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SOMMER I N B ERL IN
Essen, Trinken, Kultur, Erholung, Sport, Festivals: 500 Tipps & Termine für die schönste Jahreszeit
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7,90 €
SOMMERGENUSS Draußen essen: Biergärten, Grillen, Picknick, Wildkräuter
URBANE OASEN Für Entdecker: So finden Sie die lauschigsten Hinterhöfe
SCHWIMMEN Cool: Die schönsten Seen und Freibäder der Stadt
www.reichelt-berlin.de
Perfekt für den Fussballsommer
Serviervorschläge
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Angebote gültig vom 6.6. – 9.7.2016 Herausgegeben durch: E Reichelt Verwaltungsgesellschaft mbH, Birkenstr. 4, 15537 Grünheide / Firma und Anschrift der Märkte unter www.reichelt-berlin.de/marktsuche oder mittels Service-Nr. 0800 – 72 42 855 (kostenfrei aus dem dtsch. Fest- oder Mobilfunknetz)
INTRO
SCHÖNE PERSPEKTIVEN
TITELFOTO / FOTO F. ANTHE A SCHA AP
Bislang hatten wir geglaubt, Berlin in allen seinen Facetten ziemlich gut zu kennen. Trotzdem waren wir bei der Recherche zu unserer Titel-Story einigermaßen überrascht: Wie vielfältig die Berliner Hinterhöfe sind, erschließt sich erst bei einer ausgedehnten Entdeckungstour. Dafür ist der Sommer genau die richtige Zeit. Denn viele Hinterhöfe beeindrucken dann nicht nur mit ihrer üppigen Bepflanzung. So manches Café hat in diesen Oasen auch seine Klappstühle aufgestellt. Ein zweiter Blick lohnt sich aber auch auf viele Kräuter, die in der Hauptstadt unbeachtet am Wegesrand wachsen. Einige von ihnen sind nicht nur essbar, sondern wahre Vitalbomben. Darum lassen Sie sich verführen, und betrachten Sie Berlin einfach mal mit neuen Augen. Zur schönsten Zeit des Jahres! Ihre Redaktion
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INHALT URBANES LEBEN HINTERHOF-OASEN
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Lauschige Plätze und Rückzugsmöglichkeiten: Die versteckten Innenseiten der Hauptstadt
BEGRÜNUNG SELBSTGEMACHT
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KIEZE NEU ENTDECKEN
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MODE IN UND AUS BERLIN
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RUDELGUCKEN ZUR EM
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So werden aus grauen Brachen gemütliche Plätze
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Rundwege zeigen die besten Höfe, Kneipen und Märkte in Schöneberg, Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain
Strickbikini aus dem Erzgebirge, Rucksack von Marina Hoermanseder und Jérôme Boatengs neue Brillen
Die besten Orte zum Fußballschauen in Berlin
MÄKTE VON TRÖDEL BIS ANTIK 36 „Fesche Lotte“ und Co: Neue Designmärkte schließen zu etablierten Flohmärkten auf
ESSEN & TRINKEN
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NEUE EISDIELEN
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GRILLPLÄTZE
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KRÄUTERKRAFT
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PERFEKTES PICKNICK
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BIERGÄRTEN
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Immer hübscher, immer gesünder: Eisdielen sehen jetzt aus wie Bullerbü-Filialen
Wo man in Berlin noch rauchen darf – und was dort auf den Grill kommt
Gesundheit am Wegesrand: Berlin entdeckt die Kraft der Kräuter
Ob mit Craftbier oder Oldschool-Pils: Berliner Biergärten bleiben eine Instanz im Sommer
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FOTOS F. ANTHE A SCHA AP
Was in den Picknick-Korb gehört und welche Feinkostläden weiterhelfen
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SPORT & SPASS WANDERN IN DER STADT
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BADEN GEHEN
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BOLZEN AUF BETON
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PARKOUR
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TURNBEUTEL 2.0
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Trekking entlang der Spree: Berlin mit dem Rucksack entdecken
Das Strandbad Wannsee und andere Badestellen der Extraklasse
Fußball ohne Chichi: Raue Bolzplätze in Berlin
Runter vom Sofa, rauf auf die Dächer und über die Mauern
Neue Sachen, die Sport noch schöner machen
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MUSIK & MEHR FESTIVALS
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Lollapalooza & Co: Ohne Festivals kein richtiger Sommer
BÜHNE, KINO, FESTE
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Open-Air ist einfach besser: Konzerte, Kino, Theater, Stadtfeste und Festivals
JAHRMÄRKTE
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FOTOS F. ANTHE A SCHA AP (2); ULRICH SÜLFLOW / L ABYRINTH KINDERMUSEUM BERLIN
Spaß auf traditionelle Art: Jahrmärkte und Volksfeste
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KIND & KEGEL NATUR FÜR ALLE
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Wo Großstadtkinder Tiere und Pflanzen kennlernen können
SPIELEN UND TOBEN
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FITNESS FÜR MÜTTER
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Spielplätze: Phantasiewelten um die Ecke
Mit dem Baby in die Kniebeuge, mit dem Kinderwagen entlang der Joggingpfade
TIPPS FÜR MISTWETTER
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Was tun, wenn es regnet? Gute Ideen gegen die schlechte Stimmung daheim
FERIEN IN BERLIN
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So viel Zeit und soviel Angebote: Tipps und Termine für die schönste Zeit des Jahres
IMPRESSUM S O M M E R I N B E R L I N 2 016
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B ERLIN
T H E M A K API TE L
Berlin im Sommer ist der Ort für kleines Glück und große Gesten. Rückzugsorte finden sich genauso wie Public-Viewing-Zonen, und der nächste Laufsteg für die aktuelle Sommermode ist auch nie weit.
