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Fachartikel

Elmar Jenny

Reminiszenzen zur Entwicklung der Alpinund Bergrettungsmedizin

Reminiscences regarding the development of alpine medicine and mountain rescue medicine

SUMMARY

The present paper describes possible motives that may have caused physicians to study medical problems occurring specifically in mountainous regions. Those institutions will be specified that have engaged themselves in medical problems in mountains, and which ultimately – multiply networked – constituted the foundation of the development of an “alpine medicine”. Empirical observations and scientific methods enabled findings representing medical “terra incognita”: e.g. death after hanging in the rope; effects of hypothermia on the surface and interior of the human body and its consequences for the procedure after a fall into a glacier crevasse and after avalanche burial; optimal medical care of local freezing; death upon rescue and exhaustion in high altitude – often interpreted incorrectly; rotation trauma in helicopter rescue services; medical and sanitary-logistic peculiarities during expeditions in high or extreme altitudes. Eventually modern alpine rescue equipment according to the new medical findings and to the new rescue methods have been developed. Also the application of existing equipment has been modified accordingly. Examples are the Jenny-bag – used for helicopter-winch rescue and extreme terrestrial operations; the atmospherical-pressure adapted use of inflatable splints and vacuum mattresses and infusion practice. High-tech application in high altitude has defined the enormous advances of alpine rescue for the last decades, e.g. helicopter rescue operations in high altitude, electronic beepers’application for rescue after avalanche burials and mobile radiotelephones/cellular phones. At the same time their application is connected with new risks. Eventually the alpine-medical literature – as far as available to the author – will be summarized from the beginnings in 1943 until the foundation of the Austrian Society for Alpine and High Altitude Medicine (ÖGAHM) in 1989. Also the national and international spreading of the newly developed alpine medicine will be reported.

Keywords: motivation, roots of alpine medicine, medical “terra incognita”, hanging in the rope, death upon rescue, Jenny-bag, high-tech and alpine medicine, early alpine-medical literature, spreading of alpine medicine.

ZUSAMMENFASSUNG

In der vorliegenden Arbeit werden die möglichen Beweggründe aufgezeigt, welche Ärzte ursprünglich veranlasst haben, sich mit medizinischen Problemen zu befassen, die spezifisch im Gebirge auftreten. Es werden jene Institutionen aufgezählt, welche in irgendeiner Form aus unterschiedlichsten Gründen sich mit der medizinischen Problematik in den Bergen beschäftigen und –vielfach miteinander vernetzt – letztlich die Grundlage für die Entwicklung einer „Alpinmedizin“ bildeten. Durch empirische Betrachtung wie auch mit wissenschaftlichen Methoden konnten Erkenntnisse gewonnen werden, welche medizinisches Neuland bedeuteten: z. B. Tod nach freiem Hängen im Seil, Körperkern und Körperschale bei der allgemeinen Unterkühlung und deren Bedeutung für das Procedere bei Gletscherspaltensturz und Lawinenverschüttung, optimale Versorgung örtlicher Erfrierungen, Bergungstod und Erschöpfung im Hochgebirge – oft falsch interpretiert, Rotationstrauma im Hubschrauberrettungsdienst, medizinische und sanitätslogistische Eigenheiten bei Expeditionen in große und extreme Höhen. Schließlich mussten den jeweiligen medizinischen Erkenntnissen und neuen Bergungsmethoden entsprechende Rettungsgeräte entwickelt und vorhandene Ausrüstungen einer modifizierten Anwendung unterzogen werden. Als Beispiele seien genannt der für die Hubschrauberwindenbergung sowie extreme terrestrische Einsätze variabel zu verwendende JENNY-Bergesack, dem atmosphärischen Druck angepasste Verwendung von Luftkammerschiene und Vakuummatratze sowie Infusionspraxis. Hightech im Hochgebirge – hochalpiner Hubschrauberrettungseinsatz, elektronische Sender-Empfänger-Lawinenverschüttetensuchgeräte und Mobilfunktelefon (Handy) prägten die gewaltigen Fortschritte des alpinen Rettungswesens in den letzten Jahrzehnten; gleichzeitig war ihre Anwendung aber auch verbunden mit neuen Gefahren. Zuletzt wird noch die gebirgsbezogene medizinische Literatur – soweit vom Autor überschaubar – von den Anfängen 1943 bis zur Gründung der ÖGAHM 1989 zusammenfassend dargestellt und über nationale und internationale Verbreitung der neu entstandenen Alpinmedizin berichtet. Schlüsselwörter: Motivation, alpinmedizinische Wurzeln, medizinisches Neuland, freies Hängen im Seil, Bergungstod, JENNY-bag, Hightech und Alpinmedizin, gebirgsmedizinische Frühliteratur, Verbreitung der Alpinmedizin.

