Theater der Zeit Nachhaltigkeit im Theaterbetrieb
März 2025 EUR 10,50 CHF 10 tdz.de
Mit
Terézia Mora Nicola Bramkamp Daniel Kötter Bernadette Sonnenbichler Ludwig Haugk Peter Handke Alexander Scheer
ZWEI HERREN VON REAL MADRID Ab 24.4.2025 Schweizer Erstaufführung von Leo Meier
in Baden, Aarau, St. Gallen
Foto Luna Zscharnt
Theater der Zeit Editorial
Alexander Scheer
Alexander Scheer kam zum Interview für die Letzte-Seite-Rubrik „Was macht das Theater …?“ ganz entspannt aus Marokko ins Berliner Ensemble, wo er ab 20. März mit einem David-Bowie-Abend auftritt. Volker Gebhart war nicht nur von der Begeisterungsfähigkeit des Schauspielers beeindruckt, sondern auch von dessen Kenntnis der inzwischen umfangreichen Literatur über Bowie, der in den 1970ern aus Westberlin das BE besuchte, um sich dort inkognito Brecht-Stücke anzuschauen – ein großer Bogen. Das Thema Nachhaltigkeit hat Theater der Zeit schon öfter beschäftigt. Im Arbeitsbuch „Transformers – Digitalität Inklusion Nachhaltigkeit“ aus dem Jahr 2021 wird erstmals ein Nachhaltigkeitsmanagement am Theater vorgestellt, damals an der Oper in Göteborg. Inzwischen gibt es das Phänomen in wachsender Zahl im gesamten deutschsprachigen Theater. TdZ-Redakteurin Elisabeth Maier porträtiert Anna Haas, die am Staatstheater Karlsruhe diesen Aufgabenbereich
Theater der Zeit 3 / 2025
übernommen hat – Teil des umfangreichen Schwerpunkts zum Thema, dazu auch das Kunstinsert von Daniel Kötter und seinem Feld des Extraktivismus. Auch den Neustart am Rheinischen Landestheater Neuss könnte man noch dem Thema zuordnen, denn die Intendantin Marie Johannsen hat das Foyer zu einem öffentlichen Raum zur Stadt hin gemacht – nachhaltige Nutzung von Theaterräumen. In den ersten Tagen dieses Monats wird weltweit Karneval gefeiert. Anders als in Deutschlands, Österreichs und Schweizer Karnevalsregionen hat das Ereignis mit rauschenden Festumzügen in der Karibik auch schmerzhafte historische Wurzeln. Tom Mustroph, der den Karneval in Trinidad und Tobago schon mehrfach erlebte, beschreibt das Ereignis dort in der Spannung zwischen Touristenkommerz und fortgesetzter Auflehnung gegen das koloniale Erbe, zu dem einstmals der erstaunliche Rollentausch von Herren und Sklaven gehörte. Aktuelle Kritiken wie immer unter tdz.de Thomas Irmer
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Theater der Zeit
Thema Nachhaltigkeit im Theaterbetrieb 12 Gespräch Das Thema Hitze wird in Zukunft auch dazugehören Nils Hilkenbach vom Programm Fonds Zero der Kulturstiftung des Bundes Im Gespräch mit Thomas Irmer
15 Essay Leere Bühnen für volle Köpfe? Warum Kunst und Kultur die entscheidenden Narrative für Nachhaltigkeit liefern müssen Von Nicola Bramkamp, Carolin Löffler, Jana Popihn (SAVE THE WORLD)
18 Essay Lego meets Ikea Wie ein modulares Bühnenbild am Wuppertaler Opernhaus eingesetzt wird Von Sophie Strahl
20 Porträt Mit nachhaltiger Kunst die Menschen berühren „Paradise Found“, Regie und Konzept von Kevin Barz am Staatstheater Karlsruhe. Komposition von Paul Brody und Medien technik von Frieder Gätjen
Anna Haas ist die erste Nachhaltigkeitsmanagerin am Staatstheater Karlsruhe Von Elisabeth Maier
Weitere Texte zum Thema finden Sie im Dossier unter tdz.de/klimawandel
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Foto links oben Armin Smailovic, links unten Abbildung generiert mit KI von Kevin Barz, Zeichnungen rechts oben Daniel Zeltner
Pauline Rénevier in „Blue Skies“ von T. C. Boyle. Regie Jan Bosse am Thalia Theater Hamburg
Inhalt 3 / 2025
Akteure 24 Kunstinsert Erst der Wald, dann der Boden Daniel Kötters Arbeiten zum Extraktivismus öffnen mit „Roden“ eine neue Dimension Von Lara Wenzel
30 Porträt Meisterin der Bearbeitungen Bernadette Sonnenbichlers Spezialität sind subtile Bühnenfassungen von Romanen und Drehbüchern, 2026 wird sie Intendantin in Heidelberg Von Stefan Keim
34 Nachruf Der Anti-Prahler Zum Tod von Michael Börgerding Von Alexander Schnackenburg
35 Nachruf Adlerauge für das Unwesentliche
Stück Labor 2023/24
Nachruf auf den Schauspieler und Regisseur Otto Schenk Von Hermann Beil
37 Stücke Neue Schweizer Dramatik
Diskurs & Analyse
Von Laura Chaignat
72 Salzburg Kein „Jedermann“-Theater
Von Anaïs Clerc
Die Salzburger Festspiele, der Fall Marina Davydova und die nicht abreißende Kritik an Intendant Markus Hinterhäuser
39 „Freundschaft – bitte nur noch mit Gießanleitung“ 47 „Schimmernde Schluchten“ 55 „Totreif“
Von Stefanie Panzenböck und Lina Paulitsch
Von Fabienne Lehmann
74 Tagung „Nur die Kunst kann uns retten“
62 „Wer bremst, bleibt“
Ästhetische Formate der Erinnerungskultur: Die Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Nürnberg Von Elisabeth Maier
76 Serie: Dramaturgie der Zeitenwende Das Problem mit der Apokalyptik Von Ludwig Haugk
Von Silvan Rechsteiner
Magazin 4 Bericht Zeit, die Machtfrage(n) zu stellen
Report
Von Michael Helbing
80 Österreich Erschütterungen von „Felix Austria“
Von Thomas Irmer, Lara Wenzel, Elisabeth Maier und Anne Fritsch
Österreichs Kunstproduzenten in Theater und Literatur vor dem wahrscheinlichen Regierungsantritt der rechtspopulistischen FPÖ Von Michael Hametner
84 Neuss Der Knitting Club, die Spielonauten und Shakespeare Marie Johannsen baut das Rheinische Landestheater Neuss zu einem sozialen Ort mit offenem Foyer um Von Stefan Keim
86 Dresden „Das Publikum ist kein toter Briefkasten“ Die Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden in der neuen Leitung von Christiane Lehmann Von Lara Wenzel
88 Trinidad und Tobago Spektakelindustrie oder Tradition des Aufbegehrens? Der Karneval in Trinidad und Tobago: Hochoffizieller Wettbewerb und wilde Feier der Massen mit der Wut über vergangene Sklaverei und aktuelle Zumutungen Von Tom Mustroph
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6 Kritiken Gesammelte Kurzkritiken
8 Kolumne Das Nest sauber halten Von Terézia Mora
92 Vorabdruck Dekoloniale Verschiebungen Von Grit Köppen
94 Bücher Peter Handkes neues Stück Von Thomas Irmer
96 Was macht das Theater, Alexander Scheer? Im Gespräch mit Volker Gebhart
1 Editorial 95 Autor:innen & Impressum 95 Vorschau
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Zeit, die Machtfrage(n) zu stellen Wie der Kulturmanager und Publizist Fabian Burstein auf Deutschland und Österreich blickt Von Michael Helbing
Der österreichische Autor und Kulturmanager Fabian Burstein
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Mit heftigen Vorwürfen von Machtmiss brauch und vor allem verbaler sexueller Ge walt am Wiener Theater an der Josefstadt be fasste sich Fabian Burstein jüngst wiederholt in seinem Podcast „Bühneneingang“. In die sem zeigt er uns seit Mitte 2024, so jedenfalls sein Slogan, „den Kulturbetrieb von innen, so, wie er wirklich ist“. Wie es an der Josefstadt unter dem künstlerischen Direktor Herbert Föttinger seit Jahr und Tag wirklich zugehen soll, hatte indes zunächst die Tageszeitung Der Standard recherchiert und öffentlich gemacht. „Wer als Künstler erfolgreich sein will, muss übergriffig sein“, zitierte darin eine Quelle den Chef. Mitarbeiter würden ange brüllt, herabgewürdigt, „mit Existenzvernich tung“ bedroht. Ein in Bursteins Podcast be sprochener externer Untersuchungsbericht mahnte dann Ende Dezember einen dringend notwendigen Kulturwandel an, den ein ohne hin anstehender Führungswechsel begünsti gen soll: Zur Saison 2026/27 übernimmt Ma rie Rötzer, Intendantin des Landestheaters Niederösterreich, die Direktion von Föttinger. Derart herabwürdigende und zudringli che Umgangsformen seien ihm in seinem Bereich so noch nicht untergekommen, er klärte der investigative Wirtschaftsjournalist Michael Nikbakhsh im Podcast auf Bursteins Nachfrage. „Ich kenne keine CEOs, die sagen würden: Man muss Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern blöd kommen, um sie zu Höchstleistungen anzustiften.“ Er glaube al lerdings auch nicht, dass dergleichen im Theaterbetrieb so normal sei. „Leider eben doch“, entgegnete ihm sofort der mit diesen und anderen Fällen immer wieder befasste Opferanwalt Wolfgang Renzl. Leider eben doch – das ist gewisserma ßen auch ein Befund von Fabian Burstein. Denn innerhalb der (österreichischen) Thea ter, sagt dieser im Gespräch mit Theater der Zeit, würden permanent neue Generationen mit der Anbetung nicht nur der immerglei chen Stoffe sozialisiert, sondern eben auch der Wirkmechanismen und der „Strukturen, die für gottgegeben gehalten werden“. Und so gelangen wir gleichsam spielend zur Machtfrage, wie sie Burstein in seiner 2024 in der Wiener Edition Atelier erschienenen Streitschrift „Empowerment Kultur“ doppel bödig stellt. „Lasst uns das Thema Macht nicht mehr länger wegdrücken und als niederen
Instinkt schlecht beleumundeter Berufs gruppen stigmatisieren“, fordert er darin. Ständig höre er in seiner Kulturblase, es geht ja nicht um Macht, es gehe doch um die Sache. Burstein nennt das im Gespräch eine glatte Lüge, sofern es die die Innenper spektive betrifft und man etwa auf toxisches Führungsverhalten blickt. Und er schreibt dazu zweierlei auf: „In der Kultur geht es ständig um Macht, aber meistens leider um einen sehr kleingeistigen Machtbegriff.“ Allerdings, und das ist die Außenperspekti ve: „Wenn es um die sogenannte Sache“ geht, braucht man Macht – und zwar als Ins trument der konsequenten Veränderung.“ Es handele sich um eine positive Macht, die man entlang klarer Werte und mit der Kennt nis des kulturpolitischen Handwerks aus übe. „Das gilt eben nicht nur für Politiker:in nen, sondern für alle, die Führungspositionen im Kulturbetrieb innehaben.“ Kaum war „Empowerment Kultur“ er schienen, begann in Berlin, was sich bald zum Flächenbrand in Deutschland auszu weiten schien: jene „Kürzungskatastrophe“ nämlich, wie Theater der Zeit im Januar-Heft angesichts der Sparpläne in Kulturhaushal ten von Kommunen, Ländern und Bund titel te. Burstein fühlt sich durch dergleichen in seinen Thesen bestätigt: „Wir zahlen jetzt die Zeche dafür“, erklärt er, „dass wir uns nie um eine kulturpolitische Machtlobby geküm mert haben.“ Die Szene habe noch nicht durchdrungen, dass kulturpolitische Fragen maßgebliche steuerungspolitische Fragen für eine Stadtgesellschaft sind. Man muss bei allem, was Burstein sagt und schreibt, stets ein bisschen die Doppel rolle berücksichtigen, die er sich bereits im seinem Vorgängerbuch „Eroberung des El fenbeinturms“ (Edition Atelier, Wien 2022) zuwies: als Wiener Publizist mit guter Ver netzung in der dortigen Kulturszene und als Kulturmanager in Deutschland nämlich. Er leitete seit 2013 in Mannheim das Kultur zentrum Forum, war dann auf der anderen Rheinseite, in Ludwigshafen, für das Kultur zentrum dasHaus, für die Kulturförderung und kulturelle Stadtentwicklung sowie mehrere Festival- und Soziokulturformate zuständig, bevor er wiederum in Mannheim die Leitung des Kulturprogramms für die Bundesgartenschau 2023 übernahm. So eben wurde Burstein nun zum neuen Inten
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Foto Globart
Magazin Bericht
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Im Vergleich erscheint Deutschland mitunter fast als leuchtendes Vorbild. Die hiesige Szene erlebt er demnach als deutlich veränderungsbereiter.
danten und Geschäftsführer der niederös terreichischen Denk- und Diskurswerkstatt GlobArt berufen. Seine Kritik an Theater- und überhaupt Kulturbetrieben richtet sich in seinen Bü chern nicht ausschließlich, aber doch in ers ter Linie an österreichische Zustände: Filz und Korruption, Inkompetenz bei der Perso nalauswahl und beim ausgewählten Perso nal, wenig Veränderungsbereitschaft. Dem gegenüber erscheint Deutschland mitunter fast als leuchtendes Vorbild. Die hiesige Szene erlebt er demnach als deutlich verän derungsbereiter, insbesondere die Theater bekämen in der Folge einer wesentlich grö ßeren Klarheit und Korrektheit beispielswei se in der Personalauswahl oft die Besten, die dann eben einen Blick dafür hätten, wie sich Theater in die Zukunft entwickelt und adaptiert werden muss. „Diese rationaleren Managements können auch reifer mit et waigen Finanznöten umgehen“, sagt Bur stein im Gespräch. Die hiesige Kulturfinanzierung be schreibt er als längst nicht so stabil wie jene in Österreich, wo man das Prinzip der „frei willigen Leistung“ so nicht kennt, weshalb die Kultur bei Sparrunden nicht zuerst in die Manövriermasse rutsche. Das habe indes zur Konsequenz, dass in Österreich bislang fast alles so weiterlaufe wie bisher und in Kulturbetrieben, dem Habitus nach, „aus Gutsverwaltern Gutsherren geworden“ sei en. Strukturelle Unterschiede erklärt Bur stein aber auch damit, dass es in Österreich mit Wien eine einzige richtig große Stadt gibt, in Deutschland aber 80 Großstädte mit teils sehr gut geführten und funktionieren den Theatern, obschon die gleichwohl auch ihre Probleme haben. Und doch: Die kulturpolitische Macht frage stellt sich, bei allen Unterschieden, wohl ähnlich. In diesem wie in jenem Land
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braucht es laut Burstein eine Professionali sierung der Kulturpolitik. Und Kulturpolitiker müssten einen umfassenderen Führungs anspruch stellen und z. B. auch als Haus haltspolitiker agieren. In „Empowerment Kultur“ skizziert Burstein seine Grundidee einer politischen Sektorkoppelung: „Man reißt sich die planenden und genehmigen den Ämter unter den Nagel und garantiert so die Utopiefähigkeit einer Stadt.“ Dass sich auch der institutionelle Kulturbetrieb bislang eher um Kunst- als um Kulturpolitik gekümmert und z. B. niemals ernsthaft in der Wohnbau- oder Mobilitätspolitik mitge mischt habe, sei ein historisches Versagen. Einmal in seinem Berufsleben habe er es anders erlebt: als mit Peter Kurz in Mannheim ein profilierter Kulturpolitiker Oberbürger meister geworden sei (2007 bis 2023). Zuvor Bürgermeister für Bildung, Kultur und Sport habe Kurz Stadtentwicklung aus der Pers pektive der Kulturpolitik gedacht und in die sem Sinne auch die Bundesgartenschau stra tegisch als „Integrationsfaktor“ entwickelt. Eine solcher Integrationsfaktor scheint zu fehlen, wenn in den aktuellen Kürzungs debatten nennenswerte Gegenwehr der Zivilgesellschaft ausbleibt. Als etwa das Aktionsbündnis #BerlinIstKultur vor dem Brandenburger Tor demonstrierte, kamen laut Polizei rund 1000 Leute, vor denen etwa Lars Eidinger, Axel Prahl und Katharina Thal bach auftraten. „Im Wesentlichen hat die Szene für sich selbst protestiert“, hält Fa bian Burstein fest. Man müsse dahin kom men, dass die Menschen für diese Szene auf die Straße gehen, weil sie unsere Demo kratie und unser Alltagsleben ohne solche Kultureinrichtungen und -initiativen als schwächer und weniger sinnstiftend be trachten. Bereits in „Eroberung des Elfenbein turms“ hatte Burstein gefordert, die Kultur müsse „sich mit dem Publikum und der Ge sellschaft, in der Kultur wirken soll, solida risch zu erklären.“ Da dies nicht oder nicht ausreichend geschieht, ließe sich sagen, lässt es das Publikum, das tatsächliche wie das potenzielle, nun in der Not auch an Soli darität mangeln. Das ist Teil eines umfassenden Befunds der Entfremdung, wie ihn Burstein nieder legt. Und auch hier geht es letztlich um nichts anderes als um Macht. T
www.tobs.ch
Ab 21.03.2025 Stadttheater Solothurn & Biel
Frank Buchser in Amerika
Ein Recherche-Projekt Katharina Ramser
Magazin Kritiken
Staatsschauspiel Dresden
Stadtplan mit lebendem Gedächtnis „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein in einer Bühnenfassung von Tilmann Köhler, Uta Girod und dem Spielensemble – Regie Tilmann Köhler, Bühne Karoly Risz, Kostüme Susanne Uhl, Choreografie Gal Fefferman, Live-Musik Matthias Krieg
A
m Anfang stehen die sieben Spieler:in nen als Gruppe eng zusammen und scheinen sich mit synchronen Bewegun gen von Armen und Oberkörpern so in die Höhe zu drängen, dass beinahe der Effekt eines Schwebezustands auszumachen ist, am hinteren Rand eines leicht schräg ge stellten Stadtplans von Dresden. Auch das 2023 erschienene Buch zeigt eine Karte Dresdens mit der Topografie des noch un zerstörten Stadtzentrums. Mit seiner Hil fe kann man die Wege und Orte der Dora Wachtel imaginieren, von denen Durs Grün bein aus dem Leben seiner Großmutter als junge Frau in den Jahren 1936 bis zum Tag nach dem Feuersturm des 13. Februar 1945 in „Der Komet“ erzählt. In einer Verbindung von biografischem Bericht und kulturhisto risch erkundeter Alltagsgeschichte, darin auch die nationalsozialistische Prägung Dresdens. Tilmann Köhler wählt die epische Thea terform des kollektiven Erzählens. Das En
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„Das Spiel ist aus // Die Hamletmaschine“ von und nach Heiner Müller. Regie Clara Weyde am Theater Magdeburg
Theater Magdeburg
„Das Spiel ist aus“ „Die Hamletmaschine“ von und nach Heiner Müller – Regie Clara Weyde, Bühne Louisa Robin, Kostüm Clemens Leander, Musik Thomas Leboeg
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u Beginn wird das Bühnenbild abgeris sen. „Das Spiel ist aus“, die angesetzte Inszenierung nach dem Stück von Jean-Paul Sartre ist abgesetzt. Zum Einlass aufgekleb te Silhouetten werden entfernt, denn heute wird Heiner Müller gespielt. In Reaktion auf die rechten und antidemokratischen Wahl ergebnisse, dessen vorläufiger Höhepunkt der wiederholte Amtsantritt von Trump mar kiert, entschieden sich Regisseurin Clara Weyde und Kostümbildner Clemens Lean der aus dem Leitungsteam, dass es Zeit sei, Müller auf den Spielplan zu setzen. In zwei Stunden umkreisen sie den in der DDR ent standenen Text über Verfall, Verwesung und Verzweiflung am System des Sozialismus. Die totale Vernichtung der Welt, die am Ende der „Hamletmaschine“ steht, ereignet sich heute Abend in einem verlassenen Gasthaus. Holzgetäfelt und geziert mit Jagd trophäen findet man diese Schänke, nach einem Entwurf von Louisa Robin, wohl in je der größeren Ortschaft um Magdeburg. Stammtische hält hier niemand mehr ab. Den staubigen Bühnenraum bevölkern nur noch bleiche Gestalten, die zu gespensti scher Musik ihre Totentänze abhalten. Ob wohl das Sujet düsterer nicht sein könnte, sieht man den zehn Schauspieler:innen, die Hamlet und Ophelia sprechen, die Ernsthaf tigkeit nicht an: Alberne Halskrausen, gro teske Gesten und blau-grüne Schminke ver wandeln sie in Untergangsclowns, denen man das eigene Elend fast nicht abnimmt. Vereinzelt wirkt Müllers Text durch die eher assoziativ-fragmentarische Inszenie rung hindurch in die Gegenwart. So er scheint der Abschnitt „Pest in Buda Schlacht um Grönland“ angesichts der Pläne der USA, die dänische Insel zu für sich zu reklamieren, in neuem Licht. Aber auch die folgende Be schreibung des Budapester Aufstands von 1956, in der der Autor zerrissen ist zwischen Solidarität für die antistalinistische Bewe gung und der Idee des sozialistischen Staa tes, klingt nach. Heute spannen sich die Fronten allerdings zwischen einer antielitä ren, reaktionären Bewegung und einer kon servativen Demokratie auf, die beide keine progressiven Utopien in sich tragen. // Lara Wenzel
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Fotos links oben Sebastian Hoppe, unten Gianmarco Bresadola, rechts oben Natalie Grebe/Nationaltheater Mannheim, unten Gabriela Neeb
Das Ensemble von „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein in der Regie von Tilmann Köhler am Staatsschauspiel Dresden
semble beherrscht ausgezeichnet das Wechselspiel zwischen der Erzählung von Doras liebloser Kindheit in einem schlesi schen Dorf und z. B. der Verwandlung der männlichen Schauspieler in meckernd ihre Hüterin kosende Ziegen. Schnell scheint diese Art des Erzählens auf der Bühne er schöpft, wird aber mit schärferen Konturen im Folgenden sehr viel lebendiger. Über dem Stadtplan schwebt eine Spiegelwand und mit Dora und ihrer Freundin Gertrud entstehen Figuren, die nicht nur wie kurz angerissen wirken – exzel lent Henriette Hölzel und Anna-Katharina Muck als junge Frauen voll aufstrebender Lebenslust. Einige Tafeln, aus denen der Bühnenstadtplan von Karoly Risz zusam mengesetzt ist, werden entfernt, sind nach einander dunkles Wasser zum Schwimmen und Verweise auf die Luftschutzkeller unter der Stadt. Für den letzten Teil wird der Rück wandspiegel so gestellt, dass sich alle im Publikum darin sehen, als Gemeinschaft, die der Erzählung von Dora im Untergang Dres dens gebannt lauscht. Tilmann Köhler ist mit seinem Ensemble nach einem schwierigen Anlauf dann doch etwas mit dieser Form ge lungen, das man in der Wirkung erschüt ternd nennen darf. // Thomas Irmer
Magazin Kritiken
Baris Özbük und Shirin Ali in „Druck!“ von Arad Dabiri am Nationaltheater Mannheim
Nationaltheater Mannheim
Angstfantasien der Hip-HopGeneration „Druck!“ von Arad Dabiri (UA) Regie Ayşe Güvendiren, Bühne Theresa Scheitzenhammer, Kostüme Oktavia Herbst
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ie stehen ständig unter Strom. In einer Gesellschaft, die immer mehr vom Ras sismus gesteuert wird, verlieren sie ihren Halt. Mit seinem Stück „Druck!“ kratzt der Wiener Autor Arad Dabiri an der Fassade westlicher Gesellschaften, die in Rassismus und rechte Gewalt abdriften. Für die Ur aufführung am Nationaltheater Mannheim hat die Regisseurin Ayşe Güvendiren nicht nur tief in den Rhythmus des Textes hinein gehorcht, der die Ängste einer Generation reflektiert. Ihre dynamische Inszenierung dieses Stückes der Stunde überzeugt mit politischem Tiefgang. Zwar verortet der Autor den Text in sei ner Heimatstadt Wien. Aber die Probleme, die die jungen Menschen da auf einer Park bank verhandeln, lassen sich in viele multi kulturelle Gesellschaften übertragen. Was es bedeutet, wegen seines Namens oder seiner Hautfarbe ausgegrenzt zu werden, weiß der Wiener Autor aus eigener Erfah rung. In der Uraufführung stehen Schauspie ler:innen auf der Bühne, die selbst im Alltag diskriminiert werden. Dabei sind die Erleb nisse eng verknüpft. „Schuld zieht sich durch alle Geschichten, Familien, alle Orte dieses gottverdammten Kontinents“, sagt Omar. Klug balanciert der Schauspieler
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aleb Felder die Gefühle des jungen Man C nes aus, dessen Familie aus den französi schen Kolonien stammt. Die Uraufführung mit einem Ensemble zu realisieren, das selbst aus Familien mit Migrationshinter grund stammt, war Dabiri wichtig. Beim Hei delberger Stückemarkt 2024 gewann er den Autor:innenpreis – gemeinsam mit dem Kol lektiv Frankfurter Hauptschule. Regisseurin Güvendiren und ihr Team lassen sich nicht vom Zeitgeist verführen. Sie interessiert die politische Tiefenschärfe, mit der Sprach künstler Dabiri das Abgleiten der europäi schen Demokratien in rechte Wertsysteme analysiert. Dabei rockt der 27-Jährige die schnellen Dialoge mit Sätzen, wie man sie aus dem Rap kennt. Dazu tanzen die Schau spieler:innen Hip-Hop. „Druck!“ ist kein Schock-Theater, das auf Effekte zielt. Das konsequente Körper theater, für das sich Regisseurin Güvendiren bei der Uraufführung entschieden hat, lenkt den Blick auf die Menschen. Die Authentizi tät, mit der die Spieler:innen ihre Geschich ten erzählen, berührt. Die nackte Angst die ser Generation zeigt, dass der Schoß für die menschenverachtenden Werte der Nazis fruchtbarer ist als je zuvor. // Elisabeth Maier
„Caligula“ von Albert Camus. Regie Ran Chai Bar-zvi am Münchner Volkstheater
Münchner Volkstheater
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inter einem Gaze-Vorhang schreiten sie über die leere, birkenholzvertäfelte Büh ne. Eine Trauergesellschaft in schillernden Kostümen, die hier an römische Tuniken, da an Rüstungen erinnern und doch in gender fluider Ästhetik alles Gewesene neu inter pretieren. Im Zentrum: Steffen Link als Kai ser Caligula, ganz in Schwarz. Oben trägt er einen Brustpanzer, unten einen ausladenden Rüschenrock. In einer Urne die Asche sei ner Schwester, die auch, so weiß das Volk, seine Geliebte war. Zu dröhnenden, quälen den Sounds wird sie in ein Loch im Bühnen boden versenkt. Caligula schleift sich hin, schlägt aufs Grab, bleibt erst mal liegen. Als er irgendwann wieder zu sich kommt, fantasiert er vom Mond, wie andere Machthungrige heute vom Mars fantasieren. Er will sich die Welt nach seinem Wohlgefal len schaffen, koste es, was es wolle. Die Mit tel hat er als mächtigster Mann der römi schen Welt, Skrupel dagegen keine. Es ist ein Zufall, dass die Tyrannenstücke sich in dieser Woche in München ballen. In dieser Woche, die mit der Amtseinführung eines ebensolchen begann, an den an diesen Abenden wohl alle auch denken. Den neuen alten US-Präsidenten. Das ist ein Zufall, die Häufung derartiger Stoffe jedoch nicht. Die ist eine Reaktion auf das, was rund um uns herum seit Jahren passiert, die überall auf keimende neue dominante Männlichkeit. Momente der Grausamkeit und der Zartheit wechseln unvermittelt. Dieser Cali gula, den Steffen Link da unglaublich wand lungsfähig spielt, ist vor allem eines: unbere chenbar. In einem Moment ordnet er eine geplante Hungersnot an, im nächsten ku schelt er sich in den Schoß seiner Geliebten wie ein kleines Kind. (Dass er auch sie, sei nen Halt, später ermorden wird, wen wun dert’s?) Mit irrem Blick, großartig in seiner Ich-Bezogenheit, läuft er mit einem Vorhang als Umhang über die Bühne, nichts sehend als sich selbst. Seine Untergebenen demü tigt er nach Lust und Laune. // Anne Fritsch
Polonaise des Grauens „Caligula“ von Albert Camus – Regie Ran Chai Bar-zvi, Bühne Ansgar Prüwer, Kostüme Marilena Büld, Musik Evelyn Saylor
Die Langfassungen und weitere Theaterkritiken finden Sie unter tdz.de/kritiken
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Das Nest sauber halten Von Terézia Mora
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Neulich war ich drei Wochen in Budapest und ging fünf Mal ins Theater. Erstens, um informiert zu sein, und zweitens, weil ich mir in Ungarn auch die guten Plätze leisten kann. Außer das eine Mal, als ich darauf angewie sen war, durch Beziehungen auf eine Kolle genkarte für das Musical nach Ferenc Mol nárs Jugendroman „Die Jungen aus der Paulstraße“ zurückgreifen zu müssen, weil es einfach immer ausverkauft ist. Reihe sie ben, Mitte. Bis kurz vor Beginn waren sogar die beiden Sitze vor mir leer. Kann man so ein Glück haben? Kann man nicht. „Sie“ (Wer? Wer auch immer gerade Schicksal spielt) warten, bis du Hoffnung auf unver dientes Glück geschöpft hast, und dann kommen sie. Die Ungarn sind im Allgemei nen nicht sehr groß, bis auf jene beiden jun gen Menschen, die diesmal kamen. Ein jun ges Paar, das – ich wünschte, ich hätte ein Beweisfoto – einen Kopf größer war als jede andere Person im vollbesetzten Theater. Normalerweise ragen von der Schulter eines durchschnittlichen Ungarn etwa sieben Zentimeter über die Sitzkante, darauf kommt noch etwas Hals und der Kopf. Die Schultern dieses jungen Paares ragten 20 Zentimeter über die Sitzkante plus lange, schöne Hälse und wohlgeformte Köpfe mit prächtigem Haar plus zwei Schmetterlingsklammern, die die Frisur der jungen Frau oben auf ihrem Kopf hielten. An diesen beiden Hörnchen vorbei konnte ich mir – mal links, mal rechts – anschauen, wie Männer, die auf die 40 zu gehen, synchron tanzten. Durchaus sexy – „Manche Frauen gehen für nichts anderes hin“ –, schade, dass es in „Die Jungen aus der Paulstraße“ nicht darum geht. Im Roman halten uns die Kinder einen Spiegel vor, wenn sie einen Verein gründen – ordentlich, mit Satzung und Mitgliedsbeiträgen –, des sen Ziel das Kauen von Fensterkitt ist. „Gitte gylet“ („Kittverein“) ist seitdem ein geflügel tes Wort geworden für alles Sinnlose und Aufgeblasene, das sich nicht entblödet, in einem offiziösen Gewand daherzukommen. Ebenso, wenn Kinder spielen, dass sie Sol daten sind, und jeder ist ein Offizier außer dem Kleinsten, dem Nemecsek, und wenn dann der Größte unter ihnen das Kriegsrecht ausruft und sich selbst im gleichen Atemzug zum General ernennt, wirft das ein ganz an deres Licht auf alles „Herrliche“, als wenn all das von Männern Mitte 30 gespielt, gesun gen, getanzt wird. Natürlich: Was willst du sonst in einem Musical tun? Und wenn es so erfolgreich ist
wie diese Inszenierung, gibt es keine Hoff nung, dass so bald eine andere Herange hensweise akzeptiert würde. Nicht einmal, wenn man weiß, dass es sich um die Insze nierung eines an einem unschönen #MeTooSkandal beteiligten, bereits verstorbenen Regisseurs handelt. Über Tote nichts als die Wahrheit, aber culture, die so erfolgreich ist, wird nicht gecancelt. Nein, ich werde diese Kolumne nicht für Theaterklatsch benutzen. (Andererseits, wa rum nicht?) Über Tote, die sich nicht wehren können. Wenigstens müssen sie es auch nicht, wie es (beinahe) so schön in „Liliom“ heißt, auch von Ferenc Molnár, der, auch das weiß jeder, jede seiner drei Frauen geschla gen hat, bis die Dritte einen Kerzenleuchter in die Hand nahm und sagte: Versuch’s und ich brat dir eins über, dass du liegen bleibst. „Solange sie es zu Hause, zwischen vier Wänden machen …“, sagt man zu vielem in Ungarn, wo es ein Gesetz gegen „homo sexuelle Propaganda“ in Kulturprodukten für Kinder und Jugendliche gibt, aber keines gegen Vergewaltigung in der Ehe oder häus liche Gewalt gegen Kinder. Ja, das sollen ruhig alle wissen, im Inwie im Ausland. Ich rede schlecht übers Nest, weil es das ist, was das Nest sauber hält. Abgesehen von all dem hatte ich durch aus meinen Spaß. „Wir sind der Grund“ ist ein sehr gutes Lied. „Wozu sich fürchten, wofür willst du leben, wenn nicht für einen Traum?“ T
Hier schreiben unsere Kolumnist:innen im monatlichen Wechsel: die Schriftstellerin und Übersetzerin Terézia Mora, die Dramaturgin Anna Bertram und ein Team vom Theaterhaus Jena.
Theater der Zeit 3 / 2025
Foto links Antje Berghäuser, rechts Theater Casino Zug Caroline Minjolle, Ballhaus Naunynstraße Naima Maleika, Kaserne Basel Veronique Hoegger, Sophiensaele Berlin Benjamin Egger, Radialsystem Oliver-Proske
Magazin Kolumne
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präsentiert Theater Casino Zug Am Sonntag, den 13. März 2025, zeigen die Zürcher Tanzcompany Mafalda und die Compagnie Chamarbellclochette aus Genf ihre gemeinsame Kreation „Petitpas & ich“ im Theater Casino Zug. Das Stück für eine Tänzerin und eine Marionette macht Menschen ab 5 Jahren Mut, sich von der eigenen Fantasie überraschen zu lassen. theatercasino.ch 30.3., 15 Uhr und 31.3., 9:30 Uhr (Schulvorstellung)
Kaserne Basel Deep-Listening-Theater „UNTER UNS – Eine Reise in die Tiefen des Bodens“ von Dimitri de Perrot: eine immersive Raum- und Klanginstallation zu den verborgenen Welten des Bodens. Alle Infos unter kaserne-basel.ch 27. bis 29.3.
„The whole Truth about Lies“ Radialsystem, Berlin Wer die ganze Wahrheit über Lügen sucht, wird im Paradoxen fündig – oder im Theater. Das aktuelle Projekt von NICO AND THE NAVIGATORS über Selbstbetrug, Fremd bestimmung, Notlügen und Trugschlüsse. Infos und Tickets: navigators.de 10. bis 13.4. Neuköllner Oper, Berlin Ferdinand von Schirachs Erzählung als Musical: drei Neuköllner Jungs auf der Suche nach dem großen, schnellen Glück. Und der finalen Erkenntnis, dass es durchaus seine Vorteile haben kann, ein kleiner Fisch zu sein … Bis 16.3.
Mozartfest Würzburg Sinfoniekonzerte, Kammermatineen und Formate abseits der Konvention: Unter dem Motto „Aber durch Töne: Freund Mozart“ präsentiert das Mozartfest Würzburg in 90 Veranstaltungen Klassik am Puls der Zeit. Informationen unter mozartfest.de 23.5. bis 22.6.
„Eventually Causing the Shake“ von Lois Alexander
Ballhaus Naunynstraße, Berlin Der Geruch von Pampas-Gras, das Echo der Hochbahn, süß-klebriger Reis auf der Zunge: Erinnerungen überlagern sich zu Identitäten. Lois Alexanders Solo zeigt durchschrittene Landschaften und diasporische Veränderungen. 5. bis 8.3.
Theater der Zeit 3 / 2025
VERBRECHEN – TANATAS TEESCHALE
Sophiensæle Berlin In „SANE SATAN“ widmet sich Performancekünstlerin Teresa Vittucci auf humorvolle Weise der wohl schillerndsten Figur unserer Kulturgeschichte: dem Teufel. 7. und 8.3.
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Thema Nachhaltigkeit
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Theater Theater der der Zeit Zeit 32 / 2025
Foto Armin Smailovic
Nachhaltigkeit ist eines der großen Themen der Zeit: in der Wirtschaft, in der Politik und in der Kultur, die dafür Aufklärungsarbeit leistet und eine Vorbildrolle erfüllen will. Im hochkomplexen System Theater geht es vor allem um ressourcenbewusste Mobilität, energieeffiziente Bauten und nachhaltiges Produzieren der Kunst selbst. Alles immer im Übergang zu anderen Bereichen, denn alles hängt mit allem zusammen und wird dabei über die Zukunft, auch jener der Kultur, mitentscheiden. Nils Hilkenbach von der Kulturstiftung des Bundes, die mit dem Fonds Zero Fördergrundsätze für klimaneutrale Kunst- und Kulturprojekte entwickelt, spricht im Interview über dafür wichtige Aspekte im Theater- und Festivalbetrieb. Das Staatstheater Karlsruhe hat – wie einige andere Theater inzwischen auch – eine Nachhaltigkeitsmanagerin: Anna Haas wird in ihrem breiten Aufgabenspektrum von der Baden-Württemberg-Redakteurin Elisabeth Maier porträtiert. Nicola Bramkamp erörtert zusammen mit ihren Kolleginnen vom Projekt SAVE THE WORLD die Wichtigkeit von Klimaerzählungen auf der Bühne, dazu das Beispiel für ein vielleicht wegweisendes modulares Bühnenbild an der Wuppertaler Oper von Sophie Strahl.
Pauline Rénevier in „Blue Skies“ von T. C. Boyle. Regie Jan Bosse am Thalia Theater Hamburg
Theater der Zeit 3 2 / 2025 2025
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Thema Nachhaltigkeit
Das Thema Hitze wird in Zukunft auch dazugehören Nils Hilkenbach vom Programm Fonds Zero der Kulturstiftung des Bundes im Gespräch mit Thomas Irmer
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Schauen wir nur aufs Haus, so wie es noch niemand betritt, aber in dem Kunst stattfindet. Wie gliedert sich das dann weiter auf in Ihren Analysen? NH: Auch bei den Gebäuden fällt der Energieverbrauch sehr unterschiedlich aus. Es kommt ganz darauf an, wie modern die Lüftungstechnik ist, wie beleuchtet wird, wie intensiv die Temperatur reguliert werden muss oder mit welchen Ressourcen im Winter geheizt und im Sommer gekühlt wird. Und wenn wir auf die Produktionen selbst schauen, beispielsweise die Erstellung des Bühnenbilds, Auswahl von Requisiten, Zusammensetzung des Ensembles etc., so kommt es auch hier sehr stark darauf an, welche Mittel z. B. aus einem bestehenden Mate-
Theater der Zeit 3 / 2025
Foto Falk Wenzel
Welcher Bereich von Theater ist am wenigsten nachhaltig oder müsste am meisten beraten werden in dieser Angelegenheit von Nachhaltigkeit und Klimaschutz? NILS HILKENBACH: Das lässt sich nicht pauschal beantworten, da sich in den Klimabilanzen von Kultureinrichtungen große Unterschiede zeigen – je nach Hausgröße, Hauszustand, Lage, aber auch Formen der Produktion. Die Erfahrung, die wir mit unseren verschiedenen Programmen gemacht haben, zeigt, dass die sogenannten Scopes, also die Messbereiche für Emissionen stark variieren – je nachdem was gespielt und wie gespielt wird und wie so ein Haus überhaupt aufgestellt ist. Es gibt also nicht den einen Bereich, der per se der klimaschädlichste am Theater ist. Ein signifikanter Faktor für viele Theaterhäuser ist unumstritten die Mobilität, die An- und Abreise des Publikums, aber auch die Reisen von Ensembles, bei denen natürlich in Summe einiges zusammenkommt. Doch auch das lässt sich nicht generalisieren – es gibt Theater, die gerade im großstädtischen Raum sehr zentral liegen, die eine tolle Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr haben, wo vielleicht sogar die Fahrkarte im Ticketpreis enthalten ist. In diesen Fällen kann Besucher:innen-Mobilität ein sehr marginaler Faktor im Hinblick auf Emissionen sein, während dann möglicherweise die technischen Anlagen oder das Bühnenbild ausschlaggebend für die Gesamtbilanz einer Produktion sind.
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rialfundus genutzt werden oder wie weit Proben-, Werk- und Lagerstätten voneinander entfernt sind. Unser Ziel im Programm Zero besteht daher vor allem darin, gemeinsam mit den Kultureinrichtungen herauszufinden, an welchen Stellschrauben auf der Projektebene gedreht werden kann, und die Kultureinrichtungen bei der Suche nach klimafreundlichen Alternativen zu unterstützen. Das Bühnenbild, recycelbar oder in Teilen wiederverwendbar, wird gern als das einleuchtendstes Beispiel im Theater dafür herangezogen. In der Wuppertaler Oper gab es ein Selbstausrechnungsprojekt (das wir hier vorstellen) und im Zuge dessen wurde festgestellt, dass das in dem konkreten Fall nur drei Prozent des Ganzen ausmacht. Der Großteil liegt eben doch in der Energie fürs Haus und für die Technik beziehungsweise in der Mobilität der Besucher:innen und auch der Künstler:innen. Sie haben für das Projekt „Klimabilanzen in Kulturinstitutionen“ bundesweit 19 Kultureinrichtungen untersucht, mehr als die Hälfte davon Theater wie das Staatsschauspiel Dresden, das DNT Weimar und die Berliner Schaubühne. NH: Das beschriebene Selbstausrechnungsprojekt ist ein von der Umweltberatung Arqum nach internationalen Standards entwickelter „Product Carbon Footprint“, eine sogenannte Produktbilanz – also die Bilanzierung der Emissionen eines Projekts der Wuppertaler Oper. Dieses Projekt sowie die Erstellung der Bilanz wurden im Programm Zero gefördert. Das Ergebnis der Oper Wuppertal ist sehr interessant und ein Anteil des Bühnenbilds von drei Prozent der Gesamtemissionen einer Produktion ist dabei vergleichsweise sehr gering. Vergleichsweise hoch fallen dagegen die Emissionen durch Mobilität und Wärme aus. Dieses Ergebnis hilft der Oper Wuppertal nun dabei, ihre Aktivitäten auszuwerten und daraus Strategien abzuleiten.
Unser Ziel im Programm Zero: mit den Kultureinrichtungen herauszufinden, an welchen Stellschrauben man auf der Projektebene drehen kann. Theater der Zeit 3 / 2025
Aus diesem Ergebnis lässt sich jedoch leider keine allgemeingültige These für die Theater ziehen, weil die Produktionen unter sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen entwickelt und realisiert werden. Die Bilanzen der Produktionen sind daher vor allem eine Benchmark für die Häuser und Hilfestellung, ihren eigenen Status quo zu reflektieren. Im Programm Zero versuchen wir außerdem, sehr intensiv zu vermitteln, dass letztendlich der Vergleich mit sich selbst am wichtigsten ist – also weniger der Vergleich mit anderen Häusern oder Projektträgern – und die Frage: Wo wollen wir mit diesem Wissen, mit diesen Erkenntnissen in fünf oder zehn Jahren stehen? D. h., wir versuchen die Häuser dafür zu sensibilisieren, ihre Produktionsschritte zu hinterfragen und zunehmend nach klimafreundlichen Kriterien zu verändern. Die meisten Theater befinden sich in kommunaler oder Landesträgerschaft beziehungsweise in einer Kombination von beidem. Die Häuser energietechnisch zu modernisieren, etwa mit Solaranlagen auf dem Dach, fällt in deren Verantwortung und nicht in jene der Intendant:innen, die ja hauptsächlich für den künstlerischen und organisatorischen Betrieb eingesetzt werden. Die können sich dafür starkmachen, entscheiden werden sie es nicht. NH: Das ist richtig, infrastrukturelle Maßnahmen sind oft Investitionen der Trägerschaft. Das schaffen die Theater natürlich nicht nur aus eigener Kraft und auch nicht aus ihrem normalen Etat. Aber es ist wichtig, dass die Häuser selbstbewusst sagen können: Wir müssen in diese Maßnahmen stärker investieren, wenn wir helfen sollen, die Klimaschutzziele der Kommune zu erreichen, und eine Vorbildfunktion einnehmen wollen. Die Theater, die in unseren Programmen mitgemacht haben, sind sensibilisierter und haben ihr Haus noch besser kennengelernt. Und wenn dann eine Investitionsmaßnahme oder eine Sanierung ansteht, können Sie noch stärker als bisher darauf hinarbeiten, dass auch Kriterien zum Klimaschutz berücksichtigt werden. Damit die Gebäude klimafreundlicher werden oder im Bereich der Klimaanpassung besser für die
Thema Nachhaltigkeit kommenden Jahrzehnte gewappnet sind. Es geht in diesem Zusammenhang auch um eine Form von Selbstwirksamkeit und Aufbau von Fachwissen für die involvierten Personen in den Kultureinrichtungen wie den Theatern oder Museen. Investitionen dieser Art laufen auf mittel- und langfristige Ziele hinaus. Aktuell sind viele Theater mit Mittelkürzungen konfrontiert und belastet. Wie lässt sich das vermitteln? NH: Ich sehe darin in Bezug auf Klimaschutz in der Kulturproduktion zunächst keinen Widerspruch, denn produziert wird ohnehin. Die Aufgabe der Theater besteht ja darin, künstlerische Produktionen zu realisieren. Und wir stellen das auf keinen Fall infrage, auch wenn der Dreisatz der ökologischen Nachhaltigkeit „Vermeidung, Reduktion und Kompensation“ von Emissionen lautet. Die Frage in diesem Zusammenhang ist daher nicht das Ob, sondern das Wie. Wie wird produziert? Und es geht auch nicht darum, dass man das eine gegen das andere ausspielen darf oder muss, sondern es geht um einen Prozess der Sensibilisierung und der Veränderung. Welche Entscheidungen treffen wir? Und auf Basis welcher Erfahrungen, auf Basis welchen Wissens entscheiden wir uns in einem Produktionsprozess für unsere Lösungen? Das beginnt natürlich nicht erst in der Produktion, sondern schon in der Planung, mit der Frage, welche Optionen und Alternativen uns überhaupt zur Verfügung stehen. Und um die verschiedenen Optionen überhaupt zu kennen, bedarf es einfach dieser grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit in einer klimafreundlichen Produktion. Mit unseren Förderauflagen im Programm Zero möchten wir die Kultureinrichtungen, die sich selbst dazu zu verpflichten, nachhaltig zu produzieren, und die sich die Zeit nehmen, andere Entscheidungen zu treffen, v. a. motivieren und unterstützen. Es ist
Wir können und dürfen in unserer diversen Gesellschaft nicht auf internationalen Austausch verzichten. 14
ein essenzielles Experiment und die Projektträger sind mutig, dass sie sich darauf einlassen. Gleichzeitig versuchen wir ihnen Wissen mitzugeben, damit sie andere Entscheidungen fundiert treffen können. Ein sehr wichtiger Aspekt dabei ist auch, mehr Zeit für die Planung und Konzeption zu haben. Die geförderten Kultureinrichtungen spiegeln uns, dass es ihnen sehr guttut, bei uns eine verlängerte Projektlaufzeit von zwei bis zweieinhalb Jahren zu bekommen. So sind sie ganz anders in der Lage, Entscheidungen zu treffen, die sich auf ihre Bilanz positiv auswirken können. Ein besonderer Fall im Theaterbereich sind die Festivals, die Mobilität schon zum Inhalt haben, um etwas zu zeigen, das am Ort nicht zu sehen ist. Die Berliner Schaubühne hat ein hauseigenes internationales Festival, zuletzt mit einem Gastspiel aus Taiwan sogar. Was sagen Sie grundsätzlich zum ökologischen Fußabdruck von Festivals und wie könnte der sich ändern? NH: Auf Festivals sieht man die Vielfalt der Szene, ihre Gäste und ihr Publikum sind häufig international. Natürlich fallen durch internationale Mobilität mehr Emissionen an. Aber auch hier gibt es diverse Programme, mit Planungen wie „Slow Touring“ Reisen in Synergie zu denken, effizienter zu gestalten. So kann man, gerade wenn wir transkontinental denken, klug planen und existente Handlungsspielräume ausnutzen – etwa indem man mehrere Stationen auf einer Reise macht. Wir können und dürfen in unserer diversen Gesellschaft nicht auf internationalen Austausch verzichten. Einen Verzicht darf man auch nicht unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit einfordern. Es geht auch hier darum, effizienter und ressourcenbewusst zu planen – also keine Vermeidung, sondern vielmehr eine Reduktion von Emissionen. Die international viel tourende Schaubühne mit ihren noch dazu zahlreichen Ko-Produktionen ist da ein fantastisches Beispiel. Sie haben in Folge ihres Zero-Projekts nicht nur ihre Learnings in einem hauseigenen Handbuch verankert, sondern sie erwägen, sich neben dem eigentlichen monetären Budget zukünftig auch für vereinzelte Produktionen
im Haus ein „CO2-Budget“ zu geben. Dieses Budget soll genauso wie ein monetäres Budget gesteuert werden. Das wäre ein interessanter und sehr konsequenter Controlling-Ansatz, mit dem sie ihre Erfahrungen ausbauen und verstetigen könnten. Ich sehe darin viel Mut und großes Potenzial für die Rolle der Kultureinrichtungen in unserer Gesellschaft – als inspirierende Vorbilder, auch für die internationale Arbeit. Was wird denn in Ihrer Arbeit demnächst noch dazukommen, was diese Nachhaltigkeitsprojekte für Theater und ähnliche Einrichtungen angeht? NH: Es läuft gerade die zweite Förderrunde im Fonds Zero, für die haben wir Mitte letzten Jahres 22 weitere Kultureinrichtungen ausgewählt, die in diesem Jahr und im nächsten Jahr ihre Produktionen realisieren. Dabei werden wir sie weiterhin unterstützen und begleiten. Wir möchten vor allem auch das Wissen, dass die Projektträger im ersten Durchlauf schon generiert haben, mit der neuen Runde teilen und damit wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen nutzbar machen. Parallel evaluieren wir das Programm, wir befragen die Kultureinrichtungen nach ihrer Haltung und welche Erfahrungen sie mit den Förderauflagen und den Prozessen zum Thema Klimaschutz gemacht haben. Alle diese Erkenntnisse werden wir zusammenführen und für die weitere Programmentwicklung auswerten. Zeitgleich läuft außerdem unser Programm zu Klimaanpassung in Kultureinrichtungen, in dem wir Mitte diesen Jahres die ersten Ergebnisse erwarten. Gemeinsam mit einem Beratungskonsortium entwickeln wir derzeit Klimaanpassungsstrategien für Kultureinrichtungen, darunter auch Theaterhäuser, und mögliche nächste Schritte. Es ist bereits jetzt deutlich zu spüren, dass neben dem Schutz der Umwelt durch Vermeidung von Emissionen (Klimaschutz) auch die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels, z. B. durch den Umgang mit Hitze, zu wichtigen Aufgabe für die Zukunft unserer Gesellschaft zählen. Damit sind diese Bereiche auch für die Kunst und Kultur ein wichtiges Handlungsfeld, dem wir uns als Kulturstiftung des Bundes weiterhin widmen werden. T
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Thema Nachhaltigkeit
Fotos rechts oben Lars Opstad, unten Armin Smailovic
„The Answer is Land“, eine Performance von Elle Sofe Sara beim Nordwind Festival
Leere Bühnen für volle Köpfe? Warum Kunst und Kultur die entscheidenden Narrative für Nachhaltigkeit liefern müssen Von Nicola Bramkamp, Carolin Löffler, Jana Popihn (SAVE THE WORLD)
Stellt euch doch mal vor … Eine leere Bühne, unbeheizt, schlecht beleuchtet – ein Symbol für radikale Sparmaßnahmen im Namen der Nachhaltigkeit. Klingt nach einer Dystopie? Es könnte auch das Setting für eine provokante künstlerische Arbeit sein, die fragt: „Wie nachhaltig ist eigentlich unsere Kultur?“ Doch während sich Kulturinstitutionen zunehmend mit ihrem eigenen ökologischen Fußabdruck ausein andersetzen, stellt sich eine viel größere Frage: Können Theater, Oper und Kunst dabei helfen, die Narrative zu entwickeln, die wir brauchen, um gesellschaftlichen Wandel zu bewirken? Theater und Kulturinstitutionen sind seit jeher Orte der Reflexion und des Wandels, von Imagination und Realisation des Unmöglichen. Von den revolutionären Dramen der Aufklärung bis zu tagesaktuellen Debatten: Auf den Bühnen werden gesellschaftliche Fragen verhandelt, infrage gestellt und manchmal auch neu beantwortet. Perspektivwechsel par excellence? In einer Zeit, in der die Klimakrise nicht nur als wissenschaftliches Problem, sondern als existenzielle Herausforderung für die Gesellschaft wahrgenommen wird, kann Kunst eine Brücke schlagen – zwischen Fakten, Emotionen und dem eigenen Handeln. Maja Göpel, Politökonomin und Nachhaltigkeitsexpertin, betont, dass Narrative „[...] den Raum und die Begrenzung für möglich gehaltene Zukünfte [schaffen]“1. Und genau hier liegt die Stärke der Darstellenden Künste: Sie schaffen kollektive, emotionale Erlebnisse, die uns nicht nur zum Nachdenken, sondern oft auch zum Fühlen bringen. Doch warum ist es so schwer, Klimanarrative auf die Bühne zu bringen?
Von der Dystopie zur Imagination: Warum wir neue Narrative brauchen
Merlin Sandmeyer in „Blue Skies“ von T. C. Boyle. Regie Jan Bosse am Thalia Theater Hamburg
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Die ökologische Krise ist nicht nur eine praktische Herausforderung, sondern vielmehr eine dramaturgische: Es gibt keine einfachen Held:innen, keine klaren Bösewichte, die Grenzen zwischen beiden Rollen verschwimmen. Das Problem ist komplex, global und jeder ist ein Stück weit mitverantwortlich. Die Dramatik der Klimakrise lässt sich also
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Thema Nachhaltigkeit nur schwer in den klassischen dramaturgischen Bogen pressen. Wie Friedemann Karig und Samira El Ouassil in ihrem Buch „Erzählende Affen“ beschreiben, fehle es der Klimabewegung oft an den positiven Geschichten von gemeinsamer, friedlicher Veränderung, die Menschen inspirieren und ins Handeln bringen könnten.2 Müssen Theater, muss Darstellende Kunst also wieder mal als eierlegende Wollmilchsau fungieren und auf, hinter und neben der Bühne die Antworten auf alle Klimafragen kennen, Möglichkeitsräume für alle positiven wie negativen Geschichten stellen? Darauf ein entschiedenes „Jein“. Sie muss es nicht, doch sie hat das Potenzial dazu. Das Potenzial, sinnlich erfahrbar zu machen, was dem Großteil der Gesellschaft bisher noch zu abstrakt scheint. Das derzeitige Problem aber: Dystopische Zukunftsvisionen dominieren die Kulturlandschaft. Vom postapokalyptischen Drama bis zur cineastischen Umweltkatastrophe – die Warnungen sind laut, aber sie machen nur selten Mut zum Handeln. So sind auch die Versuche der Dramatik, die Klimakrise in neue Erzählformen zu überführen, ästhetisch umwerfend, aber motivationstechnisch eher lähmend: Z. B. zählt Thomas Köcks „Klimatrilogie“ zu den eindrucksvollsten Arbeiten der letzten Jahre. Köck verbindet Kapitalismus, Kolonialismus und Umweltzerstörung zu einer dichten, sprachgewaltigen Chronik der Selbstzerstörung. Besonders Teil 1 „paradies spielen“ entfaltet sein dystopisches Potenzial: Ein ICE rast ungebremst durch eine aus den Fugen geratene Welt, während seine Passagiere in absurden Debatten über Wachstum und Fortschritt gefangen bleiben. Köcks poetischer Sprechgesang treibt die Erzählung unaufhaltsam voran – eine akustische Metapher für eine Krise, die nicht mehr angehalten werden kann. Die Inszenierungen seiner Stücke variieren zwischen archäologischer Spurensuche und grotesker Farce. Stets im Fokus der Appell, dass wir die Klima katastrophe nicht nur betrachten, sondern ins Zentrum unserer Geschichten rücken müssen. Doch trotz diverser Raffinesse bleibt bei Köck eines konstant: die Dystopie als Grundgerüst der Zukunft.
