Ostvision - März 2018

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550 | MÄRZ 2018

Monatszeitschrift der Christlichen Ostmission

SCHWEIGEN IST GRAUSAM Persönlich Maria Ettlin | Frauen- und Kinderhandel Schweigen ist grausam | Moldawien Möge Gott Ihre Häuser und Herzen erwärmen


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ostvision ostvisionmärz 2018

editorial

ostvision

Er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glühenden Docht nicht auslöschen. Jesaja 42,3

Liebe Missionsfreunde Es gibt viele Menschen, die erschöpft sind: «Ich mag nicht mehr! Wie lange soll das so noch gehen? Ich bin einsam. Bin ich denn von allen verlassen?» Solche Menschen gibt es bei uns, besonders aber in den Ländern des Ostens, von Rumänien bis Nepal, von Moldawien bis Weissrussland. Nebst psychischer Einsamkeit drücken dort Armut und wirtschaftliche Not die Menschen nieder. Gerade für Hoffnungslose ist der Messias gekommen. Er wird den Geknickten nicht noch den letzten Schlag geben, er wird die Ausgebrannten nicht auslöschen. So ist das Wesen des Messias. So ist das Wesen von Jesus. Es ist nicht geprägt von Gewalt, sondern von Erbarmen mit den Geknickten. Hoffnung ist da für alle, deren Lebensflamme nur noch ein glimmender Docht ist. Die Christliche Ostmission will in Tat und Wort Zeuge des Heilandes sein. Rohr wurde als biegsames Material zum Flechten von Körben, Matten, Stühlen usw. gebraucht. Als es noch kein Plastik gab, wurden viele Gegenstände geflochten. Doch ein geknicktes Rohr war kaum noch zu gebrauchen und wurde in der Regel weggeworfen. Nur mit besonderer Sorgfalt konnte es eingeflochten und als tragfähiges Element gebraucht werden. Aber der Aufwand war sehr gross. Mancher Flechter hätte ein geknicktes Rohr weggeworfen und ein neues genommen. Die Mentalität des Messias ist anders. Er wirft nicht weg, sondern will aufrichten und heilen. Jesus fragt nicht nach Aufwand und Kosten. Nein, für Ihn ist jede einzelne Person wertvoll. Besonders für

wird monatlich herausgegeben von der CHRISTLICHEN OSTMISSION (COM), Worb

Nr. 550: März 2018 Jahresabonnement: CHF 15.–

die Schwachen setzt Er sich ein. Er liess die 99 Schafe im Stall zurück, um das eine Verlorene zu suchen. Jesus liess die Kinder zu sich kommen, als andere sie wegjagen wollten. Er heilte Petrus’ Schwiegermutter. Viele hätten Jesus vielleicht den Rat gegeben: «Ach Herr, kümmere dich doch nicht um diese alte Frau. Das lohnt sich nicht.» So denkt unsere Gesellschaft: Alles, was sich nicht lohnt, wird weggeworfen. Wenn du nicht Profit einbringst, bist du out. Wie anders ist da der Heiland Jesus Christus: Er zerbricht nicht, sondern richtet auf. Bei Ihm ist Vergebung, Neubeginn, Neustart, Wiederherstellung. Damals war das Entzünden eines Feuers eine mühsame Angelegenheit. Es gab keine Streichhölzer oder Feueranzünder. Mit Feuersteinen oder Reibholz musste lange hantiert werden, bevor etwas anfing zu rauchen. Solange der Docht noch glühte, war schon viel gewonnen – das Feuer konnte wieder entfacht werden. Der Heiland wird den glimmenden Doch nicht auslöschen, sondern neues Licht entfachen. Jesus sagt zu seinen Nachfolgern: Ihr seid das Licht der Welt. Herzlichen Dank, dass Sie mit Ihrer Unterstützung der Christlichen Ostmission helfen, dieses Licht in die Dunkelheit unserer Welt zu tragen.