MOTIVATION

– Schlüsselerlebnisse: Motivation für den lebenslangen Kampf gegen Bergnot und Bergtod war für Gerhard Flora wahrscheinlich der tödliche Absturz seines Vaters, den er als junger Mediziner unmittelbar miterlebte, während es für mich der Absturz meines Bruders bei einer jugendlich-leichtsinnigen Klettertour im Rätikon war.

Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, was für enorme Kräfte im Notfall im menschlichen Organismus frei werden – habe ich damals doch als von meinem Turnlehrer im Gymnasium stets schwächlich beurteilter hochgeschossener 14-Jähriger in mir unbekanntem

Gelände – abwechselnd über steile Schotterkare, Schrofengelände und Jägersteige – meinen um 6 Jahre jüngeren Bruder, bewusstlos mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma, 6 Stunden lang auf meinen Armen tragend, lebend heimgebracht. – Persönliche Begegnungen mit charismatischen Persönlichkeiten, die begeistern und überzeugen konnten. Als leuchtende Beispiele darf ich zwei

Namen nennen, die als Nestoren der Bergrettungsmedizin gelten:

Der legendäre praktische Arzt aus Pontresina Rudi CAMPELL und der begnadete Chirurg und ärztliche Lehrer Burghard BREITNER, Vorstand der Chirurgischen Univ.-Klinik in Innsbruck.

Beide, am alpinen Rettungsgeschehen interessierte Ärzte, haben bereits im Sommer 1948 an der „Internationalen Bergrettungstagung“ am Stripsenjoch/Kaisergebirge und in Obergurgl/Ötztal als Beobachter teilgenommen, bei der Vertreter des Österreichischen Bergrettungsdienstes unter Leitung von Wastl Mariner die von Rometsch, Stiegler, Mariner und Gramminger entwickelten neuzeitlichen Bergrettungsgeräte und deren Verwendung im extremen hochalpinen Gelände demonstrierten. Es war dies die

Geburtsstunde einer internationalen Zusammenarbeit im alpinen Rettungsdienst der Alpenländer Deutschland, Frankreich, Italien, Jugoslawien, Schweiz und Österreich. Ein medizinisches Pendant zu den rettungstechnischen Vorführungen gab es nicht.

Dies war für CAMPELL und BREITNER der Grund, mit aller Kraft in ihrem Bereich an der Bearbeitung medizinischer Probleme im alpinen Rettungsdienst fortzufahren.

So kam es 1955 in Bozen zur Gründung der Internationalen Kommission für Alpines Rettungswesen (IKAR). Es ist das große Verdienst des Gründungspräsidenten Rudi CAMPELL, dass dabei erstmals offiziell eine ärztliche Vertretung in ein internationales Gremium von Bergrettungsorganisationen aufgenommen wurde.

Burghard BREITNER wiederum befasste sich vor Ort und an seiner Klinik speziell mit den alpinmedizinischen Besonderheiten und forderte bei jedem schweren Alpinunfall „den Arzt zum Patienten“, um bereits früh-

zeitig ärztliche Hilfe zu leisten und insbesondere den bis dahin häufigen

Schocktod während eines langwierigen, erschütterungsreichen Abtransportes möglichst zu verhindern.

BREITNER sah hier wohl eine Parallele seiner segensreichen und trotz

Widerwärtigkeiten erfolgreichen Tätigkeit in den Kriegsgefangenenlagern in Russland nach dem Ersten Weltkrieg zu den eingeschränkten ärztlichen

Möglichkeiten am entlegenen Unfallort im Gebirge.

