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E. Wöhrnschimmel
from Jahrbuch 2006
by bigdetail
Eva Wöhrnschimmel
Frauen und Bergsport
Women and mountaineering
SUMMARY
"It cannot be denied that the female sex possesses a certain physical dexterity. Though women usually do things badly, they always do them gracefully” (Paul Preuss, 1912). Women have proven that they can hold their own in the mountains. With more and more women spending their free time doing sports, even alpine sports, a new area of medicine is opening up. Anatomical and physiological gender dimorphism affects performance, meaning that men and women tend to excel in different kinds of sports. Women are particularly suited for endurance exercise. Research has also shown that sports have a positive effect on pregnancy, reducing the risk for gestational diabetes, thrombosis and haemorrhoids, and increasing physical well-being. The particular sport as well as duration and intensity of training should, however, be tailored to the individual pregnant woman.
Keywords: gender medicine, endurance, mountaineering, pregnancy, menstruation
ZUSAMMENFASSUNG
„Eine gewisse körperliche Geschicklichkeit kann man dem weiblichen Geschlecht nicht absprechen. Sie machen ihre Sache gewöhnlich schlecht, aber fast immer graziös“ (Paul Preuss, 1912). Mittlerweile haben Frauen bewiesen, dass sie am Berg genauso „ihren Mann stellen“. Da sich immer mehr Frauen auch alpinen Sportarten zuwenden, ergeben sich für die Medizin neue Herausforderungen. Aus anatomischen und physiologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau ergeben sich Leistungsdifferenzen in den verschiedenen Sportarten, wobei sich Frauen für Ausdauersportarten besonders gut eignen. Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass aerober Ausdauersport den Verlauf einer Schwangerschaft positiv beeinflusst. Das Risiko, an Gestationsdiabetes, Thrombose oder Hämorrhoiden zu erkranken, wird verringert und das körperliche Wohlbefinden gesteigert. Jedoch sollte die Sportart, die Belastungsintensität und die Belastungsdauer auf die werdende Mutter abgestimmt sein.
Schlüsselwörter: geschlechtsspezifische Medizin, Ausdauersport, Bergsteigen, Schwangerschaft, Menstruation
EINLEITUNG
Bezüglich der körperlichen Leistungsfähigkeit zeigen sich bis zur Pubertät zwischen Knaben und Mädchen keine signifikanten Unterschiede (1). Untersuchungen haben gezeigt, dass 10- bis 12-jährige Mädchen bei der Fahrradergometrie im Mittel 3,2 W/kg und gleichaltrige Burschen 3,3 W/kg leisten können (2). Erst mit Einsetzen der Pubertät kommt es unter Einfluss der Sexualhormone zur Entwicklung von anatomischen und physiologischen Unterschieden. Dies zeigt sich auch in der ergometrischen Leistungsfähigkeit. Bei 15-jährigen Mädchen liegt die Leistungsfähigkeit unverändert bei 3,2 W/kg, während bei gleichaltrigen Knaben bereits 4,0 W/kg geleistet werden können (2).
Frauen sind in der Regel kleiner, haben einen tieferen Körperschwerpunkt und vor allem eine andere Körperzusammensetzung. Verglichen mit den Männern ist der Fettanteil wesentlich größer, während die Muskelmasse kleiner ist. Dementsprechend sind auch jene Organe kleiner dimensioniert, die für die Versorgung der aktiven Körpermasse zuständig sind. Aufgrund anatomischer und physiologischer Unterschiede ergeben sich in der Folge Leistungsdifferenzen in den verschiedenen Sportarten.
AUSDAUER
Die aerobe Leistungsfähigkeit kann durch Ausdauertraining verbessert werden. Leistungsbegrenzend sind neben der anaeroben Schwelle die maximale Sauerstoffaufnahme und die Bewegungsökonomie.