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HINTERHÖFE
HOFBEGRÜNUNG
KIEZTOUREN
Ob in Kreuzberg, Mitte oder Neukölln – Hinterhöfe sind Gucklöcher in die Seele der Stadt, schattige Oasen und grüne Rückzugsorte
Worauf es beim Selberbegrünen ankommt und wie aus grauen Brachen Wohlfühlplätze für ganze Hausgemeinschaften werden
Das Glück liegt ja oft an der nächsten Ecke, es kann ein Eis sein oder ein besonders schöner Platz. Vier Touren zum Entdecken
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SONNE & BRILLE
SOMMERMODE
NEUE LÄDEN
Designer wie Sakia Dietz oder Bernhard Willhelm kooperieren mit Berliner Brillenherstellern. Das Ergebnis kann sich sehen lassen
Avandgarde-Rucksäcke, StrickBikinis, Shorts für Minimalisten oder Jeans passend zum CSD: Berliner Mode im Sommer 2016
Auf der Suche nach coolen Accessoires und luftigen Kleidchen? Neue Shopping-Tipps für den sommerlichen Stadtbummel
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PUBLIC VIEWING
SOMMERMÄRKTE
Die Fußball-EM rückt näher – und egal wie sie ausgeht – hier sind die schönsten Plätze, um im Rudel zu gucken
Street Food, Klamotten, Design, Antikes: In Berlin wird fast alles auf Märkten verkauft. Neue Orte erweitern das Angebot
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KA PI TEL THEMA
Viel Grün im Halbschatten Berlins unzählige Hinterhöfe sind wie Gucklöcher in die Seele der Stadt. Im Sommer locken sie zu Entdeckungstouren und bieten Momente des Rückzugs TE XTE I SA BE L E H R L IC H F OT OS F. A N T HE A S C H A A P
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achen und Gesprächsfetzen liegen wie ein sanfter Klangteppich zwischen den Hauswänden. Über den Tischen des Biergartens vom „Clash“ bilden Kletterpflanzen eine florale Decke, so knallgrün, wie es nur der Frühsommer zustande bringt. Kaum zu glauben, dass nur wenige Meter zwischen dem Mehringhof und der lauten Gneisenaustraße liegen. Denn kaum hat man die Einfahrt passiert und sich im ersten Innenhof niedergelassen, ist der Großstadtlärm ganz weit weg. Der Mehringhof mit seiner Kneipe samt Biergarten, Theater, Buchladen, Fahrradwerkstatt und vielem mehr, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie sich engagierte Kiezbewohner in den 1970er-Jahren ein halb verfallenes, historisches Areal zu eigen gemacht und umgestaltet haben – und das besondere Flair des Hinterhofs zu nutzen wissen. Nach oben offen und doch geschützt. Urban, aber gleichzeitig grün und gemütlich. Hinterhöfe sind eine Art Wahrzeichen Berlins, Orte zum Entdecken. Hinter alten Hausfassaden und dicken Toren warten oft Oasen mit Kultureinrichtungen, erstaunlichen Geschäften und einer Gastronomie, die vor allem im Sommer zum Verweilen einlädt. „Wir erleben gerade eine Renaissance der Hinterhöfe“, sagt Wolfgang Feyerabend. „Und zwar mit völlig neuen Formen der Gestaltung und der Nutzung, denn eigentlich waren diese Bereiche des Hauses früher Orte der Arbeit und der Enge.“ Ein Wandel, mit dem sich der Stadthistoriker intensiv beschäftigt hat, wie sein Buch „Berliner Hinterhöfe“ belegt. Außerdem bietet er Führungen an. Am liebsten durch Mitte, die ehemalige Spandauer Vorstadt, denn dieser als Flächendenkmal ausgewiesene Bereich ist der einzige Teil der Hauptstadt, der historische Gebäude in dieser Geschlossenheit und Dichte aufweist. Und mit ihnen zahlreiche Hinterhöfe, die öffentlich zugänglich sind. Ein schönes Beispiel sind die SophieGips-Höfe, deren Eingang an der Sophienstraße man tagsüber leicht übersehen kann. „Abends locken hier Lichtinstallationen Besucher hinein, das ist wunderbar gemacht“, sagt Feyerabend. Auf einer Art Privatweg kann man einmal quer durch den gründerzeitlichen, ehemaligen Fabrikbau laufen. „Erst in den 1990er-Jahren wurde der Durchgang zur Gipsstraße geschaffen und der Komplex aufwendig saniert. Dabei wurden die alten Strukturen erhalten und durch einige moderne Glas- und Aluminiumdachaufbauten ergänzt“, sagt Feyerabend. Und die beherbergen heute die private Kunstsammlung Hoffmann – ein
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Muss für Fans zeitgenössischer Kunst. Danach bietet sich bei schönem Wetter das Café Barcomi’s an, das im Hof seine Tische und Stühle aufgestellt hat. Die Geschichte der Berliner Hinterhöfe hat einen rationalen Kern: Als Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung immer mehr Menschen vom Land in die Stadt zogen, hatte Berlin ein Platzproblem. „Damals galt noch weitgehend die Formel: ein Haus, ein Haushalt“, sagt Diplom-Ingenieur Matthias Seidel. An der UdK hat er als Assistent von Jonas Geist gelehrt,
KLEINE HOFTYPOLOGIE Unter dem Begriff kann sich zwar jeder etwas vorstellen – doch was kennzeichnet einen Hinterhof aus? Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat die verschiedenen Flächentypen Berlins charakterisiert. Dazu gehören der Geschlossene Hinterhof, der Hinterhof und der Schmuck- und Gartenhof. Die ersten beiden Typen sind das, was viele als „typischen“ Hinterhof bezeichnen. Komplett oder weitgehend von fünf- bis sechsgeschossiger Blockbebauung mit Vorderhaus, Seiten- und Querflügeln umschlossene Höfe in Gründerzeitkomplexen, die zu Gewerbe- und Wohnzwecken genutzt werden. Typisch für Gründerzeitgebäude abseits des S-Bahnrings sind die Schmuck- und Gartenhöfe mit viergeschossigen Bauten, die entweder Quer- oder Seitengebäude haben. Sie sind heller und offener gehalten. Interessant ist auch der Typ „Sanierung und Entkernung“ als Beispiel für die Auflösung der alten Baustruktur: Hier wurden viele oder alle Quer- und Seitenflügel abgerissen, so dass große Hinterhöfe entstanden. Die gründerzeitliche Blockrandbebauung blieb erhalten, doch viele Gebäude sind durch Neubauten ersetzt worden. Beim Typ „Behutsame Sanierung“ wurde nur da abgerissen, wo es „unbedingt nötig“ war, und die typischen Hinterhöfe blieben erhalten.
der dort in der 1980er-Jahren mit Klaus Kürvers das Standardwerk „Das Berliner Mietshaus“ erarbeitet hat. Den Grundstein für die Bebauung, die wir heute als so typisch für Berlin empfinden, legte der Hobrecht-Plan aus dem Jahr 1862 mit Straßen- und Grundstücksverläufen, die eine starke Verdichtung ermöglichten. Diesen Plan nutzten