Um die Forderungen Breitners zu erfüllen, brauchte es aber speziell alpinmedizinisch ausgebildete, alpintechnisch geschulte sowie physisch und psychisch außergewöhnlich belastbare und zu Improvisationen fähige Ärzte, die auch mit bescheidener medizinischer Ausrüstung dem Unfallopfer als Arzt Hoffnung und Hilfe geben konnten.

BREITNER prägte damit bereits Anfang der 1950er Jahre das Bild des „Bergrettungsarztes“. – Alpinmedizinische Defizite beim Medizinstudium und in der Krankenhausausbildung

WURZELN DER ALPINMEDIZIN

Auf dem fruchtbaren Boden zahlreicher Institutionen, vielfach miteinander vernetzt, konnte das zarte Pflänzchen Alpinmedizin Wurzeln schlagen:

CHIRURGISCHE UNIVERSITÄTSKLINIK INNSBRUCK –

Ich möchte sie als Kreißsaal der Alpinmedizin mit Geburtshelfer Gerhard FLORA bezeichnen. Hier wurden nicht nur bahnbrechende alpinmedizinische Untersuchungen wissenschaftlich durchgeführt, sondern in zweijährigen Intervallen „Internationale Bergrettungsärzte-Tagungen“ veranstaltet, bei denen neben Bergrettungsexperten auch qualifizierte, im alpinen Rettungsdienst tätige Ärzte aus allen Teilen der Welt sich mit Referaten und zu Diskussionen trafen.

ÖBRD (Österreichischer Bergrettungsdienst) –

1946 aus dem Oesterreichischen Alpenverein hervorgegangen. Von mir als Bundesarzt – 1971 bis 1988 – wurden u. a. bei jeder Ortsstelle die Funktion eines Sanitätswartes mit spezieller alpinmedizinischer Ausbildung eingeführt und jährliche Arbeitstagungen aller ÖBRD-Landesärzte veranstaltet.

Institut für SPORTWISSENSCHAFTEN der Universität Innsbruck –

Die wertvolle Symbiose von Alpinmedizin und Sportwissenschaft verdanken wir dem unermüdlichen Einsatz von Friedrich FETZ und dem exzellenten Berg-

steiger, Sportwissenschaftler und alpinmedizinischen Multitalent Martin BURTSCHER, beide angesiedelt am UniSportInstitut.

Abbildung 1:Alpinmedizinische Station Rudolfshütte des OeAV – Martin Burtscher 1983

Institut für SPORT- UND KREISLAUFMEDIZIN der Universität Innsbruck –

Sein Vorstand Ernst RAAS war uns immer ein kompetenter Ansprechpartner in sportmedizinischen Fragen, welche die Alpinmedizin berührten.

OeAV (Österreichischer Alpenverein) / Referat für Alpines Rettungswesen und (später) Gesundheit [Pendant im DAV (Deutscher Alpenverein) unter Paul BERNETT] –

dem ich von 1974 bis 1989 als Sachwalter vorstand. Gründung einer Alpinmedizinischen Ausbildungs-, Untersuchungs- und Forschungsstation am OeAV-Alpinzentrum Rudolfshütte/Hohe Tauern, 2315 m. Hier wurden u. a. von E. HUMPELER, W. HASIBEDER, W. SCHOBERSBERGER und H.-Chr. GUNGA erste physiologische Untersuchungsprogramme über Veränderungen im Organismus in „mittlerer Höhe“ durchgeführt. Weiters Evaluation von Symptomatik/Therapie der Akuten Bergkrankheit (AMS). Erstellung sportwissenschaftlicher und sportmedizinischer Leistungsprofile für die verschiedenen Formen des Bergsteigens durch Friedrich FETZ und Elmar JENNY. Alpinmedizinische Untersu-

Abbildung 2: E. Jenny, Leiter der AUF-Station (Ausbildungs-, Untersuchungsund Forschungsstation) Rudolfshütte mit Mitarbeiter M. Burtscher 1982

Abbildung 3: Alpinmedizinische Station Rudolfshütte des OeAV – Dr. Elmar Jenny 1983 chungen des qualifizierten Alpinpersonals des Österreichischen Bundesheeres mit Festlegung von erforderlichen Leistungsstandards für den im Alpindienst tätigen Ausbildungskader durch Elmar JENNY und Martin BURTSCHER.

