Amnesty Journal Januar/Februar 2022

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GESELLSCHAFTLICHER UMBRUCH

Was Individualität und Identität verbindet Amnesty International erhielt den Friedensnobelpreis im Jahr 1977. Ein Jahr, das nach Ansicht von Philipp Sarasin einen gesellschaftspolitischen Epochenwechsel markiert. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, erklärt der Schweizer Historiker im Gespräch.

Interview: Anton Landgraf

Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch das Jahr 1977 als eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Welche Rolle spielt dabei eine Organisation wie Amnesty International? Die Geschichte von Amnesty ist Teil einer Entwicklung, in der der Einzelne in den Vordergrund rückt. Das betraf seit Ende der 1970er Jahre alle Teile der Gesellschaft. Es konnte auch eine Punkerin sein, die sagte: Ich gehöre nicht zu dieser

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Mehrheitsgesellschaft, ich lebe außerhalb der Gesellschaft, wie die US-Sängerin Patti Smith es einmal ausdrückte. Das sind die Entwicklungen, die ich in dieser Zeit verorte. Diese Singularisierung hat sich fortgesetzt, sie ist präsenter denn je. Amnesty war gewissermaßen ein Vorbote der Individualisierung? Ja, oder zumindest ein Ausdruck davon. Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an Amnesty 1977 wurde das in der Laudatio explizit herausgehoben: Es sei eine Friedensarbeit für den Einzelnen, durch den Einzelnen, die Amnesty auszeichne. Es ist eben nicht eine große Organisation, die handelt, sondern es sind

Einzelne, die für Einzelne handeln. Die Idee, sich für individuelle politische Gefangene einzusetzen, war ein großartiges Engagement. Das passt in die Zeit der zunehmenden Betonung des Einzelnen. Gibt es ein Problem dabei? Das Problem bei individuellen Menschenrechten ist, dass kollektive Rechte tendenziell ausgeblendet werden. Und die Singularisierung unterläuft in der Tendenz auch das Politische, das kollektive Handeln und Denken. Das sieht man daran, dass Gewerkschaften und andere kollektive Interessenverbände seit den 1970er Jahren an Einfluss verloren haben. Auf der anderen Seite ist klar,


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