viele Bauherren, um lukrative Mietshäuser mit Vorderhaus, Seiten- und Quergebäuden inklusive Hinterhöfen zu realisieren. Und somit möglichst vielen Menschen unterschiedlicher Schichten einen Ort zum Leben und Arbeiten zu bieten. So entstanden die heute oft als Mietskasernen bezeichneten, engen Wohnblöcke, die erst im 20. Jahrhundert nach und nach aufgebrochen wurden. Daran hatten, erklärt Matthias Seidel, die Bomben der Weltkriege ihren Anteil, aber auch ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel trug dazu bei – weg von der Enge, hin zu mehr Licht, mehr Platz und mehr Wohnkomfort. Ein Paradebeispiel dafür, mit wie viel Leben man den Raum zwischen den Häusern füllen kann, sind die Hackeschen Höfe. Auch die Tour von Wolfgang Feyerabend führt in Berlins größte Wohn- und Gewerbehofanlage mit insgesamt acht Höfen aus dem Jahr 1906/07. „Sie sind das Meisterstück des Baumeisters und -unternehmers Kurt Berndt“, erklärt Feyerabend. Und eine Attraktion, in die regelmäßig Touristenscharen pilgern. Dabei waren es ursprünglich gerade nicht kommerzielle Entwickler, sondern „die Jugend und Hausbesetzerszene, die das Potenzial der Gründerzeitbauten in den späten 1970er Jahren entdeckte“, sagt Matthias Seidel. „Sie konnten teilweise verhindern, dass die schönen, alten Wohnblöcke nicht wie andernorts aufgekauft, heruntergewohnt und komplett abgerissen wurden, wie etwa am Kottbusser Tor geschehen.“ Der eingangs erwähnte Mehringhof ist so ein Beispiel. Und auch die Regenbogenfabrik in Kreuzberg wurde von einer ehemaligen Gewerbeanlage in ein solidarisches Nachbarschafts- und Kiezzentrum mit Werkstätten, Kino, Kulturprogramm und einer Mittagskantine für Jedermann umgebaut. Dass das Thema Hof gefragt ist wie nie, zeigen auch die unzähligen Neubauprojekte, die das Wort „Hof“ schon im Namen haben. Ob in den zentralen Lagen oder abseits des Ringes – zahlreiche Wohnprojekte werben mit ihren „grünen Oasen“. „Das hat auch mit der veränderten Lebensweise der Menschen zu tun. Räume werden erobert, Hausbewohner bringen sich ein im städtischen Leben“, sagt Matthias Seidel. Und möchten sich mitunter doch zurückziehen: In die wunderbare Ruhe, die ein Hinterhof mitten im großstädtischen Trubel bieten kann. WOLFGANG FEYERABEND: „BERLINER HINTERHÖFE“, L+H VERLAG BERLIN THIES SCHRÖDER E.K. 2015, 208 SEITEN, 19,80 €
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Immer hier entlang! Bei diesen Kieztouren können Sie Berlin von seinen schönsten Sommerseiten entdecken. Kleine Snacks für unterwegs haben wir genauso eingeplant wie Stopps zum Fußball-EM-Gucken TOUREN EVA APRAKU, MARTIN HILDEBRANDT
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K I E Z T O UR E N U R B A N E S LE BE N
U FRANKFURTER TOR
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SPAZIERGANG IN FRIEDRICHSHAIN
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COFFEIN-CENTRALE Vor dem Start erst mal frisch machen: mit einem vor Ort gerösteten Kaffee oder Espresso. – Mainzer Straße 20
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EISPIRATEN Zu den Eispiraten gehen wir, weil es dort leckeres Piraten-Eis gibt. Die Kugel für einen Euro (s. S. 73). – Grünberger Straße 85
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FLOHMARKT AM BOXHAGENER PLATZ Wer sonntags diesen Flohmarkt besucht, kann manchmal berühmte Straßenmusiker erleben (s. S. 39). – Boxhagener Platz
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SPIELPLATZ KNORRPROMENADE Fußball, Basketball oder Skaten: ein Spielplatz für Sportliche. – Knorrpromenade 5
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MODERSOHNBRÜCKE Ein berühmter Ort für urbane Romantiker – wegen der fantastischen Sonnenuntergänge. – Zwischen Revaler- und Rudolfstraße
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FOODMARKET BERLIN Köstlichkeiten als Zwischenmahlzeit für unterwegs (s. S. 39). – Revaler Straße 99
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KLETTERTURM DER KEGEL Biergarten und Boulderanlage rund um einen Luftschutzbunker. – Revaler Straße 99
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URBAN SPREE Kunst, Musik und Bier - Urban Spree erfüllt alle Bedürfnisse (s. S. 91). – Revaler Straße 99
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BIERHOF RÜDERSDORF Ohne Türkontrolle Lebensfreude tanken im Biergarten vom Berghain (s. S. 90) – Rüdersdorfer Straße 70
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KA PI TEL THEMA
Das sieht gut aus Wer hätte es gedacht? Berlin ist die Hauptstadt der Sonnenbrillen: Mindestens zwei Weltmarken, eine Weltmeister-Brille und andere gute Ideen kommen von hier. Neu: Brillen aus dem 3D-Drucker
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ehr Berlin geht nicht! Fußballweltmeister Jérôme Boateng, einer der bekanntesten Brillenträger in Deutschland, hat eine Brillenkollektion entworfen. Gemeinsam mit den Online-Optiker Edel-Optics entstanden Unisex-Korrektur- und Sonnenbrillen. Zwar ist der Innenverteidiger aus dem Wedding selbst kurzsichtig, Brillenträger seit Schulzeiten, aber der Modeaspekt war dem laut GQ „Best Dressed Man 2015“ ebenso wichtig wie die Korrekturfunktion. Gerade bei Sonnenbrillen spielt die Mode eine große Rolle. Da wundert es nicht, wenn sich Brillenhersteller und Modedesigner für Kooperationen zusammenschließen. Bei-
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spiele gibt es zur Genüge – auch aus Berlin. Mit IC!Berlin und Mykita gibt es zwei Brillenmarken aus der deutschen Hauptstadt, die weltweit gefragt sind und in den wichtigsten Modeboutiquen und Optikerläden erhältlich sind. ZUSAMMENARBEIT UND 3D
Mykita aus Kreuzberg kooperiert mit namhaften Designern wie den international gefragten deutschen Modemachern Bernhard Willhelm und Damir Doma oder dem Pariser Modehaus Maison Margiela. Ortskonkurrent IC! Berlin arbeitet seit 2015 mit dem in Berlin lebenden polnischen Designer Dawid Tomaszewski zusammen.
Hochwertige Materialien, Handwerk und Technologie sind für die Berliner Brillenherstellern sehr wichtig. Beide großen Marken haben patentierte Scharnierlösungen. Sie werden in Berlin hergestellt und setzen auf klassische und innovative Materialien wie Blech, Acetat sowie Mykitas Mylon und Plotic bei IC!Berlin, die bei der 3D-Laser-Technolgie verwendet werden. Apropos 3D. Diese Technik wird in Zukunft eine wichtige Rolle in der Brillenherstellung spielen. Neue Designs und auf individuelle Bedürfnisse angepasste Formen sind dabei ausschlaggebend. In einer multikulturellen Stadt wie Berlin, in der Menschen aus allen Teilen der Welt zusam-
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FOTO MARK BORTHWICK
TEXT STEFAN SAUERBREY
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FOTOS PR/HERSTELLER (4); BENNET LOHMANN/ EDEL- OPTICS/ WWW.BLENDWERK-STUDIO.COM; SEBASTIAN BUSSE
CELESTE Aus der Kollektion Decades Sun von der Berliner Manufaktur Mykita. — Mykita im Bikini Berlin, Charlottenburg und im Shop, Rosa-LuxemburgStr. 6, Mitte
LUNETTES KOLLEKTION X JULIAN ZIGERLI Diese Clip-ons verwandeln beinahe jede Brille in eine Sonnebrille – eine Koop zwischen Lunettes und dem Schweizer Designer. — Lunettes, Torstr. 172, Mitte
VERUSCHKA Das Topmodell der 70er ist Inspiration für diese Koop zwischen Mykita und dem Designer Bernhard Willhelm. — Mykita im Bikini Berlin, Charlottenburg
LIEBESKIND BERLIN Nach Taschen, Mode und Uhren gibt es nun auch Sonnenbrillen aus Acetat. — Liebeskind Berlin Store, Neue Schönhauser Str. 8, Mitte
menkommen, eröffnet das Brillendesignern ganz neue Möglichkeiten. Sie können auf die Wünsche ihrer Kundschaft besser eingehen. Eine Brille soll gut sitzen. Dafür muss man unterschiedliche Nasen, Kopfgrößen und Augen berücksichtigen. Da ist es sinnvoll, eine individuelle Lösung parat zu haben. Das ermöglicht der 3D-Druck. Während noch viele mit der Technologie experimentieren, kommt schon fast die Hälfte der Brillen, die Andreas Ketzlar in seinem Kreuzberger Geschäft Frame Punk (siehe S. 31) verkauft, aus dem 3D-Printer. Der Brille als Ausdrucksmittel von Individualität und Vielfalt steht also in Zukunft nichts mehr im Weg.