ÖBH (Österreichisches Bundesheer) –

Nach meiner Ausbildung zum Heeresbergführer Wahrnehmung der Sanitätsausbildung in den qualifizierten Alpinkursen des Bundesheeres. Spezielle Ausund laufende Fortbildung des alpinqualifizierten Sanitätspersonals, alpinmedizinische Ausbildung von aktiven und Grundwehrdienst leistenden Militärärzten. Von 1962 bis 1988 Aufbau eines militärischen Flugrettungsdienstes durch den Militärarzt Dr. E. JENNY gemeinsam mit erfahrenen, ausgesuchten Heeresbergführern (Offiziere, Unteroffiziere) sowie bewährten, einsatzerprobten Militärpiloten und -windenführern unter der flugtechnischen Leitung des gewissenhaften und voll motivierten HS-Piloten Hans PRADER. Nach abgeschlossener Ausbildung der Piloten/Windenführer und der Heeresbergführer/-gehilfen standen ausgebildete HS-Rettungscrews für schwierigste Einsätze in extremer Fels- und Eisregion zur Verfügung. Neben Einsätzen für Soldaten wurden über Assistenzanforderung auch zivile Bergsteiger mit der HSWinde dann geborgen, wenn für den HS keine Landemöglichkeit bestand und/oder ein terrestrischer Einsatz zu gefährlich (z. B. durch Lawinen) oder langwierig schien oder für das Opfer in Hinblick auf Zeitaufwand, Gelände und Transportgeräte keine Überlebenschance bestand. Für derartige Einsätze war naturgemäß eine flugtechnische und flugmedizinische Ausbildung auch für Flugretter und Flugrettungsarzt absolut notwendig. Das Flugretter-Visum musste alle 2 Jahre durch eine praktische und theoretische Prüfung erneuert werden.

Abbildung 4: Einsatzbesprechung Mjr. Prader – ObstltArzt Dr. Jenny

Unsere alpinmedizinischen und Flugrettungsaktivitäten wurden von Vorgesetzten leider nicht nur gefördert, sondern nicht selten sogar eingebremst. Mit großer Hochachtung denke ich hingegen an Verteidigungsminister General Karl LÜTGENDORF, Armeekommandant General Emil SPANOCCHI und Sanitätschef Generalarzt Dr. Hannes SCHMID, die uns dienstlich stets großzügig unterstützt haben und uns durch ihr persönliches Engagement wertvolle internationale Kontakte mit anderen europäischen Armeen und Institutionen in alpinmedizinischen und Flugrettungsbelangen ermöglichten – ebenso wie sie verständnisvolle Anteilnahme an gelegentlichen Rückschlägen zeigten. In der Person des für die Beschaffung von Hubschraubern für das Österreichische Bundesheer verantwortlichen Fliegeroffiziers Gustav HAUCK hatten wir immer einen kompetenten Fachmann und verlässlichen Förderer unserer Idee.

KURATORIUM FÜR ALPINE SICHERHEIT –

Gegründet 1960 als Forum, das sich vorwiegend mit Statistiken, Ursachen und Vorbeugung, den Alpinunfall betreffend, befasst. Enger Mitarbeiter des Gründers Eduard RABOFSKY war Franz BERGHOLD, der sich mit dieser Thematik auch habilitierte.

IKAR (Internationale Kommission für Alpines Rettungswesen) –

Seit 1948 tätig, 1955 offiziell unter dem legendären Arzt Rudolf CAMPELL aus Pontresina gegründet. Bereits damals dabei Gerhard FLORA, der – noch vor der späteren Installation von vier Kommissionen (Terrestrische, Lawinen-,

Abbildung 5: III. Internationales Helikopter-Symposium Kleine Scheidegg/ Schweiz 1974 – Prof. Dr. G. Flora und ObstA Dr. E. Jenny

Abbildung 6: Gründungsversammlung der Internationalen Kommission für Alpines Rettungswesen – IKAR in Bozen 1955 (von links: Dr. Gert Mayer/AVS, Dr. Miha Potocnik/YU, Dr. Gerhard Flora/ÖBRD, Wiggerl Gramminger/Bayrische Bergwacht, Dr. Rudolf Campell/SAC, Dr. Andre Robic/YU, Wastl Mariner/OEAV, Oskar Kramer/DAV, Karl Frantz/Bayerische Bergwacht).