Redaktion: Georges Dubi, Beatrice Käufeler, Thomas Martin Adresse: Christliche Ostmission Bodengasse 14 3076 Worb BE Telefon: 031 838 12 12 Fax: 031 839 63 44 E-Mail: mail@ostmission.ch Internet: www.ostmission.ch Postkonto: 30-6880-4 Bankkonto: Spar + Leihkasse Münsingen, 16 0.264.720.06 Kontrolle der Bücher: Unico Treuhand AG, Burgdorf Spenden sind in allen Kantonen steuer­ abzugsberechtigt. Nähere Auskünfte er­teilt unser Sekretariat. Gehen für ein Projekt mehr Spenden als benötigt ein, werden diese für ähnliche Zwecke ein­gesetzt. Bildquellen: COM, Shutterstock, Adobe Stock Wenn nicht anders vermerkt, haben die abgebildeten Personen keinen Zusammenhang mit den erwähnten Beispielen. Gestaltung: Thomas Martin Druck: Stämpfli AG, Bern Papier: Das Magazin ist auf chlorfrei gebleichtem und FSC-zertifiziertem Papier gedruckt. Geschäftsleitung: Georges Dubi, Missionsleiter Gallus Tannheimer Stiftungsrat: Mario Brühlmann, Orpund, Präsident Pfr. Thomas Hurni, Madiswil, Vizepräsident Lilo Hadorn, Selzach Pfr. Matthias Schüürmann, Reitnau Thomas Haller, Langenthal Beauftragter des Stiftungsrates: Günther Baumann

Pfr. Matthias Schüürmann Mitglied des Stiftungsrats

Das unabhängige Gütesiegel der Stiftung Ehrenkodex attestiert eine umfassende Qualität der Arbeit sowie einen sorgsamen Umgang mit Spendengeldern.

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persönlich

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Maria Ettlin Schweiz MENSCHEN unterwegs mit uns

Aufgewachsen bin ich in den 1930er-Jahren in Holland. Da meine Mutter Schweizerin war, besuchten wir oft unsere Gross­ eltern im Berner Oberland. Dort gefiel es mir immer sehr und ich nahm mir vor, später in die Schweiz zu ziehen. In Holland, während des Zweiten Weltkrieges, lernte ich Hunger und Elend kennen. In den 1950er-Jahren zog ich in die Schweiz und begann, als Krankenschwester in Genf zu arbeiten. 1972 erhielt ich zum ersten Mal Post von der Christlichen Ostmission (COM). Von den vielfältigen Projekten und Berichten angesprochen, halte ich der Organisation bis heute die Treue und habe es nie bereut. Werde ich nach der Christlichen Ostmission gefragt, weise ich immer darauf hin, dass Hilfe und Spenden dorthin gelangen, wo sie wirklich gebraucht werden. Mit meinem Mann Henri, der inzwischen verstorben ist, nahm ich sogar an Reisen nach Rumänien teil, was mein Engagement für die Anliegen der Christlichen Ostmission zusätzlich verstärkte.

Vor ungefähr acht Jahren kaufte ich in PetitLancy eine Einkaufstasche, die aus altem Regenschirmstoff angefertigt war. Die Idee fand ich toll, doch das Taschenmodell gefiel mir nicht, was man aber ändern konnte. Als mich eine Nachbarin fragte, ob ich ihr auch so eine Tasche machen könne, war die Sache entschieden, obschon ich eigentlich gar nicht so gerne nähte, sondern lieber häkelte und stickte. Ich entwarf ein neues Taschenmuster und fertigte meine erste Regenschirmtasche an. Mittlerweile sind es jedes Jahr ungefähr 200 Taschen, die ich mit Cécile, meiner portugiesischen Nachbarin, herstelle und verkaufe. Wir sind zusammen ein Superteam. Mehrere Arbeitsschritte sind erforderlich: Stoff aus den alten Regenschirmen heraustrennen und waschen, Muster anfertigen, ausschneiden, zusammenheften, zusammennähen und verkaufen. Dabei helfen und ergänzen wir uns. Für eine Tasche benötigen wir den Stoff von zwei alten Regenschirmen. In all den Jahren habe ich herausgefunden, dass wir keinen Baumwollstoff verwenden können, sondern synthetischen benutzen müssen. Da eignet sich der Stoff alter Schirme am besten. Meist läuft der Verkauf über Mundpropaganda, manchmal bei Vorträgen der Christlichen Ostmission in der Romandie oder letztes Jahr auch im Lebensmittelladen «La Calebasse» in Carouge. Übrigens bekomme ich immer wieder Regenschirmstoffe und auch Faden geschenkt. Da ich den Erlös für mich selber nicht brauche, kommt dieser vollumfänglich den Projekten der Christlichen Ostmission zugute.