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SASKIA DIEZ: YOU & ME Zusammenarbeit mit der Schweizer Brillenmarke Viu. Aus Nylon, made in Italy. — Viu Store, Potsdamer Str. 77, Tiergarten
JB-BERLIN Die Brillenmodelle von Jérôme Boateng sind nach den Stationen seines Lebens benannt. — www.edel-optics.de
GRAZYNA Für dieses Oversize-AcetatModell kooperieren der Berliner Designer Dawid Tomaszewski und IC! Berlin. — IC! Berlin, Max-Beer-Str. 17, Mitte
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T H E M A K API TE L
Wenn es rausgehen soll zum Sport, dann jetzt. Laufen, Bolzen, Klettern macht draußen schlicht mehr Spaß. Und wenn es doch mal zu heiß wird: Schwimmen und Wandern geht immer
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WANDERN
WANNSEE
Trekking in Berlin. Mit dem Rucksack entlang der Spree, vorbei an Schlössern, durch viele Parks und über Brücken. Vier Tagestouren zum Erwandern der Stadt
Aus einer illegalen Badestellle wurde ab 1907 das Strandbad Wannsee, Großstadtlegende, Architektur-Perle und Blaupause für Volksbadebetriebe weltweit
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BADESTELLEN
BOLZEN
Kein Sommer ohne Köpper in den See, keine Sommerferien ohne Döppen am Beckenrand: Berliner lieben ihre Badeplätze. Hier ein Auswahl der besten und beliebtesten
Betonböden, Gitterzäune und Rasen nur in abgewetztem Zustand: Fußball auf Berliner Bolzplätzen ist Sport ohne Chichi, aber mit viel Leidenschaft und noch mehr Einsatz
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PARKOUR
SPORTSACHEN
Mehr Stadt und Sport geht nicht: Spingen über Treppenläufe, Rennen auf Hausdächern, Hochziehen an Denkmalmauern. Parkour verlangt dem fitten Großstädter alles ab
Dinge, die Sport einfacher, schöner und effektiver machen: Radioskateboards, Fussballklemmen fürs Rad, Crosstrainer für Draußen und neue lässige Schwimmmasken
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S POR T & SPASS BO L Z E N
Fußball unplugged Berlins Bolzplätze sind eine gute Schule: In einem Käfig im Wedding legten die Boateng-Brüder den Grundstein für ihre Weltkarriere. Aber auch tausende Rumpelfußballer spielen täglich auf den harten Betonböden. Was die Freizeitkicker eint, ist die pure Begeisterung am Spiel TEXTE JENS HOLLAH, PHILIPP WURM, FOTOS F. ANTHEA SCHAAP
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o der Boden aus Beton besteht und die Zuschauerkulisse aus Häuserschluchten, ist die Wiege des Fußballs. Auf den Bolzplätzen in den Großstädten haben sie ihre Kabinettstückchen gelernt, die vielen Superstars, ihre Lupfer und Übersteiger, Seitfallzieher und Volley-Schüsse. Maradona, der Held des argentinischen Fußballs, dribbelte einst als Steppke in einem Vorort von Buenos Aires. Der junge Zidane zauberte in Teenagerjahren zwischen grauen Plattenbauten in Marseille. Und der englische Kultkicker Wayne Rooney spielte früher Straßenfußball in einem Arbeiterviertel von Liverpool. Auch Berlin ist voller Heldengeschichten, deren Mittelpunkt der Bolzplatz um die Ecke ist. Da ist vor allem die so genannte Panke im Wedding: ein humorloser Käfig, mitten im Hoheitsgebiet der Straßengangs. In diesem klobigen Ding haben sich die Boateng-Brüder jene Schlitzohrigkeit angeeignet, die sie später zu Siegertypen machte. Jérôme spielt heute bei Bayern München. Kevin-Prince beim AC Mailand. Er schwärmt: „Die Panke war mein Zuhause. Ihr habe ich alles zu verdanken.“ Der Bolzplatz, das ist die harte Schule: Fußball unplugged. Ohne Trainer, ohne Schiri. Do-It-Yourself-
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Mentalität zwischen Gittern, Unkraut und herumliegenden Zigarettenkippen. Aus der Anarchie folgt: Jeder kann mitmachen. Auch die hochtalentierten Boatengs waren sich nicht zu fein, gegen Grobmotoriker anzutreten, als sie noch in der Pank beim Wedding ihre Pirouetten drehten. Alles ist möglich an so einem Ort. Auch dass sich ein späterer Weltklassespieler ein Tor von einem Rumpelfußballer fängt. Das Versprechen kleiner und großer Fußballwunder lockt täglich tausende Berliner auf die Spielfelder in den Kiezen. Sie strömen auf die Ascheplätze in der Wuhlheide, die Wiesen im Preußenpark oder in die unzähligen Käfige in den Brennpunktgegenden, im Wedding, aber auch in Neukölln, in der Nähe des Kotti etwa oder in Schlagweite der Sonnenallee. Der Nebeneffekt dieser Massenbewegung: das Dünkellose, das die Bolzplätze charakterisiert, macht sie auch zu Foren der Begegnung. Teenager und Thekenmannschaften, Professoren und Prolls, Nonkonformisten und Spießer gestalten hier gemeinsam ihre Freizeit. Und versauern nicht in ihren Communitys.
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B O L Z E N S P O R T & SPASS
Mit Netz, ohne doppelten Boden: der Bolzplatz am Maybachufer in Neukรถlln
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Treppen zum Glück Parkour, die urbanste aller sportlichen Outdoor-Aktivitäten, ist ein ausgezeichnetes Ganzkörpertraining, für das man praktisch kein Equipment braucht. Die Trainingsgeräte finden sich in der Großstadt überall: rund um Hochhäuser, auf Spielplätzen oder in Parks TEXT COSMO ZWIEBLER, EVA APRAKU
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„80 Prozent sind Technik, 20 Prozent Muskelkraft“ Trainer Minh Vu Ngoc
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a nasza i wasza wolnosc – für eure und unsere Freiheit“, steht in riesigen, steinernen Lettern auf der etwa zwei Meter hohen Mauer, rechts von einem Dutzend junger Leute in Sportklamotten. Doch das „Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten im 2. Weltkrieg“ im Volkspark Friedrichshain dient momentan eher weniger zur inneren Einkehr. Stattdessen lauschen die Mittzwanziger konzentriert einem drahtigen Typen mit asiatischen Gesichtszügen. „Lauft auf die Mauer zu, setzt den Fuß auf Hüfthöhe an und drückt euch nach oben“, ruft Minh Vu Ngoc, 23, der seit 2007 Parkour betreibt und hier Trainer ist. „Dann ergreift ihr mit gestreckten Armen das Mauerende und drückt euch nach oben. Nutzt den Schwung, um den Körper über die Mauer zu ziehen.“ Klingt simpel, auch logisch, ist aber nicht so einfach umzusetzen. Einige Kursteilnehmer rennen einfach los – um dann doch nur ungeschickt gegen die Mauer zu knallen. Andere schaffen es, sich ein Stück hochzuziehen, kommen aber nicht über die Kante rüber und rutschen wieder zurück. Nur bei Minh Vu Ngoc und dem zweiten Trainer Martin Fleck, einem Endzwanziger, der seit rund zehn Jahren Parkour betreibt, sieht es so unfassbar spielend leicht aus, wenn sie ganz locker mal eben den Weg über die Mauer nehmen. „80 Prozent dabei sind Technik und nur 20 Prozent Muskelkraft“, sagt Minh Vu Ngoc, ein TU-Berlin-Student und gebürtiger Berliner. Parkour, eine Bewegungskunst, bei der es darum geht, auf dem kürzesten Weg ohne Hilfsmittel möglichst effizient von A nach
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B zu kommen, wurde von Raymond Belle erfunden. Belle stammt aus FranzösischIndochina, dem heutigen Vietnam, und hat die „Méthode Naturelle“, eine Strategie in Fluchtsituationen, für die französische Armee entwickelt. Sein Sohn David Belle, ein Stuntman und Schauspieler, adaptierte diese Methode für die Gegebenheiten der französischen Vorstädte, in denen Beton, Mauern oder Geländer dominieren, über die sich die sogenannten Parkour-Traceure scheinbar mühelos hinwegbewegen. Doch davon ist man in dem Anfängerkurs im Volkspark Friedrichshain noch weit entfernt. Wobei hier ohnehin kaum einer wirklich vorhat, später mal über Häuserschluchten zu springen – wie die Stars von Action-Filmen, von denen kaum einer ohne spektakuläre, dem Parkour entliehene Elemente auskommt. Runtergebrochen auf Berliner Sportkursverhältnisse dient diese Bewegungskunst den meisten Teilnehmern erst einmal als Inspiration: Dazu, überhaupt den Allerwertesten hochzukriegen und etwa bei ParkourFit, der abgespeckten Fitness-Variante dieser Disziplin, schwitzend unter freiem Himmel vom Abenteuer in der Großstadt zu träumen – davon vielleicht, zum Rhythmus der Trompetenfanfaren von „Gonna Fly Now“, dem Soundtrack von Sylvester Stallones „Rocky“-Boxerfilmen, erst an heruntergekommenen Häusern, brennenden Ölfässern und abgewrackten Straßenkreuzern vorbei bis zu den Treppen des Philadelphia Museum of Art hinaufzurennen. Treppen, eine der wichtigen sportlichen Herausforderungen der Großstadt, werden auch beim Parkour-Training genommen.