Medizinische und Flugrettungskommission) – die rettungsmedizinischen Belange abdeckte. Jährliche Treffen von Rettungstechnikern und Ärzten –abwechselnd in einem anderen Alpenland. Als österreichische ärztliche Delegierte entsandt – teilweise auch im IKAR-Vorstand tätig – wurden Gerhard FLORA und Elmar JENNY.

UIAA (Union Internationale des Associations d’Alpinisme) –

Gründung der Medizinischen Kommission der UIAA 1980 unter dem Vorsitz des Schweizers Pietro SEGANTINI. Gründungsmitglieder und Delegierte der österreichischen Mitgliedsverbände Elmar JENNY und Franz BERGHOLD, welcher später auch jahrelang die Funktion des Vorsitzenden innehatte. Meist in Verbindung mit einer medizinischen Fachtagung regelmäßige Zusammenkünfte der Kommissionsmitglieder, bei denen vorwiegend aktuelle Probleme der Alpin-, Höhen- und Expeditionsmedizin zur Sprache kamen.

HÖHENMEDIZINISCHE FORSCHUNGSSTATION CAPANNA „REGINA MARGHERITA“,4559 m,MONTE ROSA –

wo Oswald OELZ und Peter BÄRTSCH u. a. das Höhenlungenödem (HAPE) und Höhenhirnödem (HACE) wissenschaftlich erforschten und wirksame medikamentöse Behandlungsschemata entwickelten.

MEDIZINISCHES NEULAND Freies Hängen im Seil bei alleiniger Anseilmethode um die Brust –

Bis dahin rätselhafte Todesfälle nach Sturz ins Seil konnten von Gerhard FLORA gemeinsam mit dem Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Innsbruck 1972 durch Seilhängeversuche mit freiwilligen Bergsteigern aufgeklärt werden: Drucklähmung der Armnerven mit Unfähigkeit zur Selbsthilfe schon nach kurzer Zeit. Störung der Atemmechanik und Kreislaufdynamik, Tod im irreversiblen orthostatischen Kollaps innerhalb von 2 Stunden. Bei Lebendbergung spätes Nierenversagen. Diese Erkenntnisse führten zur weltweiten Einführung der kombinierten Anseilmethode mit Brust- und Sitzgurt.

Allgemeine Unterkühlung –

nach Lawinenverschüttung und Gletscherspaltensturz. Der Organismus versucht auf Kosten der äußeren Körperschale den Körperkern mit den lebenswichtigen Organen warm zu halten. Nach erfolgter Bergung kann durch fehlende Isolierung gegen weitere Abkühlung sowie Vermischung des kalten Schalenblutes mit dem wärmeren Körperkernblut durch Körperbewegungen der Unterkühlungstod herbeigeführt werden. Diese Erkenntnisse konnten nur durch jahrelange wissenschaftliche Untersuchungen gewonnen werden. Vorher wurde sowohl der Tod durch Unterkühlung als auch der ursächlich völlig unterschiedliche Tod bei freiem Hängen im Seil fälschlicherweise vielfach als Bergungstod bezeichnet.

Örtliche Erfrierung –

Jahrelang dauerte der Streit der Experten um die Entscheidung „rasche oder langsame Aufwärmung“ erfrorener Finger und Zehen. Viele betroffene Bergsteiger – wie Reinhold Messner oder Kurt Diemberger – suchten Hilfe bei Gerhard FLORA an der von ihm geleiteten gefäßchirurgischen Abteilung der Universitätsklinik Innsbruck, wo durch eine qualifizierte Behandlung Amputationen von Fingern und Zehen in möglichst geringem Umfang gehalten werden konnten.