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In Zeiten von Multikrisen und medialer Dauerbefütterung fällt es uns schwer, fokussiert und nicht dystopisch durch den Tag zu gehen und sich konstruktiv vom SchwarzWeiß-Denken abzubringen. Statt Angst und Panikmache brauchen wir Optimismus und Mitgefühl. „From empathy to Action“ – das ist seit 2014 der Claim bei SAVE THE WORLD.3 Es sind die Geschichten des Gelingens, die Menschen tatsächlich aktivieren, nicht die des Scheiterns oder Stagnierens. Die Frage ist demnach nicht, ob Kunst und Kultur die Klimakrise thematisieren, sondern nur, wie sie sie erzählen.
Zwischen Kunst und Aktivismus: Neue Modelle für nachhaltige Narrative Zahlreiche Künstler:innen und Institutionen suchen nach Wegen, Nachhaltigkeit und künstlerische Exzellenz miteinander zu verbinden. Ein Modell, das Schule machen könnte, ist „Join“ vom Europäischen Zentrum der Künste HELLERAU. Die Tanz produktion wurde im Rahmen des Fonds Zero der Kulturstiftung des Bundes als Pilotprojekt für eine umweltfreundliche Kulturproduktion entwickelt. Dabei wurde nicht nur der künstlerische Prozess überdacht, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette einer Inszenierung auf ihre ökologische Verträglichkeit hin überprüft. Eine detaillierte CO2-Bilanzierung bildete die Grundlage, um Emissionen in Bereichen wie Materialbeschaffung, Reisen und Energieverbrauch zu reduzieren. Das Bühnenbild wurde aus bereits vorhandenen Materialien gefertigt, die Kostüme entstanden aus recycelten Hemden. Auch das Touring-Konzept wurde angepasst: Statt mit dem gesamten Ensemble zu reisen, wurde mit lokalen Tanzstudierenden zusammengearbeitet, wodurch Emissionen reduziert und gleichzeitig neue künstlerische Netzwerke geschaffen wurden. Nachhaltigkeit wurde nicht als Einschränkung, sondern als kreative Herausforderung verstanden. Das dazugehörig entwickelte Produktionshandbuch dient gleichzeitig als Orientierung für andere Produktionen. Auch auf anderen großen Bühnen wird nach neuen Wegen gesucht, Nach-
haltigkeit und künstlerische Reflexion miteinander zu verbinden, z. B. in René Polleschs „Ja, nichts ist okay“ an der Berliner Volksbühne. In seiner gewohnt assoziativen Erzählweise hinterfragt Pollesch nicht nur die ästhetischen, sondern auch die institutionellen Strukturen des Theaters. Gemeinsam mit Co-Regisseur Fabian Hinrichs entwirft er eine surreale Wohngemeinschaft als Bühne des menschlichen Scheiterns – zwischen Konsummüll, sprechenden KI-Kühlschränken und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Das Bühnenbild von Anna Viebrock, aus ausschließlich recycelten Materialien gebaut, setzt auf eine Ästhetik des Gebrauchten, des bereits Dagewesenen, und visualisiert Nachhaltigkeit so auf ganz eigene, kreative, gleichzeitig praktische Weise. Ein Ansatz, der zeigt, dass künstlerische Innovation und ressourcenschonende Praxis keine Gegensätze sein müssen. Dass sich Allianzen zwischen Kunst, Wissenschaft und auch Aktivismus besonders kraftvoll zusammenfügen, zeigte das Ensemble Resonanz gemeinsam mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer zur Eröffnung der Lessingtage 2024 am Thalia Theater in Hamburg. In ihrer „Rede in Es-Dur“ verschmelzen Neubauers drängende Worte zur Klimakrise und Zukunft der Menschheit mit der Leichtigkeit der Musik: Wissenschaftlich fundiert, poetisch verdichtet, musikalisch intensiv – eine Performance, die demonstriert, dass Nachhaltigkeitsnarrative mehr sind als trockene Fakten. Ist das vielleicht der Clue? Wilde Alli an zen schmieden, die sich kreativ (und hoff nungsvoll) dem „Dystopiemonster Klimakrise“ widmen?
IMAGINE HAMBURG – Ein Festival für neue Narrative Wie eine solche Allianz aussehen kann, zeig te das Festival IMAGINE HAMBURG – Unser Festival der Zukunft4, von SAVE THE WORLD im Dezember 2024: 21 Initiativen und Vereine, 14 Akteur:innen aus Wissenschaft und Wirtschaft, 13 freischaffende Künstler:innen, acht Theater, sieben Museen, drei Kinos, zwei Freie Ensembles, zwei Festivals und zwei Bars haben sich gemeinsam der Zukunft Hamburgs gewidmet.
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Foto Kerstin Schomburg
Thema Nachhaltigkeit Mit über 30 Veranstaltungen bewies das Festival, wie künstlerische Formate eine Bühne für die großen Fragen unserer Zeit bieten und gleichzeitig nahbar und selbstwirksam bleiben: „Stellt euch doch mal vor, wir hätten all die Probleme unserer Zeit gelöst und gemeinsam eine Stadt geschaffen, in der wir alle gerne leben. Wie könnte dieses Hamburg aussehen?“ IMAGINE HAMBURG setzte 2024 bewusst darauf, Utopien statt Dystopien zu erzählen – ein Ansatz, der sich in verschiedenen künstlerischen Formaten widerspiegelte. Ein herausragendes Beispiel dafür war „Vástádus Eana – The Answer is Land“ von Elle Sofe Sara. Die Inszenierung verbindet zeitgenössischen Tanz mit dem traditionell samischen Joik-Gesang und schafft so eine eindringliche poetische Landschaft, die die enge Verbindung zwischen Mensch, Natur und kulturellem Erbe erfahrbar macht. Ohne plakative Botschaften, sondern durch die Kraft von Bewegung und Klang wird das Publikum eingeladen, über unsere Beziehung zur Erde nachzudenken. In einer Zeit, in der Land zunehmend zur politischen Verhandlungsmasse wird, wirkt diese Performance wie ein leiser, aber umso kraftvollerer Widerstand gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Ganz anders, aber nicht weniger wirkungsvoll nutzt „Blue Skies“ am Thalia Theater Hamburg die Mittel der Satire, um unsere Absurditäten im menschlichen Umgang mit der Klimakrise aufzuzeigen. In Jan Bosses Inszenierung des Romans von T. C. Boyle wird eine Gesellschaft porträtiert, die trotz aller offensichtlichen Zeichen des ökologischen Kollapses nicht bereit ist, ihre Gewohnheiten zu ändern. Zwischen überzogenen Wohlstandssorgen, absurden Konsumstrategien und blinder Ignoranz entfaltet sich eine groteske, aber leider erschreckend realistische Zukunftsvision. Die Produktion setzt dabei bewusst auf Überzeichnung und Humor – ein erzählerischer Zugang, der es dem Publikum ermöglicht, die eigene Rolle in der Klimakrise aus anderer Perspektive zu betrachten. Damit wird „Blue Skies“ zu einem Spiegel unserer Gesellschaft: Statt erhobenem Zeigefinger gibt es beißenden Witz, statt lähmender Angst einen reflektierenden Blick auf unser eigenes Verhalten.
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„Klimatrilogie“ von Thomas Köck. Regie Marie Bues am Schauspiel Hannover
IMAGINE HAMBURG ist mehr als ein Festival. Es öffnet die Türen der Kulturinstitutionen, lädt Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Künstler:innen zum interdisziplinären Austausch ein und sucht gezielt nach neuen Erzählweisen, die Nachhaltigkeit spürbar machen – für und mit der Stadtgesellschaft. Doch was bleibt? IMAGINE soll wachsen. Es versteht sich als Labor für neue Narrative – nicht als geschlossene Veranstaltung, sondern als beweglicher Prozess, der Menschen inspiriert und aktiviert.
Kunst und Kultur als Katalysator für gesellschaftlich nachhaltige Klimanarrative Kunst und Kultur können keine globalen Probleme lösen, aber sie können den Raum schaffen, in dem Lösungen dafür gedacht werden. Sie können uns fühlen lassen, was wir rational längst wissen, und sie können uns inspirieren, gemeinsam zu handeln. Und damit entdecken wir eine so schöne, fast kitschige Schnittstelle zwischen Lösungsansätzen für die Klimakrise und dem Theater: Nichts von beidem können wir alleine schaffen. Viel einfacher noch: Nichts von beidem wollen wir alleine
schaffen. Denn diese wilden Allianzen, die das Theater, jeder Protest und auch IMAGINE HAMBURG brauchen, sind das, was das Miteinander fördert und den Perspektivwechsel anregt. „Unsere B ubble“ darf durchlässig sein und diejenigen einladen mitzumachen, die sich dem Fünkchen Hoffnung, dem Happy Ending und dem großen Bühnenzauber verschreiben. Denn, wie Bruno Latour sagt: „Dichtung, Film, Roman, Architektur: Nichts darf der ökologischen Bewegung fremd sein.“5 IMAGINE HAMBURG hat gezeigt, dass dies möglich ist – und dass es Orte, Formate, Menschen gibt, an und mit denen die Zukunft bereits beginnt. Stellt euch doch mal vor … T
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Maja Göpel (2022): Wir können auch anders: Aufbruch in die Welt von morgen. München: Ullstein Verlag, S. 51. Samira El Ouassil/Friedemann Karig (2021): Erzählende Affen: Mythen, Lügen, UtopienWie Geschichten unser Leben bestimmen. Berlin: Ullstein Verlag, S. 15. www.savetheworld.de www.imagine-hamburg.de Bruno Latour/Nicolaj Schultz (2020): Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 30.
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Thema Nachhaltigkeit
Lego meets Ikea Wie ein modulares Bühnenbild am Wuppertaler Opernhaus eingesetzt wird Von Sophie Strahl
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Die Wuppertaler Bühnen mit mittlerweile insgesamt etwa 330 Mitarbeitenden bemühen sich seit 2020, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern. So wurde eine interne Arbeitsgruppe gegründet, um eine Klimabilanz zu erstellen. Während in Wuppertal den größten Einfluss auf die Klimabilanz der Energiebedarf der Gebäude und die Mobilität ausmachen, liegen hier auch die geringsten Einflussmöglichkeiten: So ist das Wuppertaler Opernhaus ein denkmalgeschütztes Gebäude im Eigentum des Gebäudemanagements der Stadt Wuppertal, und darüber hinaus ist es bereits verkehrsgünstig am Barmer Bahnhof und der Schwebebahnhaltestelle Adlerbrücke gelegen. Die Fahrt mit dem ÖPNV ist für Besucher:innen standardmäßig im Ticketpreis enthalten. Dennoch lohnt es sich, den Blick ebenso auf das Geschehen auf der Bühne zu richten, denn neben dem Klima spielen
auch die Arbeitszeit der immer stärker nachgefragten Fachkräfte in den Werkstätten, die knapper werdenden Budgets der Theater und nicht zuletzt die ansteigenden Preise der Ressourcen sowie der materielle Verbrauch eine Rolle. Mit dem Antritt als Opernintendantin hat Rebekah Rota daher ihren Fokus auf den Produktionsprozess gelegt und die Wiederverwendung von Bühnenbildern zum Thema gemacht – ein zuvor eher ausgesparter Aspekt, bei dem viele befürchten, dass er mit einer Einschränkung der künstlerischen Freiheit einhergehen könnte. Doch es zeigt sich, dass diese Herangehensweise das Gegenteil bewirkt, indem es die künstlerischen Gastteams auffordert, kreativ im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu denken. Darüber hinaus arbeiten die künstlerische und technische Seite eng zusammen, sodass die Besucher:innen möglichst wenig davon mitbekommen.
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Foto links Björn Hickmann, rechts Anna Schwartz
„Cinderella“ von Richard Rodgers/Oscar Hammerstein II, Regie Christian Thausing, Bühne Hana Ramujkic im Wuppertaler Opernhaus
Thema Nachhaltigkeit Wie können Bühnenbilder wiederverwendet werden? Durch die Förderung der Kulturstiftung des Bundes ist im Rahmen des Fonds Zero das Projekt „Modular Stage Zero“ entstanden. Herausgekommen ist ein Katalog von Bühnenbildteilen, der mit jeder Produktion kontinuierlich erweitert wird. Während es grundsätzlich möglich ist, ein bestehendes Bühnenbild einfach erneut für eine andere Produktion zu verwenden, zielt das modulare Bühnensystem darauf, einzelne Komponenten modulweise nutzbar zu machen. Rebekah Rota bezeichnet es gerne als „Lego meets Ikea“. Und tatsächlich handelt es sich hier streng genommen an einigen Stellen nicht um eine Innovation, sondern eher um das Gegenteil, eine Exnovation. Während es in der Geschichte der Oper seit jeher eine Entwicklung zum höher, größer, eindrucksvoller gibt und sich dies auch in den Bühnenbildern und ihren Größen widergespiegelt hat, zielt das modulare Bühnensystem darauf, bestimmte, häufig genutzte Elemente wiederverwend bar zu machen. Und hierzu gibt es an den meisten deutschen Häusern auch bereits eine Tradition mit über jahrzehntelang genutzten Standardmaterialien wie beispielsweise Treppen und Podesten, die allesamt Teil des modularen Systems sind und damit Grundlage der Bühnenbildentwürfe werden. Der entscheidende Unterschied des modularen Bühnenbilds der Oper Wuppertal ist, dass Elemente, die für die Umsetzung einer künstlerischen Idee fehlen, so gestaltet werden müssen, dass sie in das vorhandene System passen. Dem höher, schneller, weiter wird so nicht per se ein Riegel vorgesetzt, sondern die Bedingung auferlegt, in den Katalog integriert zu werden und damit Materialien, Zeit, Arbeitskraft und letztendlich auch Geld einzusparen. Ein wichtiger Bestandteil des Katalogs sind die neu eingeführten beidseitig nutzbaren Modulwände, die aus einem Entwurf von Regisseur und Bühnenbildner Matthew Ferraro hervorgingen. Diese Wände sind modular zerlegbar und flexibel zusammensetzbar und sollen langfristig dazu beitragen, dass nicht die gesamte Wand, sondern lediglich ihre Oberfläche von einer Produktion zur nächsten gewechselt werden muss.
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So fällt es kaum auf, dass die gleiche Wand erneut zum Einsatz kommt. Darüber hinaus ist das System so einfach aufgebaut, dass andere Theater es kopieren können, und auch ein Austausch von Oberflächen zwischen den Theatern vorstellbar wäre.
Der erste Versuch: Die Produktion „Cinderella“ Die Produktion von Rodgers und Hammersteins „Cinderella“ wurde genutzt, um eine Opernproduktion hinsichtlich ihrer Klimawirkung genauestens unter die Lupe zu nehmen. Diese sieht bei jeder Produktion ein wenig anders aus, abhängig davon, wie groß Team und Orchester sind, wie viele Vorstellungen stattfinden und wie Bühnenbild und Kostüme konzipiert werden. Die Modulwände wurden in den Bühnenbildentwurf von „Cinderella“ integriert. Es zeigte sich, dass die Modulwände nicht nur technischer Bestandteil des Bühnenbilds waren, sondern durch ihre Bewegung im Stück zu einem wichtigen Teil der Handlung wurden. Ansonsten wurden für das Bühnenbild lediglich sicherheitsrelevante Teile gänzlich neu gefertigt, alle Möbel kamen aus dem Fundus oder wurden gebraucht gekauft, die Kostüme kamen bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls aus dem Fundus – und das, ohne auf einzigartige Kostümverwandlungen auf der Bühne zu verzichten. Die Bilanz der elf Vorstellungen von „Cinderella“ war eine Klimawirkung von 109 Tonnen CO2-Äquivalenten. An der Produktion wirkten neun Solist:innen, acht Tänzer:innen, 24 Chormitglieder und zehn Mitglieder des Opernclubs Jugend sowie 44 Instrumentalist:innen im Orchestergraben mit. Außerdem wurde das Stück von etwa 5500 Zuschauer:innen besucht. Das entspricht in etwa dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von zehn Personen in Deutschland oder etwa 23 Flugreisen in die Karibik (inklusive Hin- und Rückflug). Von den 109 Tonnen entfielen 40 Prozent der Emissionen auf Energie, etwa 33 Prozent auf die Mobilität der Darsteller:innen und Mitarbeitenden und 21 Prozent auf die Mobilität der Besucher:innen. Weniger als drei Prozent der Emissionen entfielen bei dieser Produktion auf Bühnenbild und Kostüme.
Was mit „Cinderella“ als erste Testproduktion begonnen hat, wurde mittlerweile in drei weiteren Produktionen angewendet. Während bislang in jeweils ein bis zwei ausgewählten Produktionen pro Spielzeit das modulare Bühnensystem schwerpunktmäßig zum Einsatz kommt, wird darauf abgezielt, die Nutzung längerfristig zum Hausstandard zu machen. Um das zu ermöglichen, arbeiten die beteiligten Gewerke und Abteilungen kontinuierlich daran, das modulare System mit jeder Produktion zu verbessern, sodass immer mehr Teile vorhanden sind, auf die die Gastteams zurückgreifen können. Im Kern ist das modulare Bühnensystem nämlich vor allem eine kommunikative Neuerung. Ziel ist es, die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitenden der technischen Abteilungen des Hauses und den künstlerischen Gästen zu verbessern. Weitere Schritte sind hinsichtlich stärkerer Vorgaben zur Fundusnutzung und der besseren Zusammenarbeit der Theater untereinander geplant, insbesondere auch in NRW, um dem geteilten Problem von knapper Lagerfläche und begrenzten finanziellen Mitteln gemeinsam zu begegnen. Mit dem Projekt „Modular Stage Zero“ wurde ein Prozess gestartet, der im besten Sinne kein absehbares Ende hat, sondern einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess in die Wege geleitet hat. T
Rebekah Rota und Mario Engelmann, Technischer Direktor der Wuppertaler Bühnen
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Thema Nachhaltigkeit
Mit nachhaltiger Kunst die Menschen berühren Anna Haas ist die erste Nachhaltigkeitsmanagerin am Staatstheater Karlsruhe Von Elisabeth Maier
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In der Klimakrise sieht Anna Haas eine große Chance, „die Theater neu und nachhaltig aufzustellen“. Seit dieser Spielzeit ist die Dramaturgin Transformations managerin Nachhaltigkeit Kultur am Staats theater Karlsruhe. An dem Haus, das derzeit umfassend saniert und erweitert wird, bietet diese Aufgabe viel Spielraum. Zu ihren Aufgaben gehört das eher trockene len von Klimabilanzen ebenso wie Erstel die Konzeption künstlerischer Projekte. Die Theaterfrau möchte dem Publikum wie auch den Mitarbeitenden des Hauses die Vorzüge klimafreundlichen Verhaltens nahebringen. Denn mit der Kunst könne man die Menschen berühren und zum Umdenken zu bewegen. Dass sie dabei auf ein bundesweites Netzwerk von Kolleg:innen bauen darf, freut Anna Haas. Da sie ihre neue Aufgabe erst im September begonnen hat, profitiere sie vom Wissen der anderen Häuser. Zu-
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Abbildung generiert mit KI von Kevin Barz
„Paradise Found“, Regie und Konzept von Kevin Barz am Staatstheater Karlsruhe. Komposition von Paul Brody und Medientechnik von Frieder Gätjen
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gleich sucht sie nach Lösungen und Projekten, die auf das Karlsruher Publikum zugeschnitten sind. Ein Herzstück ihres Konzepts ist das Pilotprojekt „Paradise Found“, das der Komponist Paul Brody mit Bürger:innen aus Karlsruhe realisiert. Es wird aus Mitteln des Fonds Zero der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Das Produktionsteam fragt Menschen: „Wo ist dein Paradies?“ Daraus entsteht eine Mehrspartenoper in zwölf Episoden. Die Oper, die über zwei Spielzeiten wachsen soll, wird auf energieautarken Mixed-RealityStationen aus recycelten Elektronikteilen an verschiedenen Orten in der Stadt erlebbar. Dieses Projekt ist auf einen Zeitraum von zwei Jahren angelegt. Es soll den Menschen in der Stadt eine Stimme geben und gleichzeitig Utopien für den Klimaschutz zutage fördern. Eine große Chance sieht Haas da in der Zusammenarbeit mit der neu am Haus etablierten digitalen Sparte. Der Spagat zwischen künstlerischem Schaffen und konkreten Schritten für den Klimaschutz hat Anna Haas gereizt. Deshalb entschied sie sich für eine Weiterbildung zur Nachhaltigkeitsmanagerin. Die Theaterfrau, die an der Akademie für Darstellende Kunst junge Dramaturg:innen ausbildet, findet es spannend, in dem Prozess auch die 700 Mitarbeitenden des Staatstheater Karlsruhe mitzunehmen. Ihr Ziel ist es, eine Steuerungsgruppe mit Vertreter:innen aus den unterschiedlichen Bereichen des Theaters zu etablieren, die dann über die konkreten Handlungsfelder diskutiert. Dass die vielseitige Vernetzerin die Möglichkeit bekommt, „die Stelle ganz neu zu konzipieren und das Profil zu entwickeln“, findet sie spannend. Viel Unterstützung bekomme sie dabei vom neuen Karlsruher Intendanten Christian Firmbach, Mit einem Fünf-Jahres-Vertrag darf Haas ihr Konzept über einen langen Zeitraum entwickeln und auch in der Praxis erproben. Welche positiven Impulse verspricht sich die Nachhaltigkeitsmanagerin von der Erweiterung und der Sanierung des Staatstheaters? Durch die neuen Gebäude fallen Transportwege zu den bisher im Stadtgebiet verteilten Lagern und Räumen weg. Das bedeutet auch weniger Lastenverkehr in der viel frequentierten Karlsruher Innenstadt. Anfang des Jahres war die Großbaustelle am
Ettlinger Tor zunächst in die Schlagzeilen geraten, weil wegen des Neu- und Umbaus Bäume gefällt werden mussten. Das hatte Aktivist:innen dazu bewogen, die Bäume zu besetzen. Daraufhin stellte das Staatstheater klar, dass die Bäume an anderer Stelle neu gepflanzt werden. Weil sich unter dem Platz die Tiefgarage befindet, sind keine tief wurzelnden Bäume möglich. Das Konzept sieht außerdem vor, dass der Hermann-Levi-Platz vor dem Theater grüner werden soll als je zuvor. Was sie sich für den zentralen Platz wünschen, möchte Anna Haas im Dialog mit den Karlsruher:innen herausfinden. Schon jetzt hat sie viele Ideen. Urban Gardening in Hochbeeten vor dem Theater schwebt ihr ebenso vor wie Schattenplätze, an denen die Menschen verweilen können. Das Thema der kühlen Orte gewinnt in Zeiten des Klimawandels gerade in der heißen Jahreszeit immer mehr an Bedeutung. „Eines unserer Ziele ist es, das Theater wieder stärker für die Menschen in der Stadt zu öffnen“, sagt Anna Haas. Damit greift sie eine Idee des ehemaligen Intendanten Peter Spuhler wieder auf, dem ein Theater als „Wohnzimmer für die Stadt“ vorschwebte. Damit ließe sich z. B. das Foyer, das tagsüber weitgehend unbelebt ist und dennoch hohe Energiekosten verursacht, für die Stadtgesellschaft nutzen. 2013 hatte die Karlsruher Bühne gemeinsam mit einer Studierendengruppe des Karlsruher Institute oft Technology im Foyer den Lernraum TheaBib etabliert. Da lernten Studierende tagsüber gemeinsam im Theater. Wie möchte Anna Haas das Publikum auf dem Weg zu einem nachhaltigen Theaterbetrieb mitnehmen? „Die Zuschauer:innen spielen eine Schlüsselrolle“, ist die Nachhaltigkeitsmanagerin überzeugt. Das beginnt für sie mit der Anreise ins Theater. Wer mit dem Auto kommt und in der Tiefgarage parkt, muss bei der Ausfahrt meist lange in der Schlange warten. Die laufenden Motoren verschwenden Kraftstoff, und Abgase belasten die Gesundheit der Wartenden schwer. Um mehr Menschen zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen, tut das Theater viel. Neben dem Kombi-Ticket, das zur Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr berechtigt, werden die
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Minihorror von Barbi Marković Deutsche Erstaufführung Regie Alina Fluck ab 21.3.25 Theater Magdeburg
Das Floß der Medusa von Mirjam Loibl und Bastian Lomsché Uraufführung Regie Mirjam Loibl ab 22.3.25 Theater Magdeburg www.theater-magdeburg.de
Theater der Zeit 3 / 2025
Anna Haas ist seit Herbst 2024 Transformationsmanagerin Nachhaltigkeit Kultur am Staatstheater Karlsruhe
Fahrpläne der U-Bahn im Foyer dynamisch angezeigt. Obwohl bereits heute rund 60 Prozent der Besucher:innen mit dem öffentlichen Nahverkehr anreisen, sieht Haas da noch Luft nach oben. Mit einer Theater-App ließen sich die Anreise mit Öffis und viele andere Aktivitäten rund um das Theater noch effektiver planen. Schließlich sieht Anna Haas in der künstlerischen Arbeit selbst das große Potenzial, Menschen zum Umdenken zu bewegen. Vielen fehle das Bewusstsein, dass Klimaschutz im eigenen Lebensalltag beginnt. Nicht nur das Mobilitätsverhalten, auch der Verzicht auf Einweggeschirr oder das sparsamere Heizen in den eigenen vier Wänden könnten die Umwelt entlasten. Deshalb nimmt sie die Zuschauer:innen regelmäßig mit Vorträgen und Gesprächsrunden zum Thema mit. Am 5. und 6. April veranstaltet das Theater Tage der Nachhaltigkeit. Da steht u. a. ein Poetry-und-Science-Slam auf dem Plan, in dem es um Zukunftsvisionen für den Klimaschutz geht. Viel profitiert Anna Haas da von den Förderprogrammen auf Bundes- und Landesebene. Fonds Zero der Bundeskulturstiftung fördert Bühnen in ganz Deutsch-
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land dabei, nachhaltiges Wirtschaften im Theaterbetrieb zu etablieren. Das baden- württembergische Ministerium für Wissenschaft und Kunst bietet mit Green Culture ein Netzwerk an, das Klima manager:innen fit macht für ihre Arbeit. In Coachings werden sie umfassend Online- geschult, wie etwa eine CO2-Bilanz für Theater und andere Kulturbetriebe erstellt werden kann. Außerdem werden Künstler:innen aus allen Sparten dort individuell beraten. Damit will die Landesregierung einen Beitrag zu einem nachhaltigen Kulturbetrieb leisten. Bei Tagungen vernetzen sich die Akteur:innen. Nicht zuletzt findet Anna Haas den Austausch mit Kolleg:innen in ganz Deutschland spannend. Da sie mit ihren Projekten noch am Anfang steht, findet sie es interessant, mehr über die Ansätze an anderen Häusern zu erfahren. Gemeinsame Sache machen etwa die Kulturinstitutionen in Dortmund. Das Theater ist da Teil eines Netzwerks, das Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb umfassend voranbringen will. „Da ergeben sich viele Bezugspunkte“, ist Mona Rieken überzeugt. Die Nachhaltigkeitsmanagerin des Theaters hat das kommunale Netzwerk mit angestoßen. Von gemeinsamen GreenCulture-Aktionstagen bis hin zu Weiterbildungsworkshops für die Kulturschaffenden reicht das Spektrum. „Zusammen lässt sich viel mehr erreichen“, ist Rieken überzeugt. Sie ist auch in der Weiterbildung von Nachhaltigkeitsmanager:innen an den Kulturinstitutionen tätig, vermittelt aus ihrer langjährigen Erfahrung im Theateralltag Inhalte. In der Bühnenpraxis sieht Rieken viele Möglichkeiten, Klimaziele umzusetzen. „Das reicht von modularen Bühnenbildern, die in anderen Produktionen wiederverwendet werden können, bis hin zum Energiesparen an den Gebäuden.“ Die Schaubühne am Lehniner Platz setzt seit 2019 umweltwirksame Konzepte als Teil des eigenen Selbstbilds für den gesamten Betrieb des Theaters kontinuierlich um. In der Spielzeit 2023/24 erprobte das Berliner Theater auf der Studiobühne mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes im Labor für klimaneutrale Praxis umfassend, wie Nachhaltigkeit in die Theaterpraxis übertragen werden kann – seit dieser Spielzeit ist die Studio-Spielstätte
wegen der drastischen Kürzungen im Berliner Kulturetat und wegen der drohenden Insolvenz ganz geschlossen. Seit November 2022 ist Lisa-Marie Hobusch Nachhaltigkeitsmanagerin an dem Haus in der Bundeshauptstadt: „Im Studio hatten wir die großartige Möglichkeit, alle Bereiche der Bühnenproduktion in das Konzept einzubinden.“ Das hat Hobusch sehr gefallen. Denn wie ihre Kolleg:innen sieht sie sich an der Bühne in einer Vermittlerrolle. „Alle Mitarbeitenden mitzunehmen und ihre Impulse aufzunehmen, das ist wichtig.“ Im Labor wurden in drei Modulen performative und diskursive Projekte mit internationalen Regisseur:innen und Kurator:innen sowie Teams aus dem Ensemble umgesetzt und dabei ein ressourcenschonender Umgang mit Materialien, Arbeitskraft und Mobilität erprobt. Dass in einem solchen Labor mit beschränkten finanziellen Mitteln künstlerische Erfolge möglich sind, freute Hobusch besonders. Die Inszenierung „In Memory of Doris Bither“ in der Regie von Yana Thönnes verwendete ein Bühnenbild, das mit nachhaltigen und wiederverwerteten Materialien hergestellt war. Für Hobusch ist klar, dass Nachhaltigkeit nicht auf Kosten der ästhetischen Qualität erkauft werden dürfe. Da macht ihr der Erfolg von „Doris Bither“ Mut. Die Inszenierung war zum Heidelberger Stückemarkt 2024 eingeladen und stand auf der Shortlist des Berliner Theatertreffens. Für Arten-, Klima- und Umweltschutz spielen die Orchester des Wandels. Für dieses bundeweite Netzwerk engagiert sich der Bratschist Detlef Grooß seit Jahren. In seiner Rolle als Nachhaltigkeitsbeauftragter möchte der Bratschist die Menschen für den Klimaschutz inspirieren. Seine Mannheimer Berufskolleg:innen engagieren sich für Klimaschutz. Neben dem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, der schon bei der Wahl der Instrumente beginnt, denken die Musiker:innen gemeinsam mit Wissenschaftler:innen über Nachhaltigkeit im Orchesterbetrieb nach. Detlef Grooß sieht die große Chance aber vor allem darin, bei den Menschen die Sehnsucht nach dem Erhalt der Natur zu triggern: „Mit unserer Musik wollen wir berühren, nicht belehren.“ T
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Foto Felix Grünschloß
Thema Nachhaltigkeit
Theater der Zeit
Foto Stefano Di Buduo
Akteure
„Die Gischt der Tage“ nach dem Roman von Boris Vian. Regie Bernadette Sonnenbichler am Düsseldorfer Schauspielhaus
Kunstinsert Daniel Kötters Arbeiten zum Extraktivismus öffnen mit „Roden“ eine neue Dimension Porträt Bernadette Sonnenbichlers Spezialität sind subtile Bühnenfassungen von Romanen Nachrufe Michael Börgerding, Otto Schenk
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Akteure Kunstinsert
Erst der Wald, dann der Boden Daniel Kötters Arbeiten zum Extraktivismus öffnen mit „Roden“ eine neue Dimension Von Lara Wenzel
Abholzung im Ost-Kongo aus „Roden“
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Akteure Kunstinsert
Fotos links Daniel Kötter, rechts oben und unten Danny Tatzelt
Indonesischer Experimentalmusiker Ikbal Lubys bringt Holz zum Klingen aus „Roden“ Unten: Aktivistin und Performerin Olande Byamungu pflanzt Setzlinge aus „Roden“
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Oben: Suche nach Gold in den Abfällen der Grasbergmine in West Papua aus „Gold & Coal“ Mitte: Arbeiterinnen in Coltanminen in Süd-Kivu aus „Water & Coltan“ Unten: Live-Film-Konzert mit der estnischen Noise-Techno-Band KEETAI aus „Oil Shale“
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Fotos links rechts und Mitte Daniel Kötter, unten Danny Tatzelt. Links oben und unten Daniel Kötter
Akteure Kunstinsert
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Akteure Kunstinsert
Teilnehmerinnen des Café de Femmes in Kaniola aus „Water & Coltan“
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Vor sechs Jahren verkündete der französische Tänzer und Choreograf Jérôme Bel, dass die Performanceszene ihren CO2-Fußabdruck verringern müsse. Für sein Versprechen, von nun an nicht mehr zu fliegen, erntete er viel Kritik. Immerhin blickte Bel, einer der bekanntesten Künstler in seinem Feld bereits auf eine internationale Karriere zurück, die er ausgehend von seinem Wohnort Paris fortsetzen konnte. Künstler:innen reisen, um Freude zu transportieren, hielt die Tänzerin und Choreografin Nora Chipaumire 2019 im Deutschlandfunk-Interview dagegen. Wenn man sich ernsthaft mit der Erderhitzung auseinandersetzen will, meinte die in Simbabwe geborene Künstlerin, müsse man sich die in Europa begonnene Ausbeutung von Arbeitskraft und der Natur anschauen. Europäische Künstler:innen können sich leicht entscheiden, Fliegen sei mit ihrem Klimagewissen nicht mehr vereinbar. Dies verschiebt jedoch einerseits den Fokus weg von der kapitalistischen Ausbeutung von Ressourcen und verstärkt andererseits auch die kolonial geprägte Unterscheidung zwischen kulturellen Zentren und den Peripherien, die ohne Flugzeug abgehängt wären.
Daniel Kötter ist seit 20 Jahren als Theater- und Dokumentarfilmregisseur tätig. Seine transdisziplinären Arbeiten wie die Reihe „Landscapes & Bodies“ in Kooperation mit Elisa Limberg, Anna Ptak und Sarah Israel oder die mit Constanze Fischbeck erarbeitete Reihe „state-theatre“ führten ihn nach Afrika, Westasien, Nordamerika und Südostasien. 2023 gewann sein Film „Landshaft“ den Preis als Bester Dokumentarfilm des Verbands der Deutschen Filmkritik.
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Auf internationale Kooperationen will Film- und Theatermacher Daniel Kötter nicht verzichten, dennoch fragt er sich, wie nachhaltige Zusammenarbeiten aussehen können: „Wie können wir uns begegnen, ohne dass 20 Menschen ständig fliegen müssen, das Bühnenbild tourt und man nur seine eigene Karriere voranbringt?“ Seine transmedialen Arbeiten verknüpfen lokale Transformationen: So steht ein Spaziergang durch das ent waldete Bergische Land neben dem Bericht einer indonesischen Palmöl unternehmerin, die von der Rodung des Dschungels für ihre Plantagen erzählt. Aufnahmen des Braunkohletagebaus in Sachsen verbinden sich mit Bildern der Coltanminen in Süd-Kivu. In der dreiteiligen Reihe „Landscapes & Bodies“ und der aktuellen Arbeit „Roden/Pembalakan/Kukata Miti“ ergibt sich aus dem Nebeneinander ortsspezifischer Geschichten eine Erzählung des kapitalistischen Extraktivismus, der Räume und soziale Zusammenhänge bis zur Unkenntlichkeit umwälzt. Unerlässlich für diese Virtual-Reality-Performance-Parcours sind Begegnungen mit lokalen Aktivist:innen und Künstler:innen und ihre Teilhabe an den Aufführungen. Hinter der Reihe „Gold & Coal“, „Water & Coltan“ und „Oil Shale“ [„Öl-Schiefer“], die 2021 beim Kunstfest Weimar gezeigt wurde, und „Roden“ steht ein über Jahre gewachsenes und gepflegtes Netzwerk aus nachhaltigen Kollaborationen. Olande Byamungu lernte Kötter kennen, während er für „Water & Coltan“ recherchierte. Die im Kongo geborene und zu der Zeit im Ruhrgebiet lebende Journalistin und Juristin war in zwei Räumen heimisch, in der Rohstoffabbau die Landschaft transformierte. Durch sie entstand der Kontakt zum Projekt Café des Femmes, in dem sich Frauen auf einem Hügel in Kaniola treffen und solidarisieren. Initiiert von Byamungu bearbeiten sie gemeinsam ihre Gewalterfahrungen mit den Milizen, singen und unterstützen sich gegenseitig. Dass dieser Hügel nicht mehr bewaldet und erst so ein sicherer Ort für das Café des Femmes bieten konnte, ist Teil der kom-
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Foto links oben Elisa Limberg, unten Nafis Fathollahzadeh
Komplexe Ausbeutungsgeschichte
Akteure Kunstinsert plexen Ausbeutungsgeschichte des rohstoffreichen Gebiets. Ein Impuls für die Arbeit an „Roden“ lieferte ein Dreh zu „Water & Coltan“ im Kongo. Mit VR-Brillen erhielt man in der Aufführung einen 360°-Blick auf von Wiesen überzogene Berge, zwischen denen Unternehmen und Milizen um die wertvollen Kassiterit-, Gold- und Coltanvorkommen kämpfen. Bis zum Genozid an der Tutsi-Minderheit in Ruanda 1994 wuchs dort ein dichter Wald, in dem sich Hutu-Milizen versteckten. Durch ihren illegalen Handel mit Holz und Kohle verkleinerten sie die Gebiete, in denen sie sich zurückziehen konnten, bis der Wald vielerorts verschwunden war. Mit dem laufenden Angriff der Gruppe M23 auf Goma, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, setzt sich der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi im rohstoffreichen Osten der DR Kongo auf drastische Weise fort. „In der Demokratischen Republik Kongo ist die Entwaldung die Vorgeschichte des Bergbaus“, erklärt Kötter. Das Stück „Roden“ setzt die Auseinandersetzung, die in „Gold & Coal“ und „Water & Coltan“ begonnen wurde, inhaltlich und ästhetisch fort. Während in den Aufnahmen die Veränderungen von Landschaften und dem Leben in ihnen dokumentiert werden, soll auch der Theaterraum einer raumpolitischen Transformation unterzogen werden. Wie in der Reihe „Landscapes & Bodies“, die in enger Zusammenarbeit mit Sarah Israel und Elisa Limberg entstand, bewegt sich das Publikum in kleinen Gruppen von Station zu Station. Aufnahmen und Erzählungen aus den von Rodung betroffenen Gebiete wechseln sich mit Performances ab, die dem toten Holz ein Fortleben schenken. Mit einigen Axthieben und Schlägen fügt Wolfram Sander Scheite und Äste zu einem Skulpturenwald zusammen. Das hüfthohe Gestrüpp breitet sich mit jeder neuen Kreation zwischen dem Publikum aus, das auf Briketts Platz nimmt. Während die Zuschauer:innen an einer Station verweilen, nehmen sie auch die Gruppen wahr, die sich vor oder hinter ihnen bewegen. Die Performer:innen setzen ihre Handlungen fort und variieren sie, während das Publikum bereits weitergezogen ist. Anders als bei „Landscapes & Bodies“, wo ein ähnlicher Parcours in abgeschlossenen Holzcontainern absolviert wurde, tritt hier die Gleichzeitigkeit aller Handlungen in den Vordergrund.
So bleiben von „Roden“ nicht nur die Bilder kahler Hügel und endloser Palmöl plantagen, sondern auch die Entstehung neuer sozialer Strukturen.
man kann so was gar nicht mehr machen. Besonders könne man nicht als weißer Mann nach Afrika gehen und Elend filmen. Das stimmt auch“, stellt er klar. Während er bei seinem Dokumentarfilm „Chinafrika. mobile“ Handys verteilte, mit denen die Entstehung dieser Geräte von Minenarbeiter:innen und Fabrikangestellten selbst gefilmt wurde, saß er bei „Roden“ hinter der Kamera und nahm Interviews auf, die Byamungu mit Frauenaktivistinnen und einem Mitglied der Wazalendo-Miliz führte. So wolle er sich nicht mehr mit seinen Protagonist:innen ins Verhältnis setzen, erzählt er. Auch wenn diese Begegnungen und die sich daraus knüpfenden Geschichten von ihm nicht widerspruchsfrei erzählt werden können, wäre es keine Option, sie deshalb gar nicht mehr zu suchen. „Vielleicht kann der Aufbau von nachhaltigen Kollaborationsstrukturen zu mehr gegenseitigem Verständnis führen“, erklärt er und ergänzt: „Ich bin nicht wahnsinnig optimistisch, dass sich so die Welt verändern lässt, aber man kann anders aufeinander schauen und miteinander arbeiten.“ Sobald deutsche Förder mittel für eine Kooperation mit kongolesischen und indonesischen Künstler:innen fließen, wiederholt dies koloniale Strukturen, aber es bietet auch die Möglichkeit, Ressourcen und Aufmerksamkeit an selbstbestimmte Projekte umzuverteilen. So bleiben von „Roden“ nicht nur die Bilder kahler Hügel und endloser Palmölplantagen, sondern auch die Entstehung neuer sozialer Strukturen im Café des Femmes, das inzwischen zwei weitere Treffpunkte eröffnen konnte. T
Pflanzen als Trauerarbeit Zyklische Praktiken, wie das Einpflanzen und Ausgraben von Setzlingen, das Olande Byamungu als Trauerarbeit vollzieht, und die Loops des indonesischen Instrumentenbauers und Musikers Ikbal Lubys, verschränken sich mit den linearen Erzählungen der Interviewaufnahmen. Dort wird vom schwindenden Wald im Kongo, Indonesien und Deutschland als Ressource und Heimstatt von Märchen berichtet. Die ästhetischen Konstellationen und Blickrichtungen machen globale Zusammenhänge sichtbar, ohne die Besonderheit einzelner Phänomene aufzugeben. Jedoch kann sich der anspruchsvolle Versuch, Ausbeutung ästhetisch komplex zu inszenieren, nicht der kolonialen Logik entziehen, die er darstellen will. Als Kurator und hinter der Kamera wählt Kötter aus, was gezeigt wird und was unsichtbar bleibt. Diese Position ist voller Widersprüche. „Es gibt viele Leute, die würden sagen,
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Weitere Texte zum Thema finden Sie im Dossier unter tdz.de/klimawandel
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Akteure Porträt
Fnot Taddese und Jonas Friedrich Leonhardi in „Die Gischt der Tage“ nach dem Roman von Boris Vian. Regie Bernadette Sonnenbichler am Düsseldorfer Schauspielhaus
Meisterin der Bearbeitungen Fotos Melanie Zanin
Bernadette Sonnenbichlers Spezialität sind subtile Bühnenfassungen von Romanen und Drehbüchern, 2026 wird sie Intendantin in Heidelberg Von Stefan Keim
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Akteure Porträt In diesem Roman passieren unablässig seltsame Dinge. Da werden Partys zu Ehren eines Pudels veranstaltet, eine Maus mit schwarzem Schnurrbart spielt eine Hauptrolle, und es gibt ein Pianocktail, ein „Drinklavier“, ein Musikinstrument, das beim Spielen Getränke mixt. Dabei erzählt Boris Vian in seinem surrealistischen Roman „Die Gischt der Tage“ eine tragische Liebesgeschichte. Bernadette Sonnenbichler arbeitet genau das in ihrer Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus heraus. Der Abend ist witzig, schräg und absurd, dabei glaubwürdig, emotional und mitreißend. Adaptionen sind eine Spezialität der 42-jährigen Regisseurin, die seit zweieinhalb Jahren Oberspielleiterin in Düsseldorf ist und im Sommer 2026 Intendantin des Theater Heidelberg wird. Bücher auf der Bühne, das ist mal wieder ein Trend. Manche Spielpläne scheinen Bibliotheken ersetzen zu wollen. Dabei sind die künstlerischen Ergebnisse selten gelungen. Wenn sich ein Ensemble improvisierend nähert, die Handlung zerfetzt und die Probengags so lustig findet, dass diese dann die Aufführung bestimmen, bleibt oft bloß ein blöder Abend. Die andere Variante ist ein devotes Durcharbeiten eines komplexen Textes, der erkennbar nicht für die Bühne geschrieben wurde. Dann hagelt es Erzählund Erklärtexte, die den Spielfluss unterbrechen. Selten gelingt es, das zugrunde liegende Werk ernst zu nehmen und sich künstlerisch frei zu bewegen, einen eigenen Theaterkosmos zu erschaffen, der aus einer präzisen und liebevollen Analyse entsteht. Eben das ist die besondere Qualität von Bernadette Sonnenbichler. Unvergesslich ist ihre Fassung von „Der Meister und Margarita“ vor neun Jahren am Theater Aachen. Bulgakows Roman gab es vorher schon in bilderstarken Fassungen von Frank Castorf, Simon McBurney und Kay Voges. Aber niemand von ihnen hat so detailgetreu und einfühlsam die Geschichte erzählt, wie es Bernadette Sonnenbichler in ebenso rasanten wie entspannten dreieinhalb Stunden gelang. Für Boris Vians „Die Gischt der Tage“ braucht sie nun zwei Stunden. Die Bühne (Stefano Di Buduo) im kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels ist voll. Gerüste, Haushaltsgeräte, Pflanzen, natürlich das Pianocktail. Licht (Christoph Stahl), Kostüme (Tanja Kramberger) und Videos (ebenfalls Stefano Di Buduo) zaubern immer neue Stimmungen. Es wird übermütig und tieftraurig, durchgeknallt und philosophisch. Der Jazztrompeter Richard Koch wandert als eine Art Geist durch die Szenerie, ein Beobachter, der mit strahlenden und dreckigen Tönen die Handlung untermalt, kommentiert und weiterführt. Vielleicht ist die von Max Braun komponierte Musik ein gutes Beispiel für die präzise Arbeit Bernadette Sonnenbichlers. Sie ist das Gegenteil eines gefühligen Schmiermittels, sondern direkt aus der Vorlage entwickelt. Boris Vian ist trotz Herzmuskelschwäche nach dem Zweiten Weltkrieg als Sänger und Trompeter aufgetreten, Louis Armstrong und Duke Ellington waren seine Vorbilder. Im Roman bezieht sich Vian mehrmals auf Ellingtons Stück „Chloé“, das der Hauptfigur ihren Namen gibt. In Chloé (Sophie Stockinger) wächst eine Pflanze, ein Lotus, der sie von innen auffrisst. Und der reiche Colin (Sebastian Tessenow), der sich in Chloé verliebt hat, gibt sein ganzes Vermögen her, um sie zu retten. Es ist vergeblich. Puccini hat in der Oper „La Bohème“ eine ähnliche Geschichte erzählt und mit allen Mitteln auf die Tränen-
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„Die Gischt der Tage“ – übermütig und tieftraurig, durchgeknallt und philosophisch.
drüsen gedrückt. Vian beschreibt das Sterben Chloés und die Hingabe Colins federleicht und traumwandlerisch, ein bisschen wie eine Jazzimprovisation. Auch wenn die Liebenden immer härter in einer vom puren Kapitalismus dominierten Welt aufschlagen und Colin schließlich mit seiner Körperwärme Waffen herstellt, stellen sie nie ihre Liebe infrage. Dem Tod zum Trotz bleibt eine Utopie aus Musik und Liebe. Das Bild von der Waffenproduktion, die den Menschen auslaugt, passt natürlich perfekt in unsere Gegenwart. Aber sonst schreit der Roman nicht gerade danach, heute auf die Bühne zu kommen. An aktuelle Debatten dockt er nicht direkt an, er beschäftigt sich mit grundlegenden Dingen und Menschheitsfragen.
Sophie Stockinger und Fnot Taddese in „Die Gischt der Tage“
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„Ich weiß gar nicht so genau, was gerade angesagt ist“, sagt Berna dette Sonnenbichler. „Ich finde es toll, wenn Leute nah am Draht der Zeit sind. Und komme mir selbst manchmal alligatorenhaft vor, weil ich nicht so bin. Aber man kann sich schlecht zu etwas zwingen.“
Wechselwirkung mit Ensemble Wenn sie Romane oder Filmdrehbücher inszeniert, schreibt sie ihre Fassungen grundsätzlich selbst. „Ich ziehe mich vor dem Computer in mein kleines Gedankenlabyrinth zurück“, erzählt die Regisseurin. „Meistens sehe ich auch ganz deutlich vor mir, dass z. B. eine Szene links in der Ecke stattfinden wird. Das sind keine kompletten Bühnenbilder, aber ich inszeniere schon im Kopf, während ich meine Bearbeitung entwerfe. Auf den Proben müssen wir dann nicht mehr krass umschreiben.“ Was nicht bedeutet, dass die Schauspieler:innen nur ausführende Organe sind, im Gegenteil. „Das Konzept entsteht in Bezug auf das Ensemble. Es ist wunderbar, wenn ich das Ensemble sehr gut kenne wie hier in Düsseldorf. Dann kann man in Wechselwirkung treten.“
Zertrümmern – das ist ein Begriff, der mit Bernadette Sonnenbichler nichts zu tun hat. 32
Die Spieler:innen hat Bernadette Sonnenbichler schon im Kopf, wenn sie Romane oder – wie gerade in Heidelberg – ein unverfilmtes Drehbuch adaptiert. Da hat sie gerade „Die Reise des Giuseppe Mastorna“ von Federico Fellini auf die Bühne gebracht. Die Vertrautheit mit Ensemble und Dramaturgie ist ihr sehr wichtig. „Ich arbeite gern in Arbeitsfamilien. Es war nicht immer so, dass die erste Regie an einem neuen Haus meine beste war. Ich entspanne mich mehr, wenn ich die Menschen kenne.“ Natürlich inszeniert Bernadette Sonnenbichler auch dramatische Texte. „Ich respektiere und verehre auch Molière und Shakes peare“, sagt sie. „Aber es macht mir große Freude, mir meine eigene Welt zurechtzuzimmern. Der Wechsel ist ideal. Mal bearbeite ich einen Roman, mal verlasse ich mich auf einen tollen Theatertext.“ Dass sie nicht in die Falle vieler Adaptionen geht, hat mit ihrem zweiten Job zu tun. Bevor sie Theaterregisseurin wurde, hat Bernadette Sonnenbichler Hörspiele inszeniert. „Ich versuche schon beim Schreiben der Fassung, die Handlung in Vorgängen zu erzählen. Das ist ähnlich wie in der Hörspielarbeit, vielleicht helfen mir diese Erfahrungen beim Inszenieren auf der Bühne. Ein ellenlanger Erzähltext, bevor eine Szene kommt, ist im Hörspiel einfach nicht gut.“ In ein paar Wochen sitzt sie wieder beim SWR im Studio und inszeniert ihr nächstes Hörspiel, und zwar passenderweise das Gewinnerstück des Heidelberger Stückemarkts vom vergangenen Jahr, „Kind aus Seide“ von Leonie Ziem.