Hier und heute allerdings auf allen Vieren. Rückwärts, der Kopf zeigt treppab. Denn Parkour ist eine Ganzkörpersportart, die alles auf einmal schult: Kraft, Koordination, Balance, Ausdauer. Und die Fähigkeit, die Zähne auch dann mal zusammen zu beißen, wenn man meint, eigentlich geht jetzt gerade nichts mehr. „Jeder der sich irgendwo anlehnt oder die Hände in die Hosen steckt“, ruft Minh Vu Ngoc, „muss zehn Liegestütze machen.“ Vielleicht sind es auch diese unnachgiebigen Forderungen, wonach sich die Teilnehmer sehen. Und die Tatsache, dass nicht jedes Wehwehchen und jeder Regentropfen an die große Glocke gehangen werden. Nach zwei Stunden, die mit lockerem Joggen als Aufwärmübung begannen, aber auch klassische Sit-ups, Liegestütze, Klimmzüge oder Wechselsprünge an hohen Bordsteinkanten beinhalteten, glänzen Schweißfilme auf den rotglühenden Gesichtern der Teilnehmer, die Haare hängen in feuchten Strähnen. Jetzt will jeder nur noch nach Hause. Duschen, alle Viere von sich strecken, glücklich sein, die Herausforderung der Großstadt bestanden zu haben. PARKOURONE Die Berliner Sektion der auch in der Schweiz und Italien existierenden Parkour-Gemeinschaft bietet vom Kinder-, Einführungs- bis zum Uni-Kurs diverse Workshops an. Auch das auf den ureigenen Trainingsmethoden basierende ParkourFit kann man, z.B. als Personaltraining, buchen. Alle Infos unter http:// parkourone.com/regionen/deutschland/ berlin/parkourone-berlin/
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Eisdielen sehen jetzt aus wie aus dem Kinderbuch und Biergärten servieren veganes Chili. Eines jedoch ist nicht den Moden unterworfen: Was man draußen isst und trinkt, wird immer besser schmecken als daheim und allein
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Eisdielen sehen nicht mehr aus wie die klassische Gelateria am Gardasse, sondern wie eine Filiale von Bullerbü. Es schmeckt aber wie eh und je: nach Sommer und Sonne
Damit der Rauch nicht in ganz Berlin den Blick verschleiert, gibt es offizielle Grillplätze. Wir stellen sie vor. Und sagen, was wo bruzelt, vom veganen Spieß bis zum Schnitzel Hawaii
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Die Berliner entdecken Wildkraüter wie Löwenzahn oder Brennesseln als Salattopping, Pesto, Tee oder Smoothie. Das ist gut und praktisch, die wachsen ja fast überall
Der Weg zum perfekten Picknick, ob selbst zusammengestellt oder doch im Feinkostladen als Paket gekauft. Dazu die besten neuen Gadgets für ein gelungens Wiesenfest
88 BIERGÄRTEN Am Biergarten führt in Berlin im Sommer kein Weg vorbei, egal ob es dort jetzt Craft-Beer mit veganem Chili oder noch ganz oldschool Brauerei-Bier mit Grillfleisch gibt
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Tofu oder T-Bone? Röstaromen in der Luft gehören zum Sommergefühl wie der Duft von Sonnencreme. Zwar ist der Tiergarten nicht mehr der größte Grillplatz der Stadt – dieses Vergnügen ist ja vor vier Jahren verboten worden –, doch es gibt noch immer so viele urbane Grillplätze in Berlin, dass jeder sich den passenden rauspicken kann. Was die Orte auszeichnet, erklären wir hier. Und wie könnte man das Ambiente besser umschreiben als mit dem dazu passenden Grillgut? Guten Appetit! TEXT MANUELA BLISSE ILLUSTRATIONEN VIET HOA LE
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G R I L L E N E S S E N & TRI NK E N
SPARERIBS UND COLESLAW
BIERDOSENHÄHNCHEN
LAMM UND STOCKBROT
Das große, wenig bewachsene Areal des ehemaligen Tempelhofer Flugfeldes ist täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang bei freiem Eintritt geöffnet. Es gibt Normalos und Freaks, Sportler und Müßiggänger, Einzelgänger und Gruppendynamiker jeden Alters. Demokratie auch auf dem Grill: Spareribs, dazu Coleslaw aus der Tupperdose, Currywurst oder Buletten-Kartoffelsalat-Rote-Grütze-Picknickkörbe. Letztere, Federballspiel inklusive, gibt es auch fertig: Auf Vorbestellung bei Picnic Berlin (siehe S. 84), am Eingang Oderstraße. Achtung: Auf den Grillwiesen ist kein Schatten.
Vor 170 Jahren als erste kommunale Grünanlage in Berlin eröffnet, ist die Naherholungsoase ein schöner Ort fürs Kinderwagenschieben, für Romantiker, Spaziergänger und Sportler. Der Volkspark Friedrichshain mit Märchenbrunnen, Open-AirKino und den beiden Bunkerbergen für die gute Aussicht bietet auch eine Grillfläche – auf dem Kleinen Bunkerberg. Ob Hühnchen oder Broiler: Ein Gockel vom Grill ist ein wunderbarer Grenzgänger, für den es von TV-Koch Jamie Oliver ein passendes Bierdosen-Hähnchen-Rezept gibt. Kalt und sättigend dazu: Kartoffelsalat.