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ostvision WIR SCHÃœTZEN vor Frauen- und Kinderhandel

SCHWEIGEN IST GRAUSAM


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Medien berichten wenig über den Menschenhandel. Dabei werden weltweit über 40 Millionen Menschen ausgebeutet und versklavt! Auch wenn der Kampf gegen das Verbrechen seit einigen Jahren an Schwung gewonnen hat, so ist doch der Menschenhandel ein Randthema geblieben. Händler operieren weltweit vernetzt und verdeckt. Wer in ihre Falle gerät, wird gebrochen, ausgebeutet und vermarktet, von einem Ort an den anderen, von einem Land ins andere geschleust und für Tausende von Franken weiterverkauft. Insbesondere Frauen und Kinder werden als Sexsklaven gehandelt oder für die Pornoindustrie missbraucht. Viele der Opfer kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Händler verdienen mit ihnen Milliarden von Franken. Opfer werden in der Arbeit, der Schuldknechtschaft, Zwangsbettelei, als Kindersoldaten, für den Organhandel oder auf verschiedenste Weise sexuell ausgebeutet: Prostitution, Pädophilie, Pornografie und Zwangsheirat sind die Stichworte. Das EU-Parlament schätzt, dass 2013 in Europa 880 000 Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen ausgebeutet wurden. Namhafte Organisationen gehen von weltweit über 40 Millionen Opfern aus.

oder Salons. Andere werden in Haushalten, im Gastgewerbe, im Bausektor oder in der Landwirtschaft ausgebeutet. Jüngst haben Polizeikräfte der Kantone Schwyz, Aargau und Zürich in drei Milieubetrieben vier Personen festgenommen. Sie werden des Menschenhandels und der Förderung der Prostitution verdächtigt. Die meisten Fälle werden aber nie aufgedeckt.

Opfer des Menschenhandels leben mitten unter uns – und auch Täter. Das Schweigen brechen Der Menschenhandel muss stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft dringen. Fehlendes Wissen, Wegsehen und Schweigen

Wer in ihre Falle gerät, wird gebrochen, ausgebeutet und vermarktet. Mitten unter uns Opfer des Menschenhandels leben mitten unter uns – und auch Täter. Die Nachfrage in der Schweiz nach sexuellen Dienstleistungen und billigen Arbeitskräften ist hoch und für die Händler äusserst lukrativ. Opfer kommen auch über Asylverfahren ins Land. Viele landen in Bordellen, Privatwohnungen

Die Nachfrage nach Pornoseiten im Internet ist gross.


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ostvision WIR SCHÜTZEN vor Frauen- und Kinderhandel

ermöglichen und fördern das dreckige Geschäft. Seit über 13 Jahren informiert die Christliche Ostmission über Frauen- und Kinderhandel und zeigt Zusammenhänge auf. Noch länger engagiert sie sich in den Herkunftsländern der Opfer, in Osteuropa und Asien. Sie konzentriert sich darauf, gefährdete Kinder frühzeitig aufzufangen sowie Opfer zu befreien und bei der Aufarbeitung zu begleiten. Dazu gehört auch, Opfern eine neue Chance und Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.

MARIANA Mariana wurde 1989 geboren. Ihre Kindheit war geprägt von Armut und Gewalt. Die ersten vier Lebensjahre verbrachte sie mit ihrer Familie im moldawischen Dorf Costeshti. Danach zog sie mit der Mutter und zwei Geschwistern in die Hauptstadt Chisinau. Dort konnte die Familie eine 1-Zimmer-Wohnung mieten. Möglich war das, weil die Mutter regelmässig nach Moskau reiste, um etwas Geld zu verdienen. Eines Tages verschwand sie und die Kinder blieben alleine zurück, Mariana war 9-jährig. Ihr älterer Bruder brachte sie später in ein Waisenhaus. Dort hielt sie es nicht lange aus und kehrte zu ihm zurück. Dann brachte er sie zu Verwandten und zum Vater. Dieser war Trinker und im Rausch versuchte er, Mariana zu vergewaltigen. Als ihre Grossmutter davon erfuhr, schritt sie ein und brachte die Kleine wieder zu ihrem Bruder zurück. Im Händlernetz gefangen Mariana hatte genug davon, von einem Ort an den anderen geschoben zu werden, wollte nur noch weg. Selbst die Strasse schien ihr ein besserer Ort. Das Mädchen versuchte, sich selbst durchzubringen. Eines Tages lernte es eine Frau kennen, die Hilfe versprach. Mari-

