matten Schokoladenguss. Nach oben hin verengt er sich, wie ein Satteldach, und anstelle des Schokoladengusses liegt hier Kakaostaub. Der Kuchen ist immer noch ganz, vielleicht traut sich einfach niemand, ihn anzuschneiden. Ich hole mir ein Messer aus der Schublade unter der Kaffeemaschine und schneide vom Schokoladendachgiebel her nach 10


unten. Das Messer gleitet durch die dicke Truffesmasse im oberen Teil, unten muss ich etwas mehr Druck ausüben. Irgendwann bin ich durch, der Anschnitt kippt um und bleibt auf der goldenen Kuchenunterlage liegen. Kakaostaub fällt auf die braune Tischplatte. Iwan vom People-Ressort hat sich einen Espresso rausgelassen. Er nippt an der kleinen Tasse, dann entdeckt er den Kuchen. »Ist der von dir?«, fragt er und kippt seinen Kopf leicht nach hinten, so, dass ihm der Schirm seiner Baseballmütze nicht länger die Sicht versperrt. »Ja, hab’ ich mitgebracht. Nimm nur.« »Hast du Geburtstag?!«, fragt Iwan und greift sich mit Zeigefinger und Daumen den Anschnitt. »Nein, nein. Ist mein letzter Tag hier. Da hab’ ich gedacht, ich bring’ was mit.« »Hast du gekündigt?« Iwan schmatzt. Der goldene Ring in seinem Ohrläppchen baumelt vor und zurück. »Nein. Mein Praktikum läuft aus.« Ich schneide eine neue Scheibe Kuchen ab. »Mhhmm …«, sagt Iwan und schluckt den letzten Bissen runter. »Wow, ist der gut! Darf ich noch ein Stück mitnehmen?« »Ja, klar«, antworte ich und zeige auf die Scheibe, die ich eigentlich für mich abgeschnitten habe. Iwan greift sich das Stück, dieses Mal mit der ganzen Hand. »Danke, echt voll geil, dieser Kuchen.« Der Chefredakteur steht immer noch hinter dem Layouter. Er sagt: »Schreib: Der Schläger von Erstfeld. 11


Wird er jetzt ausgeschafft?« Der Layouter sagt, dass das zu lang ist. »Dann schreib einfach: Das Monster vom Gotthard! Und drunter machst du sein Gesicht, zensiert. Aber mach den Balken kleiner. Und dann noch das Bild vom Opfer, wo man das aufgeplatzte Auge sieht. Und den Hintergrund dunkler.« »So?« »Ja, so. Sogar noch etwas dunkler.« »So?« »Ja.« Jetzt ist es ganz schön dunkel. Von hier aus sieht man eigentlich nur noch schwarz. Der Chefredakteur ist zufrieden. Er läuft zum Lift, drückt auf den Knopf und wartet, bis sich die Tür öffnet. Dann steigt er ein und ist weg. * Ava hat mir zum Geburtstag einen Ledergürtel geschenkt. Er ist geflochten und auf der Innenseite steht Graham, One Clothing, Made in Italy. Der Gürtel war etwas zu lang und daher habe ich ihn gestern zum italienischen Schuhmacher bei der Schmiede Wiedikon gebracht. Er hat gesagt, ich könne ihn heute abholen kommen. Vor mir steht ein alter Mann mit einer Plastiksandale in der Hand und diskutiert mit dem Schuhmacher. Der vordere Teil der Sandale ist abgebrochen und hängt nur noch an einem dünnen Stück Plastik. »Diese Sandale hat zwei Jahre gehalten. Das ist eine gute Sandale«, sagt der Mann. »Isch e kaputte, kann i nit flicke, isch e nüme guät«, antwortet der Schuhmacher. 12


