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Der 68er

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Zigeunerherz

Zigeunerherz

Gölä ist ein Held. Wie Elvis oder Abraham Lincoln hat er sich aus bescheidenen Verhältnissen heraufgearbeitet. In Amerika würde man sagen: vom Tellerwäscher zum Millionär. Als Sohn des Gastwirtpaares Gottfried und Rosmarie Pfeuti dürfte dem auf den Namen Marco getauften Sprössling das Tellerwaschen nicht unbekannt gewesen sein. Aber Amerika war weit weg. Verdammt weit weg. Und an dem, was 1968 von dort herüberschwappte, fand Vater «Godi» keinen Gefallen.

Sieben Tage, bevor Gölä das Licht der Welt erblickte, am 30. und 31. Mai 1968, gastierte Jimi Hendrix im Zürcher Hallenstadion. Experten zufolge erlebte das Publikum den Jahrhundertmusiker in Höchstform und mit grosser Wahrscheinlichkeit die Uraufführung von «Voodoo Child». Aber das interessierte Godi Pfeuti wenig. Im «Schützen» zu Oppligen1 bewegten andere Themen die Gemüter. Zum Beispiel die neue Militäruniform. Während der Sommerrekrutenschule sollte sie ausprobiert und anschliessend einer genauen Prüfung unterzogen werden. Die modischen Erneuerungen betrafen die Mützen und den Schnitt von Hosen und Jacken. Und dann war da noch die Milchschwemme. Nur unter Androhung einer Kontingentierung ging die Milchproduktion im Laufe des Jahres etwas zurück. Falls also in Oppligen am Stammtisch von den Zürcher Konzerten die Rede gewesen sein sollte, dann eher deshalb, weil nach dem Set von Hendrix ein paar Dutzend Klappstühle zu Bruch gingen und weil es am zweiten Konzerttag zu Ausschreitun-

1 Gasthof zum Schütz in Oppligen BE.

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gen kam. Genauso wie ein Jahr zuvor beim Auftritt der Rolling Stones. Aber das war nur der Anfang. Ein heisser Sommer kündigte sich an. Es lag etwas in der Luft und niemand wusste genau, was. Nach Godis Einschätzungen konnte es nichts Gutes sein. Die Welt stand in Flammen. Der Vietnamkrieg hatte seinen Höhepunkt erreicht. Im Frühling wurde der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen und am 5. Juni 1968 feuerte ein palästinensischer Einwanderer dem Präsidentschaftsanwärter Robert Kennedy eine Revolvertrommel voll Kugeln in den Körper. Kennedy erlag seinen Verletzungen am folgenden Tag. Die Studenten in Prag, Paris und vier Wochen nach Hendrix in Zürich randalierten und demonstrierten gegen den Krieg und für neue Gesellschaftsformen. Pflastersteine flogen und es roch nach Tränengas. Am Berner Münster wurde die Vietcong-Fahne gehisst und in der Universität Zürich hingen rote Sowjetflaggen mit Hammer und Sichel. So ging 1968 als Jahr des Umbruchs in die Geschichte ein und die Geburt von Marco Pfeuti am 7. Juni blieb vorerst nur eine kleine Randnotiz in dieser Geschichte.

Gäbe es das Phänomen Gölä ohne das Phänomen 1968? Wenn man über diese Frage spekulieren will, muss man andere Fragen beantworten. Zum Beispiel die Frage, was den besonderen Geist von damals ausmachte. War die 1968er-Bewegung, diesseits aller Verklärung und aller Legenden, die Polit- und Kulturrevolte, die als Wegbereiterin der Schweizer Moderne gefeiert werden will?

Sinnieren die in die Jahre gekommenen Protagonisten über die Zeiten vor über fünfzig Jahren, erzählen sie gerne, wie unangepasst sie waren, damals.