Die Negativschlagzeilen zum Görlitzer Park halten sich hartnäckig. Dabei bietet die Grünfläche einen kleinen See, Aussichtspunkte, Spiel- Sport und Bolzplätze sowie einen Kinderbauernhof. Auf den beiden Grillflächen findet ein multikulturelles Grillgelage statt. Türkische Großfamilien, hippe Touristen, Kreuzberger Partyjünger und junge Familien sind im Görlitzer Park versammelt. Das führt zu einem Grillpotpourri von Lamm und Huhn über Tofuwürstchen und Saitanspieße bis zu Stockbroten für die Kinder.
TEMPELHOFER FELD Tempelhofer Damm – Columbiadamm – Oderstraße, Tempelhof-Schöneberg / S+U Tempelhof, U Paradestraße oder Leinestraße
VOLKSPARK FRIEDRICHSHAIN Am Friedrichshain – Danziger Straße – Landsberger Straße – Friedenstraße, Friedrichshain / Tram M5, 6, 8 Platz der Vereinten Nationen, M4 Am Friedrichshain
GÖRLITZER PARK zwischen Görlitzer Straße und Wiener Straße, Kreuzberg / U Görlitzer Park
SATAYSPIESS MIT PAPAYASALAT
LAMMCHOPS UND FEINKOSTSALAT
NACKENSTEAKS MIT APFELSCHORLE
Mitten im gutbürgerlichen Wilmersdorf befindet sich einer der Picknick-Hotspots der Stadt: der Preußenpark, in der Sommerund Grillsaison besser bekannt als „ThaiWiese“. Wahrscheinlich hat nicht jeder Familienclan ein Gewerbe angemeldet, um ganz informell ein paar Hähnchenspieße zu verkaufen. Aber solche Regularien lässt man hier gern beiseite. Exotik gibt es hier genug, da müssen die übrigen Parkgänger nicht hip oder unangepasst sein. Satayspießchen-Affinität reicht als gemeinsamer Nenner aus. Dazu gibt es einen Papayasalat, dann ist es fast wie im Urlaub.
Zwischen dem alten Gaswerk Charlottenburg und dem Verbindungskanal, unweit der Sickingenbrücke, gibt es am Goslarer Ufer einen urban-idyllischen Grillbereich. Nicht, dass man sich hier in einem grünen Paradies befinden würde. Aber ein urbanes Plätzchen am Wasser findet sich allemal. Feinkostgeschäfte und gute Metzger gibt es im Kiez genug, da bieten sich zarte Lammchops als kleines Grill-Abendbrot an. Ein paar Dips und Salate, hausgemacht oder schnell eingekauft, runden das Dinner ab.
Wer auf dem Weg nach Schönefeld einen Schlenker fährt, kommt am Landschaftspark Johannisthal/Adlershof vorbei. Der war, ähnlich wie das Tempelhofer Feld, einst ein Flugplatz, und zwar der erste Motorflugplatz Deutschlands. Nach Einstellung des Flugbetriebs begann Mitte der 1990erJahre die Renaturierung. Ein Teil des Parks ist ein Naturschutzgebiet, Spiel- und Liegewiesen sind vorhanden. In der Ostfuge des Landschaftsparks gibt es einen Grillplatz. Weil der Park über 65 Hektar verfügt, sollte Deftig-Sättigendes im Gepäck sein: Würstchen, Nackensteaks, Folienkartoffeln und isotonische Apfelschorle.
PREUSSENPARK Brandenburgische Straße – Pommersche Straße – Württembergische Straße, Wilmersdorf / U Konstanzer Straße oder Fehrbelliner Platz
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GOSLARER UFER Sickingenbrücke – Goslarer Ufer, Charlottenburg / M27 Goslarer Platz
LANDSCHAFTSPARK JOHANNISTHAL/ADLERSHOF Gerhard-Sedlmayr Straße – Hermann-Dorner-Allee, Johannisthal / Bus 163 Groß-Berliner Damm Mitte
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T H E M A K API TE L
Nicht nur Festivals, Jahrmärkte und Konzerte: Berliner verlegen im Sommer einfach alles nach draußen, auch Theaterbühnen und Kinoleinwände
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FESTIVALS
OPEN-AIR
JAHRMÄRKTE
Die Essenz eines Festivals, das sich Verlieren in Zeit und Musik, funktioniert auch, wenn man nur zum Lollapalooza wackelt. Die ganze, tagelange Packung gibt es aber weiterhin bei der Fusion oder dem Immergut
Draußen lässt sich nicht nur gut tanzen, auch Filme gucken ist unterm Sternenhimmel ein anderes Erlebnis als im Multiplex. Alle wichtigen Konzerte, Festivals, Bühnen, Open Air Kinos auf einen Blick
Die Tingeltangel-Wunderwelten der Jahrmärkte und Volksfeste bieten ganz unmittelbaren Spaß: Es darf gekreischt, geknutscht und gefeiert werden. Zumindest bis die Achterbahnen wieder abgebaut werden
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M US I K & MEHR TERMIN E
Von wegen Sommerloch – in den warmen Monaten ist mehr los als im Rest des Jahres. Für Festivals, Konzerte und Bühne gilt die gleiche Maxime: Hauptsache unter freiem Himmel
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FOTO SUSAN LÜER
Kultur oben ohne
T E R M I NE M U S I K & ME H R
BERLIN MIDSOMMAR
FESTIVALS IN BERLIN UND UMGEBUNG TORSTRASSENFESTIVAL Anders als der Name suggeriert, handelt es sich hierbei nicht um ein typisches Open-Air-Gewusel. Das in vielen kleinen Läden des Kiezes statt. Am Samstag kann man unter fast 40 Künstlern schöne Entdeckungen abseits des Mainstreams machen, zum Beispiel das englische Elektro-Pop-Duo Darkstar und das generationsübergreifende psychedelische Thaipop-Ensemble The Paradise Bangkok Molam International Band. Sonntag geht es dann mit der Berliner Band Fenster in der Volksbühne weiter. — 4.+5.6., 14–24 Uhr, an verschiedenen Orten englang der Torstraße, Mitte, Samstag: 20 €, 16 € im OnlineVVK, Sonntag: 20 €, erm. 16 €, www.torstrassenfestival.de P×P FESTIVAL Das Festival spendet alle Einnahmen an Kinder, die unter Krieg und Flucht leiden müssen. Mit dabei sind Seeed, Beatsteaks, Aloe Blacc u. a. sowie eine für das Konzert zusammengestellte Truppe, die P x P Allstars, bestehend aus Max Herre, Joy Denalane, Patrice, Clueso, Megaloh, Afrob und Samy Deluxe und Cro. — 5.6., 17–22.30 Uhr, Waldbühne, Glockenturmstr. 1, Charlottenburg, ausverkauft, www.pxpfestival.com
FOTOS SUSAN LÜER; STEPHAN FL AD
STERNE & BASS Ein „Open-Air-Day“-Festival. Denn bevor die Sterne leuchten, muss der Bass runtergedreht werden. Mit dabei: Westbam, Märtini Brös u. a. — 19.6., Rummelsburger Bucht, Rummelsburger Landstr. 2–12, Lichtenberg, ab 16,50 €, www.sterneundbass.de FÊTE DE LA MUSIQUE Seit mehr als 20 Jahren werden am längsten Tag des Jahres Klänge für jeden Geschmack geboten. Egal, wo man wohnt, bis zur nächsten Bühne ist es nie weit. Und das Beste: Alle Konzerte sind kostenlos. Nach Einbruch der Nacht geht es übrigens mit der „Fête de la Nuit“ weiter. — 21.6., 16–22 Uhr, im gesamten Stadtgebiet, danach einige Indoor-Bühnen, www.fetedelamusique.de/berlin