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Foto Stefano Di Buduo
Szenen aus „Die Gischt der Tage“ nach dem Roman von Boris Vian. Regie Bernadette Sonnenbichler
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Ausblick Heidelberg Im Sommer 2026 beginnt sie ihre erste Intendanz. In Heidelberg wird sie Nachfolgerin von Holger Schultze, der dort lange und erfolgreich gearbeitet hat. Deshalb erläutert Bernadette Sonnen bichler ihr Konzept mit drei Begriffen: Zeitgenossenschaft, Zugänglichkeit und Kontinuität. Das bedeutet, dass sie die etablierten Festivals fortführen will. Neben dem Heidelberger Stückemarkt, der ja schon paradigmatisch für Zeitgenossenschaft steht, sind das die Schlossfestspiele, die Tanzbiennale und das Festival für Barockopern in Schwetzingen. Die Opernsparte gehört dann auch in ihre Zuständigkeit. Und es verwundert, dass Bernadette Sonnenbichler bisher nicht im Musiktheater aktiv war. „Da ist bisher immer etwas dazwischengekommen“, sagt sie. Z. B. die Geburt des zweiten Kindes. Auf die Opernregie will sie sich als Intendantin aber auch nicht stürzen, sondern im Gegenteil zunächst nur eine Inszenierung pro Jahr im Schauspiel machen. Sie hat Respekt vor dem Job einer Theaterleitung, gerade jetzt, in einer keineswegs einfachen Phase. Die Zugänglichkeit ist für sie ein großes Thema. „Das bedeutet keinesfalls unterkomplex zu sein“, sagt Bernadette Sonnenbichler. „Aber wir müssen Titel und Themen bieten, mit denen die Menschen etwas anfangen können.“ Barrierefreiheit ist wichtig, Angebote in einfacher Sprache, für Hör- und Sehbeeinträchtigte, auch partizipative Produktionen. „Ich plädiere für Vielfalt. Ein gutes Theater muss alles anbieten, Stücke, die auf drängende Fragen reagieren, Aufführungen, die auch mal schreien können, aber auch Abende, die grundlegende Themen behandeln. Theater muss schließlich alle Menschen in einer Stadtgesellschaft einladen. Da wäre jede Begrenzung auch eine Ausgrenzung.“ Die Öffnung des Foyers ist an vielen Theatern gerade ein großes Thema. Es sollen Orte für Treffen sein, jenseits von Veranstaltungen. Aus Düsseldorf nimmt sie die Ideen mit, Community Dance und Yoga anzubieten. Aber das Foyer soll auch ein Ort des Verweilens sein, mit Büchern, Zeitschriften und Kaffee. „Das Theater Heidelberg liegt wunderschön mitten in der Altstadt“, sagt die Bald-Intendantin. „Natürlich müssen wir schauen, was wir konkret umsetzen können. Aber man muss ja erst mal träumen dürfen.“ Zertrümmern – das ist ein Begriff, der mit Bernadette Sonnen bichler nichts zu tun hat. Weder was ihre Arbeit als Regisseurin betrifft noch ihre Gedanken zum Stadttheater. Im Gegenteil, für sie ist sauberes Handwerk ebenso wichtig wie kreative Spinnerei. Nur zusammen kommt eine Aufführung wie „Die Gischt der Tage“ zustande. Und deshalb scheint sie mit ihrer Mischung aus Bodenständigkeit, Energie und Sorgfalt ideal, um in dieser Zeit eine Intendanz zu übernehmen. „Das deutschsprachige Ensembletheater ist ein hohes Gut, und wir müssen es beschützen“, sagt Bernadette Sonnenbichler. „D. h. nicht, dass wir es nicht immer wieder reformieren müssen. Aber wir sollten niemals den Kern infrage stellen.“ T
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SCHAUSPIEL Großes Haus
Premiere 29. Mär. 2025 Regie Armin Petras Musik Miles Perkin Bühne Julian Marbach Kostüm Philipp Basener Choreografie Berit Jentzsch
Ein irres RockVaudeville nach der Musik von den Tiger Lillies
Akteure Nachruf
Zum Tod von Michael Börgerding, dem langjährigen Bremer Intendanten Von Alexander Schnackenburg
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Die Spielzeit 2012/13 am Theater Bremen hatte noch nicht begonnen, da sorgte das Spielzeitheft schon für Irritationen. Nicht, weil das darin vorgestellte Programm so ungewöhnlich gewesen wäre. Vielmehr lockten das Erscheinungsbild und die Haptik dieses „Heftes“ manch Journalisten auf die falsche Fährte: ein paar dünne, gefaltete DIN-A3-Zettel, ohne Umschlag, ohne Deckel, noch nicht einmal geheftet. War die neue Theaterleitung um Generalintendant Michael Börgerding etwa nicht rechtzeitig damit fertig geworden? Weit gefehlt. Mit seinen schlichten Zetteln – aus denen am Theater Bremen auch heute noch die Spielzeithefte bestehen – setzte Börgerding ein Zeichen: Unter seiner Leitung, so die Botschaft, sollten die Inhalte im Vordergrund stehen, keine Verpackungen – ein Versprechen, das der kluge Mann mit dem verschmitzten Lächeln und dem feinen Humor bis zum traurigen Ende seiner mehr als zwölfjährigen Intendanz am Theater Bremen halten sollte. Zurück zum Anfang: Bremens Senat hatte den Auftrag des Intendanten in der Ausschreibung der Stelle klar definiert. Er solle das Theater auch für ein Publikum öffnen, das sich normalerweise nicht dorthin verläuft. Insbesondere möge er sich um Zuschauer:innen mit Migrationshintergrund bemühen, die, obwohl wesentlicher Bestandteil einer modernen Stadtgesellschaft, eher selten im Auditorium zu sehen seien. Kurz: Das Theater Bremen sollte, mehr als je zuvor, ein Theater für alle werden – und gleichzeitig möglichst keine Zuschauer:innen verlieren. Für dieses Verständnis von Stadttheater war der Anti-Prahler Börgerding mit seiner ruhigen, aufgeschlossenen Art und seinem wachen Blick wie gemacht. Geboren 1960 in Lohne/Oldenburg hatte er Germanistik, Soziologie und Philosophie in Göttingen studiert. Ebendort sammelte er als Regisseur und Dramaturg am Jungen Theater auch seine ersten Theatererfahrungen. In der Folge wurde er Dramaturg am Niedersächsischen Staatstheater Hannover und darauf Chefdramaturg sowie
Direktoriumsmitglied am Thalia Theater Hamburg. In den Jahren 2005 bis 2012 schließlich war Börgerding Direktor der Theaterakademie Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater: eine beeindruckende Vita. Keine Selbstverständlichkeit, dass sich dieser Mann um die Intendanz am krisengeschüttelten und verschuldeten Theater Bremen bewarb. Der Posten reizte Börgerding wohl auch deshalb, weil er zu dieser Zeit ohnehin bereits in Bremen lebte, nicht etwa in Hamburg. Der simple Grund: Seine Frau hatte an der Weser „einen ganz guten Job“, wie er sagte. Also richtete er sich nach ihr. So war er. Ein bescheidener Mann, der führen konnte, der es aber nicht nötig hatte, das patriarchalische Alpha-Männchen zu geben. Auch nicht im Theater. Börgerding verstand sich als Ermöglicher der Kunst anderer. Sich selbst zu inszenieren, lag ihm fern. Aus diesem Selbstverständnis heraus verfolgte er einen klaren Plan für sein Theater. Sein oberstes Credo: Alle vier Sparten des Hauses müssten unbedingt erhalten bleiben. Um neues und altes Publikum für das Haus zu begeistern, setzte er auf Investigatives und Bewährtes zugleich. Die Tanzsparte des Hauses entwickelte er mit Samir Akika als Leiter und späterem Hauschoreografen neu. Das Kinder- und Jugendtheater baute er samt Theaterschule bis zuletzt erheblich aus. Für das Schauspiel sowie für das Musiktheater engagierte er bereits etablierte Regisseur:innen wie Klaus Schumacher, Alize Zandwijk, Michael Talke, Herbert Fritsch, Armin Petras und Andreas Kriegenburg. Parallel dazu schenkte er immer wieder jungen Regisseur:innen das Vertrauen und brachte einige von ihnen groß heraus, darunter den heutigen Intendanten des Theater Basel, Benedikt von Peter, der von 2012 bis 2016 die Musiktheatersparte in Bremen leitete. Besonders tief verinnerlicht hatte Börgerding über die gesamte Dauer seiner Intendanz die Idee vom offenen Stadttheater. Nicht nur, dass er immer neue Spielorte in
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Foto links Jörg Landsberg, rechts By Manfred Werner - Tsui - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12143716
Der Anti-Prahler
MICHAEL BÖRGERDING
Akteure Nachruf
OTTO SCHENK
Bremen entdeckte (siehe auch TdZ 09/2016 und 06/2017). Auch machte er sich in Bremens Kulturszene einen Namen als jemand, der auf Augenhöhe mit sich reden ließ, seinerseits das Miteinander suchte, Spaß an gemeinsamen Festivals hatte. In diesem Sinn ließ er den Goetheplatz vor dem Theater in der Coronazeit zum „Common Ground“ umgestalten, zu einem offenen Spielort für alle Künstler:innen der Stadt. Inzwischen ist der sommerliche „Common Ground“ vor dem Theater am Goetheplatz gesetzt. Es versteht sich von selbst, dass ein Vier-Sparten-Theater über zwölf Jahre niemals nur einen Stil pflegt, sondern viele Handschriften zugleich zulässt. Trotzdem gab es sie – jene Inszenierungen, die irgendwie besonders gut zu passen schienen zur Ära dieses Intendanten mit seiner Liebe zu präzisem Schauspielertheater, guten Romanadaptionen und Kooperationen mit anderen Institutionen der Stadt. Eine der besten dieser Premieren, die dem Intendanten wahrscheinlich viel Freude bereitet hätte, hat er, bereits schwer krank, im Dezember leider nicht mehr verfolgen können: Alize Zandwijks Inszenierung von Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“. Der besondere Pfiff: Das Künstlerpaar Rodolfo und Mimi singt und spielt seine Duette auf einer kleinen Spielfläche aus Paletten vor der Bühne, im Auditorium – ein Kammerspiel inmitten der großen Oper, im bizarren Kontrast zu den opulenten Chorszenen, bei denen das Ensemble mit der Bremer Tafel zusammenarbeitet, einer gemeinnützigen Organisation, die Speisen an Bedürftige ausgibt. Michael Börgerding lebte dafür, derartigen Einfällen eine Bühne zu bieten. Dieser Intendant tat nicht nur so, als würde er sich für das Leben außerhalb des Theaters interessieren. Es beschäftigte ihn tatsächlich. Gutes Theater war für ihn ein Spiegel der Gesellschaft. Am 12. Januar ist Michael Börgerding im Alter von 64 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Das Theater Bremen und sein Publikum sind in tiefer Trauer um einen großen Theatermacher und wunderbaren Menschen. T
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Adlerauge fürs Un wesentliche Nachruf auf den Schauspieler und Regisseur Otto Schenk Von Hermann Beil
Peter Zadek inszenierte im Jahr 2000 am Wiener Akademietheater, dem kleinen Haus des Burgtheaters, Henrik Ibsens Drama „Rosmersholm“. Zadek engagierte zur illustren Besetzung mit Gert Voss, Angela Winkler, Peter Fitz, Klaus Pohl und Annemarie Düringer für eine skurrile Rolle Otto Schenk. Der in Wien und nicht nur in Wien bekannte und beliebte siebzigjährige Schauspieler (und Regisseur) kam auf die erste Probe und stellte sich Zadek mit einem Kopfstand vor – und mit den Worten: „Das kann ich anbieten.“ Es ist eine verbürgte Anekdote, die in nuce zeigt: Diesem Otto Schenk kann man nichts vormachen, weil er sich nichts vormachen lässt. Und er konnte in seinem langen Leben theatralisch unendlich viel mehr anbieten, denn er war begierig auf das Leben. „Das Leben war für mich eine Art Schauspiel“, sagte Otto Schenk einmal, und dieses sein Lebensschauspiel begann am 12. Juni 1930 in Wien, und wurde für ihn „das größte Abenteuer“. Als Kind und Jugendlicher erlebte er nach dem Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich ganz unmittelbar die Schrecken der Nazi-Herrschaft, denn die menschenverachtenden Nürnberger Rassegesetze machten ihn wegen seiner familiären Herkunft zu einem „Mischling“, dessen Leben ständig bedroht war. In dieser Zeit entdeckte er Musik und Theater für sich. Er berichtete z. B. von prägenden Konzerterlebnissen durch die Wiener Philharmoniker. „Ich will Komiker werden, ich mache mit den Kindern Witze. Wenn ich groß bin, werde ich viel besser Witze machen“, notierte er einst. Nach Kriegsende im befreiten Österreich besuchte er von 1948 bis 1951 das Max Reinhardt Seminar und war auch Schüler der großen Schauspielerin Helene Thimig, legte im Jurastudium die 1. Staatsprüfung ab und begann in Wien, an Kleinkunstbühnen zu spielen. Es folgten das Volkstheater und das Theater in der Josefstadt. 1955 inszenierte er an der Josefstadt Nestroys Posse „Umsonst“ und gab 1957 am Salzburger Landestheater mit Mozarts „Zauberflöte“ sein Debüt als Opernregisseur. In unzähligen Auftritten
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Akteure Nachruf
spielte er große und kleine Rollen, er inszenierte an allen Wiener Bühnen Schauspiel und Oper: 1964 an der Josefstadt Horváths „Kasimir und Karoline“, 1967 am Burgtheater Büchners „Dantons Tod“ und 1974 Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und 1964 begann an der Wiener Staatsoper mit Janáceks „Jenufa“ geradezu ein Lebenswerk von über 30 Operninszenierungen mit insgesamt 2750 Vorstellungen im Haus am Ring, von denen noch heute „Die Fledermaus“ von Johann Strauß, in der er oft den fidelen Gefängniswärter Frosch gespielt hatte, alljährlich zu Silvester auf dem Spielplan steht. Er wusste um die Musik, er inszenierte aus der Musik, nie gegen die Musik. Seine Musikalität ermöglichte das, was der strenge Wiener Theaterkritiker Friedrich Torberg einmal so lobte: „Otto Schenks Regie ist bis ins kleinste Detail durchgearbeitet, mit Dämpfern und Drückern im richtigen Moment, mit Temposteigerungen und Pausen genau in der richtigen Spanne …“ Die enorme Zahl seiner Inszenierungen ergab sich fast beiläufig. Wie eine Nestroy-Figur war er im permanenten Widerstreit mit sich selbst, daraus gewann er seine Produktivität. Die Schriftstellerin Hilde Spiel sah in ihm einen Regisseur, „der erfolgsgewohnt und gelassen von einer Inszenierung zur anderen schlendert, wo andere atemlos hasten“. So inszenierte er weltweit: an der Metropolitan Opera, an der Mailänder Scala, in London, in München, in Frankfurt und Hamburg und natürlich immer wieder bei den Salzburger Festspielen; dort wird er auch in Jürgen Flimms und Peter Steins Inszenierungen mit klassischen Nestroy- und Raimund-Rollen großen Erfolg haben. Fritz Kortner, der einmal über Otto Schenk sagte, er habe „ein Adlerauge für das Unwesentliche“, spielte 1969 in Schenks Verfilmung von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ den Shylock – ein einzigartiges Dokument. Schenk wusste, dass das scheinbar Unwesentliche wahre Lebensfülle ergeben kann. Es war nicht seine Lebensplanung, es war Boy Goberts plötzlicher Tod, der dazu führte, dass er von 1988 bis 1997 zum Direktor
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OTTO SCHENK
des Theaters in der Josefstadt berufen und damit einer der Nachnachfolger Max Reinhardts wurde. Seine Eröffnungspremiere war Arthur Schnitzlers heute immer noch hochaktuelles Schauspiel „Professor Bernhardi“ mit Michael Degen in der Titelrolle. Allein mit dieser Stückwahl zeigte sich: Er war ein genuiner Theaterdirektor für die Josefstadt, weil er mit untrüglichem Gespür für die Geschichte des Hauses und für das spezifische Josefstadt-Publikum Ensemble und Spielplan inspirierte. Er inszenierte und spielte, mit Helmuth Lohner besonders gerne. Ein symbiotisches Paar voller elementarer Komik. Spielen war ihm Lebenselixier, er war von unstillbarer Sehnsucht danach befallen. Die Zahl seiner Auftritte ist enorm, auch wenn er stets beteuerte: „Ich habe immer mit dem Zweifel gearbeitet.“ Das Publikum, das ihm das Allerwichtigste war, gab ihm durch Lachen das insgeheim erhoffte Glücksgefühl. Das war der Antrieb zu seinen unzähligen Lesungen und Soloabenden landauf landab. Das Publikum dankte es ihm mit Jubelstürmen. Meine erste Begegnung mit Otto Schenk war an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main im November 1963. Ich machte als Dramaturgie-Assistent mein erstes Programmheft überhaupt, ein Programmheft zu einer Inszenierung des „Rosenkavaliers“; es war Schenks erster „Rosenkavalier“, dem weitere in Wien (mit Leonard Bernstein am Pult), in München (mit Carlos Kleiber am Pult) und anderswo folgten. Es war eine spielerische, alle Figuren und Situationen liebevoll wie deutlich ausmalende, Strauss und Hofmannsthal gleichermaßen ernst nehmende Opernaufführung, es war tatsächlich eine Komödie für Musik. Der spontan probierende, die Sänger achtsam beflügelnde Otto Schenk erschien mir wie ein leibhaftiges Universallexikon des Theaters, voll überquellender Fantasie und doch wahrhaftig, weil er von den Zinsen seines Lebens zu inszenieren vermochte. Deswegen inszenierte er nie Konzepte, keine Gedankenkonstrukte, keine Ideologien, die ihm verhasst waren, er folgte nie einem modischen Trend. Die
Neugier bewahrte ihn davor und er blieb neugierig bis zu seinem Tod am 15. Januar 2025. Der gelegentliche Vorwurf „beim Schenk menschelt’s“ galt ihm als höchstes Lob, denn sein Bekenntnis „ich bin eine Art Menschenfresser“ war zugleich Lebensmotto. Er glaubte an die Dichter und die Kraft der Dichtung – deswegen war er das lachende und weinende Gesicht des Theaters. Aus seinem Gesicht konnte bodenlose Melancholie sprechen und von einem Augenblick auf den anderen zeigte seine vis comica, welch weiser Kindskopf dieser Menschenfreund auch sein konnte. Peter Turrini, der drei Theaterstücke für ihn geschrieben hat, hielt ihn für einen der traurigsten Menschen und für den größten Verbreiter von Heiterkeit, mehr noch, Turrini verlieh seinem Freund Otti die ehrende Auszeichnung, „größter Narr dieser Stadt, dieses Landes und weit darüber hinaus“ zu sein. Zustimmend-zweifelnd könnte Otto Schenk darauf geantwortet haben: „Ich bin kein Schenk-Fan, sondern einer, der am Schenk zweifelt bis verzweifelt.“ Es waren wohl diese zutiefst wienerischen Selbstzweifel, die ihn beseelten, ihn immer wieder anfeuerten, mit seinem Solo „Die Sternstunde des Josef Bieder“ quasi als brillante Rampensau selbst so große Bühnen wie die Deutsche Oper Berlin (!) zu beherrschen oder Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Met in New York zu inszenieren oder als Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon aufzutrumpfen: „Lebenslängliche Theaterkerkerhaft. Und doch niemals aufgegeben.“ Otto Schenk hatte nie aufgegeben. Zu Lebzeiten schon zu einer Tschechow-Figuren geworden, spielte er 2019 als seine letzte Rolle an seinem Josefstädter Theater in Tschechows „Kirschgarten“ die Rolle des alten Dieners Firs, der am Schluss der Komödie sagt: „Das Leben ist vergangen, als hätte ich nicht gelebt.“ Otto Schenk hatte alle Leben gelebt und gespielt und die Wiener:innen zeigten mit ihrer Anteilnahme bei der Trauerfeier im Stephansdom, wie sehr sie ihn geliebt haben. In Wien können Schauspieler:innen unsterblich werden … T
Theater der Zeit 3 / 2025
Theater der Zeit
Stück Labor 2023/24
Zeichnungen Daniel Zeltner
Laura Chaignat
Fabienne Lehmann
Anaïs Clerc
Silvan Rechsteiner
Stück Labor – Neue Schweizer Dramatik Es ist das einzige Förderprogramm seiner Art, das kontinuierlich jede Spielzeit Hausautor:innenschaften in Kooperation mit Schweizer Theatern ermöglicht. Während jeder Saison entstehen so im Rahmen von Residenzen zwei bis vier Uraufführungen zeitgenössischer Stücke. Die Hausautor:innen 2023/24 waren Laura Chaignat am Théâtre du Jura, Anaïs Clerc an den Bühnen Bern, Fabienne Lehmann am Luzerner Theater und Silvan Rechsteiner am Theater Basel.
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Stück Labor 2023/24
Stück Labor 2023/24 Von Michael Gmaj
Hunde sind sich nicht mehr einig, wen sie retten sollen. Wen sich alles schnell wandelt, braucht es neue Wegweiser. Doch wer soll diese festlegen außer wir selbst? Ist es besser, nichts zu tun, oder gerade brandgefährlich? Das Stück wurde am 21. Januar an den Bühnen Bern uraufgeführt.
Das Förderprogramm Stück Labor ermöglicht aufstrebenden Dramatiker:innen eine Hausautor:innenschaft in Kooperation mit etablierten Schweizer Theatern. Dort können sie mit Unterstützung des Teams und Ensembles ihre kreativen Visionen entwickeln und zur Aufführung bringen. In einer Zeit, in der die Gesellschaft in sozialen, politischen und kulturellen Fragen immer einfachere Antworten einfordert, gibt das Programm Autor:innen die Zeit, sich tiefergehend mit Themen auseinanderzusetzen. Laura Chaignat erforscht in ihrem Text die fundamentale Bedeutung von Freundschaft in einer zunehmend isolierten Welt. Anaïs Clerc thematisiert die Orientierungslosigkeit in einer sich schnell verändernden Gesellschaft. Fabienne Lehmann beleuchtet die oft vergessenen Geschichten der ländlichen Arbeitswelt und wie wir damit „Heimat“ definieren. Silvan Rechsteiner schließlich untersucht die Weichenstellungen im Leben eines jungen Mannes, der zwischen seinen Träumen und der Realität navigiert. Mit Uraufführungen an renommierten Theatern in der Schweiz setzen diese Autor:innen neue Impulse und laden das Publikum ein, sich mit einem jungen Blick auf unsere Zeit auseinanderzusetzen.
FABIENNE LEHMANN wuchs auf einem Bauernhof in der Schweiz auf. Geprägt von einer ländlichen Heimat sowie einer Studienzeit in den Städten Basel und Biel, steht sie mit ihrer eigenen Biografie für den Wandel. Totreif, so nennen die Bauern das Korn, wenn es so trocken ist, dass man es nicht mehr mit dem Fingernagel eindrücken kann und es bereit ist zur Ernte. Was heute maschinell gemacht wird, war früher Handarbeit. Das Landleben des vergangenen Jahrhunderts ist ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur. Doch abseits der verklärenden Erinnerung spricht niemand über die harte Arbeit oder die Ausbeutung der Menschen die damit zusammenging. Der Umgang mit den Jenischen z. B., die als Fahrende Handel mit den Bauern betrieben und deren Lebensweise man jahrzehntelang versuchte, aus der Gesellschaft zu tilgen. Oder Arbeiter:innen, die man „Gast“ nannte und sie damit von der eigenen Geschichte ausschloss. Und nicht zuletzt Frauen, die ein enormes Arbeitspensum zu meistern hatten und deren Leistung doch kaum erwähnt wird. Die große Frage bleibt: Was ist Heimat und wie erzählt man sich davon? Das Stück feiert seine Uraufführung am 29. März am Luzerner Theater.
LAURA CHAIGNAT ist Performerin, Radiomoderatorin, Comedian und Autorin. Sie hat sich ganz dem humoristischen Schreiben gewidmet, um dann ihre Liebe für Theater zu entdecken. Mit ihrem Soloabend „Presque Phèdre“ (Fast Phädra) feierte sie in der französischsprachigen Schweiz und auf Gastspielen in Frankreich große Erfolge. Mit ihrem neuesten Text stellt sie sich der Frage nach dem Stellenwert der Freundschaft: Was, wenn Freundschaft die einzige Lösung zur Rettung der Menschheit wäre? Alles beginnt mit einer Hochzeit, zu der man, trotz langer Freundschaft, nicht eingeladen wurde. Wir alle kennen den Schmerz von Liebeskummer, aber wie sieht es mit Freundschaftskummer aus? Mit einer autofiktionalen Setzung begibt sich Laura Chaignat auf die Suche nach dem Sinn von Freundschaft. In Anlehnung an die philosophischen Überlegungen von Aristoteles, Cicero, Geoffroy de Lagasnerie und Alice Raybaud stellt sie die Basis unserer Gemeinschaft auf den Prüfstand. Können wir überleben, ohne dass wir Freunde haben? Der Text, den sie auch selbst performt, feierte am 23. Januar am Théâtre du Jura in Délemont seine Uraufführung.
SILVAN RECHSTEINER wurde 2024 mit seinem Stück „Mosaik“ für den deutschen Jugendtheaterpreis nominiert. Vor seiner Laufbahn als Bühnenautor war er selbst Zugbegleiter bei den Schweizerischen Bundesbahnen. Während seiner Hausautorschaft am Theater Basel ist ein Stück entstanden, in dem es um die Weichenstellungen des Lebens geht. Bruno möchte Schauspieler werden. Die Berufsberaterin rät ihm zur Bahn. Drei Jahre später prüft er leidenschaftlich Bremsen, kontrolliert Billetts und spricht spätabends durch die Lautsprecher: „Das ist, was ich will!“ Doch zwischen ewig gleichen Bahnhöfen begegnet Bruno immer denselben bleichen Gesichtern auf Durchreise mit ihren Schicksalen im Gepäck. Wen lässt Bruno mitfahren? Ist Bruno auf der falschen Bühne gelandet? Das Stück feierte seine Uraufführung am 5. Februar am Theater Basel.
ANAÏS CLERC wurde mit ihrem Dramenprozessor-Stück „brennendes haus“ für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2024 nominiert. Mit „Schimmernde Schluchten“ erzählt sie aus den tiefsten Tälern der Schweiz. Armela hat ihr Dorf verlassen, ihren Bruder Armin hat sie zurückgelassen. Nach einem Todesfall kehrt Armela zurück. Keiner freut sich darüber, denn ihre Rückkehr bringt unbeantwortete Fragen wieder auf den Tisch. Damals gab es im Dorf einen Tumult um eine Flüchtlingsunterkunft, die am Schluss abbrannte. Die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit werden hier mit einer Lawine verglichen. Die meisten Menschen, die von einer verschüttet werden, verlieren die Orientierung. Wo findet sich die rettende Freiheit? Oben, unten links oder rechts? Dabei wäre die Oberfläche nur eine Handbreit entfernt. Auch die Bernhardiner
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Stück Labor wird gefördert von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung, Ernst Göhner Stiftung und Landis & Gyr Stiftung.
Im Folgenden präsentieren wir von den Autor:innen ausgewählte Auszüge ihrer Stücke. Die vollständigen Stücktexte stehen zum Download im PDF-Format über den QR-Code zur Verfügung.
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Freundschaft – bitte nur noch mit Gießanleitung
SZENE 1 – Der Barcelona-Schock
Freundschaft – bitte nur noch mit Gießanleitung Von Laura Chaignat Aus dem Französischen von Yasmine Salimi
Auszug © Laura Chaignat
LAURA CHAIGNAT besuchte das Lycée cantonal de Porrentruy mit dem Schwerpunkt Theater, als sie Gérald Chevrolet kennenlernte, der dort für einige Stunden das Fach Schreiben unterrichtete. Sie machte dort eine verrückte Entdeckung: Es hatte ihr Spaß gemacht! Nach einem berufsvorbereitenden Zertifikat in Schauspiel am Konservatorium Fribourg führt sie ihr Weg von Entdeckun gen zu Begegnungen, von Beobachtungen zu Lernerfahrungen. Als Radiomoderatorin bei RFJ und Grrif schloß sie sich 2015 dem Team der Dicodeurs (RTS La 1ère) und danach Couleur 3 an. Dort widmete sie sich der sehr ernsten Kunst des humoristischen Schreibens. Neugierig geworden, rieb sie ihre Feder am Drehbuchschreiben, indem sie die Webserie „Hockey Meufs“ kreierte, dann ein Vaudeville für die Amateurtruppe des Fußballvereins US Montfaucon (L’autorité parentale est une preuve d’amour). 2022 gründete sie ihre Theatergruppe Poisson Scorpion und gewann einen dreimonatigen Aufenthalt in der Cité des Arts in Paris. Im gleichen Jahr erhielt sie ein SSA-Stipendium, das ihr ermöglichte ihr erstes Solo-Stück „Presque Phèdre“ im Frühjahr 2023 uraufzuführen. In der Spielzeit 2023/24 war sie Hausautorin am Théâtre du Jura.
Theater der Zeit 3 / 2025
Laura bereitet sich gut gelaunt auf die Hochzeit vor und hört Musik, u. a. von Stephan Eicher. LAURA Nur noch zwei Stunden! Dann geht’s ab nach Barcelona. In zwei Stunden fliege ich nach Spanien, mit einer Gruppe von Freund*innen. Wir kennen uns seit zehn Jahren. Mein Urlaub hat gerade angefangen. Ich hab den Flug gebucht, dazu zwei Nächte im Hotel. Ich freu mich so! Und … – WhatsApp-Nachrichtenton – Laura spielt die Sprachnachricht ab. „Hey Laura! Wir haben halb zufällig mitbekommen, dass du schon alles gebucht hast, um zu unserer Hochzeit nach Spanien zu kommen. Das hat uns überrascht, weil wir dich ja ehrlich gesagt gar nicht eingeladen haben. Schönes Wochenende dir, viele Grüße.“ Sie spielt sie noch einmal ab. Und noch einmal schneller. Ich habe keine offizielle Einladung bekommen? Das wurde einfach alles in der WhatsApp-Gruppe besprochen. Bloß dass alle aus unserer Freundesgruppe eingeladen waren, außer mir. Wie dumm kann man sein! Missverstehen für Dummies. Ich bin Toni Erdmann. Ich hab mich einfach selbst eingeladen. Vielleicht haben die eine WhatsApp-Gruppe ohne mich gemacht. Klar haben die eine WhatsApp-Gruppe ohne mich gemacht, um sich in Barcelona zu verabreden: unter Freund*innen. Baptiste wird da sein, in einem Anzug, der zu eng sitzt, weil er auch als leitender Angestellter im Finanzsektor seine Klamotten noch bei Ali Express kauft. Emilie, die am Anfang gar nicht an diese Beziehung geglaubt hat! Ha! Und garantiert Clemmi, Annie, ihre Kleine, der Hund. Vielleicht ist der Hund sogar in der WhatsApp-Gruppe. Der Hund war noch nicht mal auf der Welt, als sie sich kennengelernt haben. Aber ich war da. Ich bin mit dem Freund, der jetzt heiratet, gemeinsam ins Yoga gegangen, damit er seine zukünftige Frau kennenlernt. Ich hab mir einen Samstagvormittag nach dem anderen Namastés reingezogen, hab mich in eine Leggings gequetscht, die den Umfang meiner Arme hatte. Ich habe die beiden sogar noch zu einem grünen Tee nach dem Sport eingeladen. Tee: Kompost in heißem Wasser! Überhaupt habe ich ihn erst darauf aufmerksam gemacht, dass sie ständig zu ihm rüberguckt! Ich hab gesagt: Los! Nach unten schauender Hund! Schnapp sie dir! Schlag ihr ein Date vor! Ich hab Amor gespielt! Wie kann es sein, dass ich nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen bin? Sie zieht ihren Mantel aus, da sie doch nicht verreist. Ich erinnere mich an die Absacker in meiner Küche auf eine letzte Flasche Enzian. Ich habe richtig viel Schnaps in diese Beziehung investiert! Ich habe meine Leber geopfert für ihre Liebe. Die Leber einer Schweizerin aus dem Jura ist nicht einfach ein Organ – das ist ein Talent. Ich erinnere mich an die Bullen mitten in der Nacht, die unsere Nachbar*innen gerufen hatten und die wir begrüßt haben wie Stripper. Ich erinnere mich an das Dorffest, an den Geburtstag meines Vaters, an die Picknicks im Frühling. An den Milchzahn, den er meiner kleinen Schwester gezogen hat. Meiner kleinen Schwester! Es gibt beste Freund*innen, die würden sich alles anvertrauen, nur nicht ihre kleinen Schwestern! Und an den Sommerurlaub, als wir auf einem Boot festsaßen. Seit acht Tagen hatte ich nicht gekackt, da ist er mit mir zur Apotheke, um mir zu helfen, „Verstopfung“ auf Griechisch zu übersetzen. Scheiße! Eine Freundschaft, die zehn Tage auf einem Boot überlebt, die muss doch alles überleben können! Das ist doch ein Naturgesetz des Lebens, oder?! Was hätte man denn machen müssen, um auf diese Hochzeit eingeladen zu werden? Laura grübelt.
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Stück Laura Chaignat „Hallo Laura! Wir haben halb zufällig mitbekommen, dass du …“ Zufällig, ja! Moment, zufällig? Nein. Zufall ist, im gleichen Hotel wie Stephan Eicher zu landen, im Urlaub in Teheran, inklusive persischem Frühstück jeden Morgen, das ist Zufall, ja!!! Aber doch nicht: „... zufällig mitbekommen, dass du schon alles gebucht hast, um zu unserer Hochzeit nach Spanien zu kommen.“ Insgesamt 350 Euro. Für’n Arsch. Tut aber nicht nur den vier Buchstaben weh, sondern dem ganzen Alphabet. „... Das hat uns überrascht ...“ Ach was! Überraschung!! Ihr habt alle außer mir eingeladen, und ich bin hier der Überraschungsfaktor? „... weil wir dich ja ehrlich gesagt gar nicht eingeladen haben.“ „Schönes Wochenende dir,“ Ja klar! Mir wurde das Herz gebrochen, ihr habt mich nicht eingeladen, lasst mich hier allein: (ironisch) Das wird ein schönes Wochenende. ... viele Grüße.“ Was habe ich denn verbrochen, dass ich das verdient hab? Wem tut man so was an? Wer verdient es, so schlecht behandelt zu werden? Der Joker. Kim Jong Un, Scar, Voldemort, Hitler. Alles Monster … Bin ich ein Monster?
SZENE 2 – Eine Chance noch Bei Mama. Sie nimmt einen letzten Keks und macht die Dose zu. MAMA So. Basta. Genug jetzt. Aber das ist so lecker, dieses Zeug, wenn du einmal die Nase reinsteckst, kannst du gar nicht mehr die Finger davon lassen! Ist glatt wie Gift! Sag mal, du bist ja süß; die setzen dich bei ihrer Hochzeit vor die Tür du bringst denen Kekse mit?! LAURA Mama, ich bin verletzt, nicht unhöflich. Man muss die Schande mit Fassung tragen. Und ich will doch hoffen, dass die Kekse lecker sind! Die haben immerhin 30 Franken gekostet. Aber greif zu, auf die zweite Dose gab’s 50 Prozent Rabatt. MAMA Wie viel??? Ach du heilige Scheiße! So was gibt es? So wie die dich behandelt haben, hätte ich denen Militärbiscuit mitgebracht. Staubtrockenes Zeug! Wo man glatt dran erstickt. 30 Franken, das darf doch wohl nicht wahr sein! LAURA Doch! Es mussten sauteure Kekse sein, damit sie sich schön schuldig fühlen. MAMA Tsss. Das sieht vor allem so aus, als würdest du um Entschuldigung bitten, dabei sind sie es, die dich nicht eingeladen haben. Sie nimmt noch einen Keks. Na gut. Das ist jetzt aber der letzte. Mmmh. Die machen süchtig! Also, was haben sie denn gesagt, erzähl mal: Warum haben sie dich nicht zu der Hochzeit eingeladen? LAURA Irgendwas von wegen weniger Platz. Die Brauerei hat jetzt einen Shop, sie können statt 100 nur noch 70 Leute unterkriegen, ich war die Nummer 71. Mama, du hast da Krümel. MAMA Sie haben aussortiert. Du warst eine alte Kommode und da war kein Platz mehr in der Bruchbude. LAURA Wir haben uns auch schon lange nicht mehr gesehen. Sie meinten: „Wir sehen dich auf Instagram mit deinen ganzen neuen Freund*innen …“. Da haben sie ja nicht ganz unrecht. MAMA Instagram, was soll ich dazu sagen. LAURA Was sagst du denn dazu? MAMA Also! Tsss! Du weißt schon! Das ist doch glatt … Tsss! LAURA Okay, gar nichts sagst du. Danke für deine Hilfe. MAMA Ach herrje. Haben sie halt Pech gehabt. Und was machst du jetzt, du hast doch extra Urlaub genommen.
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LAURA Ich geh trotzdem zu der Hochzeit, wo ich schon die Reise gebucht hab. Sie meinten, sie freuen sich schon auch, wenn ich komme. MAMA Bist du dir sicher?
SZENE 3 – Die Insta-Laura LAURA Das haben sie gesagt: „Wir sehen dich auf Instagram mit deinen ganzen neuen Freund*innen …“. Soll das heißen, da ist kein Platz mehr für meine Barcelona-Bande? Mein Leben ist doch keine Brauerei. Ich hab genug Platz für alle! Das ist kein VIP-Club! „Mit mir befreundet“ zu sein ist kein geschützter Begriff! Auf Instagram hab ich 5236 Freund*innen! Klar hab ich Platz für die! Bisschen schäbig, diese Zahl auswendig zu kennen? Ja. Ich bin schäbig, aber ehrlich. Heute Abend rede ich Klartext mit euch. Glaubt ihr denn, ich bin die Einzige, die ihre Anzahl an Followern kennt? 5236 Follower. Das ist nicht nichts. Und das sind alles Freund*innen! Wer weiß, wozu die gut sind! Ich kann eine Unterkunft im Ausland klarmachen, den Kontakt von einer Hausverwaltung kriegen oder meine Klamotten verkaufen … auch wenn immer nur Typen antworten, dass sie zu mir nach Hause kommen wollen, um mein Kleid anzuprobieren. Sagt mal, was gefällt euch eigentlich so auf Instagram? Mein Urlaub im letzten Sommer war richtig schlimm. Das war voll der Burner. Flug gestrichen: 50 neue Follower. Kreditkarte gehackt: 30 Kommentare. Personenunfall genau auf meiner Strecke: 600 Likes. Instagram, der Freund, der dir nur Schlechtes wünscht. Instagram, ein Netzwerk mit Freund*innen, wo man kein einziges Foto mit Freund*innen postet. Ich habe richtig viele Freund*innen, die ich nicht persönlich kenne, die mich mögen, ich kriege es aber nicht auf die Reihe, zur Hochzeit von den Freund*innen eingeladen zu werden, die ich tatsächlich kenne. Die Insta-Laura nimmt mir meine Freund*innen weg. Habe ich vielleicht ein Monster geschaffen?! Diese Laura kenne ich gar nicht! Okay, ist ja nicht so kompliziert: Ich lösche den Account und alles wird gut. Ich lösche meinen Insta-Account. Oder? Los!!! Jetzt! Vor euch! Zusammen. ... Ich kann das nicht! Übernehmen Sie das mal, ich trau mich nicht. Sie reicht ihr Handy einem Zuschauer. … Hallo, geht’s noch??? Der hätte das wirklich gemacht! Also echt! Wir sprechen ganz offen miteinander, oder? Ich will das gar nicht. Das wäre so, als würde ich meine wunderschöne Monstera-Pflanze auf den Kompost werfen!!! Musik: „Gomina“ von Psycho Weazel. Sie versucht, den Raum zu füllen, um sich weniger allein zu fühlen. Und stellt eine Pflanze hin.
SZENE 4 – Ich habe keine Freund*innen, ich habe nur Ex-Freunde Bei Mama. Sie kommt vom Garten zurück ins Haus. MAMA Scheiße! Es schüttet jetzt richtig! Mein Bruder, dein Onkel Jules, hat mir grobe Hornspäne vom Rind mitgebracht und meinte, ich soll sie in die Gartenerde mischen, so sind seine Rosen letztes Jahr richtig schön geworden. LAURA Mama, ich hab mir die berühmte Frage gestellt: Wenn ich um vier Uhr morgens einen Kadaver beseitigen muss, welchen Freund rufe ich dann an? Ich weiß es nicht.
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Freundschaft – bitte nur noch mit Gießanleitung Geht das überhaupt, keine Freund*innen zu haben? Wie viele Freundinnen hast du denn? Eure „Eselinnen“-Runde, wie ihr euch nennt, wie viele seid ihr da: vier? fünf? sechs? Magst du mir nicht mal deine Freundinnen ausleihen? MAMA Tsss. Die Eselinnen? Wozu denn? Du lachst doch niemals so laut wie eine Eselin. LAURA Für deine Generation hieß Erfolg im Leben, mit 40 eine Rolex zu besitzen. In meiner Generation musst du mit 33 mindestens zwölf Freund*innen haben, wie Jesus. MAMA Lauralein: Du sabberst und du denkst, es regnet. LAURA Das heißt? MAMA Du redest Unsinn! Die Eselinnen kannst du dir ausleihen, aber da sind ja auch deine Patentanten dabei. Sind die nicht eher Familie als Freundinnen? Weiß ja nicht, ob deine Rechnung dann aufgeht? LAURA Das ist genau mein Problem: Ich hab meine Familien- und Liebesbeziehungen wie Freundschaften behandelt und jetzt hab ich keine Freund*innen mehr. MAMA Was man sich nicht alles anhören muss. LAURA Mama, was machst du denn, wenn du um vier Uhr morgens einen Kadaver beseitigen musst, welche Freundin rufst du an? MAMA Was denn für ’nen Kadaver? Ich hab Pflaumen in der Tiefkühltruhe, ich kann ein Ragout mit Pflaumen daraus machen, ich ruf die Nanou an, die Dodo und wir machen ’ne Flasche auf, das wird lecker! LAURA Mama, ich meine eine menschliche Leiche! MAMA Was? Um eine Leiche verschwinden zu lassen? Eine Freundin anrufen? Tsss! So was Dummes. Am effektivsten ist da ein Schwein. Das frisst dir alles weg! LAURA Ich glaub, ich ruf einfach dich an. MAMA Na hör mal! Ich ess ja alles, aber doch keine Menschenleichen! Und wenn du mich anrufst, ruf ich Papa an! Papa kommt mit seiner Freundin, die haben ’nen Anhänger, ’nen Stall! Und wenn wir noch mehr starke Arme brauchen, ruf ich deine Schwestern an und ihre Typen. Dann geht das ruckzuck, da braucht man ja kein Riesending draus zu machen! LAURA Ach so, wir holen also die ganze Familie und das ganze Dorf dazu, oder! Das ist doch witzig, Ma: Seit eurer Scheidung seid ihr beste Freunde, Papa und du. MAMA Fass dir mal an deine eigene Rotznase! Wen würdest du denn anrufen, wenn deine Familie nicht wäre? LAURA Ich weiß nicht. Ich hab keine Freund*innen. Nur Ex-Freunde. Und Topfpflanzen.
SZENE 5 – Die Bridget Jones unter den Freund*innen und das Monster Dramatische Musik. Von ihren Freund*innen im Stich gelassen, betrinkt sich Laura. Sie holt eine zweite Pflanze dazu, zieht eine Jogginghose und Crocs an. Sie sieht auf ihrem Handy, dass sie sich von Bruno, ihrem Freund, getrennt hat. LAURA Moment! Ich hab mit Bruno Schluss gemacht?! Warum habe ich mit Bruno Schluss gemacht? Bruno ist doch super. Das war mein letzter fester Freund. Laura als DAS MONSTER Dann ist er eben jetzt mein letzter „bester Freund“. Klingt doch gut, ich freu mich für ihn! LAURA Und was, wenn ich gerade dabei bin, meinen letzten Freund überhaupt zu verlieren?!
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DAS MONSTER Ich weiß, was ihr jetzt alle denkt! Ich sprech es aus: „Laura, du bist keine gute Freundin, sonst würden deine Freund*innen dich doch nicht verlassen.“ Das ist ja schlimm, so was zu denken! Richtig monströs! Heutzutage muss man so viele Kriterien erfüllen, um sich für eine Freundschaft zu qualifizieren. Da gibt’s ein Leistungsverzeichnis und ich erfülle diese Leistung einfach nicht. Das war’s dann wohl. „Mimimi, ich wurde nicht zur Hochzeit eingeladen, mimimi, ich hab keine Freund*innen.“ Immerhin wird da eine Show draus! Wie viel verdiene ich heute Abend? Eine WhatsApp-Nachricht, eine Show. Eigentlich ein gutes Geschäft, diese Sache. LAURA Ich habe aber schon viele wichtige Momente meiner Freundschaften verpasst. Sollte ich mich vielleicht dafür entschuldigen? DAS MONSTER Das wär’s ja noch: Reue zeigen!? Kommt gar nicht in Frage. Laura, ein bisschen Selbstachtung, bitte! LAURA Stimmt. Ich geh nicht zu der Hochzeit. DAS MONSTER Diese ganzen Freund*innen machen auch Arbeit, man muss sich ja um die kümmern. Das ist wie bei Pflanzen: Du holst dir doch nicht noch einen Ficus, wenn du eh keinen Platz hast! Ich habe wohl eher einen grünen Daumen als ein Händchen für die Freundschaft. Ja, und? Eine Pflanze gießt man zweimal in der Woche und sie ist zufrieden. Die muss man nicht zum Aquasport begleiten. Laura tätschelt die Pflanze. Ist alles Plastik. Ganz pflegeleicht. Voll mein Ding.
SZENE 6 – Warum nicht gleich die ganze Welt ins Herz schließen Bei Mama, sie kocht. MAMA In Herrgottsnamen, das Fleisch! Na, das ist ja ’ne Höllenhitze in dem Ofen! Mmmh, das duftet verdammt gut, richtig feine Sache. Lauralein, gib mir mal den Wodka, ich flambier jetzt meine Junghähne. LAURA Mama, ich hab beschlossen: Das ist nichts für mich, ich lass es lieber. MAMA Was, Alkohol? Mensch! Mit dem Trinken aufhören! Glaubst du, so lernst du neue Freunde kennen? Kennst du viele Freundschaften, die mit einem alkoholfreien Bier begonnen haben? Tsss! Und scheiß doch drauf, es ist ein Junghahn! Sie flambiert das Geflügel im Topf. In Herrgottsnamen, ich hätte mir fast die Haare versengt! Weißt du, Freundschaft heißt doch, sich die Dinge ehrlich ins Gesicht zu sagen. Ohne Scham. Und da braucht man sich nichts vorzumachen: Alkohol hilft. LAURA Nein Mama, ich hör nicht mit dem Trinken auf: sondern mit der Freundschaft. Die liegt mir nicht und hat mich einfach zu sehr enttäuscht. Ich glaube nicht mehr daran. MAMA Ach je! Das wird schon wieder. So geht das allen. Nach der Scheidung! Wenn die Kinder groß sind. LAURA Na ja, ich bin Single und hab keine Kinder, das kann ja noch ein wenig dauern. Ich bin einfach keine gute Freundin, so ist das eben. Das klingt ein bisschen wie „ich bin kein guter Mensch“. Freundschaft liegt mir dermaßen gar nicht … dann habe ich halt nur Bekanntschaften. Statt zu fünft Weihnachten zu feiern, sind wir eben 27! Wie bei Papa.
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Stück Laura Chaignat
SZENE 7 – Weihnachten überleben Bei Papa, man hört Weihnachtsmusik. Laura deckt gerade den Tisch für das Fest. LAURA – Papa! Ich hab die Tische in U-Form angeordnet. Ich geh mich umziehen. Papa!!!! Er macht die Musik aus. – Sind wir jetzt eigentlich 26 oder 27? – 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 ... Die Musik geht weiter. Fade Out, während Laura zählt. – 27. Kommt genau hin. Papa, wenn du noch mehr Freundschaften schließen willst, musst du dein Wohnzimmer ausbauen! – Was? Warum noch einen Hocker dazu? Du hast gesagt, wir sind 27. Hier ist kein Platz mehr. – „Für alle Fälle“? Für was für ’nen Fall denn, Papa? Wer soll denn am Abend vom Weihnachtstag ausgerechnet hier aufschlagen … rein zufällig?! Es ist Nacht. Es ist der 25. Dezember, in der Schweiz, im Jura, in einer winzigen Siedlung. Wir sind noch nicht mal am Arsch der Welt, wir sind schon im Darm!! – Okay, okay, schon gut, ich stell noch einen Hocker dazu: „für alle Fälle“! „Für den Fall“, dass ein verirrter Hirte in der Weihnachtsnacht bei uns klingelt, damit wir ihm den Blechnapf mit Foie gras füllen können. Ach ja, kommt dieses Jahr eigentlich dieser andere Hirte, der mit den Schafen auf dem Stück Land nebenan? – Na super! Dann können wir die beiden Hirten ja „für alle Fälle“ nebeneinandersetzen. Dann können die sich über Wolle unterhalten, über Merino, Alpaka, Kaschmir, Wollfilz, Neopren. Ach ja, Papa, hast du ihm beibringen können, dass er duschen soll? – Danke! Ich weiß nicht, wie du das hingekriegt hast, ist ja super unangenehm, aber das ging echt gar nicht letztes Jahr! Ich hab ja nichts gegen den Stallgeruch, aber es roch nicht nach Lamm, Ochse, Esel. Mehr so nach „stille Nacht, heiliger Schweiß“!!! Letztes Jahr hat sogar meine Scheibe Brot nach Schweiß geschmeckt, ich dachte echt, ich leck ’nen Deostein ab! – Was? Doch klar sollst du den nochmal einladen! Ich will nur beim Essen nicht neben dem sitzen, das ist alles. Ich habe eine empfindliche Nase. Aber ist doch cool, wenn er kommt. Und ein Hirte am Tisch passt immerhin gut zu Weihnachten. Ich setz ihn mal zwischen den Weihnachtsbaum und den Schreiner, der von seiner Frau betrogen wurde, passt doch super in die Deko! – Okeeeh, schon gut. Ich mein nur, wenn sie ihn nicht betrogen hätte, würde er doch mit seiner Frau Weihnachten feiern und nicht bei uns. Also, wo soll der sitzen? – Hier habe ich den Mieter hingesetzt, der immer so fix und fertig ist. Nah am Stapel Servietten, damit er sich die Tränen abwischen kann. – Und hier kommt Opa Quakquak hin. Ha! Hoffentlich haben wir für den die doppelte Portion eingeplant: eine für ihn, eine für seine Weste. Und alles, was auf dem Boden landet, können dann die kleinen Viecher essen, die da rumkriechen, die … also … wie nennt man die gleich … ach ja! Kinder! Bäh. Eigentlich hat mein Papa doch eine Art Jesus-Komplex! Statt zwölf Aposteln hat er allerdings eine ganze Herde verirrter Schafe! – Okay, Papa, also ich mach jetzt die Sitzordnung: Hast du vielleicht so Namensschilder? – Wieso „nein“? Wie meinst du das, „diesmal nicht“? … Aber wie sollen denn deine ganzen Freund*innen ihren Platz finden? – Was? Wie? „Die werden sich schon zurechtfinden“?! Moment, Moment,
Moment, du meinst: Alle sollen sitzen, wo sie wollen? – Okaaaayyyyy. … – Mist. Da muss man strategisch sein und schnell, es geht um Leben und Tod … Das ist nicht mehr Weihnachten, das ist das Dschungelcamp. Bei Mama. LAURA Mama, wie geht’s dir denn? Mir geht’s nämlich gar nicht gut. Ich glaube, ich bin ein Monster. MAMA Na jaaa … Schau nur, wie du über deinen Vater sprichst, über seine Freunde, vor den ganzen Leuten. Also na ja! Laura ist das sichtlich unangenehm.
SZENE 8 – Laura hat keine Freund*innen, sie hat ja schon Schwestern Bei Mama. DAS MONSTER Mama, dass ich als Freundin so unbegabt bin, liegt daran, dass du und Papa es nicht auf die Reihe gekriegt habt, uns einen Bruder zu machen. MAMA Ach nein, komm! Du gehst mir langsam echt auf den Keks mit deinen Geschichten. Jetzt sollen wir auch noch schuld sein! DAS MONSTER Hör mal: Das erste Mal, als ich meine Muschi enthaaren wollte, hat das meine große Schwester gemacht. Sie hat mir erklärt, wie man einen Tampon einführt, einem Jungen den Schwanz küsst und den Zug in die nächste Stadt nimmt. Ich habe dafür keine Freundin gebraucht. MAMA Tsss. Na, umso besser für dich. Was soll ich dazu sagen? Du hast dir Freundinnen gespart. LAURA Das ist es ja gerade! Freundschaft ist kein Geld. Die vermehrt sich nicht, wenn man sie spart! Erst recht nicht, wenn man sie „zur Seite legt“! Mama, ich hab drei Schwestern. Kannst du dir vorstellen, wie viele Mädchenfreundschaften ich verpasst hab? Mir fehlt da wirklich das Know-how. Ich hab während meiner ganzen Kindheit keine praktische Erfahrung mit Freundschaften gemacht! MAMA Aber Schwestern sind doch die ersten Freundinnen, Lauralein. Gleichzeitig Schwestern UND Freundinnen, wie toll ist das denn! Das sind gleich zwei Optionen! Das ist mehr als eine Kommode. Denn eine Kommode … taugt nur als Kommode! Ich versteh auch nicht, was ein Bruder daran geändert hätte. LAURA Der hätte für Ausgleich gesorgt. Eine Schwester weniger, eine Freundin mehr! Eine Verbündete gegen den tyrannischen Bruder! MAMA Ach komm, jetzt halt mal deinen Schnabel! Gib mal die Schüssel her: Man kann in diesem Haus nicht mal in Ruhe Bohnen schneiden! Wer weiß, du hättest ja auch einen zuckersüßen Bruder haben können! Der wär vielleicht dein bester Kumpel geworden, wer weiß! LAURA Dann hätte er mir beigebracht, mit Männern befreundet zu sein. MAMA Lauralein, du hast doch die ganze Zeit mit Männern zu tun gehabt: mit deiner Musikgruppe, etCTska!1 Ihr habt alle Wochenenden zusammen verbracht, eure Ferien … Bis du 19 warst, oder?!
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Die Band heißt im Original „Ska Nerfs“.
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Freundschaft – bitte nur noch mit Gießanleitung
SZENE 9 – Ska, Boysclub und Zärtlichkeit LAURA Genau: An dem Abend, wo ich die Trennungs-Nachricht bekommen hab, hätte ich so gern einen Freund von etCTska bei mir gehabt. etCTska. Es gab echt eine Zeit, wo wir dachten, dieser Name wäre eine gute Idee. Wir mussten uns schon ganz doll lieb haben, um jedes Wochenende Ska zu machen. Wir reden hier von Musik, die du in Pluderhosen hörst. Wozu du tanzt, indem du von einem Fuß auf den anderen springst. Das kommt sonst nur vor, wenn du dir den kleinen Zeh am Bettbein stößt. Jedenfalls wusste ich, wie man eine gute Freundin ist. Eine Zeit lang. Ich war die einzige Frau. Typisch 2000er. Ich war überzeugt davon, dass ich mich nur mit Jungs verstehe. Ich war auch überzeugt davon, dass Kunstleder-Leggins sexy sind. Die EINZIGE Frau. Am Ende war ich gar nicht mehr Geigerin oder Sängerin oder Laura, ich war nur noch DIE Frau in der Band. Also könnt ihr euch vorstellen, wie das war, wenn eine andere Frau auch nur in meine Nähe kam. Wenn ich nicht mehr DIE Frau war, war ich niemand. An dem Abend mit der WhatsApp-Nachricht wäre ich echt gern neben einem Kumpel von etCTska eingeschlafen. Wie damals, als wir auf Tournee waren. Wie als Kind, wenn ich nach einer Pyjama-Party bei meinen Freundinnen übernachtet habe. Aber heute geht das nicht mehr. Ich bin eine Frau in den Dreißigern und Single; da kannst du mit keinem mehr kuscheln, ohne dass der denkt, ich will vögeln. Was macht man denn, wenn man nur „neben einem Freund schlafen“ will? Getröstet werden will? In den Arm genommen werden? Wenn du eine Textnachricht bekommen hast, die dir das Herz bricht?
SZENE 10 – Intime Freund*innen? LAURA Ja, weil: Man sollte neben Männern schlafen können, mit denen man befreundet ist. Oder Frauen. Das heißt, ohne dass es gleich sexualisiert wird. Schlafen heißt schließlich nicht nur miteinander schlafen. (Ironisch) Sondern manchmal auch einfach nur schlafen. Freundschaft ist eine Form von Intimität. Allerdings mit gewissen Grenzen. Lasst uns mal ein Spiel machen. Ich nenne euch jetzt intime Situationen und ihr hebt die Hand, wenn ihr denkt, JA, das habt ihr mit euren Freund*innen schon mal erlebt. Oder es könnte vorkommen. Okay? Laura liest die Fragen von ihrem Handy ab. Das Publikum ist aufgefordert, mitzumachen. 1. Die Tür beim Pinkeln offenlassen, um sich weiter unterhalten zu können? 2. Beim Kacken? 3. Leiht ihr euren Deoroller aus? 4. Leiht ihr eure Zahnbürste aus? 5. Leiht ihr euren Enten-Vibrator aus, euer Sextoy? – Ja. Habt ihr da nicht schon mal ausgeholfen? 6. Puhlt ihr die Stücke von ihrem oder seinem Erbrochenen aus dem Sieb im Spülbecken vom Airnb? Ist das ein Freundschaftsbeweis? 7. Packt ihr mit an, um den zweiten Tampon rauszukriegen, der ... steckengeblieben ist? 8. Findet ihr es okay, wenn die befreundete Person mit eurem Bruder oder eurer Schwester schläft? – Nein! Die Familie ist tabu. Wenn es schlecht läuft, ist alles vorbei. Wenn es gut läuft … ist auch alles vorbei. 9. Ihr küsst die befreundete Person betrunken im Club, um aufdringliche Leute loszuwerden, die euch anbaggern. Ist das ein Freundschaftsbeweis?
Theater der Zeit 3 / 2025
10. Tragt ihr ihn oder sie ins Bett, weil er oder sie komplett dicht ist? Laura ist jetzt voll drin und erfindet Fragen, ohne aufs Handy zu schauen. 11. Schlaft ihr im selben Bett? 12. Schlaft ihr nackt im selben Bett? Ist das ein Freundschaftsbeweis? 13. Schlaft ihr im selben Bett, nicht nackt, aber in Löffelchen-Position. Eng aneinandergeschmiegt. Weil der Alkohol alle Sorgen an die Oberfläche schwemmt. Ihr tröstet ihn halt … Ein Freundschaftsbeweis? 14. Tröstet ihr ihn noch, wenn er seine Hand zwischen eure Schenkel schiebt? … 15. Sagt ihr nichts … aus Freundschaft? Schweigt ihr? – Ich hatte Freunde, die hab ich nie mehr wiedergesehen, nachdem ich NEIN gesagt hab. 16. Ist der Schwanz von meinen Freunden auch mein Freund? 17. Als er mir seinen Schwanz in den Mund gesteckt hat, war das ein Freundschaftsbeweis? … Angeblich „schläft man sich hoch“, um befördert zu werden, den Job oder die Kohle zu kriegen, aber ich hab mich flachlegen lassen, um einen Freund nicht zu verlieren. Um MEHRERE Freunde nicht zu verlieren. Wirklich: Was würden unsere gemeinsamen Freund*innen davon halten?! 19. Würdet ihr euch trauen, einen Freund anzuzeigen?