Es gibt dieses Bild von Hendrix und seinem Bassisten Noel Redding, aufgenommen am Albisriederplatz in Zürich. Die zwei Musiker sind umgeben von ein paar Schweizer Jugendlichen, denen man einiges zutrauen würde, nur keine Revolution. Die bunt flammenden Klamotten von Hendrix und Redding wirken so psychedelisch,

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als wären sie in LSD gewaschen worden. Und doch repräsentieren sie Stil, Eleganz und Selbstbewusstsein. Da können die beigen und braunen Strickpullover der Schweizer Rebellen nicht ganz mithalten. Das «Wildeste» ist hier eine Wildlederjacke mit Fransen – getragen über einem bis zum zweitletzten Loch zugeknöpften karierten Hemd. Die Schweizer wirken behäbig. Nicht nur des Outfits wegen. Vor allem wegen der Körperhaltungen, die, im Gegensatz zu den ausländischen Paradiesvögeln, etwas geduckter ausfallen. Einige ziehen den Kopf ein und bei den anderen scheint es, als wüssten sie nicht, wofür man Hände hat, und vor allem nicht, was man mit ihnen macht, wenn man fotografiert wird. Wenn man nicht wüsste, dass dies Rebellen sind, würde man glatt auf die Idee kommen, es seien Anpasser.

Ein Mann der ersten Stunde war Toni Vescoli. Zusammen mit seiner

Band «Les Sauterelles» lieferte er einige Takte zum Soundtrack der Zeit. Rund dreissig Jahre später interpretierte er den Dylan-Klassiker «The Times They Are A Changin’» und resümierte:

«Ufem ganze Planet isch d’Jugend uf d’Strass, doch hüt frögi mi mängmol schlussändli für was? Di Junge vo damals sind voll etabliert, und die wo’s nöd sind, händ lengscht resigniert.»

Tatsächlich sind die meisten 68er ganz rasch und sittsam auf ein Karriereleiterchen gesprungen und haben sich genauso wohlig in ihrem Eigenheim eingerichtet wie einst ihre als Spiesser verachteten Eltern. Und bei jenen, die es politisch bis ganz hinauf gebracht haben, bei jenen, die jetzt auch elegante Anzüge tragen, beschleicht einen das dumpfe Gefühl, dass sie innerlich die geduckte Haltung nie wirklich aufgegeben haben. Sie haben sich zu höchst erfolgreichen Anpassern entwickelt. Mehr noch. Sie sind selber Establishment geworden. Mindestens so betonköpfig wie jene, die sie einst so energisch kritisierten.

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Vielleicht ist Gölä etwas vom Besten, was uns das Jahr 1968 gebracht hat. Er ist freilich nicht das, was man unter einem 68er versteht. Aber er ist von diesem unangepassten, freiheitlichen Geist beseelt, der in den verklärten Erinnerungen der einstigen Spassguerillas so gerne beschworen wird. Er ist die Stimme derer, die heute unten stehen und von denen man verlangt, Lügen zu glauben, und die jeden Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen, damit die Rechnungen derer bezahlt werden können, die so gerne auf den roten Teppichen wandeln und in die Kameras lächeln. Gölä sagt, was er denkt. Er eckt an. Er polarisiert. Dafür wird er geliebt und bewundert, aber auch belächelt, gehasst und für dumm verkauft.

Ich habe eingangs geschrieben, Gölä sei ein Held. Diese Aussage gilt es zu präzisieren. Damit ist gemeint, dass er weniger der gehorsame Bürger und Pflichterfüller ist, sondern vielmehr einer, der den Mut zu seinem eigenen Schicksal gefunden hat. Aber wir Schweizer mögen ja Helden nicht ganz so sehr wie die Amerikaner. Vor allem nicht, wenn sie aus den eigenen Reihen stammen. Darum ist Gölä für viele halt doch kein Held, sondern einfach einer, der Glück gehabt hat. Und zwar mehr Glück als Verstand.

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