Die Muskulatur der Frauen enthält mehr rote Muskelfasern, was zu Folge hat, dass eine Stunde Nettotrainingszeit bei Frauen mehr Leistungszuwachs bewirkt als bei Männern (2). Die Sauerstofftransportkapazität ist beim weiblichen Geschlecht auf Grund eines geringeren Hämoglobingehaltes etwas geringer, was jedoch durch einen höheren 2,3-Biphosphoglycerat-Gehalt und eine geringere Affinität von Sauerstoff zu Hämoglobin wettgemacht wird. Die relative VO2 max ist bei Frauen um ca. 10 % niedriger als beim männlichen Geschlecht. Weiters haben Frauen einen wesentlich geringeren Anteil an sauerstoffkonsumierender Muskulatur. Betrachtet man nur die fettfreie Körpermasse, ergeben sich kaum noch Unterschiede bezüglich der Leistungsfähigkeit. Beweisend für die gute Ausdauerleistung von Frauen ist der Vergleich einiger
Weltrekorde: So schrumpfte die Leistungsdifferenz beim 200-m-Lauf zwischen Mann und Frau in den letzten Jahren auf 10,5 %, beim Marathon auf 8,4 % und beträgt beim 100-m-Lauf inzwischen nur mehr 5,3 % (1). Immer wieder hört man in den Medien von Spitzenleistungen, die Frauen auch beim Höhenbergsteigen oder Klettern erbringen. Dies beweist, dass das weibliche Geschlecht für jegliche Art von Bergsport genauso gut geeignet ist wie die männlichen Kollegen.
KRAFT
Der Kraftzuwachs ist bei Männern unter Einfluss von Testosteron größer. Bei Burschen kommt es mit Einsetzen der Pubertät zu einem kontinuierlichen Kraftzuwachs. Schließlich beträgt die Kraftdifferenz bei Mann und Frau etwa ein Drittel. Bei Männern zeigt sich auch ein besseres Ansprechen der Muskulatur auf Trainingsreize, da sie einen größeren Anteil an Muskelmasse haben. Bezogen auf Kraft und Muskelquerschnitt zeigt sich, dass unabhängig von Alter und Geschlecht die Kraft/cm2 annähernd gleich ist. Bei den kürzeren Distanzen ist das weibliche Geschlecht aufgrund der geringeren Kraftausdauer unterlegen.
FLEXIBILITÄT, KOORDINATION UND SCHNELLIGKEIT
Die Flexibilität ist bei Frauen aufgrund ihrer Beweglichkeit besser ausgeprägt. Dieses Plus an Beweglichkeit bringt jedoch auch wieder eine erhöhte Verletzungsgefahr mit sich. Man vermutet, dass aufgrund der weiblichen Sexualhormone die feinmotorische Koordination bei Frauen besser ausgeprägt ist, während Männer eine bessere zielgerichtete Koordination aufweisen. Bezüglich der Schnelligkeit ist die Frau dem Mann aufgrund der geringeren Kraftausdauer unterlegen. Das neuromuskuläre Zusammenspiel und die Reaktionsfähigkeit sind bei beiden Geschlechtern gleich entwickelt.
MENSTRUATION
In der Follikelphase, vom 1. Tag der Menstruation bis zum Eisprung, scheint die Ausdauerleistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt zu sein. Auch ist die Kraft unter dem Einfluss von Östrogen gut trainierbar. In der Lutealphase, vom Eisprung bis zur Menstruation, kommt es zu einem Abfall der Steroidhormone. Die Leistungsfähigkeit ist geringfügig reduziert. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf den Breitensport. Allerdings wird die Leistungsfähigkeit durch das prämenstruelle Syndrom mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Frauen kla-
gen in dieser Phase oft über Schmerzen, Schweregefühl in der Brust und Übelkeit. Weiters kommt es durch den Hormonabfall in der Lutealphase zu Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels. 5 % aller Frauen leiden unter Zyklusstörungen, im Leistungssport bis zu 50 %. Durch das umfangreiche Training kommt es zu einer chronischen Aktivierung der Stressachse mit erhöhter Kortisol-Produktion, die zu einer Hemmung der Gonadenachse und somit zu einer verminderten Östrogenproduktion führt. So besteht beispielsweise eine inverse Korrelation zwischen Auftreten von Zyklusstörungen und wöchentlicher Laufstrecke. Die Folge der Zyklusstörungen sind Essstörungen, Osteopenie und Osteoporose.
HÖHE UND SCHWANGERSCHAFT
Die Schwangerschaft bewirkt durch die hormonellen Veränderungen zahlreiche physiologische und anatomische Veränderungen. Es kommt zu einer Gewichtszunahme, der Bandapparat lockert sich und der Körperschwerpunkt verlagert sich nach vorne. Weiters nimmt das Herzminutenvolumen und die Herzfrequenz zu, womit im ersten Trimenon eine Zunahme der Leistungsfähigkeit verbunden ist. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass Sport in einer komplikationslosen Schwangerschaft positive Auswirkungen hat, auch wenn vorher kein Sport betrieben wurde. Die amerikanische Gesellschaft der Gynäkologen und Geburtshelfer empfiehlt eine Belastungsintensität von 60 – 90 % der maximalen Herzfrequenz oder 50–85 % der VO2 max (1).