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Sommersonnenwende. Das Line-Up füllen Sandra Kolstad, Adna, Summer Heart, Pooma, Blaue Blume, Rytmeklubben, Ice Cream Cathedral und Svenska Musikklubben. — 24.6., Urban Spree, Revaler Str. 99, Friedrichshain, begrenzte Anzahl von kostenlosen Tickets unter www.urbanspree.com, Informationen unter www. berlinmidsommarfestival.weebly.com FEEL FESTIVAL
Mit dem Umzug an den Bergheidersee im vergangenen Jahr ist man gewachsen, doch die Atmosphäre ist immer noch familiär. Am Sandstrand kann man sich auch mal aus dem Getümmel ausklinken. Man kauft hier die Katze im Sack: Das Line-Up soll erst vor Ort bekannt gegeben werden. — 7.-11.7., Bergheidersee, Lichterfeld, nächster Bahnhof mit ShuttleAnbindung: Finsterwalde, 89 €, www.feel-festival.de STADTWERKEFEST POTSDAM Der Ernegieversorger stemmt auch dieses Jahr wieder ein UmsonstFestival: Freitag Klassik mit Lichtdramaturgie, Samstag Hochkaräter wie Santana, Cyndi Lauper und Mia. Sonntag dann Kinder- und Familienvergnügen. — 8.–10.7., Lustgarten Potsdam, Eintritt frei, www.swp-potsdam.de SPLASH! FESTIVAL HipHop-Festival mit 187 Straßenbande, 257er, Wiz Khalifa und Angel Haze — 8.–10.7., Ferropolis, Gräfenhainichen, 3-Tagesticket ab 129,90 €, www.splash-festival.de WASSERMUSIK „Die andere Karibik“ lautet das Motto des Open-Air-Weltmusik-Festivals, das neben Konzerten auch Filme, Lesungen und Gespräche umfasst. —
8.–31.7., Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Konzerte und Film 12–18 €, erm. 8–15 €, Film solo: 6 €, erm. 4 €, www.hkw.de BERLIN, BEATS & BOATS Techno-, Electro- und House-Boote schippern auf der Spree. Rechtzeitige Anmeldung empfohlen. — 9.7., Spree ab Arena und Rummelsbucht, www.berlin-beats-boats.de MELT!-FESTIVAL Mit einem intelligent produzierten Mix aus sphärischem Electronica und psychedelischen Rockklängen erspielten sich die Australier Tame Impala im vergangenen Jahr endlich ihren internationalen Durchbruch. In diesem Sommer gelten sie bereits als eines der Highlights auf dem Melt!-Festival. Weitere spannende Acts wie Chvrches, Jamie XX, Isolation Berlin oder Two Door Cinema Club beweisen: Das Melt! ist nach wie vor eines der besten deutschen Festivals in Sachen Electro, Indietronics und Indie-Rock. — 15.–17.7.,Ferropolis, Gräfenhainichen, 136 €, Tagestickets 59 €, Bahnhöfe mit Shuttleanbindung: Dessau, Gräfenhainichen und Wittenberg, www.meltfestival.de GREENWOOD FESTIVAL Diese Festival-Neugründung mutet leicht esoterisch an. Neben viel Elektronik werden hier Workshops zu Schamanismus und Mantra-Yoga angeboten. — 15.–18.7., Kiekebusch-See bei Berlin, 69,90 €, nächster Bahnhof: S-Bahn Zeuthen, Festival auf www.greenwoodfestival.de NATION OF GONDWANA Raven wie in den Neunzigern: Bei diesem seinerzeit als Alternative zur Loveparade gegründeten Festival gibt es viel elektronische Musik und reichlich sympathische Verstrahlung in netter Atmosphäre. — 23.-24.7., OpenAir am Waldsee, Grünefeld, ausverkauft, nächster Bahnhof: Nauen, www.pyonen.de HELENE BEACH Alles, was die deutsche Pop-, Rock-, Electro- und Rap-Szene zu bieten hat: Fritz Kalkbrenner, Jennifer Rostock, Madsen, Mark Forster, Romano u. a. — 28.–31.7., Helenesee, Frankfurt/Oder, 89 €, www.helene-beach-festival.de
YO!SISSY Das internationale Queer-MusikFestival trägt in diesem Jahr das Motto „Dance together“. Tanzen kann man unter anderem mit Karin Park. — 29.+30.7., verschiedene Club, Festival-Pass 40 €, www.yosissy.com UCKERALM FESTIVAL Mentalität treffen sich bei diesem Festivals. Um das zu verwirklichen, haben sich DJs und Künstler zusammengetan. Handwerkliche Workshops gibt es darüber auch. Zentrum der Aktivitäten ist ein Bauernhof in Sichtweite des Unteruckersees. — 29.–31.7., Uckeralm, Seelübbe, 69 €, nächster Bahnhof mit Shuttle-Anbindung: Seehausen, www.uckeralm-festival.de JENSEITS VON MILLIONEN Übersichtliches, geschmackssicheres und günstiges Festival: Mit nur 500 Mitfeiernden macht man hier Indiepop-Entdeckungen. Dieses Jahr unter anderem dabei: We Are The City, Die Heiterkeit, Masha Qrella und Messer. — 5.–6.8., Burg in Friedland (Niederlausitz), 28 €, nächster Bahnhof mit Shuttle-Anbindung: Oegeln, www.jenseitsvonmillionen.de PURE & CRAFTED
schung aus einem Motorrad-Treffen, einem Rockfestival und einer Messe für Handgemachtes von Mode bis Schmuck statt. Musikalisch gibt es bewährte Kost für die Freunde handgemachter Gitarrenmusik. Unter anderem dabei: Noel Gallagher’s High Flying Birds oder Mando Diao. — 12.–13. August, Postbahnhof, Str. der Pariser Kommune 8, Friedrichshain, Fr 16–4 Uhr, Sa 12–4 Uhr, 59 Euro, Tagestickets 39, erm. 29 €, www.pureandcrafted.com
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Kinder lieben den Sommer und das Spielen im Freien. Eltern auch – weil es so viel leichter ist, draußen die Kinder bei Laune zu halten. Aber auch für Mistwetter gibt es Optionen
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SPIELPLÄTZE
Waldschulen, Parks, Kinderbauernhöfe: Berlin bietet auch Großstadtkindern viele Möglichkeiten, Tiere und Pflanzen kennen- und liebenzulernen
Es gibt sie in Berlin in fast jeder Ausführung – für Kleinkinder, mit Buddelkiste oder für erlebnishungrige Schulkinder im Abenteuerformat
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REGENADRESSEN
Buggys kann man nicht nur schieben, Babys nicht nur tragen. Beide lassen sich gut in Sportübungen einbinden. Und in der Gruppe macht’s mehr Spaß
Alptraum aller Eltern: schulfrei, Kita zu, Dauerregen. Wir zeigen Lösungen, damit der Familienfrieden unbeschädigt durch das Sauwetter kommt
124 SOMMERFERIEN Es gibt ein riesiges Angebot an Kursen, Workshops oder Tagesausflügen. Wir geben ein paar Empfehlungen für die Ferienzeit
TIP BERLIN
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KI ND & KEGEL IM G RO SSSTADT DSC H U N G E L
Auf der Pirsch im Park Großstadtkinder haben keine Ahnung von Flora und Fauna? Das muss nicht sein! Denn Berlin bietet nicht nur ungeahnte Möglichkeiten, auf Safari zu gehen. Man kann auch bäuerlichen Haustierarten nahe kommen. Und sich Hund und Katze teilen TEXT EVA APRAKU