SZENE 11 – Herzenskrise LAURA Sie setzt sich hin. Mit Herzschmerzen. Hat jemand eine Stoppuhr? Zum Nachmessen … Denn man sieht mir das vielleicht nicht direkt an, aber manchmal geht mein Puls runter auf 40, 42 Schläge pro Minute. Ich hab eine Bradykardie. Wisst ihr, was eine Tachykardie ist? Wenn der Puls zu schnell ist? Bei mir ist es halt umgekehrt. Seit zwei Jahren. Eigentlich seitdem ich Single bin und keine Freund*innen habe. Man denkt, nur Liebesgeschichten brechen einem das Herz. Aber Freundschaft … Die Trennung von Bruno hat mir nicht das Herz gebrochen. Die Barcelona-Gruppe schon. Im Ernst jetzt. Ich war schon in der Notaufnahme. Es wurde alles untersucht, die Kardiolog*innen sind sich einig: keine medizinischen Auffälligkeiten. Entweder ist das alles in meinem Kopf, oder … ich hab das Herz einer Elitesportlerin. DAS MONSTER Oder das Herz einer Kuh. 48 bis 80 bpm. Immerhin käue ich den ganzen Tag die gleichen Gedanken wieder. LAURA Ich habe Angst, allein zu sterben. Ich glaube, das ist der Grund, warum es so verstörend für mich ist, keine Freund*innen und keinen Liebespartner zu haben. Welche Hand würdet ihr gern als letzte halten? Stellt euch vor, da gibt es keine. Wenn ich jetzt nach Hause gehe und tot umfalle – dann bin ich am Ende die verwesende Leiche, die man vier Tage später findet, während ihre Katzen an ihr nagen. DAS MONSTER Und ich habe noch nicht mal eine Katze. Sie befasst sich wieder mit ihrem Puls. LAURA Jetzt schlägt mein Herz. – Ungefähr im Sekundentakt. Das ist okay! Aber ich bin ja auf der Bühne, es schlägt für euch. Es geht vor allem dann auf 40 runter, wenn ich allein bin. Mein Herz schlägt nicht stark genug für mich allein … warum? DAS MONSTER Hey, aber was ist eigentlich mit sterben? Sterben! Laura zieht eine richtige Hose und Schuhe an, um nicht in Crocs und Jogginghose zu sterben.
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Stück Laura Chaignat Klar, ohne Leben kein Herz. Ohne Herz kein gebrochenes Herz. Warum habe ich da nicht früher dran gedacht! Wenn du stirbst, kannst du außerdem herausfinden, wer deine Freund*innen sind! Wenn du welche hast. Eine Beerdigung ist nicht wie eine Hochzeit, da brauchst du keine Einladung. Die Kirche ist voll oder die Kirche ist leer, das spricht für sich.
SZENE 12 – Meine Beerdigung Bei der Beerdigung von Laura. LAURA Schaut mal! Wie toll! Es ist voll! Ich hab … DAS MONSTER, das genauer hinschaut Ohhh weia. Okay, aber wie sehen die denn aus?! Da wäre es vielleicht besser, wenn niemand gekommen wäre?! Was für ein bunt zusammengewürfelter Freundeshaufen! Die Vollversammlung der So-lala-Freund*innen. Schauen wir uns das doch mal an! Klar, vorne sind alle, die keine Wahl haben: Die Familie mit … ach schau an, wer ist das? Ach! Mein Cousin. Den hatte ich gar nicht wiedererkannt. Wir haben uns seit 20 Jahren nicht gesehen und er sitzt in der zweiten Reihe? Das nennt man Familienvorteil. Zwei bis drei Kolleg*innen, das ist normal. Was die Marion für ein Gesicht zieht. Toll! Du hast das Begräbnisgesicht besser drauf, als den Jingle richtig abzuspielen! Ich glaub noch nicht mal, dass sie sich Mühe geben muss. Wo sitzen denn die Freund*innen? Ganz hinten, an den Seiten, wie arme Schlucker in der Oper. Also … der. Ah!!! Sorry … aber der … ähhhhm … ist eben so lala. Das ist ein mittelmäßiger Freund. Der ist so beige. Wie heißt er gleich? Wir nennen ihn einfach „den Beigen“. Das passt zu ihm, er mag alles. Es ist okay für ihn, er hat keine Meinung, er steht weder für schwarz noch für weiß, so beige ist er. Das ist eine Farbe, die keine Position bezieht. Er ist ungefähr so aufregend wie die Schweiz. Und niemand macht Urlaub in der Schweiz, um zu vögeln. Dafür ist Spanien da. Wenn man eingeladen ist. In die Schweiz reisen die Leute, wenn sie Sterbehilfe wollen! Oh mein Gott, was ist das???!!!! Wer hat so was reingelassen? Was hat der denn an den Füßen? Das sind doch keine Schuhe, die sind zum Klettern da! Dem muss mal jemand Bescheid sagen: Auf den Wegen des Herrn braucht es keinen Klettergurt! Das ist ja mal wieder typisch: Das sind so Freund*innen, mit denen muss man die ganze Zeit irgendwas unternehmen. Wenn du Zeit mit denen verbringen willst, musst du auf Robbenfellen aufs Matterhorn steigen, oder unter freiem Himmel auf einem Adlerrücken schlafen? Die Wahrheit ist: Das sind Freundschaften, bei denen man absichtlich aus der Puste kommt, weil man sich nichts zu sagen hat. Ich warne euch, wenn die jetzt ihre Feldflasche rausholt: Ich steh auf und hau ab. Und dann der … der hat natürlich schon was intus! Ach, wir haben so viel gemeinsam erlebt, wir beide. Schade, dass wir uns nie daran erinnern. Meine Schauspielerinnen-Freundinnen aus Paris sind auch da. Sie haben sich direkt neben die Regisseure und Produzenten gesetzt. Sind fast schon auf den Knien. Zählt Netzwerken auch als Freundschaft? Na ja, der Vorteil bei den Pariserinnen ist, die sind alle magersüchtig, da spart man Geld bei den Appetithäppchen. Und die … na jaaa … klar ist die da!!! Die hat ja nichts Besseres zu tun, die ist in Rente! Mit Rentnerinnen muss man befreundet sein. Die haben immer Zeit für dich. Außer mittwochnachmittags: Da haben sie immer … Beerdigung.
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Ah! Diese Truppe erkenne ich wieder: Das sind etCTska! Euch auch ein „Ire man fire Babylon“, Kollegen! Sie weinen … doch wirklich, sie weinen. Das wirkt wie Schluckauf, aber nein: Das sind Ska-Musiker, die können kontrapunktisch weinen. Ich frag mich, wo mein Therapeut ist. Ist er nicht da? Also wenn du eine 33-jährige Patientin verlierst, dann kommst du doch. Okay, ich bin an Herzversagen gestorben, er kann nichts dafür. Aber wenn es ein Suizid wäre, dann schon. Dann kommt der Therapeut; das gehört als Aftercare zum Kundendienst dazu. Was ist denn das? Wer war das? Wer hat es gewagt, Kinder zur Beerdigung mitzubringen??! So was Egoistisches. Die werden rumheulen, da hört man nichts mehr von Papas Rede. So viele verlorene Tränen! Schon gut!!!!! Ich sag ja gar nichts! Ich sag nichts!!! Ich sag nichts, ich bin tot!! Ich sag zwar nichts, aber da frisst gerade ein Hund das Blumengesteck auf. Da hat echt jemand einen Hund mitgebracht! So sieht’s aus, Zeit deines Lebens kümmerst du dich darum, Regeln einzuführen, und sobald du ablebst, bricht das Chaos aus. Die ganze Arbeit war umsonst. Alles futsch. Die Zeremonie ist den Leuten herzlich egal. „Hallo meine Leute!“ Man hat die Freund*innen, die man verdient. Ah?! Ah, ah, ah! Und hier … Uhhh … Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber bei mir rasseln hier die Eierstöcke … BINGO! Die Sitzreihe mit den Ex-Lovern! Schönen Abend, Bruno. Im Ernst, die passen alle auf eine einzige Bank? Was haben wir denn die ganze Zeit getrieben, meine arme Muschi? Da ist sogar noch Platz frei an der Seite, wenn ich das gewusst hätte. Ach! Ach! Ach! Wen haben wir denn da??? Auf die haben wir die ganze Zeit gewartet, jetzt sind sie da. Ganz in der Mitte! Bäm!! Die WhatsApp-Gruppe! LAURA Ach übrigens, „Laura Chaignat hat die Gruppe verlassen“. Moment mal. Was macht der denn da? Der ist den ganzen Weg aus Marseille hergekommen?! Unglaublich! Wer für eine Leiche durchs ganze Land fährt, ist mit ihr entweder verwandt oder befreundet. Oder nekrophil. Das verbindet uns also! DAS MONSTER Nekrophilie. LAURA Nein: Freundschaft! Aaaah! Ich hab mich geirrt: Ich hab einen Freund! Der zählt. Jemand betritt im Hintergrund die Kirche. Was soll das denn jetzt? DAS MONSTER Wer ist das? Oh nein. Das ist ja die Höhe. Da kommt echt jemand zu spät?! Setzen Sie sich mal hin, junge Frau. Genauuu. Jetzt entscheiden wir uns noch für eine Reihe … genauuu. Wohin jetzt: zu den Lovern? Zur Familie? Nein?! Einfach hinsetzen. Arsch auf die Bank, Bitch. Wie willst du denn im Leben respektiert werden, wenn du nicht mal als Tote respektiert wirst?!
SZENE 13 – Die Maisstärke der neuen Welt Szenenwechsel ins Jenseits. Es ist komplett dunkel. Aristoteles wird durch einen Lichtstrahl verkörpert und hat die Stimme von Stephan Eicher. LAURA Oh nein! Kann jemand das Licht wieder anmachen? Och nein, bloß das nicht! DAS MONSTER Ernsthaft, das soll das Jenseits sein? So eine Enttäuschung. Ist da nicht wenigstens ein alter weißer Mann mit Bart am Empfang? So fürs Klischee. LAURA Stop! Psst. Laura Chaignat, sei still! Das kann doch nicht wahr sein, so über die Leute zu reden. Eben schon bei der Beerdigung, und
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Stück Freundschaft – bitte nur noch mit Gießanleitung jetzt … Laura zeigt auf Gott, sichtlich eingeschüchtert. Ich lande noch in der Hölle. ARISTOTELES Was machen Sie denn für einen Lärm! Woran sind Sie gestorben? LAURA Freundschaftsmord. Beziehungsweise eine Affektinfektion, die das Herz erfasst hat. Es hat nicht standgehalten. ARISTOTELES Was für ein Sinn fürs Drama! DAS MONSTER Danke. LAURA Bitte geben Sie mir noch eine Chance. Schicken Sie mich zurück auf die Erde. Ich werde auch bei Umzügen helfen, ich werde ganz lieb sein und die Hunde von meinen Freund*innen in meine Wohnung lassen. Sogar ihre Kinder, wenn es sein muss! Ich werde ein guter Mensch sein. Lassen Sie mich nicht im Feuer schmoren!!! Meine Bilanz als Freundin ist echt grottenschlecht! Berufsleben, Familienleben, läuft ganz okay bei mir, aber mein Freundschaftsleben … ist die reinste Katastrophe! Aber ich wurde auch nicht vorgewarnt: Dabei sind Freundschaften wie Zähne, wenn man sie nicht verlieren will, muss man sich täglich darum kümmern. Und jetzt bin ich tot und hab Mundgeruch wie ein Hund! Ich hab ein Lächeln mit Zähnen im Abstand von Bushaltestellen. … na ja, Sie können wahrscheinlich ein Lied davon singen. ARISTOTELES Ja, ich kann ein Lied davon singen. Aristoteles fängt an, „Pas d’Ami“ von Stephan Eicher zu singen. DAS MONSTER Soll das wirklich Gott sein? LAURA Klar ist das Gott. Wer denn sonst? Sie haben eine schöne Stimme, Herr Gott. ARISTOTELES Danke! Ähm, ich bin allerdings nicht Gott. Ich glaube auch nicht wirklich an ihn. DAS MONSTER Ach. Stimmt, Gott mit schweizerdeutschem Akzent, vom Charisma her ist da noch Luft nach oben. Das ist nur ein seniler Alter, der sich verirrt hat. LAURA Pssst!!!! ARISTOTELES Sie denken, ich bin alt, im Ernst? Was für ein Blödsinn! Ich bin jung! Ich bin mit 62 gestorben! LAURA Wie, sind Sie denn nicht unsterblich? ARISTOTELES Wissen Sie wirklich nicht, wer ich bin? Na los, raten Sie mal! LAURA Puh, also … Ich weiß nicht … Sind Sie vielleicht DJ Bobo? ARISTOTELES Haben Sie noch nie Raffaels „Schule von Athen“ gesehen? Was für eine Idiotin! Ich bin Aristoteles! LAURA Und Sie gehen wohl nicht auf 90er-Jahre-Parties? Aristoteles, nein, da wäre ich nicht drauf gekommen. Aber ich war auch nie besonders gut in „Time’s up“! „Aristoteles“! DER „Aristoteles“! Der griechische Philosoph? Mit einem schweizerdeutschen Akzent? Moment mal. Wenn Sie nicht Gott sind, sind wir hier nicht im Limbus. Wo sind wir dann? ARISTOTELES In der Möglichkeit einer Veränderung. LAURA Das ist ja nicht gerade gemütlich. ARISTOTELES Sie wollen wissen, was Freundschaft ist? Für uns Griechen ist das etwas, wofür man sich entscheidet. Das ist die Philia! Freundschaft ist ja auch das, was alles zusammenhält! LAURA Ach. Das ist die Maisstärke! Wenn die Welt ein Käsefondue ist, ist die Freundschaft die Maisstärke! ARISTOTELES Zu meiner Zeit gab es Netzwerke der Freundschaft. LAURA Nein. Zu MEINER Zeit gibt es Netzwerke der Freundschaft … Instagram, und das ist nicht so der Knaller!
Theater der Zeit 3 / 2025
ARISTOTELES Nein. Zu MEINER Zeit hat man Netzwerke der Freundschaft ins Leben gerufen, die kleine Institutionen waren. Man tauschte Dienstleistungen aus. Bänker, Versicherer, Hoteliers … LAURA Das sind ja nur Männer! Also der reinste Klüngel! Sind wir hier bei den Lions? In einer Welt, wo alle korrupt sind! ARISTOTELES Nein! In einer demokratischen Welt! Freundschaft ist politisch. Tyrannei ist, wenn nur eine Person ihren Willen durchsetzt. Aber Demokratie beruht auf Vereinbarungen, Gegenseitigkeit, Freundschaft. LAURA Oh wow. DAS MONSTER Der will mir gerade das Hirn waschen, oder? LAURA, zum Monster Wie!!! Freundschaft ist politisch? Ich will kein Tyrann sein. Ich will eine Demokratie sein. Wo Frauen mitmachen!!! Das ist genial! ARISTOTELES Nein, das ist von Aristoteles.
SZENE 14 – Laura im Größenwahn Rückkehr auf die andere Seite. Nach und nach kommen PflanzenFreund*innen von der Decke hinab. LAURA Ich lag von Anfang an falsch. Die ganze Zeit hat mich dieser Freundschaftskummer so runtergezogen, bei der Beerdigung hat sich aber gezeigt: Ich habe einen Kumpel. Okay, der wohnt in Marseille, aber das heißt, ich bin doch in der Lage, neue Freundschaften zu schließen! Stellt euch mal vor, wie viele neue Freundschaften mich noch erwarten. Ich hab gerade erst … wie viel, vielleicht ein Drittel, ein Prozent aller möglichen Freundschaften aufgebraucht?!!! Und hey, sogar etCTska waren da. Die waren schon immer da. Wir sind alle über den Ska hinweg, aber die Freundschaft ist geblieben. Die Kolleg*innen sind die Freund*innen des Alltags, mit denen der Kaffee besser schmeckt. Mit den Pariser Freundinnen erobern wir alle Lokalterrassen, als Territorien der Freundschaft, und bringen frische Luft ins Familien-Nest! Die Kinder – man muss doch auch mit Kindern befreundet sein! Wer widerspricht sonst den kruden Theorien, die ich als dumme Alte von mir geben werde … und wer zahlt für meine Rente ein? Und Bruno. Er ist vielleicht ein Ex-Freund, aber ein Freund für immer? Und jetzt, wo ich die Freundschaft verstanden habe, verstehe ich auch Aristoteles. Das alles geht noch viel weiter. Freundschaft ist politisch! Bei Romeo und Julia, hätte Julia da eine wahre Freundin gehabt, die gesagt hätte, „Girl, willst du dich echt wegen ’nem Typen umbringen, den du nicht mal seit drei Tagen kennst?“, hätte sie so eine Freundin gehabt, dann wär sie nicht gestorben. Können die großen Diktatoren unserer Welt vielleicht mal von einem guten Freund oder einer guten Freundin gesagt bekommen: „Ganz ehrlich, jetzt gehst du doch etwas zu weit.“ Freundschaft, der einzige Weg zur Rettung der Menschheit! Langsam ertönt eine epische Musik, eine Weltretterinnen-Musik der größenwahnsinnigen Worte. Gemeinsam werden wir eine Gesellschaft errichten, die auf einer Politik der Freundschaft beruht. Eine Gesellschaft, in der, wenn die Eltern fragen, „wann bringst du denn mal jemanden mit“, auch Freund*innen zählen! Eine Gesellschaft, wo das Doppelzimmer auf Airbnb auch für Freund*innen gedacht ist und nicht nur für Paare!
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Stück Laura Chaignat Sie steigt auf einen Hocker. Wenn ich Präsidentin bin, führe ich die Freundschaftsbeihilfe ein. Freundschaftsrabatt auf Bahn-Abos! Und sogar: eine „Ikea Friends“-Karte, zum Punktesammeln und für Rabatt auf Köttbullar! Meine Vision für uns ist eine Gesellschaft, in der man sich eher mit einem Freund beerdigen lässt als mit einem Ehemann. Eine Gesellschaft, wo Harry Potters Held … Ron heißt! In der man ins Oberwallis zieht, weil eine Freundin dorthin versetzt wurde! Lasst uns als Freund*innen zusammenziehen und gemeinsame Konten eröffnen. Lasst uns gemeinsam einen Hund halten. Ein Auto teilen. Wir werden mit unseren Freund*innen Kinder machen! Wir werden unsere Freund*innen heiraten! Und im Standesamt werden ganz vorne … unsere Freund*innen sitzen! Freund*innen, lasst uns eine Gesellschaft gestalten, in der niemand mehr zu Singles sagt: „Pass auf, du wirst noch alleine enden!“ Denn wir werden Freund*innen haben. Freund*innen wie dich. Oh ja! Ja! Ja! Freund*innen wie dich! Wählt mich!!! Die akustischen und visuellen Mittel werden nach und nach verstärkt und Laura wird monströs. Laura kriegt Angst, ist schockiert und bricht alles ab. NEIN! STOPP! Ich bin kein Monster. Ich bin eine Demokratie. Ich bin kein Monster, ich bin eine Demokratie …
SZENE 15 – Reiserücktrittsversicherung Mama richtet sich auf ihrem Liegestuhl ein und lässt sich von Laura den Rücken kraulen. MAMA Aber Lauralein, wie willst du denn eine Demokratie sein. Da muss man doch zu mehreren sein! Ach je. Ah. Ja. Geh ruhig unters T-Shirt. Unter den BH. Nein. Du bist nicht ganz „leicht zu händeln“, aber doch kein Monster. Aber na ja, statt die Dinge so zu ändern, dass sie dir in den Kram passen, ist es vielleicht Zeit, dass du dich änderst, Lauralein. LAURA Ich bin echt ’ne Null, wenn’s um Freundschaft geht. Sogar wenn ich was verstehe, verstehe ich nichts. MAMA Tsss. Soll ich dir mal was sagen? Du bist in den Dreißigern, Single und ohne Kinder, da ist es ganz normal, wenn du eine freundschaftliche Durststrecke durchmachst. Dir fällt es nur eher auf, während deine Freunde mit ihrer Beziehung beschäftigt sind: mit ihrer Ehe, ihren Arbeiten am Haus, ihren Babys … Deine Barcelona-Leute haben dich genauso wenig angerufen wie du sie. In der Zwischenzeit haben sie mit den anderen aus der Gruppe Windeln rumgereicht und Tipps ausgetauscht, über die Ehe, den Milcheinschuss … Laura hört auf, ihre Mutter zu kraulen. Ach, du bist fertig? Danke. LAURA Was soll ich denn ändern, Ma? Was soll ich anders machen? Schnell einen Typ finden, ein Kind machen, um wieder Anschluss an Freundinnen in meinem Alter zu finden? Eine romantische Liebesbeziehung! Das ist wohl das Einzige, was zählt! Die steht an erster Stelle, wenn es um Freizeit oder Urlaub geht, die hat Priorität, wenn es um die Ortswahl, den Einsatz von Energie oder ums Ausgehen geht, das ist sogar das Gesprächsthema Nummer eins! MAMA Sie richtet sich auf, nimmt die Flasche Enzian und schenkt sich ein Glas ein. Na ja, dann ist das Problem nicht die Beziehung: sondern die Proritätensetzung.
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Jetzt brauchst du nur noch die Priorität auf die Freundschaften in deinem Alltag zu legen und auch auf die neuen, und wenn die alten Freundschaften verfliegen, tsss, na denn, lass sie gehen … lass los, meine Tochter. Lass los! Hör auf, Angst zu haben! Du musst nicht mit deinen Freunden schlafen. Öffne nur dein Herz. Es lässt sich manchmal nicht in Worte fassen, warum eine Freundschaft funktioniert oder warum sie zu Ende geht. Dann schweigt man manchmal lieber, als zu reden. Oder lädt jemanden nicht ein. Mama schnuppert am Enzian. Reicht Laura das Glas weiter, die es ihr gleichtut. LAURA Weißt du, Mama, du meintest: Alkohol hilft dabei, Dinge auszusprechen. Aber ich glaube, ich brauche den gar nicht. MAMA Oh ja, du redest auch so schon genug. Das Geplärre hört ja gar nicht mehr auf. Mama trinkt. Hast du dich bei deiner Beerdigung gesehen? LAURA Ja, schon … Ich war hart zu meinen Freund*innen, aber das war nicht ich, da hat das Monster gesprochen, ich war verletzt. MAMA Nein, nein. Ich frage dich: Bei deiner Beerdigung, hast du dich da gesehen? Dachte ich’s doch! Du hast dich gar nicht gesehen! Weißt du nicht mehr? Du bist zu spät gekommen. Du wusstest nicht, wo du dich hinsetzen sollst. Zu deiner Familie? Zu deinen Männern? NEIN! Du hast dich zu deinen Freunden gesetzt. Du hast dich selbst nicht wiedererkannt, siehst du?! Und dann wunderst du dich, dass dein Herz nicht stark genug für dich selbst schlägt. Wie willst du denn, dass die anderen sich mit dir anfreunden, wenn du dich selbst nicht liebst? LAURA steht auf. Oh je, Ma, das klingt ja wie bei Paolo Coelho. MAMA steht auch auf. Polo wer? Was singt der so? Sie summt die Melodie von „Pas d’ami“. Ach nein, das war Aristoteles. Sie hebt die Flasche auf, die fast leer ist. So, was treibt denn dein Vater jetzt! Er war bei Freunden eingeladen, er wollte danach vorbeikommen und mir ’ne Flasche Enzian mitbringen. Schau mal, wir haben die hier gestern Abend mit den Eselinnen getrunken! Gab viel zu lachen! Hier, trink du mal den letzten Schluck, auf deine zukünftigen Freundschaften, das bringt Glück! Sie reicht ihr das Glas. Und Lauralein, diesen Sommer machst du nicht schon wieder alleine Urlaub, oder?! LAURA Doch, doch, diesen Sommer reise ich allein nach Schottland. Ich reise allein, aber ich treffe mich da mit Freund*innen. Du erinnerst dich doch noch an den Gitarristen von etCTska? Der heiratet da. Sie trinkt. MAMA Na, das ist ja schön. Aber diesmal schließt du besser eine Reiserücktrittsversicherung ab.
– ENDE – Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Schimmernde Schluchten
PROLOG
Schimmernde Schluchten Von Anaïs Clerc
Auszug © Anaïs Clerc
Personen: ARMELA ARMIN BERG BARRY EIS, SVP-Barry BARRY ZWÖI, Neutralitäts-Barry BARRY DRÜ, Granola-Barry
ANAÏS CLERC, geboren im schweizerischen Fribourg, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste. Seit drei Jahren sind ihre Texte u. a. am Volkstheater München, am Stadttheater Gießen und bei den Autor:innentheatertagen am Deutschen Theater Berlin zu sehen. In der Spielzeit 2022/23 absolvierte sie das Förderprogramm Dramenprozessor des Theater Winkelwiese und gewann mit der Stückentwicklung „befristet/für immer“ gemeinsam mit dem Regisseur Tanju Girisken den Publikumspreis des Körber Festival Junge Regie. Anaïs Clerc ist gemeinsam mit Yazan Melhem Preisträgerin des OsnabrückerDramatiker:innenpreis für „die gegangen sind“, zeitgleich wurde sie für ihr Stück „Lügenhaut“ mit einem der Sonderpreise für Schreiben für junges Publikum ausgezeichnet. 2023/24 war sie Hausautorin an den Bühnen Bern. Ihre Texte werden vom S. Fischer Verlag vertreten. Sie ist außerdem Teil der Jury des Kinder- und Jugendtheaterpreises IKARUS. Anaïs Clerc lebt in Berlin und in der Schweiz.
Theater der Zeit 3 / 2025
„Love has never been a popular movement. And no one’s ever wanted, really, to be free. The world is held together, really it is held together, by the love and the passion of a very few people. Otherwise, of course, you can despair. Walk down the street of any city, any afternoon, and look around you. What you’ve got to remember is what you’re looking at is also you. Everyone you’re looking at is also you. You could be that person. You could be that monster, you could be that cop. And you have to decide, in yourself, not to be.“ JAMES BALDWIN
BERG, INSPIZIEREND Ein Land, Berge, Höhen. Wo die Gipfel in die Wolken ragen, wissen die Menschen, dass es ihnen gut geht. Da wo mein Stein, mein Granit, mein Schiefer steht, haben die meisten aufgehört, mit den Händen zu arbeiten, aufzuarbeiten, aufzudreschen, aufzuweiden und haben angefangen / zu sitzen, zu gestikulieren, zu investieren. Und sie haben sich verabschiedet von Tierkarren, Gaslichtern, Bauernhäusern. Da wo sich Glimmer, Quarz und Feldspat türmen / sind die Menschen vor hundert Jahren Richtung Fortschritt gegangen und / geschlossen, verschlossen wurden Rhein, Binnengewässer, Büsingen. Da wo ich stehe / haben die Menschen vergessen, dass sie vor hundert Jahren alle noch herumgebauert haben. Jetzt stehen auf mir Ferienhäuser und Ferienwohnungen / Chemninées in die klare, kalte Luft und der Käse ergiesst sich wieder freiwillig über Brot, Kartoffeln, Zwibeli. Sie rammen ihre Spazierstöcke in mein Inneres, halten sich an Felsvorsprüngen fest und schwingen sich mit Wanderschuhen unerschrocken über die tiefsten Abgründe. Znüniboxen, ein Tagesgeneralabonnement, ein Wanderausflug für den Ausgleich der Hochbauschluchten. Sie erklimmen mich, höhlen mich aus, bebauen mich / Ausdauer nicht mehr zwingend benötigt / Bähnlifahre, Alphörnerklang, Fähnlischwinge finden sie härzig. Ich beobachte sie seit Jahrhunderten. Thronend, wartend, schonend / niemand schaut ihnen so lange zu wie ich. An niemandem mühen sie sich seit Jahren so ab wie an mir / brauchen mich für Strom, Wasser, Aussichten. Würm-Glazial, Eisvorstoss in das Alpenvorland, Schmelzwasserablagerungen / alles habe ich gesehen / Günz, Mindel, Riss. Ich habe gesehen, wie sie vierzig Jahre alt geworden sind, dann eher siebzig und wie sie jetzt alle plötzlich denken, dass sie unsterblich sein müssen. Solide Werte, aber / in den letzten Monaten, letzten Jahren hat etwas angefangen zu kippeln, sich zu lösen, sich zu / bewegen. In eine Richtung, eine Richtung schon einmal dagewesen. Manche sagen, nicht in diesem Land / doch nicht hier bei uns. Aber es grollt und rollt und wächst und / wird grösser und schneller und es macht Angst / so vielen Menschen fürchterliche Angst.
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Stück Anaïs Clerc Da wo meine Talsohle, mein Bergfuss, mein Fluss endet warten die Menschen gerade jetzt mal wieder warten sie und treten nicht in Aktion, weil / Da wo ich stehe / brodelt, zünzelt, siedet nichts, denn die Mitte ist doch stabil, die ist doch wirklich stabil. Chli löiä uf de Arme, chli la wachse bi de Riiche Da wo ich stehe / zittert es innerlich, rüttelt etwas an mir, ist etwas in ein Ungleichgewicht geraten und / es erholt sich nicht mehr, nicht einfach so. Ein Dorf in den Schluchten, Klamm und Einfamilienhäusern. Hunde und Menschen und ein Beispiel.
EINS, EINS BARRY ZWÖI Schluchten, Klamm und Einfamilienhäuser in einem Dorf. BARRY EIS Drei Bernhardiner in einem Zwinger. Sie sehen ein wenig mitgenommen aus, sind aber immer noch eine imposante Erscheinung. ALLI BARRYS ES HUNDET. BARRY EIS Seht mal da! Ist das nicht / BARRY DRÜ Ui, ja. Das ist sie, ja! Die hat sich aber verändert / oder? Sie hat sich sehr verändert? Da stehen alle weissbraunen Haare Richtung / BARRY EIS Z’Bärg. Alli Haar z Bärg. Wirklich, es ist / sie riecht auch noch wie damals. BARRY DRÜ Wir müssen sie beherbergen. Richtet den Wein, deckt die Tafeln. Öffnet die Türen für die aus dem Berg Geborgenen, die Suchenden, die Gipfelstürmer*innen. BARRY EIS Die hat nicht viel erobert. Das ist eine von denen, die früh am Morgen am Busbahnhof steht und im Keller des Familienhauses einzieht. Und eine Stürmerin ist sie, ein StürmerIN. BARRY ZWÖI Wollt ihr sie wirklich reinlassen? Der Passübergang wird schon bald geschlossen sein. Dann verharren wir mit ihr und wer weiss / was sie damals gemacht hat. ALLI BARRYS Damals, als / BARRY DRÜ Du kennst die Regeln. Packt eure Notfalltaschen, füllt die Fässchen! BARRY ZWÖI Ich brauche aber meine achtzehn Stunden. Müde bin ich, geh’ zur Ruh. BARRY EIS Sie ist doch noch gar nicht wirklich in Not geraten. Wir helfen schon seit Jahrzehnten, Jahrhunderten, genug. Barry ist müde. Und mein Fässchen hat ein Leck. BARRY DRÜ Schaut! Gleich wird sie bei ihm klingeln und / er hat gut auf das Haus der Grossmutter aufgepasst, das hat er wirklich gut gemacht / BARRY DRÜ Besitz durch Testierfreiheiten. Vielleicht kommt sie deswegen zurück? BARRY EIS Wir müssen IHN schützen, vor diesem / Überfall. Nicht SIE. BARRY DRÜ Meint ihr, sie ist auch wegen uns gekommen? BARRY ZWÖI Ob sie es gemerkt hat, gesehen hat? Die Fässchen faulen, schau / es modert. BARRY DRÜ Die Fässchen? BARRY ZWÖI Schaut, das ist so alt und ranzig geworden und / das sieht gar nicht repräsentativ aus! ALLI BARRYS Voll de Imageschade für üs alli! UI NEI, D TRADITIONE! Üsi Fässli schimmle / die koschtbare, prunkvolle, traditionelle Fässli! Vo ussä so schön, uflagde mit Bedütig und Mythos und Gloube und / die tüüre Uhre, d Sackmesser und alles so alt / zerfallendi, morschi, schimmligi Fässli.
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De Schiin weg, was mä vo ussä gset weg, nüme solid und / was macht sie da? Isch si wirklich / vilicht o wäge üs cho?! BARRY ZWÖI Vielleicht hat sie wieder das gute / BARRY EIS Das teurere / BARRY DRÜ Das biologische Dosenterrine dabei?
EINS, ZWEI ARMELA Armela vor dem Haus, in dem sie damals mit dem Bruder, der Grossmutter, den Hunden gewohnt hat. Armela weiss, wo sie auch hingeht, ist es immer da / wo sie auch hingeht, wo sie wohnt, wo sie lebt ist sie eine von hier und war / damals dabei und wird es immer ein wenig sein. ARMIN Armela. Was willst du? ARMELA Armin. Grüezi. Hoi. Wie / hesches? ARMIN Was machst du hier? ARMELA Gut hast du dazu geschaut / es sieht schön aus. ARMIN Du schreist gar nicht, ist alles gut? ARMELA Ich habe gehört / du willst die Barryzucht verkaufen? Und du greifst gar niemanden unter dem Vorwand des Staatsschutzes an / Arminius? ARMIN Drei alte Hunde gelten nicht als Zucht / du Kaschmir-Kommunistin. Sie essen nur noch. Schlafen viel. Liegen hier so rum und schauen mich komisch an. ARMELA Vielleicht sind sie einfach nur müde von den letzten Jahren? Vielleicht sind sie ja müde von / mit dir sein? ARMIN Oder von feigen Menschen, Armela. Was meinst du? ARMELA schweigt. ARMIN Ich finde sie auch niedlich. Aber sie sind so / so geworden und es drückt / der Berg drückt, Armela. Merkst du am Rande der Zivilisation vielleicht nicht. ARMELA Und das Haus, das behältst du? Möchtest du von diesem Ort hier weg, geht es darum? Jetzt wo sie tot ist? ARMIN Nicht mal an der Beerdigung warst du da. WAS DENKST DU DIR DENN! Gehst weg, nachdem / nachdem DAS passiert ist, kein Zettel, keine Anrufe, nichts. Und nach zwei Wochen erfahre ich / dass du da oben in diesem / beschissenen, alten Maiensäss vom Ätti sitzt! WILLST DU MICH VERARSCHEN!? WIE KANN MAN DEN FREIWILLIG MONATELANG IN EINER UNBEHEIZTEN BERGHÜTTE SITZEN? ARMELA EH, ICH HABE MIR DA ETWAS AUFGEBAUT, JA! ARMIN Ganz, ganz oben sitzt sie und schnitzt und ist plötzlich ein einfaches Mädchen vom Land, das weiss, wie man eine Kuh melkt. Und ich sehe den Scheiss auch noch auf deinem TikTok. ARMELA Du hast meinen neuen Account gefunden?! Wie? Wer noch? ARMIN Woher hattest du überhaupt / DIESE KUH?! ARMELA Und was du nicht gesehen hast / ARMIN Womit du das alles bezahlt hast? Welche deiner komischen Freunde dich da oben besucht haben? WIE DU IN DER NACHT ALLEINE IN EIN KISSEN GEWEINT HAST? ARMELA Wie ich versucht habe, mich zu melden und es ist einfach / es hat einfach wirklich nicht funktioniert? Wie anfangen? Schweigen. Du weisst doch, wie ich bin, Armin. Du kennst mich doch. Pause. Ich wollte / konnte nicht hierbleiben / schon gar nicht nach dieser Nacht.
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Stück Schimmernde Schluchten ARMIN Andere sind auch geblieben. ARMELA Lässt du mich rein? ARMIN Du kannst nicht / du kannst nicht einfach hier auftauchen. Tun, als wäre nie etwas passiert. Tun, als hättest du mich nicht / alleine gelassen mit den Hunden, dem Dorf. So fixfix. ARMELA Zurück kann ich aber heute nicht mehr und der Berg / da ziehen Wolken auf, Armin. Schau, BERG. Es beginnt zu regnen und / ich weiss nicht, es riecht nach Unglück. Findest du nicht, hier riecht es doch wirklich / ARMIN Auch wenn der Boden unter den Füssen sich schon hohl anfühlt. Geh. Und Armin schliesst die Türe. Das Ohr / Lauschposition. ARMELA Aber ich habe doch gar nicht, Armin / ich wollte nicht, lass uns doch / Das wirst du bereuen! Ich bin doch auch wegen dir gekommen und / ARMIN Durch die verschlossene Tür / Ich habe dich nicht darum gebeten. ARMELA Versucht, das Kämpferfenster in der Tür zu öffnen. Du kannst die Hunde nicht einfach / verkaufen, vertreiben, vergessen. ARMIN Armin öffnet die Tür für einen letzten Gegenangriff. Da fällt ihm vor lauter Entsetzen und Erstaunen auch nichts mehr ein.
EINS, DREI ARMELA setzt sich neben / in / auf den leeren Zwinger. BARRYS, SEID IHR DA? Niemand kommt und niemand geht, Menschen und Häuser in Reih und Glied. Von Großmutters Haus aus sieht der Horizont klein und zusammenfallend und das Weggehen, das Weiterkommen, ein anderer Ort / Was ist, wenn es schief geht? Was ist, wenn ich zu blöd bin? Was ist, wenn alle anderen es einfach besser wissen, einfach / was ist es denn, dieses besser? Die automatische Tür ist aufgegangen und ich / habe mich hingesetzt und / Kassensituation. ARMELA zeigt, warum sie Mitarbeiterin des Monats war. Händ Sie en Cumulus-Charte? Das macht denn drüedrissgsibezg, gärn. Ihne au en schöne Tag. D Früschhaltefolie weg und / de Gruch vo frische Tomate am Morgä. Die trennte Joghurts zrugstelle, Ordnig schaffe. Monate und Jahr und irgendwenn / was ig cha, mach ig gärn, mach ig guet. Zum Vorzugspriis ds guete Hundefuetter reserviere, Altersvorsorg, Wyykurs als Witerbilidgsmöglichkeit. An einem ganz bestimmten Tag, es ist Herbst und die Kälte kriecht langsam rein und da steht diese Frau. Eine rote Adidas-Jacke, so eine alte. Einen kurzen Pony und Haare / wasserstoffblond. Radlerhosen mit Leopardenmuster. Sie steht da, schaut mich an und / BARRY! Ich habe dich gesucht, ich wusste nicht, ob du noch / ICH HABE DICH SO VERMISST! BARRY DRÜ Du / du hast / mich vermisst? ARMELA Es tut mir leid. Alles tut mir immer so leid. BARRY DRÜ Pause. Bist du wegen den Fässchen gekommen? Schau / das passiert mit ihnen. Faul, ganz langsam. ARMELA Das Dosenfutter war leer. Es war einsamer, zunehmend. Und es wurde immer kälter / ganz oben. BARRY ZWÖI Du hast dich die ganze Zeit / von Konserven ernährt? ARMELA Wie kann ich es wieder gut machen?
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BARRY DRÜ Es ist wieder diese Zeit. Es ist wieder diese Unzufriedenheit. Wie damals. Vor dreissig Jahren, vor hundert Jahren. Es hat sich angebahnt, Nicht nur über die Grenze, nicht nur im Norden, nicht nur im Osten, nicht im Stiefel, auch hier. BARRY ZWÖI Erzähl es mir. Erzähl mir / was passiert ist und wieso sie nicht mehr mit dir sprechen. Jetzt ist deine Chance, wir warten alle schon so lange und / ich will noch zum Agility-Training. ARMELA Das kann ich nicht. BARRY DRÜ Kannst du das reparieren? Hast du eine Essiglösung? Oder ein Holzschimmelmittel? Wasserstoffperoxid, Schleifpapier? BARRY ZWÖI Du musst. Wir sitzen / alle im selben Zwinger. ARMELA Von oben hat es in dieser Nacht ausgesehen / wie ein 1. Augustfeuerwerk. Feuer, Funken, schwingende Fahnen. Ihr dürft es nie jemandem erzählen. Wirklich, ihr müsst es mir ganz, ganz fest versprechen, ich kann sonst nicht / BARRY ZWÖI Du warst mit deinen Freunden da, oder? An diesem / an diesem ganz bestimmten Abend. Ich weiss noch wie du mir zum allerersten Mal von ihr erzählt hast / ARMELA Ich habe sie kennengelernt, ich stehe so da und sie fragt / BARRY DRÜ Sorry, ist diese Schokolade vegan? Das ist zwar Zartbitter, aber hier steht gar nichts / du arbeitest doch hier, oder? ARMELA Das hat sie gesagt und sie war / es war / mein erster Gedanke und sie / hatte eine selbstgebastelte Kette aus Perlen / und ein Basecap, auf dem steht / Bühlmann – Gas – und Sanitäranlagen. Der Inbegriff von cool. Armela ist verliebt. Sofort und unwiederbringlich. BARRY DRÜ Was machst du denn am Wochenende? BARRY ZWÖI Wir machen einen Kochabend in unserer WG. Wir wohnen in diesem alten Haus am Bahnhof. ARMELA Eine Einladung, hihihi, eine Einladung / wie werden sie sein? Was werden wir essen? BARRY DRÜ Das ist Armela / wir haben uns beim Einkaufen kennengelernt. Arbeitest du eigentlich schon lange da und willst du das noch lange machen? ARMELA Vielleicht mache ich noch ein Teilzeitstudium, vielleicht eine Abendschule / BARRY DRÜ Bilde dich, Armela. Bilde dich kulturell und sozial und lerne alles. ARMELA Plötzlich denke ich / ich kann etwas anderes, ich kann / weggehen und mehr und / es gibt noch so viel, was ich sehen kann. Sie isch öper. Das werden alle sagen. BARRY ZWÖI / BARRY DRÜ MEGAHÄRZIG! ARMELA Mit ihr werde ich etwas sein, etwas werden, bewundert werden. BARRY DRÜ Du kannst gerne hier einziehen, wenn dich das funktionale Wohnen nicht stört. ARMELA Das ist alles, alles ziemlich neu für mich, weißt du. Das sind alles neue Begriffe und / Chauvinismus, soziale Selektivität, Demagogie / davon habe ich in der Schule nie irgendetwas gehört und / BARRY DRÜ Magst du das dann vielleicht aufschreiben und wir besprechen es im Plenum? Das ist aber keine Entschuldigung, Armela. ARMELA Neuen Ideen und Menschen und / und ich brauche einen Moment dafür. Das ist nicht böse gemeint oder so, ich bin gerne mit dir und / BARRY DRÜ Das klingt nach einem Du-Problem. ARMELA Mit allen gemeinsam darüber zu sprechen macht mir Angst. BARRY DRÜ Willst du von meinem Rote Beete Saft? ARMELA Ich fange an, etwas für dich zu empfinden, aber das ist alles so neu und ich weiss nicht, ob /
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Stück Anaïs Clerc BARRY DRÜ Ich kann das gerade nicht übernehmen. Ich bin gerade mit mir selbst beschäftigt, ich muss da eine Grenze ziehen, Grenzen gegenüber von Menschen, die eine andere kulturelle Bildung haben zu ziehen ist uhmegawichtig, sonst muss ich am Schluss noch mit / allen, wirklich allen reden. ARMELA Das hat sie nie gesagt! BARRY ZWÖI Und während es draussen geregnet hat, den ganzen Winter und den ganzen Sommer lang, warst du dir plötzlich sicher / ARMELA Ich will zu dieser Gruppe gehören, ich will eine von ihnen sein. Grossmutter, ich ziehe aus. Armin, ich halte nichts von deiner Ausbildung, das weisst du ganz genau. Ich kann dir da einfach nichts vorlügen. Denk dir einen Bruder, der so eine Ausbildung macht, denkt dir dein Bruder macht so einen Job und du hast solche Freund*innen. Und nein, ich werde nicht mehr lange / Kassensituation. Eure Lose verkaufen und Zeitschriften sortieren und Brötchen aufbacken. Ich bilde mich mit diesen Menschen, mit ihren Ideen und ich werde / lauschen für sie und / BARRY DRÜ Und haben DIE wieder über den Bunker, über die geplante Unterkunft geredet? Hast du etwas gehört / planen DIE etwas? ARMELA Die regen sich auf, dass es so nah an einem Wohngebiet ist. Heute Abend / heute Abend soll irgendetwas passieren. Eine Aktion. BARRY DRÜ TRINK DEN SAFT. Dann gehen wir. ARMELA Schilder, Trillerpfeifen, ich rufe und / am Fuss des Berges vor dem Bunker versammeln wir uns. BARRY DRÜ Die Polizei ist sofort da / Kastenwagen und Vollmontur. ARMELA Ich lasse die Gruppe nie wissen, woher ich die Informationen habe. A.C.A.B. BARRY ZWÖI Armela, was du gemacht hast, will ich wissen. Was ist passiert? Wenn es ein kleines Delikt ist / vielleicht ist es mittlerweile sogar verjährt? BARRY DRÜ Jemanden getroffen mit dem Stein? Etwas angezündelt? Ein gefährliches Statement getragen? BARRY ZWÖI / BARRY DRÜ Was du gemacht hast / möchten wir gerne wissen. Etwas explodiert? Etwas geworfen? Etwas geschlagen? ARMELA Und ich weiss, wenn er mich sieht / erzählt er es Grossmutter und dann / BARRY ZWÖI als Grossmutter Du warst dabei? Du warst eine von diesen, die unsere Nachbarn angegriffen hat? KIND! Ich habe gedacht, ich habe dich vernünftig erzogen, so etwas tut man doch nicht! ARMELA Wenn der Ladenbesitzer mich sieht / BARRY ZWÖI als Chef im Coop Alle wissen es, Armela. Ich kann dich hier nicht mehr arbeiten lassen. Niemand will Tomaten von einer Person kaufen, die Tomaten auf sie geworfen hat. Die standen doch nur da und haben zugeschaut. Man beisst den Hund / ähm, die Hand nicht, die einen füttert. ARMELA Und ich / ich / Schweigen. BARRY DRÜ Du riechst es, oder? Du merkst, wie der Schnee lose wird und die Hänge drücken?
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ARMELA Ich, Barry / ich wollte doch / ich konnte ja / BARRY DRÜ Es regnet und es drückt, der Schnee wird transportiert und abgelagert und nichts, nichts löst sich mehr. BARRY ZWÖI Armela / was hast du nur getan? ARMELA Es wird / es kommt / es ist zurückgekommen. Vielleicht mehr, als wir lange gedacht haben. Es war vielleicht auch hier, gerade hier / nie ganz weg? BARRY ZWÖI / BARRY DRÜ Frag mich nicht. Ich bin nur ein Hund. ARMELA Lüg mich doch nicht an. Überall die Ohren, die Augen und / beurteilst und entscheidest und / du bist an so viel mehr Orten, als alle denken. Mit deinem Fell und diesen / beschissenen unschuldigen Augen und dieser / Helfersage. HELFEN! Aber helft ihr auch / BARRY ZWÖI / BARRY DRÜ Grossmutter hat irgendwann aufgehört mit dem Warten. Als die Gerüchte immer grösser geworden sind / vielleicht ist sie wegen dir gestorben, Armela. ARMELA Menschen über neunzig sterben halt irgendwann. BARRY DRÜ Wir helfen dir, wir müssen nur noch abklären, WIE die Hilfe auszusehen hat. BARRY ZWÖI Wir helfen nur, wenn es nötig ist. Wirklich, wirklich nötig. ARMELA HE / HE GEH NICHT WEG! EY, BARRY, WARTE /
ZWEI, EINS BARRY EIS Und? Was habt ihr herausgefunden? BARRY DRÜ Jahre und Konserven und das Warten / und was sie gemacht hat / es wird so schlimm gewesen sein, dass sie immer noch nicht / BARRY ZWÖI Sie sagt es nicht. Ihre Freunde sind danach alle verhaftet worden. Wohnprojekt gescheitert. BARRY DRÜ Das Haus steht leer. Ist nicht vermietet worden, steht einfach leer. BARRY EIS Sie hat bestimmt Verrat begangen. Ich akzeptiere gar nichts. Armin hat die Situation schon im Griff. BARRY DRÜ Armin hat schon lange / lange nichts mehr im Griff. Das wissen wir doch alle. Sieh in dir an / Die Barrys betrachten Armins Gestalt durch einen Feldstecher. BARRY ZWÖI Wissen wir / wann genau er so geworden ist? BARRY DRÜ Es ist nicht so, als wäre den Männern in diesem Land das Reden beigebracht worden, oder? BARRY ZWÖI Er steht viel später auf, oder? Ohne die Uniform, ohne den Dienstwagen. Trinkt alleine seinen Kaffee am Fenster. Und das Essen / das sind die Billigmarken geworden. Billigkonservenwurstdosenhundefutter. BARRY EIS Lasst ihn in Ruhe. Es ist für alle eine schwierige Zeit / die Teuerung, immer diese Teuerung und die Krankenkassen und / das ist, weil wir zu viele sind. BARRY DRÜ Das ist, weil die deinen reicher werden, du Lumpenhund. Und weil die Mitte sich nur alle vier Jahre daran erinnert, dass es Arbeiter*innen gibt. BARRY EIS Oder weil immer mehr Menschen hier wohnen, die doch eigentlich gar nicht einfach so / einfach so ein Recht haben hier zu wohnen und deswegen werden Wohnungen so unbezahlbar und / BARRY DRÜ Oder weil ihr euch weigert / Pharma- und Versicherungsindustrien ein bisschen genauer anzuschauen und einen Kostendeckel vermeidet, um euch zu bereichern?
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Stück Schimmernde Schluchten BARRY ZWÖI Warum müsst ihr euch immer streiten? Und was ist denn jetzt mit den Fässchen? Abschleifen / kann mir das irgendjemand abschleifen? BARRY DRÜ Wir können Armela nicht da draussen lassen. BARRY ZWÖI Wollen wir abwarten? Wollen wir in der nächsten Legislative darüber abstimmen? BARRY DRÜ Ich weiss nicht, ob dafür die Zeit reicht. BARRY EIS Warum soll ich denen noch helfen? BARRY DRÜ Weil du ein Zuger-Steuersitz-Hund bist und es kannst! BARRY ZWÖI Oder wir fragen ihn. Was damals / ALLI BARRYS Damals. Ein Bunker in einem Berg, einen Tag später hätte die Zwischennutzung gestartet. BARRY ZWÖI Das Dorf im Ausnahmezustand. Was war gut und was böse und 1291 Leute / die stehen da. Es ist ja nicht, dass alle demonstriert haben, oder? Zwei Gruppen und in der Mitte / es haben ja nicht alle / etwas gemacht. Zwei Gruppen und in der Mitte / die, die / da halt gestanden sind. BARRY DRÜ Halt die Lefzen. Unrechtmässige Zustände, so wenig Platz und daneben freie Berghotels und Dorfwohnungen. In einem Dorf, fernab von / allem, was einen Menschen wirklich nachhaltig willkommen heissen würde. Welches Land kommt auf die Idee, an so einem Ort Menschen einzuquartieren. BARRY EIS Ich vertraue ihm, ich habe ihm immer vertraut. Auch, wenn er jetzt keine Uniform mehr hat. BARRYS weiterhin in Beobachtungsposition, bis /
ZWEI, ZWEI ARMIN spielt mit einem ferngesteuerten Polizeiauto, einer Polizeimarke, einem Taser. Wiuuuuuwiiiuuuuuwiiiiuuuu. BzzzzzzzBbzzzzzzbz. An alle Einheiten / an alle Einheiten / und so weiter und so. Kommt die hier einfach so an nach all diesen Jahren / als hätte sie mich nicht allein gelassen / Von Großmutters Haus aus sieht der Horizont weit weg und gefährlich aus und das Weggehen, das Weiterkommen, ein anderer Ort / Was ist, wenn es schief geht? Was ist, wenn ich zu blöd bin? Was ist, wenn alle anderen es einfach besser wissen, einfach / was ist es denn, dieses besser? Dieser Job / eine Aufgabe wie jede andere auch. Oder? Brandursachenermittler. Kriminalpolizei. Wasserretter. Wie in den Serien psychisch hochkomplexe Menschen festnehmen und andere Menschen vor ihnen schützen. KROKUS, Verhandlungsgruppe, am liebsten ENZIAN. Geiselnahmen, Bekämpfung von Schwerstkriminalität / so habe ich mir das vorgestellt, wiiiiuuuuuuwiiiiiiuuuuwiiiiuuuu / bzzzzbzbzbz. Ein aufrechter Gang / dank der Grundausbildung. Bisschen Jugendliche verwarnen, die in den Schluchten abhängen. Kühe auf den Talstrassen einfangen. Gerufen werden, wenn jemand zu viel trinkt und Obstler wirft. Gebirgsspezialist sein und dafür ein Schulterklopfen. Ich setze mich sogar durch und sage / nicht in diesem Dorf. Versetzt mich in einen anderen Bezirk, nur ein paar Kilometer reichen mir, aber nicht / hier. hat alles funktioniert, dann ruft mich der mitten in der Nacht, als hätte mich jemals jemand während dem Bereitschaftsdienst angerufen und / BARRY EIS Du kennst doch Beobachtungsobjekt „Schutzraum für uns und bald Lebensraum für andere?“ Dort kommt es zu Ausschreitungen.
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ARMIN BARRY! Was / was willst du? BARRY ZWÖI Wir haben gesehen, dass Armela da ist / ARMIN Ist sie gekommen, weil / wisst ihr, ob / ist sie wegen damals gekommen? BARRY ZWÖI Damals, als / ARMIN War doch alles gut, hat alles funktioniert, dann ruft mich der mitten in der Nacht, als hätte mich jemals jemand während dem Bereitschaftsdienst angerufen und / BARRY EIS Du kennst doch das Beobachtungsobjekt „Schutzraum für uns und bald Lebensraum für andere?“ Das Gebäude zwischen den Schluchten? Dort kommt es zu Ausschreitungen. Wir fordern sämtliche Abteilungen, alle in der Nähe an, wann kannst du hier sein? ARMIN Sie denkt immer noch, ich / ich hätte damals / BARRY ZWÖI Was? ARMIN Was? ARMIN Ich sage / okay. Es ist ja immerhin, es war immerhin / mein Job. Und ich im Einsatz und / meine Körperschutzausrüstung und ja / ein Job. BARRY EIS Wir fordern sämtliche Abteilungen an, wann kannst du hier sein? Anscheinend versammeln sich Demonstranten, die gegen eine Umnutzung sind. Sie zünden erste Feuerwerkskörper. Das hat wiederum diese andere Gruppe aus der Wohngemeinschaft, die wir beobachtet haben, angezogen. Sie stehen sich gegenüber und dazwischen ist der Bunker, in den die Menschen einziehen sollen. ARMIN Und dann kann ich ja nicht sagen / da kann ich jetzt nicht hin. BARRY EIS Wir müssen die Gruppen voneinander trennen. ARMIN Der Kastenwagen holt mich ab und / ist halt ein Einsatz. BARRY ZWÖI Und warum arbeitest du dann jetzt nicht mehr da? Warum ist Armela weggegangen? ARMIN Ich war mir sicher, sie ist eine von ihnen. Würde sie mich erkennen? Kennt sie noch / meine Dienstnummer? Und was sage ich dann / muss ich dann wirklich meine Schwester festnehmen? BARRY EIS Steig ein. Es war ja klar, dass es so weit kommen wird. Es war ja klar, dass das die Menschen nicht ewig so hinnehmen werden. BARRY EIS Helm, Schild, Schutzmaske. Du hast dich doch dafür entschieden. Du wolltest doch / Polizist sein? ARMIN Du kannst lesen und Trainings machen und in Simulationen gehen, aber Ernstfälle erwartet niemand, Ernstfälle sind immer / BARRY EIS Los, steig aus. Zeit, dass wir Präsenz zeigen. LOS. BARRY ZWÖI Kennst du jemanden? Es kann leider / ja leider kann es manchmal persönlich werden. ARMIN Ich glaube / Pause. BARRY EIS Ja dann / Wiedersehen macht Freude, oder / Armin? ARMIN Das ist der Typ / der früher einmal die Post ausgetragen hat. Bevor die Poststelle geschlossen worden ist / Das ist die ältere Frau, die sich hat scheiden lassen. Sie musste von dem Haus in die Wohnung ziehen und dann auf einen Campingplatz. Die junge Frau, das ist die Tochter von dem Skiliftbesitzer. Nachdem alle Tageskarten so teuer geworden sind / niemand konnte und wollte noch auf die Pisten. BARRY ZWÖI Es sind unzufriedene Menschen, die sich zusammengetan haben. Die letzten fünf, zehn Jahre. ARMIN Unzufrieden? BARRY ZWÖI Das sind vielleicht nur die, die einfach nicht mehr gereicht haben für / ein System oder so?