»Die hat zwei Jahre gehalten.« »Jaja, kaputte.« Der Schuhmacher holt ein kleines, durchsichtiges Plastikfläschchen und drückt Leim in die Bruchstelle. Dann presst er den vorderen Teil der Sandale gegen den hinteren. Der alte Mann nimmt seine Schirmmütze ab, er hat keine Glatze. »Kasche nüme flicke, kaufe neui«, sagt der Schuhmacher, während er auf ein paar ausgewählte Stellen zusätzlich Leim schmiert und die beiden Sandalenteile noch stärker zusammendrückt. »Gib i undert, wenn ebt e meh als zäh Minuti! Isch e kaputte. Kaufe neui, koschte foif.« »Die hat zwei Jahre gehalten.« »Dosebach koschte foif, in Sihl … Sihlcity, Dosebach.« Der Leim scheint zu halten. Der Schuhmacher legt die Sandale auf den hölzernen Tresen und schüttelt den Kopf. »Neui koschte nur foif!« »Wie viel macht das?«, fragt der alte Mann. »Drü.« Auf meinem Gürtel klebt ein gelbes Post-it. Darauf steht dünn und zittrig Vince. »Hat es geklappt mit meinem Gürtel?« »Muss e klappe, muss e immer klappe, sust nit e guet Gschäft e.« Der Schuhmacher reicht mir den Gürtel und zeigt mit seinen feinen Fingern an, um wie viel er gekürzt hat. Seine Frau sitzt am Fenster an der Nähmaschine und pfeift ein Lied. Das Rattern der Maschine vermischt sich mit dem Gepfeife. »Super. Vielen Dank.« 13


»E.« »Wie viel kriegen Sie dafür?« »Quindici Schtei.« »Wie viel ist quindici Schtei?« »Quindici Schtei.« »Ich meine, wie viel ist quindici? Fünfzehn oder fünfzig?« »Fufzehn.« Ava ist am Telefon: »Ich glaub’, wir kriegen die Wohnung!« »Die in der Sandstraße?« »Jaaa!!!« * Ich liege auf dem Bett und klicke mich durch die Fotos auf der Digicam. Ava und ich beim Wandern auf dem Stoos. Grüne Wiesen. Ein großes Kreuz aus Holz. Eine Kuh mit Glocke. Berggipfel am Horizont. Ich klicke weiter, die Kamera piept. Ich klicke noch einmal zurück, die Kamera piept auch, aber anders, tiefer. Ich klicke jetzt vor und zurück, immer wieder, es klingt fast wie eine Polizeisirene. Die Wanderfotos sind durch, es folgen Bilder von Beas Geburtstagsparty in der Raygrodski Bar. Fünf gelbe Cocktails. Ein Quarkkuchen mit Kerzen. Bea, wie sie die Kerzen ausbläst. Fünf grüne Cocktails. Ava und Bea beim Tanzen. Der DJ mit dem Strohhut. Zwei dunkelblaue Jacken auf einem Barhocker. Dann: ein Bild von mir, wie ich zu Hause auf der Couch sitze und Playstation spiele. In der Unterhose. 14


»Im Radio läuft Don’t You Want Me von The Human League.

Ava schimpft wie ein Rohrspatz, ich versuche, mit meinem Fuß den Takt zu treffen.«

Vinzent, 30, Träumer: Soeben hat er ein Praktikum bei einer Boulevardzeitung abgeschlossen, Zukunftspläne hat er keine konkreten und Entscheidungen überlässt er gerne anderen. Seine Freundin Ava verzweifelt beinahe ob seiner Unentschlossenheit, doch lange kann sie ihm nie böse sein. Eingeladen zur Hochzeitsfeier eines Freundes auf Bali, strandet Vinzent auf der Hinreise in Indonesiens chaotischer Hauptstadt Jakarta, deren wildem Charme er sofort verfällt. Er lässt sich durch das Nachtleben treiben und landet schließlich mit zwei jungen Indonesierinnen in einem Hotelzimmer. Nach einer dramatischen Nacht besteht kein Zweifel mehr daran, dass Vinzent sein Leben ändern muss. Doch ob er das rechtzeitig schafft, bleibt fraglich.

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