Faszination Natur: Kaum ein Kind, das sich nicht brennend für die belebte Welt um sich herum interessiert. Besonders, wenn diese vier Beine und eine kalte Schnauze hat
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zu überfluten. „Natur regt die kindliche Kreativität an, indem sie Visualisierung und den Einsatz aller Sinne fordert“, schreibt auch der amerikanische Bestseller-Autor Richard Louv in seinem in zehn Sprachen übersetzten Buch „Das letzte Kind im Wald?“ „Für Kinder hat die Natur viele Gestalten“, sagt Louv. „Ein neugeborenes Kalb; ein Haustier, das lebt und stirbt; ein Trampelpfad im Wald; ein Fort inmitten von Brennnesseln; eine feuchte, unheimliche Ecke auf einem unbebauten Grundstück – welche Gestalt die Natur auch annimmt, sie eröffnet jedem Kind eine ältere, größere Welt, die unabhängig von seinen Eltern besteht.“ Trotzdem bedeutet diese Erkenntnis nicht zwingend, nun sklavisch auf die Wünsche des Nachwuchses nach einem Haustier eingehen zu müssen. Der Tierschutzverein Berlin, der im Bezirk Falkenberg Europas größtes Tierheim führt, würde sich jedenfalls „bedanken“. Schließlich landen dort all‘ die Miezen, Nager oder Wauwaus, die dann eben doch nicht in den Familienalltag passten. Es sind Kaninchen, die den Wechsel zwischen tagelangem Ignorieren und heftigem Beknuddeln nicht verkraften und darüber
bissig geworden sind. Oder neurotische Katzen, die ihre tägliche Isolation in der Wohnung kompensieren, indem sie sich mit ihren Krallen an Sitzlandschaften und Tapeten zu schaffen machen. Oder sich frustriert in den Betten ihrer Besitzer erleichtern. So viel Natur in den eigenen vier Wänden muss dann wieder auch nicht sein. ABGEKLÄRTE KARNICKEL
Also raus in die Stadt. Gerade Berlin bietet in Sachen Naturerlebnisse ungeahnte Möglichkeiten. Und das nicht nur, weil hier überall plötzlich ein Fuchs oder Wildschwein den Weg kreuzen könnte: Viele einstige Waldtiere haben entdeckt, welch gutes Auskommen sie in der Metropole an der Spree haben. Riesige Grünflächen wie der Tiergarten oder die Volksparks Friedrichshain, Hasenheide oder Schöneberg-Wilmersdorf funktionieren fast wie Zoos. Hat man den Tagesrhythmus der dort lebenden Wildtiere erst einmal kennengelernt, ist ihr Antreffen keine Frage des Zufalls mehr: Wenn etwa im
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FOTO STIFTUNG NATURSCHUTZ BERLIN
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ie Attacke kommt oft völlig unerwartet, dann, wenn gerade alles so harmonisch ist. „Ich will einen Hund“, sagt das Kind mit fester Stimme und guckt aus großen, unschuldigen Augen. Was dann meistens folgt, sind Verhandlungen, gegen die die Auseinandersetzungen zwischen GdL-Chef Claus Weselsky und BahnVorstand wie harmloses Geplauder wirken. Denn auf die vorsichtig formulierten Bedenken von Mutter und Vater, ein Hund sei wegen der Berufstätigkeit der Eltern und der daraus resultierenden Ganztagsbetreuung des Kindes den ganzen Tag alleine zu Hause und traurig, ergießen sich die kindlichen Suaden: Stunden vor Schulbeginn, so schwört der Nachwuchs bei allem, was ihm heilig ist, wird er sich mit dem Tier auf ausgiebige Spaziergänge begeben. Froh wird der Hund danach sein. Und glücklich, wenigstens den Rest des Tages ungestört ausschlafen zu können. Kinder brauchen die Natur, da sind sich Wissenschaftler einig. Denn Hund, Katze, Kaninchen, aber auch die pflanzliche Vielfalt von Wald und Wiesen, fordern die ganze Aufmerksamkeit - ohne Kinder mit Reizen
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Preußenpark die Griller abends ihre sieben Sachen packen (siehe auch S. 75), erscheinen die dort lebenden Kaninchen in Scharen und lassen sich, fast gänzlich unbeeindruckt von menschlichen Zuschauern, ausgiebig beobachten – wie auch auf Youtube gut dokumentiert ist (www.youtube.com/ watch?v=TarcX27sTQw). Trotzdem ist das Motto „nur gucken, aber nicht anfassen“, das bei den schlauen Wildtieren gilt, bei Kindern so nicht akzeptiert. An dieser Stelle kommen die Berliner Kinderbauernhöfe (KBH) ins Spiel, von denen es, zusammen mit den Abenteuerspielplätzen (ASP), in der Stadt rund zwei Dutzend gibt. Es sind auf die verschiedenen Bezirke verteilte Orte, die, je nach Lage, bereits Grundschulkinder eigenständig ansteuern können, um dort ihre Freizeit zwischen Obstbäumen und Beeten, aber eben auch bei bäuerlichen Haustieren wie Hühnern, Gänsen, Eseln oder Ziegen verbringen
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zu können. Fast alle diese Einrichtungen ermöglichen es Kindern, Patenschaften für Tiere zu übernehmen und sich zu verpflichten, das eine oder andere Lieblingstier beispielsweise einmal wöchentlich zu versorgen. Manches Kind entwickelt dabei ein tiefes Interesse für das andere Wesen. Bei anderen kühlt die Begeisterung schnell wieder ab. Tierpatenschaften sind ein guter Lackmustest für die Nachhaltigkeit von Tierliebe. Wie übrigens auch Tiersitting: Vor allem in den langen Sommerferien suchen viele Halter, oft wohnen sie gleich in der Nachbarschaft, händeringend nach Leuten, die während ihres Urlaubs Meerschweinchen, Kaninchen oder eben den Hund betreuen. Drei Wochen Hund auf Probe, unter Aufsicht der Eltern natürlich, aber bei voller Verantwortung fürs Gassigehen: Es gibt Kinder, die sollen erstmals das Ferienende herbeigesehnt haben. Bei anderen indes
entsteht eine Freundschaft fürs Leben. Sharing macht auch bei Haustieren Sinn, zumindest in der Großstadt: Geteilte Arbeit, doppelte Freude. Denn, so hat jedenfalls der Autor Richard Louv festgestellt: „Anders als das Fernsehen stiehlt die Natur keine Zeit; sie verlängert und bereichert sie vielmehr.“ „WILDE TIERE IN DER STADT“ So heißt der jüngste Titel der Entdeckerhefte des gemeinnützigen Berliner Bildungsvereins Pindactica. Darin werden in der Großstadt lebende Tiere vorgestellt, außerdem erklärt, wie man ihre Spuren erkennt. Das Heft, sowie weitere Titel etwa zu „Bienen“, ist kostenlos. Infos: www.pindactica.de TIERSITTER Der Tierschutzverein Berlin vermittelt über seine Webseite Tiersitter nach Postleitzahlen. Über seine Nachwuchsorganisation, die Tierschutzjugend, können sich Kinder zudem engagieren, Nistkästen bauen u.ä.. Infos: www.tierschutz-berlin.de
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