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Stück Anaïs Clerc BARRY EIS Es sind die Unzufriedenen, die so leicht zu beeindrucken sind. Dort holen wir sie ab, bei der Unzufriedenheit. ARMIN DAS HAT ER NICHT GESAGT? BARRY EIS Findest du das richtig, was hier gerade passiert? ARMIN Was heisst schon richtig, was falsch. BARRY ZWÖI Ich enthalte mich. Das ist so schwierig / wer warum unglücklich ist. Was Einzelschicksale sind und was mehr. Wir sind doch dran, ich meine / es wird sich ja mit den steigenden Gesundheitskosten befasst. Es ist doch / aushaltbar. Wir kümmern uns um den älteren Menschen, doch. Und die Schere / ich weiß nicht, ich bin mir gar nicht sicher / dass die wirklich so viel grösser geworden ist nach / ihr wisst schon. Das ist doch alles nur Angstmacherei. BARRY EIS Wenn weniger Menschen hier wohnen würden / dann wären eure Krankenkassen billiger. Wenn es wieder mehr traditionelle Familien geben würden / dann würde es weniger alleinstehende Menschen geben. Und wenn weniger Menschen kommen würden / hätten die alle noch ihre Jobs. ARMIN Was redest du denn da? Und wer ist denn / wir? Pause. Ich habe immer gedacht / im Fokus der Mensch. Und dann sind das doch die Menschen, die ich / DAS sind doch die Menschen / oder? Darauf keine Antwort vom Gruppenchef, ein heruntergezogenes Visier und ich bin / ich will / BARRY EIS Du hast dir diesen Beruf ausgesucht / um zu lenken, nicht um zu denken. Das hat dich doch während der Aspiranten-Schule auch nicht gestört. BARRY ZWÖI Du sollst sie nicht verweisen. Du sollst sie beschützen. ARMIN Die / diese Menschen hier beschützen? BARRY EIS Ja, die beschützen. Und voneinander trennen, aufsplitten. Das ist dein Job. Zu schützen, wo angegriffen wird. Uns geht es um den Menschen und wer Mensch ist, wird bestimmt von / ARMIN Also welche / welche jetzt genau beschützen? Und ich / die beschützen, keine beschützen, die wegschicken, keine wegschicken, die überprüfen, keine überprüfen / Geschrei und dieses Geräusch von / Knochen auf den Schutzschildern. Einer hat ein Smiley auf das Gummigeschoss gezeichnet. Und wir haben / oben der Berg und alles, die Geräusche, die Bewegungen, die Lichter, alles / ist wie ein riesiges Echo zurückgekommen. BARRY ZWÖI Und du hast / ARMIN Und ich habe / BARRY EIS Was Armin, was? Sag uns, was passiert ist. Warum du danach nie mehr aufrecht gegangen bist. Fast schon auf allen Vieren wie wir. Und warum du uns plötzlich / plötzlich kaum noch füttern kannst. Ich habe dich immer unterstützt. Für den Rechtsstaat, Armin. Eine konsequente Umsetzung von Recht und Ordnung. Oder, Armin? Im Fokus der Mensch. ARMIN Welcher Mensch denn? BARRY ZWÖI Armin / was hast du gemacht? ARMIN Ich leiste einen Staatsdienst. Ich bin immerhin verpflichtet, Schutz und ich habe / BARRY EIS / BARRY ZWÖI Schutz und du hast / ARMIN Schweigen.
ZWEI, DREI BARRY DRÜ Und / vertraust du ihm immer noch? Der hat doch genauso / Dreck im Hundenapf wie wir alle.
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BARRY ZWÖI Ich sage / er hat jemanden ernsthaft verletzt. Und ist entlassen worden, weil sie es nicht verstecken konnten, nicht rechtfertigen / ganz einfach. BARRY EIS Spürt ihr das / Lockerschnee? BARRY ZWÖI Oh / oh, der verfestigt sich. Der ist schon viel zu lange / allein. Allein in diesem Dorf, in diesem Haus, in dieser / Schuld. Ein Armer ist er, der Armin. BARRY EIS Die Wolken umarmen beinahe die Hänge. Eher Staub. Ich kann es riechen. Das waren Einzelfälle, Ausnahmen. Wenn das abgleitet / BARRY DRÜ Alles können Armins Kumpan*innen rechtfertigen in ihren eigenen verfassten Medien-Berichten. BARRY EIS Oder eine Schneebrettlawine. Ich sage / es ist eine schneebrettartige. Das liegt doch in der Luft. Er wird uns nicht wegschicken, nicht einfach so. BARRY ZWÖI Linienförmiger Abriss / SCHAUT / BERG! ALLI BARRYS BERG?! BARRY EIS BERG! Dass sie beide / was haben sie? BERG, Ene-MeneHund / was sagt uns dein Schlund? BARRY DRÜ ES ZITTERT, ES GROLLT, MASSEN UND DA / DA LÖST ES SICH! SCHWIMMSCHNEE, RAUREIF, EISLAMELLEN! ALLI BARRYS TRIIBSCHNEE! SCHLAMM! GRÖLL! GLEITET, STÜRZT, DONNERET IS TAL! BERG!
BERG, LAWINE BERG Da wo ich stehe, ist noch nie ein Mensch mit seiner Wut irgendwohin gekommen. Die Wütenden bleiben stecken, denn da wo ich stehe / macht Wut wirtschaftlich unproduktiv. Da wo ich stehe darf man sich über soziale Ungerechtigkeiten und über Mütter und über Zukunftsängste keine Gedanken machen, denn wenn man sie sich macht, wird man wütend und da wo ich stehe / wird anstatt Wut GEARBEITET, geschwiegen und gewartet. Denn uns geht es doch gut, uns geht es doch wirklich gut? Aber / wer ist denn hier / dieses uns? Da wo ich stehe fallen die Steine, schüttelt sich der Berg, donnern die Schneemassen ins Tal, runter, runter, runter / Menschen unten am Berg, Erbenmonster oben, da / da oben. Mehr und mehr von Jahr zu Jahr und / da wo ich stehe, wächst die Armee und Millionen, Milliarden, aber / ihr werdet auf den Berg schauen und sagen, davon haben wir hier eigentlich gar nicht so viel mitbekommen, bei uns ist es / NEUTRAL und STILL und STABIL geblieben. Nein, so etwas wie drüben am Berg / so etwas gibt es bei uns hier nicht. Ihr habt die Kraft der Berge vergessen. Ihr habt / vergessen, dass ihr nackt kommt und nackt geht. Und alles was bleibt von diesem Leben / als wäre das Leben eine Ansammlung von Dingen. Und als wäre nicht genau jetzt dieser Moment / zwischen Wirbel und Sturm, Angst und Unsicherheiten, Abwarten und Umschwung / Als wäre nicht genau jetzt dieser Moment /
DREI, EINS BERG Hunde und Menschen und ein Beispiel. Meine Massen sind da und sie regnen ins Tal um euch zu erinnern / als wäre nicht genau jetzt dieser Moment /
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Schimmernde Schluchten ARMELA Schockierter Blick zur Tür. ARMIN Abgeklärter Blick zur Tür. Da kommen wir nicht mehr raus. ARMELA Nein. ARMIN Nein. Schweigen. ARMELA. Ja. ARMIN Ja. ARMELA Ich habe das / gehört. ARMIN Du lauschst immer noch?! ARMELA Du doch auch ARMIN Meinst du / meinst du, die retten uns? ARMELA Ich denke schon. Das machen sie doch immer. Sie / sie kümmern sich doch, die Rettungshunde? ARMIN Und Armela / warum bist du gegangen? Versteckst du dich / gibt es einen Haftbefehl? ARMELA Wenn es einen Haftbefehl gibt / warum weisst du dann nichts davon? Arbeitest du gar nicht mehr da? ARMIN Ich / ich hätte das nie für möglich gehalten. So einen Abend, eine solche Herablassung. In Deutschland, sowieso. In England, ein weiteres Mal auch. In Paris, vielleicht möglich. ARMELA Wann hast du denn schon das letzte Mal / das letzte Mal wirklich mit Menschen gesprochen, die anders wählen als du? ARMIN Du meinst mit Menschen, die nicht / aus Abenteuerlust und Selbstverwirklichungsträumen in der Agglomeration leben, sondern aus Gründen? ARMELA Pause. Es ist wie im Original. Da ist irgendwo ein riesiger Berg, ein Pass. Und darin wohnen Mönche, die Hunde pflegen und die Hunde bewachen den Schatz irgendeines alten, reichen Typen. Da ist dieses Land, wo alle bleiben. Und darin wohnen bestimmte Menschen, die sich, eben sich pflegen und ihre, ihre eigenen Gewohnheiten bewachen, bei sich bleiben. Wusstest du, dass der Originalbarry nur gestorben ist / ARMIN weil er verwechselt worden ist? Jemand hat gedacht, er ist ein Wolf. Wenn genauer hingeschaut worden wäre / kein Wolf, ein Bernhardinerhund. ARMELA Eine Verwechslung, die Leben, Existenzen, Wünsche und Wuffs gefordert hat. ARMIN Denkst du, sie brauchen noch lange? ARMELA Ich weiss es nicht. Die sind ja auch älter geworden und / ARMIN haben eine sehr niedrige Lebenserwartung, Ich war mir teilweise nicht mehr sicher, welcher welcher ist? Irgendwie, ich weiß nicht / sie sind sich ähnlicher geworden? ARMELA Oder?! Früher konnte ich die wirklich problemlos unterscheiden. An den Flecken oder an der Musterung oder an dem Knurren. Aber jetzt / und sie wirken aggressiver. ARMIN Ungeduldiger, als wären sie immer hungrig. Als würden sie immer zu kurz kommen, egal wie viel sie fressen. ARMELA Als würde es nur um sie gehen. Fast wie bei uns damals. Als wäre es um uns oder um euch gegangen. ARMIN Dieses Land / sechsundzwanzig einzelne Länder in einem. Dazwischen die vergessenen Orte, Niemandsland mit Wut. Wie kann man denn / an so einem Ort bleiben? Mit Menschen, bei denen man nicht mehr weiss, wer dagegen und wer dafür und / ARMIN Wie kann man denn / von so einem Ort weggehen? Mit Menschen, bei denen man nicht mehr weiss, wer dagegen und wer dafür und / weggehen, ohne etwas zu machen? ARMIN / ARMELA HALLO?! BARRYS?!
Theater der Zeit 3 / 2025
WIR KOMMEN HIER NICHT RAUS / WIR KOMMEN HIER NIE MEHR RAUS! Lauschen auf Rettung. ARMIN Armela / was ist passiert? Damals? ARMELA Ich musste / ich wollte / Die anderen nach vorne und wir alle, eine Formation, die Rufe, die Masse und /Ich will einfach nicht ich kann nicht und / wir waren doch die Guten. Wir setzen uns für etwas ein, wir setzen uns für die Menschen ein, bei denen andere auf diesem Boden wegschauen und / wir wollten nicht, dass dort irgendjemand leben muss. ARMIN Aber die anderen wollten auch nicht, dass dort jemand lebt?! ARMELA Wir können nicht sagen, wir nehmen Menschen auf, bewahren sie vor einem Tod und dann platzieren wir sie unter der Erde, das geht nicht. Ich wollte einfach nicht / wir wollten das aber aus anderen Gründen nicht, verstehst du?! ARMIN Wolltest einfach nicht / dass dich alle sehen? Das alle wissen, mit was für einer Gruppe du abhängst? ARMELA Ich habe nie Aktionen meiner Freund*innen unterstützt, die zu so etwas aufgerufen haben. ARMIN Aber du hast auch nichts gemacht, um sie aufzuhalten. ARMELA Pause. Abgedreht, ganz langsam den Kopf weggeneigt und / Kapuze über den Kopf und zwischen einer zuschauenden Familie / Schritt für Schritt rückwärts, vor dir die Meute, der Bunker, die Unterkunft und hinter mir der Berg und die Häuser. Hoch, hoch, hoch. Armin / ich bin gegangen. ARMIN DU WARST ÜBERHAUPT NICHT DORT?! ARMELA Bin gegangen und aus Tagen wurden mehrere Wochen und plötzlich ein Winter und ein Frühling und / wie wiederkommen nach so etwas. ARMIN Du sagst mir jetzt aber nicht / du hast die ganze Zeit wie eine Eremitin im Berg gewohnt, weil du zu feige warst, bei einer Demonstration dabei zu sein? ARMELA Ach komm, HALTS MAUL. NICHT ALLE HATTEN EINEN HELM, ARMIN! ARMIN Du hättest doch einfach eine neue Freundesgruppe, eine neue Ausbildung suchen können, irgendetwas. Du hättest in eine andere Stadt ziehen können, Das ist doch kein Grund, sich dermaßen aus dem Leben zurückzuziehen? ARMELA So wie du es gerade machst oder was? ARMIN Warum / warum bist du zurückgekommen? ARMELA Wegen dir. ARMIN Wegen mir? ARMELA Armin / Geschichte gegen Geschichte. Komm. ARMIN Armela, Armela / immer noch wie früher. Ich muss dir gar nichts erzählen / ARMELA Wie viel musst du denen zurückzahlen? Die Hälfte der Ausbildung? 10? 20? Wie viel sind es? ARMIN Das schaffe ich schon irgendwie. Es war / es ist / alles ist / Pause. Alles / ist wie ein riesiges Echo zurückgekommen. Oben der Berg und alles, die Geräusche, die Bewegungen, die Lichter. Geschrei und dieses Geräusch von / Knochen auf den Schutzschildern. ARMELA Ich habe gedacht, du stehst da inmitten der Menschen / vielleicht die rechte Hand oben? ARMIN Ich habe nie bei so etwas mitgemacht, auch nicht auf WhatsApp oder so. ARMELA Aber du hast auch nichts gemacht, um sie aufzuhalten. Du hast auch nicht gesagt / das ist menschenfeindlich. ARMIN Ich will hier weg. ARMELA Verfolgt dich jemand? Ist es / gefährlich?
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Stück Anaïs Clerc ARMIN Nicht gefährlich. Aber still. Und peinlich berührt. Und unglücklich. Die Menschen hier können sich kaum noch im Spiegel anschauen, geschweige denn, dass sie sich gegenseitig anschauen. Dieses Land bietet keine Gespräche, nichts. Kein Verzeihen. ARMELA Armin, was hast du gemacht? ARMIN Ich / bleibe sitzen. Habe irgendetwas gesagt von / Waffe sichern, Visier kaputt, Helmschnalle nicht intakt. ARMELA DU BIST / IN DIESEM KASTENWAGEN / SITZEN GEBLIEBEN? EINFACH INNENDRIN / GEBLIEBEN? ARMIN Daran habe ich bis am Schluss festgehalten / dass ich nur wegen der defekten Uniform nicht ausgestiegen bin. Sitzengeblieben und als der Einsatz vorbei war ohne Regung. Suspendierung, Dienstausschluss, Untersuchung. Du hast dich einer Entscheidung der / Staatsleitung verwehrt, Arminius. Was soll das heissen / Anweisungen nicht verstanden? Ihre Kollegen / die hätten sie doch gebraucht. Das haben die beim Polizeigericht gefragt und ich / ich schaue Richtung Berg und denke mir / ARMELA Aber dann hast du ja gar nichts getan? Dann haben wir ja beide / eigentlich einfach gar nichts getan? ARMIN Ich tue nichts. Wir tun nichts. Nie. Ich habe gedacht, du bist weggegangen, weil du eben da warst. ARMELA Ich habe immer gedacht / du bist geblieben, weil du stolz dabei warst. Schweigen. ARMIN Meinst du, die BARRYS finden uns? ARMELA Wenn sie wirklich wollen würden / dann hätten sie sich doch bereits vorgegraben? Ich glaube, es gibt keinen Superhund mehr, der ausströmt, um andere zu unterstützen, zu bergen, an einen sicheren Ort zu bringen. Ich habe gelesen, sogar das mit den Fässchen ist nur ein Mythos und dass die Hunde mittlerweile so gezüchtet sind / ARMIN dass sie sich kaum noch bewegen können. Aber dieses Bild wurde so oft gezeigt und immer dieser BARRY und immer das kleine, runde Fässchen mit dem Kreuz / ARMELA In jedem Kinderbuch, auf jeder Werbung. ARMIN Verrückt, was die Menschen glauben, wenn sie es zur oft genug sehen und hören. ARMELA Verrückt. Als würde sie aufhören, selbst zu denken, wenn sie nur genug Einfluss von aussen haben.
DREI, ZWEI BARRY EIS MEIN FÄSSCHEN IST KAPUTT! SEHT, SEHT! BARRY ZWÖI Die haben ja beide / ja beide an diesem Abend gar nichts gemacht. BARRY EIS Die haben die Fässchen / die Fässchen kaputtgemacht! BARRY ZWÖI Das ist doch gut, dann ist doch gar nichts passiert und wir können einfach / weitermachen wie bisher und weiterretten / BARRY EIS Wir haben jahrzehntelang gerettet. Ich bin raus, ich sage euch, ich will die nicht retten. BARRY DRÜ Wenn wir sie wittern, wird gegraben und die, die überleben können, werden geborgen. Der Verschluss an meinem Fässchen ist auch / da, er ist kaputt. BARRY ZWÖI Erde zu Erde und Saat in den Schnee, was bald nicht mehr wachsen kann und / nichts kann entstehen unter dieser Eisschicht. Das Kalte lässt das Erblühende verrecken. Wir müssen abstimmen, oder?
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BARRY DRÜ Du willst wirklich abstimmen, wer hier leben darf? Seht ihr das / hier ist eine grüne Schicht. Es schimmelt, oder? Es schimmelt /! BARRY ZWÖI Das hat diverse Gründe. Ökologische Ängste. Ökonomische Veränderungen. Generationenkonflikte. BARRY EIS Dieses Mal reicht die Zeit nicht mehr zum Abstimmen. BARRY DRÜ Ihr seid so alt. Ihr versteht es einfach nicht. Schimmel, seht ihr? Ver-schlimmertschimmert. Es ist / die Beschaffenheit des Fasses, Produktionskosten, Begleiterscheinungen dieser Zeit. BARRY EIS Ich möchte sie nicht retten. BARRY ZWÖI Ich möchte sie nicht retten, ich möchte lieber nichts tun. BARRY DRÜ Ich möchte sie nicht retten, ohne dass sie gerettet werden möchten. BARRY EIS Ich finde, sie sind selbst verantwortlich. Und ich weiß nicht einmal, ob es Christen sind. BARRY ZWÖI Es ist so kalt und nass und sie haben sich jetzt auch nicht wirklich / nicht wirklich Mühe gegeben, oder? BARRY DRÜ Wir können doch nicht / doch nicht wir! Wir sind immerhin Freund und Helfer und seit Jahrzehnten, Jahrhunderten graben wir entlang den Alpenpässen! LOS, hilft mir! BARRY EIS Wir haben unsere Werte, oder? Wir haben / immerhin unsere Werte! BARRY ZWÖI Und es muss uns doch auch gut gehen. BARRY DRÜ HA! AUCH DU, BARRY!? BARRY EIS Aber wir sind schon so ausgebucht / wo sollen sie denn schlafen? Du siehst doch / die steigenden Mieten? BARRY ZWÖI Können wir sie / vielleicht können wir abwarten und darüber abstimmen? BARRY DRÜ Pha! Er ist dieser / Hund, der so tut, als wäre der Zwinger, als wäre der Grund und Boden zu klein und dabei braucht er selbst den meisten Platz! In deiner Hütte könnten zehn von uns leben! BARRY EIS Was ist, wenn sie allen erzählen, wie böse wir wirklich sind? BARRY ZWÖI Bleibt neutral, ich bitte euch, bleibt gerade jetzt neutral! BARRY DRÜ Barry, du weisst, was zu tun ist. BARRY ZWÖI Ich kann ihn nicht / BARRY DRÜ DU MUSST DICH ENTSCHEIDEN! BARRY EIS Was machst du / NEIN / NEIN! Wehrt den ersten Angriff ab. BARRY DRÜ Was ist, wenn es schon so lange so ist, dass wir uns alle daran gewöhnt haben? Dass wir uns gewöhnt haben / für wen die Instanzen ein Freund und Helfer sind und für wen nicht? AUF IHN! BARRY ZWÖI Das ihr immer streiten müsst! Uns geht es doch gut / UNS geht es doch wirklich gut und / ALLI BARRYS Barry wirft sich auf Barry und ein erbitterter Kampf beginnt. Unterseite vom Kinn an den Hals / eingezogene Schwänze, steife Bewegungen. BARRY DRÜ Opportunismus ist nie neutral / eher ein ausgestrecktes Bein, über das die Schwächsten fallen! DU MUSST SIE RETTEN! HILF MIR! BARRY EIS DU MUSST DICH RETTEN! HILF MIR! ALLI BARRYS Und der letzte BARRY / diesen Hund retten, keinen Hund retten, diesen Hund unterstützen, keinen Hund unterstützen, diesen Hund beissen, keinen Hund beissen /
– TO BE CONTINUED – Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Totreif
Totreif Von Fabienne Lehmann Auszug © Fabienne Lehmann
Personen: MICHAEL (ca. 50 J.) MATILDA (17 J.) CELIO (ca. 50 J.) FRAU KOHLER GERTRUD GESCHICHTE 1 GESCHICHTE 2 GÖDELI HEIDI HELVETIA DAS MIGRATIONSAMT WILHELM TELL FABIENNE LEHMANN wurde 1996 in Biel geboren und wuchs in Oberwil bei Büren auf einem Bauernhof auf. Sie studierte Geschichte und Religionswissenschaft an der Universität Basel. Anschließend besuchte sie das Literaturinstitut in Biel und studierte im Winter 2022 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. Im Juni 2023 schloss sie das Studium in Literarischem Schreiben ab. In ihrer prosaischen Bachelorarbeit „Wenn sich die späten Nebel drehen“ zeichnete sie anhand von Interviews und historischer Recherche die Biografie ihrer Großmutter nach und beschäftigte sich mit der Nazivergangenheit ihrer Familie sowie transgenerationalen Traumata. In ihrem Schreiben setzt sie sich mit soziokulturellen und politischen Ereignissen auseinander und nutzt dafür das Mittel der Interviewführung, um gesamtgesellschaftliche Phänomene mit individuellen Erlebnisberichten zu verknüpfen. 2021 schrieb und spielte sie beim Theater Nahe dem Tod des Vereins Allelomimetic in Basel mit und beteiligte sich in den vergangenen Jahren an zahlreichen Lesungen. 2023/24 war sie Hausautorin am Luzerner Theater, wo „Totreif“ im März 2025 uraufgeführt wird.
Theater der Zeit 3 / 2025
MICHAEL Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem die ganze Nacht einer mit Schuhen in Grösse 54 herumlief. Er klopft mit den Handknöcheln in langsamem Takt auf den Küchentisch Und dazu noch die Geräusche der Maschinen. Und wenn der dann irgendwo ein Problem hatte oder sich die langen Finger einklemmte, dann konnte er eine Viertelstunde lang fluchen und schimpfen und das habe ich halt alles gehört. Die Wände waren ja dünn MATILDA sagt er, als würde ich sie nicht kennen, die Wände und die Geräusche der Maschinen. Ich kenne das Klatschen, wenn die Lederriemen über die Holzräder hüpfen, das Rieseln der Körner im Trichter, das Rattern, wenn das Sieb hin und her schwingt. Kenne den Atem dieses Hauses, wie es schnauft und röchelt, weiss, dass man sich hier vor nichts mehr fürchtet als der Stille. MICHAEL Von unserem damaligen Müller dachten ja viele im Dorf, der spinne im höchsten Masse. Der hatte Hände so gross wie Suppenteller. Die waren im Winter ganz blau, wenn er in die Stube kam, sich gegen den Kachelofen lehnte und seine Pranken hinter dem Rücken aufwärmte, während ich am Tisch sass und Hausaufgaben machte. Da gab es viele solche seltsamen Menschen bei uns auf dem Hof. Wenn irgendwer ein Problem hatte, Kinder, die von der Schule geflogen waren, Leute, die aus körperlichen oder geistigen Gründen keine Arbeit fanden, die schickte man alle zu uns in die Mühle MATILDA sagt er und es klingt wie eine Reha für Randständige, wie ein Zufluchtsort für solche, die sonst nirgends einen Platz finden. Wann hatte es begonnen? Wann hat es begonnen, dass die Menschen, die auf diesem Hof gelebt, gearbeitet und gewohnt haben, nach und nach verschwunden sind? MICHAEL Damals war das halt noch so, auf so einem Hof, da war immer etwas los. Heute ist das ja anders MATILDA sagt er und es klingt weniger wie eine Feststellung als viel mehr wie eine Frage. Nicht wahr, scheint er zu sagen, es ist doch mittlerweile alles anders? Dabei bin doch ich es, die hierhergekommen ist, um Fragen zu stellen. Hier her, in diese Wohnung, deren dicke Wände alle Geräusche der Stadt draussen verschlucken würden, wenn nicht das kleine Fenster über der mit Geschirr gefüllten Spüle auf Kipp stünde. Dieses kleine Fenster, das hier immer auf Kipp steht, auch jetzt, wenn kalte Winterluft hereinströmt und den Lärm der vorbeifahrenden Autos hereinträgt. Ein kleines Fenster auf Kipp gegen die Stille. MICHAEL Heute sind sie verschwunden, diese Menschen. Heute schickt man sie in Heime, baut einen hohen Zaun rundherum und dreht den Schlüssel gleich zweimal im Schloss MATILDA sagt er. Er, der seine Wohnung, sobald er nach Hause kommt, immer von innen verriegelt. Zuerst waren da die Pakete. Von Zeit zu Zeit, wenn Papa nach dem Stall mit seinem dritten Kaffee und der Post unter dem Arm vom Briefkasten zurückkam, war da, von Zeit zu Zeit, ein Paket. Schmal, braun, bedeckt mit bunten Marken und blassen Stempeln. Und Papa hat gelächelt, an diesen Tagen, wenn da ein Paket unter seinem Arm klemmte und er sich damit auf die Eckbank am Küchentisch setzte. Wenn Papa an diesen Tagen vorher noch gesagt hatte CELIO Ich muss heute noch das Feld auf dem Rebenrain ecken MATILDA dann eckte er an diesem Tag nicht. Wenn er gemeint hatte CELIO Heute Nachmittag müssen wir noch holzen MATILDA dann holzten wir nicht. Dann sass Papa am Küchentisch, ganz alleine sass er da und sah nicht alleine aus. Dann schmunzelte und
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Stück Fabienne Lehmann lachte mein Papa manchmal sogar und dann kletterte ich neben ihn auf die Bank und wendete die Verpackung mit den Stempeln und Marken darauf hin und her und als ich älter wurde, buchstabierte ich mir Worte wie RIO, MEXICO oder TORONTO, las sie immer wieder, als könnten sie mir sagen, wo mein Papa sich gerade aufhielt. Die Pakete waren gefüllt mit dünnen Notizheften, Bustickets, Kassenzetteln, Postkarten, jedes Papier ein Schritt mit einem Ziel, das nichts mit den Ortsnamen auf dem Umschlag zu tun hatte. Ein Ort aus Worten, an dem mein Papa für eine kurze Zeit anzukommen schien. Ich war sieben Jahre alt, als er das erste Mal aufgetaucht ist. Eine Woche, nachdem sie meine Mutter begraben hatten. Ich stand im Laden der Käserei und zählte, für wie viele saure Zungen mein Taschengeld reichen würde, als ein Auto auf den Parkplatz fuhr. FRAU KOHLER stellt sich ans Schaufenster Gertrud! Gertrud komm her! GERTRUD ruft aus dem Hinterzimmer Was ist denn? KOHLER Na hüh! GERTRUD Ich kann jetzt nicht. KOHLER Jetzt komm doch kurz! GERTRUD Ist wer Neues im Laden? KOHLER Nein. GERTRUD Ist was passiert? KOHLER Beeil dich! GERTRUD Ich bin gerade am Buttermödeli machen, meine Hände sind ganz verschmiert! KOHLER Du glaubst nicht, wer da vor der Käserei steht. GERTRUD Wer? KOHLER Der Sohn von der Mühle. GERTRUD Der Celio? KOHLER Das ist doch nicht der Sohn. GERTRUD Ach ja. Der Jakob? KOHLER Der ist doch schon lange tot. Wirst du jetzt noch dement? GERTRUD Ach ja, Jakob, das war der Vater. Wie hiess sein Sohn noch gleich? KOHLER Michael! GERTRUD Marcel? KOHLER MICHAEL! GERTRUD Ach ja. Der Michael, mein Gott. Wann der das letzte Mal hier war? KOHLER Na als seine Mutter, das Heidi, gestorben ist. GERTRUD Das ist doch schon Ewigkeiten her. KOHLER Fast zwanzig Jahre. GERTRUD Wie sieht er denn jetzt aus, der Michael? KOHLER beugt sich so weit vor, dass ihre Stirn fast die Scheibe berührt. Ich sehe ihn nur von hinten. Er lehnt an seinem Auto und raucht eine Zigarette. GERTRUD Ein Raucher. Das war ja klar, bei dieser Familie. KOHLER Haare hat er noch, aber ein teures Auto ist das also nicht. GERTRUD Was will der denn hier? Der hat hier doch nichts mehr. MATILDA stellt sich neben Frau Kohler ans Fenster Der ist von der Mühle? FRAU KOHLER sieht sich irritiert zu Matilda um Ach, das war vor deiner Zeit. MATILDA Warum ist er dann jetzt hier? KOHLER schiebt sich die Brille zurück auf die Nasenwurzel Ja. Warum. Betrachtet Matilda nachdenklich und sieht dann wieder aus dem Fenster. Er geht! Er geht wieder, Gertrud! Das muss ich dem Walter erzählen, das glaubt der mir doch nie.
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MICHAEL Wo sollte ich denn sonst auch hin? Noch einmal irgendwo neu anfangen? Er schüttelt den Kopf. Neuanfänge, die gibt es nicht. Für niemanden. Es gehörte ja noch immer mir. Also auf dem Papier zumindest, da war es mein Haus, mein Hof. Hält inne. Mein. Für die aus dem Dorf war es immer noch das Haus meines Vaters. Und für die, die damals darin lebten, ja, für die war es natürlich ihr Haus. So ist es doch, nicht wahr? Für euch war es euer zu Hause. MATILDA Und für dich? Michael schweigt. MATILDA Als ich zwei Wochen später aus der Schule nach Hause kam, stand das Auto bei uns auf dem Hof. Ich überlegte kurz, warum mir der Wagen bekannt vorkam, als mein Vater und der Mann vom Käsereiparkplatz aus der Haustür traten. Ich blieb neben dem Briefkasten stehen und sah zu, wie die beiden sich lange die Hand gaben. Dann ging der Parkplatzmann zu seinem Auto, stieg ein und fuhr vom Hof. Am nächsten Tag zog er bei uns im Zimmer unter dem Dach ein. MICHAEL Neuanfänge, die gibt es nicht. Immer nur weitermachen. Weitermachen oder GESCHICHTE 1 Wiederholen. Ich wiederhole mich, sagt ihr. Geschichte, die wiederholt sich. Immer. Wieder. Ich wiederhole mich, sagt ihr und ignoriert, dass ihr es seid, die bei jedem Wieder von vorne anfangen. Ich wiederhole mich, sagt ihr und vergesst, dass ihr mich nicht verändert, wenn ihr nichts verändert. Ich wiederhole mich, sagt ihr und versäumt es, mich zu fragen, nach meinen Erfahrungen, sammelt für die Länge einer meiner Herzschläge eure eigenen und zieht daraus Schlüsse, die keine Schlüsse sind, sondern nur ein Schluss. Euer eigener. Ich wiederhole mich, bringt ihr euren Kindern bei und lasst sie glauben, dass Geschichte mit jeder Geburt und jedem Tod beginnt und endet. Lasst sie glauben, dass eure und ihre Geschichte nichts miteinander zu tun haben, bis ihr es schliesslich selbst glaubt. Als würde Geschichte irgendwo anfangen oder enden. MICHAEL Damals waren ja noch viele Jenische unterwegs. Bevor man die dann alle weggesperrt und verscheucht hat. Aber vorher, da gab es den Gödeli. Der Gödeli, der kam immer zu uns. Alles zu Fuss, das Bündel mit seinen paar Sachen über der Schulter. Der kam dann und fragte: „Grüss dich, gibt es was zu korben?“ Und der Vater meinte dann: „Jaja, ich habe letzte Woche Weiden geschnitten, daraus kannst du Körbe machen.“ GESCHICHTE 2 spricht wie ein ergriffener Politiker „Es gibt in der Schweiz eine ganze Anzahl von nomadisierenden Familien, die jahrein, jahraus das Land durchstreifen, Kessel und Körbe flickend, bettelnd und wohl auch stehlend, wie es gerade kommt.“ MICHAEL Und wenn er dann zwei, drei Körbe geflochten hatte nach ein paar Tagen, dann ist er dann weitergezogen und man hat ihn ein oder zwei Jahre nicht mehr gesehen. GESCHICHTE 2 „Daneben zahlreiche Kinder zeugend, um sie wiederum zu Vaganten, Trinkern und Dirnen heranwachsen zu lassen.“ MICHAEL Als der Staat den Gödeli und all die anderen zusammengeräumt hat und in diese Heime steckte, da ist der Gödeli dann auch kurz danach gestorben. Der hat das nicht vertragen, eingesperrt zu werden. Am Anfang sind sie ihnen aus diesen Heimen ja noch davongelaufen, bis sie dann hohe Zäune darum gebaut und abgeschlossen haben. Das war ein fertiger Blödsinn. GESCHICHTE 2 „Wer die Vagantität erfolgreich bekämpfen will, muss versuchen, den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen.“
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Totreif MICHAEL 1926, da gründete die Pro Juventute das „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“. GESCHICHTE 2 „Er muss, so hart es klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinanderreissen.“ MICHAEL In der Schule mussten wir Marken fürs Hilfswerk verkaufen. GESCHICHTE 2 „Es muss, trotz Geldmangel, trotz Angst vor erblicher Anlage, versucht werden, wenigstens den Nachwuchs zu retten.“ MICHAEL „Kaufen Sie auch Märkli für die armen Kinder?“ GESCHICHTE 2 „Einen anderen Weg gibt es nicht.“ MICHAEL Da haben sie damit angefangen, ihnen die Kinder zu stehlen. GÖDELI Fecker, Vaganten, Zigeuner. Kessler, Korber, Bettler. Man gab uns viele Namen und hat so getan, als wüsste man nicht, wer wir tatsächlich sind. Schmelemer. So heissen wir in unserer Sprache. Jenische, in eurer. Gadschi, en Buur, Chüeschwanz, Halbschlau. Das sind die Namen, die wir euch gegeben haben. Sesshafte, Fahrende, wie immer wurde die Welt eingeteilt, in richtig oder falsch. Gödeli, so nannten mich die Leute, egal wo ich hinkam, in welcher Pflegefamilie oder welchem Heim ich gelandet bin. Egal, wie oft sich die Welt um mich herum zunehmend zum Schlechteren veränderte, ein Gödeli blieb ich so oder so. Mein Vormund war der Herr Doktor Alfred Siegrist. Im Namen der von ihm gegründeten Stiftung „Kinder der Landstrasse“, im Namen der Pro Juventute, wurde Siegrist stolzer Vormund von 586 Kindern. 586 gestohlene jenische Kinder. MICHAEL Um die Mittagszeit klopfte es oft an der Tür, wenn sie zum Hausieren unterwegs waren und wussten, dass die Mutter gekocht hatte. In der Küche haben sie ihre Kisten ausgepackt und Taschentücher, Schnürsenkel, Hosenknöpfe, Schuhwichse und die modernen Sternli- Fäden aus Nylon angepriesen, von dem dann das gekauft wurde, was es gerade brauchte. Dann haben sie sich die Hände gewaschen und sich mit uns an den Tisch gesetzt. Beim Essen lösten sie den zweiten Teil dieses kleinen Handels ein und erzählten, wo sie gerade herkamen und was da so passiert war, welcher Bauer ein krankes Kind zu Hause hatte oder wer sich frisch verlobt hat. GÖDELI Wir Jenischen haben viele Berufe. Paraschuri menge, Seilerware verbasche, schränze, schinägle. Waren Glockengiesser, Schellenlöter, Pfannenverzinner, streichen heute Fassaden, schleifen Rasenmäher und Küchenmesser. MICHAEL Von ihnen hat man Sachen erfahren, die in keiner Zeitung standen. Von Leuten, die einfache Kinder waren. Was hätte es uns angegangen, was eine Kim Kardashian oder ein Elon Musk macht. Das interessierte doch nicht. Aber ob es in Lüsslingen dem Walter Scheller gut geht oder nicht, das kümmerte einen. Heute bestellt man im Internet den Sternli-Faden, da kann man ihn gleich noch in rot oder gelb oder violett haben und erst noch billiger. Dafür richtet dir aber auch niemand mehr einen Gruss aus. GÖDELI Von Geschwistern wusste ich nichts und meine Eltern, hatte man mir gesagt, seien tot. Als ich im Emmental bei einer Bauernfamilie wohnte und in der Schule eine Frage hatte, sagte die Lehrerin „frag doch deine Schwester“ und zeigte auf ein Mädchen in der Reihe hinter mir. So habe ich erfahren, dass ich eine Schwester habe. Kurz danach kam ich wieder ins Heim. Wir haben uns nie mehr gesehen. MICHAEL Wenn er bei uns war, hat der Gödeli zwischen dem Kuhstall und dem Kaninchenstall, da, wo der grosse Haufen Stroh lag, sein Lager aufgeschlagen. Hat seine paar Werkzeuge aus seinem Bündel geholt, sich auf einen Holzschemel gesetzt und die Körbe geflochten.
Theater der Zeit 3 / 2025
GÖDELI Als Jugendlicher liess mich der Siegfried ins Bellechasse einweisen, einer Arbeitserziehungsanstalt für junge Erwachsene. MICHAEL Und abends, da musste ich dann in den Stall und dem Gödeli das Feuerzeug und das Messer wegnehmen. Und dafür bekam er eine Flasche sauren Most. Ich kleiner Knirps tippt sich gegen die breite Brust, als stecke ihm der Knirps noch zwischen den Rippen ich musste dem Gödeli sagen gib mir das Messer und das Feuerzeug – oder die Zündhölzer - und dann musste er sie mir geben. Damit der im Rausch nicht irgendwie den Stall anzündete oder ein Tier irgendwie mit dem Messer… er stockt, als wisse er selber nicht, was der Gödeli mit dem Messer genau hätte anstellen sollen Das war einfach eine Vorsichtsmassnahme. Das war ja meistens im Winter, wenn der bei uns war. Bei minus Zehn Grad hat der sein Fläschchen sauren Most gesoffen. Kein Kaffee, hat er gesagt, nein, Kaffee tue ihm nicht gut. GÖDELI Mein erster Fluchtversuch aus dem Bellechasse dauerte viereinhalb Stunden. Als mich die Tschuggerei ins Revier schleppte, sagten die mir GESCHICHTE 2 Bürschchen, jetzt wirst du versorgt. GÖDELI Ich, aus Verzweiflung, machte einen Sprung zur Tür, der Schlüssel steckte. Verfolgungsjagd, ich aus dem Gebäude über eine Mauer. Da oben traf mich dann fast der Schlag, so hoch war die. Aber ich bin gesprungen. Habe mir beide Beine gebrochen. Als sie mich wieder einfingen, wurde ich ins Bâtiment verlegt, in den Bau. Da sass ich dann, mit Mördern und Gewaltverbrechern und die teilten ihr Brot mit mir, sprachen mir gut zu. Die Menschen, die meinem Leben freundlich zu mir waren, das war immer das grösste Pack. Und dann kam einer von denen zu mir und sagte „Ich kenne dich, du bist auch ein Jenischer“.Ich musste dann erstmal fragen, was das ist. Der Mann kannte zwei meiner Brüder und meine Mutter. Da habe ich das erste Mal in meinem Leben erfahren, dass ich gar keine Waise war, sondern dass man mich verdingt hatte. MICHAEL So ein Gödeli, der lernt nie wieder einen achtjährigen Jungen kennen, der ihm das Fläschchen sauren Most bringt und zusieht, wie er Körbe flicht und den Geschichten zuhört, die er ihm erzählt. Der Achtjährige von heute weiss gar nicht, dass es Gödelis gibt. Und deshalb wird dem Achtjährigen, wenn er mal gross ist, auch das Verständnis für die Gödelis dieser Welt fehlen. Das geht dem erwachsenen Achtjährigen dann am Arsch vorbei, wenn so ein armer Kerl eingesperrt wird, als würde man ihm die Flügel abschneiden. GÖDELI zum Publikum Beim Hausieren gibt es, naja, Regeln wäre zu viel gesagt. Man klingelt oder klopft und dann stellt man sich ein zwei Schritte von der Tür entfernt hin - nicht zu nahe, damit sie keinen Schiss kriegen - und wenn jemand zu Hause ist, wird die Tür entweder ganz oder halb oder einen Spalt weit geöffnet und dann sagt man HELVETIA Guten Tag, mein Name istGÖDELI Wir brauchen nichts. HELVETIA Vielleicht haben Sie etwas zum Schleifen? Messer, Rasenmäher? Oder die Fassade habe ich gesehen, könnte einen neuen Anstrich gebrauchen, wenn Sie GÖDELI zum Publikum Und dann kriegt man entweder eine Arbeit und verdient sich was, oder man geht zur nächsten Haustür. Gödeli schiebt sich einen Kaugummi in den Mund und setzt sich hinter einen Empfangsschalter. DAS MIGRATIONSAMT schreit in den Raum Nächster! Keine Reaktion.
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Stück Fabienne Lehmann DAS MIGRATIONSAMT Nächster! HELVETIA Entschuldigen Sie, ich habe … DAS MIGRATIONSAMT Sind Sie der Nächste? HELVETIA Also, um genau zu sein – DAS MIGRATIONSAMT Aha. Ich seh’ schon. Vermerkt etwas auf einem Zettel vor sich. Name des Ehemannes? HELVETIA Ich habe keinen. DAS MIGRATIONSAMT Aha. Ledig. vermerkt etwas Name des Vaters? HELVETIA Ich habe keinen Vater. DAS MIGRATIONSAMT seufzt Nachname? HELVETIA Habe ich nicht. DAS MIGRATIONSAMT Vorname? HELVETIA Helvetia. DAS MIGRATIONSAMT kaut den Namen wie um zu sehen, ob er ihm schmeckt Hel-ve-ti-a. redet wie mit einer Schwerhörigen Sie, Ausländerin? Sie kommen her wo? HELVETIA Ich bin Schweizerin. DAS MIGRATIONSAMT Sie haben aber keinen Schweizer Namen. HELVETIA Was ist denn ein Schweizer Name? DAS MIGRATIONSAMT unmotiviert Wie kann ich Ihnen behilflich sein? HELVETIA Ich hätte gerne einen Pass. DAS MIGRATIONSAMT Einen Schweizer Pass? HELVETIA Ja. DAS MIGRATIONSAMT Aha. notiert etwas Seit wann sind Sie denn hier? HELVETIA Hier? DAS MIGRATIONSAMT In der Schweiz. HELVETIA Das weiss ich nicht genau. Ich war irgendwann einfach da. DAS MIGRATIONSAMT Sie wissen also nicht, wann Sie in dieses Land gekommen sind? HELVETIA Nein. DAS MIGRATIONSAMT Wie sie hergekommen sind? HELVETIA Ich war ja schon da. DAS MIGRATIONSAMT Aha. notiert etwas Geburtsdatum? HELVETIA 1. August, glaube ich. DAS MIGRATIONSAMT Sie glauben? HELVETIA Das hat sich irgendwie geändert. Oder festgelegt, so mit der Zeit. DAS MIGRATIONSAMT Ja aber Fräulein, wie stellen Sie sich das denn vor? Wie soll ich Ihnen hier behilflich sein, wenn Sie keinerlei Identifikationsmöglichkeiten bieten? HELVETIA Aber ich DAS MIGRATIONSAMT Sie haben ja nicht einmal einen Nachnamen. HELVETIA Man hat mir keinen gegeben. DAS MIGRATIONSAMT Aha. notiert etwas Was hätten Sie denn gerne für einen? HELVETIA Was für einen Nachnamen? DAS MIGRATIONSAMT Was für einen Aufenthaltsstatus. HELVETIA Naja, also, Schweizerin halt. DAS MIGRATIONSAMT Fräulein, ich bitte Sie, wenn Sie einen Pass möchten, brauche ich mehr Informationen. HELVETIA Sie sollten mich eigentlich kennen, so als Schweizer. Das Migrationsamt sieht sie fragend an HELVETIA Helvetier, Helvetia? DAS MIGRATIONSAMT Sagt mir nichts. HELVETIA Aha.
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DAS MIGRATIONSAMT Wenn Sie keine Berechtigung haben, hier zu sein, müssen wir Sie zurückschicken. HELVETIA Wohin? DAS MIGRATIONSAMT Na dahin, wo sie hergekommen sind! schreit in den Raum Nächster! HELVETIA Aber wenn ich dochEin Mann stellt sich vor den Schalter. DAS MIGRATIONSAMT Name? TELL Wilhelm. DAS MIGRATIONSAMT Nachname? TELL Tell. DAS MIGRATIONSAMT Nein, Herr Tell, was für eine Ehre, herzlich Willkommen im bürokratischen Herz unserer Heimat! TELL Danke. HELVETIA sarkastisch Aber ihn kennen Sie dann? DAS MIGRATIONSAMT Ihn hat es tatsächlich gegeben. HELVETIA Das ist doch ein Mythos! DAS MIGRATIONSAMT Na und. Wenn das was Schlechtes wäre, hätten Sie selbst ja auch ein Problem. HELVETIA Aha, Sie kennen mich also doch! Ausserdem hat es mich vielleicht ja auch tatsächlich gegeben. Vielleicht hat es einfach niemand aufgeschrieben. Vielleicht habe ich ja auch so etwas „Heldenhaftes“ getan wie mit einer Armbrust auf mein eigenes Kind zu zielen und mich so übermenschlich einzuschätzen, dass ich das Leben meines Sohnes riskiere, anstatt mich vor so einem beschissen Hut auf so einem beschissenen Stock eben mal kurz zu verbeugen! DAS MIGRATIONSAMT Herr Tell hier ist ein Held! TELL Danke. DAS MIGRATIONSAMT Wer ist denn schliesslich auf dem Fünfliber und wer nur auf dem Zweifränkler? HELVETIA Erstens auf dem Zweifränkler, Einfränkler und 50-RappenStück und zweitens ist das laut der Nationalbank auf dem Fünfliber ausdrücklich nicht der Herr Tell! DAS MIGRATIONSAMT Sie sollten sich ein Vorbild nehmen an Herrn Tell hier. Der fragt nicht so konfuse Fragen wie sie. TELL Danke. DAS MIGRATIONSAMT Und Manieren hat er auch. TELL Danke. HELVETIA Ich dachte, Tellchen hier ist so aufmüpfig. DAS MIGRATIONSAMT Nur dort, wo es nötig ist. TELL Danke. HELVETIA Und auf dem Migrationsamt ist es das nicht? DAS MIGRATIONSAMT Wir befolgen die Regeln. HELVETIA Schliesst sich das aus? DAS MIGRATIONSAMT In einem demokratisch aufgebauten System: Ja. HELVETIA Und ihr braves demokratisches System funktioniert also einwandfrei? DAS MIGRATIONSAMT Durchaus. HELVETIA Aha. Na dann, herzliche Gratulation. DAS MIGRATIONSAMT/TELL Danke. HELVETIA zum Publikum Ich wurde von Männern geschaffen. Natürlich. Männer, die sich stritten und irgendwann checkten, dass das so nicht funktionieren würde und dass es da, neben all ihren Unterschieden, den Sprach- und Kulturbarrieren, eine Gemeinsamkeit brauchte. Also haben sie mich erfunden. Eine Frau, die schlichten soll. Natürlich.
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Totreif Eine Frau, Symbol der Gemeinsamkeit in Zeiten von Unterschieden. Eine Göttin, weil ihr Gott nur Probleme machte. Helvetia tauften sie mich. Eine Geschichte haben sie mir nicht gegeben. Natürlich. Weil Frauen im Gegensatz zu Männern so etwas wie Geschichte nicht zu brauchen scheinen. MATILDA zum Publikum Ich bin sieben und stehe auf der Kälberweide am Waldrand, während mein Vater mit dem Stock auf die Rücken der Tiere einschlägt, bis das Holz splittert. Er brüllt mir Anweisungen zu und versucht, die verängstigten Tiere in den Anhänger zu treiben, der sie eigentlich nach Hause bringen soll, den mein Vater aber vom Metzger ausgeliehen hat und der für sie nach Angst riecht. Ich bin sechs und komme mit meiner Mutter aus den Ferien bei ihrer Tante am Murtensee nach Hause und mein Vater sagt, er habe den Hund erschossen. Wegen seinen schlechten Gelenken, sagt er, er hätte sonst nur gelitten, sagt er und meine Mutter beginnt zu weinen und ich sage nichts und stelle mir vor, wie er mit Schorsch hinters Haus geht, ihm den Kopf tätschelt, „Sitz“ sagt und der Hund ihn schwanzwedelnd ansieht, während mein Vater die Pistole lädt und zielt. Ich bin fünf, meine Mutter und ich waren im Freibad, ich trage noch immer mein Badekleid, als ich in die Küche renne und erschrocken stehen bleibe. Ich sehe auf meine nackten Füsse, eine schwarze, klumpige Masse klebt an ihnen. Ich sehe auf und da steht mein Vater schweissgebadet mitten im Raum, die Klatsche noch in der Hand, der ganze Boden, der Tisch und die Küchenzeile bedeckt in aberhunderten von toten Fliegen. Er erstarrt, als er mich sieht und als meine Mutter durch die Tür tritt, beginnt er auf einmal zu schluchzen und meine Mutter geht zu ihm und sie legt die Arme um ihn und seine Beine geben nach und sie sinken umschlungen zu Boden und sie legt seinen Kopf in ihren Schoss und mein Vater windet sich und weint und es hört nicht auf, es will nicht aufhören, sagt er und an seinem Körper kleben die toten Fliegen wie schwarze Einschusslöcher. Ich bin sieben und meine Mutter ist tot und ein fremder Mann schläft jetzt in dem Zimmer über meinem, abends höre ich seine Schritte auf dem Boden, sie verscheuchen die Mäuse zwischen den Dielen. Ich bin sieben und meine Mutter ist tot und der Parkplatzmann hebt mich auf seine Schultern und läuft mit mir bis zum Waldrand, bis zu der Weide, auf der noch immer die Kälber und der Metzger-Anhänger stehen, wie mein Vater und ich sie gestern zurückgelassen haben. Ich bin sieben und stehe neben meinem Vater am Zaun und sehe zu, wie der Parkplatzmann über die Weide auf die Kälber zugeht und einen Eimer schwenkt, in dem das Futter gegen die Plastikwände trommelt und die Kälber heben neugierig die Köpfe und gehen auf ihn zu, stecken die Schnauzen in den Eimer und der Parkplatzmann redet beruhigend auf sie ein und dann trotten sie in einer Traube hinter ihm her und steigen eins nach dem anderen in den Anhänger. Ich bin sieben als ich verstehe, dass mit meinem Vater etwas nicht stimmt. Matilda klingelt, Michael öffnet ihr. MATILDA Hallo. MICHAEL Komm rein. Wie gehts dir? MATILDA Gut. MICHAEL Wie war’s in der Schule? MATILDA Gut. Michael schliesst die Tür und äfft stumm Matildas „gut“ nach MICHAEL Ihr wart doch diese Woche bei der Berufsberatung, oder nicht? Was meinst du, wird am Ende doch noch eine Bäuerin aus dir? MATILDA Wo hat Papa mit seiner Mutter gelebt, bevor er zu euch kam?
