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Der Lage gewachsen sein

Auch eine vermehrte Mischnutzung von Lagen könnte für den Handel eine Strategie aus der Krise sein.

Expansionstrends und Standorte im Fokus

Die Corona-Pandemie stellt den Handel vor völlig neue Herausforderungen. Manche Trends wurden verstärkt, andere innerhalb kürzester Zeit völlig umgekehrt. Wohin geht diese Reise? Das bekannte EHI Retail Institute liefert ein Stimmungsbild über Handelslagen und -expansion.

2020 hat bisher ein Beben im Einzelhandel ausgelöst und viele Gegebenheiten auf den Kopf gestellt. An mehreren Stellen hat eine Spaltung des Handels stattgefunden. Allein die Unterteilung in systemrelevant und nichtsystemrelevante Sortimente und großflächig oder nichtgroßflächig hat verschiedene Entwicklungslinien begünstigt. Die Umsätze sind besonders in den nichtsystemrelevanten Sortimenten eingebrochen – Hauptgründe sind die wochenlangen Schließungen und die darauffolgende Konsumzurückhaltung der Menschen. Wer profitiert vom veränderten Einkaufsverhalten der Verbraucher während der Pandemie? Wie wirkt sich das veränderte Mobilitätsverhalten auf Dörfer und Städte aus?

Das EHI Retail Institute in Köln hat in einer aktuellen, 36-seitigen Studie diese und weitere Dynamiken anhand von Zeitreihen der vergangenen Jahre, die Differenzierung nach unterschiedlichen Entwicklungslinien der Branchen sowie aktuelle Trends und neue Einflussfaktoren gut dargestellt. Themenbereiche der Expansionstrends sind u. a. aktuelle Einflüsse durch die Corona-Krise, aber auch generelle Entwicklungslinien hinsichtlich der Verkaufsflächen, Filialnetze, Kundenfrequenzen, Mietvertragskon-

ditionen oder die Nachhaltigkeit in der Immobilienstrategie. Für diese Erhebung wurden die wichtigsten Vertriebslinien des Einzelhandels, der Gastronomie und der filialisierten Dienstleistungen in Deutschland befragt.

One-Stop-Shopping statt Erlebniskauf Das Shoppingverhalten der Menschen hat sich im Handumdrehen kolossal gewandelt. An die Stelle von Einkaufsbummeln, Erlebnisshopping und Impulskäufen sind Distanzierung und Versorgungskäufe getreten. Was noch vor Corona ein Erlebniskauf in der Freizeit war, ist besonders während der Hochphase von Corona zur Bedarfsdeckung geworden. Die aktuelle Dynamik im Einkaufsverhalten der Kunden zeigt Folgendes auf: Onlinekäufe und Click & Collect sind Services bzw. Kanäle, die aktuell bei den meisten mehr nachgefragt werden. Man bleibt kürzer, sucht weniger Geschäfte auf oder weicht gleich zunehmend auf online oder Click & Collect aus. Interessant dabei: Trotzdem nimmt der Kundendialog eher zu als ab! Die neuen Rahmenbedingungen haben Lagen begünstigt und andere benachteiligt. Als potenziell größte Verlierer kristallisieren sich die Shopping-Center heraus. Die Studienautoren: „Fashion- und zuletzt zunehmend gastronomielastige Shopping-Center leben vom unbeschwerten Einkaufsbummel, ihrer Treffpunktfunktion, von Events und langer Verweildauer bei hoher Aufenthaltsqualität. Dieser Positionierung hat Corona nun zumindest kurzfristig den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Der weitere Verlauf in der kalten Jahreszeit und die Dauer der Corona-Pandemie wird zeigen, wann und wie sehr die Menschen wieder diese Form des Shoppingerlebnisses suchen. Im Vorteil waren die Fachmarkt-Center-Lagen – also großflächige Selbstbedienungsladen mit umfangreichem Sortiment an Waren einer bestimmten Kategorie -, denn diese hatten auch während des Lockdowns geöffnet und waren aufgrund ihrer Systemrelevanz sehr gut frequentiert. Das nennt sich One-Stop-Shopping. Einen positiven Trend verzeichnen auch Mixed-Use-Immobilien. Das sind Lagen mit Mischnutzungen, wie etwa Handel und Wohnraum in der gleichen Immobilie.

Profitieren kleinere Flächen ... Bei der Expansion von Vertriebslinien herrscht nach Corona eine Trendumkehr: Erstmals seit Beginn des Monitorings will die Mehrheit der Händler das Filialnetz nicht weiter ausbauen. Gründe hierfür sind hohe Mieten (79 Prozent der Befragten sehen hierin eine hohe bzw. sehr hohe Bedeutung) und die schwierige Suche nach geeigneten Flächen (76 Prozent sehen hierin eine hohe bzw. sehr hohe Bedeutung). Bei den Verkaufsflächen geht der Trend zu stabilen oder kleineren Verkaufsflächen. Auf größere Flächen setzt allein die Branche Lebensmittel: 53 Prozent der Lebensmitteleinzelhändler vergrößern die Fläche. Vor allem die Branchen Bekleidung sowie Telekommunikation reduzieren ihre Verkaufsflächen. Von denjenigen, die ihre Verkaufsflächen reduzieren möchten, geben 82 Prozent zu hohe Immobilienkosten und -mieten als eine der größten Herausforderungen an.

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Wohin mit dem ganzen Zeug?