Eine gesunde Mutter hat einen arteriellen pO2 von 85–100 mmHg und einen intrauterinen venösen pO2 von 44 mmHg. Der pO2 in der Umbilikalvene beträgt 30–35 mmHg und in der Umbilikalarterie 10–15 mmHg (3). Dank der hohen O2-Affinität des fetalen Hämoglobins hat eine Verminderung der arteriellen Oxygenierung mütterlicherseits kaum Einfluss auf den Fetus. Die Plazenta sorgt für einen konstanten pCO2-Gradienten, ist relativ undurchlässig für Bicarbonat und hält die O2-Versorung des Ungeborenen aufrecht (4). Während der Schwangerschaft kommt es zu einem Anstieg der mütterlichen Ventilation und zu einer gesteigerten Sauerstoffausschöpfung seitens des Fetus.
Aus diesen Gründen bleibt auch im Falle einer Reduktion des Blutflusses in der Plazenta oder eines mütterlichen arteriellen O2-Abfalles die Sauerstoffversorgung erstaunlich stabil. Sport in moderater Intensität und Dauer führt zu einer Stärkung der Muskulatur, erhält die Fitness, schützt vor Gestationsdiabetes, reduziert morgendliche Übelkeit und bewirkt eine schnellere Erholung nach der
Geburt. Allerdings sollten schwangere Sportlerinnen Hyperthermie, höhergradige Hypoxiereize sowie verletzungsanfällige Sportarten mit ruckartigen Beschleunigungen und abruptem Abbremsen unbedingt meiden.
INTRAUTERINES WACHSTUM
Das Geburtsgewicht nimmt im Schnitt um 100 g pro 1.000 m Wohnhöhe der Mutter ab (3). Kein direkter Zusammenhang besteht zwischen Höhe und dem Alter der Mutter bzw. deren Körpergröße. Grund für das verringerte Geburtsgewicht ist ein vermindertes intrauterines Wachstum ab der Mitte des letzten Trimenons (5). Auslöser für diese Veränderung dürfte eine Reduktion des intrauterinen arteriellen Blutflusses sein, der zu einem Missverhältnis zwischen O2Angebot und O2-Bedarf beim Fetus führt. Die Säuglingssterblichkeit in der Höhe ist, eine medizinische Grundversorgung vorausgesetzt, nicht erhöht, da Neugeborene organisch voll entwickelt sind. Diese Veränderungen betreffen schwangere Flachländerinnen, die sich länger in großen Höhen aufhalten.
EMPFEHLUNGEN FÜR SCHWANGERE
Gesunde Schwangere können Ausflüge in Höhen bis zu 3.000 m unternehmen, ohne dabei sich oder das Ungeborene zu gefährden. Frauen mit Schwangerschaftskomplikationen, welcher Art auch immer, sollten auf eine unnötige Höhenexposition verzichten. Die Empfehlung für einen Aufenthalt in den Bergen lautet: 3.000 m für maximal zwei Wochen für eine „normal“ schwangere, nichtrauchende Aktivbergsteigerin bis in den submaximalen Belastungsbereich. Schwangere Frauen sollten ihre sportlichen Ambitionen unbedingt weiterhin beibehalten. Am Beginn der Schwangerschaft kommt es aufgrund der Zunahme des Herzminutenvolumens und des Blutvolumens sogar zu einer Leistungssteigerung. Jedoch sollten die Belastungsdauer und die Belastungsintensität den Umständen angepasst werden.
Außerdem wird von der Ausübung verletzungsanfälliger Sportarten abgeraten. Frauen, die noch nie Sport betrieben haben, sollten spätestens in der Schwangerschaft damit beginnen. Nordic Walking wäre zum Beispiel für Anfängerinnen sehr empfehlenswert (Abb. 1) (6). Weiters ist jedoch zu bedenken, dass in vielen Ländern die medizinische Infrastruktur sowie die hygienischen Verhältnisse nicht dem mitteleuropäischen Standard entsprechen. Reisende sind dann insbesondere Infektionskrankheiten ausgesetzt, die für eine werdende Mutter bzw. für das Ungeborene ein Risiko darstellen können.