Bergungstod und Erschöpfung im Hochgebirge –

Mir ist bei Bergrettungseinsätzen dieses Phänomen des seltenen, plötzlich und unerwartet eintretenden Todes eines Erschöpften im Augenblick der oder kurz

Abbildung 7: Notfallreaktion und Adaptionssyndrom

Abbildung 8: Unterbrechung der Überlebensmechanismen ➝ Bergungstod (nach Jenny)

nach erfolgter Bergung mehrfach begegnet und hat mich jahrzehntelang beschäftigt. M. E. erfolgt der Tod zu einem Zeitpunkt, wo angesichts der Rettung endokrin-nervöse Notfallmechanismen versagen sowie Spannung und Willensimpulse zum Überleben wegfallen: „Der Gerettete geht mangels eigener vegetativ-hormoneller Impulse deshalb zugrunde, weil er gerettet wurde!“ Diese Ansicht scheinen Berichte in der Alpinliteratur über Bergsteigertragödien zu bestätigen. Als Beispiele seien erwähnt: Die Umstände um das Sterben von Leo Maduschka 1932 in der Civetta-Nordwestwand, der Tod von Toni Kurz 1936 in der Eiger-Nordwand sowie der Erschöpfungstod von Oggioni, Kohlmann, Vieille und Guillaume 1961 im Inferno eines Wettersturzes am Freneypfeiler/Montblanc. Trotz Befassung mit dem Thema durch hochrangige Universitätsphysiologen konnte die Frage nach den Ursachen oder beteiligten Mechanismen wissenschaftlich nicht beantwortet werden und wird beim Fehlen klinischer oder experimenteller Daten vor Ort der Bergungstod weiterhin ein Mythos bleiben.

Rotationstrauma –

Konjunktivale und periphere Petechien, beobachtet bei der Hubschrauberwindenbergung durch starke Drehbewegung des am Windenseil Hängenden, Vorbeugung möglich durch raschen Übergang in Vorwärtsflug.

Expeditionsmedizin –

Medizinische Untersuchungen bei Expeditionen, u. a. bei einer von Franz BERGHOLD geleiteten Himalaja-Expedition, erweiterten die Kenntnisse der notwendigen Akklimatisationstaktik und gaben wertvolle Hinweise auf Prophylaxe von Zwischenfällen (AMS, HAPE, HACE) sowie mögliche medikamentöse Hilfe bei Unternehmungen in großen und extremen Höhen.

Rettungsgeräte –

Anfang der 70er Jahre wurde von mir ein hochgebirgstauglicher Spezialbergesack für die Hubschrauber-Winden- und -Taubergung sowie den Einsatz im terrestrischen Bergrettungsdienst entwickelt, der durch das druckmindernde Traggeflecht und die variable Aufhängevorrichtung einen schonenden Transport –je nach medizinischen Erfordernissen in Horizontallagerung, Antischocklage oder in Kauerstellung – ermöglicht. Dieser Bergesack steht bei den Flugrettungsdiensten in Österreich und in den meisten europäischen Alpenländern sowie in Kanada und Südamerika als „JENNY-bag“ in Verwendung. Aufgrund von Luftdruckschwankungen beim Hubschraubereinsatz mussten die Anwendung von Luftkammerschiene und Vakuumkissen modifiziert sowie Glasinfusionsflaschen durch Plastikinfusionsbeutel mit Druckmanschette für die Tropfregulierung ersetzt werden.

Abbildung 9a: Planmäßige Hubschrauber-Windenbergung mit dem JENNYBergesack – in Horizontallage

Abbildung 9b: Planmäßige Hubschrauber-Windenbergung mit dem JENNYBergesack – in Antischocklage