Theater der Zeit 3 / 2025
MICHAEL erschöpft/genervt Das weiss ich nicht, Tilli. MATILDA Natürlich weisst du das. MICHAEL Das ist lange her. Sehr lange. Ausserdem sind sie viel umgezogen. Frag doch deinen Vater. MATILDA Er muss ja von irgendwoher zu euch gekommen sein. Oder stand er eines Tages einfach vor der Tür? MICHAEL Nein. MATILDA Sondern? MICHAEL Meine Mutter hat ihn abgeholt. MATILDA Wo abgeholt? Michael schweigt einen Moment. MICHAEL Die Pflegefamilie, der man ihn nach dem Tod seiner Mutter zugeteilt hatte, die lebte in Vaumarcu am Neuenburgersee, im Nachbarsdorf, in dem meine Mutter aufgewachsen war. HEIDI „Eine rechte Schweizer Bäuerin sei gütig, sparsam, wahrhaft, stelle einen tiefen starken Glauben über dem Geld, habe eine offene Hand gegenüber den Nächsten, halte Zucht und Ordnung in ihrem Haus.“1 MICHAEL Meine Mutter war eine pragmatische Frau. Was ihr an Zärtlichkeit fehlte, konnte sie mit ihrem tiefen Sinn für Gerechtigkeit wettmachen. Als sie bei ihrer Schwester am Neuenburgersee zu Besuch war, erzählte die ihr von den horrenden Zuständen im Haushalt ebendieser Pflegefamilie. HEIDI „Politik liegt ihr gewöhnlich weniger nahe, doch gehört auch zu ihrer Aufgabe, sich dafür zu interessieren. Sie soll im Familienkreis ihre Meinung dazu äussern, ohne, dass die Familie darunter leidet. Sie hat ferner die Gelegenheit in Schul- und Kirchenwesen, sowie Sozialfragen, Mitberaterin des Mannes zu sein.“ MICHAEL Meine Mutter entschied sich also - wieso genau, das weiss nur sie - auf dem Heimweg beim nächsten Bahnhof wieder auszusteigen. In der viel zu kleinen Wohnung wimmelte es an Kindern. Das mit Süssmost gefüllte Glas, das die Ziehmutter meiner Mutter hinhielt, war so dreckig, dass man nicht mehr hindurchsehen konnte und auf dem Küchentresen stand ein nacktes Kind und pinkelte ins überfüllte Waschbecken. HEIDI „Der Geist im Hause soll wie die Luft sein, die wir einatmen: Gut und rein. Der Zeitgeist der ruhelos ist, vor nichts Halt macht, darf nicht zum Hausgeist werden.“ MICHAEL Als meine Mutter da so in der Küche stand, zog etwas an ihrem Rock und als sie an sich runter sah, war da ein Kind. Es war sauberer als die anderen, wahrscheinlich war es noch nicht lange dort. Es sah meine Mutter von unten an und sagte: „Ich würde jetzt gerne wieder weiter.“ HEIDI „Eine Schweizer Bäuerin lebt in der Gegenwart, ist aber der Zukunft verpflichtet. Ist ein Glied in der Kette wie alle ihre Vorgängerinnen und hat hier keinen bleibenden Ort.“ MICHAEL Celio hatte keine Papiere, wie die Ziehmutter aussagte, weder eine Geburtsurkunde noch einen Pass. Also schrieb meine Mutter ihre Adresse auf einen Zettel, legte ihn auf den Küchentisch, fasste Celio an der Hand und brachte ihn mit nach Hause. HEIDI Familie kann man sich nicht aussuchen. Man kann nicht durch die Welt spazieren und sich diesen oder jenen rauspicken und sagen „so, du gehörst jetzt zu uns“. Familie ist etwas, das einem zustösst, das einen überrumpelt, sobald man auf die Welt kommt und in einen Kreis von Menschen plumpst, den man als „die Seinen“ wird zu begreifen lernen. Immer wieder wird dir Familie aufs Neue begegnen, wird an deine Tür klopfen, deine Hand greifen und 1
aus diktiertem Notizbuch meiner Grossmutter, „Bäuerinnenschule, 1953“
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Stück Fabienne Lehmann du wirst, um das Richtige zu tun, dich daran erinnern müssen, dass man sich Familie nicht aussucht. Es klingelt, Heidi öffnet, es ist Gödeli. Heidi lässt ihn eintreten und nimmt zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich mit Gödeli an den Küchentisch. Gödeli zieht eine Zigaretten-Schachtel aus der Hemdtasche und bietet Heidi eine an. HEIDI lehnt ab Damit habe ich nie angefangen. Gut, ich hatte auch keine Zeit dafür. nimmt sich eine Zigarette und zündet sie an Das Erste, was meine Schwiegermutter mir riet, als ich in die Mühle zog, war: Lass dir von deinem Mann nie das Melken beibringen, dann muss er jeden Tag spätestens um 17 Uhr aus dem Wirtshaus nach Hause kommen. köpft gekonnt das Bier. Prost! Sie stossen an, berühren mit dem Bierflaschenboden den Küchentisch und nehmen einen Schluck, Heidi einen besonders langen. HEIDI Ich hatte ja etwa zehn Leute am Tisch, und das drei Mal am Tag. Die gute alte Zeit war eine verdammte Zeit, vor allem für die Frauen. Das war eine Leistung, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Würde das heute jemand seiner Frau zumuten, den würden sie einsperren lassen. beide nehmen einen Schluck – Heidi einen grossen – und ziehen an ihren Zigaretten, alles, als würden sie sich nach einem langen Arbeitstag erschöpft, aber zufrieden mit sich, zusammensetzen. GÖDELI Als Gast hat man vor und nach jedem zweiten Satz „Danke“ und „Bitte“ zu sagen. Als Gast hat man sich demutsvoll, ach was, huldigend durch die Strassen zu bewegen, stets zuvorkommend, stets bescheiden, stets dankbar. Wie lange bleibt man ein Gast? Wann wird man vom Gast zu ... überlegt, dann zu Heidi Was ist nochmal das Gegenteil von Gast? HEIDI Gastgeber? GÖDELI Nein, neutraler. HEIDI Gastgeber*in? GÖDELI Ach vergiss es. Schluck, Zug. HEIDI Nur wütend, nein, wütend werden, das gehört sich nicht. Wütend, nein, wütend, wütend das wollen wir nicht sein. wird offensichtlich wütend Neeinneinnein. Nicht wahr? Das wollen wir nicht, wir. Also ihr. Also die anderen. Die, zeigt mit einem ungenauen Wink Richtung Publikum die wollen das nicht, die mögen das nicht, wenn wir wütend werden. Das ist dann immer so unangenehm. So konfrontativ. So ... GÖDELI Unharmonisch HEIDI Aufsässig, konfliktschürend. Dabei ist das, was wir wollen, eigentlich das Gegenteil von wütend sein. Heidi leert ihre Flasche und holt sich eine neue aus dem Kühlschrank
MATILDA Wie war Papa, als er zu euch kam? MICHAEL Dein Vater war ein Lausejunge, wo ihn die Haut angerührt hat. Er hat in der Nacht dem Kohler Sepp die Kuhglocken geklaut, legte dem Lidi Ramder Pferdeäpfel in die Überschuhe oder sägte dem Melker den Schemel an. Aber früher in so einem Dorf, da hat man ja noch zu einander geschaut. Wenn man heute sieht, dass irgendeiner einen Blödsinn macht, da kuckt man lieber weg oder ruft gleich die Bullerei. Aber als wir Kinder waren und um die Häuser zogen, da hatte jeder ein Auge auf uns, damit wir nichts allzu Dummes anstellen würden. MATILDA Und Papa hat sich so viel erlaubt, weil er das nicht gewohnt war? MICHAEL Doch, doch, das war er sich durchaus gewohnt, dass da Leute waren die ... die einfach da waren. MATILDA Was für Leute denn? MICHAEL Ich glaube, er wollte erstmal die Grenzen testen. Bei uns zu Hause hiess es ja nur, wir sollen zum Stall wieder zu Hause sein, ansonsten liess man uns machen. Das war die Aufgabe der ganzen Gemeinschaft, hinzusehen und sicher zu stellen, dass wir nicht gar zu krumm rauskommen. MATILDA Was hat Papa dir über die Zeit, bevor er zu euch kam, erzählt? MICHAEL Frag ihn doch einfach selber. Es ist schliesslich immer noch seine Geschichte. MATILDA Es ist auch meine! MICHAEL Du warst ja nicht einmal dabei! MATILDA Als ob man bei allem dabei gewesen sein muss, damit es zur eigenen Geschichte gehört! MICHAEL Hast du ihn schon mal selber danach gefragt? MATILDA Hast du? MICHAEL Solange du ihn nicht selber fragst MATILDA Du weisst genau, wie Papa ist. Papa redet nicht. Er redet nicht nur nicht, nein, er gibt mir auch schweigend zu verstehen, dass es keinen Platz gibt für Fragen. CELIO zum Publikum Du bist sieben und du sitzt neben deiner Mutter auf dem roten Hürlimann, den sie bei einem Gebrauchtwarenhändler gekauft hat. Du und drei andere Kinder, ihr gründet einen Hürlimann-FanClub und schreibt einen Brief an die Firma und Hans Hürlimann schickt euch tatsächlich einen persönlichen Dankesbrief zurück und für jeden von euch einen goldenen Hürlimann-Anstecker. Ihr bekommt den Brief erst nach Monaten, wenn ihr wieder ins Winterquartier zurückkehrt. MATILDA Papas Schweigen ist so laut, dass man es über den ganzen Hof hinweg hört. Es wartet im Flur, sobald ich die schwere Haustür aufschiebe,
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PERFORMANCE 30 STUNDEN POSTANTIKES THEATERFEST 28. – 29.3. Forum Freies Theater
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Stück Totreif füllt die Räume im Haus, setzt sich auf die leeren Stühle am Küchentisch und gibt mir zu verstehen, dass Papa und ich nie nur unter uns sind. CELIO Du bist neun und während deine Mutter arbeiten geht, passen deine Onkel und Tanten auf dich auf und du spielst mit ihren Kindern und den Hunden und am Abend esst ihr alle zusammen am Feuer und dann schläfst du neben deiner Mutter ein, die kalten Füsse an ihre Beine gedrückt. MATILDA Papa ist umgeben von einer unsichtbaren Mauer. Ich weiss nicht, wie sie aussieht, ich weiss nicht, was sie verbirgt. Weiss nur, dass es mir verboten ist, sie zu überschreiten, ohne, dass es jemals irgendwer ausgesprochen hätte. Also habe ich gelernt, zu spielen, malen, lesen, Hausaufgaben zu machen und so zu tun, als fürchte ich mich nicht, während ich gezwungen bin dabei zu zusehen, wie mein Vater Tag für Tag hinter dieser Mauer verschwindet. CELIO Du bist zwölf und deine Mutter stirbt und deine Onkel und Tanten schreiben viele Briefe, an die Bürokratie, sagen sie, an die Lumpensöhne in Bern, sagen sie und die Lumpenbürokratie schreibt zurück. Sie schreibt, dass meine Onkel und Tanten nicht meine richtigen Onkel und Tanten sind. Sie schreibt, dass das so nicht geht. Sie schreibt von per Gesetz und Richtlinien und Kindeswohl und du bist zwölf und deine Mutter ist seit einem Monat tot, als sie kommen und dich holen. MATILDA Ich kenne meinen Vater nur als Abschied. Vielleicht würde ich es ja verstehen, wenn er es mir erklären würde. beginnt, sich Celio zuzuwenden Wenn er verdammt noch mal einfach sagen würde, was los ist, bei ihm, in seinem Kopf. Was so schlimm daran ist, einfach mal hier zu sein, im Jetzt, bei mir. CELIO Du bist 15 und mittlerweile ein anderer, einer von diesem „uns“, von dem immer alle reden und du gehst zur Schule mit uns und du isst zu Mittag mit uns und du erntest Kartoffeln mit uns und du verstehst nicht genau, worin der Unterschied liegt, aber du merkst schnell, dass man uns mag. MATILDA zu Celio Mein Vater lebt noch immer in dem Glauben, dass Väter und Mütter stark sein müssen. Immer. Er würde wahrscheinlich sagen, er tue das, um mich zu beschützen. Er würde sagen, dass ich es besser haben soll, dass er das, was auch immer seine Eltern nicht geschafft haben, schaffen will. Er würde mir das alles sagen und mich dabei ansehen und wir wüssten beide, dass er dafür, auch wenn er es versucht, nicht stark genug ist. CELIO Du bist 19 und die Frau, die dir wie eine Mutter gewesen ist, auch wenn es per Gesetz nicht die Richtige war, diese Frau sie stirbt und du siehst zu, wie ihr Sohn daran zerbricht. Du bist 19 und du kannst nicht noch einmal von vorne, noch einmal frisch anfangen, also lehnst du die Bitte des Sohnes ab und der Sohn zieht ohne dich hinaus in die Welt und du bleibst und du versuchst und du heiratest und du wirst Vater und du
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versprichst dem Kind, das in dem kleinen Bett schläft, dass du es besser machen wirst und dass alles gut wird und dass du immer da sein wirst und du glaubst dir, in diesem Moment glaubst du tatsächlich, dass es stimmt, und du lächelst und streichst über das Gitter aus Holz. MATILDA Mein Vater verliert sein Gehör, so laut ist sein eigenes Schweigen. Es hat zugenommen, seit einigen Jahren, seit du – Wink zu Michael gegangen bist, seitdem scheint mein Vater noch weniger von mir und der Welt mitzukriegen als vorher. Mein Vater arbeitet und macht und tut und eilt durch die Welt, während ich ihm hinterherstolpere und ihm doch eigentlich nur sagen will – wie ausser Atem Papa, du musst nicht vor mir davonlaufen. CELIO Du bist 39 und dein Kind ist sieben und deine Frau, sie stirbt und du weisst, du solltest jetzt etwas tun, du solltest jetzt hier sein, jetzt wäre es wichtig hier zu sein und etwas zu sagen also setzt du das Kind auf deinen Schoss, aber da kommt nichts, kein Satz, kein Wort, weil dir niemand beigebracht hat, was die Richtigen sind, und das Kind ist ganz ruhig und sieht dich an und du willst nicht, dass dein Kind stärker sein muss als du, aber du schaffst es nicht, du sagst nicht du darfst traurig sein und du sagst nicht Papa ist auch traurig und du sagst das alles nicht, sondern du bist so ein tapferes Mädchen, sagst du und schämst dich dafür. MATILDA Papa bitte! CELIO Du bist zwölf Jahre alt und MATILDA Verdammt nochmal, Papa! CELIO Du bist zwölf Jahre alt und MATILDA Bitte sieh mich an! CELIO Du bist zwölf Jahre alt und die Zeit steht still.
– ENDE –
MÄRZ 2025
DEATH IS CERTAIN PERFORMANCE
von Eva Meyer-Keller
WILDE ÖKOLOGIE URAUFFÜHRUNG
THIS IS NOT A LOVE SONG
PERFORMANCE
LIVE-HÖRSPIEL
von die apokalyptischen tänzerin*nen
BODY THAT STANDS URAUFFÜHRUNG
von Smadar Goshen
TANZ
HEY SORORA! WIR SETZEN ALLES AUFS SPIEL! URAUFFÜHRUNG
PERFORMANCE
von La Fuchsia Kollektiva e.V.
MAPEPA MAPEPA MAPEPA PERFORMANCE
MUSIK
von Papierkampf Ensemble
UNDER THE FLESH TANZ
PERFORMANCE
von Bassam Abou Diab und Ali Hout
Stück Silvan Rechsteiner
1. Halt: Endstation
Wer bremst, bleibt Von Silvan Rechsteiner Dramaturgische Mitarbeit: Stephan Teuwissen
Auszug © Silvan Rechsteiner, 2024 Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
Personen: BRUNO FRAU BRENNER MITFAHRENDE (MF) als: Marta, Regisseurin, Computer, Chefbeamtin Irina, Eltern, Amalia, Schauspielerin, Reisende, schweigende Gestalt, Erna, Giraffe, zwei Bremsklötze RAUM Ein Warteraum-ähnlicher Ort, gleisnah und doch offen für die ganze Welt ORT Basel (Bahn-, Ort- und Sprachspezifisches kann dem jeweiligen Aufführungsort angepasst werden) SILVAN RECHSTEINER, 1994 in Basel geboren, studiert Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und dramatisches Schreiben bei Stephan Teuwissen in Zürich. Seine Stücke erscheinen beim Rowohlt Theater Verlag in Hamburg. Er ist Stipendiat der Akademie Musiktheater heute und war in der Spielzeit 2023/24 Hausautor am Theater Basel. 2024 war er mit seinem Stück „MOSAIK“ für den deutschen Jugendtheaterpreis und den Berliner Stückepreis für junges Publikum nominiert. Seine Texte wurden als szenische Einrichtungen und Lesungen unter anderem an den folgenden Orten gezeigt: Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, TD Berlin, Schauspiel Leipzig, Nachtasyl des Thalia Theaters Hamburg, Theater Koblenz und Literaturhaus Wien. „Erna“, eine Auftragsarbeit für das Theater Public des Theater Basel, feierte im Mai 2023 Uraufführung. Im Februar 2025 wurde sein Stück „Wer bremst, bleibt“ am Theater Basel uraufgeführt und im Mai 2025 die Auftragsarbeit „All das Nichts?“ ein szenischer Spaziergang zu Jakob Lenz am Theater Winterthur.
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BRUNO (im Dunkeln) Geschätzte Fahrgäste, in Kürze // Brzzz!1 // in Basel // Brzzz! // Gleis … ein. Endbahnhof // Brzzz! // Zugteam bittet Sie // Brzzz! // verabschiedet // Brzzz! // Ihnen. Ihre nächste // Brzzz! // Interregio nach // Brzzz! // tal, Olten, Zof // Brzzz! // Luz // Brzzz! // Abfahrt: Gleis … // Brzzz! // Ob Sie da hinwollen? Nächste Verbindung // Brzzz! // Lieber bleiben? Was bremst uns? BRENNER Bruno. // Brzzz! // Wer bremst, bleibt. // Brzzz! Licht. BRUNO (zum Publikum) … Basel Endstation … Aufwachen! Ja, Sie! Basel ist Endstation … S’ging schnell. In Zürich einsteigen und ab Altstetten: Traumland. Nur in Gelterkinden, da schnarchen Sie und in Itingen: Lallen … // Brzzz! MF-MARTA Ich will dich in meinem Leben. BRUNO Das hab ich wenigstens verstanden. // Brzzz! MF-MARTA 17 Schafe. // Brzzz! // Vielleicht ein Kind. BRUNO „17 Schafe, vielleicht ein Kind“? MF-MARTA Züüügig … BRUNO Vielleicht später mehr dazu – wir sind noch am Anfang. Am Anfang ist Endstation und Basel. Basel ist oft Endstation … MF-MARTA In Basel hat’s begonnen, Bruno. BRUNO Und hat’s wo geendet? Aber fürs Ende ist’s noch zu früh. „Raus jetzt!“ Ich muss abschließen. Fenster, Türen, Bremshähne. „Stehen Sie auf! Fertig geschlafen. Fertig Traum. Hallo?!“ (Klopft mit der Zange) Feierabend … In elf Stunden stehe ich wieder hier. MF-MARTA Ich wollte dich … // Brzzz! // Hab dich in meinem Leben gewollt. BRUNO Vor Jahren. Alle sagen dir: Bruno, mach dies, Bruno, mach das. Ist doch meine Geschichte! Und meine Geschichte ist wohl, dass ich keine habe. BRENNER Er fragt sich: Wer bin ich? – Schon hart. Wer sind wir? Ich hab da auch ackern müssen, bevor ich’s rausgefunden hab für mich. Schaffen nicht alle. BRUNO Marta, du hast es geschafft. MF-MARTA Marta … dabei rufen mich alle schon längstens: (Englisch ausgesprochen) Mar-tha, Maaar-tha. BRUNO Fensterplatz 143. MF-MARTA War es 143? Ist lange her. BRUNO … nicht so lange. MF-MARTA Hast angefangen, ihn für mich zu reservieren. (Zum Publikum) Macht er das heute noch? BRENNER Schienensyndrom. BRUNO Wie im Skiurlaub. Hab mir einen Urlaub ohne Ski gewünscht. Du hast dich durchgesetzt. BRENNER Wie haben Sie es denn so mit dem Gleichgewicht, Bruno? BRUNO Frau Brenner war meine Berufsberaterin. Dann meine Passagierin. Dann meine Therapeutin. Dann mein Gewissen. Dann ein Stachel, der mir in die Haut wächst. Achten Sie nicht auf sie. Tue ich auch nicht. BRENNER Brenner, c’est moi. MF-MARTA Was hat uns den Urlaub ausgebremst, Bruno? BRUNO Marta. Marthaaa. Und Marta ist in Kanada – Kääännedaaa … in Maahnitobaahh. Reserviert dir in Manitoba jemand den Fensterplatz 143? Ich wünsche es dir. MF-MARTA Beim Parallelschwung wichtig: Beine wie Schienen! Schienen, SCHIE-NEEE…N, Bruno! 1
Brzzz = Störgeräusch als Toneinspielung oder gesprochenes Geräusch
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Wer bremst, bleibt BRENNER Wenn dich eine so den Berg runterhetzt … Alles eine Frage des Gleichgewichts. MF-MARTA Letzte Abfahrt. BRUNO Schwingst dich mit elegantem Hüftschwung ins Tal. Weit voraus und weit weg. Damals auf den Ski und heute in Kanada. Du hattest klare Ziele. Ich hatte Wünsche. BRENNER Wer beim Wünschen bleibt, bremst sich selbst. BRUNO (wankt auf den Skiern) Ahhhhhhhhhhh! Schienen, Schienen, Achtung. Schienen! (Er rutscht mit den Ski auf den Schienen aus.) MF-MARTA Seither wirbelt er durch die Luft, entgleist, purzelt, zweifelt und bremst sich ein Loch ins Leben. Du hast unseren letzten Urlaub sooo genossen. Trotz Ski. BRUNO Da wussten wir’s noch nicht. Das mit dem Ende. Oder hast du … es gewusst, geahnt? Habe mich sooo gefreut, dass du mal wieder lachst, wenn du mich triezt, mit meinen … mit meinen linken Beinen. BRENNER Ach, Bruno, doch … BRUNO (zum Publikum) „Letzte Chance. Aussteigen oder Abstellgleis … Aufwachen!“ (Holt seine Signalpfeife hervor) Fahrt ins Blaue. Basel. Berlin. Paris. Endstation ist überall. (Pfeift) // Brzzz!
2. Halt: Brunos Berufsberatung BRUNO Berufsberatung bei Frau Brenner. Heute bin ich 14. BRENNER Mit 14 fängt das Leben erst an. BRUNO Ich mache, was ich will. Denke ich damals. Mit 14. BRENNER Traurig, wenn du das nicht denkst mit 14. BRUNO Mein Traum ist: Schauspieler! BRENNER Traurig, wenn das nicht dein Traum ist mit 14. BRUNO Bald stehe ich auf einer Bühne. (Sieht an sich herunter) Die Regisseurin stellt mit mir Weichen. MF-REGISSEURIN Gut, jetzt die rechte. Etwas schneller. Und dann die linke. Sehr flott. Das ist die richtige Spur. BRUNO … Guten Tag Frau Brenner. BRENNER Bruno, richtig? Was willst du werden? BRUNO Ich werde Schauspieler. BRENNER Hat dir die Lehrerin eine schlechte Note verpasst? BRUNO Schauspieler. So mit Bühne und allem. BRENNER Ja, ja … Ja, das mache ich auch gern … Und was willst du werden? Beruflich. BRUNO (zum Publikum) Sie setzt die Brille ab. BRENNER (zum Publikum) Brille absetzen macht immer Eindruck. (Zu Bruno) Ich meine: als Beruf? BRUNO Schauspieler. (Zum Publikum) Was ist mit der los? BRENNER Stehen wir nicht alle auf einer Bühne? (Setzt die Brille wieder auf) BRUNO (zum Publikum) Die denkt sicher: „Wieder mal so ein … ein Reto, Benjamin, eine Anna, Isabel, Madeleine, Rufus …“ BRENNER (zum Publikum) Anna, Isabel, Madeleine, Rufus. BRUNO Brenners Computer stellt Fragen, und sie plappert nach. MF-COMPUTER Bist du eine gepflegte Erscheinung? BRENNER Bist du eine gepflegte Erscheinung? – Geht so. MF-COMPUTER Lässt du dich leicht von Dingen ablenken? BRENNER Lässt du dich leicht ablenken? – Manchmal. BRUNO Das sind doch meine Antworten! BRENNER Es sind immer dieselben Antworten. Bruno, Marta, Irina.
Theater der Zeit 3 / 2025
MF-IRINA (zum Publikum) Irina, das bin ich. Ich werde Brunos Chefin. Aber hier wissen wir noch nichts von unserem Glück. BRENNER (zum Publikum) Ich habe ihr zur Kranführerin geraten. Hättest du mal auf mich gehört, Irina … (Zu Bruno) Bahn! BRUNO Bahn? … BRENNER Bahn! (Zum Publikum) Und zack! Wieder einen aufgegleist. BRUNO Schon mit 14 frage ich mich, was Frau Brenner durch den Kopf geht … Aber mit 14 hab ich noch keine Ahnung, sondern frage meine Eltern: „Schauspieler oder Zugbegleiter? Mama, Papa?“ Warum schweigt ihr und nickt nur? (Zum Publikum) Schauspiel hat sich richtig angefühlt. Aber meine Eltern und Frau Brenner, die hatten halt recht. Mit 14 hörst du noch auf deine Eltern. Nicht alles, was richtig ist, ist auch recht. MF-ELTERN „Mach, was du willst, aber werde glücklich.“ BRUNO Und wie, bitte sehr, werde ich das – glücklich? Und woher zum Kuckuck soll ich wissen, was ich will?!? (Zum Publikum) Haben Sie mit 14 schon gewusst, was Sie wollen? – Was, wenn die Brenner recht hat und mich das Glück bei der Bahn findet? Was dann? Schauspiel kann ich auch später noch machen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Bühne bleibt. Nur weil sich Schauspiel richtig anfühlt, ist Schauspiel nicht unbedingt das Richtige. Oder? Ich mach das Richtige! // Brzzz! BRENNER Gut gemacht, Bruno. BRUNO Die Brenner hatte aber selbst ein riesiges Chaos in ihrem Leben. Das habe ich erst später gesehen. Das kommt noch. Bernd. Luc … Warten Sie nur. // Brzzz! //… // Brzzz!
3. Zwischenhalt: Frau Brenners Stellungnahme Frau Brenner richtet sich mehrheitlich ans Publikum. BRENNER Brzzz! // Ich würde hier nun gerne Stellung nehmen, als Mensch und Berufsberaterin. Bruno hin oder her. Ich liiiebe meinen Job. Wirklich. Ist mein Traumberuf. Richtig toll. An der Arbeit liegt es nicht. Vor allem, seit mir der Computer so hilft. Nur diese Eltern … MF-ELTERN-TELEFON Meine Tochter ist rechnerisch begabt und auch sprachlich ist sie überdurchschnittlich und im bildnerischen Gestalten und im Sport sowieso. BRENNER Die Noten sagen was anderes. MF-ELTERN-TELEFON Sie kann doch vom Blatt singen. Oder – oh, meinen Sie, hihi, die Schulnoten? Was sagen die schon aus? BRENNER Also: Elternbombe: „Nicht alle müssen an die Universität.“ Kurz wirken lassen und dann den Gnadenschuss: „Matur kommt nicht von Natur.“ Mein Gatte Bernd hat auch nicht abgeschlossen. Nur probiert. MF-ELTERN-TELEFON Wenn meine Tochter nicht aufs Gymnasium kommt, ist ihr Leben gelaufen. BRENNER Bernd, mein Mann, ist ein verdammt guter durchschnittlicher Buchhalter geworden. Ist doch fahrlässig, von 14-Jährigen zu fordern, schon zu entscheiden, was sie in ihrem Leben machen wollen. Wussten Sie mit 14, was Sie wollen? Außer Schauspiel? Mit 14 trinken die Energydrinks und sind nur hormongesteuert. Ständig droht die Uncoachbarkeit. Darum gehe ich frontal aufs Ganze. Mein Computer spuckt total zufällig Berufe aus. Funktioniert zu 87,4 Prozent. Verblüfft die Eltern. Gibt Reibung. Bezüge lassen sich immer finden. Vor allem im Nachhinein: MF-ELTERN „Maurerin, jetzt verstehen wir es! Unsere Tochter hat als Kind schon immer mit Bauklötzen gespielt.“ BRENNER Keine Lebensberatung, die ich nicht hinkriege. Ziel: Sie sollen denken: „Jetzt weiß ich, was ich will.“ Bewegung, das braucht’s. Egal
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Stück Silvan Rechsteiner wie gut die nächste Station. Weil: Wer bremst, bleibt blöd. Gell, Bernd? – Bernd ist mein Mann. Habe ich das schon erwähnt? (Zum fiktiven Bernd) ICH SCHREIE DICH AUCH NICHT MEHR AN! Ja, ich nörgle an dir rum. Ich brauche das. Und du lässt mich dann nörgeln. Unsere Devise: Genieße die Krise. Wie heute Morgen. Du spülst deine Müslischale aus, und ich starre auf deinen Hinterkopf. Zähle. Kahlstelle 1. Kahlstelle 2 … 3 … 4. Dreh dich doch bitte um, Bernd. Dein Blick, der war mal – awww! Puh, Zucken und Wärme im Bauch. Bei 8 drehst du dich zu mir um. Leere. Leerer Buchhalterblick. Sind wir hier am Nordpol? Aber dich verlassen? Das wäre zu leicht. Die Berufsberatung schmeißen? … Ganz selten ist was. Höre es dann an deinem „Hallo“. Ich steige die Stufen hoch in dein Büro, und du … Ich halte dich und du mich – statt deinen Buchungen. Und dein Blick: ein kalter zwar, aber doch „Awww! Puh“ und Zucken und Wärme im Bauch. Kalt-heiß, eisig-raubtierkalt ziehst du mich ganz sanft aus, aber ich mag nicht mehr warten, reiße dir die Kleider vom Leib. Und wir stehen uns gegenüber. Ich, du und dein Buchhalterbäuchchen. Dann ist eindeutig was. Puh und Zucken und Wärme im Bauch. Und wir haben den weichsten, lautesten, kuschlig-tierischsten, mittelalterlichsten, zauberhaft-poetischsten, tänzerisch-teuflischsten, schülerhaftesten und gemeinsten Sex, den es gibt. Mit wem hätte ich so was, wenn wir uns trennen? Neeeeiiiiin. Das kannst du nicht einfach auswechseln. Bei Berufen geht das, aber bei Menschen? BRUNO Frau Brenner? Ich … gehe dann mal … Alle drei singen. Trio – Glücklich? Mach, mach, was du willst, aber wird – wird – wird – und mach – mach – wird – mach – und wird – glücklich …? Brzzz! // Brzzz! // Brzzz! // Brzzz!
4. Halt: Domodòssola & Flucht BRUNO Binario 12 è in arrivo Euro-City per Berna, Domod // Brzzz! // òssola, Milano Centrale. BRENNER Vier Jahre später. // Brzzz! BRUNO 20 vor vier. BRENNER Schon? … Bruno, aufwachen! BRUNO Mitten in der Nacht? BRENNER Bruno, dein Zug. Deine Jungfernfahrt! BRUNO Bremsprobe. Durchsagen. Billettkontrolle. Ich kann das … Ich bin 18! ETR610 nach Milano. Wenn es nicht geht, halte ich inne. Chefbeamtin Irina hat mir geraten: „Bruno, mach langsam. Du kannst das.” – „Gentili Viaggiatori. Il personale delle FFS via da il benvenuto e vi augura un piacevole viaggio.“ (Holt seine Pfeife hervor) Und dann – stehst du vor mir. Marta. Zum ersten Mal. Marta. Dünne Stoffmütze. Kopfhörer. Hast schon da Joni Mitchell gehört. Marta. (Zum Publikum) Da weiß ich noch nicht, dass sie Marta heißt. Kann ich die so lange anschauen? Wollen tue ich’s schon. (Pfeift) MF-MARTA (zum Publikum) Kann ich den so lange anschauen? BRUNO (pfeift) Ich kann das. Mit 18. (Pfeift) Züge begleiten! Bin bald ein Voll-Schaffner. (Späht durch die Abteiltür) Diese Linien auf deinem
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T-Shirt, deiner Mütze. Haarlinien. (Pfeift) Kopfhörerkabel. Linien, die ich fahre. Linien, die uns verbinden … (Pfeift) MF-MARTA Versteckt der sich? BRUNO „Können Sie endlich mal die Tür schließen! Es zieht.“ Schimpft ein Reisender. – Husch, husch, in den nächsten Wagen mit Ihnen! – „Das ist aber die Erste Klasse?!“ – Mir so was von egal! Sie stören mich bei der Arbeit! Los! – Soll ich dich ansprechen, Sitzplatz 143? Und das auf meiner Jungfernfahrt… … (Pfeift) … Grüezi mitenand. Billett bitte. Danke. Adiöö, gueti Fahrt. Hi, schöne Mütze! Ich bin Bruno. MF-MARTA Schön für Sie! BRENNER Der Zug ist abgefahren. BRUNO Sanfte Augenringe, schmale Stirn und ein Runzeln, wenn sie lacht. Die Mütze, die sie trägt. Hätte Marta gerne kennengelernt. … (Zu Brenner) Habe doch alles richtig gemacht? Frau Brenner? BRENNER Bewegung, das braucht’s! MF-MARTA Tante Renata hat gerne gesagt: „Die Typen müssen mehr zu bieten haben als flirten. Flirten ist Bubenkram. Über Gefühle reden, das ist der harte Kern.“ Und dann ist sie gegangen. Hat mich alleine gelassen mit unserer Modellanlage. Ist abgefahren, Renata, einfach. Mag Bruno Joni Mitchell? Süß ist er schon. Soll ich ihn anflirten? Ein bisschen? Dinge in Bewegung bringen? BRUNO Gentili Viaggiatori. Stiamo per arrivare a Berna. MF-MARTA Für dich, Bruno. (Gibt ihm einen Zettel und geht) BRUNO Da steht nur „Marta“ und eine Handynummer. MF-MARTA Hoffentlich meldet er sich … nicht …! Hoffentlich … BRUNO Sie heißt Marta. Wer hätte das gedacht? BRENNER Der Zug ist abgefahren … Kurze Zeit später im Zug. BRUNO Ja, danke. Grüezi. Merci vil mol. Jaaaaja. Danke. Hello. Ticket, please. // Brzzz! // Merci. Ich kann das mit 18. Ich. Danke. Kann. Merci. Das. Merci. Danke. Ihr Billett bitte. (Wiederholung ad libitum) MF-AMALIA Ja, gerne. Hier haben Sie es. BRUNO Dann bräuchte ich Ihren Ausweis dazu … Danke schön. (Sieht etwas in Richtung Abteiltür) Ist das nicht –? Irina –? Was macht die hier? Irina! Lächelnd? Auf meiner Jungfernfahrt? Was hab ich falsch gemacht? Selten gut, wenn Irina lächelt. Ich mach doch alles richtig?! MF-AMALIA Sie müssen in Ihr Gerät schauen und mein Ticket scannen. Es muss alles seine Richtigkeit haben … Wo rennt der hin?! Und wer ist das? BRENNER Chefbeamtin Irina. Sie schreit: „Bruno!“ MF-AMALIA He! Mein Ausweis!? Der hat meinen Ausweis!?! Und mein Billett! BRENNER Nachschulung, sehe es schon kommen. MF-AMALIA Der hat meinen – BRUNO Die sind mir auf den Fersen, und der Zug ist voll. Wohin wollen alle? Und ich? Warum renne ich?! MF-AMALIA Was machen wir mit uns, wenn wir bleiben wollen, aber nicht können? BRUNO Jeder Zug hat ein Ende. Noch zwei Wagen. Ins WC? Was machen wir mit uns, wenn wir wegwollen, aber nicht können? MF-AMALIA Der nimmt mir meinen Ausweis?! Nur wer sich ausweist, bleibt. Ist das überhaupt ein richtiger Schaffner? Ein Scheinschaffner? // Brzzz!
Theater der Zeit 3 / 2025
Stück Wer bremst, bleibt BRUNO Ich bin am Ende. Gleich am Anfang schon Schluss. Ausgeschaffnert! Scheiße, das letzte WC verschlossen. Zugende. (Klopft) Hallo?! Aufmachen, jetzt! … Fahrkartenkontrolle. Ist da jemand? (Horcht, schnuppert dann) Durchfall? … Notfall! Achtung, ich schließ jetzt – BRENER + MF-AMALIA Wir kriegen den. // Brzzz! BRUNO Die rotten sich zusammen?!? BRENNER „Bruuuuno!“ BRUNO (liest den Ausweis) Amalia. Asylsuchende. MF-AMALIA Der Schaffner denkt sich sicher, dass ich nur hier bin, um vom Sozialsystem zu profitieren, mich auf die faule Haut zu legen und möglichst viele Bahnkilometer ohne Ticket zu fahren. Was denn sonst? – Frau Schaffnerin, Ihr Bruno hat meinen Ausweis genommen. Und mein Billett, mein gültiges Billett! BRENNER Und verriegelt sich auf einem vollen Klo. BRUNO Hoffentlich fahren wir nicht über eine Weiche … Scheiße. Meine Uniform. Was macht Irina auf meinem Zug? Die Jungfernfahrt macht man alleine. Ehrensache. Das haben sie uns versprochen … // Brzzz! BRENNER „Bruno, was machst du?“ MF-AMALIA Und dann wollen alle hören, wie schlecht es mir geht. Als Asylsuchende hat es dir schlecht zu gehen, und du hast dankbar zu sein. BRENNER „Bruno …?“ BRUNO Scheiße. MF-AMALIA Der Typ hat meinen Ausweis! BRENNER „Ich höre nur den Händetrockner.“ MF-AMALIA Und mein Billett! (Zum Publikum) Ich habe noch nie eine Grenze überschritten. Die Grenzen überschreiten mich. Seit letzter Woche, Freitag, habe ich endlich diesen vorläufigen Ausweis. Hellblaue Hülle, dazu eine Versicherungskarte, und ich bekomme wenige Franken pro Woche. Gestern sagt mir Tante Jeanne: „Du hast nur eine hellblaue Hülle bekommen, mehr nicht. Kann gut sein, dass du wieder zurückmusst. Aber mit dem Ausweis kannst du wenigstens in einem Bunker übernachten!“ Und jetzt versteckt sich so ein Schaffnerwürstchen damit im WC? BRENNER „Bruno. Wir können … über alles reden.“ BRUNO Brzzz! // Wie komme ich hier raus? Freikaufen? 100 Franken? Nein, das ist zu viel. 20? Fünf? Fünf ist gut. Münzen klingen nicht nach überheblich. // Brzzz! // Goldene Mitte – große Münze, kleine Summe. Bruno, das ist schlau gedacht! Hier, für Sie. Ausweis und einen Fünflieber2. // Brzzz! MF-AMALIA Fünf Franken? Und mein Billett? Ist so was von gültig! Übergültig! BRUNO Da, da! Ist ja gut. Gültig. Wozu der Aufstand? Alles schön mit der Ruhe! – Ja nichts überstürzen! BRENNER „Mensch, Bruno.“ Später. // Brzzz! BRUNO Prossima Fermata: Domodòssola. MF-IRINA Bruno, herzlichen Glückwunsch. Hast du gut gemacht, deine Jungfernfahrt. Außer das mit dem Ausweis. Hast dich provozieren lassen, gell? Aber sonst: toll, wirklich. BRUNO Ich wollte es alleine schaffen … MF-IRINA Hast dich gut geschlagen. Hier! BRUNO Blumen? Für mich? MF-IRINA (zum Publikum) Das wird schön mit Bruno. Ich werde ihn zurechtweisen, und er wird sich verteidigen. Gegenseitiges Sich-Brauchen. BRUNO (zum Publikum) Blumen? … 2
Fünffrankenstück
Theater der Zeit 3 / 2025
MF-IRINA (umarmt Bruno) Willkommen in der Bahnfamilie! Wir halten zusammen. Arnold hat das auch immer gesagt. BRUNO Der Pensionierte mit der Leberverfettung? Gibt es den wirklich? MF-IRINA Arnold ist viel zu früh von uns gegangen. Plötzlich war er weg. (Zum Publikum) Bruno hat mich auf Anhieb an Arnold erinnert. Du hast mich aufgegleist, Arnold, und jetzt gleis ich Bruno auf. Wir gleisen unser Wissen weiter, und dann verschwinden wir. // Brzzz! BRUNO Domodòssola. Marta, magst du mich? Gleich ist Feierabend. Dann ruf ich dich an. „Liebe Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Basel SBB auf Gleis 4. Endbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links.“ Zugbegleiter. Das ist, was ich will. Und dich, Marta. // Brzzz! // „Wir verabschieden uns von Ihnen und bitten Sie auszusteigen. Gute Nacht, schlafen Sie gut und träumen Sie süß. Uf wiederluege und bis ganz bald.“ Wo ist der Zettel? Ich ruf dich gleich an, wenn ich nur diesen Zettel – (Gestische und instrumentale // Brzzz! // Einlage. Schneller Zug-Tango ertönt. Bruno sucht und sucht und sucht. Dreht und wendet sich. Tastet sich ab. Wird hektischer, dreht fast durch. Alles vergeblich.) Brzzz! // Brzzz! // Brzzz! // Brzzz!
5. Zwischenhalt: Marta & Modellbahn-Messe BRENNER Die zwei finden sich dann auch ohne Zettel. Und zwar – Sie werden’s nicht glauben – bei der Basler Modellbahn-Messe. Kaum eine Woche später. MF-MARTA (zum Publikum) Hoffentlich werde ich die verdammte Modellbahn los, die ich mit Tante Renata gebaut hab. Wie geht man so etwas an? „He, Sie, Interesse, mir meine Modellbahn abzukaufen?“ BRUNO Vorbildgerechte Funktionen sind Priorität. Motorisierte Pantographen. Das ist die Zukunft. Wie sich diese BR159 mit korrekten Schlussleuchten durch die Anlage pflügt! Natürlich digital, Fahrstufen geschaltet. Und die EW-4-Wagen. Die alten mit grüner Bemalung. Ordnungsnummern 420 bis 444. MF-MARTA (zum Publikum) Immer auch eine finanzielle Frage. Tante Renata war’s egal, aber ich benutze 3D-Druck, den Ultimaker 2+ im FDM-Verfahren. Kaufen ist Schnee von gestern. Und seit Tante Renata gestorben ist, ist sie auch Schnee von gestern. BRUNO M-Marta! Du hier? Echt!? MF-MARTA Ah, Guido! Du hast dich nie gemeldet … BRUNO Bruno. MARTA Marta. BRUNO Ich weiß. Ist untergegangen. Wollte dich nicht drängen. Und ja, dann – MF-MARTA Flirtest mich an und schaltest dann auf stumm? BRUNO Der Zettel, meine ich. Untergegangen. MF-MARTA (zum Publikum) Soll ich ihm sagen, dass ich eigentlich nur hier bin, um meine Anlage zu verkaufen? BRUNO Jetzt sag nicht, dein Keller ist voller Schienen?! MF-MARTA Nein … also … ja … also, ich hab dort so eine kleine Anlage. Die Central Manitoba Railway von Carman bis Pine Falls. Komplett. Kanadische Bahnen waren mal der neueste Schrei. BRUNO Kanada? MF-MARTA (zum Publikum) Was will der von mir? … Und ich von ihm? … BRUNO (zum Publikum) Mag die mich? Ich mag sie! (Zu Marta) Und die CIT 3806? MF-MARTA Fahrtauglich. Selbstgedruckt.
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Stück Silvan Rechsteiner BRUNO Das will ich sehen! BRENNER Und dann geht alles ganz schnell. Stundenlange stehen die beiden neben den Modellbahnen. Junge Liebe. Und er stattet ihr einen Besuch ab, in ihrem Keller. MF-MARTA Manitoba. (Zeigt auf ihre Anlage) Da will ich hin … (Zum Publikum) Hab’s ihm nicht gesagt, dass ich meine Anlage loswerden wollte. Wollte zuwarten. Nichts … überstürzen. (Zu Bruno) Hörst du die Schafe? BRUNO Ich höre dein Herz. Ich habe Schaffnerohren. MF-MARTA Machst du für mich eine Durchsage? BRUNO („intim”) „Dear Martha, the train crew of Central Manitoba Railway …” MF-MARTA Aaah … Du … BRENNER Puh und Zucken und Wärme im Bauch. Zwei auf einem Gleis. Und wie die sich lieben und aneinander krallen und beglücken unter der Anlage. In Martas Keller. Unter Manitoba. BRUNO „… welcomes you on board of the special service to Pine Falls and wishes you a pleasant journey …” MF-MARTA Uaah … Ka … Ahh … Na … Dah! (Wiederholung ad libitum) Fließender Übergang zu kurzem Duett (ca. 60–90 Sekunden). Duett – Käanäada MF-MARTA BRUNO U. Wa. Ahh. U. Wa. Ahh. U. Wa. Komm. Komm. Komm mit mir. Nach Ka. Na. Dahh. U. Wa. Ahh. U. Wa. U. Wa. Ka. Na. Dahh. special service train for Marthaaa and Bruno to Känädahh Nonstop to Manitoba Mani. To. Bah. Manitoba! Mani. To. Bah. Manitoba! Mantioba! Kanada Pleasant journey. Gueti Reis! Gueti Reis! // Brzzz! //
MF-IRINA Reglementänderung gelesen? „Bremsprobe beim EW-4-Pendelzug bei Richtungsänderung mit Modul und Zusatzwagen vom Führerstand bei einem bereits vorgebremsten Zug im Betrieb“? BRUNO Macht doch eh alles der Lokführer. MF-IRINA In drei Wochen ist die Nachprüfung! BRUNO Bitte … MF-IRINA Du musst alles bremsen können: von Güterwagen mit GBremse bis Gepäckwagen mit alten französischen Kunststoffbremsklötzen – BRUNO Bei denen die Klötze so stinken? MF-IRINA … und auch tschechische Schlafwagen. BRUNO Die brems ich gerne! Die tschechischen Schlafwagen. Bremsjuwelen! MF-IRINA Was, wenn du dich verbremst und der Zug in Zürich den Prellbock wegfegt? Was dann? Was dann, Bruno?! BRUNO Dann macht das Bahnhofsbuffet eben dicht. MF-IRINA Im Alter willst du witzig werden? BRUNO 38 ist kein Alter. (Zum Publikum) Ich mag nicht mehr bremsen. Hab es viel gemacht, aber ich kann nicht mehr. Nicht mit Leidenschaft. „Hauptleitung kolbengestuft öffnen. Kontrollierte Notdichtung.“ Wem fällt solchen Kram ein? Würde Ihnen so etwas einfallen? „Kontrollierte Notdichtung“? Eben. Sie wollen nicht, dass Ihnen so was einfällt, haben einen reservierten Sitzplatz, und dort bleiben Sie. Ungebremst. (Vertraulich) Bist du schon mal frühmorgens durch kniehohen Schnee gestapft, Irina? Liegst dann sicher noch im kuschligen Bettchen. Drehst und furzt zum siebten Mal ins traute Doppelbett. Bist ja alleine in einem Einfamilienhaus. MF-IRINA Hart und düster ist alles. Und groß sind die Sorgen. Das Einzige, was weich und weiß ist, ist mein Klopapier. Vierlagig. Eigenkauf. Den verstecke ich in meinem Spind im vierten Stock vorne rechts. Damit ich den ganzen Scheiß hier aushalte. Mindestens vier Monate, bis es wieder schneit. Und noch habe ich diesen Bremsklotz von einem Bruno am Hals. Am Anfang, wer war da der Bremsproben-Star? Wer? Ich! Die hätten mir alles geben können. Ich hab’s gebremst, mit links. Güterwagen mit G-Bremse. Oder die tschechischen Schlafwagen. Ich war die Allererste, die tschechische Schlafwagen bremsen durfte. Nicht mal der Arnold, der später Leberverfettung bekam und dann verschwunden ist, hat mir das vorgemacht. Wirst dich bald verbremsen oder sonst einen Mist bauen, Bruno, und dann, dann bist du geliefert. Mit einem Kater fängt’s an. War bei Arnold auch so … Dabei tut er mir ja leid … Seine Marta in Kanada. Manitoba. Wär er doch mitgegangen … Schläft alleine in seinem viel zu großen Doppelbett. Liegt und trauert und wühlt herum … // Brzzz! // // Brzzz!
6. Halt: Durchsage üben
Refrain: Stationen und Gesichter, Gesichter und Stationen, immer gleich. Was kommt nun noch? Was? Die Welt wirkt matt und bleich. Jahre rasen, rasen, knüppeln, knüppeln, knüppeln mich windelweich, knüppeln, knüppeln,
[…]
7. Halt: Kater BRENNER Jahre und Freude rasen vorbei. BRUNO Gestern war mein 38. Geburtstag, und ich hab im stinkenden Personalzimmer gefeiert. MF-IRINA Bruno. Musst du nicht los? BRUNO Warum so laut? Ich will nur hier sitzen. In Ruhe Kaffee trinken. Den Kater vergessen.
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8. Halt: Wo ist er hin, der Traum? – Song
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Stück Wer bremst, bleibt knüppeln mich windel-windelweich. // Brzzz! // Wo flohst du hin, mein Traum? Jung schwärmte ich vom Proben. Vom Premierenrausch, vom Toben. Von Rampenlicht, Sekt und Loben. Flohst du von mir? du, mein lieber Traum? 40 Jahre Bremsen und Billette. War es das? Ist es das? Refrain: Stationen und Gesichter, Gesichter und Stationen, immer gleich. Was kommt nun noch? Was? Die Welt wirkt matt und bleich. Jahre rasen, rasen, knüppeln, knüppeln, knüppeln dich windelweich, knüppeln, knüppeln, knüppeln dich windel-windelweich. // Brzzz! // Was hab ich meinem Traum angetan? Woher diese zähe Scham? Wachen wir nur noch auf zum Verblassen, zum Verwehen wie im Wahn? Refrain: Stationen und Gesichter, Gesichter und Stationen, immer gleich. Was kommt nun noch? Was? Die Welt wirkt matt und bleich. Jahre rasen, rasen, knüppeln, knüppeln, knüppeln uns windelweich, knüppeln, knüppeln, knüppeln uns windel-windelweich. // Brzzz! //
9. Kanadischer Aufenthalt: Martas Einsicht MF-MARTA Klar hätte ich es ihm einfach sagen können: Komm! Komm mit, Bruno. Das hätte schon gereicht! Denke ich … Und auch, dass ich die Modellbahn von Tante Renata und mir verkaufen wollte. Dass ich das ganze Zeug so was von satthatte. Hab das nicht gesagt. Aber du warst sooo glücklich bei allem, was Bahn war … Und bei mir raste es derweil andauernd im Kopf: Bahn? Bruno? Manitoba? Bahn. Bruno … Echt? … Da hätte ich Tante Renata gebraucht, aber eben … Sie war weg … Hat mich ratlos zurückgelassen, mit Tonnen Zweifel und unserer Modellbahn … Zu viel Gepäck. Seh ich aus wie ein Güterwagen? Ich habe
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über Monate nur noch Ziegenmilch getrunken und alle Joni-Mitchell-Platten durch Downloads ersetzt und das gleich bereut. Erst kurz vor dem Abflug hab ich unsere Eisenbahn dann verkauft. Das Ende von unserem Projekt, Tante Renata … Heimlich. An einen Typen aus Sellenbüren. Eine Befreiung. Und du, Bruno, hast dich nicht gewundert?! Verdammt noch mal, Bruno?! Hast dich nicht gefragt: Wo bleibt Martas Eisenbahn, wenn sie nach Kanada geht? Ich hab dir nie gestanden, dass ich das Ganze mit der Modellbahn nicht mehr mochte … Rausgewachsen war … Wir haben uns bald nicht mehr angerufen, kaum mehr getroffen. Die ganze Fliegerei und die Zeitverschiebung … Hab dafür alles über Manitoba gesammelt, fotografiert und dir geschickt. Das war meine Art, dir zu sagen: Komm! Klar, es ist jetzt zu spät – dennoch? Ach du schöne Schweizer Bahnhofsuhr, lüg mich an, bitte sag, dass es noch nicht zu spät ist …
10. Halt: Alltag BRENNER Zwei Jahre nach Brunos Nachprüfung. BRUNO Brzzz! // Und wieder stehe ich wie ein Bremser vor dem Berg mit Leuchtweste und Signalkelle. MF-REISENDE Meine Tochter hat ihre Plüschtierkatze im WC versenkt. BRENNER Oh nein, die Arme. BRUNO Und ich soll die Katze aus der Scheiße ziehen? Drei kurze Pfiffe. MF-REISENDE Wir sind eine Gruppe. Können Sie noch ein paar Wagen anhängen? BRUNO „Sicher hängen wir ein paar Wagen an. Hier, die Rangierhandschuhe! Die 40-Tonnen-Kupplung ist gaaanz leicht. Das machen Sie mit links!“ Denke ich, aber sage: „Das ist leider logistisch ausgeschlossen.“ // Brzzz! Zwei kurze Pfiffe. MF-REISENDE Wie viele Kalorien hat die vegane Kürbissuppe im Speisewagen? BRUNO Gar keine. Die ist leider ausgegangen. // Brzzz! Zwei kurze Pfiffe. MF-REISENDE Fährt dieser Zug nach Zürich? BRUNO Dieser Zug fährt nach Lummerland Ostbahnhof … // Brzzz! Ein kurzer Pfiff. BRENNER Wer bremst, bleibt! // Brzzz! Drei lange Pfiffe. BRUNO Aber wo? Wo bleibe ich? MF-IRINA Vor zwei Jahren hast du die Prüfung kläglich verpatzt. BRUNO Dieses Jahr habe ich bestanden! Das Hadern hat aufgehört. Ich wurde zum Vollbremser-Bruno. Ich bleibe. Lieber ein Ende mit Bremse als eine Bremse ohne Ende! MF-IRINA Du bist – BRUNO Bruno-Bremsprobenprofi. Das bin ich. Danke, Irina. Ein ganzer Zug in mir muss gebremst werden. Ein Zug, den niemand kennt, ein geheimer, im Innern verborgener Unterzug! MF-IRINA Anstrengender Kerl. War dabei, Säufer zu werden, und jetzt … Impulsive Übermotivation. Lange und kurze Pfiffe, wild durcheinander, dazwischen das Brzzz!-Geräusch. BRUNO Frühdienst … Habe ich alles? … Wo. Wo? Wo ist mein –? Wo … Ich bremse. Mag sie mich noch? Immer hatte ich Angst, dass Marta mich ganz schnell fallen lässt. Billettzange. Schlüssel und Signal-… Signalpfeife … Wo … Ah! Da bist du ja … Marta, bist du schon wach in Manitoba? Du könntest dich mal … Ach, was soll’s. 13 Minuten! Ruhe. Kurze Stille.
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Stück Silvan Rechsteiner MF-IRINA Einen ganzen Tag mit dem Bruno. Hätte vierlagiges Klopapier einkaufen sollen. Die Aktion geht nur noch bis zum Wochenende. Wie häufig wir alle sitzen gelassen werden … Bremsung – Trennung. Ruckartig. Mittelmäßige Beziehungen mit ermüdenden Trennungen. Das gehört zum Leben: sich um drei Uhr in der Früh allein über die Bahnhofspasserelle zu schleppen, allein aufzustehen, allein deinen Kaffee zu trinken. Bremsen. Billette kontrollieren. Gewichte der Wagen auf dem Lastzettel notieren. Reisende zählen. Aber die Arbeit hilft. Sich ablenken. Was uns ablenkt, hält uns wach. BRUNO (fast wie ein Gebet, flüsternd, evtl. mit Mikrofon) „Seid mir gegrüßt, Bremsklötze. Hier bin ich wieder, Bruno. Bei Tag: drei kurze Pfiffe und beide Arme senkrecht heben und die offenen Handflächen über dem Kopf quer zum Gleis zusammenführen. Zwei kurze Pfiffe und Schwingen des hocherhobenen Arms quer zum Zug.“ Arme Irina. So anstrengend, mich zu begleiten. Ich hätte auch gerne Bruno-lose Tage. Oder würde gerne auch nur für eine Stunde wer anderes sein. Als Schildkröte durch einen Ozean schwimmen oder als Maus im Gleisbett hin und her trippeln … oder … eines deiner Schafe in Manitoba, Marta … Ein ungezähltes Schaf … Habt schon recht, ihr Bremsklötze. Ich hätte es wagen sollen. Ihr habt leicht schweigen, ihr lieben Klötze. Versteckt euch wieder unter eurem Radsatz, hüstelt, bremst und löst, schleift und schnieft euch einen ab. Und wartet auf mich. Ihr hattet doch auch einen Traum. Jetzt schweigt ihr nur. Ich kenne eure Sorte, ihr wart nicht immer Bremsklötze, neiiiiiiin, ihr wolltet auf eine Bühne, stimmt’s? Und dann habt ihr euch ausgebremst, fremdbremsen lassen. Habt euch verfestigt … habt Kanten bekommen und seid geschrumpft, ihr müden Maulwürfe, bleibt nun immer nur an eurem einen Platz, blind bremsend und lösend. Einzig der Wind, der euren Bremsstaub davonträgt, umarmt euch. Ihr tut mir so leid. Ihr tut mir sooo leid … (Weint) Warum? Waaarum tut ihr mir sooo leid …?
11. Halt: Lebensberatungen BRENNER Das ist nicht wahr! Herr Bruno! Sind Sie’s? Mensch, ist ja Ewigkeiten her! Was macht die Schauspielkarriere? BRUNO Zugbegleiter. Sie haben mich doch zur Bahn geschickt. BRENNER Bahn? Nicht Bühne? Sicher? Nun, ob Bahn oder Bühne: gleicher Unterschied. BRUNO Frau Brenner, ich habe mich ablenken lassen. BRENNER Ach was …
MF-SCHWEIG.-GESTALT (tritt auf, schaut umher, zieht sich ein Bettlaken über den Kopf, schwebt über die Bühne und tritt ab) BRENNER Sie haben sich entwickelt. Tun wir alle. Ich war mal Berufsberaterin – jetzt bin ich Lebensberaterin! BRUNO … BRENNER Ein wenig Abdriften schadet nicht. Nostalgisches Verweilen bei Was-mal- war … Langzeitbeziehungsweisheit. Ach, Bernd. Wir haben wirklich alles versucht: Paartherapie, Sex nach Plan, Probetrennung, Schweigestunden. Spiegelgespräche. Bernd, das war mein Mann. Es geht mir besser seit der Trennung. Ich bin bei mir geblieben. Wer bei sich bleibt, bleibt, und wer bleibt, lebt. Deine kräftigen Buchhalterumarmungen fehlen mir schon. Wir könnten doch … nur noch einmal, Bernd. Ein einziges Mal, den alten Zeiten zuliebe. In deinem Buchhalterbüro. Aber ach … Es ist vorbei. Ablegen … Der Job gibt mir Halt, umarmt mich. BRUNO Und wer umarmt mich? BRENNER Herr Bruno, Sie haben doch einen Job, der Sie erfüllt? Ablenken, haben Sie gesagt … Ich … verstehe das nicht ganz … Das mit Luc war eine kurze Sache. Der hat nicht geredet. Typen, die über Gefühle reden, das ist eine Seltenheit. Haare hatte der. Bitte … führen Sie aus. Sie haben also einen Job, der Sie erfüllt? BRUNO Ich streife durch die Wagen. Leute staunen am Gotthard über schöne Landschaften. Ich warte nur aufs Schichtende. Sitze abends bei meiner Modellbahn im Keller, lasse meine Züge eine Runde drehen. Leeres Ratter-Ratter. Endlosschleife ohne Ziel. Seit wann vermisse ich mich? BRENNER Ich würde heute auch alles anders machen … Bernd, vermisst du mich? BRUNO Da muss doch noch was kommen? Durchatmen? Bis wann? Soll ich durchatmen, Frau Brenner, bis zum Ende? Bis fertig ist mit Atmen? Da war dieser Moment vor zwölf Jahren … MF-SCHWEIG.-GESTALT / MF-MARTA-TELEFON (tritt wieder auf, legt dann das Laken ab und wird zu MF-Marta-Telefon) Rückblende! Vor zwölf Jahren. (MF-Marta ruft Bruno an.) Bruno? BRUNO Marta? Modellbahn-Marta? Kanada-Marta? Ski-Marta? Sitzplatz 143-Marta? MF-MARTA-TELEFON Ein Zug ist durchgebrannt. Bremsstörung. Hat drei meiner Schafe umgenietet. BRUNO Du vermisst mich? MF-MARTA-TELEFON Hättest du den Zug gebremst, wär das nicht passiert. BRUNO Erinnerst du dich an das Morgenrot über dem Genfersee?