ana fasste Vertrauen und ging mit der Frau nach Calarasi. Doch dort wurde sie zusammen mit anderen Mädchen zum Betteln gezwungen. Wer sich wehrte, wurde geschlagen und vergewaltigt. Mit 15 landete Mariana mit falschen Papieren in Russland. Damit sie beim Betteln möglichst erbärmlich aussah und die Beine nicht bewegen konnte, wurde ihr ein narkotisierender Stoff gespritzt. So ging es über Monate. Mariana bettelte in verschiedenen Städten Russlands und musste auch ihren Körper verkaufen. Dann kam sie zurück nach Moldawien und ergriff bei der ersten Gelegenheit die Flucht.

Wer sich wehrte, wurde geschlagen und vergewaltigt. Doch die Händler spürten sie auf und brachten sie in die Ukraine. Mit 17 anderen musste sie wieder monatelang betteln. Wieder flüchtete Mariana und wieder fanden sie die Händler. Nun wurde sie zur Prostitution gezwun-


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FRAUEN- UND KINDERHANDEL H! IST GRAUSAM C U A N E G I E W SCH

gen. Erneut flüchtete sie, doch nach Moldawien konnte sie nicht zurück, denn sie hatte weder Papiere noch Geld. So blieb sie in der Ukraine und versuchte, sich mit Prostitution über Wasser zu halten – fünf Jahre lang. Dann wurde Mariana schwanger und gebar einen Jungen. Nach dem Spitalaufenthalt kam sie für ein Jahr in ein Zentrum für alleinerziehende Mütter. Danach gelang ihr die Rückkehr nach Moldawien – und bei einer Partnerorganisation der Christlichen Ostmission fand sie endlich Unterschlupf und Hilfe.

Marianas Bedürfnisse waren vielfältig: Sie brauchte psychologische Betreuung, Hilfe beim Beschaffen von Dokumenten für sich und ihr Kind, Beratung in Erziehungsfragen, schulische Förderung. Sie konnte damals weder lesen noch schreiben. Mariana war sehr offen und dankbar für jede Hilfe. Sie möchte mit ihren Verwandten Kontakt aufnehmen, eine korrekt bezahlte Arbeitsstelle finden, ihrem Sohn eine gute Mutter sein. Noch ist vieles davon erst ein Traum, doch die Pläne geben ihr Kraft. Unser Partner unterstützt sie auf dem eingeschlagenen Weg.

Kreative Gruppentherapie in einem Schutzhaus für Frauen in Moldawien


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ostvision

«MÖGE GOTT IHRE HÄUSER UND HERZEN ERWÄRMEN» MOLDAWIEN

Dank grosszügiger Spenden konnte die Christliche Ostmission im Rahmen der Aktion Winterhilfe rund 134 Tonnen Heizmaterial an Bedürftige verteilen. Heizmaterial ganz umsonst und von Menschen aus der Schweiz bezahlt? Viele Empfänger konnten ihr Glück kaum fassen. Freude und Dankbarkeit waren unbeschreiblich. Die 94-jährige Anastasia Balean aus Moldawien war eine der Begünstigten, sie hat uns ihre Lebensgeschichte erzählt. Anastasia Balean wuchs in einer elfköpfigen Familie im Süden Moldawiens auf. Das Le-

ben war hart, die Familie pflanzte für einen Grossgrundbesitzer Zuckerrüben und Tabak an. Der Mann verfügte über viel Land, hatte jedoch immer weniger Geld. Eines Tages machte er Anastasias Vater den Vorschlag, ihm die Arbeit anstelle von Geld mit drei Hektaren Land abzugelten. Nicht nur der Vater, die ganze Familie war glücklich und nahm das Angebot freudig an. Nun besass sie eigenes Land, ein Privileg in der damaligen Zeit. Doch das Glück währte nicht lange. Nach Sibirien deportiert Zwei Jahre später begann der Krieg, der für die Familie alles verändern sollte. Beim Erzählen kommen Anastasia Tränen: «Es war