Abbildung 9c: Planmäßige Hubschrauber-Windenbergung – in Kauerstellung

HIGHTECH UND ALPINMEDIZIN –

Flugrettungseinsätze im Hochgebirge – Beginn in der Schweiz ab 1950 durch Fredy WISSEL und ab 1952 durch Hermann GEIGER mit Piper-Flächenflugzeug sowie ab Ende 1952 durch die Schweizerische Rettungsflugwacht unter Fritz BÜHLER mit Helikoptern, in Österreich seit 1956 anfangs mit PiperFlächenflugzeugen und später Hubschraubern des BMfI sowie ab 1958 durch Hubschrauber des BMfLV – ermöglichten epochale Fortschritte in der Alpinmedizin durch Verkürzung der Zeit zwischen Unfall und erster ärztlicher Hilfe, raschen und schonenden Transport unter Fortführung der notwendigen Behandlungsmaßnahmen (z. B. Reanimation) und Möglichkeit des Direkttransports an Klinik oder Krankenhaus mit einer den jeweiligen medizinischen Erfordernissen entsprechenden Behandlungseinrichtung (z. B. Herz-LungenMaschine, Künstliche Niere). • Der Einsatz von hochgebirgstauglichen Hubschraubern mit Rettungscrew an Bord seit 1952/Schweiz und seit 1957/Österreich, • die Verwendung elektronischer Sender-Empfänger-Lawinenverschüttetensuchgeräte in Kanada, Schweiz und Österreich in den späten 1960er Jahren sowie • das Mitte der 1980er Jahre entwickelte, im Bergrettungsdienst und von den

Bergsteigern benutzte handliche Mobilfunktelefon (Handy) verbesserten aus alpinmedizinischer Sicht das Schicksal des Verunglückten überall dort, wo der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielt (Alarmierung, Antransport von Rettungsmannschaften mit Arzt und Suchhund, Abtransport des Unfallopfers).

NEGATIVE BEGLEITERSCHEINUNGEN –

Unschöne menschliche Schwächen, persönliche Rivalitäten und institutionelle Konkurrenzierungen, welche aber den Wettstreit eher angestachelt haben, hat es auch in der Alpinmedizin gegeben. Sie sollten mit Gründung der ÖGAHM Makulatur geworden sein.

EVALUATION –

Bei Bewertung der Leistungen der Alpinmediziner meiner Generation in dem betrachteten Zeitraum ist zu berücksichtigen, dass uns weder PC noch Internet, E-Mail oder Fax zur Verfügung standen.

NATIONALE UND INTERNATIONALE VERBREITUNG –

Die alpinmedizinischen Erkenntnisse wurden im Inland von den alpinen Vereinen und vom Bergrettungsdienst über Printmedien und relevante Veranstaltun-

gen verbreitet. IKAR und UIAA brachten den jeweils aktualisierten Stand der Alpinmedizin weltweit – darunter auch in den interessierten, damals aber durch den „Eisernen Vorhang“ noch vom Westen getrennten Ostblockstaaten CSSR, Polen und Rumänien – in Umlauf. Publikationen und Vorträge von erfahrenen Alpinmedizinern im In- und Ausland trugen maßgeblich dazu bei. Einladungen zu speziellen Referaten mit alpinmedizinischer Thematik an den Universitäten/Hochschulen Innsbruck, Zürich, Prag, Banff, Calgary, Mainz, Brixen und London öffneten die Pforten zu den „Elfenbeintürmen“ der Wissenschaft.

Dem Autor vorliegende frühe alpinmedizinische Literatur,Dokumentation –

(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

1943 Dr. P. GUT, Unfallhilfe und Hygiene im Alpinismus und Wintersport – Schweizerischer Interverband für Skilauf. 1963 Dr. G. NEUREUTHER, Erste Hilfe im Gebirge – 1. Auflage, OeAV und DAV. 1967 Prof. Dr. S. WELLER, Dr. G. NEUREUTHER, Notfälle in den Bergen – Thieme Verlag Stuttgart. 1971– Prof. Dr. G. FLORA, Kongressbände der 1.–15. Internationalen 1997 Bergrettungsärzte-Tagungen – Eigenverlag G. Flora, Innsbruck. 1999 Doz. Dr. P. MAIR, Doz. Dr. G. FASCHING, Dr. E. JENNY, Kongressband der 16. Internationalen Bergrettungsärzte-Tagung – Eigenverlag P. Mair, Innsbruck. 1973 Dr. F. AUER, Höhenmedizin – Urban & Schwarzenberg Verlag, München/Berlin/Wien. Prof. Dr. B. H. C. MÜLLER, Flugmedizin für die ärztliche Praxis –Kirschbaum Verlag, Bonn. Dr. W. ODERMATT, Erste Hilfe im Gebirge – Schweizer Alpenclub. 1974 Dr. A. W. ERBERTSEDER, Gesundheit und Bergsteigen – 1. Auflage, Rother Verlag, München. 1977 Dr. A. W. ERBERTSEDER, Bergmedizin für Bergwanderer und Bergsteiger – Goldmann Verlag, München. 1978 Dr. P. FORRER, Alpine Notfälle – Eigenverlag P. Forrer, Kandersteg. Dr. E. JENNY, Der Lawinenunfall – 1. Auflage, Lehrschriften des OeAV. 1979 Dr. E. JENNY, Retter im Gebirge, Alpinmedizinisches Handbuch – 1. Auflage, Rother Verlag, München.