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32. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik
EIN MANN / EIN WORT 06. – 08.03.
Highlights März
Bullshit 14. & 15.03.
Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee 15. – 17.03.
28.03. – 18.04.
Stück Wer bremst, bleibt MF-MARTA-TELEFON Das Rot, das du mir geschenkt hast, verlässt mich nicht. BRUNO Haust in der Frühschicht die Müdigkeit in meinen Gliedern und macht Neonlicht die Nacht zum Tag und weht in Gelterkinden ein Güterzug an mir vorbei und meine Mütze im Wind, dann denke ich an dich. In fast leeren Zügen sage ich Pine Falls als nächsten Halt an. Dann höre ich dich lachen und Joni Mitchells Stimme. MF-MARTA-TELEFON Wie geht es deinen Bremsen? BRUNO (zum Publikum) Warum ruft die mich an? Jetzt, nach zwei Jahren? MF-MARTA-TELEFON Bruno, ich wüsste einen Job für dich: Bremser bei der Central Manitoba Railway. Könntest in zwei Wochen beginnen. Komm rüber. Komm zu mir. Ich vermisse dich. BRUNO Das glaub ich nicht. MF-MARTA-TELEFON Komm zu mir. BRUNO Echt? MF-MARTA-TELEFON Ich vermisse dich. Ich vermisse dich! Ich vermisse dich!! Ich vermisse dich!! BRUNO Wow! Wow … Ich … ich bin dabei. Packe gleich meine Sachen und flieg zu dir! Ja, Marta. Ja. Ja. Ja! Ich bin schon unterwegs. MF-MARTA-TELEFON Freu mich auf dich! BRUNO Basel, adieu! Ich fahre nach Manitoba zu Marta. MF-MARTA (Englisch ausgesprochen) Mar-tha. Maaar-tha. BRUNO Maaar-tha hat einen Job für mich und will, dass ich nach Maahnitobaah in Kääähnnedaaa komme. Irina wird staunen! Endlich mache ich das Richtige: Bruno der Kündiger. Ich will Irinas Gesicht sehen. Ich bin jetzt (Englisch ausgesprochen) Brew-noh. (Zum Publikum) Basel ist nicht das Ende. Basel ist vorbei, ich gehe! Freudenstille. Dann sehr leises, aber erbarmungslos lauter werdendes BrzzzZZZZ!
12. Halt Traumtanz Das sehr laut gewordene Brzzz! bricht abrupt ab. Zug-Tango. Selbes musikalisches Motiv wie beim Zettel-Suchen, nun sehr träge. Alle tanzen, schweben, irren herum oder stehen nur verdutzt da. Sie summen evtl. die Melodie, spielen ein Fragment, dann wieder wie vorher. Zug-Tango. BRENNER Bruno, wie geht es dir? BRUNO Blendend! … „Le personnel d’accompagnement des CFF vous souhaite la bienvenu et un agréable voyage a bord de l’intercity à desti-
nation de Sargans, London. Winnipeg. Non! New York. Prochain arrêt. L’arrêt prochain“ … Zug-Tango. MF-ERNA Wozu dient eine Notbremse, wenn ich sie nicht benutzen darf? BRUNO Dement hin oder her, das ist vorsätzliche Störung des Bahnbetriebs! Bin ich Schaffner oder bin ich Pfleger? Raus! MF-ERNA Herr Schaffner, Sie haben einen Krötenarsch. Genau wie meine Enkelin … Zug-Tango. BRUNO … Eh … was wollte ich jetzt sagen? … Zug-Tango. BRUNO … Da draußen das Meer! Die kecke Giraffe winkt mit ihren Hufen. Setzt ihre Brille auf. MF-ERNA Ja, das höre ich oft, dass ich einer Giraffe gleiche … Zug-Tango. BRENNER … Bruno, wie geht es dir? BRUNO … Mmm … Mmm … Wie geht es mir? Zug-Tango. BRUNO … Du hast aber viel Klopapier hinter deinem Schreibtisch, Irina. MF-IRINA … Ich muss mich um viel Scheiß kümmern … Zug-Tango. MF-IRINA … Bruno, wie geht es dir? Zug-Tango. BRUNO … „Liebe Fahrgäste, die Schlange in Wagen 7 serviert Giftbisse am Platz. Weichen Sie ihr aus, wenn Sie am Leben hängen. Bitte keine Panik, ist genug für alle da!“ … Zug-Tango. BRENNER … Bruno …? BRUNO (zum Publikum) Wie geht es mir? … Zug-Tango. MF-IRINA Wolltest du nicht mal nach Manitoba? (Äfft Bruno liebevoll nach) „Irina, ich gehe! Bin schon unterwegs. Ich packe gleich meine Sachen. Ich kündige. Ich bin Brewwwwnonoh! Endlich mache ich das Richtige.“ Manitoba hat angerufen, und Bruno geht … zu seiner Martina. BRUNO Marthhaa … sie heißt Martha. MF-IRINA Warum nur bist du damals nicht gegangen? Sag, warum? Was hat dich zurückgehalten? BRUNO Ich … ich wollte nichts überstürzen. MF-IRINA Hättest kündigen sollen. Gehen, als dich Kanada rief!
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Änderungen vorbehalten
Regie B. A.
Bewerbungsfrist
→ → 09.03.2025
Zeitgenössische Theaterformen Film | Performancepraktiken
Dramaturgie M. A.
Bewerbungsfrist
→ → 31.03.2025
Stück Silvan Rechsteiner BRUNO Nie überstürzen … MF-IRINA Kanada ist sehr ruhig – ausgeglichene Menschen. Täte dir gut. BRUNO Mag sein. Aber bleiben wir bei uns. Solange wir nicht wissen, wie es uns geht, sollten wir bleiben, wo wir sind … Sie hieß Martha …
13. Halt: Sein bei dir – Song Der Zug-Tango wandelt sich fließend in einen feinen, zerbrechlichen Tombeau. Gesprochen oder sanft gesungen. Brenner und MF singen mit. BRUNO Ich wollte sein bei dir. Ich wollte dies, ich wollte das. Wollte dort sein, niemals hier. Wollte dies, wollte das, ich wollte mehr. Du entgleist mich, entgleitest mir. Ich wollte dies, ich wollte das. Ich wollte sein bei dir. Ich wollte so viel mehr. Bitte sage mir: „Komm zu mir!“ Nein, bitte sag’s nicht! Bitte lass mich hier, lass mich bleiben. – Nein. Nein! Bremse mich, lass mich fahren, lass mich treiben.
14. Halt: Letzter Zug Plötzlich, laut, aber nur einige Sekunden: BRZZZZ! BRUNO Billette bitte. BRENNER Herr Bruno?! Sind Sie … wirklich?!? Hatten Sie denn keine Auszeit? Betrieblich angeordnet und so? BRUNO Billette bitte … BRENNER Ist das … Macht der Gewohnheit? BRUNO Billette bitte … BRENNER Ehrenamtlich? BRUNO Billette bitte … BRENNER Freischaffner? Ohne Entsoldung? BRUNO Bitte … BRENNER Ein Bruno ohne Lohn? BRUNO Ich kann rumfahren, wie es mir passt. Bleibe ich sitzen? Steige ich aus? Ich bin wie eine Bahnhofstaube … Schauspielerinnen, Zugbegleiter, Kundenberaterinnen, Sterbebegleiter, auf Dauer alles Aussteigende. Reisende auf Zeit … Wie der arme Arnold mit der Leberverfettung, der sich schon vor langer Zeit ausrangiert hat und von dem niemand weiß, ob er lebt oder im Grab fault oder hier herumspukt. Wir treffen uns alle irgendwann bei ihm, in seiner Halle, im Enddepot in Basel, wo alles endet. Marta hatte recht. MF-MARTA Wer bremst, bleibt. BRUNO Das ist mein Satz. Brzzz! //… // Brzzz! // … // Brzzz!
Ich zähle deine Schafe, warte, warte, bis ich schlafe. Die Jahre, die wir verbrachten, waren die seltenen Jahre, die mich singen machten. Jetzt jage ich Gleisen nach. Und du hütest Schafe. Hütest sie. Hütest sie, hütest sie, hütest dich, und niemand, niemand hütet mich … Nicht mal ich.
– ENDE –
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Theater der Zeit
Foto: Jean Rebiffé – Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48468499
Diskurs & Analyse
Salzburg Die Festspiele, der Fall Marina Davydova und die Kritik an Intendant Markus Hinterhäuser Dramaturgische Gesellschaft Ästhetische Formate der Erinnerungskultur: eine Tagung in Nürnberg Serie Dramaturgie der Zeitenwende: Ludwig Haugk „Das Problem mit der Apokalyptik“
Theater der Zeit 3 / 2025
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Kein „Jedermann“Theater Die Salzburger Festspiele, der Fall Marina Davydova und die nicht abreißende Kritik an Intendant Markus Hinterhäuser Von Stefanie Panzenböck und Lina Paulitsch
Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele
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Der Vorhang senkt sich wieder. Zumindest wenn es nach den Salzburger Festspielen geht. Als Ende 2024 Kritik an Intendant Markus Hinterhäuser laut geworden war, gaben er und die Festspiel-Präsidentin Kristina Hammer ein Interview. Das erste gemeinsame überhaupt seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit drei Jahre zuvor. Hinterhäuser: „Ich bin ein emotionaler, bisweilen impulsiver Charakter.“ Hammer: „Ich bin weder Erzieherin noch Gouvernante.“ Das Verhältnis der beiden gilt als angespannt. Es läuft schon länger nicht rund beim wichtigsten Klassikfestival der Welt. Im September 2023 wurde das gesamte „Jedermann“-Team – das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist das jährliche Herzstück des Festivals – vor die Tür gesetzt. Dabei hatte der Hauptdarsteller schon einen Vertrag unterschrieben. Cholerische Ausbrüche des Intendanten sollen an der Tagesordnung sein. Und Ende November 2024 wurde Schauspielchefin Marina Davydova plötzlich entlassen. Davydova, Jahrgang 1966, flüchtete im Frühjahr 2022 aus ihrer Heimat Russland. Ein halbes Jahr später holte sie Intendant Hinterhäuser als Schauspielchefin zu den Salzburger Festspielen. Seit dem vergangenen Sommer konnte die Öffentlichkeit beobachten, dass die Zusammenarbeit zwischen Davydova und ihrem Arbeitgeber nicht mehr gut funktionierte. In einem Interview kritisierte sie die künstlerische Ausrichtung der Festspiele. Ehemalige Angestellte berichten, dass Davydova und Hinterhäuser kaum noch miteinander gesprochen hätten. Am 28. November wurde Davydova fristlos entlassen. Anlass ist ein kleines Berliner Theaterfestival. Voices gibt russischen Emigrant:innen eine Bühne. Der Künstlermanager Karsten Witt, der das Festival verantwortet, beteuert, dass Davydova nicht einmal einen Vertrag hatte, nicht im Büro integriert war und nirgends öffentlich auftrat. „In Deutschland wäre das kein Entlassungsgrund.“ Das Direktorium der Festspiele sowie das siebenköpfige Kuratorium, eine Art Aufsichtsrat, sahen das anders. Davydova habe durch ihr Engagement „in vertragswidriger Weise keineswegs ihre volle Arbeitskraft den Salzburger Festspielen gewidmet und eine konkurrierende Tätigkeit bei einem anderen Festival ausgeübt“, antwortete Hinterhäuser auf Nachfrage. Die geschasste Schauspielchefin sprach von einem Vorwand und kündigte rechtliche Schritte an. Der Rauswurf entpuppte sich für die Festspiele als PR-Desaster. Nach einer großen medialen Debatte einigte man sich auf eine Abfindung und vereinbarte darüber Stillschweigen. Die Absetzung des „Jedermann“-Teams, die Entlassung Davydovas: Die Vorgehensweisen ähneln sich. Hinterhäuser, so scheint es, haut mit der Faust auf den Tisch. Andere räumen hinter ihm auf. Z. B. der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer, der im Kuratorium sitzt. Doch auch im Direktorium rumort es schon länger. Festspiel-Präsidentin Kristina Hammer bekleidet ihr Amt seit 2022. Die Deutsche trat in große Fußstapfen. Ihre Vorgängerin Helga Rabl-Stadler war international bekannter als der Intendant gewesen und in Salzburg bestens vernetzt. Intendant und Präsidentin galten als eingespieltes Duo. Die 56-jährige Hammer ist auf Marketing spezialisiert und hat für Autokonzerne gearbeitet. Als die Wahl auf sie als neue Präsi-
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Foto Von ÖB Berlin - Festkonzert anlässlich des AT-Ratsvorsitzes, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75019186
Diskurs & Analyse Salzburger Festspiele
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Der Rauswurf der Schauspielchefin Marina Davydova entpuppte sich für die Salzburger Festspiele als PR-Desaster. dentin der Festspiele fiel, waren viele überrascht. Es war mit einer Salzburgerin gerechnet worden. Gut ein Jahr nach ihrer Bestellung musste Hammer die Presseagenden an Hinterhäuser übergeben. Journalisten schrieben von der „Entmachtung“ der Präsidentin. Markus Hinterhäuser, Jahrgang 1958, gilt als ausgezeichneter Pianist. 1993 kam er erstmals zu den Festspielen. Er stand im Ruf des jungen Wilden, der das Establishment aufmischte. Seit 2016 ist er künstlerischer Leiter des Festivals. Er öffnete die Festspiele für die Neue Musik, bringt Opernraritäten auf die Bühne sowie große Künstler:innen nach Salzburg. Sein Vertrag wurde bereits zum zweiten Mal verlängert, nämlich bis 2031. Auch, weil die Zahlen stimmen. Die Auslastung liegt knapp unter 100 Prozent. Hinterhäuser tut sich schwer mit Kritik, etwa wenn es um seinen guten Draht zum Landeshauptmann Haslauer von der konservativen ÖVP geht, der mit der rechtspopulistischen FPÖ eine Koalition eingegangen ist. Als Schauspieler Cornelius Obonya deshalb zum Protest gegen Haslauer aufrief, tat Hinterhäuser dies als „Empörungsritual“ ab. Schriftsteller kritisierten Hinterhäusers Aussagen öffentlich. Der Intendant reagierte ungehalten auf offener Bühne. Nach einer Veranstaltung soll er einen Kritiker angepöbelt haben. Wie blank die Nerven lagen, zeigt auch Hinterhäusers Umgang mit kleinen Medien. Axel Brüggemann ist ein in Wien lebender Deutscher, der über klassische Musik und die Festspiele berichtet. Zwei Abmahnungen flatterten bei ihm ins Haus, Absender: Markus Hinterhäuser. Brüggemann war einst dem Intendanten zugetan. Erst die Causa Teodor Currentzis führte zum Bruch. Der griechisch-russische Dirigent ist mit seinem Utopia Orchester Stammgast in Salzburg, positionierte sich allerdings nie zum Ukraine-Krieg. Die sanktionierte russische VTB-Bank finanziert sein Orchester MusicAeterna, angeblich auf Zuruf des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Festspiele ernteten für Currentzis’ Engagement viel Kritik – auch von Brüggemann. Nun soll er bestimmte Formulierungen nicht mehr schreiben dürfen, das Verfahren läuft. Vielleicht bringen Metaphern wie „der Festspiel-Bunker“ (Brüggemann) auch den Unmut über die Enge der Stadt zum Ausdruck. Hinterhäusers Lebensgefährtin Maria Wiesmüller kommt aus einer alteingesessenen Salzburger Familie. Sie arbeitet als Prokuristin bei den Osterfestspielen. Ihr Vater, Heinrich Wiesmüller, war von 1991 bis 1995 Festspielpräsident, bis Helga Rabl-Stadler übernahm. Und Lukas Crepaz, kaufmännischer Direktor, ist Hinterhäusers Firmpatenkind. Die aktuelle Debatte dürfte sich vor allem an verschobenen Machtverhältnissen entzündet haben. Eine neue, fachfremde Präsidentin, die mit bestehenden Strukturen hadert. Ein bisweilen erratischer Intendant, der Entscheidungen trifft, ohne an die Konsequenzen zu denken. Und politisch Verantwortliche, die den Vorhang schnell zuziehen, wenn Kritiker die Bühne betreten. Salzburg bleibt eine Festung. T
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An der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Institut für Schauspiel, gelangt voraussichtlich ab dem Wintersemester 2026/27 eine
Universitätsprofessur für Schauspiel mit dem Schwerpunkt Inklusion und Diversity Politics gemäß § 98 des Universitätsgesetzes und § 25 des Kollektivvertrages für die Arbeitnehmer*innen der Universitäten in Form einer Vollbeschäftigung, befristet auf 5 Jahre, mit Verlängerungsmöglichkeit auf unbestimmte Zeit zur Besetzung. Mindestentgelt lt. Kollektivvertrag: € 6.604,30 brutto monatlich. Den vollständigen Ausschreibungstext samt weiterer Informationen finden Sie unter https://csc-kug.at/studierende/jobinfo/ stellenausschreibungen-kug
An der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Institut für Schauspiel, gelangt voraussichtlich ab dem Sommersemester 2026 eine
Universitätsprofessur Dramaturgie für Schauspiel und interdisziplinäre musikalische Projekte gemäß § 99 des Universitätsgesetzes und § 25 des Kollektivvertrages für die Arbeitnehmer*innen der Universitäten in Form einer Teilbeschäftigung im Ausmaß von 50% einer Vollbeschäftigung, befristet auf 5 Jahre, zur Besetzung. Mindestentgelt lt. Kollektivvertrag: € 3.302,15 brutto monatlich. Den vollständigen Ausschreibungstext samt weiterer Informationen finden Sie unter https://csc-kug.at/studierende/jobinfo/ stellenausschreibungen-kug
Diskurs & Analyse Dramaturgische Gesellschaft
„Nur die Kunst kann uns retten“ Ästhetische Formate der Erinnerungskultur: Die Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Nürnberg Von Elisabeth Maier
In Zeiten, da die Kulturschaffenden wegen drastischer Kürzungen mehr denn je um ihre Existenz fürchten und kämpfen müssen, sind ihre Aufgaben größer denn je. Kunst hat die Kraft, mit ästhetischen Mitteln neue Wege aufzuzeigen. Angesichts von Rassismus, Rechtsruck in der Gesellschaft und einer verblassenden Erinnerungskultur muss das Theater Haltung bewahren. Mit neuen Formaten ein kunstfernes Publikum zu erreichen, das ist die große Herausforderung. Wie das im Theaterbetrieb gelingen kann, diskutierten 350 Dramaturg:innen aus dem deutschsprachigen Raum bei der Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft am Staatstheater Nürnberg. „Remember, Resist, Represent“ hatten sich die Theatermacher:innen als Thema gesetzt. Wissenschaftler:innen und Kulturschaffende aller Sparten bereicherten den lebendigen Diskurs. Die Angst vor der wachsenden Macht der Populist:innen war bei vielen der Workshops und Gespräche Thema. Dass die Rechtsradikalen so viel Zulauf haben, liegt auch am schwindenden Geschichtsbewusstsein der jungen Generation. Ein Leitfaden der Tagung war daher der Umgang mit der Vergangenheit. Da haben die Bühnen die große Chance, Narrative zu verändern und umzudeuten. Der Veranstaltungsort hätte für dieses Thema nicht spannungsgeladener sein können. In der fränkischen Stadt fanden von 1933 bis 1939 die Reichsparteitage der Nationalsozialisten statt. Auf dem Gelände steht noch die Kongresshalle – ein unvollendetes, monumentales Zeugnis der damaligen Herrschaftsarchitektur. In den Innenhof des Gebäudes will die Stadt nicht nur eine neue Spielstätte für das Staatstheater bauen. Auch die freie Kunstszene und performative Kollektive sollen dort eine neue Heimat finden. Der Neubau wird von dem Stuttgarter Architekturbüro
Erinnerungskultur ist eine der großen Aufgaben einer Kunst, die gesellschaftlich relevant bleibt. 74
LRO Lederer + Ragnarsdóttir + Oei geplant. Er soll im Innenhof platziert werden und Bühne, Zuschauerraum, Orchesterprobenraum sowie bühnennahe Funktionsbereiche umfassen. Die Fassade wird vollständig begrünt. Das setzt einen starken Kontrast zur martialischen Architektursprache des Kongresszentrums. Was sich auf den ersten Blick aus Widerspruch anhört, macht für Professor Hans-Joachim Wagner viel Sinn. „Mit der Sicherung der architektonischen Zeugnisse der ehemaligen NS-Reichsparteitage verbindet die Stadt Nürnberg das Ziel, das historische Areal als authentischen Lernort zu bewahren und perspektivisch im Bereich der Kongresshalle Raum zu schaffen für Produktion und Präsentation von Kunst und Kultur“, sagt der Leiter der Stabsstelle für die neue Nutzung des Areals. Geschichtliche Zeugnisse abzureißen, ist für ihn undenkbar. Das sieht auch der Stuttgarter Architekturprofessor Stephan Trüby so, der über „Rechte Räume“ geforscht hat. Um die Erinnerung an die Geschichte wachzuhalten, bedürfe es „eines kreativen Umgangs“. Dass an dem historisch kontaminierten Ort die Oper ihre Ausweichspielstätte bekommen soll, ist in Nürnberg umstritten. Der stellvertretenden Opernchef Johannes Casimir Eule hat ein Forschungsprojekt zur Funktion der Oper in der NS-Zeit angestoßen und realisiert. Komponisten wie Richard Wagner wurden von den Nazis für ihre Herrschaftsfantasien missbraucht. Damit müsse man offen umgehen, ist Eule überzeugt, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.
Dokumentartheater von Dura und Kroesinger Die Narrative der Rechten verleugnen die Vergangenheit. Für die Theater ist es da umso wichtiger, diese Geschichten in die gesellschaftlichen Diskurse zurückzuholen. Da leisten die Bühnen viel. In einem Workshop stellten Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ihr Karlsruher Projekt „Stolpersteine Staatstheater“ vor, mit dem sie 2016 zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen waren. „Wir haben die Geschichte von Mitarbeitenden des Theaters aufgearbeitet, die von den Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und getötet wurden“, bringt Kroesinger das Konzept auf
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den Punkt. Die Idee kam vom damaligen Schauspieldirektor Jan Linders. Für das Dokumentartheater forschten Dura und Kroesinger in Archiven. Aus dem Archivmaterial erarbeiteten sie mit dem Ensemble einen Theaterabend, der das Publikum mit der dunklen Geschichte des Hauses konfrontierte. Besonders erschüttert hat Regine Dura, „dass die Menschen im Theater ihre jüdischen Kollegen gemobbt haben“. So wurden auch die Kunstschaffenden zu Tätern. Das Publikum saß mit den Schauspieler:innen am Tisch und reichte die Dokumente weiter. Niemand konnte sich der Abrechnung mit der Nazi-Vergangenheit entziehen. Wie der Theaterabend auch das Ensemble berührte, hat Regine Dura fasziniert. Eine Schauspielerin habe nach der Produktion selbst die Initiative ergriffen und Stolpersteine auf den Karlsruher Straßen gereinigt.
Schauspiel Premiere 08.03.25
Social Media als Bühne der Welt Dass der Schoß für rassistische Übergriffe auch in der Gegenwart fruchtbar ist, zeigt der Übergriff auf ein Wohnheim für Geflüchtete im Mannheimer Stadtteil Schönau im Jahr 1992. In der ehemaligen Gendarmeriekaserne soll ein Asylbewerber ein Mädchen vergewaltigt haben. Da entlud sich die Wut der Menschen in dem Stadtteil. „Ein schreckliches Trauma für die Menschen, die bereits auf der Flucht Schreckliches erlitten haben“, berichtete Beata Anna Schmutz, die das Stadtensemble des Nationaltheaters leitet. Mit Texten der Autorin Antigone Agkün hat sie 2022 mit den Spieler:innen ein Stück entwickelt, das die Ereignisse ganz nah in die heutige Zeit holt. Mit Theaterlaien aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Kulturen forscht Schmutz über Themen, die die Stadt bewegen. Obwohl Investoren in dem Arbeiterviertel bauen und die Wohnquartiere aufwerten, kommt es in Schönau auch heute noch zu Polizeieinsätzen und Gewalt. „Die Erinnerung an das Pogrom darf nicht vergessen werden“, ist Schmutz überzeugt. Erinnerungskultur ist eine der großen Aufgaben einer Kunst, die gesellschaftlich relevant bleibt. Eine Chance, diese Inhalte zu vermitteln, bieten gerade die neuen Medien. In der hochkarätig besetzten Abschlussdiskussion der Nürnberger Tagung rief der Schauspielprofessor Caspar Weimann die Theaterschaffenden dazu auf, die Digitalität, insbesondere Social-Media-Platt formen, als „größte Bühne der Welt“ zu bespielen und sie nicht der Neuen Rechten als Propaganda- und Radikalisierungsmaschine zu überlassen. Die Schriftstellerin Lena Gorelik setzte dem Begriff der Erinnerungskultur den der Erinnerungsarbeit entgegen, und die sei manchmal auch „unangenehm und mühevoll“. Der Literaturwissenschaftler und Kurator Ibou Diop formulierte, dass Erinnerungskultur zwar politisch sei, aber mit ihr nicht Politik gemacht werden dürfe und dass die Kunst und die Zivilgesellschaft diese Praxis daher nicht der Politik überlassen dürfe: „Politik hat momentan die Tendenz, Gesellschaft homogenisieren zu wollen – und das ist gefährlich für uns. Nur die Kunst kann uns retten. Kunst hat die Möglichkeit, Gesellschaften zu entwerfen. Sie sagt nicht nur, was ist, sondern, was sein könnte.“ T
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Mephisto
Staatstheater Braunschweig
Diskurs & Analyse Serie: Dramaturgie der Zeitenwende #06
Das Problem mit der Apokalyptik Von Ludwig Haugk
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Foto Abraham_OSTEN
Ludwig Haugk, geboren 1978 in Hoyerswerda, ist Dramaturg am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und leitet zusammen mit Christine Leyerle und Aljoscha Begrich das OSTEN-Festival in Bitterfeld-Wolfen.
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Diskurs & Analyse Serie: Dramaturgie der Zeitenwende #06 „Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents.“ Irgendwas stimmt nicht an diesem ersten Satz. In seiner Rede geht es Scholz darum, klarzumachen, dass Putin versucht, eine „Zeitenwende“ mit martialischer Gewalt zu erzwingen. Die „Zeitenwende“ ist ein Motiv der Eschatologie: die Fantasie vom Ende der Geschichte. Aber, möchte man antworten, ob dieser Versuch eine „Zeitenwende“ ist oder wird, liegt daran, ob wir es zulassen. Scholz hätte also eigentlich sagen müssen: „Der 24. Februar markiert den Versuch Putins, eine Zeitenwende herbeizuführen.“ So wie es ihm formuliert wurde, bestätigt er Putins „Zeitenwende“-Irrsinn. Für ein wichtiges Anliegen, die Sensibilisierung der Gesellschaft für eine große Gefahr, lässt sich Scholz in fahrlässiger Weise auf die apokalyptische Rhetorik Putins ein. Nicht zu reden von der seltsamen Blindheit gegenüber der fatalen „Dramaturgie der Zeitenwende“, nach der Putin diesen Krieg vorbereitet und bereits 2014 begonnen hatte. Wir hatten sie im politischen Diskurs schon abgeschrieben, die Apokalypse. Nach dem Faschismus und seiner „END-“ Rhetorik, vor allem aber angesichts der konkreten Verbrechen, die in diesem Wahn des „Zuendebringens“ begangen wurden: des systematischen Mordes an Millionen von Menschen, der Zerstörung, des brutalen Krieges gegen die Sowjetunion, der Auslöschung von Biografien, Gedanken, Aufklärung, Poesie, Kindheit, Sinn, Leben. Jetzt finden wir uns wieder als Statist:innen inmitten vielfältiger „Dramaturgien der Zeitenwende“, die politische Apokalyptik von rechts hat Hochkonjunktur. Sie gehört zum rhetorischen Arsenal des patriarchalen Autoritarismus und Imperialismus, geschult an Rom, Napoleon, den kolonisierenden Monarchien und Diktaturen. „The golden age of America begins right now“, verkündete Donald Trump am 20. Januar und begann sofort damit, seine Dramaturgie des Versuchs einer „Zeitenwende“ umzusetzen. Zur christlichen Apokalyptik gehört die Parusie: die Naherwartung, das „right now“ der Wiederkehr des Messias als Moment der Entscheidung.
Apokalyptik als Ideologiekritik Die Apokalyptik ist aber eigentlich eine Kunst der Verfolgten und Bedrängten. Die Erzählung vom Ende der Zeit ist das letzte Privileg derer, die unter der Obszönität der Macht, der Gewalt der Mehrheit, unter Unterdrückung und Ungerechtigkeit leiden und hoffen, dass diese ein Ende finden können. Ahistorisch und zugespitzt gesagt, ist die Apokalypse als rhetorische Figur im Kern anti faschistisch, weil sie das Ende der bestehenden Gewaltordnung in Zeiten beschreibt, in denen dieses Ende undenkbar erscheint. Das Problem an der Apokalyptik ist der Messias, die Hoffnung auf einen Deus ex Machina. Die Kirche hat mit der „verzögerten Parusie“ 2000 Jahre lang gerungen und nur mittelgute Lösungen gefunden. Mit einem einzigen Satz hat Kafka das Problem gelöst und die Apokalyptik jenseits marxistischer Billigeschatologie für das säkulare Zeitalter gerettet: „Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig sein wird, er wird erst nach seiner
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Bundeskanzler Scholz ließ sich damit in fahrlässiger Weise auf die apokalyptische Rhetorik Putins ein.
Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am allerletzten.“ Apokalyptik mit Kafka heißt Ideologiekritik. Denn in den Händen der Macht ist die Apokalyptik eine Katastrophe, weil sie hier niemals ohne Lichtgestalt und die verheerenden Folgen dieser selbsternannten Messiasse des Realen auskommen wird. Vielleicht müssen wir die Apokalyptik im Theater als das zurückbehaupten, was sie ist: ein Mittel der politischen Kunst? Theater dürfen Zeiten wenden, übertreiben, töten, Gespenster und den Messias auftreten lassen, Götter dürfen fallen, Tyrannen stürzen. In einer kleinen Apokalypse deutet Horatio am Beginn von „Hamlet“ die Erscheinung des Geistes nicht im Sinne der privaten Mordgeschichte mit politischen Implikationen, sondern als Zeichen für das Ende einer Welt auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands: „In der Blütezeit des großen Roms standen, kurz bevor der mächtige Julius fiel, die Gräber leer, und Tote in Leichentüchern kreischten und heulten in den Straßen Roms.“ Ich
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12 APRIL 25 ↙
THEATER * PERFORMANCE * TANZ * PHYSICAL THEATRE www.ringlokschuppen.ruhr
Diskurs & Analyse Serie: Dramaturgie der Zeitenwende #06 Was verbindet Wolfen mit Marseille, was hat Hamburg mit Charkiw, Washington mit Rom zu tun?
wünschte, wir könnten der Politik die Apokalyptik entreißen, sie zurück ins T heater bannen, wo sie hingehört. Oder schillere ich da zu sehr? Die Schaubühne als der Ort, an dem die Schurken auf den Richtplatz geschleppt werden, an dem die Gerechtigkeit ins Werk gesetzt wird und die Lügner entlarvt werden etc.? Letztens wurde Olaf Scholz in dem Theater, in dem ich arbeite, gesichtet. Er hat sich „Anthropolis“ angesehen, Karin Beiers monumentalen Versuch, den Ursprung der gesellschaftlichen Kommunikationsstörung anhand der Theben-Story zu analysieren. Was es in ihm ausgelöst hat, werden wir wohl nie erfahren.
Surrealismus + Antifaschismus Mehr durch einen Zufall lande ich – immer noch ratlos – in der Ausstellung „Surrealismus + Antifaschismus“ in München (noch bis 20. März). Die Ausstellung ist nicht weniger als die Antwort auf die Frage nach einer Dramaturgie in Zeiten der Dramaturgien der Zeitenwende. Genau recherchiert wird in der ganzen Vielfalt der künstlerischen Entwürfe, Aktionen, Biografien, Zusammenarbeiten das antifaschistische Profil der Surrealist:innen nachgezeichnet. Schon der Titel beeindruckt in der Präzision: Kein „und“, sondern ein „+“. Die Ausstellung hat nur ein einziges Problem: Sie ist kaum zu bewältigen. Bereits in der Mitte muss ich mich setzen, zum Heulen traurig, erschlagen von der Fülle der Informationen (ich oute mich als kunstgeschichtlich nicht gebildet – einen Großteil der Künstler:innen kannte ich bis dato nicht), erschüttert von der Kraft, dem Humor, der Fantasie, dem Kampfgeist der Arbeiten und Dokumentationen. Es ist zu viel, weil es viel war – ihr Problem ist das utopisch Schöne an dieser Sammlung. Auf einem Foto ist zu sehen, wie eine Person rauchend Bilder von Max Ernst in eine Platane hängt. Die Aufnahme entstand im Garten der V illa Air Bel in Marseille, wo 1941 eine Gruppe von Exilant:innen verzweifelt auf Visa für die Ausreise nach Übersee wartete. Von heute aus betrachtet, hält das Bild einen Moment der Antizeitenwende fest: einen Ausbruch der Kunst aus dem Gefängnis, das die Realapokalyptik des Faschismus ihr zuweisen wollte.
Osten in Wolfen Wolfen im Juni 2024. Meine Kollegen Aljoscha Begrich, Susanne Beyer, Christian Tschirner, Martin Naundorf und Anne Diestelkamp haben die zweite Ausgabe des Festivals OSTEN organisiert. Inmitten einer Stadt, die bis heute in einem tiefgreifenden Wandel vom Chemieindustriezentrum zu Keiner-kann-sagen-Was steckt, gelang es, künstlerische Avantgarde und Bevölkerung nachhaltig miteinander zu verbinden. Als eines der Projekte fand sich an
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einem Sonntagnachmittag ein bunter Haufen von ca. 70 Leuten zusammen, trug riesige Puppen durch die Straßen, laut, bunt, schrill. An einer Kreuzung traf das wandelnde Theaterstück auf eine motorisierte Demo: eine rechte „Bürgerbewegung“ hatte zum Autokorso gegen „die Ampel“ aufgerufen, Hunderte Autos (Pick-ups, Firmenwagen, Familien-Toyotas) fuhren an uns vorüber mit Russland- und Reichsbürgerfahnen. Selbst ohne die Hupen hätte der Lärm der Motoren den Gesang der kleinen Kunstparade übertönt.
Im Zweifel für den Zweifel Was verbindet Wolfen mit Marseille, was hat Hamburg mit Charkiw, Washington mit Rom zu tun? Nichts, außer vielleicht ein leises Trotzdem. Theater und Kunst werden gegen marschierende Apokalyptiker nichts ausrichten. Wir halten Putin nicht auf, weder mit einem Lyrikabend noch mit einer Serie antiker Dramen auf der großen Bühne vor 1200 Zuschauer:innen. Es gibt sie nicht, die wirksame Kunst gegen rechts, es gibt kein politisches Theater, das im Abo „funktioniert“. Was also tun? Wenn Heiner Müller („Arbeiten ohne Hoffnung und ohne Verzweiflung“) nicht das letzte Wort haben soll, und das soll er nicht, dann muss doch jetzt hier noch eine Schlusssequenz kommen, die das alles zusammenbringt, was Positives, vielleicht ein Zitat? Okay, ich versuch’s: Theater gegen die Dramaturgie der Zeitenwende heißt Surrealismus + Antifaschismus, lieber draußen als drinnen und wenn drinnen, dann mit allem Donner, den wir haben, mit Apokalypsen und Trompeten. Es heißt, den Bedrängten, Geflüchteten, Gefährdeten Bühnen und Mikrofone geben. 14 Uhr Probenschluss, dann auf die Demo (auch wenn wir eigentlich nicht gerne zu so was gehen und nicht daran glauben, dass es etwas bringt), die falsche Kunst am richtigen Ort machen und andersrum, die Theaterbuden mit allem füllen, was wir haben, der Dummheit ein paar Minuten Zeit stehlen, peinlich sein, Bilder in die Bäume hängen, Bilder in den Bäumen erkennen. Denn nimmt man die Apokalyptiker:innen in der Politik ernst (und das sollte man, fürchte ich), werden die Spielräume nicht größer. Wir sind noch so reich, uns geht es noch gut, nutzen wir alles aus, was da ist. Nichts davon habe ich bisher geschafft. Aber es gibt keine Zukunft, außer man tut es. Und jetzt noch ein Song von Tocotronic, der unter jedem beliebigen Text stehen könnte, warum dann also nicht auch hier: „Im Zweifel für den Zweifel / Das Zaudern und den Zorn / Im Zweifel fürs Zerreißen / Der eigenen Uniform / Im Zweifel für den Zweifel / Und gegen allen Zwang / Im Zweifel für den Teufel / Und den zügellosen Drang / Im Zweifel für die Bitterkeit / Und meine heißen Tränen / Bleiern wird mir meine Zeit / Und doch muss ich erwähnen / Im Zweifel für Ziellosigkeit / Ihr Menschen, hört mich rufen / Im Zweifel für Zerwürfnisse / Und für die Zwischenstufen“ T
Weitere Texte zur Serie Dramaturgie der Zeitenwende finden Sie im Dossier unter tdz.de/zeitenwende
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Theater der Zeit
Foto Christine Tritschler
Report
„Romeo und Julia“ in der Übersetzung von Thomas Brasch. Regie Sophia Aurich am Rheinischen Landestheater Neuss
Österreich Kunstproduzenten vor dem Regierungsantritt der rechtspopulistischen FPÖ Neuss Marie Johannsen macht das Rheinische Landestheater zu einem sozialen Ort Dresden Die Bürger:Bühne am Staatsschauspiel mit neuer Leitung Trinidad und Tobago Karneval
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Erschütterungen von „Felix Austria“ Österreichs Kunstproduzenten in Theater und Literatur vor dem wahrscheinlichen Regierungsantritt der rechtspopulistischen FPÖ Von Michael Hametner
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Felix Austria – glückliches Österreich! Diese Wendung galt wohl auch der glücklichen Heiratspolitik Maria Theresias, die sich mit ihren Töchtern die Throne halb Europas sicherte. Claudio Magris, der Schriftsteller, sieht sie verbunden mit einem Kaisertum, das seit dem 19. Jahrhundert immer problematischer wurde und dem der Ausruf „Felix Austria!“ half, das Scheinbild von der märchenhaften Donaumonarchie am Leben zu halten. Heute spüren vermutlich nur die Sieger der Wahl vom 29. September vergangenen Jahres Lust, in den Schlachtruf „Glückliches Österreich!“ auszubrechen. Noch – jedenfalls als dieser Text verfasst wurde – laufen die Koalitionsgespräche zwischen der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei und der konservativen Volkspartei in Österreich. Zwar hatte Österreich schon zweimal die FPÖ in der Regierung, aber noch nie führte sie eine Regierung an. Eine Partei, die 1956 von einem österreichischen SS-Brigadeführer gegründet wurde und heute mit Herbert Kickl einen Obmann hat, der die Politik seiner Partei durch das Nadelöhr des Bekenntnisses zum Heimatland Österreich jagt und gegen Asylsuchende das Land zur Festung ausbauen will. Was werden diese Positionen für die Kultur- und Kunstszene Österreichs bringen? Ich habe mich in der Theaterszene und bei intellektuellen Protagonist:innen umgeschaut und umgehört für ein Situationsbild. Eines steht fest: Die Angst ist groß, demnächst von einem rechtsradikalen Bundeskanzler regiert zu werden. „Meine Zuversicht ist bescheiden. Sie liegt eher darin, dass die FPÖ erneut maßlos und letztlich Opfer der eigenen Dreistigkeit wird“, antwortet der Schriftsteller Josef Haslinger, der 1995 in seinem Roman „Opernball“ das Szenarium eines Giftgasanschlags auf den Wiener Opernball durch eine rechtsradikale Gruppe entworfen hat. Und Milo Rau, der als Intendant der Wiener Festwochen 2025 in sein zweites Jahr geht, sieht die Gefahr ähnlich: „Man weiß, was in Ungarn passiert ist. Man sieht es an der Slowakei, was passiert, wenn Neoliberalismus und Rechtsextremismus zusammenfinden. Was jetzt eine neue Konstellation ist. Ich denke, dass ist sehr gefährlich.“ Milo Rau will sein FestwochenProgramm als Gegenkraft aufbieten. Seine Freie Republik, die er im vergangenen Sommer ausgerufen hat und die wegen ihrer Ausrichtung an Idealen in Krisenzeiten manchen vormals Sympathisanten als Kritiker zurückgelassen hat, will in diesem Jahr sein Programm fortsetzen. Für Rau kann sich die Zivilgesellschaft auch außerparlamentarisch organisieren. Seine Freie Republik, sagt er, „ist eine Organisationsform, wo wir mit allen wohlgesinnten Menschen zusammenarbeiten, egal, welcher Partei“. Wie gesagt, solange die Koalitionsgespräche noch laufen und nichts vollzogen ist, dürfte allgemeiner Alarmismus nur Kraft absaugen. Ende Januar gab es am Wiener Volkstheater die Premiere von Elfriede Jelineks rund 40 Jahre altem Stück „Krankheit oder moderne Frauen“. Es war Claudia Bauers dritte Inszenierung großer österreichischer Literatur am Wiener Volkstheater. Nach Ernst Jandls „humanistää!“ und Ingeborg Bachmanns „Malina“ jetzt Elfriede Jelinek. Sie ist auf deutschsprachigen Bühnen eine viel gespielte Autorin. Mittlerweile gibt es zwei Stücke, die Amerikas mächtigsten Mann zum Kampf herausfordern. „Am Königsweg“ begann sie noch am Abend von Trumps erster Wahl zum Präsidenten 2017 zu schreiben, der zweite Trump-Kommentar mit dem Titel
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Foto Marcel Urlaub // Volkstheater
Report Österreich
Report Österreich „Endsieg“ (Regie Falk Richter) wurde im Dezember vergangenen Jahres am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt. Es zeichnet die Autorin und die sie aufführenden Theater aus, dass ihre Stücke in Zeiten der Gefahr für die Demokratie eine Rolle spielen. Das Wiener Volkstheater hat außerdem mit „Die Wand“ aus dem Zyklus „Der Tod und das Mädchen“ ein zweites Jelinek-Stück im Repertoire, dessen Inszenierung aber ziemlich verunglückt ist.
Jelinek und Claudia Bauer Wenn Claudia Bauer sich einen Jelinek-Text vornimmt, war einiger Einsatz an Theatermitteln zu erwarten und der kam auch. Dass die Aufführung kein Durchmarsch zum Erfolg wurde, liegt möglicherweise am Alter des Stückes. Es geht darin um das Urthema der Jelinek, zuerst die Analyse von Struktur und Mechanismus männlicher Machtstrukturen, dann die sprachaktionistische Befreiung vom Patriarchat. Das wird in „Krankheit oder moderne Frauen“ von der Autorin in einer Mischung aus Clownsspiel und Horror kraftvoll erzählt. Man stelle sich die Bühnenfarben grell und poppig vor, die Formen abstrakt, eine Tür kann der Eingang in den Uterus sein (Bühne Patricia Talacko), daraus und aus anderen Innenräumen gibt es Videoübertragungen (Videoart Max Hammel), die Kostüme (Andreas Auerbach) changieren stilistisch zwischen Clownsspiel und Jahrmarkt, dazu Live-Musik mit schrillen Vokalisen (Komposition und musikalische Leitung PC Nackt). Wie bei Claudia Bauer nahezu Regel: Alles ist ins Groteske gesteigert, diesmal zur heteronormativen Geisterbahn. Über die gerade stattgefundene Verwandlung ihrer beiden Frauen Emily (Annika Meier) und Carmilla (Lavinia Novak) in bluttrinkende lesbische Vampire geraten ihre Männer vor Wut außer sich (Elias Eilinghoff als Gynäkologe und Zahnarzt Dr. Heidkliff und Samouil Stoyanov als Steueranwalt Dr. Hundekoffer) und verwandeln sich in bellende Hunde. Um sie vom Zubeißen abzuhalten, wirft der Conférencier (Nick Romeo Reimann) eine Wurst in die Gasse, der beide sofort hinterherstürmen. Ihrer quasi „Entmannung“ folgt ihr nächster Auftritt als Jäger mit Gewehr. Sie schlagen zurück. Krankheit nennen die Männer die Selbstwerdung ihrer Frauen, die als lesbische Vampire dabei sind, aus Carmillas Kindern das Blut zu saugen. Was den Erzeuger entgeistert rufen lässt: „Eines sag ich dir: Eine Medea wirst du trotzdem nicht! Du bist und bleibst eine Hausfrau. Und wenn du nun stirbst, bis du eine tote Hausfrau!“ Die beiden Männer ballern hilflos in den Raum, in dem sie ihre Frauen vermuten, wo aber ruckzuck ein ganzer Chor freier Frauen (Wiens Schmusechor) in Schönheit aufersteht.
Was die produzierende Kunstszene am meisten fürchtet, ist eine Kulturpolitik, die ihre Interessen über die Vergabe von Fördermitteln durchsetzt. Theater der Zeit 3 / 2025
Szenen aus „Krankheit oder moderne Frauen“ von Elfriede Jelinek am Volkstheater Wien. Regie Claudia Bauer. Oben Elias Eilinghoff, Samouil Stoyanov, Annika Meier und Lavinia Nowak, links: Nick Romeo Reimann
Als vor 35 Jahren am Wiener Volkstheater zum ersten Mal Elfriede Jelineks Stück „Krankheit oder moderne Frauen“ aufgeführt wurde, gab es einen körperlichen Angriff auf die damalige Leiterin des Hauses, Emmy Werner. Der Angreifer von damals, der sie zu würgen versuchte, schien aus der Mitte der Wiener Gesellschaft zu kommen. Sie nannte ihn einen „soignierten Herren“, äußerlich gepflegt und kultiviert. Was mag der Neuinszenierung des Stückes durch Claudia Bauer am Wiener Volkstheater „von außen“ folgen, jetzt, wo Österreich in den Händen der FPÖ die Frau wieder mit der Rolle der Hausfrau besetzen will? In den laufenden Koalitionsgesprächen wurde gerade die „Herdprämie“ verhandelt. Ein kritisches Volkstheater von Jelinek/Bauer, mit der grellen Überzeichnung schlechten Männergeschmacks, ist von der FPÖ nicht gewollt, wenn sie sich die Pflege von Volkskunst und Brauchtum auf die Fahnen schreibt. Da kann man sich sicher sein, wohin künftig vor allem Gelder fließen werden. In die künstlerische Avantgarde jedenfalls nicht. Elfriede Jelinek soll kurz vor der Premiere zum Team gesagt haben: „Alles, wofür ich gekämpft habe, zerfällt gerade zu Staub.“ Was Claudia Bauer fast immer in ihren Regiearbeiten gelingt, ist die stilsichere Überhöhung. Darin ist sie sich mit der Autorin einig. Beide wollen nicht, dass „der Schauspieler sinnlos den Menschen nachahmt und eine andere Person dabei aus seinem Mund hervorzerrt, die ein Schicksal hat, welches ausgebreitet wird“, wie es der Conférencier sagt. Die Figuren bei Elfriede Jelinek sind Hüllen, in die sie Sprechmaschinen steckt. Der Text ist die Aktion. Dem folgt die Regie. Solange sie Figuren aufbaut, gelingt das bestens: Aus den Männern wachsen selbstgefällige Patriarchen, gefährlich und tatbereit. Bei Emily ist zu entdecken, wie sie sich als Vampir zu erkennen gibt. Carmilla leistet noch einmal alle Unterwerfungsschwüre unter Mann und Kinder, bevor sie sich bereitwillig in Emilys Arme wirft. Aber wenn das vorgeführt ist, fällt auf, dass viel Text folgt, gegen den die Regie im Grunde machtlos
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Nick Romeo Reimann. Rechts oben: Annika Meier und Lavinia Nowa
ist. Was wir auf der Bühne sehen, ist das (alt-)bekannte patriarchale Muster. Wie es ist, wenn der Fließtext aufgebrochen wird, war beim Conférencier zu erleben. Die Rolle ist aus zwei anderen Jelinek-Texten neu zusammengesetzt. Ihr Widerspruch aus Pflicht zur Spielleitung und gleichzeitiger Theaterverweigerung macht aus dem Conférencier einen Märtyrer, der Abwehr allen Heteronormativen folgend, einen weiblichen.