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noch dunkel an jenem kalten Wintermorgen, als Getrampel und Geschrei uns weckten. Soldaten jagten uns aus den Betten und auf die Strasse. Ich war erst 17 und trug nur mein Nachthemd.

Soldaten jagten uns aus den Betten und auf die Strasse. Wir mussten zum Bahnhof laufen und in Güterwagen einsteigen. Erst in Sibirien würden wir wieder aussteigen, wurde uns gesagt. Ich

weiss noch, dass meine Eltern weinten und bettelten, doch nicht einmal den Becher warmen Tee, den ich mit mir trug, liess man uns. Nach langen Tagen und Nächten kamen wir so in Sibirien an, wie wir unsere Heimat hatten verlassen müssen: im Nachthemd. Und das bei minus 40 Grad! Bald wurde unsere Familie getrennt, ich weinte bitterlich. Mit siebzehn Jahren Holzfällerin Ich wurde in den Wald gebracht und musste als Holzfällerin arbeiten. Dass die Arbeit für ein siebzehnjähriges Mädchen zu schwer war, interessierte niemanden. Schuhe bekam ich nicht, nur Lappen konnte ich um die


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ostvision WIR HELFEN DIREKT in Notsituationen und Katastrophen

und begann ein Seil zu befestigen, an dem ich mich erhängen wollte. Aus dem Nichts tauchte ein alter Mann auf. Er nahm mich mit zu sich nach Hause. Zuerst einmal gab es dort ein nahrhaftes Mittagessen und heissen Tee. Dann begann er, von Gott zu erzählen. Er sagte nicht, dass Gott mich von all dem Leid befreien würde, er sagte aber, dass Gott meine Not kenne und mich liebe. Ich solle einfach fest auf Ihn vertrauen. Das tat ich dann auch und der Glaube an Gott gab mir neue Kraft und Hoffnung.

Anastasia Balean hat ein bewegtes Leben hinter sich.

Füsse binden. Als Einheimische das sahen, schenkten sie mir heimlich Filzstiefel und Kleider. Die Menschen aus dem Dorf hatten Mitleid mit uns. Einmal sagten sie, dass wir nicht einmal bis zum Fest der Taufe Christi am 19. Januar überleben würden. Auf solche Bemerkungen hätten wir gerne verzichtet. Um diese Jahreszeit sinkt das Thermometer dort gewöhnlich weit unter minus 50 Grad. Aber in jenem Jahr kam es anders: Die Temperaturen stiegen, der Schnee auf den Dächern begann zu schmelzen. Die Einheimischen waren der festen Überzeugung, dass dies ein Wunder Gottes sei, der nicht zulasse, dass wir erfroren.

Mein Alltag bestand aus Arbeit bis zum Umfallen und kaum genügend Essen. Mein Alltag bestand aus Arbeit bis zum Umfallen und kaum genügend Essen. Ich war verzweifelt und wollte nicht mehr leben. Ich ging in eine leerstehende Mühle im Dorf