1981 Prof. Dr. P. DEETJEN, Dr. E. HUMPELER, Medizinische Aspekte der Höhe – Thieme Verlag, Stuttgart. Dr. E. JENNY, Bergsteigen und Gesundheit, Wissenschaftliches Alpenvereinsheft Nr. 27 – OeAV und DAV. Dr. K. STELZER, Handbuch Gebirgs-Sanitätsausbildung – DRK Bergwacht Württemberg. 1982 Dr. E. JENNY, Ratownik w górach – Wydawnictwo „Sport i Turystyka“, Warszawa 1982. 1985 Prof. Dr. P. BERNETT, Erste Hilfe; Bergrettung – Alpin-Lehrplan 8, DAV und OeAV. Dr. E. JENNY, Kameradenhilfe im Gebirge – 1. Auflage, Lehrschriften OeAV. 1987 Dr. F. BERGHOLD, Bergmedizin heute – F. Bruckmann KG, München. Prof. Dr. P. BERNETT, Bergmedizin; Ernährung; Training – AlpinLehrplan 7, DAV und OeAV. 1991 Prof. Dr. F. BERGHOLD, Dr. W. SCHAFFERT, Handbuch der Trekking- und Expeditionsmedizin – 1. Auflage, DAV Summit Club.

Einzelpublikationen in der Frühperiode –

Höhenmedizin – mittlere Höhen M. BURTSCHER, P. DEETJEN, W. HASIBEDER, E. HUMPELER, W. SCHOBERSBERGER u. a.

Höhenmedizin – große und extreme Höhen P. BÄRTSCH, F. BERGHOLD, M. MAGGIORINI, O. OELZ, W. SCHAFFERT u. a.

Flugrettungsmedizin G. FLORA, E. JENNY u. a.

Ärztliche Probleme beim Hubschrauber-Transport von Schwerverletzten –Österreichische Ärztezeitung (26, 1971) E. JENNY.

Diverse alpinmedizinische Beiträge (F. BERGHOLD, M. BURTSCHER, E. JENNY u. a.) in den Jahrbüchern des Kuratoriums für Alpine Sicherheit, Redaktion E. RABOFSKY und Nachfolger.

SCHLUSSWORT

Abschließend darf ich in Dankbarkeit all jener Freunde gedenken, die uns ein Stück des Weges begleitet haben und die in Ausübung des Berg- oder alpinen Hubschrauber-Rettungsdienstes ums Leben gekommen sind, bei Alpinunfällen ihr Leben ließen, ein eisiges Grab im Himalaja, im Kaukasus oder am Biancograt gefunden haben und schließlich auch jener Kameraden, die den höchsten Punkt dieser Erde betreten und die höchste Stufe der Alpinmedizin erreicht hatten, deren Stern in einer Stunde tiefer Verzweiflung verglüht ist.

PS

Der Zeitraum der vorliegenden geschichtlichen Betrachtungen erstreckt sich

von den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gründung der

ÖGAHM im Jahre 1989, in die schließlich alle bisher zersplittert agierenden Kräfte der Alpinmedizin personell und fachlich zu koordinierter Arbeit eingebunden wurden.

Ein zweiter Teil „Geschichte der Alpinmedizin“,beginnend mit der Gründung der ÖGAHM 1989, ergibt sich aus fachlich-medizinischer wie auch vereinspolitischer Sicht aus den Beiträgen und Literaturangaben der seit dem Jahre 1990 jährlich herausgegebenen ÖGAHM-Jahrbücher sowie den zweimal pro Jahr erscheinenden Rundbriefen der ÖGAHM, welche zusammen eine stets aktuelle internationale Evaluation unserer Gesellschaft erlauben.

Fotos

Archiv Dr. E. Jenny.

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