Einfluss auf Theater und Medien Das Fazit: Viel gelacht, aber so richtig gezündet hat der Abend dann doch nicht. Trotzdem, die Lage in Österreich im Frühjahr 2025 ist ernst. Bis jetzt hört man nichts von möglichen Folgen für Jelineks Stück in Bauers Regie am Volkstheater. Noch laufen die Koalitionsgespräche und „Volkskanzler“ Kickl bleibt in Deckung. Aber auf mögliche Proteste „von außen“ ist zu achten. Nagelprobe dürfte sein, wenn Milo Rau am 8. Mai Elfriede Jelineks 1985 am Theater in Bonn uraufgeführte Satire „Burgtheater“ auf die Bühne des Burgtheaters bringt. Die Autorin hat ihr Material für „Burgtheater“ im nahezu bruchlosen Übergang vom Nationalsozialismus zur Nachkriegszeit gefunden. Milo Rau plant für dieses Datum, dem Tag des Kriegsendes, mit dem Ensemble eine Lesung des kompletten ursprünglichen Stückes. „Die Fassung, die wir dann aufführen“, sagt er, „wird natürlich zeitbezogen verändert sein. Das Stück gilt einer Situation von vor über 40 Jahren, wir wollen auf die Situation heute reagieren, gemeinsam mit Elfriede Jelinek, die in der Inszenierung
Milo Rau plant für den 8. Mai eine Lesung des kompletten Stückes von Jelineks „Burg theater“ in der ursprünglichen Fassung. 82
auch zu sehen sein wird.“ Ob er am Tag der Premiere eine Wiederholung der Situation fürchtet, wie sie bei der Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ vor 37 Jahren eingetreten war? Es war der 4. November 1988 als der FPÖ-Nachwuchs auf dem Rang vom Burgtheater bei der Uraufführung von „Heldenplatz“ gegen Thomas Bernhard und Claus Peymann randalierte. Aus diesem „Nachwuchs“ ging mit Heinz-Christian Strache bis zur Ibiza-Affäre ein FPÖ-Chef und Vizekanzler hervor. Die Wut der FPÖ richtete sich seit ihrem Erscheinen auf Österreichs Bühnen gegen Elfriede Jelinek. 2016 stürmt eine Truppe von Neonazis aus den Reihen der FPÖ die Aufführung ihres Stückes „Die Schutzbefohlenen“ im Audimax der Wiener Universität. Das Stück „Burgtheater“ nannte sie „eine böse Posse mit Gesang“ und lässt darin zu ihren Lebzeiten „hochverehrte Burgtheater-Größen“ wie die Hörbiger-Brüder Paul und Attila und Attilas Frau Paula Wessely auftreten. Die Jelinek führt vor, wie wenig die Propagandasprache in der Nazikunst sich von der Sprache der Restauration ab 1945 unterschied. All das, was mit Begriffen wie „Volkskanzler“ und „Festung Österreich“ wieder zurückzukehren droht. Weil sie einen Theaterskandal heraufziehen sah, untersagte sie schon vor mehr als 40 Jahren Aufführungen des Stückes für Wien. Milo Rau weiß um das Risiko, das er eingeht, will ihm aber nicht aus dem Weg gehen: „Man muss sagen, dass Inszenierungen, die man nicht versucht zu verhindern, gescheitert sind.“ – Also dürfen wir in vier Monaten eine Nagelprobe für den Zustand der Demokratie in Österreich erwarten. Es könnte ungemütlich werden. Was die produzierende Kunstszene am meisten fürchtet, ist eine Kulturpolitik, die ihre Interessen über die Vergabe von Fördermitteln durchsetzt. Solange es noch ging, hat Werner Kogler, der auch für die Kultur zuständige Minister der Grünen, gemahnt, dass Förderbescheide auch unter einer neuen Regierung eingehalten werden. Aber schon wird dem öffentlich-rechtlichen ORF angedroht, er habe 15 Prozent seines Haushalts einzusparen. Populisten entwickeln immer große Begehrlichkeiten nach Einfluss auf die Medien und das Theater. Danach gefragt, sagt Josef Haslinger: „Es ist nicht so, dass man in einem europäischen Staat die Menschenrechte von einem Tag auf den anderen abschaffen kann. Das Spiel mit dem Gedanken daran ist freilich gefährlich genug.“ Er rechnet vor, dass 29,2 Prozent FPÖ-Wähler:innen nicht 29,2 Prozent der Österreicher:innen sind, sondern bei einer Wahlbeteiligung von 77,7 Prozent und dem Ausschluss von 1,5 Millionen in Österreich lebender Menschen ohne Staatsbürgerschaft entschieden weniger. Das Freie Theater Hamakom am Wiener Nestroyplatz lud Ende Januar zu einem Podiumsgespräch ein unter der Überschrift „Wie der Rechtsruck in Europa die Kunst herausfordert“. Dabei zu hören waren Alarmsignale aus der Slowakei und aus Bulgarien, die in Österreich deutlich wahrgenommen werden. Das widerspricht nicht Josef Haslinger, wenn er an Hölderlins Vers erinnert: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Doch auch er sieht hauptsächlich die Gefahr: „Die Menschen gewöhnen sich an ein Leben mit dem Unrecht, solange sie nicht persönlich davon betroffen sind. Aber wenn uns eine liberale Gesellschaft noch etwas wert ist, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als uns öffentlich einzumischen.“ T
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Marie Johannsen, Intendantin am Rheinischen Landestheater Neuss
Knitting Club, Spielonauten und Shakespeare Marie Johannsen baut das Rheinische Landestheater Neuss zu einem sozialen Ort mit offenem Foyer um Von Stefan Keim
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Ich bin falsch. Wie immer, wenn ich einen Interviewtermin am Rheinischen Landestheater Neuss habe, bin ich zum Bühneneingang marschiert. Da tut sich nichts, trotz Klingeln. Zufällig kommt Schauspieler Stefan Schleue vorbei, der später am Abend Pater Lorenzo in „Romeo und Julia“ spielen wird. Er nimmt mich mit nach vorne, ins Foyer, das zwei Stunden vor der Vorstellung längst geöffnet ist. Schon jetzt sind viele Leute da. Die neue Intendantin Marie Johannsen begrüßt gerade eine Gruppe aus Wiesbaden, wo sie vorher gearbeitet hat, die Theaterfans sind ihr nachgereist. Aus der ersten Etage des riesigen Foyers tönt Musik. Dort gibt es eine Mischung aus Konzert und Liedermacher-Workshop. Wenige Monate nach dem Start des neuen Teams weht ein anderer Geist durch das Haus. „Gleich zu Saisonbeginn haben wir das umgestaltete Foyer eröffnet“, erklärt Marie Johannsen funkelnden Auges und stolzen Gesichts. „Es war uns wichtig, direkt zu sagen: Wir sind da, wir sind offen, immer ab 13.30 Uhr bis Vorstellungsbeginn.“ So etwas wird gerade von vielen Theatern erwartet, auch das neue Opernhaus, das Düsseldorf nebenan bauen will, soll auch tagsüber geöffnet haben. „Natürlich musste sich das erst mal rumsprechen“, bestätigt Marie Johannsen, „dann wurden wir von einigen Neusser Gruppen annektiert. Jeden zweiten Montag trifft sich hier z. B. der Neusser Knitting Club. Die wurden aus einigen Cafés rausgeschmissen, weil sie zu wenig konsumieren. Da sind auch Frauen aus unserer Kostümabteilung dabei.“ Und schnell vermischen sich die Sphären, natürlich wird im Knitting Club auch über das Theater gesprochen. Ebenso bei den Spielonauten, einem Treffen, in dem Brettspiele ausprobiert werden. Nebenan ist die Musikschule. Wenn Eltern auf ihre Kinder warten, können sie das jetzt im geheizten Foyer tun. Und dass Leute nach dem Einkaufen hier mal schnell auf die Toilette gehen, ist auch erwünscht. „Mir ist es wichtig“, sagt die neue Intendantin, „dass hier ein konsumfreier Ort entsteht. Wir dürfen kein Elfenbeinturm sein, da treffen bürgerliche Theaterfans auf Menschen, denen es nicht so gut geht.“ Neuss ist eine Stadt der sozialen Gegensätze, was durch viele Geflüchtete in den vergangenen Jahren verstärkt wurde. Alle sollen nun das Theater als ihr Zuhause begreifen. Die Idee ist super, die Umsetzung meist kompliziert. Denn es muss ja irgendjemand da sein und nach dem Rechten sehen. „Das machen wir selbst“, sprudelt Marie Johannsen mit ungebremster Energie. „Wir proben meistens bis 14 Uhr, dann machen wir die Regiebesprechungen im Foyer. Die Leute sollen ruhig mitkriegen, wie es aussieht, wenn Theater gemacht wird.“ Auch verschiedene Formate der Theatervermittlung oder Konferenzen finden im Foyer statt. Und bei der Einrichtung hat spontan die Neusser Sparkasse geholfen. „Das sieht ja nicht nach einem Mega-Umbau aus“, sagt Marie Johannsen. „Aber so ein Eimer Farbe kostet schon was, auch der Werkstatttisch und die Lampen, die wir neu eingebaut haben – da kommt schon ein Sümmchen zusammen.“ Und wo bleibt das Theater? „Das ist unser Theaterbegriff“, erklärt die neue Intendantin. „In jedem Live-Ereignis kann man Theater ausmachen.“ Das vorgebildete Publikum wird immer weniger. Kurze Aufmerksamkeitsspannen sind keinesfalls nur in
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Foto Kerstin Schomburg
Report Neuss
Report Neuss der jüngeren Generation verbreitet. „Wir können auf nichts mehr aufbauen.“ Barrierefreiheit ist für Marie Johannsen eines der wichtigsten Ziele. Jeden Sonntagnachmittag gibt es Geschichten, Märchen, kurze Lesungen. „Das etabliert sich langsam, aber konsequent, weil wir einfach nicht aufgehört haben, es zu machen. Vielleicht ist mal nur ein Kind da. Ist aber egal, wir machen es trotzdem. Damit Kinder das Erzählen kennenlernen, auch mal Längen aushalten und vielleicht Geschichten weitererzählen. Das ist die Grundlage des Theaters. So entsteht ein verbindendes Gefühl.“
Shakespeare-Ort Neuss Aber wie ist das auf Gastspielen? Ein Landestheater sollte ja die Hälfte seiner Aufführungen in anderen Städten spielen, die kein eigenes Ensemble haben. Auch da bietet das Rheinische Landestheater eine Menge, immer eine Einführung, wenn möglich vorbereitende Workshops in Schulklassen, auf jeden Fall OnlineMaterial mit Videos. Viele Orte, die regelmäßig Gastspiele veranstalten, haben auch noch ein treues Publikum. Da ist es manchmal leichter, die Plätze zu füllen als in den Metropolen. Marie Johannsen ist Jahrgang 1991 und damit die jüngste deutsche Intendantin. Eine Dramaturgin. Der erste Spielplan ihres Teams besteht aus bekannten Stoffen, die allerdings manchmal in ungewohnter Form präsentiert werden. Mozarts „Zauberflöte“ gibt es in neuer musikalischer Fassung mit Anklängen an Falco, Queen und die Beatles sowie einem ausgebildeten Zauberer auf der Bühne. Und die Geschichte der Nibelungen als „Hildensaga“ von Ferdinand Schmalz, in der die Frauen Brünhild und Kriemhild im Fokus stehen. Die Geschichten bleiben erkennbar, die Form ist zeitgenössisch. Wie auch bei „Romeo und Julia“. Die Regisseurin Sophia Aurich hat eine Spielfassung auf der Basis der Übersetzung von Thomas Brasch erstellt. Auf weitgehend dunkler Bühne beleuchtet die Inszenierung die Motive jeder einzelnen Figur. Damit das gelingt, hat Sophia Aurich einige – wie Julias Fast-Ehemann Paris – weggelassen. Hergard Engert als Amme, Katrin Hauptmann als Mutter, Stefan Schleue als Lorenzo – sie alle entwickeln vielschichtige Charaktere, die Gutes wollen und dabei scheitern. Johannes Cotta spielt Tybalt und begleitet die Handlung live am Schlagzeug. Das Bühnenbild von Martha Pinsker unterfüttert Shakespeares berühmte Liebestragödie mit der Atmosphäre italienischer Spielfilme. Einige Dialoge zwischen Romeo (Stefan Siebert) und Julia (Nelly Politt) finden in einem Auto statt, die Gesichter rücken per Live-Video nah, sodass die besondere Intimität eines Gesprächs zwischen Fahrer- und Beifahrersitz ausgezeichnet rüberkommt. Auch den Raum des Rheinischen Landestheaters nutzt Sophia Aurich ausgezeichnet, Julias Balkon ist eine Balustrade an der Seite des Publikums. Shakespeare ist Pflicht in Neuss, weil das Landestheater im Sommer immer eine Aufführung zum Shakespeare Festival im Globe Theater an der nahegelegenen Rennbahn beisteuert. Und natürlich ist gerade „Romeo und Julia“ eine sichere Nummer auf
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Barrierefreiheit ist für Marie Johannsen eines der wichtigsten Ziele. Jeden Sonntagnach mittag gibt es Geschichten, Märchen, kurze Lesungen.
dem Gastspielmarkt. Oder? Marie Johannsen zerstört die scheinbaren Gewissheiten eines älteren Theaterjournalisten: „Shakespeare ist kein Selbstläufer mehr. ‚Romeo und Julia‘ haben sich auswärts kaum verkauft.“ Und was dann? Der Renner ist eine Uraufführung, „Mord im Schützenverein“, eine Komödie von David Gieselmann und Clemens Bechtel, die im März Uraufführung haben wird. Die Autoren haben vor Ort recherchiert und damit viel Neugier geweckt. Außerdem wird die Inszenierung im großen Foyer stattfinden, mit immersiven Momenten, das Publikum ist Teil einer Festgesellschaft.
Kreative Offenheit Der Mix aus bekannten Stoffen und Stücken, die nah an Stadt und Region sind, will Marie Johannsen weiterführen. „Große Geschichten sind nicht umsonst große Geschichten“, sagt die Intendantin und weiß: „Das sind Themen und Erzählungen, die nicht unbedingt dem Beuteschema der Feuilletons entsprechen.“ Doch in der ohnehin immer weiter schrumpfenden überregionalen Theaterberichterstattung vorzukommen, um die eigene Karriere zu pushen, ist gerade nicht angesagt. Zumindest nicht, wenn jemand ein kleines Theater erfolgreich leiten will. Geschichten erzählen, nah dran sein an den Interessen des Publikums und vor allem eine gewaltige Aufbauarbeit, um Leute ins Theater zu holen, die bisher wenig Berührungen hatten. Das ist Marie Johannsens Job. Erste Erfolge sind schon da. „Ich habe das Haus mit einer Auslastung von unter 60 Prozent übernommen“, sagt die Intendantin. „Nun sind immerhin schon die nächsten drei Premieren ausverkauft.“ Ein Schock war allerdings gleich bei Amtsantritt die Eröffnung der NRW-Kulturministerin, dass die Tariferhöhungen 2024 nur unvollständig und 2025 gar nicht erstattet werden. „Da fehlen mal eben 750 000 Euro im laufenden Haushalt ohne Vorwarnung.“ Außerdem ist die Tonanlage veraltet, das Theater hat noch keine LED-Scheinwerfer, was wiederum schlecht für die Nachhaltigkeit ist. Marie Johannsen und ihr Team werden demnächst viele Rechnungen bezahlen müssen. Und dürfen keinesfalls den Schwung verlieren, um nicht nur das Theater, sondern auch das Foyer zu füllen. Viel über Führungskommunikation, verrät Marie Johannsen, lernt sie im Umgang mit ihrem Pferd Lupo: „Das Pferd spiegelt sofort, wenn es etwas nicht versteht. Wenn man zu viel auf einmal will, macht es das einfach nicht.“ Kreative Offenheit mit Blick für das Machbare ist nicht nur am Landestheater Neuss gefragt. Aber der erste Eindruck ist schon, dass Marie Johannsen fest im Sattel sitzt und manche Sprünge gelingen. T
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Report Dresden
„Klassenbeste“, ein Rechercheprojekt mit Töchtern und deren Müttern von Christiane Lehmann und Ensemble. Eine Produktion der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden
„Das Publikum ist kein toter Briefkasten“ Die Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden in der neuen Leitung von Christiane Lehmann
Szenen aus „Klassen beste“ am Staats schauspiel Dresden
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Fotos Sebastian Hoppe
Von Lara Wenzel
Report Dresden Es gibt Helikopter- und Fallschirmmütter, erklären die fünf Frauen in bunten Petticoat-Kleidern. Während Erstere unentwegt um ihre Kinder kreisen, seien sie – schon allein aus Zeitgründen – eher Zweitere. Als berufstätige Alleinerziehende waren sie nicht immer, aber wenn es drauf ankam, da, um sich schützend über ihren Kindern aufzuspannen. In ihrer Auftaktinszenierung an der Bürger:Bühne Dresden widmet sich ihre neue Leitung Christiane Lehmann dem Verhältnis von Müttern und Töchtern. Dafür begaben sich die fünf Paare in einen intensiven Rechercheprozess mit sich selbst. Entlang des autobiografischen Essays „Klassenbeste“ von Marlen Hobrack untersuchten sie, welche Rolle die eigene Herkunft in ihren Leben spielte. Gerahmt durch klassen- und geschlechtertheoretische Überlegungen wird die Frage: „Was wolltest du mal werden?“, die die Töchter an die Mütter richten, zum Politikum. In den Antworten der Frauen wird klar, dass sowohl das Ausbildungsregime der DDR als auch die Erwartungen der Eltern ihre Träume in die Ferne rückten. Sie gingen in die Lehre, die vor allem ein sicheres Auskommen versprach, und nahmen erst nach der Wende ein Studium auf oder versuchten sich in Selbstständigkeit. Ihre Berufsbiografien sind gezeichnet von Aufbrüchen und dem Versuch, einen selbstbestimmten Weg zu gehen, während sie sich als Alleinerziehende auch mit Idealbildern von Mutterschaft rumschlagen mussten. Die doppelbelastete Lohn- und Reproduktionsarbeiterin macht Hobrack zur Protagonistin ihrer Auseinandersetzung: „Diese Frauen haben Anteil am Schicksal der Arbeiterklasse – meist als Opfer ihrer versoffenen, gewalttätigen Arbeitermänner –, aber sie sind in aller Regel nicht Subjekt der Verhandlungen über Klasse“, schreibt sie. Obwohl in ihrem Leben die Intersektionalität von Ausbeutung zweifach erscheint, bleiben sie wie ihre unbezahlte Sorgearbeit oft unsichtbar. In intimen Interviews stellen die Frauen aus zwei Generationen Fragen an ihr Gegenüber, die auf Leinwänden auf die Bühne gebracht werden. „Was habe ich dich gekostet als Kind?“, „Lebst du jetzt den sozialen und finanziellen Aufstieg?“ und „Was fehlt in unserer Beziehung – außer Geld?“ Zurückhaltend, liebevoll und auch mal nonchalant umkreisen die Mütter und Töchter die persönlichen und gesellschaftlichen Hürden ihres Lebens, während sie sich dabei aus der Gegenwart beobachten. Auch wenn die Gespräche dahin führen, wo es wehtut, hat sich Lehmann im Probenprozess darum bemüht, diese Emotionalität nicht auszubeuten. „Die Frauen haben mir alles gegeben und ich bin für sie verantwortlich“, betont sie. Manche Aussagen mussten von Einzelpersonen entfernt und ins Chorische übertragen werden, um größere emotionale Distanz zu schaffen und die Frauen weniger zu exponieren. „Gute Kunst ist anstrengend und ich will gute Kunst machen, aber ich lasse niemanden über die Klippe springen, damit ich dann gut dastehe“, erklärt sie im Interview. Feinfühlig arbeiten die Spielerinnen an diesem Abend das Gemeinsame ihrer Biografien heraus, indem sie Überlegungen Hobracks mit ihren Geschichten zusammenbringen. In langen Probenwochen entstanden so Erzählungen über den Zusammenbruch der DDR und Emanzipationsgeschichten aus der Perspektive von arbeitenden Frauen, die man mit seiner eigenen Mutter
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In langen Probenwochen entstanden Erzählungen über den Zusammenbruch der DDR und Emanzipationsgeschichten aus der Perspektive von arbeitenden Frauen.
oder Tochter besuchen sollte. Dass auch bei dieser Produktion verschiedene Menschen zusammengebracht wurden, die sich sonst nie begegnet wären, ist für Lehmann eine der schönsten Momente. Bereits seit Gründung 2009 arbeitete sie damals noch neben dem Studium an der Dresdner Bürger:Bühne. Nachdem sie 2021 die Spielstätte verließ, um die künstlerische Co-Leitung der Jugendsparte am Deutschen Theater zu übernehmen und freiberuflich als Theaterpädagogin zu arbeiten, fühlte es sich wie eine glückliche Fügung an, als plötzlich das Telefon klingelte. Tobias Rausch, der die Laiensparte seit 2019 geleitet hatte, wechselte ans Research Institute for Sustainability. Daraufhin bot der Dresdner Intendant Joachim Klement ihr die Stelle an. Unter dem Spielzeitmotto „Macht:Gefühle“ starten die Theaterklubs, die Repertoireproduktionen und das Montagscafé in eine Etappe, in der Solidarität und kollektives Miteinander einen Raum schaffen sollen, in der auch die Verarbeitung von Gefühlen Platz hat. „Solidarität ist genauso wie Kreativität ein Muskel, den wir trainieren müssen. Darauf kann ich in der Bürger:Bühne den Fokus legen“, erklärt Lehmann ihr Anliegen. Seit Jahren ist das Montagscafé ein Treffpunkt, wo dieser Muskel trainiert wird. Besonders für migrantisierte oder geflüchtete Menschen bietet es eine Anlaufstelle, in der es neben Asylberatung auch ein wechselndes künstlerisches Programm am Abend gibt. Mit den PEGIDA-Demonstrationen ab 2014 fühlten sich BIPoC in Dresden zunehmend bedroht und fanden im Montagscafé einen sicheren Ort. Sein Ruf eilt dem Treffpunkt voraus, aber es braucht noch mehr Orte wie diesen, findet die neue Leiterin: „Wir brauchen Leute in Dresden, die am Ball bleiben und sich für ein Miteinander einsetzen. In dieser Stadt braucht es eine solidarische Praxis und Räume, in denen man sich ausprobieren kann.“ Dieses Miteinander lasse sich im Theater jedoch nicht erreichen, wenn man den Zuschauer:innen einfach Antworten vorsetzt und sie versucht zu erziehen. „Hajo Kurzenberger hat mal gesagt: Das Publikum ist kein toter Briefkasten, in das ich irgendeine Botschaft stecke. Das begleitet mich, denn das Publikum ist intelligent und wir sollten es nicht unterschätzen“, erklärt Lehmann ihren Ansatz. Aus Produktionen wie „Klassenbeste“ oder „Justitia“ über Recht und Gerechtigkeit solle man vor allem Fragen an sich und die Gesellschaft mitnehmen. Im Format „Häppchen“, das von Lehmann neu eingeführt wurde, bricht sie die Trennung zwischen Bühne und Publikum weiter auf. Wie beim Speed-Dating reden und diskutieren die Besucher:innen mit Expert:innen, statt ihnen nur vom Podium zuzuhören. Mit diesen Ideen erfindet sie die Bürger:Bühne nicht neu. Sie setzt fort, wofür die Sparte über Dresden hinaus bekannt ist: ein solidarisches Miteinander und Begegnungen auf Augenhöhe. T
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Report Trinidad und Tobago
Spektakelindustrie oder Aufbegehren? Der Karneval in Trinidad und Tobago: Hochoffizieller Wettbewerb und wilde Feier der Massen mit der Wut über vergangene Sklaverei und aktuelle Zumutungen
Karnevalswurzeln in der Zeit der Sklaverei Bereits in den 1780er Jahren führten Einwanderer aus Frankreich in der damals spanischen Kolonie Maskenspiele auf. Sie verkleideten sich u. a. als Sklaven. Die waren davon ausgeschlossen, imitierten in ihren Hütten aber die Rituale der Plantagenbesitzer
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rechts By Idobi - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39259680
Körper, komplett bedeckt mit roter, grüner oder blauer Farbe, ziehen mit Anbruch des Montagmorgens durch die Straßen der Altstadt von Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad und Tobago. Dicke Schichten von Lehm, zuweilen auch Schokolade, sieht man bei anderen auf der Haut. Weil sich im Laufe der mehrstündigen Prozessionen Leiber an Leibern reiben, vermischen sich die diversen Farbaufträge. Wer Kleidungsstücke trägt – Kenner:innen raten zu alten Klamotten –, ist ebenfalls getränkt von Farbkombinationen aller Art. „Das ist wie eine lebende Leinwand“, begeistert sich die Regisseurin, Kuratorin, Kulturwissenschaftlerin und Karnevalaktivistin Attillah Springer. „Du läufst durch die Straßen. Deine Freunde oder auch ganz Fremde, die zufällig deinen Weg kreuzen, bewerfen dich mit Farbe oder Lehm. Deine Kleidung, dein ganzer äußerer Körper, verändert sich von einem Moment auf den anderen völlig“, erzählt sie. Jouvert nennt sich die wilde Ouvertüre des Karnevals, abgeleitet von „jour ouvert“. Als ein „Loslassen von allem“, als „wildes, farbenfrohes und moddergetränktes Delirium“, sah der Amerikaner Richard Schechner, Urvater der Performance Studies, in einem 2004 veröffentlichten Essay diesen Teil des Karnevals von Trinidad. (Richard Schechner, Carnival (theory) after Bakhtin, in Carnival, Culture in Action – The Trinidad Experience, hg. von Milla Cozart Riggio, Routledge 2004) Zahlreiche Teilnehmer:innen von Jouvert streifen sich zudem Elemente klassischer Kostüme wie Teufelshörner und Affenmasken über. Auch Stockkämpfer und Feuerschlucker befinden sich inmitten der Menge. Live aufspielende Steel Bands geben den Rhythmus vor.
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Von Tom Mustroph
Report Trinidad und Tobago und vermischten sie mit afrikanischen Elementen. „Karneval in Trinidad ist die Feier von früheren Sklaven und früheren Sklavenhaltern, die sich an ihrem eigenen kulturellen Erbe erfreuen und das der jeweils anderen ironisieren“, fasste Schechner dieses Paradox zusammen. Die Doppelstruktur aus „Karneval von oben“ und „Karneval von unten“, wie Schechner das nennt, hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt. Die großen Paraden am Karnevalsmontag und -dienstag, bei denen vor allem Feierfreudige aus Europa und Nordamerika mehrere Tausend Euro für ein Karnevalskostüm ausgeben, das ihnen einen Platz bei den beliebtesten Gruppen sichert, stehen für den Karneval von oben. Jouvert hingegen und die bereits am Freitagmorgen vor Sonnenaufgang beginnenden performativen Reenactments der Canboulay-Revolte von 1881 stehen in der Tradition des Karnevals von unten.
Cannes brulées: Feier der Sklavenbefreiung Jouvert ist die gefeierte Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei. Zeitgenössischen Quellen zufolge eroberten die frisch Freigelassenen bereits im Morgengrauen des 1. August 1838, für den das endgültige Ende der Sklaverei auf Trinidad proklamiert worden war, die Straßen. Sie kleideten sich in extravagante Kostüme, verwandelten sich in Protagonist:innen der Oberschicht und stellten die Schrecken der Sklaverei pantomimisch nach. Zur beeindruckenden Atmosphäre trugen noch die brennenden Zuckerrohrstangen bei, die viele als Fackeln in den Händen hielten. Aus dem französischen Wort für brennende Zuckerrohrstangen – „cannes brulées“ – entwickelte sich schließlich die Festform Canboulay: der Marsch einer kostümierten Menge zur Feier des Tages der Sklavenbefreiung. Der wurde in späteren Jahren von den Kolonialbehörden verboten, wanderte dann aber als Feier praxis vom August in den Montagmorgen des Karnevals über. Die Praxis der Körperbemalung führt Attillah Springer auf westafrikanische Traditionen aus der Heimat der Versklavten zurück, die aufgrund der am neuen Ort gemachten Erfahrungen schließlich zu ganz eigenen Formen führten: „Eine klassische Karnevalsfigur, der Jab Molassie, repräsentiert den Geist von jemandem, der in einen Kessel mit Melasse gesteckt wurde. Auf diese schreckliche Art kamen immer wieder Sklaven auf den Plantagen ums Leben. Die Idee beim Karneval ist nun, dass diese Person, eingeschmiert mit Zuckersirup, zurückkehrt von den Toten und Entschädigung fordert“, erklärt Springer weiter.
Das Reenactment der Canboulay Riots Springer betreibt mit der Straßentheatergruppe Idakeda ebenfalls eine performative Erinnerung an Revolte und Aufbegehren. Seit mehr als 20 Jahren organisiert sie gemeinsam mit ihrer Schwester Dara Healy das Reenactment der Canboulay Riots nach. 1881 verboten die britischen Behörden den Canboulay-Umzug, was zu einer Flut von Protesten, Kämpfen und Ausschreitungen führte – und letztlich in der Verlagerung des Termins vom August in den Karneval mündete. Dort haben auch die Reenactments der Riots
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Report Trinidad und Tobago
Die Doppelstruktur aus „Karneval von oben“ und „Karneval von unten“ gibt es bis heute. 90
Wir beginnen schon um ein Uhr früh mit den Vorbereitungen, installieren die Lichter, damit man auch etwas sieht. Spezielle Bereiche für die Medien werden geschaffen, auch ein Durchgang für die Straßenhunde, von denen es viele gibt und die auch während der Performance da sind. Zuschauer:innen kommen zu Tausenden, aus nah und fern. Kinder, die von weiter her kommen, verbringen die Nacht zuvor noch in der Schule, um mit den Bussen rechtzeitig anzukommen.“
Kommerzialisierung und Globalisierung Das Gegenstück zu Camboulay-Reenactment und Jouvert bilden die Paraden der großen Mas Bands. Die größten wie Tribe und Bliss ziehen allein jeweils 5000 Teilnehmer:innen an. Diese sind mit aufwendig gestalteten Kostümen mit üppigen Federkronen auf dem Kopf und Federarrangements selbst an den Armen ausgestattet. Diese Kostüme prägen das weltweit vermarktete Bild des Karnevals von Trinidad. Für die Kostüme und damit für die Teilnahme an den Umzügen mit der Wunschgruppe müssen aber mehrere Tausend Euro berappt werden. „Einheimische können sich das kaum leisten“, sagt Springer. Deshalb nimmt der Klassengegensatz zwischen dem Karneval von unten und dem massiv beworbenen und als Wirtschaftsfaktor vom Tourismusministerium mit etwa 420 Millionen Trinidad-undTobago-Dollar (etwa 60 Millionen Euro) bezifferten Karneval von oben zu. „Freunde aus Trinidad hatten nicht die Mittel, über die ich verfügte, um an bestimmten Events teilzunehmen. Deshalb musste ich mich entscheiden, ob ich mit meinen Freunden feiern oder an den exklusiveren Veranstaltungen teilnehmen wollte“, zitiert die Kultur-
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Foto picture alliance / ZUMAPRESS.com | G. Ronald Lopez
ihren traditionellen Platz. „Ursprünglich waren es 15-minütige Produktionen, bei denen eine Figur, der Polizeichef Baker, auf einem Pferd kam, die Menge dann gegen ihn kämpfte und das schließlich feierte“, sagt Springer. Auf der Basis eines von ihrer Mutter Eintou Springer geschriebenen Szenarios werden nun aber einzelne Figuren und deren Motivation, gegen die Obrigkeit aufzubegehren, in Szene gesetzt. Dabei mischen sich historische Diskurse mit aktuellen. „Es gibt z. B. die Figur der Baby Doll, einer Schwarzen Frau, die mit ihrem Kind von dem weißen Mann, der sie geschwängert hat, sitzen gelassen wurde und nun Geld fordert. In dem Viertel im Osten von Port of Spain, wo wir spielen, gibt es auch heute noch viele ‚Baby Dolls‘, alleinerziehende Mütter, die von den Männern im Stich gelassen wurden“, erläutert Springer. Weitere aktuelle Themen sind die zunehmende Gangkriminalität, die Repressionsstrategien der Polizei sowie Gewalt gegen Frauen. Etwa 40 Personen, Schauspieler:innen, Mitglieder der Steel Bands, Stockkämpfer und Feuerschlucker führen die Show auf. Beginn ist vier Uhr früh – ungewöhnlich für eine Theateraufführung. „Um sechs Uhr müssen wir die Straße schon wieder freigeben für den Verkehr; es ist eine wichtige Durchgangsstraße im Viertel“, nennt Springer einen Grund. Die Atmosphäre beschreibt sie als ‚magisch‘: „Auf der einen Seite ist ein Fluss, dessen schwarzer Glanz wie ein Tunnel wirkt, auf der anderen Seite ein Hügel.
Report Trinidad und Tobago wissenschaftlerin Charisse A. Lewis in ihrer Masterarbeit „The Greatest Show on Earth: Is Trinidad’s Carnival perpetuating a society of elitism and class struggle?“ eine Teilnehmerin aus den USA. Wie groß der Graben zwischen Karneval von oben und Karneval von unten mittlerweile ist, bemerkte Attillah Springer letztes Jahr: „Da gab es bei den Paraden in Port of Spain kaum Zuschauer:innen. Das ist deshalb traurig, weil die afrikanischen und asiatischen Formen des Karnevals gerade vom wechselseitigen Austausch leben. Wenn du mit deiner Figur Angst erzeugen willst, dann muss dir das Publikum die Angst zurückspiegeln, und wenn du Liebe verkörperst, dann die Liebe. Jetzt aber spielen die Leute nur für sich selbst.“ Presseberichten zufolge haben nicht einmal die Straßenhändler mehr großes Interesse an den Paraden. Denn weil die etablierten Mas Bands All-inclusive- Pakete mit grenzenlosem Alkoholkonsum verkaufen, haben die Paradeteilnehmer:innen gar keinen Grund, außerhalb ihrer Bubble etwas zu erwerben. Einheimische ziehen die kleinen Paraden in der Provinz vor. Für die Hotelbranche, die Eventmanager und das Designer- & Schneidergewerbe ist der Karneval von oben aber essenziell. „Wir sind inzwischen das ganze Jahr über beschäftigt, weil wir auch für die Karnevals auf anderen Inseln und in der Diaspora wie etwa den Notting Hill Carnival London oder den Broward Carnival in Miami arbeiten“, betont etwa Tribe-Designerin Keisha Als. Die auswärtigen Karnevals finden meist zu anderen Jahreszeiten statt,
der in London etwa im August, der in Miami im Oktober. Auch viele Inseln in der Karibik haben ihre Karnevalsfeste als Tourismustreiber anders terminiert. Grenadas Spice Mas etwa ist im August, der Jamaica Carnival im April, St. Lucia feiert Ende Juli und St. Vincent Anfang Juli. Das garantiert Teilen der Karnevalsindustrie in Trinidad tatsächlich ganzjährige Beschäftigung.
Schmelztiegel der Widersprüche Dass Trinidads Karneval mittlerweile ein Exportschlager geworden ist, der Karneval von oben an seiner eigenen Gefräßigkeit jedoch zu ersticken droht, ist einer von vielen Widersprüchen. Als „Ausagieren demokratischer Illusionen und temporäre Befreiung von der Herrschaft der Obrigkeit“ beschreibt Schechner den Karneval – in Anlehnung an die Karnevalstheorie von Michail Bachtin. In Gesellschaften, in denen pro forma die Bevölkerung als Souverän agiere, müsse man sich allerdings fragen, gegen wen sich dann diese Umkehrung richte, setzt er den Gedanken fort. In seiner Gleichzeitigkeit aus Event von oben und von unten spiegelt der Karneval von Trinidad diese Widersprüchlichkeit in voller Pracht wider. Von dessen Globalisierung möchte auch Karnevaltraditionalistin Springer profitieren. Ihre Reenactments des Widerstands würde sie gern auch auf anderen Inseln und in der Diaspora bis nach Miami und London verbreiten. Was wäre auch der Karneval ohne Widersprüche? T
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Wie werden dekoloniale Ästhetiken in der zeitgenössischen Gegenwartsdramatik produziert? Über Texte von Dieudonné Niangouna, Aristide Tarnagda, Hakim Bah, Marie N’Diaye u. a.
Dekoloniale Verschiebungen Von Grit Köppen
Seit der Jahrtausendwende zeichnet sich im zeitgenössischen Kunst-, Theater- und Kulturbetrieb die Tendenz ab, dass zunehmend mehr Arbeiten von Künstler_innen sichtbar werden, die entweder dem globalen Süden oder der Diaspora angehören und migrantische, transnationale, kreolische und/oder subalterne Erfahrungen auf der Bühne behandeln. Aufgrund ihrer spezifischen Realitäten und Positionialitäten richten diese Künstler_innen in besonderer Weise oft kritisch-hinterfragend und selbstreflexiv ihren Blick auf die brisanten politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Fragen der Gegenwart. Unter ihnen befinden sich auffällig viele afrikanische und afro-diasporische Künstler_innen, die internationale Erfolge feiern. Bei ihnen handelt es sich um eine jüngere Generation von Theatermacher_innen wie Dieudonné Niangouna, Marie N´Diaye, Aristide Tarnagda, Hakim Bah, Julien Bissila, Marie-Louise Mumbu, Eva Doumbia, Sedjro Houansou, Sinzo Aanza und etlichen anderen, von denen auffällig viele auch in Funktion von Regie und/oder Schauspiel tätig sind. Sie erarbeiten ihre eigenen Theatertexte in internationalen Schreibresidenzen, publizieren in französischen Verlagen, produzieren Inszenierungen ihrer Stücke gleichermaßen in Frankreich, Belgien, Burkina Faso, Kongo oder Guinea, initiieren Theaterfestivals in Ouagadougou, Kinshasa, Brazzaville, Conakry, Abidjan, Johannesburg und organisieren großräu-
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mige Tourneen durch das frankophone Afrika. Etliche zeigen ihre Arbeiten in Form von Inszenierungen oder szenischen Lesungen bei europäischen Theaterfestivals in Avignon, Limoges, Paris, Köln oder Berlin. Diese Theatermacher_innen nehmen im Sprechtheater aufgrund ihrer Theatertexte eine grundlegende Verschiebung hin zur Dekolonialität vor. Sie produzieren in der internationalen Gegenwartsdramatik Formen dekolonialer Ästhetiken. Dabei entwickeln sie sehr unterschiedliche künstlerisch-ästhetische Ansätze, die zugleich gemeinsame Merkmale aufweisen. Sie sind Teil eines Kunstfeldes, das für ein neues Sprechtheater, radikale Ästhetiken und eine artikulierte Kritik am Status quo mittels Textualität eintritt. (Théresine, 2013) Die Dekolonisation begreifen Historiker_innen als eine der größten politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts – als folgenreiche globale Unabhängigkeits bewegung aus kolonialer Fremdherrschaft und als Zusammenbruch kolonialer Imperien weltweit. Trotz der formalen Unabhängigkeit wird die Idee, dass eine Dekolonisation vollständig stattgefunden habe, stark bezweifelt, was die Fortführung dekolonialer Kunstpraxen beförderte. [...] Kulturpolitisch finden die dekolonialen Bestrebungen dieser Künstler_innen ihren Ausdruck in den Gründungen von Festivals in afrikanischen Großstädten wie Les Récreâtrales (Ouagadougou),
Mantsina sur Scéne (Brazzaville), das Festival International de Théâtre du Bénin (Cotonou), der Marché des Arts et du Spectacle Africain (Abidjan), Festival des Réalités (Bamako), Festival de Théâtre d’Afrique de l’Ouest (Dakar) oder das Festival Univers des Mots (Conakry). Diese Festivals dienen den Künstler_in nen als Arbeitsnetzwerke, Produktionsstätten und Reflexionsorte. Die von ihnen aufgebauten Strukturen ermöglichen es, ihre Stücke zu inszenieren und mittels großräumig ausgedehnter Tourneen auf dem afrikanischen Kontinent aufzuführen. Zugleich speisen sie ihre Theatertexte in den europäischen Stückemarkt ein – durch Veröffentlichungen ihrer Theatertexte in renommierten Verlagen wie Les Éditions Lansman, Les Solitaires Intempestifs, Theater der Zeit, bei Radio France International oder durch Aufführungen beim Festival d’Avignon. Parallel dazu entstand eine neue Konzentration auf Theatertextproduktionen innerhalb des französischen Kultur betriebs. Die Theaterwissenschaftlerin Annika Mayer macht deutlich, dass die Festivals d’Avignon und d’Automne mit Bezug zur frankophonen Gegenwarts dramatik ein gesteigertes Interesse an zeitgenössischen Theatertexten als Lektüre und Aufführungsereignisse bewirkten – für Verlage, Theaterhäuser und -festivals sowie Publikum. In diesem Kontext wurden u. a. experimentelle Formate szenisch reduzierter Vortragsformate für Sprech-
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theater entwickelt, die als mise en espace oder mise en voix bezeichnet werden und zur Aufwertung des Textstatus im Theaterbetrieb beitrugen. (Mayer, 2022) [...] Aus diesen Veränderungen im aktuellen Kunstfeld leiten sich meine Forschungs fragen ab: Wie wird im zeitgenössischen Theater eine grundlegende Verschiebung hin zur Dekolonialität vorgenommen? Wie werden in der Gegenwartsdramatik dekoloniale Ästhetiken produziert und erfahrbar? Wie lassen sich diese Arbeiten und Kunstansätze beschreiben, thematisch und ästhetisch fassen sowie theoretisch einordnen? Was kennzeichnet aktuelle ästhetische Formen und dekoloniale Ästhetiken im Theater? Auf welche Kunstdiskurse verweisen diese künstlerischen Praktiken? [...] Ziel dieser Forschung ist es, anhand von aktuellen Theatertexten die jeweils spezifischen künstlerischen Mittel und ästhetischen Verfahren dekolonialer Verschiebungen zu identifizieren, zu differenzieren und zu kontextualisieren, um daraus eine möglichst komplexe Ästhetik des Dekolonialen zu entwickeln. Eine wichtige Motivation dabei ist, einer Vereindeutlichung, Vereinfachung, Aneignung und zu schnellen Schließung dekolonialer Ästhetiken entgegenzuwirken. Die benannten Künstler_innen arbei ten gleichermaßen mit bewussten Ent kop plungen, aber eben auch bewussten Verflechtungen zu unterschiedlichen künst lerischen Strömungen. Dabei sind Bezüge zu antikolonialen, postkolonialen und dekolonialen Diskursen auffällig. [...] Diese Theatermacher_innen sind politisch und ästhetisch durch einen gemeinsamen historischen Kontext geprägt, der sich aus französischer Kolonialpolitik und damit einhergehenden antikolonialen Widerstand, eine anhaltende Frankophonie und Kulturpolitik, die (Arbeits-)Migrationserfahrung in Frankreich und eben auch die Erfahrung sozialistischer Bildungs- und panafrikanischer Kulturpolitik mit dezidiert antikapitalistischer Orientierung im Zuge der politischen Unabhängigkeit ihrer Länder ergibt. In ihren Theatertexten behandeln diese Künstler_innen Themen wie Kolonialis-
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RECHERCHEN 173 Grit Köppen Dekoloniale Ästhetiken im zeitgenössischen Theater Paperback mit 260 Seiten € 22
mus, Zwangsarbeit, Rassismus, extreme Gewaltverhältnisse, Militarisierung, Krieg, Verarmung des globalen Südens, Ressourcenpolitik, Migration und Konsumkulturen des globalen Nordens. Besonders auffällig ist eine scharfe Kritik vorrangig an aktuellen politisch-ökonomischen Machtverhältnissen. [...] In diesem Korpus der Gegenwartsdramatik liegt ein Wissensbestand um (post-)koloniale Herrschaftsund Gewaltverhältnisse, um dekoloniale Widerstandsformen und um ökonomische, politische, soziale, diskursive, körperpolitische, relationale, habituelle, sexuelle, psychologische und psychopathologische Langezeiteffekte des Kolonialismus, was die grotesken Dimensionen der (post-)kolonialen Machtverhältnisse durch konkrete szenische Anordnungen, Figurenzeichnungen und Figurenbeziehungen sowie Sprachhandlungen in den Theatertexten erfahrbar machen. In ihrer Schreibpraxis realisieren sie Formen des writing back als gegen-diskursives Schreiben, was als künstlerisch intervenierende Praxis in hegemoniale Machtverhältnisse und Wissensordnungen innerhalb des Theaters verstanden werden kann. „Writing Back unterminiert diskursiv konstruierte und perpetuierte
Sichtweisen des kolonialen ‚Anderen‘, während es zugleich vormals marginalisiertes indigenes und regionales Wissen in den Diskurs einzuspeisen versucht.“ (Gymnich, 2017) Damit verbunden ist u. a. der Gestus, koloniale Denk- und Wahrnehmungsmuster, Sprachhandlungen, Wertungen und Hierarchien offenzulegen bzw. öffentlich vorzuführen, ironisch zu brechen oder ad absurdum zu führen. Dabei kann der szenische und fiktionale Freiraum genutzt werden, „um neue Konstellationen im Verhältnis von ‚Zentrum‘ und ‚Peripherie‘ zur Disposition zu stellen“. (Ebd.) Der Blick wird nicht nur kritisch hinterfragend auf Europa oder den Westen gelenkt, sondern es werden auch Normierungen innerhalb eines Kunstfelds befragt. Das kann ein subversives Brechen der Erwartungen an Raum-, Zeit-, Figurenkonzeptionen, aber auch an Dramaturgien und vermeintlichen Genreregeln betreffen, was „sich unter dem Begriff ‚Decolonizing Genre‘ subsummieren lässt“. (Ebd.) [...] Mittels einer postkolonialtheoretischtheaterwissenschaftlichen Perspektive basierend auf einem produktionsästhetischen Ansatz arbeite ich vom konkreten Theatertextmaterial ausgehend heraus, welche künstlerisch-ästhetischen Verfahren markant sind. Es gibt ein sehr breites Spektrum dekolonialer Ästhetiken. In den aktuellen Theatertexten dieser Künstler_innen lässt sich eine Ästhetik des Aufruhrs und eine Ästhetik der Transgression nachweisen. T
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Magazin Bücher
„Ich bin noch nicht ganz am Ziel“ Peter Handkes neues Rätselstück setzt die selbstreflexiven Experimente fort Von Thomas Irmer
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Das Theater herauszufordern, das gehört zu den Theatertexten Peter Handkes seit fast 60 Jahren. Angefangen mit der „Publikumsbeschimpfung“ (1966) als furioser Auftakt eines Sprechstücks ohne Handlung und Figuren. Ein Meilenstein des Theaters sein autobiografisches Stück „Immer noch Sturm“ (2012), das in der legendären Uraufführung von Dimiter Gotscheff im Mai und Juni noch zweimal im Hamburger Thalia Theater zu erleben ist. Zuletzt gelangte das „Zwiegespräch“ in der Inszenierung von Rieke Süßkow 2022 spektakulär auf die Bühne des Wiener Akademietheaters, ein im selben Jahr veröffentlichtes Buch, das offenbar nicht ausdrücklich fürs Theater geschrieben war, aber recht ausführlich dessen heute schwindende Bedeutung beleuchtete. (Siehe TdZ 05/2022) Nun also „Schnee von gestern, Schnee von morgen“, laut Klappentext „ein Stück für die Bühne, ein Drama ohne Rednerwechsel, ein Lied ohne Kehrvers“. Ein Monolog? Das wäre eine Herausforderung, den Text so aufzufassen. Die meisten Monologstücke bestehen aus einer figurenbiografisch grundierten Geschichte. Exemplarisch experimentierte Samuel Beckett damit in „Das letzte Band“, in dem seine Figur Krapp Tonbandaufzeichnungen aus seinem früheren Leben abhört. Damit entstehen mehrere Zeitebenen und der Monolog ergibt zudem einen Dialog mit dem eigenen Ich. Das derzeit am häufigsten aufgeführte Monologstück ist Suzie Millers „Prima Facie“, in dem eine erfolgreiche Anwältin den Fall ihrer eigenen Vergewaltigung erzählt in der Verbindung von persönlicher Aufarbeitung und Justizanalyse, ein echtes Themenstück. (Siehe TdZ 06/2024) Handkes Text stellt keine in dieser Art fassbare Figur vor. Es ist vielleicht jemand beim Gehen mit einigen Beobachtungen und allerlei Gedanken, sogar darüber, was dieser Monolog sein könnte. „Mein Kreuzund-Quer-Gehen ein Dramatisieren und zugleich Entdramatisieren?“ Wo befindet sich dieser Querfeldein-Geher? Kurz nach dem Anfang des Textes sieht dieser einen „Lieferwagen mit der Aufschrift ISAAC PEDROSO“, einer Speditionsfirma in Portugal. Aber wahrscheinlich geht es nicht um die mit diesem Fahrzeug eventuell mögliche Verortung, sondern eher um den interessant klingenden Namen. Ein kleines Geländer durch den Text ist mit Anton Tschechows Erzählung „Die Steppe“ angelegt, aus der zwei Sätze als Motto zitiert werden. Die „Musik der Steppe! Weg
mit Denken und Nachdenken – Sinnen, Nachsinnen“ ist dann im Text eine ausformulierte Ansage, sich vom „Lärm draußen, der Tumult, das Getöse, das Gekreisch, das Getobe oder was auch immer im Lauf der Tage alle einzelnen Nerven im Körperinnern angreift“ fernzuhalten. Ja, das ist eine echte Handke-Aufforderung. Aber wer ist diese Figur, wenn es denn eine ist? Auch hier fällt die Antwort facettenreich aus. An einer Stelle heißt es, der Erzähler habe als Schauspieler – offenbar der kleinsten Rollen – als Nachtwächter statt „Mitternacht!“ mit einem Versprecher „Mutternacht!“ gerufen. Gegen Ende verschwindet der Kreuz-und-Quer-Geher und für die letzten Seiten übernimmt ein anderer: „ich bin jetzt, für sein letztes Wegstück, sein Erzähler, und dann sein Chronist.“ In der Abfolge unverbundener Gedankenteile ähnelt der Text Handkes inzwischen umfangreich veröffentlichten Notiz- und Notatenbüchern mit ihren Beobachtungs- und Reflexions miniaturen. Auf 70 Seiten sind geschätzt 100 Anspielungen, Zitate, Selbstzitate und Kryptozitate zu entdecken und somit vielleicht auch zu entschlüsseln. Das reicht von literarischen Verweisen – etwa der österreichi schen Linie Nestroy, Raimund, Horvath – bis zu John Lennon und Leonard Cohen, dazu längst vergessene Schlager und Redensarten. Eine Handke-Höhle der Referenzen und zudem die Frage, ob eine Monologfigur der Bühne das alles so en passant zusammentragen könnte, die nicht Handke selbst wäre. Neben den gleichsam melancholischen Spätwerksätzen („Phantasie, du meine Braut, zeig mir den Ort, wo du in Blüte stehst.“) beschäftigt die offenbar regelmäßig Horoskope lesende Erzählerfigur eine den Text untergründig bewegende Frage, die es in sich hat: „Ja, die Idee des Kriegs hat sich neu eingefunden ins Denken. Geh rückwärts, und wandle!“ Wer wagt die Uraufführung? T Peter Handke: Schnee von gestern, Schnee von morgen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 74 S., € 20
Weitere Besprechungen finden Sie unter tdz.de/buchrezensionen
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Impressum Theater der Zeit. Die Zeitschrift für Theater und Politik 1946 gegründet von Fritz Erpenbeck und Bruno Henschel 1993 neubegründet von Friedrich Dieckmann, Martin Linzer, Harald Müller und Frank Raddatz
Autorinnen / Autoren 3 / 2025 Hermann Beil, Dramaturg, Berlin Nicola Bramkamp, Dramaturgin und Kuratorin, Hamburg Anne Fritsch, Kritikerin, München
Redaktion Thomas Irmer (V.i.S.d.P.), Elisabeth Maier, Michael Helbing, Stefan Keim, Lara Wenzel, Stefanie Schaefer Rodes (Assistenz), +49 (0) 30.44 35 28 5-18, redaktion@tdz.de, Nathalie Eckstein (Online), Lina Wölfel (Online) Mitarbeit Iris Weißenböck (Korrektur) Verlag Theater der Zeit GmbH Geschaftsführender Gesellschafter Paul Tischler, Berlin Programm und Geschäftsführung Paul Tischler +49 (0) 30.44 35 28 5-21, p.tischler@tdz.de
Volker Gebhart, Autor, Düsseldorf
Verlagsbeirat Kathrin Tiedemann, Prof. Dr. Matthias Warstat Anzeigen +49 (0) 30.44 35 28 5-21, anzeigen@tdz.de Gestaltung Gudrun Hommers, Gestaltungskonzept Hannes Aechter Bildbearbeitung Holger Herschel Abo / Vertrieb Stefan Schulz +49(0)30.4435285-12, abo-vertrieb@tdz.de
Jana Popihn, Transformationsmanagerin Nachhaltige Kultur, Hamburg
Einzelpreis EUR 10,50 (Print) / EUR 9,50 (Digital); Jahresabonnement EUR 105,– (Print) / EUR 84,– (Digital) / EUR 115,– (Digital & Print) / 10 Ausgaben & 1 Arbeitsbuch, Preise gültig innerhalb Deutschlands inkl. Versand. Für Lieferungen außerhalb Deutschlands wird zzgl. ein Versandkostenanteil von EUR 35,– berechnet. 20 % Reduzierung des Jahresabonnements für Studierende, Rentner:innen, Arbeitslose bei Vorlage eines gültigen Nachweises. © an der Textsammlung in dieser Ausgabe: Theater der Zeit © am Einzeltext: Autorinnen und Autoren. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags © Fotos: Fotografinnen und Fotografen Druck: Druckhaus Sportflieger, Berlin
Michael Gmaj, Dramaturg, Basel Michael Hametner, Autor und Journalist, Wien Ludwig Haugk, Dramaturg, Berlin und Hamburg Carolin Löffler, Theater- und Kulturmanagerin, Hamburg Terézia Mora, Schriftstellerin, Berlin Tom Mustroph, Journalist, Berlin Stefanie Panzenböck, Redakteurin, Wien Lina Paulitsch, Redakteurin, Wien Alexander Schnackenburg, Journalist, Bremen Sophie Strahl, Marketingreferentin, Wuppertal ERRATUM zu TdZ 2/2025: Im Text „Angst und Schmerz kriechen aus jeder Silbe“ werden vereinzelt irrtümlicherweise falsche weibliche Personalpronomen verwendet. Wir bitten das zu entschuldigen.
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80. Jahrgang. Heft Nr. 3, März 2025. ISSN-Nr. 0040-5418 Redaktionsschluss für dieses Heft 06.02.2025 Redaktionsanschrift Winsstraße 72, D-10405 Berlin Tel +49 (0) 30.44 35 28 5-0 / Fax +49 (0) 30.44 35 28 5-44 Folgen Sie Theater der Zeit auf Facebook, Instagram und X Facebook.com/theaterderzeit Instagram.com/theaterderzeit X.com/theaterderzeit Foto Deutsches Theater
tdz.de
Manuel Harder
Die nächste Ausgabe von Theater der Zeit erscheint am 1. April 2025 Florentina Holzinger ist ab März in ihrer ersten Filmhauptrolle in Kurdwin Ayubs „Mond“ zu sehen, in der sie als Martial-Arts-Trainerin in einer seltsam abgeschotteten Familie in Jordanien landet. Damit hat sie ihre erstaunliche Bandbreite als Performerin und Choreografin noch einmal erweitert. Wie Holzingers spektakuläre Arbeiten in anderen Ländern wahrgenommen werden, dazu mehr im Schwerpunkt.
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Der Schauspieler Manuel Harder, Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin, reiste zum Festival Teatro a Mil in Chile, wo er als Sohn eines deutschen Pfarrers geboren wurde. Seine Reportage aus einem Theaterland unter Spannung.
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Magazin Interview
Im Gespräch mit Volker Gebhart
Bei deinem Konzert in Berlin im Dezember fiel auf, dass sich nach den GundermannSongs bei der Zugabe „Heroes“ von David Bowie nicht nur die Musik, sondern auch deine Körpersprache und dein Ausdruck vollständig veränderten. Nicht mehr nur ein Lied von einem anderen Künstler, sondern du gehst wirklich in diese Rolle hinein. ALEXANDER SCHEER: Mir selbst ist dieser Wechsel im Gestus gar nicht aufgefallen. Aber es stimmt natürlich. Das ist ein anderer Planet. Ich mache das nicht mit Absicht, ich kann das kaum bewusst steuern. Es passiert mir. Für „Heroes“ verknüpfst du David Bowies Musik mit Literatur, die ihm wichtig war. Bowie hast du ja schon mehrfach dargestellt. In „Lazarus“ bei Falk Richter, dann in der Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und in „I’m Only Dancing – Scheer singt Bowie“. Wie kamst du zum Gesang? AS: Musik ist für mich immer wichtig gewesen. Mein erster Film war das Kinder-Musical „Kai aus der Kiste“ (1988) von der DEFA. Da war ich so zehn, elf Jahre. In meiner Rolle war ich Teil einer Jungsbande. Ausgestattet in Kostümen der zwanziger Jahre haben wir uns auf der Husemannstraße eine Juckpulverschlacht geliefert. Dabei wurde auch gesungen und es hat mich jemand gefragt, was willst du denn mal werden? Da ich habe gesagt: „Ja, Rockstar oder Filmstar.“ (Lacht)
Alexander Scheer gehörte 16 Jahre zum Ensemble von Frank Castorf an der Volksbühne mit Auftritten in Stücken wie „Die Brüder Karamasow“, „Der Spieler“ und „La Cousine Bette“. Auch auf der großen Leinwand bewegt Scheer mit seinen schauspielerischen Leistungen: Seine Darstellungen in „Gundermann“ und „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ wurden mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Am 20. März feiert sein Programm „Heroes – Alexander Scheer singt David Bowie“ Premiere am Berliner Ensemble.
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Das hat ja geklappt. Hattest du Gelegenheit, David Bowie mal live zu sehen? AS: Die Geschichte ist allerdings peinlich. Ich bin mal aus einem David-BowieKonzert rausgegangen. Aber wir haben beim Reingehen auch nicht bezahlt. Also gelten eventuell mildernde Umstände. Ich habe das neulich rekonstruiert. Es war am 1. Februar 1996 in der Deutschlandhalle auf der „Outside“-Tour. Bowie erklärte später hierzu, wie man künstlerischen Selbstmord begeht: Man spielt Lieder von einer neuen Platte, die noch keiner kennt, und alte Songs, die niemand hören will. Und so war’s. (Lacht) Damals hatte ich die Schule geschmissen, fuhr einen Trabant und schlief an dem Tag bis 14 Uhr. Irgendwer meinte, heute spielt Bowie in der Deutschlandhalle, und ich wusste, wie man da reinkommt ohne Ticket. Hinterm Gebäude befanden sich Pferdeställe, man kam
rein durch offene Fenster, dann runter in den Bauch der Deutschlandhalle – und auf einmal standen wir im Saal. Das Konzert lief schon eine Weile. Jetzt muss man dazu sagen, es gab ja im Osten keine Schallplatten, jedenfalls nicht die, die man wollte. Es gab eine Beatlesund eine Elvis-Best-of, aber keine Stones, kein Zappa, kein Bowie. Deswegen kannte man nur seine Hits aus dem Radio, aber nicht das, was er da spielte. Ich war auch kein Fan. Und jetzt kommt’s: Irgendwie sind wir auf seine Projektion nicht angesprungen. Wenn man den Weg mitgeht als Fan und die Platten hört, dann gehört nicht viel dazu, dein Idol steht da oben und das allein zündet schon. Bei uns war das leider nicht der Fall, weil wir nichts hatten, was wir auf ihn hätten projizieren können. Zudem war der Sound mies und die Band auch. Dann haben wir nach drei Songs gesagt, hauen wir wieder ab. Fanden wir cool damals. Rückblickend: bescheuert. Geht es nun wieder auf die Bühne zurück? AS: Es ist tatsächlich eher der Film, zu dem es mich zieht. Ich war schließlich 16 Jahre am gefährlichsten Theater der Welt. Diese Zeit ist schwer zu toppen. Aber natürlich bin ich ein altes Zirkuspferd und brauche die Manege. Ich hätte diesen Abend auch gern an der Volksbühne gemacht, aber es ist am Theater wie beim Zirkus: Wenn die Show vorbei ist, fahren wir weiter und alles, was an uns erinnert, ist der Kreis aus Sägemehl, der mal die Manege war. Gone with the wind. Ich finde das traurig und auch sehr romantisch. Ich liebe dieses Haus sehr und auch die Kolleginnen und Kollegen von den Gewerken für ihre Arbeit, die sie können wie kaum jemand sonst. Aber der Senat wollte uns da nicht mehr. Und mal ehrlich: Auch wenn ich mit anderen Leuten gearbeitet habe, bin ich in erster Linie ein Castorf-Spieler, und wenn der da nicht mehr ist, bin ich es auch nicht. Die Frage nach dem richtigen Ort für „Heroes“ klärte sich dann von selbst: Wir fanden heraus, dass David Bowie zwischen 1976 und 1978 mehrmals das Berliner Ensemble besuchte, um sich BrechtStücke anzusehen. Also war klar, diesen Abend machen wir am BE von Oliver Reese. Es gibt ein Foto, das Bowie in der Loge im Zuschauerraum zeigt, aber das ist zuletzt vor 20 Jahren gesehen worden. Jetzt werden im Archiv Kartons danach durchsucht und ich bin gespannt, ob sich das Bild bis zur Premiere findet. T
Theater der Zeit 3 / 2025
Foto Luna Zscharnt
Was macht das Theater, Alexander Scheer?
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