1946 lernte ich einen jungen Mann kennen. Er war ebenfalls deportiert worden und stammte aus derselben Gegend wie ich. Wir heirateten und nach einem Jahr wurde ich schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Er starb drei Jahre nach seiner Geburt. Warum, weiss ich nicht. Die Medizin war damals nicht so hoch entwickelt. Nach dem Tod meines Sohnes hatte ich Sehnsucht nach Moldawien. In jener Zeit wurde es Deportierten erlaubt, in die Heimat zurückzukehren. So brachen wir auf nach Moldawien. Dort traf ich meinen Vater wieder; meine Mutter und die Geschwister blieben hingegen verschwunden. Unser Haus war zerstört, aber in einem Geheimfach in einem Schrank lag noch die alte Bibel, aus der uns Vater früher vorgelesen hatte. In dieser Bibel hatte er die Geburt seiner Kinder notiert. Ich hatte nie zur Schule gehen können und so war es mir nicht möglich, die Bibel zu lesen. Aber dank Vaters Vermerken erfuhr ich, dass ich 1923 geboren war. Davor hatte ich gemeint, mein Geburtsjahr sei 1926. Das war 1957. Mit meinem Mann und meinem Vater begannen wir nochmals ganz von vorne. Ich erhielt eine Stelle auf der Kolchose des Dorfes, wo ich bis zur Pensionierung arbeitete. Heute lebe ich alleine hier, mein Ehemann ist gestorben, meine beiden Töchter wohnen nicht mehr im Dorf. Ich solle zu ihnen ziehen, meinen sie. Aber was soll ich in meinem Alter noch umziehen? Meine Töch-


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ter sind auch bald 70 und gesundheitlich angeschlagen. Hier kennt man mich wenigstens, manchmal besucht mich jemand und bringt einen Eimer Wasser oder etwas aus der Scheune, damit ich heizen kann. Überwältigt vor Freude Letzten Herbst sah ich vor meinem Küchenfenster einen Lastwagen, der Brennholz geladen hatte. Was für ein Glück und wie viel Geld muss jemand haben, der so viel Holz kaufen kann? Das reicht ja für den ganzen Winter. Es klopfte an meiner Tür. Ein Mann stand da und fragte, wo er das Holz abladen könne. Ich hätte kein Holz bestellt und könne auch keines kaufen, antwortete ich, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Nein, sagte er, es sei kein Irrtum. ‹Christen aus der Schweiz haben Geld gespendet, damit du im kommenden Winter heizen kannst.› Erst kamen mir die Tränen und dann verspürte ich eine noch nie erlebte Freude. Ich schob den Rollator weg, weil ich glaubte, ihn nicht mehr zu brauchen. Mit so viel Freude im Herzen kann man ohne Rol-

Die Holzlieferung reicht für den ganzen Winter.

lator gehen! Da hatte ich mich jedoch getäuscht. Ich musste ihn wieder zu mir nehmen, denn ohne geht es trotz grösster Freude nicht mehr.

Erst kamen mir die Tränen und dann verspürte ich eine noch nie erlebte Freude. Vielen herzlichen Dank! Ich kann nicht in Worten ausdrücken, wie wertvoll dieses Brennholz für mich ist. Ich bin eine alte Frau mit einer Rente von 50 Franken pro Monat. Ein Ster Brennholz kostet mehr als das. Die fünf Ster, die ich für den Winter bräuchte, könnte ich mir nie und nimmer leisten. Schliesslich brauche ich auch etwas zu essen und Gas zum Kochen. Ich danke Gott und allen, die mir das Holz geschenkt haben. Den ganzen Winter über habe ich heizen können. Möge Gott Ihre Häuser und Herzen erwärmen! Herzlichen Dank für Ihre Grosszügigkeit.»


ostvision

BRECHEN SIE DAS SCHWEIGEN Menschenhändler bringen ihre Opfer zum Schweigen – das ist ihre starke Waffe. Menschenhandel lebt auch vom Schweigen und Unwissen einer Gesellschaft.

Denn das Böse triumphiert allein dadurch, dass gutwillige Menschen einfach nichts tun. Verfasser unbekannt

Helfen auch Sie mit, das Schweigen zu brechen? Dann melden Sie sich bei uns und besuchen Sie einen Informationsanlass der Christlichen Ostmission zum Thema «Frauen- und Kinderhandel ist grausam. Schweigen auch!». Dabei erfahren Sie mehr über die Möglichkeiten eines ehrenamtlichen Engagements.

FRAUEN- UND KINDERHANDEL H! IST GRAUSAM C U A N E SCH W

IGE

Ich bin interessiert, an einem Informationstag der Christlichen Ostmission teilzunehmen. Bitte kontaktieren Sie mich. Name Vorname Strasse

Telefon E-Mail Talon einsenden an: Christliche Ostmission | Bodengasse 14 | 3076 Worb

mail@ostmission.ch | www.ostmission.ch

OV 3/18

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