Stellen Sie sich vor: Mehr als die gesamte Fläche der Gemeindegebiete von Bozen, Eppan und Leifers wird zubetoniert. Geht nicht, würde man meinen. In den Vereinigten Staaten soll diese Vorstellung in den nächsten Jahren Realität werden. Denn der erwartete Boom an zurückgeschickten Waren im Onlinehandel lässt in den USA den Bedarf an Lagerflächen für die Giganten im E-Commerce wachsen. Das US-Immobilienunternehmen CBRE hat errechnet, dass in der vergangenen weihnachtlichen Shoppingsaison Einkäufe im Wert von 70,5 Milliarden Dollar zurückgegeben wurden. Der Anstieg der Onlinebestellungen habe längst zu einer erhöhten Nachfrage nach Lagerflächen geführt, diese werden für die Bearbeitung von Retouren – also von kostenlos zurückgeschickten Produkten – nochmals erweitert werden müssen. In den nächsten fünf Jahren könnten Schätzungen zufolge 139,35 Millionen Quadratmeter zusätzlicher Lagerfläche benötigt werden. Das entspricht mehr als der Gesamtfläche der drei eingangs erwähnten Gemeinden. Welche Auswirkungen diese Entwicklung zusätzlich auf Verkehrsbewegungen haben wird, sind noch auszurechnen.

Mauro Stoffella, Bereichsleiter Kommunikation mstoffella@hds-bz.it

Wenn in den Geschäften das Licht ausgeht

... und kleinere Orte? Der Handel sieht zwei Chancen in der Krise: neben dem besseren Zugang zu attraktiven Flächen ist es die neue Attraktivität von Klein- und Mittelstädten im Umfeld von Großstädten. Für kleinere Orte könnte Corona einen neuen Impuls geben: In dem veränderten Mobilitätsverhalten und Homeoffice sehen 51 Prozent eine Chance für deren Entwicklung. Auch eine vermehrte Mischnutzung von Lagen könnte für die Städte und ShoppingCenter eine Strategie aus der Krise sein. Diese schafft mehr Lebendigkeit auch nach Ladenschluss, mehr Vielfalt und dadurch eine beständigere Frequenz. Der Handel steht der Mischnutzung jedenfalls grundsätzlich offen gegenüber: In alternativen Nutzungsmöglichkeiten – etwa als Büros, Wohnungen oder Arztpraxen – sehen die mindestens 85 Prozent der Befragten für die eigenen Filialen einen positiven Nutzen oder stehen ihnen neutral gegenüber. Und welche Rolle haben Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Immobilienstrategie? Corona hat wenig Auswirkung auf dessen Bedeutung. Obwohl die Handelsunternehmen derzeit mit immensen neuen Problemen kämpfen, bezeichnet die große Mehrheit beide Themen als sehr relevant in ihrer Immobilienstrategie.

Plötzlich eingetretene Änderungen Fazit: Zwar sind all diese Änderungen plötzlich eingetreten, aber sie werden uns noch lange begleiten. Hierauf müssen sich der Handel und die Städte einstellen. Eine strategische Positionierung der Lagen ist einer unkoordinierten Nachvermietung unbedingt vorzuziehen. Ebenso ist davon auszugehen, dass sich das Mietniveau an vielen Stellen anpassen muss, damit die Flächen in Zukunft nicht leer stehen. Handel und Immobilienbranche müssen nun gemeinsam und einvernehmlich pragmatische Lösungen für die Zukunft finden. Es ist gut möglich, dass einige gesellschaftliche Neuheiten über die Dauer der CoronaPandemie hinaus bestehen bleiben. Dazu gehören ein erhöhtes Hygienebewusstsein, die weitere Digitalisierung vieler Lebensbereiche (soziale und berufliche Kontakte) und die vermehrte Nutzung von Homeoffice. Und: Innenstädte und Ortskerne sind schon immer durch eine Nutzungsmischung gekennzeichnet. Wenn sich Handelsflächen nach jahrzehntelanger Expansion wieder etwas verkleinern, kann dies für die Orte eine Chance sein, diese Nutzungsmischung wieder mehr zu stärken. In Verbindung mit dem Einzelhandel belebt diese die Treffpunkte in positiver Weise. Keine Frage: Die Handelslandschaft bleibt auf jeden Fall vielfältig. Und jeder, ob klein oder groß, muss sich bemühen, um erfolgreich zu sein.

mstoffella@hds-bz.it

Regional denken, lokal einkaufen.

Black Monday in Südtirol: Mit einem empathischen Kurzvideo macht der hds auf die Bedeutung des Handels aufmerksam und zeigt auf, was geschieht, wenn die Lichter in Südtirols Geschäften für immer ausgehen. Der Handel in Südtirol ermöglicht den Einkauf in Dörfern und Städten, schafft Arbeitsplätze und sorgt für Lebensqualität. „Unser Land verfügt noch über eine intakte Nahversorgung. Somit verdienen unsere lebendigen Orte auch eine besondere Aufmerksamkeit. Verlagert sich der Handel immer mehr zu den internationalen Onlinegiganten, dann verarmen Sortiment und Vielfalt und unsere Orte verlieren ihr Alleinstellungsmerkmal“, betont hds-Präsident Philipp Moser und fordert eine nachhaltige Unterstützung der Betriebe. „Jetzt heißt es Verantwortung übernehmen, wir alle: die Unternehmer, die Politik, die gesamte Südtiroler Gesellschaft. Wir müssen im täglichen Leben wieder regionaler denken. Diesen Kreislauf gilt es anzukurbeln – sonst gehen die Lichter in den Geschäften und in unseren Orten für immer aus“, betont der Verband abschließend.

Das Kurzvideo online unter hds-bz.it/onlinemagazin.

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