• günstige Ausdauersportarten in der SS: Wandern, Walken, Joggen, Schilanglaufen • ungünstig: Sportarten mit hohem Sturzrisiko! • Extrembelastungen bis 3.500 m bei normaler SS • Ausnahme: Risikoschwangerschaft! • beste Zeit für Fernreisen: 14. – 34. SS-Woche bei normalem SS-Verlauf • ab 4.500 m Gefahr hypoxischer Schädigung des Kindes
Abb.1:
Empfehlungen während der Schwangerschaft
KLETTERN UND SCHWANGERSCHAFT
Klettern sollten in der Schwangerschaft nur jene Frauen, die diese Sportart schon vorher ausgeübt haben und entsprechend routiniert sind.
Abb.2:
Moderate Klettertouren in der Schwangerschaft möglich
Kleinere Stürze beim Sportklettern sowie ein zwischendurch erhöhter intraabdomineller Druck stellen im ersten Trimenon keine wesentliche Gefahr dar. Trotzdem sollte mit fortschreitender Schwangerschaft auf eine Topropesicherung übergegangen werden. Empfohlen wird auch die Verwendung eines Kombigurtes, da dieser einen geringeren Druck auf den Bauchraum ausübt. Bei Risikoschwangerschaften sollte auch die routinierte Kletterin auf Klettertouren verzichten (7).
BERGSTEIGEN UND ORALE KONTRAZEPTIVA
Viele Sportlerinnen bzw. Bergsteigerinnen nehmen orale Kontrazeptiva, da sich dadurch der Zyklus gut regulieren lässt. Obwohl große Höhen mit höherem Flüssigkeitsverlust einhergehen und Kälte thrombosefördernd wirkt, gibt es bis dato keine Studie, die eine erhöhte Thromboseprävalenz unter Pilleneinnahme in großen Höhen bestätigt. Somit ist eine Pillenpause nicht notwendig. Zu beachten ist jedoch, dass im Falle einer Reisediarrhoe die Empfängnisverhütung eventuell nicht mehr gewährleistet ist (6).
AKUTE HÖHENKRANKHEIT
Bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer akuten Höhenunverträglichkeit und des Schweregrades einer akuten Höhenkrankheit gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Der Menstruationszyklus hat ebenfalls keinen Einfluss auf die Symptome der akuten Höhenkrankheit. Progesteron könnte protektiv wirksam sein, indem es auch eine atemanaleptische Komponente hat. Ein Vorteil hinsichtlich der Entwicklung einer akuten Höhenkrankheit ist jedoch nicht ausreichend bewiesen (8).
LITERATUR
(1) Pokan, R., Förster, H., Hofmann, P., Hörtnagl, H., Ledl-Kurkowski, E.,
Wonisch, M.: Kompendium der Sportmedizin. Physiologie, innere Medizin und Pädiatrie. Springer Verlag, Wien, New York (2004)
(2) Haber, P.: Leitfaden zur medizinischen Trainingsberatung. Rehabilitation bis Leistungssport. Springer Verlag, Wien, New York (2005)
(3) Hornbein, T., Schoene, R.: High altitude. An exploration of human adaptation. Lung biology in health and disease, Vol. 161. Marcel Dekker, New
York, Basel, 2001
(4) Breathnach, C.: The stability of the fetal oxygen environment. Irish J. Med.
Sci. 160, 189–191 (1991)
(5) Unger, C., Weiser, J.K., McCullough, R.E., Keefer, S., Moore, L.G.: Altitude, low birth weight, and infant mortality in Colorado. J. AM. Med.
Assoc. 259, 3427–3432 (1988)
(6) Berghold, F., Schaffert, W.: Handbuch der Trekking- und Expeditionsmedizin. Praxis der Höhenanpassung – Therapie der Höhenkrankheit (2001)
(7) Küpper, T.: Nichttraumatologische Aspekte des Sportkletterns. Wien.
Med. Wochenschr. 155 (7–8), 163–170 (2005)
(8) Loeppky, J.A., Scotto, P., Charlton, G.C., Gates, L., Icenogle, M., Roach,
R.C.: Ventilation is greater in women than men but the increase during acute altitude hypoxia is the same. Respir. Physiol. 125 (3), 225–237 (2001)