
2 minute read
Klein Amerika
Auf der ganzen Welt wird geträumt. Träume werden geboren, gehegt und gepflegt. Manche werden still gehütet, andere laut hinausposaunt. Träume müssen schweben wie Seifenblasen, sonst platzen sie. Die meisten platzen irgendwann. Nur wenige werden wahr. In Amerika scheinen Träume besser zu überleben als andernorts und wer wissen will, weshalb Marco Pfeutis Traum überlebt hat, der sollte nach Oppligen gehen. Denn Amerika fängt gleich hinter Oppligen an, East Riverside, bei der Autobahn. Mindestens für Gölä. Dort ist er aufgewachsen, in einem Gasthof an der Landstrasse, ausserhalb des kleinen Nestes zwischen Thun und Bern. Fast wie ein Truck-Stop oder ein einsames Motel irgendwo an einem amerikanischen Highway. Dort haute sein Vater einst die XXL-Steaks in die Pfanne und seine Mutter füllte die Gläser. Dort spülten die Lastwagenfahrer den Staub aus der Kehle und manchmal auch von der Seele. Auf der anderen Seite der Strasse, gegenüber vom Restaurant, war der Parkplatz. Ein Abstellplatz mit festgefahrenem Naturboden und Schotter. Bei Regen matschig und voller Pfützen, bei Trockenheit eine Staubwüste. Hier standen Brummer, die Bubenherzen höher schlagen liessen. Der Stoff, aus dem Träume wurden. Langhauber wie der legendäre Saurer 2DM, Kipper, Holztransporter, solche mit Betonmulden, aber auch modernere Fahrzeuge wie Sattelschlepper. Seit frühster Kindheit hatte Gölä Lastwagen gesehen. Sie waren unterwegs zu Baustellen oder zu fernen Grenzen und darüber hinaus. Sie gehörten zu seinem kleinen Amerika, waren Symbole für Aufbruch, Unterwegssein und Bewegung. Unzählige Geschichten gingen dort vor sich. Alle auf einmal. Drinnen in der Gaststube, draussen auf dem Parkplatz und auf der Strasse. Bedeutungsvolle Belanglosigkeiten, wenn man das Auge darauf
28
richten wollte. Gölä wollte. Zu verlockend waren die Versprechen der Landstrasse, der man nur folgen musste, wenn man auf die andere Seite kommen wollte. Das hatte er von den Fahrern gelernt. Aber auch von den Liedern, die drinnen aus der Jukebox tönten, wenn einer eine Münze einwarf. Die Lieder waren irgendwie auch Strassen, nahmen einen mit auf die Reise. Zum Beispiel Elvis. Bei ihm ging es immer ums Ganze. Er sang wie vom Olymp herab und es war ihm ernst. Seine Stimme brachte die Wände zum Wackeln. Er konnte fies klingen wie ein Berufsverbrecher und dann wieder sanft wie ein Tautropfen auf einem Rosenblatt. Es wird erzählt, dass sich Klein Gölä jeweils ganz dicht vor dem Radio hinkniete, wenn ein Elvis-Song gespielt wurde. Bob Dylan wiederum wies jenen den Weg, die keinen Ausweg mehr sahen: Highway 61. Dorthin, wo einst Robert Johnson dem Teufel begegnete. Man musste Dylan nicht verstehen, um ihn zu verstehen.
Die Jukebox bot alles, was damals musikalisch von Bedeutung war. Rock, Pop, Schlager, Country und Ländler. Monatlich kam ein Typ vorbei und wechselte das Sortiment der Jukebox. Gölä erhielt die alten Platten, die dann in seinem Zimmer auf und ab gespielt wurden. Mit einer deutschen Version des Bellamy-Brothers-Hits «Let your love flow» stürmte Jürgen Drews 1976 die Schweizer Hitparade. Auch da wieder die Strasse:
«Sommerabend, über blühendem Land, schon seit Mittag stand ich am Strassenrand. Bei jedem Wagen, der vorüberfuhr, hob ich den Daumen. Auf einem Fahrrad kam da ein Mädchen her …»
Dann gab es noch Les Étoiles, die Tanzkapelle aus Oppligen. Einmal im Jahr wurde hinter dem «Schützen» ein Festzelt aufgestellt. Traditionsgemäss spielten dort Les Étoiles auf. Uniformiert in lila Hemden aus Seide und mit schwarzen Bügelfaltenhosen, versuchten sich die
29